Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der

Schwabe als vollkommen ebenbürtig und lag wie ein Schwefelholz so

strack und ruhig, so daß immer noch ein bißchen Raum zwischen jedem

der Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie ein Papier auf

drei Heringen. Die Lage wurde nun ernster, und indem alle drei

gleichmäßig sich gegenüberstanden, wie die Winkel eines gleichseitigen

Dreiecks, und kein vertrauliches Verhältnis mehr zwischen zweien

möglich war, kein Waffenstillstand oder anmutiger Wettstreit, waren

sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett und dem Haus hinaus

zu dulden. Als der Meister sah, daß diese drei Käuze sich alles

gefallen ließen, um nur dazubleiben, brach er ihnen am Lohn ab und gab

ihnen geringere Kost; aber desto fleißiger arbeiteten sie und setzten

ihn in den Stand, große Vorräte von billigen Waren in Umlauf zu

bringen und vermehrten Bestellungen zu genügen, also daß er ein

Heidengeld durch die stillen Gesellen verdiente und eine wahre

Goldgrube an ihnen besaß. Er schnallte sich den Gurt um einige XXX

Löcher weiter und spielte eine große Rolle in der Stadt, während die

törichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt Tag und Nacht sich

abmühten und sich gegenseitig hinausarbeiten wollten. Dietrich, der

Schwabe, welcher der jüngste war, erwies sich als ganz vom gleichen

Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur besaß er noch keine

Ersparnis, denn er war noch zu wenig gereist. Dies wäre ein

bedenklicher Umstand für ihn gewesen, da Jobst und Fridolin einen zu

großen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein erfindungsreiches

Schwäblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen hätte, um den

Vorteil der andern aufzuwiegen. Da sein Gemüt nämlich von jeglicher

Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner Nebengesellen,

außer von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends anders sich

anzusiedeln und den Vorteil wahrzunehmen, so erfand er den Gedanken,

sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben, welche

ungefähr so viel besaß, als der Sachse und der Bayer unter den Fliesen

liegen hatten. Es gehörte zu den besseren Eigentümlichkeiten der

Seldwyler, daß sie um einiger Mittel willen keine häßlichen oder

unliebenswürdigen Frauen nahmen; in große Versuchung gerieten sie

ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder

schöne noch unschöne, und so behaupteten sie wenigstens die

Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmähen und sich lieber

mit lustigen und hübschen Wesen zu verbinden, mit welchen sie einige

Jahre Staat machen konnten. Daher wurde es dem ausspähenden Schwaben

nicht schwer, sich den Weg zu einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen,

welche in derselben Straße wohnte und von der er, im klugen Gespräche

mit alten Weibern, in Erfahrung gebracht, daß sie einen Gültbrief von

siebenhundert Gulden ihr Eigentum nenne. Dies war Züs Bünzlin, eine

Tochter von achtundzwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der

Wäscherin, zusammenlebte, aber über jenes väterliche Erbteil

unbeschränkt herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen

lackierten Lade liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren

Taufzettel, ihren Konfirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes

Osterei bewahrte; ferner ein halbes Dutzend silberne Teelöffel, ein

Vaterunser mit Gold auf einen roten durchsichtigen Glasstoff gedruckt,

den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden

Christi geschnitten war, und eine Büchse aus durchbrochenem und mit

rotem Taft unterlegtem Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und

ein silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in

welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nuß, worin eine kleine

Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie öffnete, ein silbernes

Herz, worin ein Riechschwämmchen steckte, und eine Bonbonbüchse aus

Zitronenschale, auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in

welcher eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag, die ein

Vergißmeinnicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem Monument von

