Bangigkeit aufmerkte, wann und wie man etwa ihr Kind verderben wolle,
ergab sich bald eine Gelegenheit für ihr mütterliches Einschreiten. Es
wurde eine große Hochzeit gefeiert auf dem Rathause und das
neuvermählte Paar gehörte den geräuschvollsten und lustigsten Kreisen
an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der Schweiz, gibt
es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball am Abend
stattfinden, zweierlei Gäste: die eigentlichen geladenen
Hochzeitsgäste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche
ihnen scherzhafte Hochzeit- oder Tafelgeschenke überbringen mit
allerlei Witzen, Gedichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu
diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu
überbringenden Geschenk entsprechen, und sind maskiert, indem jeder
seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl
begibt, seine Gabe überreicht und seine Rede hält. Fritz Amrain hatte
sich schon vorgenommen, einem kleinen Bäschen einige Geschenke zu
bringen, und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Mädchen noch
sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein, weniger das Bäschen
lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen
von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Fröhlichkeit, wenn
viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmutig geschildert worden.
Er war nur noch unschlüssig, welche Verkleidung er wählen sollte, um
auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschloß er sich
auf den Rat einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine
Mutter war eben ausgegangen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach
Hause gelaufen kam und denselben sogleich ins Werk setzte. Ohne
Schlimmes zu ahnen, geriet er über den Kleiderschrank seiner Mutter
und warf da so lange alles durcheinander, von einem lachenden
Dienstmädchen unterstützt, bis er die besten und buntesten
Toilettenstücke zusammengesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das
schönste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei
feierlichen Gelegenheiten trug, und wühlte dazu aus den reichlichen
Schachteln Krausen, Bänder und sonstigen Putz hervor. Zum Überfluß
hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem
Gröbsten geputzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls
angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug,
indem sie vornehmlich seinen blonden Kopf auf das zierlichste
frisierten und seine Brust mit einem sachgemäßen Frauenbusen
ausschmückten. Indem er so auf seinem Stuhle saß und diese Bemühungen
der wenig schüchternen Mädchen um sich geschehen ließ, errötete er
einmal um das andere und das Herz klopfte ihm vor erwartungsvollem
Vergnügen, während zugleich das böse Gewissen sich regte und ihm
anfing zuzuflüstern, die Sache mochte doch nicht so recht in der
Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem Rathause zuzog,
ein Körbchen mit den Geschenken tragend, sah er so verschämt und
verwirrt aus, wie ein wirkliches Mädchen, und schlug die Augen nieder,
und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er den allgemeinen
Beifall besonders der versammelten Frauen. Während der Zeit war aber
seine Mutter nach Hause zurückgekehrt und sah ihren offenstehenden
Kleiderschrank sowie die Verwüstung, die er in Schachteln und Kästen
angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu welchem Ende hin dies
geschehen und daß ihre Hoffnung in Weiberkleidern, und noch dazu in
ihren besten, ausgezogen sei, überfiel sie erst ein großer Zorn, dann
aber eine noch größere Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter,
einen jungen Menschen in das Lotterleben zu bringen, als wenn er in
Weiberkleidern auf eine Seldwyler Hochzeit ging. Sie ließ daher ihr
Abendessen ungenossen stehen und ging eine Stunde lang in der größten
Unruhe umher, nicht wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren
entreißen sollte. Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen
und dadurch zu beschämen; auch fürchtete sie nicht mit Unrecht, daß er
würde zurückgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen
dürfte. Und dennoch fühlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht
auf eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen
werden könne. Sie entschloß sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe
ließ, ihren Sohn selbst wegzuholen, und da sie mannigfacher
Beziehungen wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein
Stündchen auf der Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um
und wählte einen Anzug, ein wenig besser als der alltägliche und doch
nicht festlich genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen
Versammlung zu verraten. So begab sie sich also nach dem Rathaus, nur
von dem Dienstmädchen begleitet, welches ihr eine Laterne vorantrug.
