„Ihr wisset doch, Herr Pineiß, daß die brave Person, meine selige

Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in

aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwidergelebt hat. Aber

nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und

obgleich sie niemals von bösem Gemüt gewesen, so hatte sie doch einst

viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das

schönste Fräulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken

Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie

und wollte sie durchaus heiraten. Nun hatte sie wohl große Lust, zu

heiraten und einen hübschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen,

und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie

stritten und einander mehr als einmal die Degen in den Leib rannten,

um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten

sich kühne und verzagte, listige und treuherzige, reiche und arme

Freier, solche mit einem guten und anständigen Geschäft, und solche,

welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten; dieser mit

diesen, jener mit jenen Vorzügen, beredt oder schweigsam, der eine

munter und liebenswürdig, und ein anderer schien es mehr in sich zu

haben, wenn er auch etwas einfältig aussah; kurz, das Fräulein hatte

eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich

nur wünschen kann. Allein sie besaß außer ihrer Schönheit ein schönes

Vermögen von vielen tausend Goldgülden, und diese waren die Ursache,

daß sie nie dazukam, eine Wahl treffen und einen Mann nehmen zu

können, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und

Klugheit und legte einen großen Wert auf dasselbe, und da nun der

Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurteilt, so

geschah es, daß sie, sobald sich ihr ein achtungswerter Freier

genähert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe

begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer reich, so glaubte

sie, er würde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch reich wäre,

und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewiß an, daß sie nur

ihre Goldgülden im Auge hätten und sich daran gedächten gütlich zu

tun, und das arme Fräulein, welches doch selbst so große Dinge auf den

irdischen Besitz hielt, war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und

Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden,

oder wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu

verzeihen. Mehrere Male war sie schon sogut wie verlobt und ihr Herz

klopfte endlich stärker; aber plötzlich glaubte sie aus irgendeinem

Zuge zu entnehmen, daß sie verraten sei und man einzig an ihr Vermögen

denke, und sie brach unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich

voll Schmerzen, aber unerbittlich zurück. Sie prüfte alle, welche ihr

nicht mißfielen, auf hundert Arten, so daß eine große Gewandtheit dazu

gehörte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit

einiger Hoffnung nähern konnte, als wer ein durchaus geriebener und

verstellter Mensch war, so daß schon aus diesen Gründen endlich die

Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch

eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewißheit bei

einer Schönen zurücklassen, je geriebener und geschickter sie sind.

Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu prüfen, war, daß sie ihre

Uneigennützigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu großen

Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohltätigen Handlungen

veranlaßte. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen sie

doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd,

gaben sie glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, oder

anvertrauten ihr beträchtliche Gelder für die Armen, so sagte sie

plötzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den Lachs zu

fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu

sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das

anvertraute Geld an Klöster und milde Stiftungen und speisete die

Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten

sich dieselben aber zurückhaltend oder gar knauserig, so war der Stab

sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und daran

eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen

glaubte. So kam es, daß sie, welche ein reines und nur ihrer Person

hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten, listigen und

eigensüchtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde

und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fühlte sie sich so

mißmutig und trostlos, daß sie ihren ganzen Hof aus dem Hause wies,

dasselbe zuschloß und nach Mailand verreiste, wo sie eine Base hatte.

Als sie über den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre

Gesinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus

den Abgründen emportürmte, und sie fühlte die heftigste Versuchung,

sich von der Teufelsbrücke in die tobenden Gewässer der Reuß

hinabzustürzen. Nur mit der größten Mühe gelang es den zwei Mägden,

die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche

aber nun schon lange tot sind, und dem Führer, sie zu beruhigen und

von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und

traurig in dem schönen Land Italien an, und so blau dort der Himmel

war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aufhellen. Aber als

sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere

Melodie ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie

his dato noch nicht viel gewußt. Denn es kam ein junger Landsmann in

das Haus der Base, der ihr gleich beim ersten Anblick so wohl gefiel,

daß man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum

erstenmal. Es war ein schöner Jüngling, von guter Erziehung und edlem

Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als

zehntausend Goldgulden, welche er von seinen verstorbenen Eltern

ererbt und womit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in

Mailand einen Handel mit Seide begründen wollte; denn er war

unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche Hand, wie

es unbefangene und unschuldige Leute oft haben; denn auch dies war der

junge Mann; er schien, so wohlgelehrt er war, doch so arglos und

unschuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein Kaufmann war und ein so

