Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstboten, ein

Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus,

um das wilde Unkraut und Gestrüpp auszureuten und auf Haufen zu

bringen, damit nachher die Steine um so bequemer weggefahren werden

konnten. Dies war eine Änderung in seinem Wesen, daß er den kaum

elfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun

mit hinaussandte, gegen die Einsprache der Mutter. Es schien, da er es

mit ernsthaften und gesalbten Worten tat, als ob er mit dieser

Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte, in

dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten.

Das ausgesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und

hackte mit Vergnügen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller

Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außerordentliche

gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt

erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der

Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Jubel verbrannt, daß

der Qualm weithin sich verbreitete, und die jungen Leutchen dann

herumsprangen wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem

Unglücksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch

hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser

Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich

seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nähern, und die Kinder

waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere

Kinder hinzu, und es sammelte sich eine ganz vergnügte Gesellschaft;

doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsobald wieder

neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer

vergnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen,

wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte. Doch der

alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet,

und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit

und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti

auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er

derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie

erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige

Ohrfeigen, also daß beide Kinder in großer Traurigkeit und weinend

nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig, warum sie

so traurig waren, als warum sie vorhin so vergnügt gewesen; denn die

Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen

Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen.

Die nächsten Tage war es schon eine härtere Arbeit, zu welcher

Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren ließ.

Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da

beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen,

sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches von

Marti schon säuberlich umgepflügt war. Er hatte vorher einen geraden

Strich gezogen als Grenzscheide und belastete nun dies Fleckchen Erde

mit allen Steinen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten

herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, die

wegzubringen sein Gegner bleibenlassen würde, dachte er. Marti hatte

dies am wenigsten erwartet; er glaubte, der andere werde nach alter

Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher

abgewartet, bis er ihn als Pflüger ausziehen sähe. Erst als die Sache

schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz

da errichtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte

zurück und holte den Gemeindeammann, um vorläufig gegen den

Steinhaufen zu protestieren und den Fleck gerichtlich in Beschlag

nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im

Prozeß miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet

waren.

Die Gedanken der sonst so wohlweisen Männer waren nun so kurz

geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rechtssinn von der Welt

erfüllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte,

wie der andere so offenbar unrechtmäßig und unwillkürlich den

fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz

kam noch ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien

hinzu, und er fühlte sich wahrhaft gekränkt durch den aberwitzigen

Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und

mutwilligsten Schnörkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der

Überzeugung, daß der andere, den anderen so frech und plump

übervorteilend, ihn notwendig für einen verächtlichen Dummkopf halten

müsse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht

aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich

erlauben könne, und jeher sah sich in seiner wunderlichen Ehre

gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und

dem daraus erfolgenden Verfalle hin, und ihr Leben glich fortan der

träumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schmalen Brette

einen dunklen Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und

sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie hätten ihr

Unglück gefaßt. Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in

die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre

verdorbene Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den

nichtsnutzigsten Dingen angefüllt wurden. Vorzüglich waren es die

Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein

gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen

Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die

alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wußten. Denn das

Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darüber, auf welchem bereits wieder

ein Wald von Nesseln und Disteln blühte, war nur noch der erste Keim

oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in

welcher die zwei Fünfzigjährigen noch neue Gewohnheiten und Sitten,

Grundsätze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher geübt. Je mehr Geld

sie verloren, desto sehnsüchtiger wünschten sie welches zu haben, und

je weniger sie besaßen, desto hartnäckiger dachten sie reich zu werden

und es dem andern zuvorzutun. Sie ließen sich zu jedem Schwindel

verleiten und setzten auch jahraus, jahrein in alle fremden Lotterien,

deren Lose massenhaft in Seldwyla zirkulierten. Aber nie bekamen sie

einen Taler Gewinn zu Gesicht, sondern hörten nur immer vom Gewinnen

anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen hätten, indessen

diese Leidenschaft ein regelmäßiger Geldabfluß für sie war. Bisweilen

machten sich die Seldwyler den Spaß, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am

gleichen Lose teilnehmen zu lassen, so daß beide die Hoffnung auf

Unterdrückung und Vernichtung des andern auf ein und dasselbe Los

setzten. Sie brachten die Hälfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder

in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf heißmachen

und zu den lächerlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten

Schlemmen verleiten ließ, bei welchem ihm heimlich doch selber das

Herz blutete, also daß beide, welche eigentlich nur in diesem Hader

lebten, um für keine Dummköpfe zu gelten, nun solche von der besten

Sorte darstellten und von jedermann dafür angesehen wurden. Die andere

Hälfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit

nach, wobei sie dann durch ein tolles böses Überhasten und Antreiben

das Versäumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und

zuverlässigen Arbeiter verscheuchten. So ging es gewaltig rückwärts

mit ihnen, und ehe zehn Jahre vorüber, steckten sie beide von Grund

aus in Schulden und standen wie die Störche auf einem Beine auf der

Schwelle ihrer Besitztümer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte.

Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde täglich

größer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns

betrachtete, als seinen Erbfeind und ganz unvernünftigen Widersacher,

den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu

verderben. Sie spien aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein

Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein

Wort sprechen, bei Vermeidung der gröbsten Mißhandlung. Ihre Weiber

verhielten sich verschieden bei dieser Verarmung und Verschlechterung

des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt

den Verfall nicht aus, härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter

vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen bequemte sich der

veränderten Lebensweise an, und um sich als eine schlechte Genossin zu

entfalten, hatte sie nichts zu tun, als einigen weiblichen Fehlern,

die ihr von jeher angehaftet, den Zügel schießen zu lassen und

dieselben zu Lastern auszubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder

Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und

verlogenen Schmeichel- und Verleumdungewesen, mit welchem sie jeden

Augenblick das Gegenteil von dem sagte, was sie dachte, alles

hintereinanderhetzte, und ihrem eigenen Manne ein X für ein U

vormachte; ihre ursprüngliche Offenheit, mit der sie sich der

unschuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehärteten

Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt

unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg

trieb, so machte sie es bunt, ließ sich nichts abgehen und gedieh zu

der dicksten Blüte einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war

es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute

Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer

lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts als Zank und Sorge

war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand als Sali, da

seine Mutter tot und es einsam in einem wüsten Hause der Tyrannei

eines verwilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechzehn Jahre

zählte, war es schon ein schlank gewachsenes, ziervolles Mädchen;

seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die

blitzenden braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen

des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den

frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein

eigentümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und

Fröhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war

aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten

lieblich war, d. h. wenn es nicht zu sehr gequält wurde und nicht zu

viel Sorgen ausstand. Diese plagten es aber häufig genug; denn nicht

nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu

tragen, sondern es mußte noch sich selber in acht nehmen und mochte

sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne daß der Vater

ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die

größte Not, ihre anmutige Person einigermaßen auszustaffieren, sich

ein allerbescheidenstes Sonntagskleid zu erobern und einige bunte,

fast wertlose Halstüchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schöne

wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemütigt und gehemmt und konnte

am wenigsten der Hoffart anheimfallen. Überdies hatte es bei schon

erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen,

und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der seinem lustigen und

feurigen Wesen angelegt war, so daß es nun höchst lieblich,

unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind

bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war. Sali

erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein

hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich zu wehren wußte und

dessen äußere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst

unzulässig machte. Er sah wohl die üble Wirtschaft seiner Eltern und

glaubte sich erinnern zu können, daß es einst nicht so gewesen; ja er

bewahrte noch das frühere Bild seines Vaters wohl in seinem

Gedächtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben

Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Händelführer und

Müßiggänger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert

törichten und verfänglichen Wegen wandelte und mit jeder Stunde

rückwärts ruderte, wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mißfiel und ihn

oft mit Scham und Kummer erfüllte, während es seiner Unerfahrenheit

nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen

wieder betäubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter

behandelte. Denn um in ihrem Unwesen ungestörter zu sein und einen

guten Parteigänger zu haben, auch um ihrer Großtuerei zu genügen, ließ

sie ihm zukommen, was er wünschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch

und unterstützte ihn in allem, was er zu seinem Vergnügen vornahm. Er

ließ sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel

zu viel dazu schwatzte und log; und indem er so wenig Freude daran

empfand, tat er lässig und gedankenlos, was ihm gefiel, ohne daß dies

jedoch etwas Übles war, weil er für jetzt noch unbeschädigt war von

dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedürfnis fühlte, im

ganzen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein. Er war ziemlich

genau so, wie sein Vater in diesem Alter gewesen war, und dieses

flößte demselben eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne ein, in

welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine

eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali genoß, ward

er seines Lebens doch nicht froh und fühlte wohl, wie er nichts

Rechtes vor sich hatte und ebensowenig etwas Rechtes lernte, da von

einem zusammenhängenden und vernunftgemäßen Arbeiten in Manzens Hause

längst nicht mehr die Rede war. Sein bester Trost war daher, stolz auf

seine Unabhängigkeit und einstweilige Unbescholtenheit zu sein, und in

diesem Stolze ließ er die Tage trotzig verstreichen und wandte die

Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war

die Feindschaft seines Vaters gegen alles, was Marti hieß und an

diesen erinnerte. Doch wußte er nichts anderes, als daß Marti seinem

Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause ebenso feindlich

gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch

seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden, doch

ziemlich zahmen Feind vorzustellen. Vrenchen hingegen, welches mehr

erdulden mußte als Sali und in seinem Hause viel verlassener war,

fühlte sich weniger zu einer förmlichen Feindschaft aufgelegt und

glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und scheinbar

glücklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er

irgendwo nur in der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er

sich die Mühe gab, ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen

schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und gar

nicht wußte, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und doch wunderte

es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn überhaupt von den Martis

gesprochen wurde, so dachte er unwillkürlich nur an die Tochter, deren

jetziges Aussehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht

verhaßt war.

Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der

sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte.

Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm

geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, während

Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und

seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts

gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als auf den Rat

seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt

aufzutun. Es ist immer betrüblich anzusehen, wenn ein ehemaliger

Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trümmern seiner

Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um

als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu

machen, während es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als

die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren;

denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es

ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden

war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als

sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht

voller Hoffnungen, als künftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die

Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor

dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer

Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was

ihr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sie schon

ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem

stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer

trübseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gäßchen, auf

der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die Seldwyler

dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuziehen

hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchen angemachten Weines und

das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen

Flaschen, ebensoviel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken

bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt

vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner

Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand

Rotwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter

Busch von Stechpalme über der Haustüre, was Manz alles mit in die

Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau,

sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die magern Pferde

an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schäbige

Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen

verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll

Hohn und Schadenfreude sich unfern der Straße zu schaffen machte,

fluchte ihm und hielt denselben für den alleinigen Urheber seines

Unglückes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte

seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der

Stadt.

„Da wären wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein

anhielt. Die Frau erschrak darüber, denn das war in der Tat ein

trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und

vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten

mit ihrer Seldwyler Überlegenheit mitleidig spöttische Gesichter.

Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter

und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute

vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schämte sich des

schlechten Gerätes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen

wurden. Sali schämte sich auch, aber er mußte helfen und machte mit

seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem

alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das

verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch

trübseliger aus, und es glich einer vollkommenen Räuberhöhle. Die

Wände waren schlechtgeweißtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen,

unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur

noch ein paar schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der

ausgezogene Vorgänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht

zurückgelassen.

So war der Anfang, und so ging es auch fort. Während der ersten Woche

kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute

aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht

einigen Spaß absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten,

denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und

wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er

füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch

vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts

heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt

die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen

Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene

Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein

glaubte. Zu einem leinenen, ungefärbten Landrock trug sie einen alten,

grünseidenen Spenzer, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen,

weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den

Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten

einen hohen Kamm gesteckt. So schwänzelte und tänzelte sie mit

angestrengter Anmut herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß

aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin, und das Glas oder

den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd: „So so?

so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!" und solches dummes Zeug

mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte

sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und

die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die

da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen

ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten:

„Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" „Eine Himmlische!" sagte ein

anderer, „beim ewigen Hagel! Es ist der Mühe wert, hierherzukommen, so

eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann bemerkte das wohl mit

finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte:

„Du alte Kuh! Was machst du denn?" „Störe mich nicht," sagte sie

unwillig, „du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie ich mir Mühe gebe

und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von deinem

Anhang! Laß mich nur machen, ich will bald vornehmere Kundschaft hier

haben!" Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dünnen

Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche,

setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter.

Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute

Frau Manz gewährte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie

über die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann

erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte,

oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem

vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und

bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen; und Manz,

welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es

jetzt unerträglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite

der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf

den Boden, lief unter die enge Haustüre und wieder zurück, da die

Nachbarn den bösen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun

dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gänzlich und hatten

gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu essen, warten,

bis einer kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein

verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten

sie oft die größte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten

sie auch den Wein nur noch in einer großen Flasche verborgen, die sie

heimlich in einer andern Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun

die Wirte machen ohne Wein und Brot und freundlich sein, ohne

ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand

kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu

können. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den

grünen Spenzer wieder aus und nahm abermals eine Veränderung vor,

indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden

aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie übte

Geduld und suchte den Alten aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten

anzuweisen; sie opferte sich vielfältig in allerlei Dingen, kurz sie

übte in ihrer Weise eine Art von wohltätigem Einfluß, der zwar nicht

weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar

nichts oder als das Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half,

welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie

wußte manchen Rat zu geben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ihrem

Verstande, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so

ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie tat jetzt alles,

da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 6 / 23 段