Haaren; ferner ein Bündel vergilbter Papiere mit Rezepten und

Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit

Kölnischem Wasser und eine Büchse mit Moschus; eine andere, worin ein

Endchen Marderdreck lag, und ein Körbchen, aus wohlriechenden Halmen

geflochten, sowie eines, aus Glasperlen und Gewürznägelein

zusammengesetzt; endlich ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes

Papier gebunden mit silbernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln

für die Jungfrau als Braut, Gattin und Mutter; und ein Traumbüchlein,

ein Briefsteller, fünf oder sechs Liebesbriefe und ein Schnepper zum

Aderlassen; denn einst hatte sie ein Verhältnis mit einem

Barbiergesellen oder Chirurgiegehilfen gepflogen, welchen sie zu

ehelichen gedachte; und da sie eine geschickte und überaus verständige

Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu

schlagen, Blutegel und Schröpfköpfe anzusetzen und dergleichen mehr

und konnte ihn selbst sogar schon rasieren. Allein er hatte sich als

ein unwürdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes

Lebensglück aufs Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger,

aber weiser Entschlossenheit das Verhältnis gelöst. Die Geschenke

wurden von beiden Seiten zurückgegeben mit Ausnahme des Schneppers;

diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand für einen Gulden und

achtundvierzig Kreuzer, welche sie ihm einst bar geliehen; der

Unwürdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das

Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die

Auslagen zu bestreiten, und sie hätte zweimal soviel verzehrt als er.

So behielt er den Gulden und die achtundvierzig Kreuzer und sie den

Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer

Bekanntschaft Ader ließ und manchen schönen Batzen verdiente. Aber

jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, mußte sie mit Schmerzen

der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahegestanden

und beinahe ihr Gemahl geworden wäre!

Dies alles war in der lackierten Lade enthalten, wohlverschlossen, und

diese war wiederum in einem alten Nußbaumschrank aufgehoben, dessen

Schlüssel die Züs Bünzlin allfort in der Tasche trug. Die Person

selbst hatte dünne rötliche Haare und wasserblaue Augen, welche nicht

ohne Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wußten; sie

besaß eine große Menge Kleider, von denen sie nur wenige und stets die

ältesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich angezogen, und

ebenso sauber und aufgeräumt sah es in der Stube aus. Sie war sehr

fleißig und half ihrer Mutter bei ihrer Wäscherei, indem sie die

feineren Sachen plättete und die Hauben und Manschetten der

Seldwylerinnen wusch, womit sie einen schönen Pfennig gewann; von

dieser Tätigkeit mochte es auch kommen, daß sie allwöchentlich die

Tage hindurch, wo gewaschen wurde, jene strenge und gemessene Stimmung

innehielt, welche die Weiber immer während einer Wäsche befällt, und

daß diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein für allemal an diesen

Tagen; erst wenn das Glätten anging, griff eine größere Heiterkeit

Platz, welche bei Züsi aber jederzeit mit Weisheit gewürzt war. Den

gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein

Kranz von viereckigen, genau abgezirkelten Seifenstücken, welche rings

auf das Gesimse des Tannengetäfels gelegt waren zum Hartwerden, behufs

besserer Nutznießung. Diese Stücke zirkelte ab und schnitt aus den

frischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Züs selbst.

Der Draht hatte zwei Querhölzchen an den Enden zum bequemen Anfassen

und Durchschneiden der weichen Seife; einen schönen Zirkel aber zum

Einteilen hatte ihr ein Zeugschmiedgesell verfertigt und geschenkt,

mit welchem sie einst so gut wie versprochen war. Von demselben rührte

auch ein blanker kleiner Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres

Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten

Blumenglas; schon lange war ein solches artiges Mörserchen ihr Wunsch

gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er

an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte:

eine Schachtel voll Zimmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser

hing er dazumal vor der Stubentüre, ehe er eintrat, mit dem einen

Henkel an den kleinen Finger, und hub mit dem Stößel ein schönes

Geläute an, wie mit einer Glocke, so daß es ein fröhlicher Morgen

ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und

ließ nie wieder von sich hören. Sein Meister verlangte obenein noch

den Mörser zurück, da der Entflohene ihn seinem Laden entnommen, aber

nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werte Andenken nicht

heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Prozeß

darum, den sie selbst vor Gericht verteidigte auf Grundlage einer

Rechnung für gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie

den Streit um den Mörser führen mußte, die bedeutsamsten und

schmerzhaftesten Tage ihres Lebens, da sie mit ihrem tiefen Verstande

die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter

Sache willen viel lebendiger begriff und empfand als andere leichtere

Leute. Doch erstritt sie den Sieg und behielt den Mörser.

Wenn aber die zierliche Seifengalerie ihre Werktätigkeit und ihren

exakten Sinn verkündete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und

geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bücher, welches am

Fenster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags

fleißig las. Sie besaß noch alle ihre Schulbücher seit vielen Jahren

her und hatte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch die ganze

kleine Gelehrsamkeit im Gedächtnis trug, und sie wußte noch den

Katechismus auswendig wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch wie das

Geographiebuch, die biblische Geschichte und die weltlichen

Lesebücher; auch besaß sie einige der hübschen Geschichten von

Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen

Spruchversen am Ende, wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene

Schatzkästlein und Rosengärtchen zum Aufschlagen, eine Sammlung

Kalender voll bewährter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige

merkwürdige Prophezeiungen, eine Anleitung zum Kartenschlagen, ein

Erbauungsbuch auf alle Tage des Jahres für denkende Jungfrauen und ein

altes Exemplar von Schillers Räubern, welches sie so oft las, als sie

glaubte es genugsam vergessen zu haben, und jedesmal wurde sie von

neuem gerührt, hielt aber sehr verständige und sichtende Reden

darüber. Alles, was in diesen Büchern stand, hatte sie auch im Kopfe

und wußte auf das schönste darüber und über noch viel mehr zu

sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu sehr beschäftigt war, so

ertönten unaufhörliche Reden aus ihrem Munde und alle Dinge wußte sie

heimzuweisen und zu beurteilen, und jung und alt, hoch und niedrig,

gelehrt und ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urteile

unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein Weilchen

aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel

und salbungsvoll wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt

sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Von

der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die

Übung ununterbrochen beibehalten, Aufsätze und geistliche

Memorierungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so

verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten

Aufsätze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie

gehört oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze

anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn

entsprangen, wie z.B. über das Nutzbringende eines Krankenbettes, über

den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der

sichtbaren Welt und das Geheimnisvolle der unsichtbaren, über das

Landleben und dessen Freuden, über die Natur, über die Träume, über

die Liebe, einiges über das Erlösungswerk Christi, drei Punkte über

die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Unsterblichkeit. Sie las

ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht

wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze und der

mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige

Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen

Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bücher las, die er einband,

und ein strebsamer, gefühlvoller und unerfahrener Mensch war. Wenn er

sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein,

so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich

selbst schon so oft idealisch gedacht, aber nicht auszustoßen getraut

hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd

strengen und beredten Jungfrau, und sie gewährte ihm ihren Umgang und

band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht ohne ihn ganz in den

Schranken klarer Hoffnungslosigkeit zu halten, die sie mit sanfter,

aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger

war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der für

einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die

Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie

sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereinigung und suchte

nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit

heranzubilden und in einer Wolke von buntscheckigen Phrasen

einzubalsamieren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst

einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, totmachte mit

einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre,

durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr

während derselben alle ihre Bücher neu ein und bauete überdies während

vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares

Denkmal seiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus

Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in

vielen Stücken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und

gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Goldbörtchen

geziert. Spiegelwände und Säulen wechselten ab, und hob man ein Stück

ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und

verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Pärchen; an den

ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen allwärts kleine Glöcklein.

Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen

Häkchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu henken und an dem

Gebäude hin und her zu schlängeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein

Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher

eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und

Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der

geometrische Plan nicht minder mühevoll als die saubere genaue Arbeit.

Als das Denkmal eines schön verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs

Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun

loszureißen und seinen Stab weiterzusetzen, da ihm die Welt offenstehe

und ihm, nachdem er in ihrem Umgange, in ihrer Schule so sehr sein

Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde,

während sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle.

