„Ja, das muß wahr sein!" rief der Schwabe, „seht ihr nicht, wie dieser

Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu

nähern sucht? Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich

immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an

meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muß

es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!"

Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig: „Bei mir

wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre gehabt

und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir

nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drängen und

zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue!

Wunderbare Eigenschaften haben die Tiere je nach ihrer Art! Der Löwe

folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elefant begleitet

den Fürsten und den tapfern Krieger; das Kamel trägt den Kaufmann

durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und

der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich

für ihn in das Meer! Der Delphin liebt die Musik und folgt den

Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein

menschenähnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht,

und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein

Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der

Spitze ihres Schwanzes; das Krokodil weint menschliche Tränen und wird

von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich

satteln und reiten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des

Menschen und das gehörnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn

liefert ihm das schneeweiße Elfenbein und die Schildkröte ihre

durchsichtigen Knochen--"

„Mit Verlaub," sagten alle drei Kammacher zugleich, „hierin irren Sie

sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elefantenzähnen gewonnen

und die Schildpattkämme macht man aus der Schale und nicht aus den

Knochen der Schildkröte!"

Züs wurde feuerrot und sagte: „Das ist noch die Frage, denn ihr habt

gewiß nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die

Stücke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so

lasset mich ausreden; nicht nur die Tiere haben ihre merkwürdigen von

Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein,

so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie

Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weiß und bald schwarz;

der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an;

aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht

Eisen an, auf die Schiefertafel kann man schreiben, aber nicht auf den

Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser

zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe

Freunde, daß ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiß! Was

aber mein Verhältnis zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die

Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen

und listigen Menschen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der

Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen

Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind,

so folgt hieraus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig

zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und

einfältig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die

Tiere und ihr Verhältnis zu uns würdigen und manches daraus lernen,

wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen."

Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Züs hatte

sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge

durcheinander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber

Züsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dünkte sich

keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde

eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand.

Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und

etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu

allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder,

welche nach allem greifen, was ihnen in die Augen glänzt, von allen

bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den

Mund stecken wollen, statt es bloß an die Ohren zu halten. So

erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese

ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzlos er und

eitler Züsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerührter und

jämmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fühlten sie einen

heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen

aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehölz nach Wasser, fanden

eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen

hatte listigerweise ein Fläschchen mitgenommen, in welchem er

Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getränk

ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn

er wußte, daß die anderen zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder

eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor,

während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an;

sie trank es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie

und sie sah den Dietrich dabei überquer ganz holdselig an, daß ihm der

Rest, welchen er selber trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und

ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu

ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen; sie tippte ihm

leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen und er tat, als ob er danach

schnappen wollte und machte dazu ein Maul, wie ein lächelnder Karpfen;

Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und

süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegenüber und tätschelten

zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den

Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und

legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dieses

holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer

zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von

dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen

geschüttet, plötzlich elend geworden und das Herzeleid, welches sie

bei dem Anblicke den spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit

dem öden Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalte Schweiß auf der

Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen

überaus freundlich zu und rief: „Kommet, ihr Lieben, und setzet euch

doch auch noch ein bißchen zu mir her, daß wir noch ein Weilchen und

zum letztenmal unsere Eintracht und Freundschaft genießen!" Jobst und

Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs

ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte

mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht

einen nach dem andern der Reihe nach anlächelte. So gibt es Virtuosen,

welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein

Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den

Händen die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem

Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem

Rücken hängt.

Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie

sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: „Nun ist es wohl Zeit,

liebe Freunde! daß wir uns aufmachen und daß ihr euch zu jenem

ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit

auferlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes ansehen!

Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers, aber ohne Feindschaft noch

Neid gegeneinander, und überlasset dem Sieger willig die Krone!" Wie

von einer Wespe gestochen, sprangen die Gesellen auf und stellten sich

auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander

den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in

bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu

entsinnen, daß er je einmal gesprungen oder gelaufen wäre; am ehesten

schien sich noch der Schwabe zu trauen und mit den Füßen sogar leise

zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz

sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob

sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären.

„Gebet euch," sagte Züs, „noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so

willenlos und lässig, daß die drei Hände kalt voneinander abglitten

und abfielen wie Bleihände. „Sollen wir denn wirklich das Torenwerk

beginnen?" sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche anfingen zu

träufeln. „Ja," versetzte der Bayer, „sollen wir wirklich laufen und

springen?" und begann zu weinen. „Und Sie, allerliebste Jungfer

Bünzlin?" sagte Jobst heulend, „wie werden Sie sich denn verhalten?"

