Noch in selber Woche aber führte ich mein Gelübde aus, kam um meine

Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte

von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren höchlich

verwundert über seine Meinungen und Taten. Er verließ mit ihnen das

Städtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er

Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande

nützlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser

Tüchtigkeit, als seiner unverwüstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen

geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rückfall in das

frühere Wesen.

Nur ärgerten sich Estherchen und die Mutter, daß ihnen die Geschichte

mit der Lydia entgangen war, und wünschten unaufhörlich deren

Wiederholung. Allein Pankraz sagte, hätten sie damals nicht

geschlafen, so hätten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal

erzählt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal,

daß er überhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen,

und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, daß er in

der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des

Schmollens entwöhnt worden sei.

Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen

wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten

unaufhörlich: „Wie hieß sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso

unaufhörlich: „Hättet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht

mehr!" Und er hielt Wort; niemand hörte ihn jemals wieder das Wort

aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben.

* * * * *

ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE

Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Nachahmung sein, wenn

sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief

im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen

alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets

treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen

alsdann die Hand, sie festzuhalten.

An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl

vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert

sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße

liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die

sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker

weithingestreckt, gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem

sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Äcker,

und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit

langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und

hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflügelten Tierchen summte

ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter

ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig

Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten

Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem

jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt

aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten,

so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung,

indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein

wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche

bemaßen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die

Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen

natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts

und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die

stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie

einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die

ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten

Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den Zipfel seiner

weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen

hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der

entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe

zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug dem, welcher

gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über,

während sie bei dem andern, der den Wind im Rücken hatte, sich nach

vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo

die schimmernden Mützen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei

weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten sie beide ruhevoll und

es war schön anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn

sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich

mählich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide

wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels

hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu

erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen

sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit lässig kräftigem

Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit

allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu

finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von

dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches

kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das

war ein grünbemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden

Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich

den Vormittagsimbiß heranfuhren. Für jeden Teil lag ein schönes Brot,

in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch

irgendein Zutätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für

den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt

allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen, welche die

Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem

Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Fräulein

zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk

hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im

Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes

stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es

war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fünfen, beide

gesund und munter, und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß

beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine

bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein

feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch

wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen

die Pflüge in der halbvollendeten Furche stehen, während sie als gute

Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da

zuerst begrüßten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen

an diesem Tage.

Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen, und mit

zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der

Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre

Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städtchen

räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche

Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein

weithin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen,

welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.

„Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine

der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: „Gestern war einer bei

mir wegen des Ackers hier." „Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch

gewesen!" sagte Manz. „So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest

das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" „Ja, bis es sich

entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm anzufangen sei.

Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen anderen

herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den

Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentümer gefunden, was wohl nie

geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat

da gute Weile, und überdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die

Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen

durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun

könnten; allein wir würden uns hüten, dieselbe zu hoch hinaufzutreiben,

und wir wüßten dann doch, was wir hätten und wem das Land gehört!"

„Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine ähnliche

Antwort gegeben!"

Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: „Schade ist es

aber doch, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist nicht zum

Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so, und keine Seele

fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch

auf den Acker hat, und niemand weiß auch, wo die Kinder des

verdorbenen Trompeters hingekommen sind!"

„Hm!" sagte Marti, „das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen

Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhält, bald in den

Dörfern zum Tanz aufspielt, so möchte ich darauf schwören, daß er ein

Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen

Acker hat. Was täte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und

dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es

doch nicht sicher wissen kann!"

„Da könnte man eine schöne Geschichte anrichten!" antwortete Manz,

„wir haben so genug zu tun, diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer

Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwährend aufhalsen

will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, so

mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie

in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Sohnessohn ist?

Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht

vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und

das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein

würde meinem Gewissen besser tun als zehn sündhafte

Menschengesichter!"

„Eia, sicherlich!" sagte Marti, „er sagt zwar, er sei nicht schuld, daß man

ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Taufstein tragbar machen

und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und

dafür ist die Totenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir

sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!"

Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und

sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu

vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan

entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr

Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf

einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen

Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwürdige

Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis

einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die

verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen

sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen

begann, seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu

bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock

bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als

Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun

sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie

noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchen

erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und

eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie

genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet

aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie

schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben

wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute,

entriß der wilde Junge seiner Gefährtin das Spielzeug und warf es hoch

in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing

die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das

Mädchen sie vergeblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese

Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende

Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein

kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der

Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit

offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu

vergrößern und dem Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille

erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, und es drängte sich

herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren. „Sieh

mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr

die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und

schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das

ganze Bein dürr und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf

er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und

gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und

dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und

betrachtete wehselig die Ärmste, und als sie das Bein sah, fing sie

abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht

anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig

weinte, ward es dem Missetäter endlich etwas übel zumut, und er stand

in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte

sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat,

als ob es ihm weh täte, und schrie au! so natürlich, daß sie zufrieden

war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung

fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen

aller Enden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem

flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam

betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war

der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder

erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten

Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die

bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste

und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen,

und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette

Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas

in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch für ein totes

Wissen halten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die

Summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den

Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege

hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den

Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da

er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende

jetzt einem weissagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer

Stille seinen Kunden und Märchen, indessen sie sich umschlungen

hielten. Aber jeder Prophet erweckt Schrecken und Undank; das wenige

Leben in dem dürftig geformten Bilde erregte die menschliche

Grausamkeit in den Kindern, und es wurde beschlossen, das Haupt zu

begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die

gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten

über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann

empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes

begraben hatten und entfernten sich ein gutes Stück von der

unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten

Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und

begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die

nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht

wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er.

Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund,

beleuchtete dessen blendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die

runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf

haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: „Rate,

wieviel Zähne hat man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als

ob es reiflich nachzählte, und sagte dann aufs Geratewohl: „Hundert!"

„Nein, zweiunddreißig!" rief er, „wart', ich will einmal zählen!" Da

zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig

herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt

lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es

sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!" Nun legte sich der

Bursche hin ins Kraut, das Mädchen über ihn, umschlang seinen Kopf, er

sperrte das Maul auf, und es zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei,

eins;" denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge

verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so

fing auch sie unzähligemal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am

besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber

sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die

Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne.

Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertig gepflügt und in

frischduftende braune Fläche umgewandelt. Als nun, mit der letzten

Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein

Meister: „Was hältst du? Kehr' noch einmal um!" „Wir sind ja fertig!"

sagte der Knecht. „Halt's Maul, und tu, wie ich dir sage!" der

Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den

mittleren herrenlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der

Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er

mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte

sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun. So ging es

rasch die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und

das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes

zurückwarf, pflügte auf der anderen Seite der Nachbar vorüber, mit dem

Zipfel nach vorn, und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom

mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah

wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehen, und sie

entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern

vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die

Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei, und „was er webt,

das weiß kein Weber!"

Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und

schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen

breitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflügen verlor er hüben und drüben

eine Furche, ohne daß ein Wort darüber gesprochen worden wäre und ohne

daß ein Menschenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden

immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat

auf der ganzen Länge des Ackers, und das wilde Gesträuch darauf war

schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich

nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits

ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da

der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon

wacker auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das

braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits

unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern

als ein Bubenmädchen ausgelacht worden. Dennoch nahmen sie während

jeder Ernte, wenn alles auf den Äckern war, einmal Gelegenheit, den

wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig

von demselben herunterzustoßen.

Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien

diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als

sonst nirgends die Felder ihrer Väter zusammenstießen.

Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös

einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort

und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den

Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen

zu erstehen und zwischen den zwei Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich

diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan

hatten, als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch

getan haben würden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum

an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem

geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder

bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit

der Nase daraufstoßen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die

übrigen froh, daß sie es doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung

nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwählten zu dem

Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter

Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet

ist, während ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vorteilen,

die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche

ernstlich auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnäckigen

Überbieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die

Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,

welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim

Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: „Du wirst nun dein Land,

das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche

Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding

bekommen hätte." „Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz,

„denn als ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich

sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß du neulich noch am unteren Ende

dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und

ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in

der Meinung, du werdest das ganze Stück an dich bringen, und es sei

dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so, wirst du wohl

einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen

noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich

wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!"

Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte: „Ich

sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den

Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich

besehen, und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar

verändert!"

„Larifari!" sagte Manz, „was früher geschehen, wollen wir nicht

aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles muß zuletzt

eine ordentliche grade Art haben; diese drei Äcker sind von jeher so

gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet; es

ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen

lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst,

und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen

Zipfel da bestehen ließen. Er muß durchaus weg!"

Marti lachte und sagte: „Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht

vor dem Gespötte der Leute! Das läßt sich aber ja wohl machen; mich

geniert das Krumme gar nicht; ärgert es dich, gut, machen wir es grad,

aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich dir schriftlich, wenn du

willst!"

„Rede doch nicht so spaßhaft," sagte Manz, „es wird wohl grad gemacht,

und zwar auf deiner Seite, darauf kannte du Gift nehmen!"

„Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Männer

gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken; vielmehr starrten

sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hinaus, als ob sie da wunder

was für Merkwürdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit

Aufbietung aller ihrer Geisteskräfte.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 5 / 23 段