Er weinte wahrhaftige Tränen, als er sich so schicken ließ und aus dem

Städtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis

altväterischer Kommode, von einem meergrünen Gazeschleier bedeckt, dem

Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig,

daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die

Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der

Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte jedermann, nur

Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen erfaßt. Nur ihm selber hatte

sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz

gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am

wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde, es zu tun.

Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten

Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschönsten Brief,

von Tränen benetzt, worin er eine unsägliche Betrübnis, Liebe,

Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und

unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefühl findet, welches sich

in eine Vexiergasse verrannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie

ausgesprochen, weil sie ihn niemals zu Worte kommen ließ. Da sie aber

keine Ahnung hatte von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier,

daß das Schicksal gerecht war und eine falsche Schöne nicht das zu

Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch war es ein

Symbol, daß sie es war, welche das törichte, aber innige und

aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden.

Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und

dieselben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte

sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich

länger bei ihr aufzuhalten, wenn er sein Hemd brachte oder holte, und

ihr den Hof zu machen, benahm sie sich freundschaftlich gegen ihn und

hielt ihn mit trefflichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und

Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, so stark er

konnte; und sie vermochte ein tüchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte

den Pfeffer desselben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre

Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz

geleert, worauf sie mit erhöhter Salbung den Faden aufnahm und das

Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange

war Dietrich bei Züs aus und ein gegangen, so hatte sie ihm auch schon

den Gültbrief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine

Gefährten so heimlich wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden

hat. Jobst und Fridolin kamen ihm jedoch bald auf die Spur und

erstaunten über seinen tiefen Geist und über seine Gewandtheit. Jobst

besonders schlug sich förmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren

ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas

anderes da zu suchen als seine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute

beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare

Pfennige herausklauben mußte allwöchentlich. An eine eheliche

Verbindung pflegte er nie zu denken, weil er unter einer Frau nichts

anderes denken konnte als ein Wesen, das etwas von ihm wollte, was er

nicht schuldig sei, und etwas von einer selbst zu wollen, was ihm

nützlich sein könnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst

vertraute und seine kurzen Gedanken nicht über den nächsten und

allerengsten Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt

es, dem Schwäbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den

siebenhundert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschichten aufstellen,

wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf

einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen

wie des Bayers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nur ein Land

entdeckt, welches alsobald Gemeingut wurde, und teilte das herbe

Schicksal aller Entdecker; denn die zwei andern folgten sogleich

seiner Fährte und stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, und

diese sah sich von einem ganzen Hof verständiger und ehrbarer

Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie

mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue

Geistesübung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit und

Unparteilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange

mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigennützigkeit

aufzumuntern, bis der Himmel über das Unabänderliche etwas entschiede.

Denn da jeder von ihnen ihr insbesondere sein Geheimnis und seinen

Plan vertraut hatte, so entschloß sie sich auf der Stelle, denjenigen

zu beglücken, welcher sein Ziel erreiche und Inhaber des Geschäftes

würde. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werden konnte, schloß

sie aber davon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu

heiraten; weil er aber der jüngste, klügste und liebenswürdigste der

Gesellen war, so gab sie ihm durch manche stille Zeichen noch am

ehesten einige Hoffnung und spornte durch die Freundlichkeit, mit

welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien,

die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Kolumbus, der das

schöne Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiele ward. Alle

drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und

Verständigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen

Jungfrau im Zaume halten zu lassen und sie ohne Eigennutz zu

bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander war, glich sie

einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden

geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demut geschah es doch alle

Augenblicke, daß einer oder der andere, vom Lobpreisen der gemeinsamen

Herrin plötzlich abspringend, sich selbst zu loben und herauszustreichen

versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen

sah oder anhören mußte, wie sie ihm die Tugenden der übrigen

entgegenhielt, die er eiligst anerkannte und bestätigte.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 17 / 23 段