Fritz aber, da er bereits ein würdiger Familienvater war, mußte doch

noch einmal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in

einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig

bekümmert hätte. Der Sohn war ungefähr zwei Jahre schon verheiratet,

als das Ländchen, welchem Seldwyla angehörte, seinen obersten

maßgebenden Rat neu zu bestellen und deshalben die vierjährigen Wahlen

vorzunehmen hatte, infolge deren denn auch die verwaltenden und

richterlichen Behörden bestellt wurden. Bei den letzten Hauptwahlen

war Fritz noch nicht stimmfähig gewesen und es war jetzt das erstemal,

wo er dergleichen beiwohnen sollte. Es war aber eine große Stille im

Lande. Die Gegensätze hatten sich einigermaßen ausgeglichen und die

Parteien einander abgeschliffen; es wurde in allen Ecken fleißig

gearbeitet, man lichtete die alten Winkeleien in der Gesetzsammlung

und machte fleißig neue, gute und schlechte, bauete öffentliche Werke,

übte sich in einer geschickten Verwaltung ohne Unbesonnenheit, doch

auch ohne Zopf, und ging darauf aus, jeden an seiner Stelle zu

verwenden, die er verstand und treulich versah, und endlich gegen

jedermann artig und gerecht zu sein, der es in seiner Weise gut meinte

und selbst kein Zwinger und Hasser war. Dies alles war nun den

Seldwylern höchst langweilig, da bei solcher stillgewordenen

Entwicklung keine Aufregung stattfand. Denn Wahlen ohne Aufregung,

ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Aufrufe, ohne Umtriebe und

heftige schwankende Krisen, waren ihnen so gut wie gar keine Wahlen,

und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu Seldwyla, von den

Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr beschäftigt taten mit

Errichtung einer großen Aktienbierbrauerei und Anlegung einer

Aktienhopfenpflanzung, da sie plötzlich auf den Gedanken gekommen

waren, eine solche stattliche Bieranstalt mit weitläufigen guten

Kellereien, Trinkhallen und Terrassen werde der Stadt einen neuen

Aufschwung geben und dieselbe berühmt und vielbesucht machen. Fritz

Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben keinen Anteil, allein er

