Aber dies war ein strenges Leben für die armen Kammacher; so kühl sie

von Gemüt waren, gab es doch, seit einmal ein Weib im Spiele, ganz

ungewohnte Erregungen der Eifersucht, der Besorgnis, der Furcht und

der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf

und magerten sichtlich ab; sie wurden schwermütig, und während sie vor

den Leuten und besonders bei Züs sich der friedlichsten Beredsamkeit

beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit oder in

ihrer Schlafkammer saßen, kaum ein Wort miteinander und legten sich

seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer so still und

verträglich wie drei Bleistifte. Ein und derselbe Traum schwebte

allnächtlich über dem Kleeblatt, bis er einst so lebendig wurde, daß

Jobst an der Wand sich herumwarf und den Dietrich anstieß; Dietrich

fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den

schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der

schreckbarste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit

den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich

ineinander verwickelten und der ganze Knäuel unter furchtbarem

Geschrei aus dem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der

Teufel wolle sie holen, oder es seien Räuber in die Kammer gebrochen;

sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein,

Fridolin eiligst auf seinen und Dietrich auf denjenigen, unter welchem

sich bereits auch seine kleine Ersparnis angesetzt hatte, und indem

sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich

hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen: „Geh

fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang und

die tollen Gesellen beruhigte. Zitternd vor Furcht, Groll und Scham

zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett und lagen lautlos

nebeneinander bis zum Morgen. Aber der nächtliche Spuk war nur ein

Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete,

als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei

Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ihnen wandern müßten. Sie

hatten nämlich des Guten zu viel getan und so viel Ware zuweg

gebracht, daß ein Teil davon liegen blieb, indes der Meister den

vermehrten Erwerb dazu verwendet hatte, das Geschäft, als es auf dem

Gipfelpunkt stand, um so rascher rückwärts zu bringen, und ein solch

lustiges Leben führte, daß er bald doppelt soviel Schulden hatte, als

er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam

sie auch waren, plötzlich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum

Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und wert wären und es ihnen

überließe, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche

wandern sollten. Aber sie machten nichts aus, sondern standen da

bleich wie der Tod und lächelten einer den andern an; dann gerieten

sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhängnisvollste Stunde

war; denn die Ankündigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, daß

er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder

käuflich würde. Also war das Ziel, nach dem sie alle gestrebt, nahe

und glänzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den

Toren desselben umkehren und ihm den Rücken wenden. Ohne alle fürdere

Rücksicht erklärte jeder, dableiben zu wollen, und wenn er ganz

umsonst arbeiten müsse. Der Meister konnte aber auch dies nicht

brauchen und versicherte sie, daß zwei von ihnen jedenfalls gehen

müßten; sie fielen ihm zu Füßen, sie rangen die Hände, sie beschworen

ihn und jeder bat insbesondere für sich, daß er ihn behalten möchte,

nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen: Allein er wußte wohl,

worauf sie spekulierten, ärgerte sich darüber und machte sich über sie

lustig, indem er plötzlich einen spaßhaften Ausweg vorschlug, wie sie

die Sache entscheiden sollten. „Wenn ihr euch durchaus nicht einigen

könnt," sagte er, „welche von euch den Abschied wollen, so will ich

euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es

dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, ihr

packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei

einträchtiglich zum Tore hinaus, eine gute halbe Stünde weit, auf

welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und könnt auch

einen Schoppen trinken, wenn ihr mögt, und habt ihr das getan, so

wandert ihr wieder in die Stadt herein, und welcher dann der erste

sein wird, der mich von neuem um Arbeit anspricht, den werde ich

behalten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen

beliebt!" Sie fielen ihm abermals zu Füßen und baten ihn, von diesem

grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und

unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie

besessen zum Hause hinaus und zu Züs Bünzlin hinüber; kaum gewahrten

dies Jobst und der Bayer, so unterbrachen sie ihr Lamentieren und

rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die

Wohnung der erschrockenen Jungfrau verlegt.

Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer;

doch faßte sie sich zuerst, und die Lage der Dinge überschauend,

beschloß sie, ihr eigenes Schicksal an des Meisters wunderlichen

Einfall zu knüpfen, und betrachtete diesen als eine höhere Eingebung;

sie holte gerührt ein Schatzkästlein hervor und stach mit einer Nadel

zwischen die Blätter, und der Spruch, welchen sie aufschlug, handelte

vom unentwegten Verfolgen eines guten Zieles. Sodann ließ sie die

aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese aufschlugen,

handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom Vorwärtsgehen

ohne Rückschauen, von einer Laufbahn, kurz vom Laufen und Rennen aller

Art, so daß der morgende Wettlauf deutlich vom Himmel vorgeschrieben

schien. Da sie aber befürchtete, daß Dietrich als der Jüngste leicht

am besten springen und die Palme erringen könnte, beschloß sie, selbst

mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem

Vorteil zu machen wäre; denn sie wünschte, daß nur einer der zwei

Älteren Sieger würde, und es war ihr ganz gleichgültig, welcher. Sie

befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung

und sagte: „Wisset, meine Freunde, daß nichts ohne Bedeutung

geschieht, und so merkwürdig und ungewöhnlich die Zumutung eures

Meisters ist, so müssen wir sie doch als eine Fügung ansehen und uns

mit einer höheren Weisheit, von welcher der mutwillige Mann nichts

ahnt, dieser jähen Entscheidung unterwerfen. Unser friedliches und

verständiges Zusammenleben ist zu schön gewesen, als daß es noch lange

so erbaulich stattfinden könnte; denn ach! Alles Schöne und

Ersprießliche ist ja so vergänglich und vorübergehend, und nichts

besteht in die Länge als das Übel, das Hartnäckige und die Einsamkeit

der Seele, die wir alsdann mit unserer frommen Vernünftigkeit

betrachten und beobachten. Daher wollen wir, ehe sich etwa ein böser

Dämon des Zwiespaltes unter uns erhebt, uns lieber vorher freiwillig

trennen und auseinanderscheiden wie die lieben Frühlingslüftlein, wenn

sie ihren eilenden Lauf am Himmel nehmen, ehe wir auseinanderfahren

wie der Sturmwind des Herbstes. Ich selbst will euch hinausbegleiten

auf dem schweren Wege und zugegen sein, wenn ihr den Prüfungslauf

antretet, damit ihr einen fröhlichen Mut fasset und einen schönen

Antrieb hinter euch habt, während vor euch das Ziel des Sieges winkt.

Aber so wie der Sieger sich seines Glückes nicht überheben wird, so

sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen Gram oder

Groll von dannen nehmen, sondern unsers liebevollen Andenkens gewärtig

sein und als vergnügte Wanderjünglinge in die weite Welt ziehen; denn

die Menschen haben viele Städte gebauet, welche so schön oder noch

schöner sind wie Seldwyla; Rom ist eine große, merkwürdige Stadt,

allwo der heilige Vater wohnt, und Paris ist eine gar mächtige Stadt

mit vielen Seelen und herrlichen Palästen, und in Konstantinopel

herrscht der Sultan, von türkischem Glauben, und Lissabon, welches

einst durch ein Erdbeben verschüttet ward, ist desto schöner wieder

aufgebaut worden. Wien ist die Hauptstadt von Osterreich und die

Kaiserstadt genannt, und London ist die reichste Stadt der Welt, in

Engelland gelegen, an einem Fluß, der die Themse benannt wird. Zwei

Millionen Menschen wohnen da! Petersburg aber ist die Haupt- und

Residenzstadt von Rußland, so wie Neapel die Hauptstadt des

Königreiches gleichen Namens, mit dem feuerspeienden Berg Vesuvius,

auf welchem einst einem englischen Schiffshauptmann eine verdammte

Seele erschienen ist, wie ich in einer merkwürdigen Reisebeschreibung

gelesen habe, welche Seele einem gewissen John Smidt angehöret, der

vor hundertundfünfzig Jahren ein gottloser Mann gewesen und nun

besagtem Hauptmann einen Auftrag erteilte an seine Nachkommen in

England, damit er erlöst würde; denn der ganze Feuerberg ist ein

Aufenthalt der Verdammten, wie auch in des gelehrten Peter Haslers

Traktatus über die mutmaßliche Gelegenheit der Hölle zu lesen ist.

Noch viele andere Städte gibt es, wovon ich nur noch Mailand, Venedig,

das ganz im Wasser gebaut ist, Lyon, Marseilingen, Straßburg, Köllen

und Amsterdam nennen will; Paris hab' ich schon gesagt, aber noch

nicht Nürnberg, Augsburg und Frankfurt, Basel, Bern und Genf, alles

schöne Städte, sowie das schöne Zürich, und weiterhin noch eine Menge,

mit deren Aufzählung ich nicht fertig würde. Denn alles hat seine

Grenzen, nur nicht die Erfindungsgabe der Menschen, welche sich

allwärts ausbreiten und alles unternehmen, was ihnen nützlich scheint.

Wenn sie gerecht sind, so wird es ihnen gelingen, aber der Ungerechte

vergehet wie das Gras der Felder und wie ein Rauch. Viele sind

erwählt, aber nur wenige sind berufen. Aus allen diesen Gründen und in

noch manch anderer Hinsicht, die uns die Pflicht und die Tugend

unseres reinen Gewissens auferlegen, wollen wir uns dem Schicksalsrufe

unterziehen. Darum gehet und bereitet euch zur Wanderschaft, aber als

gerechte und sanftmütige Männer, die ihren Wert in sich tragen, wo sie

auch hingehen, und deren Stab überall Wurzel schlägt, welche, was sie

auch ergreifen mögen, sich sagen können: ich habe das bessere Teil

erwählt!"

Die Kammacher wollten aber von allem nichts hören, sondern bestürmten

die kluge Züs, daß sie einen von ihnen auserwählen und dableiben

heißen solle, und jeder meinte damit sich selbst. Aber sie hütete

sich, eine Wahl zu treffen, und kündigte ihnen ernsthaft und

gebieterisch an, daß sie ihr gehorchen müßten, ansonst sie ihnen ihre

Freundschaft auf immer entziehen würde. Jetzt rannte Jobst, der

älteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinüber, und

spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befürchtend, daß er

dort etwas gegen sie unternähme, und so schossen sie den ganzen Tag

umher wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider wie

drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame

Schauspiel der verstörten Kammacher, die bislang so still und ruhig

gewesen, und die alten Leute wurden darüber ängstlich und hielten die

Erscheinung für ein geheimnisvolles Vorzeichen schwerer Begebenheiten.

Gegen Abend wurden sie matt und erschöpft, ohne daß sie sich eines

Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und legten sich

zähneklappernd in das alte Bett; einer nach dem andern kroch unter die

Decke und lag da wie vom Tode hingestreckt, in verwirrten Gedanken,

bis ein heilsamer Schlaf ihn umfing. Jobst war der erste, welcher in

aller Frühe erwachte und sah, daß ein heiterer Frühlingsmorgen in die

Kammer schien, in welcher er nun schon seit sechs Jahren geschlafen.

So dürftig das Gemach aussah, so erschien es ihm doch wie ein

Paradies, welches er verlassen sollte, und zwar so ungerechterweise.

