Als seine Mutter dies bemerkte und als sie überdies sah, daß er nicht

wie die anderen, die inzwischen auch gruppenweise zurückgeschlendert

kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu sich steckte und nach

dem Wirtshause eilte, um da den mißlungenen Feldzug

auseinanderzusetzen und sich nach den ermüdenden Nichttaten zu

stärken, sondern daß er eine Stunde lang schlief und dann schweigend

an seine Geschäfte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh und dachte,

dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen. Indessen dauerte

es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue Gelegenheit zeigte,

auszuziehen nach einer anderen Seite hin, und die Seldwyler auch

wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung sollte gestürzt

werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit eines andächtigen

gutkatholischen Landvolkes stützte. Da aber dies Landvolk seine

andächtige Gesinnung und politische Meinung ebenso handlich, munter

und leidenschaftlich betrieb und bei den Wahlvorgängen ebenso

geschlossen und prügelfertig zusammenhielt, wie die aufgeklärten Gegner,

so empfanden diese einen heftigen und ungeduldigen Verdruß, und es

wurde beschlossen, jenen vernagelten Dummköpfen durch einen mutigen

Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei, und zahlreiche

Parteigenossen umliegender Kantone hatten ihren Zuzug zugesagt, als ob

ein Hering zu einem Lachs würde, wenn man ihm den Kopf abbeißt und

sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in Zeiten des Umschwunges, wenn ein

neuer Geist umgeht, hat die alte Schale des gewohnten Rechtes keinen

Wert mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues Rechtsbewußtsein

muß erst erlernt und angewöhnt werden, damit „rechtlich am längsten

wäre", das heißt, solange der neue Geist lebt und währt, bis er wiederum

veraltet ist und das Auslegen und Zanken um die Schale des Rechtes von

neuem angeht. Als gewohnterweise wieder einige Dutzend Seldwyler

beisammen waren, um als ein tapferes Häuflein auszurücken und der

verhaßten Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain

guter Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegießer wären

diesmal recht angeführt, wenn sie glaubten, daß ihr Sohn mitginge; denn

nach ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets

durch eine einmalige Lehre sich gebessert, mußte es ihm jetzt nicht

einfallen mitzugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unversehens; als

sie ihn bei seinen Geschäften glaubte, im Hause, bürstete seine

starken Werkeltagskleider wohl aus und steckte die Bürste nebst

anderen Ausrüstungsgegenständen und einige Wäsche in eine

Reisetasche, welche er umhing, kreuzweise mit der wohlgefüllten

Patrontasche; dann ergriff er abermals sein Gewehr und senkte es zum

Gehen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und her

gezogen, um die Federkraft des Schlosses zu erproben.

„Diesmal", sagte er, „wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!"

und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es abermals

unmöglich war, ihn von seinem Tun abzuhalten, da sie Wohl sah, daß es

ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt plötzlich und sie

erbleichte einen Augenblick lang, während sie abermals mit

Wohlgefallen seine Entschlossenheit bemerkte. Die Seldwyler Schar

kehrte am nächsten Tage ganz in der alten Weise zurück, ohne noch zu

wissen, wie es auf dem Kampfplatze ergangen; denn da sie die Grenze

ein bißchen überschritten hatten, fanden sie das dasige Ländchen sehr

aufgeregt und die Bauern darüber erbost, daß man solchergestalt auf

ihrem Territorium erscheine, wie zu den Zeiten des Faustrechtes. Sie

stellten jedoch kein Hindernis entgegen, sondern standen nur an den

Wegen mit spöttischen Gesichtern, welche zu sagen schienen, daß sie

die Eindringlinge einstweilen vorwärts spazieren lassen, aber auf dem

Rückwege dann näher ansehen wollten. Dies kam den Seldwylern gar nicht

geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene Eintreffen

anderer Zuzüge abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als diese aber nicht