unbefangenes Gemüt, was schon zusammen eine köstliche Seltenheit ist,

so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug sein

Schwert so keck zur Seite, wie nur ein geübter Kriegsmann es tragen

kann. Dies alles, sowie seine frische Schönheit und Jugend bezwangen

das Herz des Fräuleins dermaßen, daß sie kaum an sich halten konnte

und ihm mit großer Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter,

und wenn sie dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem

Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und

angenehmeres Gefühl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl,

welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie

nur eine Mühe und Besorgnis, diejenige nämlich, dem schönen und guten

Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demütiger

und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine wahre

Neigung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch nie eine

solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe

gewesen, und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie

nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein

von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, daß der offene und frische

Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und unerfahren war, sich ebenfalls

in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner

ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er

in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins

Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen für eine

Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung

kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu

verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, daß er zum Sterben

verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins geriet oder sie

nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war

aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller

Heftigkeit seiner Jugend, sodaß ihm das Fräulein das Höchste und Beste

auf der Welt wurde, an welches er ein für allemal das Heil und den

ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen

wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Art, als sie

bislang erfahren, und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie

nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheimfiel und nun nicht mehr

von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte

spielen, und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt.

Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor

banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer

Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um ihn recht

auszukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in seiner

Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals

erfahren, und für sie einmal schmeichelhafter und angenehmer waren als

das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit konnte es nicht

lange so aushalten; da jeder darauf anspielte und sich einen Scherz

erlaubte, so schien es ihm eine Komödie zu werden, als deren

Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr

ausnehmend behagte, das machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um

sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hintergehen, wenn

er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und

unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, was

doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah

man ihm eines Morgens von weitem an, daß er etwas vorhatte, und er

bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum

zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glücklich sein sollte. Denn er war

nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschaffenes

Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum

erstenmal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwidern sollte. Er war

ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich

und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod

und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um Schlag. In demselben

Augenblicke aber, in welchem das Fräulein sein Geständnis anhörte, das

sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen, und es

fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann

sei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu erlangen wünsche, um seine

Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre

Person verliebt sein sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein

sonderliches Verdienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße

erwünschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher

ihre Gegenliebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, wie sie am

liebsten getan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um

seine Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, fast traurige Miene

an, indem sie ihm vertraute, wie sie bereits mit einem jungen Mann

verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherzlichste

liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn,

den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er habe wohl

sehen können aus ihrem Benehmen, und sie vertraue ihm wie einem

Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche in der Gesellschaft

aufgekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche Unterhaltung

erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen

Herzen überrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so könne sie ihm für

seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich

anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen könne sie angehören,

welchen sie einmal erwählt habe, und nie würde es ihr möglich sein,

ihr Herz einem anderen Mannsbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem

Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann wisse selbst

nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber

Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so

arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den

Mitteln der Braut einen Handel begründen solle; der Anfang sei gemacht

und alles auf das beste eingeleitet, die Hochzeit sollte in diesen

Tagen gefeiert werden, da wollte ein unverhofftes Mißgeschick, daß ihr

ganzes Vermögen plötzlich ihr angetastet und abgestritten würde und

vielleicht für immer verloren gehe, während der arme Bräutigam in

nächster Zeit seine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder

und Venezianischen Kaufleute, worauf sein ganzer Kredit, sein Gedeihen

und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und

glücklichen Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo

sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber

zu einer schlimmen Stunde sei sie gekommen, denn nichts wolle sich

fügen und schicken, während der Tag immer näher rücke, und wenn sie

ihrem Geliebten nicht helfen könne, so müsse sie sterben vor

Traurigkeit. Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich

denken könne, und würde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn

ihm geholfen würde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden,

als dann dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzählung beendet,

hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war

bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage

vernehmen und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst

und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf wieviel sich

denn die eingegangenen Verpflichtungen des glücklich unglücklichen

Bräutigams beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch

viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das

Fräulein, guten Mutes zu sein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde,

und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr

fühlte er sich betroffen und beschämt, daß er sein Auge auf eine Dame

geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn

der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzählung wie ein Evangelium.