Sie betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die
Lustbarkeit mit den Geschenken war schon vorüber und die Überbringer
derselben hatten ihre Masken abgenommen und sich unter die übrigen
Gäste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige
Herrengesellschaften, die teils Karten spielten, teils zechten, und so
stieg sie die Treppe nach einer altertümlichen Galerie hinauf, von wo
man den Saal übersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese Galerie
war mit allerlei Volk angefüllt, das nicht im Flor war und hier dem
Tanze zusehen durfte wie etwa die Einwohner einer Residenz einer
Fürstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball
übersehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine
Lüsternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und lächerlichen
Zeremoniell zur Not verdeckte. Denn dies hätten die Seldwyler nicht
anders getan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit!
und wenn sie mit wenig Mühe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen
noblen Balles geben oder genießen konnten, warum sollten sie es
unterlassen?
Fritzchen Amrain aber war unter den Tanzenden nicht zu erblicken, und
je länger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand
sie ihn. Je länger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wünschte sie
ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgnis, sondern auch um
wirklich zu schauen, wie er sich eigentlich ausnähme und ob er in
seiner Dummheit nicht noch die Lächerlichkeit zum Leichtsinn
hinzugefügt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene schlottrige
Weibsperson sich weiß Gott wo herumtreibe? In diesen Untersuchungen
geriet sie auf einen Seitengang der hohen Galerie, welcher mit einem
Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und bestimmt war,
Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber ging in das
kleinere Ratszimmer, ein altes gotisches Gemach, und war hoch an
dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig lüftete und
in das tiefe Gemach hinunterschaute, welches durch einen seltsamen
Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war, erblickte
sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und
Fröhlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer
hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheiratete, Frauen, deren
Männer sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen
und prahlerischen Satze. Diese Frauen saßen in einem engen Halbkreise
und vor ihnen ebensoviel junge Männer, die ihnen den Hof machten.
Unter letzteren war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter
hierüber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als
beruhigend anzusehen war. Denn als sie dieselben einzeln musterte,
waren es lauter jüngere Frauen, welche jede auf ihre Weise für
gefährlich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen,
doch eines geheimnisvollen Rufes genoß, was bei der herrschenden
Duldsamkeit immer noch genug war. Da saß erstens die nicht häßliche
Adele Anderau, welche üppig und verlockend anzusehen war, ohne daß man
recht wußte, woran es lag, und welche alle jungen Leute jezuweilen mit
halbgeschlossenen Augen so anzublicken wußte in einem windstillen
Augenblick, daß sie einen seltsamen Funken von hoffnungsreichem
Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn derselben ließ sie
schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto regelmäßiger den
elften in einer sichern Stunde zu beglücken. Da war ferner die
leidenschaftliche Julie Haider, welche ihren Mann öffentlich und vor
so vielen Zeugen als möglich stürmisch liebkoste, die glühendste
Eifersucht auf ihn an den Tag legte und fortwährend der Untreue
anklagte, dies alles solange, bis irgendein dritter den fühllosen
Gatten beneidete und solcher Leidenschaftlichkeit teilhaftig zu werden
trachtete. Da trauerte auch die sanfte Emmeline Ackerstein, welche
eine Dulderin war und von ihrem Manne mißhandelt wurde, weil sie gar
nichts gelernt hatte und das Hauswesen vernachlässigte; diese sah
bleich und schmachtend aus und sank mit Tränen dem in die Arme, der
sie trösten mochte. Auch die schlimme Lieschen Aufdermaur war da,
welche solange Klatschereien und Zänkereien anrichtete, bis irgendein
Aufgebrachter, den sie verleumdet, sie unter vier Augen in die Klemme
brachte und sich an ihr rächte. Dann folgte, außer zwei oder drei
aufgeweckten Wesen, welche ohne weitere Begründungen schlechtweg taten
was sie mochten, die stille Theresa Gut, welche äußerst teilnahmlos
weder rechts noch links sah, niemandem entgegenkam und kaum
antwortete, wenn man sie anredete, welche aber, zufällig in ein
Abenteuer verwickelt und angegriffen, unerwarteterweise lachte wie
eine Närrin und alles geschehen ließ. Endlich saß auch dort das
leichtsinnige Käthchen Amhag, welches immer eine Menge heimlicher
Schulden zu tragen hatte.
