miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu.
Dieser stieg in die Küche hinunter, raschelte mit dem Kontrakt und
sagte: Komm, Spiegelchen, komm, Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm
und setzte sich in der Hexenküche trotzig vor den Meister hin in all
seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pineiß erblickte, wie er
so schmählich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in
die Höhe und schrie wütend: Was seh' ich? Du Schelm, du gewissenloser
Spitzbube! Was hast du mir getan?" Außer sich vor Zorn griff er nach
einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krümmte den
schwarzen Rücken, ließ die Haare emporstarren, daß ein fahler Schein
darüber knisterte, legte die Ohren zurück, prustete und funkelte den
Alten so grimmig an, daß dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt
zurücksprang. Er begann zu fürchten, daß er einen Hexenmeister vor
sich habe, welcher ihn foppe und mehr könne, als er selbst. Ungewiß
und kleinlaut sagte er: Ist der ehrsame Herr Spiegel vielleicht vom
Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in
dero äußere Gestalt zu verkleiden, da er nach Gefallen über sein
Leibliches gebieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm
angenehm dünkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so
mager wird, wie ein Gerippe, um dem Tode zu entschlüpfen?"
Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: Nein, ich bin kein
Zauberer! Es ist allein die süße Gewalt der Leidenschaft, welche mich
so heruntergebracht und zu meinem Vergnügen Euer Fett dahingenommen
hat. Wenn wir übrigens jetzt unser Geschäft von neuem beginnen wollen,
so will ich tapfer dabei sein und dreinbeißen! Setzt mir nur eine
recht schöne und große Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschöpft und
hungrig!" Da packte Pineiß den Spiegel wütend am Kragen, sperrte ihn
in den Gänsestall, der immer leer war, und schrie: Da sieh zu, ob dir
deine süße Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie
stärker ist, als die Gewalt der Hexerei und meines rechtlichen
Vertrages! Jetzt heißt's: Vogel friß und stirb!" Sogleich briet er
eine lange Wurst, die so lecker duftete, daß er sich nicht enthalten
konnte, selbst ein bißchen an beiden Zipfeln zu lecken, ehe er sie
durch das Gitter steckte. Spiegel fraß sie von vorn bis hinten auf,
und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz
leckte, sagte er zu sich selber: Meiner Seel! Es ist doch eine schöne
Sache um die Liebe! Sie hat mich für diesmal wieder aus der Schlinge
gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig ausruhen und trachten, daß ich
durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernünftigen Gedanken
komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein bißchen Leidenschaft, morgen
ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies
Gefängnis ist gar nicht so übel und es läßt sich gewiß etwas
Ersprießliches darin ausdenken!" Pineiß aber nahm sich nun zusammen
und bereitete alle Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und
in solch reizender Abwechslung und Zuträglichkeit, daß der gefangene
Spiegel denselben nicht widerstehen konnte; denn Pineißens Vorrat an
freiwilligem und rechtmäßigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und
drohte nächstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies
Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister nährte
mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war
durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommen, weshalb auch
seine Hexerei sich hier als lückenhaft erwies.
Als Spiegel in seinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er
nicht länger, sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers
alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem Herd, um
den langersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein großes
Messer, öffnete den Kerker, zog Spiegelchen hervor, nachdem er die
Küchentüre wohlverschlossen, und sagte wohlgemut: Komm, du
Sapperlöter! Wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann
das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Mütze für mich geben, woran
ich Einfältiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir erst
das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?" Nein, wenn es Euch
gefällig ist," sagte Spiegel demütig, lieber zuerst den Kopf
abschneiden!" Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pineiß, wir
wollen dich nicht unnütz quälen! Alles was recht ist!" Dies ist ein
wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbärmlichen Seufzer und legte
das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, o hätt' ich doch jederzeit
getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig
unterlassen, so könnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn
ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so
willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Furcht,
Sorge und Armut und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender
Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde
Furcht!" Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?" fragte Pineiß
neugierig. Ach was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel,
geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spät!" Siehst du,
Sappermenter, was für ein Sünder du bist?" sagte Pineiß, und wiewohl
du deinen Tod verdienst? Aber was tausend hast du denn angestellt?
Hast du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet, verdorben? Hast du
mir ein himmelschreiendes Unrecht getan, von dem ich noch gar nichts
weiß, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir schöne Geschichten! Gut,
daß ich noch dahinterkomme! Auf der Stelle beichte mir, oder ich
schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du sprechen oder nicht?"
Ach nein!" sagte Spiegel, wegen Euch habe ich mir nichts
vorzuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldgülden meiner seligen
Gebieterin--aber was hilft Reden!--Zwar--wenn ich bedenke und Euch
ansehe, so möchte es vielleicht doch nicht ganz zu spät sein--wenn ich
Euch betrachte, so sehe ich, daß Ihr ein noch ganz schöner und
rüstiger Mann seid, in den besten Jahren--sagt doch, Herr Pineiß! Habt
Ihr noch nie etwa den Wunsch verspürt, Euch zu verehelichen, ehrbar
und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und
kunstreicher Mann auf dergleichen müßige Gedanken kommen! Wie wird ein
so nützlich beschäftigter Meister an törichte Weiber denken! Zwar
allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas an sich, was etwa
nützlich für einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie
nur halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwa weiß am Leibe,
sorgfältig im Sinne, zutulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im
Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes,
kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Taten, einschmeichelnd in
ihren Handlungen! Sie küßt den Mann mit ihrem Munde und streichelt ihm
den Bart, sie umschließt ihn mit ihren Armen und kraut ihm hinter den
Ohren, wie er es wünscht, kurz, sie tut tausend Dinge, die nicht zu
verwerfen sind. Sie hält sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener
Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Geschäften
nachgeht, so stört sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein
Lob in und außer dem Hause; denn sie läßt nichts an ihn kommen und
rühmt alles, was an ihm ist! Aber das Anmutigste ist die wunderbare
Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welche die Natur so
verschieden gemacht hat von unserm Wesen bei anscheinender
Menschenähnlichkeit, daß es ein fortwährendes Meerwunder in einer
glückhaften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurchtriebenste
Hexerei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie ein Tor an der
Schwelle des Todes! Wie wird ein weiser Mann auf dergleichen
Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pineiß, und
schneidet mir den Kopf ab!"
Pineiß aber rief heftig: So halt doch endlich inne, du Schwätzer! und
sage mir: Wo ist eine solche und hat sie zehntausend Goldgülden?"
Zehntausend Goldgülden?" sagte Spiegel.
Nun ja," rief Pineiß ungeduldig, sprachest du nicht eben erst
davon?"
Nein," antwortete jener, das ist eine andere Sache! Die liegen
vergraben an einem Orte!"
Und was tun sie da, wem gehören sie?" schrie Pineiß.
Niemand gehören sie, das ist eben meine Gewissensbürde, denn ich
hätte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehören sie jenem, der eine
solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll
man drei solche Dinge zusammenbringen in dieser gottlosen Stadt:
zehntausend Goldgülden, eine weiße, feine und gute Hausfrau und einen
weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Sünde nicht
allzu groß, denn der Auftrag war zu schwer für eine arme Katze!"
Wenn du jetzt", rief Pineiß, nicht bei der Sache bleibst, und sie
verständlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorläufig
den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!"
Da Ihr es befehlt, so muß ich die Sache wohl erzählen," sagte Spiegel
und setzte sich gelassen auf seine Hinterfüße, obgleich dieser
Aufschub meine Leiden nur vergrößert!" Pineiß steckte das scharfe
Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich
neugierig auf ein Fäßchen, um zuzuhören, und Spiegel fuhr fort: