Sie hatte ihn wohl verstanden; doch widerstrebte es ihrem Stolz, sich

öffentlich und mit schimpflichen Beweisgründen von einem Manne zu

trennen, der ihr einmal wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem

sie drei Kinder hatte; und in der Sorge für diese Kinder wollte sie

auch keinen fremden Mann über das Haus setzen und wenigstens die

äußere Einheit desselben bewahren, bis die Söhne herangewachsen wären

und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfangen könnten; denn

ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzubringen

und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo sie hergekommen. Sie

hielt daher den Werkführer knapp im Zügel und brachte sich dadurch nur

in größere Verlegenheit; denn als derselbe ihren Widerstand und ihren

festen Charakter ersah, verliebte er sich förmlich in sie und gedachte

erst recht seine Wünsche zu erreichen. Er änderte sein Benehmen, also

daß er, statt wie bisher ehrbar um ihre Hand als Meisterin sich zu

bewerben, nun um ihre Person schmachtete, wo sie ging, und sie stets

mit verliebten Augen ansah, wo es immer tunlich war. Dies schien für

ihn eine zweckdienliche Veränderung, da die eigentliche Verliebtheit

in die Person eines Menschen denselben viel mehr besticht und

bezwingt, als alle noch so ehrbaren Heiratsabsichten. Wenn nun Frau

Regel auch nicht die Haltung verlor und sich in ihn nicht wieder

verliebte, so wurde es doch schwerer für sie, ihn abzuwehren, ohne mit

ihm zu brechen und ihn zu verlieren, und es ist bekanntlich eine

Hauptliebhaberei der Frauen, sich nützliche Freunde und Parteigänger

zu erhalten, wenn es immer geschehen kann, ohne große Opfer.

Als der Werkführer in die Stube trat, funkelten seine Augen mit

ungewöhnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen

Geschäftsleuten, mit denen er sich zum Vorteil der Frau wacker

herumgeschlagen, eine Flasche kräftigen Wein getrunken. Während er ihr

Bericht erstattete und dann in den Papieren mit ihr rechnete, blickte

er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und aufgeregt, wie

einer, der etwas vorhat. Sie rückte mit ihrem Sessel etwas zur Seite

und begann sich in acht zu nehmen, dabei kaum ein feines Lächeln

unterdrückend, wie aus Spott über die plötzliche Unternehmungslust des

jungen Mannes. Dieser aber faßte unversehens ihre beiden Hände und

suchte die hübsche Frau an sich zu ziehen, indem er sogleich in

demselben halblauten Tone, in welchem sie der schlafenden Kinder wegen

die ganze Verhandlung geführt hatten, so heftig und feurig anfing zu

schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch nicht so öde und unbenutzt

entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein und sich seiner treuen

Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche Bewegung und kein

lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu wecken; doch

flüsterte sie voll Zorn, er solle ihre Hände freilassen und

augenblicklich hinausgehen. Er ließ sie aber nicht frei, sondern faßte

sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten ihre

Jugend und schöne Gestalt vor und ihre Torheit, so gute Dinge

ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind wohl,

dessen Augen ebenso stark von Schlauheit als von Lebenslust glänzten,

und merkte, daß er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur

beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also

daß ihre Selbständigkeit ein schlimmes Ende nähme. Sie gab ihm dies

auch mit höhnischen Blicken zu verstehen, während sie fortfuhr, so

still als möglich sich von ihm loszumachen, was er nur mit vermehrter

Kraft und Eindringlichkeit erwiderte. Auf diese Weise rang sie mit dem

starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne daß es dem einen

oder andern Teile gelang, weiter zu kommen, während nur zuweilen der

erschütterte Tisch oder ein unterdrückter zorniger Ausruf oder ein

Seufzer ein Geräusch verursachte, und so schwebte die brave Frau

peinvoll zwischen ihrer in der Kammer dreifach schlafenden Sorge und

zwischen dem heißen Anstürmen des wachen Lebens. Sie war kaum dreißig

Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne verlassen und

ihr Blut floß so rasch und warm, wie eines; was Wunder, daß sie daher

endlich einen Augenblick innehielt und tief aufseufzte, und daß ihr in

diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob es sich auch der

Mühe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und Arbeit zu sein,

und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache und es klüger

sei, zu tun wie die andern und, nicht dem verwegenen und frechen

Andringling, sondern sich selbst zu gewähren, was ihr Lust und

Erfrischung bieten könne; die Dinge gingen zu Seldwyla vielleicht so

oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies bedachte, zitterten

ihre Hände in denjenigen des Werkführers, und nicht sobald fühlte

dieser solche liebliche Änderung des Wetters, als er seine

Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der abermaligen Gegenwehr

der tapfern Frau gesiegt haben würde, wenn nicht jetzt eine

unerwartete Hilfe erschienen wäre.

Denn mit dem bangen, zornigen Ausruf: „Mutter! Es ist ein Dieb da!"

sprang der jüngste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und glich

vollständig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen Ringellocken

flogen um das vom Schlafe gerötete Gesicht; feurig blickten aber die

blauen Augen in lieblichem Zorn und mutig warf sich der trotzige Mund

auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die Tunika eines

Kreuzfahrers und in den nackten Ärmchen schwang der kleine Rittersmann

eine lange Gardinenstange mit dickem vergoldeten Knopf, den er auch

mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden Werkmeister auf den

Kopf schlug, daß sich dieser die entstehende Beule verlegen rieb und

ihm ordentlich die Augen übergingen. Frau Amrain aber hielt den Knaben

auf, tief errötend, und rief: „Was ist dir denn, Fritzchen? Es ist ja

nur der Florian und tut uns nichts!" Der Knabe fing bitterlich an zu

weinen, sich voll Verlegenheit an die Knie der Mutter klammernd; diese

hob ihn auf den Arm und das Kind an sich drückend, entließ sie mit

einem kaum verhaltenen Lachen den verblüfften Florian, der, obgleich

er den Kleinen gern geohrfeigt hätte, gute Miene zum bösen Spiel

machte und sich verlegen zurückzog. Sie riegelte die Tür rasch hinter

ihm zu; dann stand sie tief aufatmend und nachdenklich mitten in der

Stube, das tapfere Kind auf dem Arm, welches das linke Ärmchen um

ihren Hals schlang und mit dem rechten Händchen die lange Stange mit

dem glänzenden Knopf, die es noch immer umfaßt hielt, gegen den Boden

stemmte. Dann sah sie aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und

bedeckte es mit Küssen, und endlich ergriff sie abermals die Lampe und

ging in die Kammer, um nach den beiden ältesten Knaben zu sehen.

Dieselben schliefen wie Murmeltiere und hatten von allem nichts

gehört. Also schienen sie Nachtmützen zu sein, obschon sie ihr selbst

glichen; der Jüngste aber, der dem Vater glich, hatte sich als

wachsam, feinfühlend und mutvoll erwiesen, und schien das werden zu

wollen, was der Alte eigentlich sein sollte und was sie einst auch

hinter ihm gesucht. Indem sie über dies geheimnisvolle Spiel der Natur

nachdachte und nicht wußte, ob sie froh sein sollte, daß das Abbild

des einst geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so träge

daliegenden Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurück, deckte

es zu und beschloß, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den

kleinen Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu

vergelten. „Wenn die zwei Schlafkappen," dachte sie, „welche

nichtsdestominder meine Kinder sind, dann auch mitgehen wollen auf

einem guten Wege, so mögen sie es tun."