Nachdem Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises
erkannt, wollte sie eben Gott danken, daß ihr Sohn wenigstens auch da
nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Gestalt zwischen
ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblick nicht kannte, obgleich
sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein großes
prächtig gewachsenes Wesen von amazonenhafter Haltung und mit einem
kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschämt und verliebt unter
den lustigen Frauen saß und von ihnen sehr aufmerksam behandelt wurde.
Beim zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr violettes
Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe saß, und
mußte sich auch gestehen, daß er ganz geschickt und reizend ausgeputzt
sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie ihn seine eine
Nachbarin küßte, infolge irgendeines Unterhaltungsspieles, das die
fröhliche Gesellschaft eben beschäftigte, und wie er gleichzeitig die
andere Nachbarin küßte, und nun hielt sie den Zeitpunkt für gekommen,
wo sie ihrem Sohne den Dienst, welchen er ihr als fünfjähriges
Knäblein geleistet, erwidern konnte.
Sie stieg ungesäumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die
überraschte Gesellschaft bescheiden und höflich begrüßend. Alles erhob
sich verlegen; denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in der
Stadt, so flößte sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die jungen
Männer grüßten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung, und um so
aufrichtiger, je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber wollte
keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt etwa
schlecht stände und nicht mit ihr umzugehen wüßte, weshalb sie sich
mit großem Geräusch um sie drängten, als sie sich von ihrer
Überraschung etwas erholt. Am verblüfftesten war jedoch Fritz, welcher
nicht mehr wußte, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu gebärden
habe; denn dies war jetzt plötzlich sein erster Schrecken und er bezog
den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen, nur auf die
gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch nicht ernstlich
in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der Scherz zu
gewöhnlich und erlaubt schien. Als alle sich wieder gesetzt hatten und
nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstündchen freundlich mit den
jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und sagte
ihm, er möchte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle. Als er
sich dazu ganz bereit erklärte, flüsterte sie ihm aber mit strengem
Tone zu: Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so konnte ich
die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du wirst so gut
sein und erst heimlaufen, um Kleider anzuziehen, die dir besser
stehen, als diese hier!"
Erst jetzt merkte er, daß die Sache nicht richtig sei; tief errötend
machte er sich fort, und als er über die Straße eilte und das
rauschende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Füße schlug, während der
Nachtwächter ihm verdächtig nachsah, merkte er erst recht, daß das
eine ungeeignete Tracht wäre für einen jungen Republikaner, in der man
niemandem ins Gesicht sehen dürfe. Als er aber, zu Hause angekommen,
sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, daß nun die Mutter allein
unter dem Volke auf dem Rathause sitze, und dieser Gedanke machte ihn
plötzlich und sonderbarerweise so zornig und besorgt um ihre Ehre, daß
er sich beeilte nur wieder hinzukommen und sie abzuholen. Auch glaubte
er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu erweisen, daß er so
pünktlich wieder erschien, und alle etwaigen Unebenheiten dadurch aufs
schönste ausgeglichen. Frau Amrain aber empfahl sich der Gesellschaft
und ging ernst und schweigsam neben ihrem Sohne nach Hause. Dort
setzte sie sich seufzend auf ihren gewohnten Sessel und schwieg eine
Weile; dann aber stand sie auf, ergriff das daliegende Staatskleid und
zerriß es in Stücken, indem sie sagte: Das kann ich nun wegwerfen,
denn tragen werde ich es nie mehr!"
Warum denn?" sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. Wie werde
ich," erwiderte sie, ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn
unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?"
Und sie brach in Tränen aus und hieß ihn zu Bette gehen. Hoho", sagte
er, als er ging, das wird denn doch nicht so gefährlich sein." Er
konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der
unterbrochenen Lustbarkeit als auch von den Worten der Mutter
aufgeregt war; es gab also Muße, über die Sache nachzudenken, und er
fand, daß die Mutter einigermaßen recht habe, aber er fand dies nur
insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben
vergnügt hatte. Auch fühlte er sich durch diese Auslegung eher
geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und
die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der
Sache näher. Es wurde kein Wort mehr darüber gesprochen; aber Fritz
war für einmal gerettet, denn er schämte sich vor seiner Mutter mehr,
als vor der ganzen übrigen Welt.