kümmerte sich auch wenig um die Wahlen, so sehr er sich vor vier

Jahren gesehnt hatte, daran teilzunehmen. Er dachte sich, da alles gut

ginge im Lande, so sei kein Grund, den öffentlichen Dingen

nachzugehen, und die Maschine würde deswegen nicht stille stehen, wenn

er schon nicht wähle. Es war ihm unbequem, an dem schönen Tage in der

Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten; und, wenn man es recht

betrachtete, schien sogar ein Anflug von philisterhafter

Lächerlichkeit zu kleben an den diesjährigen Wahlen, da sie eine gar

so stille und regelmäßige Pflichterfüllung waren. Fritz scheuete die

Pflicht nicht; wohl aber haßte er nach Art aller jungen Leute kleinere

Pflichten, welche uns zwingen, zu ungelegener Stunde den guten Rock

anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns an einen höchst

langweiligen oder trübseligen Ort hinzubegeben, als wie ein Taufstein,

ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain jedoch hielt gerade

diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen, für unerträglich

und unverschämt, und weil eben niemand hinging, so wünschte sie

doppelt, daß ihr Sohn es täte. Sie steckte es daher hinter seine Frau

und trug dieser auf, ihn zu überreden, daß er am Wahltage ordentlich

in die Versammlung ginge und einem tüchtigen Manne seine Stimme gebe,

und wenn er auch ganz allein stände mit derselben. Allein mochte nun

das junge Weibchen nicht die nötige Beredsamkeit besitzen in einer

Sache, die es selber nicht viel kümmerte, oder mochte der junge Mann

nicht gesonnen sein, sich in ihr eine neue Erzieherin zu nähren und

großzuziehen, genug, er ging an dem betreffenden Morgen in aller Frühe

in seinen Steinbruch hinaus und schaffte dort in der warmen Maisonne

so eifrig und ernsthaft herum, als ob an diesem einen Tage noch alle

Arbeit der Welt abgetan werden müßte und nie wieder die Sonne aufginge

hernach. Da ward seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf,

daß er dennoch in die Kirche gehen solle; und sie band ihre immer noch

glänzend schwarzen Zöpfe auf, nahm einen breiten Strohhut darüber und

Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das

Städtchen hinaus, wo der weitläufige Steinbruch an der Höhe lag. Als

sie den langen krummen Fahrweg hinanstieg, auf welchem die Steinlasten

herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch seit zwanzig

Jahren in den Berg hineingegangen, und überschlug das unzweifelhafte

gute Erbtum, das sie erworben und zusammengehalten. Auf verschiedenen

Abstufungen hämmerten zahlreiche Arbeiter, welchen Fritz längst ohne

Werkführer vorstand, und zu oberst, wo grünes Buchenholz die frischen

weißen Brüche krönte, erkannte sie ihn jetzt selbst an seinem weißeren

Hemde, da er Weste und Jacke weggeworfen, wie er mit einem Trüppchen

Leute die Köpfe zusammensteckte über einem Punkte. Gleichzeitig aber

sah man sie und rief ihr zu, sich in acht zu nehmen. Sie duckte sich

unter einen Felsen, worauf in der Höhe nach einer kleinen Stille ein

starker Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings

herniederregneten. „Da glaubt er nun," sagte sie zu sich selbst, „was

er für Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt,

statt seine Pflicht als Bürger zu tun!" Als sie oben ankam und

verschnaufte, schien er, nachdem er flüchtig auf den Rock und Hut

geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern untersuchte

eifrig die Löcher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock

an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte,

sagte er: „Guten Tag, Mutter! Spazierest ein wenig? Schön ist das

Wetter dazu!" und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber

bei der Hand und führte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: „Hier

habe ich dir Rock und Hut gebracht, nun tu mir den Gefallen und geh zu

den Wahlen! Es ist eine wahre Schande, wenn niemand geht aus der

Stadt!" „Das fehlte auch noch," erwiderte Fritz ungeduldig, „jetzt

abermals bei diesem Wetter in der langweiligen Kirche zu sitzen und

Stimmzettel umherzubieten. Natürlich wirst du dann für den Nachmittag

schon irgendein Leichenbegängnis in Bereitschaft haben, wo ich wieder

mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz verschleudert werde! Daß ihr

Weibsleute unsereinen immer an Begräbnisse und Kindertaufen

hinspediert, ist begreiflich; daß ihr euch aber so sehr um die Politik

bekümmert, ist mir ganz etwas Neues!"

„Schande genug," sagte sie, „daß die Frauen euch vermahnen sollen zu

tun, was sich gebührt und was eine verschworene Pflicht und

Schuldigkeit ist!"

„Ei so tue doch nicht so," erwiderte Fritz, „seit wann wird denn der

Staat stille stehn, wenn einer mehr oder weniger mitgeht, und seit

wann ist es denn nötig, daß ich gerade überall dabei bin?"

„Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt," antwortete die Mutter,

„dies ist vielmehr verborgener Hochmut! Denn ihr glaubt wohl, daß ihr

müßt dabei sein, wenn es irgend darauf ankäme, und nur weil ihr den

gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch für zu

gut, dabei zu sein!"

„Es ist aber in der Tat lächerlich, allein dahin zu gehen," sagte

Fritz, „jedermann sieht einen hingehen, wo dann niemand als die

Kirchenmaus zu sehen ist."