„Mir geziemt," antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor die

Augen, „mir geziemt zu schweigen, zu leiden und zuzusehen!" Der Schwabe

sagte freundlich und listig: „Aber dann nachher, Jungfer Züsi?" „O

Dietrich!" erwiderte sie sanft, „wissen Sie nicht, daß es heißt, der

Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Und dabei sah sie ihn von

der Seite so verblümt an, daß er abermals die Beine hob und Lust

verspürte, sogleich in Trab zu geraten. Während die zwei Nebenbuhler

ihre kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich das

gleiche tat, streifte sie abermals mit Nachdruck seinen Ellbogen oder

trat ihm auf den Fuß; auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute,

lächelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben

auslachte, doch so, daß es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen

jetzt mächtig die Backen auf und sandten große Seufzer in die Luft. Sie

sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hüte ab, wischten sich den

Schweiß von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und setzten

die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und

schnappten nach Luft. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt,

daß sie selbst weinte. „Hier sind noch drei dürre Pflaumen," sagte

sie, „nehmt jeder eine in den Mund und behaltet sie darin, das wird

euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der

Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen

ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und

der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines

langjährigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend!" Jedem

steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog daran. Jobst drückte

die Hand auf seinen Magen und rief: „Wenn es denn sein muß, so sei es

in Himmels Namen!" und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob,

mit stark gebogenen Knien mächtig an auszuschreiten und zog sein

Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit

langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon

ziemlich hastig die Straße hinab.

Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig

vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemächlich neben Züs her, wie

wenn er seiner Sache sicher und edelmütig seinen Gefährten einen

Vorsprung gönnen wollte. Züs belobte seine freundliche Gelassenheit

und hing sich vertraulich an seinen Arm. „Ach, es ist doch schön,"

sagte sie mit einem Seufzer, „eine feste Stütze zu haben im Leben!

Selbst wenn man hinlänglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und

einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch

viel gemütlicher am vertrauten Freundesarme!" „Der Tausend, ei ja

wohl, das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stieß

ihr den Ellbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen

Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß würde, „sehen

Sie wohl, werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo

Barthel den Most holt?" „O Dietrich, lieber Dietrich," sagte sie mit

einem noch viel stärkeren Seufzer, „ich fühle mich oft recht einsam!"

„Hopsele, so muß es kommen!" rief er und sein Herz hüpfte wie ein

Häschen im Weißkohl. „O Dietrich!" rief sie und drückte sich fester an

ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem

Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß seine Vorläufer nicht mehr

sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich

wollte er sich losreißen von Züsis Arm und jenen nachspringen; aber

sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an,

wie wenn sie schwach würde. „Dietrich!" flüsterte sie, die Augen

verdrehend, „lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie,

stützen Sie mich!" „Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los,

Jungfer!" rief er ängstlich, „oder ich komm' zu spät und dann ade

Zipfelmütze!" „Nein, nein! Sie dürfen mich nicht verlassen, ich fühle,

mir wird übel!" jammerte sie. „Übel oder nicht übel!" schrie er und

riß sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um

und sah die Läufer schon im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun

setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch

einmal nach Züs um. Da sah er sie, wie sie am Eingange eines engen

schattigen Waldpfades saß und lieblich lockend ihm mit den Händen

winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte,

statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah,

stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm

umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und

so lange zu vexieren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben

könne.

Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine

Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so

geschah es, daß es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte.

Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr

allein war, fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten

Liebeserklärungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte

sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute

Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen

spielen ließ. Als er ihr aber Himmel und Hölle vorstellte, wozu ihm

sein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeist herrliche

Zauberworte verlieh, als er sie mit Zärtlichkeiten jeder Art

überhäufte und bald ihrer Hände, bald ihrer Fuße sich zu bemächtigen

suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und

rühmte, daß der Himmel hätte grün werden mögen, als dazu die Witterung

und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den

Kompaß, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als

seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehrlos, wie ein

Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder

Weise. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten,

und war im Handumdrehen von dem Schwäbchen erobert; dies geschah

nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war, sondern weil

sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht

über ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in dieser

kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue und gaben sich

tausend Küßchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller

Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Fälle.

Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen

Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu

seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht; deshalb freuten sich die

Seldwyler auf das unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die

gerechten und ehrbaren Kammacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu

sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu

beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnelläufer erwartet.