Während einiger Monate fand sie keine Ursache, neue Besorgnisse zu
hegen, bis eines Tages, als ein blühendes junges Landmädchen sich
einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt
betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend,
ihm die Wangen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darüber und
ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Mädchen wurde rot und
zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau
Amrain dies sah, hielt sie es zurück und nahm es mit einiger
Überredung in ihren Dienst. Nun muß es biegen oder brechen, dachte sie
und fühlte gleichzeitig, daß auf dem bisherigen, bloß verneinenden
Wege dies Blut sich nicht länger meistern ließ. Sie näherte sich
deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit seinem Vesperbrote
sich unter eine schattige Rebenlaube gesetzt hatte hinter dem Hause,
von wo man zum Teil hinaus in die Ferne sah nach blauen Höhenstrichen,
wo andere Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um seine Schultern, sah
ihm freundlich in die Augen und sagte: Lieber Fritz! Sei mir jetzt
nur noch zwei oder drei Jährchen brav und gehorsam, und ich will dir
das schönste und beste Frauchen verschaffen aus meinem Ort, daß du dir
was darauf einbilden kannst!"
Fritz schlug errötend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und
erwiderte mürrisch: Wer sagt denn, daß ich eine Frau haben wolle?"
Du sollst aber eine haben!" versetzte sie, und wie ich sage, eine
von guter und schöner Art; aber nur, wenn du sie verdienst; denn ich
werde mich hüten, eine rechtschaffene Tochter hierher ins Elend zu
bringen!" Damit küßte sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit
nicht getan, und ging ins Haus zurück.
Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zumute und von Stund an waren
seine Gedanken auf eine solche gute und schöne Frau gerichtet, und
diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschäftigten ihn so
anhaltend, daß er darüber keine Frauensperson in Seldwyla mehr ansah.
Die Zärtlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen beigebracht,
gab seinen Wünschen eine innigere und edlere Richtung, und er fühlte
sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er wartete aber die
zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab, sondern fing
schon in der nächsten Zeit an, an schönen Sonntagen ins Land hinaus zu
gehen und insbesondere in der Heimat der Mutter herumzukreuzen. Er war
bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde von den Verwandten und
Freunden seiner Mutter um so freundlicher aufgenommen, als sie großes
Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling fanden und er zudem eine Art
Merkwürdigkeit war als ein wohlgeratener, fester und nicht
prahlerischer Seldwyler. Er machte sich ordentlich heimisch in jenen
Gegenden, was seine Mutter wohl merkte und geschehen ließ, aber sie
ahnte nicht, daß er, ehe sie es vermutete, schon in bester Form einen
Schatz hatte, der ihm allen von der Mutter ihm gemachten
Vorspiegelungen vollkommen zu entsprechen schien. Als sie davon
erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll Besorgnis, wer es sein
möchte, und fand zu ihrer frohen Verwunderung, daß er nun gänzlich auf
einem guten Wege sei; denn sie mußte den Geschmack und das Urteil des
Sohnes nur loben und ebenso dessen ungetrübte Treue und Fröhlichkeit,
mit welcher er dem erwählten Mädchen anhing, so daß sie sich aller
weitern Zucht und aller Listen endlich enthoben sah.
Diese Klippe war unterdessen kaum glücklich umschifft, als sich eine
andere zeigte, welche noch gefährlicher zu werden drohte, und der Frau
Regula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn die
Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisieren und damit
mehr als durch alles andere in die Gemeinschaft seiner Mitbürger
gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner Jugend,
seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner
persönlichen Pflichterfüllung und aus anererbtem Mutterwitz. Obgleich
man nach gewöhnlicher oberflächlicher Anschauungsweise etwa hätte
meinen können, Frau Amrain wäre aristokratischer Gesinnung gewesen,
weil sie die meisten Leute verachten mußte, unter denen sie lebte, so
war dem doch nicht also; denn höher und feiner als die Verachtung ist
die Achtung vor der Welt im ganzen. Wer freisinnig ist, traut sich und
der Welt etwas Gutes zu und weiß mannhaft von nichts anderem, als daß
man hierfür einzustehen vermöge, während der Unfreisinn oder der
Konservatismus auf Zaghaftigkeit und Beschränktheit gegründet ist.