Dann begab er sich ohne Säumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte

sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine

Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er

selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend Goldgulden

bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete, und ehe

sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem Fräulein

mit seinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes willen, diese

Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor

freudiger Überraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie

fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen, und er erwiderte, er

habe es auf seinen guten Namen geliehen und würde es, da seine

Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit

zurückerstatten können. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es

sein einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke

opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen Worten. Sie

ließ ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grausamerweise,

als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und

heiraten zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre

Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte,

nur unter einer Bedingung die großmütige Tat annehmen zu können, da

sonst alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Bedingung

bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem

bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit

beizuwohnen und der beste Freund und Gönner ihres zukünftigen

Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schützer und Berater

ihrer selbst. Errötend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen;

aber umsonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen,

umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht

erlaubten, nach der Schweiz zurückzureisen, und daß er von einem

solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie

beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld

wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach

er es, aber er mußte ihr die Hand daraufgeben und es ihr bei seiner

Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Tag und

die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies mußte er bei

seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit beschwören. Erst dann

nahm sie sein Opfer an und ließ den Schatz vergnügt in ihre

Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihrer Reisetruhe

verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Nun hielt sie sich

nicht länger in Mailand auf, sondern reiste ebenso fröhlich über den

Sankt Gotthard zurück, als schwermütig sie hergekommen war. Auf der

Teufelsbrücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine

Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen

Granatblütenstrauß in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz,

ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die

je getan wurde. Heimgekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben

bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber

zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend

Goldgulden und legte des Nachts den Kopf so glückselig auf den harten

Klumpen, und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkissen

gewesen wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie

ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste

Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es

ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte

erschien nicht, und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er

von sich hören ließ. Da fing sie an allen Gliedern an zu zittern und

verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über

Briefe nach Mailand, aber niemand wußte ihr zu sagen, wo er geblieben

sei. Endlich aber stellte es sich durch einen Zufall heraus, daß der

junge Kaufherr aus einem blutroten Stück Seidendamast, welches er von

seinem Handelsanfang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte,

sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schweizer

gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von

Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei

Pavia, in welcher so viele Schweizer das Leben verloren, wurde er auf

einem Haufen erschlagener Spaniolen liegend gefunden, von vielen

tödlichen Wunden zerrissen und sein rotes Seidengewand von unten bis

oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, jagte er einem

neben ihm liegenden Seldwyler, der minder übel zugerichtet war,

folgende Botschaft ins Gedächtnis und bat ihn, dieselbe auszurichten,

wenn er mit dem Leben davonkäme: ‚Liebstes Fräulein! Obgleich ich Euch

bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit

geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir

dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern

des höchsten Glückes teilhaftig zu erblicken, das es für mich geben

könnte. Dieses habe ich erst in Euerer Abwesenheit verspürt und habe

vorher nicht gewußt, welch eine strenge und unheimliche Sache es ist

um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich

zweifelsohne besser davor gehütet haben. Da es aber einmal so ist, so

wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen

Seligkeit verloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ein

Meineidiger, denn noch einmal in Euerer Nähe erscheinen mit einem

Feuer in der Brust, welches stärker und unauslöschlicher ist als das

Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspüren lassen. Betet nicht

etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und werde nie selig

werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebet glücklich und

seid gegrüßt!' So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König

Franziskus sagte: ‚Alles verloren, außer der Ehre!' der unglückliche

Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die

ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler

kam glücklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und außer

Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekommenen getreu auf seine

Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reiste nach Hause, meldete

sich bei dem unglücklichen Fräulein und las ihr die Botschaft so steif

und kriegerisch vor, wie er zu tun gewohnt war, wenn er sonst die

Mannschaft seines Fähnleins verlas; denn er war ein Feldleutnant. Das

Fräulein aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann

so laut zu schreien und zu weinen, daß man es die Straße auf und

nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie

wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem

Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden

Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz

zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin

zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder

Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhörlich liebkoste und küßte sie

das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand,

den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort

unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch

darüber aussprach, daß er niemals jemand anderm angehören solle."

Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: „Und liegt das schöne

Geld noch in dem Brunnen?" „Ja, wo sollte es sonst liegen?" antwortete

Spiegel, „denn nur ich kann es herausbringen und habe es bis zur

Stunde noch nicht getan!" „Ei ja so, richtig!" sagte Pineiß, „ich habe

es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel

erzählen, du Sapperlöter! Und es ist mir ganz gelüstig geworden nach

einem Weibchen, die so für mich eingenommen wäre; aber sehr schön

müßte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch, wie die Sache

eigentlich zusammenhängt!" „Es dauerte manche Jahre," sagte Spiegel,

„bis das Fräulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich kam, daß

sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich

sie kennen lernte. Ich darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost

und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis

an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah,

vergegenwärtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Jugend und

Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst

die süßen Erregungen und dann die bittern Leiden jener Zeit, und sie

weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des

Jünglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß

ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie

den Fluch, welchen sie über jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu

mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: ‚Ich

bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Vollmacht, daß

du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine

bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer

Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger,

rechtlicher und hübscher Mann finden sollte, der sein gutes Auskommen

hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer

Schönheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den

stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und

unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster

gewesen ist, und dieser Frau sein Leben lang in allen Dingen zu

willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im

Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen

damit überrasche!' So sprach die Selige, und ich habe meiner widrigen

Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen, und muß nun

befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was

für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!"

Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: „Wärst du wohl

imstande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und

augenscheinlich zu machen?"

„Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, „aber Ihr müßt wissen, Herr

Stadthexenmeister! daß Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres

herausfischen dürftet. Man würde Euch unfehlbar das Genick umdrehen;

denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber

bestimmte Inzichten, welche ich aus Rücksichten nicht näher berühren

darf!"

„Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiß etwas furchtsam,

„führe mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will

ich dich führen an einem guten Schnürlein, damit du mir nicht

entwischest!"

„Wie Ihr wollt!" sagte Spiegel, „aber nehmt auch eine andere lange

Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen

hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiß befolgte

diesen Rat und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener

Verstorbenen. Sie überstiegen miteinander die Mauer, und Spiegel

zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter

verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternchen

hinunter, begierig nachblickend, während er den angebundenen Spiegel

nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in der Tiefe das Gold

funkeln unter dem grünlichen Wasser und rief: „Wahrhaftig, ich seh's,

es ist wahr! Spiegel, du bist ein Tausendskerl!" Dann guckte er wieder

eifrig hinunter und sagte: „Mögen es auch zehntausend sein?" „Ja, das

ist nun nicht zu schwören!" sagte Spiegel, „ich bin nie da unten

gewesen und hab's nicht gezählt! Ist auch möglich, daß die Dame

dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz

hierher trug, da sie in einem aufgeregten Zustande war." „Nun, seien

es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiß, „es soll

mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens,

Spiegel setzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. „Da wäre

nun der Schatz!" sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte,

„und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne

Weib!" „Wie?" sagte Spiegel. „Ich meine, es fehlt nur noch diejenige,

welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu

überraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen

Tugenden hat, von denen du gesprochen !" „Hm!" versetzte Spiegel, „die

Sache verhält sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da, wie

Ihr richtig einseht; das schöne Weib habe ich, um es aufrichtig zu

gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie

unter diesen schwierigen Umständen heiraten möchte, da hapert es eben;

denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die

Weihnachtsnüsse, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie

bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die

Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht

ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen

eine gute Armbrust bestellt, und der Büchsenschmied kommt nicht aus

dem Hause; da heißt es, ich muß meinen Wein einheimsen und meine

Fässer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken; ich muß

meine Frau ins Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld,

und muß mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich

habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich

habe einen schönen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine große

Nußbaumlade drangegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten,

meinen Gärtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesät,

immer mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich

habe meine Wäsche die nächste Woche, ich muß meine Betten sonnen, ich

muß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten

will ich abschaffen; ich habe ein allerliebstes Waffeleisen erstanden,

durch Zufall, und habe mein silbernes Zimmetbüchschen verkauft, es war

mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der

Frau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unserm

Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne

einen Streich zu tun. Wenn es hochkommt und ein solcher Patron sich

etwa ducken muß, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere

Schweine, aber--" Pineiß riß den Spiegel an der Schnur, daß er miau!

schrie, und rief: „Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo

ist sie, von der du weißt?" Denn die Aufzählung aller dieser

Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden

sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger

gemacht. Spiegel sagte erstaunt: „Wollt Ihr denn wirklich das Ding

unternehmen, Herr Pineiß?"

„Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist

diejenige?"

„Damit Ihr hingehen und sie freien könnt?"

„Ohne Zweifel!" „So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit

mir müßt Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel

kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig

über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bißchen naß gemacht.

Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bißchen und sagte: „Ich

merke, du willst unsern Kontrakt aufheben und deinen Kopf salvieren!"

„Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?"

„Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!"

„Dies ist auch möglich!" sagte Spiegel.

„Ich sage dir: Betrüge mich nicht!" rief Pineiß gebieterisch.

„Gut, so betrüge ich Euch nicht!" sagte Spiegel.

„Wenn du's tust!"

„So tu' ich's."

„Quäle mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiß beinahe weinerlich, und

Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: „Ihr seid ein wunderbarer Mensch,

Herr Pineiß! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt

daran, daß mir der Atem vergeht! Ihr lasset das Schwert des Todes über

mir schweben seit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem

halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Quäle mich nicht, Spiegelchen!

Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb

sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfüllen und für

das bewußte Frauenzimmer einen tauglichen Mann zu finden, und Ihr

scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine

Leichtigkeit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch

scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, daß Ihr Euch hierzu

bereitfinden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter

spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal

aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben

versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier

auf den Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf

ab, eins von beiden!"

„Ei du Tollhäusler und Obenhinaus!" sagte Pineiß, „du Hitzkopf, so

streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein

und muß jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden!" Spiegel gab

keine Antwort mehr und saß unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten.

Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte

seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch und legte ihn

dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte

es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig daran zu

würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise

zu sein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm noch auf lange

wohlbekommen und ihn rundlich und munter machen würde. Als er mit der

angenehmen Mahlzeit fertig war, begrüßte er den Hexenmeister höflich

und sagte: „Ihr werdet unfehlbar von mir hören, Herr Pineiß, und Weib

und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht

verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen

Hingebung an die Liebkosungen Eurer Frau, die schon sogut wie Euer

ist, ja beschwören und erfüllen könnt! Und hiermit bedanke ich mich

des vorläufigen für genossene Pflege und Beköstigung und beurlaube

mich."

Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des

Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügen zu

können, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennützig, aus bloßer

Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den

zehntausend Goldgulden vorher wußte. Indessen hatte er schon eine

Person im Auge, welche er dem törichten Hexenmeister aufzuhalsen

gedachte für seine gebratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen.

Dem Hause des Herrn Pineiß gegenüber war ein anderes Haus, dessen

vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Fenster immer

frisch gewaschen glänzten. Die bescheidenen Fenstervorhänge waren

immer schneeweiß und wie soeben geplättet, und ebenso weiß war der

Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem

Hause wohnte, also daß ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust

bekleidete, immer wie aus Schreibpapier gefaltet aussah, so daß man

gleich darauf hätte schreiben mögen; das hätte man wenigstens auf der

Brust bequem tun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett.

