Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von

Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel

der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, daß nicht drei

Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare

zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit

gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens,

sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die

Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir

vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch

keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem

zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und

an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche

Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an und

kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung und

eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner

Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo

recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander,

wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie

Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück

betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am

Spieße stäken, da sie doch niemanden etwas zuleid getan haben; denn

sie betrachten die Welt als eine große wohlgesicherte Polizeianstalt,

wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor

seiner Türe fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unverwahrt vor das

Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt.

Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschäft, dessen Inhaber

gewohnterweise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein

gutes Geschäft war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer,

welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaren.

Außer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die

wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde

verfertigt aus schönem, durchsichtigem Ochsenhorn, in welches die

Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges

braunrotes Schildpattgewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß,

wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten

Sonnenauf- und Niedergänge zu sehen glaubte, rote Schäfchenhimmel,

Gewitterstürme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer,

wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit

Höflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im

Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und häufig zu haben

waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten

wollte, für geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den

andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte:

„Das sind Fische!" Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: „Bitt' um

Verzeihung, es ist Sauerkraut!" so bekam er auf der Stelle den

Abschied und mußte wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die

Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie: „Es ist doch

Sauerkraut!" und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die

Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf, und der

Meister sagte: „Meiner Seel'! ich glaubte, es wären Fische! Nun, dies

es ist doch gewiß ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hinaus, da

alle drei Gesellen in einem zweispännigen Bett schlafen mußten und

sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und

erfrorenen Seiten.

Einsmals aber kam ein ordentlicher und sanfter Geselle angereist aus

irgendeinem der sächsischen Lande, der fügte sich in alles, arbeitete

wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so daß er zuletzt ein

bleibender Hausrat wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister

wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als

sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und

behauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm

das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank

ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur

Seite, wie den größeren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich

alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie

einen Schoppen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen

Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustüre und

schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den

Kopf, wenn er besonders freigebiger Laune war, und ging mit den

Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für

besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag

arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das

herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn

und Vergnügen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war

er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen und beklagte sich

fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der

Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in seinem Arbeitsschmutz und in

den klappernden Pantoffeln über die Gasse und holte sich bei der

Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den

Vatermörder oder das bessere Schnupftuch, und trug diese

Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschritt vor

sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen

beobachten manche Gesellen immer einen eigentümlich gezierten Gang,

als ob sie in höheren Sphären schwebten, besonders die gebildeten

Buchbinder, die lustigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren

Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er

das Hemd oder das Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er

war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder

ob es die alte Wäsche noch für eine Woche tun müsse und er bei Hause

bleiben und noch ein bißchen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er

sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von

neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme oder er

wandelte das Horn in Schildkrötschalen um, wobei er aber so nüchtern

und phantasielos verfuhr, daß er immer die gleichen drei trostlosen

Kleckse darauf schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft

vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine

Sache. Entschloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich

eine oder zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm sein

Spazierstöckchen und wandelte steif ein wenig vors Tor, wo er demütig

und langweilig herumstand und langweilige Gespräche führte mit andern

Herumständern, die auch nichts Besseres zu tun wußten, etwa alte arme

Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen

stellte er sich dann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein

Saatfeld, vor einen wetterbeschädigten Apfelbaum oder vor eine neue

Zwirnfabrik und tüftelte auf das angelegentlichste über diese Dinge,

deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahrshoffnungen und

den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand.

Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf

die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten

Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie

verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei

anlegten, von der sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die

weitläufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen

Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar

lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues untersuchend, wie

wenn er ein alter Bauverständiger und der größte Biertrinker wäre.

„Aber nein!" rief er einmal um das andere, „des is ein fameses Wergg!

Des gibt eine großartigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na das

Geld! Aber schade, hier mißte mir des Gewehlbe doch en bißgen diefer

sein und die Mauer um eine Idee stärger!" Bei alledem dachte er sich

gar nichts, als daß er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es

dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau

Meisterin antat, daß er nie das Abendbrot versäumte am Sonntag, wie

etwa die anderen Gesellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause

bleiben oder sonstwie Bedacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er sein

Stückchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisierte er noch ein

Weilchen in der Kammer herum und ging dann zu Bett; dies war dann ein

vergnügter Sonntag für ihn gewesen.