kamen und ein Gerücht sich verbreitete, der Putsch sei schon vorüber

und günstig abgelaufen, machten sie sich endlich wieder auf den

Rückweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher seelenallein und

trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten durch das

gegnerische Gebiet wegmarschierte auf dessen Hauptstadt zu. Denn er

hatte, indem er seine Gefährten zechen und schwatzen ließ, sich

erkundigt und vernommen, daß ein Häuflein Bursche aus dem Geburtsorte

seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen würde, und zu diesen

gedachte er zu stoßen. Er erreichte sie auch ohne Gefährde, weil er

rasch und unbekümmert seinen Weg ging, und drang mit ihnen ungesäumt

vorwärts. Allein die Sache schlug fehl, jene schwankhafte Regierung

behauptete sich für diesmal wieder durch einige günstige Zufälle, und

sobald diese sich deutlich entwickelt, tat sich das Landvolk zusammen,

strömte der Hauptstadt zu in die Wette mit den Freizügern und

versperrte diesen die Wege, so daß Fritz und seine Genossen, noch ehe

sie die Stadt erreichten, zwischen zwei großen Haufen bewaffneter

Bauern gerieten, und, da sie sich mannlich durchzuschlagen gedachten,

ein Gefecht sich unverweilt entspann. So sah sich denn Fritz

angesichts fremder Dorfschaften und Kirchtürme ladend, schießend und

wieder ladend, indessen die Glocken stürmten und heulten über den

verwegenen Einbruch und den Verdruß des beleidigten Bodens auszuklagen

schienen. Wo sich die kleine Schar hinwandte, wichen die Landleute mit

großem Lärm etwas zurück; denn ihre junge Mannschaft war im

Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen worden, und was sich hier

den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr aus alten und ganz jungen

unerwachsenen Leuten, von Priestern, Küstern und selbst Weibern

angefeuert. Aber sie zogen sich dennoch immer dichter zusammen, und

nachdem erst einige unter ihnen verwundet waren, stellte gerade dieser

dunkle Saum erschreckter alter Menschen, Weiber und Priester, die sich

zusammen den Landsturm nannten, das aufgebrachte und beleidigte Gebiet

vor und die Glocken schrien den Zorn über alles Getöse hinweg weit in

das Land hinaus. Aber der drohende Saum zog sich immer enger und enger

um die fechtenden Parteigänger, einige entschlossene und erfahrene

Alte gingen voran, und es dauerte nicht mehr lange, so waren die

Freischärler gefangen. Sie ergaben sich ohne weiteres, als sie sahen,

daß sie alles gegen sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen

Kriege vom Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein

anderer und kränkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbürgern

als ein gewalttätiger politischer Widersacher gefangen zu werden, ist

so demütigend und kränkend, als irgend etwas auf Erden sein kann. Kaum

waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle möglichen

Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischärler,

Räuber, Buben waren noch die mildesten Ausrufe, die sie zu hören

bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde

Tiere, und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto

erboster schienen die Bauern darüber zu werden, daß solche Leute

solche Streiche machten.

So hatten sie nun nichts weiter zu tun, als zu stehen oder zu gehen,

wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem vielköpfigen

Souverän beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen wollen. Und er