Frau Amrain ließ aber nicht nach und erwiderte: „Es genügt nicht, daß

du unterlassest, was du an den Seldwylern lächerlich findest! Du mußt

außerdem noch tun grade, was sie für lächerlich halten; denn was

diesen Eseln so vorkommt, ist gewiß etwas Gutes und Vernünftiges! Man

kennt die Vögel an den Federn, so die Seldwyler an dem, was sie für

lächerlich halten. Bei allen kleinen Angelegenheiten, bei allen

schlechten Geschichten, eitlen Vergnügungen und Dummheiten, bei allem

Gevatter- und Geschnatterwesen befleißigt man sich der größten

Pünktlichkeit; aber alle vier Jahre einmal sich pünktlich und

vollzählig zu einer Wahlhandlung einzufinden, welche die Grundlage

unsers ganzen öffentlichen Wesens und Regimentes ist, das soll

langweilig, unausstehlich und lächerlich sein! Das soll in dem

Belieben und in der Bequemlichkeit jedes einzelnen stehen, der immer

nach seinem Rechte schreit, aber sobald dies Recht nur ein bißchen

auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin sucht, keines zu üben! Wie,

ihr wollt einen freien Staat vorstellen und seid zu faul, alle vier

Jahre einen halben Tag zu opfern, einige Aufmerksamkeit zu bezeigen

und eure Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Regiment, das ihr

vertragsmäßig eingesetzt, zu offenbaren? Sagt nicht, daß ihr immer da

wäret, wenn es sein müßte! Wer nur da ist, wenn es ihn belustigt und

seine Leidenschaft kitzelt, der wird einmal ausbleiben und sich eine

Nase drehen lassen, grade wenn er am wenigsten daran denkt.

Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so auch der, welcher für

das Wohl des Landes arbeitet und dessen öffentliche Dinge besorgt, die

in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das tiefste

eingreifen. Schon die alleräußerlichste Artigkeit und Höflichkeit

gegen die betrauten Männer erforderte es, wenigstens an diesem Tage

sich vollzählig einzufinden, damit sie sehen, daß sie nicht in der

Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbarn und das Beispiel für die

Kinder verlangen es ebenfalls, daß diese Handlung mit Kraft und Würde

begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und lächerlich,

die gleichen, welche täglich die größte Pünktlichkeit innehalten, um

einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden aberwitzigen Geschichte

beizuwohnen.

Wie, wenn nun die sämtlichen Behörden, über solche Unhöflichkeit

erbittert, euch den Sack vor die Tür würfen und auf einmal abtreten

würden? Sag' nicht, daß dies nie geschehen werde! Es wäre doch immer

möglich, und alsdann würde eure Selbstherrlichkeit dastehen, wie die

Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewöhnung, Ordnung und

regelrechte Ablösung oder kräftige Bestätigung ist in Friedenszeiten

diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerklich zu machen.

Wenigstens ist es die allerverkehrteste Anwendung oder Offenbarung

derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so beliebt!

Nimm mir nicht übel, das sind Kindesgedanken und Weibernücken; wenn

ihr glaubt, daß solche Aufführung euch wohl anstehe, so seid ihr im

Irrtum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden,

und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wißt, und

nur auf alle Fälle hin so ins Blaue hinein schlecht begründet

erscheinen, so wählt ihr nicht oder überlaßt die Handlung den

Nachtwächtern, damit, wie gesagt; vorkommendenfalls von eurem Neste

Seldwyla ausgeschrien werden könne, die öffentliche Gewalt habe keinen

festen Fuß im Volke. Bübisch ist aber dieses und es ist gut, daß eure

Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!"

„Ihr und immer ihr!" sagte Fritz ungehalten, „was hab' ich denn mit

diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und

Beweggründe haben, was geht das mich an?"

„Gut denn," rief Frau Regel, „so benimm dich auch anders als sie in

dieser Sache und geh' zu den Wahlen!"

„Damit", wandte ihr Sohn lächelnd ein, „man außerhalb sage, der

einzige Seldwyler, welcher denselben beigewohnt, sei noch von den

Weibern hingeschickt worden?"

Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: „Wenn es

heißt, daß deine Mutter dich hingeschickt habe, so bringt dir dies

keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tüchtiger

Gesell sich von seiner Mutter schicken läßt! Ich würde wahrhaftig

stolz darauf sein und du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu

meinem Vergnügen erweisen, nicht so?"

Fritz wußte hiergegen nichts mehr vorzubringen und zog den Rock an und

setzte den Bürgerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den Berg

hinunterging, sagte er: „Ich habe dich in meinem Leben nie so viel

politisieren hören, wie soeben, Mutter! Ich habe dir so lange Reden

gar nicht zugetraut!"

Sie lachte, erwiderte dann aber ernsthaft: „Was ich gesagt, ist

eigentlich weniger politisch gemeint, als gut hausmütterlich. Wenn du

nicht bereits Frau und Kind hättest, so würde es mir vielleicht nicht

eingefallen sein, dich zu überreden; so aber, da ich ein

wohlerhaltenes Haus von meinem Geblüte in Aussicht sehe, so halte ich

es für ein gutes Erbteil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen

das rechte Maß gehalten wird. Wenn die Söhne eines Hauses beizeiten

sehen und lernen, wie die öffentlichen Dinge auf rechte Weise zu ehren

sind, so bewahrt sie vielleicht gerade dies vor unrechten und

unbesonnenen Streichen. Ferner, wenn sie das eine ehren und

zuverlässig tun, so werden sie es auch mit dem andern so halten, und

so, siehst du, habe ich am Ende nur als fürsichtige häusliche

Großmutter gehandelt, während man sagen wird, ich sei die ärgste alte

Kannegießerin!"

In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs- oder

siebenhundert Männern kaum deren vier Dutzend, und diese waren beinahe

ausschließlich Landleute aus umliegenden Gehöften, welche mit den

Seldwylern zu wählen hatten. Diese Landleute hätten zwar auch eine

sechsmal stärkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die Ausgebliebenen

wirklich im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern arbeiteten, so

war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedankenlosigkeit und ein

bäuerlicher Geiz mit dem schönen Wetter, und weil sie einen weiten Weg

zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so löblicher.

Aus der Stadt selbst war niemand da als der Gemeindepräsident, die

Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu führen, dann

der Nachtwächter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld

hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frühschoppen zu trinken.

Der Herr Präsident aber war ein Gastwirt, welcher vor Jahren schon

falliert hatte und seither die Wirtschaft auf Rechnung seiner Frau

fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbürgern reichlich

unterstützt, da er ganz ihr Mann war, das große Wort zu führen wußte

und bei allen Händeln als ein erfahrener Wirt auf dem Posten war. Daß

er aber in Amt und Würden stand und hier den Wahlen präsidierte,

gehörte zu jenen Sünden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange

anhäuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib

rückte. Die Landleute wußten teilweise wohl, daß es nicht ganz richtig

war mit diesem Präsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu

häcklich, als daß sie etwas gegen ihn unternommen hätten, und so hatte

er sich bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier

Mitbürgern das Geschäft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser,

als er das Häuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens

nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr plötzlich ein unternehmender

Geist in ihn, daß er unversehens das Wort verlangte und gegen den

Präsidenten protestierte, da derselbe falliert und bürgerlich tot sei.

Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt

machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und

wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kühnen Redner um;

aber die Sache war so kindlich einfach, daß auch nicht ein Laut

dagegen ertönen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion

ließ sich eröffnen. Je unerhörter und unverhoffter das Ereignis war,

um so begreiflicher und natürlicher erschien es jetzt, und je

begreiflicher es erschien, um so zorniger und empörter waren die paar

Seldwyler gerade über diese Begreiflichkeit, über sich selbst, über

den jungen Amrain, über die heimtückische Trivialität der Welt, welche

das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um Große zu stürzen

und die Verhältnisse umzukehren. Der Herr Präsident Usurpator sagte

nach einer minutenlangen Verblüffung, nach welcher er wieder so klug

wie zu Anfang war, gar nichts, als: „Wenn--wenn man gegen meine Person

Einwendungen--allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche

ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Präsidenten zu

schreiten, und die Stimmenzähler, die betreffenden Stimmzettel

auszuteilen."