Er ließ seine Augen umhergehen an den Wänden und zählte alle die

vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier schon gewohnt

kürzere oder längere Zeit; hier hatte der seinen Kopf zu reiben

gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte jener einen

Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daranzuhängen, und das rote

Schnürchen hing noch daran. Welche guten Menschen waren das gewesen,

daß sie so harmlos wieder davongegangen, während diese, welche neben

ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete er sein Auge

auf die Gegend zunächst seinem Gesichte und betrachtete da die

kleineren Gegenstände, welche er schon tausendmal betrachtet, wenn er

des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich

eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine beschädigte

Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und

Städtchen, und ein Häufchen von groben Sandkörnern stellte eine

glückselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange

Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen

Tünche steckengeblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst einmal

ein kleines Restchen solcher Tünche gefunden und, damit es nicht

umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen, soweit es

reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er zunächst im

Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe

Erhöhung, wie ein kleines, blaues Gebirge, welches einen zarten

Schlagschatten über die Borste weg nach den glückseligen Inseln

hinüberwarf. Über dies Gebirge hatte er schon den ganzen Winter

gegrübelt, da es ihn dünkte, als ob es früher nicht dagewesen wäre.

Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge dasselbe suchte und

plötzlich vermißte, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt

desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah,

wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu

wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Höhe, als ob er ein blaues

Wunder sähe, und sah, daß es eine Wanze war, welche er also im vorigen

Herbst achtlos mit der Farbe überstrichen, als sie schon in Erstarrung

dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der Frühlingswärme neu

belebt, hatte sich aufgemacht und stieg eben in diesem Augenblicke mit

ihrem blauen Rücken unverdrossen die Wand hinan. Er blickte ihr

gerührt und voll Verwunderung nach; solange sie im Blauen ging, war

sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie aber aus dem

gestrichenen Bereich hinaustrat und die letzten vereinzelten Spritze

hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue Tierchen weithin

sichtbar seine Bahn durch die dunkleren Bezirke. Wehmütig sank Jobst

in den Pfülmen zurück; so wenig er sich sonst aus dergleichen machte,

rührte diese Erscheinung doch jetzt ein Gefühl in ihm auf, als ob er

doch auch endlich wieder wandern müßte, und es bedünkte ihn ein gutes

Zeichen zu sein, daß er sich in das Unabänderliche ergeben und sich

wenigstens mit gutem Willen auf den Weg machen solle. Durch diese

ruhigeren Gedanken kehrte seine natürliche Besonnenheit und Weisheit

zurück, und indem er die Sache näher überlegte, fand er, daß, wenn er

sich ergebungsvoll und bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke

unterziehe und dabei sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am

ehesten über seine Nebenbuhler obsiegen könne. Sachte stieg er aus dem

Bette und begann seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu

heben und zu unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darüber

erwachten sogleich seine Gefährten; wie diese sahen, daß er so

gelassen sein Bündel schnürte, verwunderten sie sich sehr und noch

mehr, als Jobst sie mit versöhnlichen Worten anredete und ihnen einen

guten Morgen wünschte. Weiter ließ er sich aber nicht aus, sondern

fuhr in seinem Geschäfte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon

sie nicht wußten, was er im Schilde führe, witterten sie eine

Kriegslist in seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach,

höchst aufmerksam auf alles, was er ferner beginnen würde. Hierbei war

es seltsam, wie sie alle drei zum erstenmal offen ihre Schätze unter

den Fliesen hervorholten und dieselben, ohne sie zu zählen, in die

Ranzen versorgten. Denn sie wußten schon lange, daß jeder das

Geheimnis der übrigen kannte, und nach alter ehrbarer Art mißtrauten

sie sich nicht in der Weise, daß sie eine Verletzung des Eigentums

befürchteten, und jeder wußte wohl, daß ihn die anderen nicht berauben

würden, wie denn in den Schlafkammern der Handwerksgesellen, Soldaten

und dergleichen kein Verschluß und kein Mißtrauen bestehen soll.