übte es jetzt in reichlichem Maße aus und es fehlte nicht an Knüffen

und Püffen, wenn die Herren Gefangenen sich trotzig zeigten oder nicht

gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute Lehre zu: „Wäret ihr

zu Hause geblieben, so brauchtet ihr uns nicht zu gehorchen! Wer hat

euch hergerufen? Da ihr uns regieren wolltet, so wollen wir nun euch

auch regieren, ihr Spitzbuben! Was bezieht ihr für Gehalt für euer

Geschäft, was für Sold für euer Kriegswesen? Wo habt ihr eure

Kriegskasse und wo euren General? Pflegt ihr oft auszuziehen ohne

Trompeter, so in der Stille? Oder habt ihr den Trompeter

heimgeschickt, um euren Sieg zu verkünden? Glaubtet ihr, die Luft in

unserm Gebiet sei schlechter als eure, da ihr kamet, sie mit

Bleikugeln zu peitschen? Habt ihr schon gefrühstückt, ihr Herren? Oder

wollt ihr ins Gras beißen? Verdienen würdet ihr es wohl! Habt ihr

geglaubt, wir hätten hier keinen ordentlichen Staat, wir stellten gar

nichts vor in unserem Ländchen, daß ihr da rottenweise herumstreicht

ohne Erlaubnis? Wolltet ihr Füchse fangen oder Kaninchen? Schöne

Bundesgenossen, die uns mit dem Schießprügel in der Hand unser gutes

Recht stellen wollen! Ihr könnt euch bei denen bedanken, die euch

hergerufen; denn man wird euch eine schöne Mahlzeit anrichten! Ihr

dürfet einstweilen unsere Zuchthauskost versuchen; es ist eine ganz

entschiedene Majorität von gesunden Erbsen, gewürzt mit dem Salze

eines handlichen Strafgesetzes gegen Hochverrat, und wenn ihr Jahr und

Tag gesessen habt, so wird man euch erlauben, zur Feier eures

glorreichen Einzuges auch eine kleine Minorität von Speck zu

überwältigen, aber beißt euch alsdann die Zähne nicht daran aus! Es

geht allerdings nichts über einen gesunden Spaziergang und ist

zuträglich für die Gesundheit, insbesondere wenn man keine regelmäßige

Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man muß sich doch immer in

acht nehmen, wo man spazieren geht, und es ist unhöflich, mit dem Hut

auf dem Kopfe in eine Kirche und mit dem Gewehr in der Hand in ein

friedfertiges Staatswesen hereinzuspazieren! Oder habt ihr geglaubt,

wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch Religion haben und unsere

Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefällt uns einmal so, und wir

wohnen gerade so lang im Lande, als ihr, ihr Maulaffen, die ihr nun

dasteht und euch nicht zu helfen wißt!"

So tönte es unaufhörlich um sie her, und die Beredsamkeit der Sieger

war um so unerschöpflicher, als sie das gleiche, dessen sie ihre

Gegner nun anklagten, entweder selbst schon getan oder es jeden

Augenblick zu tun bereit waren, wenn die Umstände und die persönliche

Rüstigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die beredteste Entrüstung

verlauten läßt, wenn ein Kleinod, das er selbst gestohlen, ihm

abermals entfremdet wird. Denn der Mensch trägt die unbefangene

Schamlosigkeit des Tieres geradeswegs in das moralische Gebiet hinüber

und gebärdet sich da im guten Glauben an das nützliche Recht seiner

Willkür so naiv, wie die Hündlein auf den Gassen. Die gefangenen

Freischärler mußten indessen alles über sich ergehen lassen und waren

nur bedacht, durch keinerlei Herausforderung eine körperliche

Mißhandlung zu veranlassen. Dies war das einzige, was sie tun konnten

und die Älteren und Erfahreneren unter ihnen ertrugen das Übel mit

möglichstem Humor, da sie voraussahen, daß die Sache nicht so

gefährlich abliefe, als es schien. Der eine oder andere merkte sich

ein schimpfendes Bäuerlein, das in seinem Laden etwa eine Sense oder

ein Maß Kleesamen gekauft und schuldig geblieben war, und gedachte,

demselben seinerzeit seine beißenden Anmerkungen mit Zinsen

zurückzugeben, und wenn ein solches Bäuerlein solchen Blick bemerkte

und den Absender erkannte, so hörte es darum nicht plötzlich auf zu

schelten, aber richtete unvermerkt seine Augen und seine Worte

anderswohin in den Haufen und verzog sich allmählich hinter die Front;

so gemütlich und seltsam spielen die Menschlichkeiten durcheinander.

Fritz Amrain aber war im höchsten Grade niedergeschlagen und trostlos.

