Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte in Seldwyla eine

ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen,

welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und

niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige

Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung

befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft

zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel,

beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu

lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten

Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten

ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten

verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt

hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit

vieler Höflichkeit von den Herren Nachbarn die Erlaubnis, in ihren

Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es

die Milchtöpfe stehenließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche

etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und

aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem

Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht

scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht

vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten

Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu

kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von

welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und

nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen

entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb

über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten.

Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und

glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und

beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne Überhebung.

Er saß nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin,

um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er

merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war, auch lag und schlief er den

Tag über selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern

hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen

Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich

philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu

überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige

Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die

milde Wärme des Altweibersommers die Veilchenzeit nachäffte. Alsdann

ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung

über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein

rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten

Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ,

so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen

und zerzausten Aussehen, daß die stille Person, seine Gebieterin, fast

unwillig ausrief: „Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein

solches Leben zu führen?" Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel;

als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur

wohltätigen Abwechslung erlauben durfte, beschäftigte er sich ganz

ruhig damit, die Glätte seines Pelzes und die unschuldige Munterkeit

seines Aussehens wiederherzustellen, und er fuhr sich so unbefangen

mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen

wäre.

Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als

das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahre stand, starb die

Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen

herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm

widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welche so schneidend den bangen

Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen

Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und

strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe

her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm

bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare

Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu

beweisen, daß er ihren ladenden Erben seine Dienste anbot und sich

bereitmachte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Muse ferner

im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu

machen, welche die Törichten nicht verschmäht hätten, wenn sie eben

nicht unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen

Spiegel gar nicht zu Wort kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln

und das artige Fußschemelchen der Seligen an den Kopf, sooft er sich

blicken ließ, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen

endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so

daß nun gar niemand darin wohnte.

Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen

Stufe vor der Haustüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des

Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach den Hauses, und

im Anfang hielt er sich einen großen Teil den Tages dort verborgen und

suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an

das Licht und nötigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu

erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewärtigen, wo sich etwa

ein Maulvoll geringer Nahrung neigen möchte. Je seltener dies geschah,

desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen

Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald

sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von

seiner Haustüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße,

um manchmal mit einem schlechten, unappetitlichen Bissen, dergleichen

er früher nie gesehen, manchmal mit gar nichts zurückzukehren. Er

wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend

und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft

und Philosophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so

kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hörte, und

guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine

Brotrinde wegwürfe, und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der

schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während

er früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hunde oft

tapfer gezüchtigt hatte. Nur wenn ein grober und einfältiger Mensch

daherkam, dergleichen er sonst klüglich gemieden, blieb er sitzen,

obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den

Lümmel recht gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu

täuschen und zu hoffen, daß der Schlimme ausnahmsweise einmal es

freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und

selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz

gekneift würde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur

Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen

und gekneift, und welche nach Wurst oder Hering roch.

Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, saß er eines

Tages ganz mager und traurig auf seinem Stein und blinzelte in der

Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiß des Weges, sah das Kätzchen

und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den

Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demütig auf dem Stein und

erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser

aber begann und sagte: „Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer

abkaufen?" da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der

Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch

erwiderte er bescheiden und lächelnd, um es mit niemand zu verderben:

„Ach, der Herr Pineiß belieben zu scherzen!" „Mitnichten!" rief

Pineiß, „es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich

zur Hexerei; aber er muß mir vertragsmäßig und freiwillig von den

werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich

denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen

vorteilhaften Handel abzuschließen, so bist es du! Begib dich in

meinen Dienst; ich füttere dich herrlich heraus, mache dich fett und

kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer

hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das

köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter

Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treffliches

Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften

schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzubeißen und zu

genießen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte

Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher

Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer

liefern!"

Spiegel hatte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem

Mäulchen gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache

noch nicht klar und er versetzte daher: „Das ist soweit nicht übel,

Herr Pineiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um

Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen muß, des verabredeten

Preises habhaft werden und ihn genießen soll, da ich nicht mehr bin?"

„Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert, „den

Preis genießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen,

womit ich dich fettmache, das versteht sich von selber! Doch will ich

dich zu dem Handel nicht zwingen!" Und er machte Miene, sich von

dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich:

„Ihr müßt mir wenigstens eine mäßige Frist gewähren über die Zeit

meiner höchsten erreichten Rundheit und Fettigkeit hinaus, daß ich

nicht so jählings von hinnen gehen muß, wenn jener angenehme und ach!

so traurige Zeitpunkt herangekommen und entdeckt ist!"

„Es sei!" sagte Herr Pineiß mit anscheinender Gutmütigkeit, „bis zum

nächsten Vollmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes

erfreuen dürfen, aber nicht länger! Denn in den abnehmenden Mond

hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen verminderten Einfluß auf

mein wohlerworbenes Eigentum ausüben würde."

Das Kätzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen

Vertrag, welchen der Hexenmeister im Vorrat bei sich führte, mit

seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen

besserer Tage war.