„Ihr habt überhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den

Stimmenzählern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem großen

Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes übrig, als das Unerhörte

abermals so begreiflich zu finden, daß es ans Triviale grenzte, und

ohne ein Wort weiter zu sagen, verließ er die Kirche, gefolgt von dem

bestürzten Nachtwächter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber

blieb, um das Protokoll weiterzuführen, und Fritz Amrain begab sich in

dessen Nähe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich

endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das

Wahlgeschäft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei

Mitglieder zwei tüchtige Männer aus ihrer Gegend zu wählen, die sie

schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend

Raum gegönnt hätten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der

nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, daß

ihr Präsident und der Nachtwächter unfehlbar die alten zwei Popanze

wählen würden, wie es auch ausgemacht war in einer flüchtigen

Viertelstunde in irgendeinem Hinterstübchen. Wie erstaunten sie daher,

als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Präsidenten

aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll

rechtskräftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig lächelnd

gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach

seiner Behausung schritt, wurde von den Bürgern aufgebracht, verlegen

und wild höhnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit

aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere

ein Ho! Fritz fühlte, daß er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde

habe, und zwar gefährlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei

und Pulver ausgezogen. Auch wußte er, da er so unerbittlich über einen

Mann gerichtet, der zwanzig Jahre älter war als er, daß er sich nun

doppelt wehren müsse, selber nicht in die Grube zu fallen, und so

hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht für ihn, als noch

vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und

gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prüfen, ob ihr diese

Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlaßt hatte,

sich in die Gefahr zu begeben.

Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel

ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: „Dein Vater ist

wiedergekommen!" Da sie aber sah, daß ihn dieser Bericht noch

verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, faßte sie sich,

nachdem sie den Sohn an sich gedrückt, und sagte: „Nun, er soll uns

nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde

zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals verändert; noch

vor wenig Augenblicken, da er auf der Straße ging, schien es ihm

höchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und

jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urplötzlich sich einem

Vater gegenüberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wußte, daß

er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze

Welt durchzogen während zwanzig Jahren und nun weiß der Himmel welch

ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. „Wo kommt er

denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn?" sagte

Fritz, und die Mutter erwiderte: „Er scheint irgendein Glück gemacht

und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Gebärden

dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte! Fremd und

wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen."

Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die

Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, während die Mutter in die

Küche huschte und auf einem andern Wege fast gleichzeitig in die Stube

trat; denn das dünkte sie nun der beste Lohn und Triumph für alle

Mühsal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen,

entgegentrat. Als Fritz die Türe öffnete und eintrat, sah er einen

großen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein

schien, wenn er zwanzig Jahre älter wäre. Der Fremde war fein, aber

unordentlich gekleidet, hatte etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen

und doch etwas Unstetes in seinem Blicke, als er jetzt aufstand und

ganz erschrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet

und nicht um eine Linie kürzer als er selbst. Aber um das Haupt des

Jungen wehten starke goldene Locken, und während sein Angesicht ebenso

ruhig-trotzig dreinsah, wie das des Alten, errötete er bei aller Kraft

doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der

verlegenen Unverschämtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: „So wirst

du also mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte:

„Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu

sehen!" Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmütig den

Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem

prahlerischen Druck schüttelte, um ihm seine große Kraft und Gewalt

anzukünden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so daß die

Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurückströmte und den ganzen

Mann gelinde erschütterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem

Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurückführte und ihn mit

freundlicher Bestimmtheit zu sitzen nötigte, da ward es dem

Zurückgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes

Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein

anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den

klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn

reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres

besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit,

als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne saß, etwas gemildert,

und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung

auszusprechen, daß es also mit ihnen gut stehen müsse, wie er zu

seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Übergang gab zu der

Auseinandersetzung ihrer Verhältnisse. Frau und Sohn suchten nun nicht

ängstlich zurückzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie legten ihm

offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermögens dar; Fritz holte die