Zwei oder drei seiner Gefährten waren gefallen und lagen noch da,

andere waren verwundet und er sah den Boden um sich her mit Blut

gefärbt; sein Gewehr und seine Taschen waren ihm abgenommen, ringsum

erblickte er drohende Gesichter, und so war er plötzlich aus seiner

bedachtlosen und fieberhaften Aufregung erwacht, der Sonnenschein des

lustigen Kampftages war verwischt und verdunkelt, das lustige Knallen

der Schüsse und die angenehme Musik des kurzen Gefechtslärmens

verklungen, und als nun gar endlich die Behörden oder

Landesautoritäten sich hervortaten aus dem Wirrsal und eine trockene

geschäftliche Einteilung und Abführung der Gefangenen begann, war es

ihm zumute wie einem Schulknaben, welcher aus einer mutwilligen

Herrlichkeit, die ihm für die Ewigkeit gegründet und höchst rechtmäßig

schien, unversehens von dem häßlichsten Schulmeister aufgerüttelt und

beigesteckt wird, und der nun in seinem Gram alles verloren und das

Ende der Welt herbeigekommen wähnt. Er schämte sich, ohne zu wissen

vor wem, er verachtete seine Feinde und war doch in ihrer Hand. Er war

begeistert gewesen, gegen sie auszuziehen, und doch waren sie jetzt in

jeder Hinsicht in ihrem Rechte; denn selbst ihre Beschränktheit oder

ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum und es gab kein

Mandat dagegen, als dasjenige des Erfolges, der nun leider

ausgeblieben war. Die leidenschaftlich erbosten Gesichter aller dieser

bejahrten und gefurchten Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg

trotzten, traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer

seltsamen Deutlichkeit vor die Augen; überall, wo er durchgeführt

wurde, gab es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln

und nicht mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und

trefflich beleuchtet einprägten als ebenso viele Vorwürfe,

Beleidigungen und Strafgerichte. Je näher der Zug der Gefangenen der

Stadt kam, desto lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit

Soldaten und bewaffneten Landleuten angefüllt, welche sich um die neu

befestigte Regierung scharten, und die Gefangenen wurden im Triumphe

durchgeführt. Von der Opposition, welche gestern noch so mächtig

gewesen, daß sie um die Herrschaft ringen konnte, und sich bewegte,

wie es ihr gefiel, war nicht die leiseste Spur mehr zu erblicken; es

war eine ganz andere grobe und widerstehende Welt, als sich Fritz

gedacht hatte, welche sich für unzweifelhaft und aufs beste begründet

ausgab und nur verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage

stellen und angreifen können. Denn jeder tanzt, wenn seine Geige

gestrichen wird, und wenn viele Menschen zusammen sich was einbilden,

so blähet sich eine Unendlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber

waren die Gefangenen in Türmen und andern Baulichkeiten untergebracht,

alle schon bewohnt von ähnlichen Unternehmungslustigen, und so befand

sich auch Fritz hinter Schloß und Riegel und war es erklärlich, daß er

nicht mit den Seldwylern zurückgekehrt war. Diese rächten sich für

ihren mißlungenen Zug dadurch, daß sie den sieghaften Gegnern auf der

Stelle die abscheulichste und rücksichtsloseste Rachsucht zuschrieben

und daß jeder, der entkommen war, es als für gewiß annahm, die

Gefangenen würden erschossen werden. Es gab Leute, die sonst nicht

ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und wieder sagten,

daß die fanatisierten Bauern gefangene Freischärler zwischen zwei

Bretter gebunden und entzweigesägt oder auch etliche derselben

gekreuzigt hätten.

Sobald Frau Regula diese Übertreibungen und dies unmäßige Mißtrauen

vernahm, verlor sie die Hälfte des Schreckens, welchen sie zuerst

empfunden, da die Torheit der Leute ihren Einfluß auf die

Wohlbestellten immer selbst reguliert und unschädlich macht. Denn

hätten die Seldwyler nur etwa die Befürchtung ausgesprochen, die

Gefangenen könnten vielleicht wohl erschossen werden nach dem

Standrecht, so wäre sie in tödlicher Besorgnis geblieben; als man aber

sagte, sie seien entzweigesägt und gekreuzigt, glaubte sie auch jenes

nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von ihrem

Sohne, laut welchem er wirklich eingetürmt war und sie um die

sofortige Erlegung einer Geldbürgschaft bat, gegen welche er entlassen

würde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise freigegeben

worden. Denn die sieghafte Regierung war in großen Geldnöten und

verschaffte sich auf diese Weise einige willkommene außerordentliche

Einkünfte, da sie nachher nur die hinterlegten Summen in ebenso viele

Geldbußen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain steckte den Brief ganz