Die Knaben kletterten auf die Bäume, die Alten und Rückgesetzten saßen

im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, zufrieden, daß sich ihnen ein so

wohlfeiles Vergnügen aufgetan. Selbst die Herren waren ausgerückt, um

den Hauptspaß mit anzusehen, saßen fröhlich diskurierend in den Gärten

und Lauben der Wirtshäuser und bereiteten eine Menge Wetten vor. In

den Straßen, durch welche die Läufer kommen mußten, waren alle Fenster

geöffnet, die Frauen hatten in den Visitenstuben rote und weiße Kissen

ausgelegt, die Arme darauf zu legen, und zahlreichen Damenbesuch

empfangen, so daß fröhliche Kaffeegesellschaften aus dem Stegreif

entstanden und die Mägde genug zu laufen hatten, um Kuchen und

Zwieback zu holen. Vor dem Tore aber sahen jetzt die Buben auf den

höchsten Bäumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu

rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen

Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmwind herangesaust, mitten auf

der Straße, eine dicke Wolke Staubes aufrührend. Mit der einen Hand

zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit

der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen' im Nacken saßen,

und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von

Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach

Atem, sahen und hörten nichts, was um sie her vorging und dicke Tränen

rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht

abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch

war der Bayer voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und

Gelächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte. Alles

raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Seiten

rief es: „So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! Halt dich

brav, Bayer! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei!" Die

Herren in den Gärten standen auf den Tischen und wollten sich

ausschütten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest

über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte, und

gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das

Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein

wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen

dem Tore zu; selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und

mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen.

Schon waren sie dem Tore nah, dessen Türme von Neugierigen besetzt

waren, die ihre Mützen schwenkten; die zwei rannten wie scheu

gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst; da kniete ein

Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes Felleisen und ließ

sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mitfahren. Jobst wandte sich

und flehte ihn an, loszulassen, auch schlug er mit dem Stocke nach

ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann

Fridolin einen größeren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er

ihm den Stock zwischen die Füße, daß er hinstürzte. Wie aber Jobst

über ihn wegspringen wollte, erwischte ihn der Bayer am Rockschoß und

zog sich daran in die Höhe; Jobst schlug ihm auf die Hände und schrie:

„Laß los, laß los!" Fridolin ließ aber nicht los, Jobst packte dafür

seinen Rockschoß und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten

sich langsam zum Tore hinein, nur zuweilen einen Sprung versuchend, um

einer dem andern zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten

wie Kinder und schrien in unsäglicher Beklemmung: „O Gott, laß los! Du

lieber Heiland, laß los, Jobst! Laß los, Fridolin! Laß los, du Satan!"

Dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hände, kamen aber immer

um ein weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei Buben

trugen dieselben, die Hüte auf die Stöcke gesteckt, voran und hinter

ihnen her wälzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren von der

Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelächter in die unten tosende

Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr so fröhlich

gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergnügen schmeckte

den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel

zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangt. Sie

selben sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so wälzte sich

der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum anderen Tore wieder

hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster gelegen, und

nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet,

wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen,

als Dietrich und Züs still und unversehens bei ihm eintraten.

Diese hatten nämlich unterdessen ihre Gedanken zusammengetan und

beraten, daß der Kammachermeister wohl geneigt sein dürfte, da er doch

nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine bare Summe zu

verkaufen. Züs wollte ihren Gültbrief dazu hergeben und der Schwabe

sein Geldchen auch dazutun, und dann wären sie die Herren der Sachlage

und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Vereinigung dem

überraschten Meister vor; diesem leuchtete es sogleich ein, hinter dem

Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel

abzuschließen und unverhofft des baren Kaufpreises habhaft zu werden.

Rasch wurde alles festgestellt, und ehe die Sonne unterging, war

Jungfer Bünzlin die rechtmäßige Besitzerin des Kammachergeschäftes und

ihr Bräutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag, und so

war Züs, ohne es am Morgen geahnt zu haben, endlich erobert und

gebunden durch die Handlichkeit des Schwäbchens.

Halbtot vor Scham, Mattigkeit und Ärger lagen Jobst und Fridolin in

der Herberge, wohin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien

Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze

Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen

und feierte eine lustige Nacht. In vielen Häusern wurde getanzt und in

den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den größten

Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um mit

Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen

Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die

Torheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe

triumphieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gespött zu

machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den

weisen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet, sondern auch den

Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebüßt.

Jobst, der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz

verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermütig zog er

vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie alle

gestern gesessen, an einen Baum. Als der Bayer eine Stunde später da

vorüberkam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen, daß er

wie wahnsinnig davonrannte, sein ganzes Wesen veränderte und, wie man

nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch

wurde, der keines Menschen Freund war.

Dietrich der Schwabe allein blieb ein Gerechter und hielt sich oben in

dem Städtchen; aber er hatte nicht viel Freude davon; denn Züs ließ

ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrückte ihn und betrachtete

sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten.

* * * * *

SPIEGEL, DAS KÄTZCHEN

EIN MÄRCHEN

Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angeführt

worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer

abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber

nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag,

daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die

Bedeutung dieses Sprichwortes.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 19 / 23 段