Bei all diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber

nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich

heimlich über die Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt lustig

machte, und er schien die Größe und Erheblichkeit der Dinge nicht

undeutlich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes

bewußt zu sein. In der Tat machte er auch zuweilen ein so kluges

Gesicht, besonders wenn er die sachverständigen sonntäglichen Reden

führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge

im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und

aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag

und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern war

die ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand

darin, sich so lange seinen Arbeitslohn aufzusparen, bis er hinreiche,

eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würde,

anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag

all seinem Tun und Trachten zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie

ein fleißiger und sparsamer Mann allhier wohl gedeihen müßte, ein

Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der

Sorglosigkeit der andern nur den Nutzen, aber nicht die Nachteile zu

ziehen wüßte. Wenn er aber erst Meister wäre, dann wollte er bald so

viel erworben haben, um sich auch einzubürgern, und dann erst gedachte

er so klug und zweckmäßig zu leben, wie noch nie ein Bürger in

Seldwyl, sich um gar nichts zu kümmern, was nicht seinen Wohlstand

mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als möglich an

sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt. Dieser Plan

war ebenso einfach als richtig und begreiflich, besonders da er ihn

auch ganz gut und ausdauernd durchführte; denn er hatte schon ein

hübsches Sümmchen zurückgelegt, welches er sorgfältig verwahrte und

sicherer Berechnung nach mit der Zeit groß genug werden mußte zur

Erreichung dieses Zieles. Aber das Unmenschliche an diesem so stillen

und friedfertigen Plane war nur, daß Jobst ihn überhaupt gefaßt hatte;

denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben,

weder eine Vorliebe für die Gegend, noch für die Leute, weder für die

politische Verfassung dieses Landes, noch für seine Sitten. Dies alles

war ihm so gleichgültig, wie seine eigene Heimat, nach welcher er sich

gar nicht zurücksehnte; an hundert Orten in der Welt konnte er sich

mit seinem Fleiß und mit seiner Gerechtigkeit ebensowohl festhalten,

wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem öden

Sinne die erste zufällige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich

daran zu hängen und sich daran groß zu saugen. Wo es mir wohl geht, da

ist mein Vaterland! heißt es sonst und dieses Sprichwort soll

unangetastet bleiben für diejenigen, welche auch wirklich eine bessere

und notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande haben,

welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich

rüstig einen Vorteil zu erringen und als geborgene Leute

zurückzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Scharen

entfliehen und, dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Völkerwanderung

über die Meere mitwandern; oder welche irgendwo treuere Freunde

gefunden haben als daheim, oder ihren eigensten Neigungen mehr

entsprechende Verhältnisse oder durch irgendein schöneres menschliches

Band festgebunden werden. Aber auch das neue Land ihres Wohlergehens

werden alle diese wenigstens lieben müssen, wo sie immerhin sind, und

auch da zur Not einen Menschen vorstellen. Aber Jobst wußte kaum, wo

er war; die Einrichtungen und Gebräuche der Schweizer waren ihm

unverständlich, und er sagte bloß zuweilen: „Ja, ja, die Schweizer

sind politische Leute! Es ist gewißlich, wie ich glaube, eine schöne

Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich für meinen

Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, da ist es nicht der

Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwyler waren ihm zuwider und

machten ihn ängstlich, und wenn sie einen Tumult oder Zug vorhatten,

hockte er zitternd zu hinterst in der Werkstatt und fürchtete Mord und

Totschlag. Und dennoch war es sein einziges Denken und sein großes

Geheimnis, hier zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Auf alle

Punkte der Erde sind solche Gerechte hingestreut, die aus keinem

anderen Grunde sich dahin verkrümelten, als weil sie zufällig an ein

Saugeröhrchen des guten Auskommens gerieten, und sie saugen still

daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne

einen Blick in die Weite und ohne einen für die Nähe, und gleichen

daher weniger dem freien Menschen, als jenen niederen Organismen,

wunderlichen Tierchen und Pflanzensamen, die durch Luft und Wasser an

die zufällige Stätte ihres Gedeihens getragen worden.