Am nächsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu

haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch

nie mehr mit einer Silbe desselben erwähnt zwischen ihnen. Der Sohn

behielt ihn nichtsdestoweniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er

viel spätere Erlebnisse mit der Zeit gänzlich vergaß. Er erinnerte

sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkmeisters erwacht zu sein,

da er trotz eines gesunden Schlafes alles hörte und ein wachsames

Bürschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie

bedenklich wurde, gehört, und ohne etwas davon zu verstehen, doch

etwas Gefährliches und Ungehöriges geahnt und war in eine heftige

Angst um seine Mutter verfallen, so daß er, als er das leise Ringen

mehr fühlte als hörte, aufsprang, um ihr zu helfen. Und dann, wer

verfolgt die geheimen Wege der Fähigkeiten, wie sie im Menschenkind

sich verlieren? Als er den Werkführer recht wohl erkannt: wer lehrte

den kleinen Bold die unbewußte blitzschnelle Heuchelei des

Zartgefühles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb sähe, und

die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen ließ?

Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, daß er ein braver

Mann wurde in Seldwyl und zu den wenigen gehörte, die aufrecht

blieben, solange sie lebten. Wie sie dies eigentlich anfing und

bewirkte, wäre schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig als

möglich und das Werk bestand fast lediglich darin, daß das junge

Bäumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Nähe wuchs

und sich nach ihr richtete. Tüchtige und wohlgeartete Leute haben

immer weit weniger Mühe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, wie es

hinwieder einem Tölpel, der selbst nicht lesen kann, schwer fällt, ein

Kind lesen zu lehren. Im ganzen lief ihre Erziehungskunst darauf

hinaus, daß sie das Söhnchen ohne Empfindsamkeit merken ließ, wie sehr

sie es liebte, und dadurch dessen Bedürfnis, ihr immer zu gefallen,

erweckte und so erreichte, daß es bei jeder Gelegenheit an sie dachte.

Ohne dessen freie Bewegungen einzeln zu hindern, hatte sie den Kleinen

viel um sich, so daß er ihre Manieren und ihre Denkungsart annahm und

bald von selbst nichts tat, was nicht im Geschmack der Mutter lag. Sie

hielt ihn stets einfach, aber gut und mit einem gewissen gewählten

Geschmack in der Kleidung: dadurch fühlte er sich sicher, bequem und

zufrieden in seinem Anzuge und wurde nie veranlaßt, an denselben zu

denken, wurde mithin nicht eitel und lernte gar nie die Sucht kennen,

sich besser oder anders zu kleiden, als er eben war. Ähnlich hielt sie

es mit dem Essen; sie erfüllte alle billigen und unschädlichen Wünsche

aller drei Kinder und niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen,

wovon diese nicht auch ihren Teil erhielten; aber trotz aller

Regelmäßigkeit und Ausgiebigkeit behandelte sie die Nahrungsmittel mit

solcher Leichtigkeit und Geringschätzung, daß Fritzchen abermals von

selbst lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen und,

wenn er satt war, nicht von neuem an etwas unerhört Gutes zu denken.