Diese lassen sich aber schwer mit wahrer Männlichkeit vereinigen. Vor
tausend Jahren begann die Zeit, da nur derjenige für einen
vollkommenen Helden und Rittersmann galt, der zugleich ein frommer
Christ war; denn im Christentum lag damals die Menschlichkeit und
Aufklärung. Heute kann man sagen: sei einer so tapfer und resolut, als
er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu sein, so ist er kein
ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem sie sich einmal an
ihrem Eheherrn so getäuscht, zu strenge Regeln in ihrem Geschmack
betreffs der Mannestugend angenommen, als daß sie eine feste und
sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte. Übrigens, als ihr Mann
um sie geworben, hatte er in allem Flor eines jugendlichen
Radikalismus geglänzt, welchen er freilich mehr in der Weise
handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr.
Abgesehen von diesen Geschmacksgründen aber war sie aus einem Orte
gebürtig, wo seit unvordenklichen Zeiten jedermann freisinnig gewesen
und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein
entschlossenes, tatkräftiges und sich gleichbleibendes Bürgernest
hervorgetan, so daß, wenn es hieß: die von So und So haben dies gesagt
oder jenes getan! sie gleich einen ganzen Landstrich mitnahmen und
einen kräftigen Anstoß gaben. Wenn also Frau Amrain in den Fall kam,
ihre Meinung über einen Streit festzustellen, so hörte sie nicht auf
das, was die Seldwyler, sondern auf das, was die Leute ihrer
Jugendheimat sagten, und richtete ihre Gedanken dorthin.
Alles das waren Gründe genug für Fritz, ein guter Liberaler zu sein,
ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die nächste
Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen
Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, für
einen politisch Aufgeregten entsteht, nämlich die Gefahr, ein
Müßiggänger und Schenkeläufer zu werden, so war dieselbe zu Seldwyla
allerdings noch größer, als an anderen Schweizerorten, welche mit der
ganzen Alten Welt noch an der gemütlichen ostländischen Weise
festhalten, das Wichtigste in breiter halbträumender Ruhe an den
Quellen des Getränkes oder bei irgendeinem Genusse zu verhandeln und
immer wieder zu verhandeln. Und doch sollte das nicht so sein; denn
ein gutes Glas in fröhlicher Ruhe zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn
oder eine Frucht, und, wenn man das in einem tiefern Sinne nimmt, das
Ausüben politischer Rechte bloß ein Mittel, dazu zu gelangen. Indessen
war für Fritz diese Gefahr nicht beträchtlich, weil er schon zu sehr
an Ordnung und Arbeit gewöhnt war und es ihn gerade zu Seldwyla nicht
reizte, den anderen nachzufahren. Größer war schon die Gefahr für ihn,
ein Schwätzer und Prahler zu werden, der immer das gleiche sagt und
sich selbst gern reden hört; denn in solcher Jugend verführt nichts so
leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grundsätzen und
Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rückhalt, da sie
gemeinnützig sind und das Wohl aller betreffen.
Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen,
ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier
annahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betäuben und zu tun,
als ob es wirklich so gehen müsse, wie man wünscht und behauptet, da
sagte seine Mutter ein einzigesmal, als er eben im schönsten Eifer
war, ganz unerwartet: Was ist denn das für ein ewiges Schwatzen und
Kannegießern? Ich mag das nicht hören! Wenn du es nicht lassen kannst,
so geh auf die Gasse oder ins Wirtshaus, hier in der Stube will ich
den Lärm nicht haben!"
Dies war ein Wort zur rechten Zeit gesprochen; Fritz blieb in seiner
also durchschnittenen Rede ganz verblüfft stecken und wußte gar nichts
zu sagen. Er ging hinaus, und indem er über dies wunderliche Ereignis
nachgrübelte, fing er an sich zu schämen, so daß er erst eine gute
halbe Stunde nachher rot wurde bis hinter die Ohren, von Stund an
geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr Gedanken
abzumachen sich gewöhnte. So gut traf ihn der einmalige Vorwurf aus
Frauenmund, ein Schwätzer und Kannegießer zu sein.