So scharf die weißen Kanten und Ecken ihrer Kleidung, so scharf war

auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge und der böse

Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte

wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht liebte und alles

nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie

dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weißen und

knitternden Zeuge und mit ihrer weißen spitzigen Nase über die Straße

ging, liefen die Kinder furchtsam davon, und selbst erwachsene Leute

traten gern hinter die Haustüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber

wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezogenheit in großem Rufe und

besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die

Pfaffen verkehrten lieber schriftlich mit ihr als mündlich, und wenn

sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus

dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus einem Backofen käme. So lebte

die fromme Beghine, die keinen Spaß verstand, in tiefem Frieden und

blieb ungeschoren. Sie machte sich auch mit niemand zu schaffen und

ließ die Leute gehen, vorausgesetzt, daß sie ihr aus dem Wege gingen;

nur auf ihren Nachbar Pineiß schien sie einen besonderen Haß geworfen

zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ließ, warf sie

ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen

Vorhänge vor, und Pineiß fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur

zuhinterst in seinem Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa

einen Witz über sie zu machen. So weiß und hell aber das Haus der

Beghine nach der Straße zu aussah, so schwarz und räucherig,

unheimlich und seltsam sah es von hinten aus, wo es jedoch fast gar

nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den

Katzen auf den Dächern, weil es in eine dunkle Winkelei von

himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein

menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte

zerrissene Unterröcke, Körbe und Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen

ordentliche Eibenbäumchen und Dornsträucher, und ein großer rußiger

Schornstein ragte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber

fuhr in der dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in

die Höhe, jung und schön und splitternackt, wie Gott die Weiber

geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein

fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Näschen und mit lächelnden

Kirschenlippen in der frischen Nachtluft und fuhr in dem weißen

Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie

eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein

saß ein alter Eulenvogel, und zu diesem begab sich jetzt der befreite

Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er unterwegs gefangen.

„Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?" sagte

er, und die Eule erwiderte: „Muß wohl! Wünsch' gleichfalls guten

Abend! Ihr habt Euch lange nicht sehen lassen, Herr Spiegel!"

„Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe ich Euch

ein Mäuschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahreszeit gibt,

wenn Ihr's nicht verschmähen wollt! Ist die Meisterin ausgeritten?"

„Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stündchen hinaus. Habt

Dank für die schöne Maus! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe

hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe

flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist es Euch denn

ergangen?"

„Fast wunderlich," erwiderte Spiegel, „sie wollten mir an den Kragen.

Hört, wenn es Euch gefällig ist." Während sie nun vergnüglich ihr

Abendessen einnahmen, erzählte Spiegel der aufmerksamen Eule alles,

was ihn betroffen und wie er sich aus den Händen des Herrn Pineiß

befreit habe. Die Eule sagte: „Da wünsch' ich tausendmal Glück, nun

seid Ihr wieder ein gemachter Mann, und könnt gehen, wo Ihr wollt,

nachdem Ihr mancherlei erfahren!"

„Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, „der Mann muß

seine Frau und seine Goldgulden haben!"

„Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell

abziehen wollte?"

„Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmäßig tun können, und da ich

ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es

unterlassen? Wer sagt denn, daß ich ihm wohltun will? Jene Erzählung

war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war

eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von

Anbetern umringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das

sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein

Unglück daran erlebe. ‚Verflucht sei, wer es da herausnimmt und

verbraucht,' sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!"

„Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die

entsprechende Frau hernehmen?" „Hier aus diesem Schornstein! Deshalb

bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet

Ihr denn nicht einmal wieder freiwerden aus den Banden dieser Hexe?

Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Bösewicht

verheiraten!"

„Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu nähern, so weckt Ihr mir

ersprießliche Gedanken."

„Das wußt' ich wohl, daß Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan und

es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Kräfte

vorspannt, so kann es gewiß nicht fehlen!"

„Da alle Dinge so schön zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu

sinnen, mein Plan ist längst gemacht!" „Wie fangen wir sie?" „Mit

einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten

muß es sein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib

angesehen hat, und es muß schon dreimal der Nachttau daraufgefallen

sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon muß

dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die

Hexe zu fangen."

„Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel,

„denn ich weiß, daß Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!"

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 22 / 23 段