vergnügt in ihren Busen und begann gemächlich und ohne sich zu

übereilen, die erforderlichen Geldmittel beizubringen und

zurechtzulegen, so daß wohl acht Tage vergingen, ehe sie Anstalt

machte, damit abzureisen. Da kam ein zweiter Brief, welchen der Sohn

Gelegenheit gefunden, heimlich abzuschicken und worin er sie beschwor,

sich ja zu eilen, da es ganz unerträglich sei, seinen Leib dergestalt

in der Gewalt verhaßter Menschen zu sehen. Sie wären eingesperrt wie

wilde Tiere, ohne frische Luft und Bewegung, und müßten Habermus und

Erbsenkost aus einer hölzernen Bütte gemeinschaftlich essen mit

hölzernen Löffeln. Da schob sie lächelnd ihre Abreise noch um einige

Tage auf, und erst als der eingepferchte Tatkräftige volle vierzehn

Tage gesessen, nahm sie ein Gefährt, packte die Erlösungsgelder nebst

frischer Wäsche und guten Kleidern ein und begab sich auf den Weg. Als

sie aber ankam, vernahm sie, daß ehestens eine Amnestie ausgesprochen

würde über alle, die nicht ausgezeichnete Rädelsführer seien, und

besonders über die Fremden, da man diese nicht unnütz zu füttern

gedachte und jetzt keine eingehenden Gelder mehr erwartete. Da blieb

sie noch zwei oder drei Tage in einem Gasthofe, bereit, ihren Sohn

jeden Augenblick zu erlösen, der übrigens seiner Jugend wegen nicht

sehr beachtet wurde. Die Amnestie würde auch wirklich verkündet, da

diesmal die siegende Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte:

im Siege selbst, und nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewußtsein

und ihre Genugtuung zu finden. So fand denn der verzweifelte Fritz

seine Mutter an der Pforte des Gefängnisses seiner harrend. Sie

speiste und tränkte ihn, gab ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst

der geretteten Bürgschaft von dannen. Als er sich nun wohlgeborgen und

gestärkt neben seiner Mutter sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so

lange habe sitzen lassen? Sie erwiderte kurz und ziemlich vergnügt,

wie ihm schien, daß das Geld eben nicht früher wäre aufzutreiben

gewesen. Er kannte aber den Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl

und wußte genau, wo die Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er

ließ also diese Ausflucht nicht gelten und fragte abermals. Sie

meinte, er möchte sich nur zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in

dem Turme ein gutes Stück Geld verdient und überdies Gelegenheit

erhalten, eine schöne Erfahrung zu machen. Gewiß habe er diesen oder

jenen vernünftigen Gedanken zu fassen die Muße gehabt. „Du hast mich

am Ende absichtlich stecken lassen," erwiderte er und sah sie groß an,

„und hast mir in deinem mütterlichen Sinne das Gefängnis förmlich

zuerkannt?" Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und

lustig in dem rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als

er hierauf nicht wußte, welches Gesicht er machen sollte, und seltsam

die Nase rümpfte, umhalste sie ihn noch lauter lachend und gab ihm

einen Kuß. Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun

an, daß er in dem Gefängnis in der Tat etwas gelernt habe.

Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und

geschlossener zusammen und geriet nie wieder in Versuchung, durch eine

unrechtmäßige oder leichtsinnige Tatlust eine Gewalt herauszufordern

und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand

zu Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die

Ereignisse nicht zum voraus gezählt werden können und niemand seinem

Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fließt; aber er

war nun sicher vor jeder nur äußerlichen und unbedachten Kampflust.

Diese Erfahrung wirkte überhaupt dermaßen auf den jungen Mann, daß er

mit verdoppeltem Fortschritt an Tüchtigkeit in allen Dingen zuzunehmen

schien und den Sachen schon mit voller Männlichkeit vorstand, als er

kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm deswegen nun die junge

Frau, welche er wünschte, und nach Verlauf eines Jahres, als er

bereits ein kleines hübsches Söhnchen besaß, war er zwar immer

wohlgemut, aber um so ernsthafter und gemessener in seinen fleißigen

Geschäften, als seine Frau lustig, voll Gelächter und guter Dinge war;

denn es gefiel ihr über die Maßen in diesem Hause und sie kam

vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich sie von dieser

verschieden und wieder eine andere Art von gutem Charakter war.

So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste

gekrönt, um der Zukunft mit Ruhe entgegenzusehen; denn auch die beiden

älteren Söhne, welche zwar trägen Wesens, aber sonst gutartig waren,

hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich durchgeschleppt, und

als dieselben herangewachsen, die Vorsicht gebraucht, sie in anderen

Städten in die Lehre zu geben, wo sie denn auch blieben und ihr

ferneres Leben begründeten als ziemlich bequemliche, aber sonst

ordentliche Menschen, von denen nachher so wenig zu sagen war, wie

vorher.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 14 / 23 段