Um so größer erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an
übel gewendeter Tatkraft zu verderben. So wetterwendisch nämlich sonst
die Seldwyler in ihren politischen Stimmungen waren, so beharrlich
blieben sie in der Teilnahme an allem Freischaren- und Zuzügerwesen,
und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt, gewaltsam ein
widerstehendes Regiment zu sprengen, eine schwache Mehrheit
einzuschüchtern oder einer trotzigen ungefügigen Minderheit bewaffnet
beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende Stimmung
sein, welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter Leute aus,
nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel auf
Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstraße, je nachdem
ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts dünkte sie so ergötzlich,
als bei schönem Wetter einige Tage im Lande herumzustreichen, so
sechzig oder siebenzig, wohlbewaffnet mit feinen Zielgewehren,
versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und silbernen Talern,
mittelst letzterer sich in den besetzten Wirtshäusern gütlich zu tun
und mit tüchtigem Hallo, das Glas in der Hand, auf andere Zuzüge zu
stoßen, denen es ebenfalls mehr oder minder Ernst war. Da nun das
Gesetzliche und das Leidenschaftliche, das Vertragsmäßige und das
ursprünglich Naturwüchsige, der Bestand und das Revolutionäre zusammen
erst das Leben ausmachen und es vorwärts bringen, so war hiergegen
nichts zu sagen, als: seht euch vor, was ihr ausrichtet! Nun aber
erfuhren die Seldwyler den eigenen Unstern, daß sie bei ihren Auszügen
immerdar entweder zu früh oder zu spät und am unrechten Orte eintrafen
und gar nicht zum Schusse kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der
dann nach mannigfachem Hin- und Herreden und genugsamem Trinken
eingeschlagen wurde, zum Vergnügen wenigstens einige Patronen in die
Luft schossen. Doch dies genügte ihnen, sie waren gewissermaßen dabei
gewesen und es hieß im Lande, die Seldwyler seien auch ausgerückt in
schöner Haltung, lauter Männer mit gezogenen Büchsen und goldenen
Uhren in der Tasche.
Als es das erstemal begegnete, daß Fritz Amrain von einem solchen
Ausrücken hörte und zugleich seines Alters halber fähig war
mitzugehen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, sogleich
nach Hause, denn es war eben die höchste Zeit und der Trupp im Begriff
aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte
genugsam Geld zu sich, hing seine Patronentasche um und ergriff sein
wohl instand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein
ordentlicher und handfester junger Flügelmann war, dachte er nicht
daran, mit einer kostbaren Schützenwaffe zu prahlen, die er nicht zu
handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leichtes Gewehr
zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen würde;
und er sah sehnsüchtig im Geiste schon nichts anderes mehr, als den
letzten Hügel, die letzte Straßenecke, um welche herumbiegend man den
verhaßten Gegner erblicken und es losgehen würde mit Puffen und
Knallen.
Er nahm nicht das geringste Gepäck mit und verabschiedete sich kaum
bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen, aber
schweigend zusah. Adieu!" sagte er, morgen oder übermorgen früh
spätestens sind wir wieder hier!" und ging weg, ohne ihr nur die Hand
zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hinausginge, um die Arbeiter
anzutreiben. So ließ sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr
widerstand, den hübschen jungen Burschen von solcher ersten
Mutesäußerung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber
belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlgefällig nach, als
er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal ganz an
das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und schaute
von da aus hin. Übrigens war sie selbst mutigen Charakters und hegte
nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wußte, wie diese Auszüge von
Seldwyla abzulaufen pflegten.
Fritz kam denn auch richtig schon am anderen Morgen ganz in der Frühe
wieder an und stahl sich ziemlich verschämt in das Haus. Er war
ermüdet, überwacht, von vielem Weintrinken abgespannt und schlechter
Laune und hatte nicht das mindeste erlebt oder ausgerichtet, außer daß
er seinen feinen Rock verdorben durch das Herumlungern und sein
Geldbeutel geleert war.