So waren sie unversehens zum Aufbruch gerüstet, der Meister zahlte

ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbücher, in welche von der

Stadt und vom Meister die allerschönsten Zeugnisse geschrieben waren

über ihre gute andauernde Führung und Vortrefflichkeit, und sie

standen wehmutsvoll vor der Haustüre der Züs Bünzlin, in lange braune

Röcke gekleidet, mit alten, verwaschenen Staubhemden darüber, und die

Hüte, obgleich sie verjährt und abgebürstet genug waren, sorglich mit

Wachsleinwand überzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte jeder ein

kleines Wägelchen befestigt, um das Gepäck darauf zu ziehen, wenn es

ins Weite ginge; sie dachten aber die Räder nicht zu brauchen, und

deswegen ragten dieselben hoch über ihrem Rücken. Jobst stützte sich

auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen rot und schwarz

geflammten und gemalten Eschenstab und Dietrich auf ein

abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes Geflecht

von Zweigen wand. Er schämte sich aber beinahe dieses prahlerischen

Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte, wo er bei

weitem noch nicht so sehr gesetzt und vernünftig gewesen wie jetzt.

Viele Nachbarn und deren Kinder umstanden die ernsten drei Männer und

wünschten ihnen Glück auf den Weg. Da erschien Züs unter der Türe, mit

feierlicher Miene, und zog an der Spitze der Gesellen gefaßten Mutes

aus dem Tore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen ungewöhnlichen Staat

angelegt, trug einen großen Hut mit mächtigen gelben Bändern, ein

rosafarbenes Indiennekleid mit verschollenen Ausladungen und

Verzierungen, eine schwarze Sammetschärpe mit einer Tombakschnalle und

rote Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug sie einen

grünseidenen großen Ritikül, welchen sie mit gedörrten Birnen und

Pflaumen gefüllt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen ausgespannt,

auf welchem oben eine große Lyra aus Elfenbein stand. Sie hatte auch

ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehängt und das goldene

Vergißmeinnicht vorgesteckt und trug weiße gestrickte Handschuhe. Sie

sah freundlich und zart aus in all diesem Schmuck, ihr Antlitz war

leicht gerötet und ihr Busen schien sich höher als sonst zu heben, und

die ausziehenden Nebenbuhler wußten sich nicht zu lassen vor Wehmut

und Betrübnis; denn die äußerste Lage der Dinge, der schöne

Frühlingstag, der ihren Auszug beschien, und Züsis Putz mischten in

ihre gespannten Empfindungen fast etwas von dem, was man wirklich

Liebe nennt. Vor dem Tore ermahnte aber die freundliche Jungfrau ihre

Liebhaber, die Felleisen auf die Räderchen zu stellen und zu ziehen,

damit sie sich nicht unnötigerweise ermüdeten. Sie taten es, und als

sie hinter dem Städtlein hinaus die Berge hinanfuhren, war es fast wie

ein Artilleriewesen, das da hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu

besetzen. Als sie eine gute halbe Stunde dahingezogen, machten sie

halt auf einer anmutigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, und

setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten

Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Züs

öffnete ihren Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen,

um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend

und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die süßen Früchte

damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend.

Dann begann Züs, indem sie einen Pflaumenkern fortwarf und die davon

gefärbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen:

„Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist,

ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und

dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends

in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen

beieinander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und

bedachtsam von Gemüt, so zugetan allen arbeitsamen Übungen und

Tugenden, der Eingezogenheit, der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und

der innigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum,

von allen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben

Schlüsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben;

aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und

geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende

und geistlose Geschöpfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre

Zeit, und so schön sie sind, wird ein totes Heu daraus, während wir in

unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier

der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde

geschaffen und uns seinen göttlichen Odem eingeblasen. Oh, könnten wir

doch ewig hier sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja,

meine Freunde, es ist mir so, als wären wir sämtlich im Stande der

Unschuld, aber durch eine sündenlose Erkenntnis veredelt; denn wir

alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine

geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und

Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das

gelehrteste Fräulein nicht kann, wenn ich über meinen Stand

hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die

vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es genügt

mir zu wissen, daß mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor

einer höheren Einsicht. Schon viele haben mich begehrt, die meiner

nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige

Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wäre,

mich zu besitzen! Bemesset danach, wie mein Herz in diesem wunderbaren

Überflusse schmachten muß, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir

und denket euch, jeder wäre von drei gleichwerten Jungfrauen umblühet,

die sein begehrten, und er könnte sich um deswillen zu keiner

hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor,

um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bünzlin, und säßen so um euch

her, gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam

verneunfacht hier vorhanden wäre und euch von allen Seiten anblickte

und nach euch schmachtete! Tut ihr dies?"

Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten

mit einfältigen Gesichtern, die seltsame Aufgabe zu lösen. Das

Schwäblein kam zuerst damit zustande und rief mit lüsternem Gesicht:

„Ja, werteste Jungfer Züs! Wenn Sie es denn gütigst erlauben, so sehe

ich Sie nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich

herumschweben und mich mit huldreichen Äuglein anblicken und mir

tausend Küßlein anbieten!"

„Nicht doch!" sagte Züs unwillig verweisend, „nicht in so ungehöriger

und übertriebener Weise! Was fällt Ihnen denn ein, unbescheidener

Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Küßlein anbietend habe ich es

erlaubt, sondern nur dreifach für jeden und in züchtiger und ehrbarer

Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!"

„Ja," rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten

Birnenstiel um sich her, „nur dreifach, aber in größter Ehrbarkeit

sehe ich die liebste Jungfer Bünzli um mich her spazieren und mir

wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke

sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei

Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe. „So

ist's recht," sagte Züs lächelnd, „wenn irgendein Unterschied zwischen

euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst,

wenigstens der Verständigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht

fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte,

wurde es ihm angst und er rief eilig: „Ich sehe auch die liebste

Jungfrau Bünzli dreifach um mich herspazieren in größter Ehrbarkeit

und mir wollüstig zuwinken, indem sie die Hand auf--"

„Pfui, Bayer!" schrie Züs und wandte das Gesicht ab, „nicht ein Wort

weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wüsten Worten zu reden

und sich solche Sauereien einzubilden! Pfui, pfui!" Der arme Bayer war

wie vom Donner gerührt und wurde glühend rot, ohne zu wissen, wofür;

denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefähr dem Klange

nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er gesehen, wie dieser für

seine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und

sagte: „Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas

bescheidenere Art zuwege gebracht?" „Ja, mit Ihrer Erlaubnis,"

erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, „ich erblicke Sie

jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anständig mich

anschauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!"

„Gut denn!" sagte Züs, „und Sie, Fridolin? Sind Sie noch nicht von

Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht

zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?" „Um Vergebung!" sagte

Fridolin kleinlaut, „ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir

gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist

keine schöner als die andere, und die Wahl unter ihnen scheint mir ein

bitteres Kraut zu sein."

„Nun also," sprach Züs, „da ihr in euerer Einbildungskraft von neun

solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem

liebreizenden Überflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet,

ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, daß

ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet

doch ein Beispiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch

untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von

euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch

das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle

eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!"

„Ja, wahrhaftig," rief Jobst, „ich will es wenigstens tun, an mir

soll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: „An mir auch

nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hände zusammen,

wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Fälle zu springen, sogut er

vermöchte. „An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte

Jobst, „denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger

Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie

ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut

vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens;

denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bißchen verstehe und ein

verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in

etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht

auf eine einsichtsvolle Weise getan. Ich kann arbeiten soviel ich

will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in

den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei

ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach!

ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen,

allerliebste Jungfer Züs!"

„Ei!" sagte der Bayer eifrig, „das glaub' ich wohl, das wäre auch

keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich

mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein

Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ordnung zu

halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel

bekommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und

niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getötet. Ich

bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß

mich am Geringfügigsten zu vergnügen und damit zufrieden zu sein. Aber

ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes

Gewissen ist das beste Lebenselixier, alle Tiere lieben mich und

laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei einem

ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir

einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste,

und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich

als ein demütiger Handwerksgesell kein solches Tier ernähren konnte,

und als ich durch den Böhmerwald reiste, sind die Hirsche und Rehe auf

zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben sich nicht vor mir

gefürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den

Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!"

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 18 / 23 段