Bücher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand

und Klarheit nach, daß er erstaunt die Augen aufsperrte über die gute

Geschäftsführung und über die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen

reckte er sich empor und sprach: „Da steht ihr ja herrlich im Zeuge

und habt euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch

nicht mit leeren Händen und habe mir einen Pfennig erworben, durch

Fleiß und Rührigkeit!" Und er zog einige Wechselbriefe hervor, sowie

einen mit Gold angefüllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und

es waren allerdings einige Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte

sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, daß er diese

Habe auf einmal durch irgendeinen Glücksfall erwischt, nachdem er sich

lange genug ärmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen

Staaten. „Dies wollen wir", sagte er, „nun sogleich in das Geschäft

stecken und mit vereinten Kräften weiter schaffen; denn ich habe eine

ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und

den Hunden etwas vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein

Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte:

„Vater, ich wollte Euch raten, daß Ihr vorderhand Euch ausruhet und es

Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind längst bezahlt und so könnet

Ihr Euer Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutdünkt, und ohnedies soll

es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschäft betrifft, so

habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und weiß nun, woran es lag,

daß es Euch damals mißlang. Ich muß aber freie Hand darin haben, wenn

es nicht abermals rückwärts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier

und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es

zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, daß Ihr es tut. Wenn Ihr aber nicht

nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wäret, so würde ich

Euch nicht zum förmlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr das Werk

nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhöflichkeit, nicht

versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede höchst verstimmt und

verlegen, wußte aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit großer

Entschiedenheit gesprochen war und er sah, daß sein Sohn wußte, was er

wollte. Er packte seine Reichtümer zusammen und ging aus, sich in der

Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshäuser; allein er fand

da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen

waren längst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er in Amerika

doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewöhnen müssen,

sein Gläschen stehend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der

einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er hatte ein tüchtiges

rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den

Amerikanern ein wenig abgerieben, so daß ihm diese ewige Sitzerei und

Schwätzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fühlte, daß er in seinem

wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wäre, als in diesen

Wirtshäusern, und kehrte unwillkürlich dahin zurück, ohne zu wissen,

ob er dort bleiben oder wieder fortgehen solle? So ging er in die

Stube, die man ihm eingeräumt; dort warf der alternde Mann seine

Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich rittlings auf einen

Stuhl, senkte den großen betrübten Kopf auf die Lehne und fing ganz

bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau herein, sah, daß er sich

elend fühlte, und mußte sein Elend achten. Sowie sie aber wieder etwas

an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe augenblicklich zurück. Sie

sprach nicht mit ihm, blieb aber den übrigen Teil des Tages in der

Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und

setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend ans Fenster, indem

sich erst nach und nach ein Gespräch zwischen den lange getrennten

Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wäre schwer zu schildern,

aber es ward beiden wohler zumut, und der alte Herr ließ sich von da

an von seinem wohlerzogenen Sohne nachträglich noch ein bißchen

erziehen und leiten ohne Widerrede und ohne daß der Sohn sich eine

Unkindlichkeit zuschulden kommen ließ. Aber der seltsame Kursus

dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein

gelassener und zuverlässiger Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen

Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blühenden

Hausstande Nachteile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden

und wohlbegütert und das Glück der Frau Regula Amrain wucherte so

kräftig in diesem Hause, daß auch die zahlreichen Kinder des Fritz vor

dem Untergang gesichert blieben. Sie selbst streckte sich, als sie

starb, im Tode noch stolz aus, und noch nie ward ein so langer

Frauensarg in die Kirche getragen und der eine so edle Leiche barg zu

Seldwyla.

* * * * *

DIE DREI GERECHTEN KAMMACHER

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 15 / 23 段