„Du kannst dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!" sagte

der Hexer, „Punkt zwölf Uhr wird gegessen!" „Ich werde so frei sein,

wenn Ihr's erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die

Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger

Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf

der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Dinge zu verzehren, die

man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn es

mochte, und auf dem Dache spazierenzugehen. Dies Dach glich einem

ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die

großen Hüte der schwäbischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut ein

Gehirn voller Nücken und Finten überschattet, so bedeckte dies Dach

ein großes, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und

Tausendsgeschichten. Herr Pineiß war ein Kannalles, welcher hundert

Ämtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und

Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormünder aller Waisen und Witwen,

schnitt in seinen Mußestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig,

und machte schöne schwarze Tinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer,

mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Häftlein und Schuhnägeln, er

renovierte die Turmuhr und machte jährlich den Kalender mit der

Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlaßmännchen; er verrichtete

zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um mäßigen Lohn, und einige

unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft, oder

hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entließ, schnell

noch ein unrechtliches Schwänzchen an, so klein wie die Schwänzchen

der jungen Frösche, gleichsam nur der Possierlichkeit wegen. Überdies

machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner

Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, ließ er sie verbrennen; für

sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum

Hausgebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und

ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre

Dauerhaftigkeit zu ergründen. Da die Seldwyler stets einen solchen

Bürger brauchten, der alle unlustigen kleinen und großen Dinge für sie

tat, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete

dies Amt schon seit vielen Jahren mit unermüdlicher Hingebung und

Geschicklichkeit, früh und spät. Daher war sein Haus von unten bis

oben vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte

viel Kurzweil, alles zu besehen und zu beriechen. Doch im Anfang

gewann er keine Aufmerksamkeit für andere Dinge, als für das Essen. Er

schlang gierig alles hinunter, was Pineiß ihm darreichte, und mochte

kaum von einer Zeit zur andern warten. Dabei überlud er sich den Magen

und mußte wirklich auf das Dach gehen, um dort von den grünen Gräsern

abzubeißen und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der

Meister diesen Heißhunger bemerkte, freute er sich und dachte, das

Kätzchen würde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er

daran wende, desto klüger verfahre und spare er im ganzen. Er baute

daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem

er ein Wäldchen von Tannenbäumchen aufstellte, kleine Hügel von

Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die

Bäumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und

Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so daß da Spiegel immer etwas

herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge

versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er

sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten

Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte

Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhöhung des

Vergnügens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem

Spiegel sie behutsam hervorziehen mußte, wenn er diese Lustbarkeit

einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des Sees aber

füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen

seinen Durst lösche, und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da

er wußte, daß Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben. Aber da nun

Spiegel ein so herrliches Leben führte, tun und lassen, essen und

trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er

allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und

glänzend und sein Auge munter; aber zugleich nahm er, da sich seine

Geisteskräfte in gleichem Maße wieder ansammelten, bessere Sitten an;

die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung

hinter sich hatte, so wurde er nun klüger als zuvor. Er mäßigte sich

in seinen Gelüsten und fraß nicht mehr als ihm zuträglich war, indem

er zugleich wieder vernünftigen und tiefsinnigen Betrachtungen

nachhing und die Dinge weder durchschaute. So holte er eines Tages

einen hübschen Krammetsvogel von den Ästen herunter, und als er

denselben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz

kugelrund angefüllt mit frischer unversehrter Speise. Grüne Kräutchen,

artig zusammengerollt, schwarze und weiße Samenkörner und eine

glänzendrote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander

gepfropft, als ob ein Mütterchen für ihren Sohn das Ränzchen zur Reise

gepackt hätte. Als Spiegel den Vogel langsam verzehrt und das so

vergnüglich gefüllte Mäglein an seine Klaue hing und philosophisch

betrachtete, rührte ihn das Schicksal des armen Vogels, welcher nach

so friedlich verbrachtem Geschäft so schnell sein Leben lassen gemußt,

daß er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen konnte. „Was hat

er nun davon gehabt, der arme Kerl," sagte Spiegel, „daß er sich so

fleißig und eifrig genährt hat, daß dies kleine Säckchen aussieht, wie

ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Diese rote Beere ist es, die ihn aus

dem freien Walde in die Schlinge des Vogelstellers gelockt hat. Aber

er dachte doch seine Sache noch besser zu machen und sein Leben an

solchen Beeren zu fristen, während ich, der ich soeben den

unglücklichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt näher

zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag

abschließen, als sein Leben noch ein Weilen fristenzulassen, um es

dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wäre nicht ein freiwilliger

und schneller Tod vorzuziehen gewesen für einen entschlossenen Kater?

Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche

habe, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses

Krammetsvogels; wenn ich rund genug bin, so muß ich von hinnen, aus

keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schöner Grund für

einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, könnte ich aus

dieser Schlinge kommen!" Er vertiefte sich nun in vielfältige

Grübeleien, wie das gelingen möchte; aber da die Zeit der Gefahr noch

nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg;

aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend der

Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und

Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmähte

das weiche Kissen, welches ihm Pineiß zurechtgelegt hatte, damit er

fleißig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder

auf schmalen Gesimsen und hohen gefährlichen Stellen zu liegen, wenn

er ruhen wollte. Ebenso verschmähte er die gebratenen Vögel und die

gespickten Mäuse und fing sich lieber auf den Dächern, da er nun

wieder einen rechtmäßigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit

einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf den Speichern eine

flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm vortrefflicher, als das

gebratene Wild in Pineißens künstlichem Gehege, während sie ihn nicht

zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der

wiedererlangte Gebrauch der Tugend und Philosophie verhinderten ein zu

schnelles Fettwerden, so daß Spiegel zwar gesund und glänzend aussah,

aber zu Pineißens Verwunderung auf einer gewissen Stufe der

Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der

Hexenmeister mit seiner freundlichen Mästung bezweckte; denn dieser

stellte sich darunter ein kugelrundes, schwerfälliges Tier vor,

welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte und aus eitel Schmer

bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei eben geirrt und er wußte

bei aller Schlauheit nicht, daß wenn man einen Esel füttert, derselbe

ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts

anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wächst sich nach ihrer

Weise aus. Als Herr Pineiß entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben

Punkte einer wohlgenährten, aber geschmeidigen und zügigen Schlankheit

stehen blieb, ohne eine erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er

ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte barsch: „Was ist das,

Spiegel? Warum frissest du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so

viel Sorgfalt und Kunst präpariere und herstelle? Warum fängst du die

gebratenen Vögel nicht auf den Bäumen, warum suchst du die leckeren

Mäuschen nicht in den Berghöhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem

See? Warum pflegst du dich nicht? Warum schläfst du nicht auf dem

Kissen? Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" „Ei,

Herr Pineiß!" sagte Spiegel, „weil es mir wohler ist auf diese Weise!

Soll ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am

angenehmsten ist!" „Wie!" rief Pineiß, „du sollst so leben, daß du

dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du

hinauswillst! Du denkst mich zu äffen und hinzuhalten, daß ich dich in

Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mitnichten soll

dir das gelingen! Es ist deine Pflicht, zu essen und zu trinken und

dich zu pflegen, auf daß du dick werdest und Schmer bekommst! Auf der

Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen

Mäßigkeit, oder ich werde ein Wörtlein mit dir sprechen!" Spiegel

unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine

Fassung zu behaupten, und sagte: „Ich weiß kein Sterbenswörtchen

davon, daß in dem Kontrakt steht, ich solle der Mäßigkeit und einem

gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf

gerechnet hat, daß ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht

meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset

dieses auch noch hinzukommen und uns beide hübsch in der Ordnung

bleiben; denn Ihr wißt ja wohl, daß Euch mein Schmer nur nützlich ist,

wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" „Ei du Schwätzer!" rief

Pineiß erbost, „willst du mich belehren? Zeig' her, wieweit bist du

denn eigentlich gediehen, du Müßiggänger? Vielleicht kann man dich

doch bald abtun!" Er griff dem Kätzchen an den Bauch; allein dieses

fühlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister

einen scharfen Kratz über die Hand. Diesen betrachtete Pineiß

aufmerksam, dann sprach er: „Stehen wir so miteinander, du Bestie?

Wohlan, so erkläre ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages,

für fett genug! Ich begnüge mich mit dem Ergebnis und werde mich

desselben zu versichern wissen! In fünf Tagen ist der Mond voll, und

bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie es

geschrieben steht, und nicht eine Minute länger!" Damit kehrte er ihm

den Rücken und überließ ihn seinen Gedanken.

Diese waren jetzt sehr bedenklich und düster; so war denn die Stunde

doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit

aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das

hohe Dach, dessen Firste dunkel in den schönen Herbstabendhimmel

emporragten. Da ging der Mond über der Stadt auf und warf seinen

Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Daches, ein

lieblicher Gesang tönte in Spiegels Ohren und eine schneeweiße Kätzin

wandelte glänzend über einen benachbarten First weg. Sogleich vergaß

Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und erwiderte mit

seinem schönsten Katerliede den Lobgesang der Schönen. Er eilte ihr

entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern

begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er

der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr

zu, ohne an den Pineiß zu denken oder im Hause sich sehenzulassen. Er

sang wie eine Nachtigall die schönen Mondnächte hindurch, jagte hinter

der weißen Geliebten her über die Dächer, durch die Gärten, und rollte

mehr als einmal im heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen

über hohe Dächer hinunter und fiel auf die Straße; aber nur um sich

aufzuraffen, das Fell zu schütteln und die wilde Jagd seiner

Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, süße

Gefühle und sonniger Streit, anmutiges Zwiegespräch, witziger

Gedankenaustausch, Ränke und Schwänke der Liebe und Eifersucht,

Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glückes und die Leiden des

Unsterns ließen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen,

und als die Scheibe des Mondes vollgeworden, war er von allen diesen

Aufregungen und Leidenschaften so heruntergekommen, daß er

jämmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. Im selben

Augenblicke rief ihm Pineiß aus einem Dachtürmchen: „Spiegelchen,

Spiegelchen! Wo bist du? Komm doch ein bißchen nach Hause!"

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 20 / 23 段