So lebte er ein Jährchen um das andere in Seldwyla und äufnete seinen

heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines Kammerbodens

vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider rühmen, einen Batzen

an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock, mit dem er

angereist, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein Schuster

einen Pfennig von ihm gelöst, denn noch waren nicht einmal die

Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Äußere seines

Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfünfzig Sonntage, und

von diesen wurde nur die Hälfte zu einem kleinen Spaziergange

verwandt. Niemand konnte sich rühmen, je ein kleines oder großes Stück

Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er seinen Lohn

empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die geheimnisvollste

Weise, und selbst wenn er vor das Tor ging, steckte er nicht einen

Deut zu sich, so daß es ihm gar nicht möglich war, etwas auszugeben.

Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Birnen in die Werkstatt kamen

und die anderen Arbeiter ihre Gelüste befriedigten, hatte er auch

tausend und ein Gelüste, welche er dadurch zu beruhigen wußte, daß er

mit der größten Aufmerksamkeit die Verhandlung mit führte, die

hübschen Kirschen und Pflaumen streichelte und betastete und zuletzt

die Weiber, welche ihn für den eifrigsten Käufer genommen, verblüfft

abziehen ließ, sich seiner Enthaltsamkeit freuend; und mit zufriedenem

Vergnügen, mit tausend kleinen Ratschlägen, wie sie die gekauften

Äpfel braten oder schälen sollten, sah er seine Mitgesellen essen.

Aber so wenig jemand eine Münze von ihm zu besehen kriegte,

ebensowenig erhielt jemand von ihm je ein barsches Wort, eine

unbillige Zumutung oder ein schiefes Gesicht; er wich vielmehr allen

Händeln auf das sorgfältigste aus und nahm keinen Scherz übel, den man

sich mit ihm erlaubte; und so neugierig er war, den Verlauf von

allerlei Klatschereien und Streitigkeiten zu betrachten und zu

beurteilen, da solche jederzeit einen kostenfreien Zeitvertreib

gewährten, während andere Gesellen ihren rohen Gelagen nachgingen, so

hütete er sich wohl, sich in etwas zu mischen und über einer

Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz, er war die merkwürdigste

Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit und Ausdauer und von sanfter

schnöder Herz- und Gefühllosigkeit.

Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem

Geschäft und es ging ihm so wohl in dieser Ungestörtheit wie einem

Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten

Raumes im Bette und benutzte sehr ökonomisch diese schöne Zeit, sich

für die kommenden Tage zu entschädigen und seine Person gleichsam zu

verdreifachen, indem er unaufhörlich die Lage wechselte und sich

vorstellte, als ob drei zumal im Bette lägen, von denen zwei den

Dritten ersuchten, sich doch nicht zu genieren und es sich bequem zu

machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die

Einladung hin wollüstig in die ganze Decke oder spreizte die Beine

weit auseinander, legte sich quer über das Bett oder schlug in

harmloser Lust Purzelbäume darin. Eines Tages aber, als er noch beim

Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder

Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer

gewiesen. Jobst lag eben in wohligem Behagen mit dem Kopfe am Fußende

und mit den Füßen auf den Pfülmen, als der Fremde eintrat, sein

schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen,

da er müde war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich

steif an seinen ursprünglichen Platz an der Wand, und er dachte: „Der

wird bald wieder ausreißen, da es Sommer ist und lieblich zu wandern!"