Nur die entsetzliche Wichtigtuerei und Breitspurigkeit, mit welcher

die meisten guten Frauen die Lebensmittel und deren Bereitung

behandeln, erweckt gewöhnlich in den Kindern jene Gelüstigkeit und

Tellerleckerei, die, wenn sie groß werden, zum Hang nach Wohlleben und

zur Verschwendung wird. Sonderbarerweise gilt durch den ganzen

germanischen Völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste

Hausfrau, welche am meisten Geräusch macht mit ihren Schüsseln und

Pfannen und nie zu sehen ist, ohne daß sie etwas Eßbares zwischen den

Fingern herumzerrt; was Wunder, daß die Herren Germanen dabei die

größten Esser werden, das ganze Lebensglück auf eine wohlbestellte

Küche gegründet wird und man ganz vergißt, welche Nebensache

eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso

verfuhr sie mit dem, was sonst von den Eltern mit einer schrecklich

ungeschickten Heiligkeit behandelt wird, mit dem Gelde. Sobald als

tunlich ließ sie ihren Sohn ihren Vermögensstand mitwissen, für sie

Geldsummen zählen und in das Behältnis legen, und sobald er nur

imstande war, die Münzen zu unterscheiden, ließ sie ihm eine kleine

Sparbüchse zu gänzlich freier Verfügung. Wenn er nun eine Dummheit

machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht

wie ein Kriminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die

Lächerlichkeit und Unzweckmäßigkeit nach. Wenn er etwas entwendete

oder sich aneignete, was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen

Ankäufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie

keine Katastrophe daraus, sondern beschämte ihn einfach und offen als

einen törichten und gedankenlosen Burschen. Desto strenger war sie

gegen ihn, wenn er in Worten oder Gebärden sich unedel und kleinlich

betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und

schonungslos den Text und gab ihm so derbe Ohrfeigen, daß er die

leidige Begebenheit nie vergaß. Dies alles pflegt sonst

entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich

vergeht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befällt die Eltern und

Lehrer eine ganz sonderbare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft,

als ob sie selbst wüßten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder

Betrüger zu werden! Was unter hundert Fällen in neunundneunzig nur die

momentan unerklärlichen Einfälle und Gelüste des träumerisch

wachsenden Kindes sind, das wird zum Gegenstand eines furchtbaren

Strafgerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus

gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflänzchen bei erwachender

Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar

bloß durch die Eitelkeit, davor gesichert würden, Diebe und Schelme

sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da

tausend kleinere Züge und Zeichen des Neides, der Mißgunst, der

Eitelkeit, der Anmaßung, der moralischen Selbstsucht und

Selbstgefälligkeit behandelt und gehätschelt! Wie schwer merken die

wackern Erziehungsleute ein früh verlogenes und verblümtes inneres

Wesen an einem Kinde, während sie mit höllischem Zeter über ein

anderes herfahren, das aus Übermut oder Verlegenheit ganz naiv eine

vereinzelte derbe Lüge gesagt hat. Denn hier haben sie eine greifliche

bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht lügen! dem

kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu schreien. Wenn

Fritzchen eine solche derbe Lüge vorbrachte, so sagte Frau Regel

einfach, indem sie ihn groß ansah: „Was soll denn das heißen, du Affe?

Warum lügst du solche Dummheiten? Glaubst du die großen Leute zum

Narren halten zu können? Sei du froh, wenn dich niemand anlügt, und

laß dergleichen Späße!" Wenn er eine Notlüge vorbrachte, um eine

begangene Sünde zu vertuschen, zeigte sie ihm mit ernsten aber

liebevollen Worten, daß die Sache deswegen nicht ungeschehen sei, und

wußte ihm klarzumachen, daß er sich besser befinde, wenn er offen und

ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe; aber sie baute keinen

neuen Strafprozeß auf die Lüge, sondern behandelte die Sache ganz

abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht gelogen habe, so, daß er das

Zwecklose und Kleinliche des Herauslügens bald fühlte und hierfür zu

stolz wurde. Wenn er dagegen nur die leiseste Neigung verriet, sich

irgend Eigenschaften beizulegen, die er nicht besaß, oder etwas zu

übertreiben, was ihm gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu

zieren, wozu er das Zeug nicht hatte, so tadelte sie ihn mit

schneidenden harten Worten und versetzte ihm selbst einige Knüffe,

wenn ihr die Sache zu arg und widerlich war. Ebenso, wenn sie

bemerkte, daß er andere Kinder beim Spielen belog, um sich kleine

Vorteile zu erwerben, strafte sie ihn härter, als wenn er ein

erkleckliches Vergehen abgeleugnet hätte.

Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum soviel Worte, als hier

gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr

im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar

angelesenen System. Daher wird ein Teil ihres Verfahrens von Leuten,

die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden können,

während ein anderer Teil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern,

mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann

angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird

dieses natürlich jeden Augenblick zur nächsten Hauptsache, und

Kindern, unter solchen Umständen erzogen, wird man schwer die

Gelüstigkeit abgewöhnen können, da alles Sinnen und Trachten des

Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders während der kleineren

Jugend des Knaben war die Erziehungsmühe seiner Mutter sehr gering, da

sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person

erzog, wie sie leibte und lebte, und es also in einem zu ging mit

ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser

leichten Art und Mühelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz

bestand? so wäre zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe, mit

welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einprägte und sie

ihre Instinkte die seinigen werden ließ. Doch blieb die Zeit nicht

aus, wo sie allerdings einige vorsätzliche und kräftige

Erziehungsmaßregeln anwenden mußte, als nämlich der gute Fritz

herangewachsen war und sich für allbereits erzogen hielt, die Mutter

aber erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden

sollte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen würde.

Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und

Energisches gegen seine junge Selbständigkeit unternahm, aber jedesmal

zur rechten Zeit und so plötzlich, einleuchtend und bedeutsam, daß es

nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte.

Als Fritz bald achtzehn Jahre zählte, war er ein schönes junges

Bürschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen

Augen, und von einer großen Selbständigkeit und Sicherheit in allem

was er tat. Er hatte bereits die Leitung des Geschäftes übernommen,

was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten

Jahre an im Steinbruch tüchtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes

und kluges Gesicht und war dennoch aufgeräumt und guter Dinge, und was

seiner Mutter am besten gefiel, war seine Fähigkeit, mit allen Leuten

umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab

auszugehen, wenn es ihm langweilig war zu Hause, und mit anderen

jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmerkende sah mit

Vergnügen, daß er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er

abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen

sonderlichen Geschmack gewann, sie überschaute und nur sich etwas mit

ihnen die Zeit vertrieb, wie und solange er es für gut fand. Mit

Vergnügen sah sie auch, daß er sich nicht lumpen ließ und bei Gelagen

manche Flasche zum besten gab, ohne je für sich selbst schlimme Folgen

davonzutragen, und daß er nicht in einen schlimmen oder schimpflichen

Handel verwickelt wurde, obgleich er überall sich zu schaffen machte

und wußte, wie es zugegangen, ohne daß er übrigens ein Duckmäuser und

Aufpasser war. Auch hielt er was auf sich, ohne hochmütig zu sein, und

wußte s ich zu wehren, wenn es galt. Frau Regula war daher guten Mutes

und dachte, das wäre gerade die rechte Weise und ihr Söhnchen sei

nicht auf den Kopf gefallen. Da bemerkte sie, daß er anfing zu

erröten, wenn schöne Mädchen ihm in den Weg kamen, daß er selbst

häßliche Mädchen aufmerksam und kritisch betrachtete und daß er

verlegen wurde, wenn eine hübsche runde und muntere Frau in der Stube

war, während er dieselbe doch heimlicherweise mit den Augen

verschlang. Aus diesen drei Zeichen entnahm sie zwei Dinge: erstens,

daß noch nichts an ihm verdorben sei, zweitens aber, daß wenn eine

Gefahr für ihn vorhanden wäre, auf den breiten Weg der Stadt zu

tölpeln, diese Gefahr nur von seiten der Damen von Seldwyla herkommen

könne, und sie sagte sogleich in ihrem Herzen: Also da willst du

hinaus, du Schuft?

Die Schönen dieser Stadt waren nicht schlimmer gesinnt als ihre Männer

und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches zusammen,

was diese lieber auch noch zerstreut hätten. Allein, da die Männer

sich gern lustig machten, so wollten sie, solange es ihnen gut erging,

auch nicht zurückbleiben, und bei dem schönen Geschlecht laufen

bekanntlich alle Abirrungen und Unzukömmlichkeiten zuletzt nur auf ein

und dasselbe Ende hinaus, jene alte Geschichte, welche vielfältige

Rückwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren Mitschuldigen mit sich

führt. Sonach ging es auch in dieser Hinsicht zu Seldwyla etwas

lustiger zu, als an anderen Orten.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 12 / 23 段