In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in sein

Schicksal und war der nächtlichen Rippenstöße und des Streites um die

Decke gewärtig, die es nun absetzen würde. Aber wie erstaunt war er,

als der Neuangekommene, obgleich es ein Bayer war, sich mit höflichem

Gruße zu ihm ins Bett legte, sich ebenso friedlich und manierlich, wie

er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn während der

ganzen Nacht nicht im mindesten belästigte. Dies unerhörte Abenteuer

brachte ihn so um alle Ruhe, daß er, während der Bayer wohlgemut

schlief, diese Nacht kein Auge zutat. Am Morgen betrachtete er den

wundersamen Schlafgefährten mit äußerst aufmerksamen Mienen und sah,

daß es ein ebenfalls nicht mehr junger Geselle war, der sich mit

anständigen Worten nach den Umständen und dem Leben hier erkundigte,

ganz in der Weise, wie er es etwa selbst getan haben würde. Sobald er

dies nur bemerkte, hielt er an sich und verschwieg die einfachsten

Dinge, wie ein großes Geheimnis, trachtete aber dagegen das Geheimnis

des Bayers zu ergründen; denn daß derselbe ebenfalls eines besaß, war

ihm von weitem anzusehen; wozu sollte er sonst ein so verständiger,

sanftmütiger und gewiegter Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas

Heimliches, sehr Vorteilhaftes vorhatte? Nun suchten sie sich

gegenseitig die Würmer aus der Nase zu ziehen, mit der größten

Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben Worten und auf anmutigen

Umwegen. Keiner gab eine vernünftige klare Antwort und doch wußte nach

Verlauf einiger Stunden jeder, daß der andere nichts mehr oder minder

als sein vollkommener Doppelgänger sei. Als im Laufe des Tages

Fridolin, der Bayer, mehrmals nach der Kammer lief und sich dort zu

schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal

hinzuschleichen, als jener bei der Arbeit saß, und durchmusterte im

Fluge die Habseligkeiten Fridolins; er entdeckte aber nichts weiter,

als fast die gleichen Siebensächelchen, die er selbst besaß, bis auf

die hölzerne Nadelbüchse, welche aber hier einen Fisch vorstellte,

während Jobst scherzhafterweise ein kleines Wickelkindchen besaß, und

statt einer zerrissenen französischen Sprachlehre für das Volk, welche

Jobst bisweilen durchblätterte, war bei dem Bayer ein gut gebundenes

Büchlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Küpe, ein

unentbehrliches Handbuch für Blaufärber. Darin war aber mit Bleistift

geschrieben: Unterfand für die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer

geborgt. Hieraus schloß er, daß es ein Mann war, der das Seinige

zusammenhielt, und spähete unwillkürlich am Boden herum, und bald

entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie

kürzlich herausgenommen wäre, und unter derselben lag auch richtig ein

Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt, fast

ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem

zugebundenen Socken steckte. Zitternd drückte er die Backsteinplatte

wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden

Größe und aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er hinunter

in die Werkstatt und arbeitete, als ob es gelte, die Welt mit Kämmen

zu versehen, und der Bayer arbeitete, als ob der Himmel noch dazu

gekämmt werden müßte. Die nächsten acht Tage bestätigten durchaus

diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleißig und

genügsam, so war Fridolin tätig und enthaltsam mit den gleichen

bedenklichen Seufzern über das Schwierige solcher Tugend; war aber

Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spaßhaft und klug; war

jener bescheiden, so war dieser demütig, jener schlau und ironisch,

dieser durchtrieben und beinahe satirisch, und machte Jobst ein

friedlich einfältiges Gesicht zu einer Sache, die ihn ängstigte, so

sah Fridolin unübertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl ein

Wettkampf, als die Übung wohlbewußter Meisterschaft, die sie beseelte,

wobei keiner verschmähte, sich den andern zum Vorbild zu nehmen und

ihm die feinsten Züge eines vollkommenen Lebenswandels, die ihm etwa

noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so einträchtig und

verständnisinnig aus, daß sie eine gemeinsame Sache zu machen

schienen, und glichen so zwei tüchtigen Helden, die sich ritterlich

vertragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befehden. Aber nach

kaum acht Tagen kam abermals einer zugereist, ein Schwabe, namens

Dietrich, worüber die beiden eine stillschweigende Freude empfanden,

wie über einen lustigen Maßstab, an welchem ihre stille Größe sich

messen konnte, und sie gedachten das arme Schwäbchen, welches gewiß

ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre Tugenden zu

nehmen, wie zwei Löwen ein Äffchen, mit dem sie spielen.

Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so

benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen

vorgegangen, noch einmal wiederholte zu dritt, wodurch sie nicht nur

dem Dritten gegenüber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern

sie selbst unter sich in eine ganz veränderte Lage kamen.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 16 / 23 段