Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte
vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und
erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert für sie haben
könnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis nicht nur aus
philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen
Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer
Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht
einsehen, daß eine rechte Gemütsverfassung erst dann in der vollen und
rückhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben
glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer
ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser,
als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam
sie auf das Faktum meiner Liebeserklärung zurück, und zwar warf sie,
die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten,
kleinlichsten und unanständigsten Reden und Argumente durcheinander
und tat einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unsers
Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in
dieser letzten zänkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott!
daß es ein Weib war von einem großangelegten Wesen, mit den Manieren,
Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes,
und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie
ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern
zu Paris! Während dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch
fortwährend mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so
persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in die Wette mit dem
Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und
unverschämte Dinge sagte, rief ich, in bittere Tränen ausbrechend: O
Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!'
Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und
erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so
schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein,
ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit.
Ja,' sagte ich, mit den Fäusten meine Tränen zerreibend, nur wir
Männer können sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich
Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre für
Sie. Wären Sie nur ein bißchen gewöhnlicher und geringer, so würde ich
Sie einfach eine schlechte Gans schelten!'
Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne
ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, was
mir jemals in meinem Leben von reinem Glück beschieden sein mochte,
jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit
meiner gläubigen Frömmigkeit in solchen Dingen.
Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen! sagte ich zu
mir selbst, hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr
freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können,
wes Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich
getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luftgebilde!
Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur
verabschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und
blinzelte spöttisch mit den Augen. Ich merkte, daß er meine Affäre
wohl kannte, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine
Art von schadenfrohem Spaß darüber empfand. Da er sonst ein ganz
biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als
die einfältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten
Bratenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren
daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu
machen und dann mit Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln.
Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen
unterhält man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen
anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen selber einer
starken und gründlichen Leidenschaft fähig sind, desto mehr fühlen sie
das Bedürfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in
denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos
aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur
seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Tochter als gebratenen
Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich
nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfuhr, eigensinnig meinen
schweren Tornister und die Muskete auf den Rücken und führte einen
zurückgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das
schon in der Frühe abmarschiert war.
Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marsch nun in eine neue
Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der
ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten
Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien
unseres Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber
wurde die meinige so mörderisch umzingelt, daß wir uns mitten in einem
Knäuel von banditenähnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten
und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schöne hindostanische
Scheinfürsten saßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen mitgeführt.
Unsere sämtlichen Offiziere fielen an diesen Tagen und die Kompanie
schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und
einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten
Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren
Kapitän.
Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfünfzig Mann zwei Jahre lang
einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres
Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste
Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als
ich je in meinem Leben gewesen, mißtrauisch gegen alle Welt und
ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade böse oder
ungerecht zu sein. Meine Haupttätigkeit bestand darin, christliche
Polizei einzuführen und unsern Religionsleuten nachdrücklichen Schutz
zu gewähren, damit sie ungefährdet arbeiten konnten. Hauptsächlich
aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu verhüten, wenn ihre
Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unser
englisches Verbot zu übertreten und einander bei lebendigem Leibe zu
braten zu Ehren der Gattentreue, so mußten wir stets auf den Beinen
sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mürrisch
und mißvergnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes
Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache
ganz schlau und heimlich soweit gebracht, daß der Scheiterhaufen schon
lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Völkchen
auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten, gänzlich
vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben
ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechzehn Jahren,
welches mit lächelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang.
Glücklicherweise hatte das Geschöpfchen noch nicht Feuer gefangen und
ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den
zierlichen Füßchen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen. Sie gebärdete
sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt sein mit ihrem
alten Stänker, so daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändigen und
zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht viel
durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der
äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das Gouvernement
etwas dafür tat, ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese
Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine
Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheiratete der
bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing.
Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäftigten meine Gedanken und
erweckten allmählich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher
unbedingten Treue, und da ich für diese Laune kein Weib zu meiner
Verfügung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber
so treu zu sein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia.
Da ich nun Rang und gute Aussichten besaß, schien es mir nicht
unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch
zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee
bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel aufrichtige
und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen
Wert mußt du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst
hätte sie gewiß nicht so viel darangesetzt. Also gedacht, getan;
nämlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich
möchte, zu heiraten, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen
Persönlichkeit willen, für die es nichts Ähnliches gab, treu und
ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und
schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu
ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich
phantasierte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre
teilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und
in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und
malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die
Verkehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und
stündlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln
und ihren Dummheiten mittels einer von Liebe und Treue getragenen
Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so daß sie
lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun könne. Gott weiß, wo
ich diese geschäftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer
noch aus dem unglücklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und
womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob
sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat!
Kurz, als ich hinlänglich wieder berauscht war von meinen Träumen und
von meinem entlegenen Posten zugleich abgelöst wurde, nahm ich Urlaub
und begab mich Hals über Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den
alten Verhältnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war
noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum
hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehört, so war
ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends
bestärkt, und es schien mir unmöglich, ohne die Verwirklichung
derselben je frohzuwerden.
Allein sie betrieb nun das Geschäft in krankhafter Überreizung ganz
offen und großartig und frönte ihrer unglücklichen Selbstsucht ohne
allen Rückhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher
und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinäre Weise den Hof machten
und sagten, was sie gern hören mochte, kam es auch heraus, wie es
wollte. Es war eine vollständige Hetzjagd von Trivialitäten und hohlem
Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten
angenommen, wenn sie nur aus gänzlicher Ergebenheit herzurühren
schienen und die Unglückliche in ihrem Glauben an sich selbst aufrecht
erhielten. Außerdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem
einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umherging
und sich ihr überall in den Weg stellte; und einen Schuster, der für
sie arbeitete, hatte sie dermaßen betört, daß er jedesmal, wenn er ihr
Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Bürstchen mit einem Spiegelchen
hervorzog und sich sorgfältig den Kopf putzte, wie eine Katze, da er
zuverlässig erwartete, es würde diesmal etwas vorgehen. Wenn man ihn
kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte
Galerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzusehen.
Das Sonderbarste war, daß niemand an diesem Wesen ein Ärgernis nahm,
man also nichts Besseres von Lydia zu erwarten schien und ihre
Aufführung ihrer würdig hielt und also ich der einzige war, der so
große Meinungen von ihr im Herzen trug, so daß alle diese Hausnarren,
die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klüger zu sein
schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief
ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles
Strohköpfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an
ihr ist oder sein könnte! Und ich zitterte danach, ihr noch einmal den
Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres Bild zurückstrahlte und
alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein der äußere Anstand und
die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung nicht aufgeben
konnte, machten es mir unmöglich, mich unter diese Affenschwänze zu
mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu tun. Ich ward
abermals konfus, ungeduldig, nahm plötzlich meinen Abschied aus der
indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die
Unselige zu vergessen.
So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf.
Da ich eine große Menge schöner und kluger Weiber sah, dachte ich, es
wäre das beste Mittel, meine unglückliche Geschichte loszuwerden, in
recht viele hübsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von
Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren;
ließ mich auch in verschiedene gute Häuser und Gesellschaften
einführen. Ich sah in der Tat viele tüchtige Gestalten von edlem
Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen;
aber alles was ich sah, führte mich nur auf Lydia zurück und diente zu
deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs
neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste,
sonderbarste Gefühl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als ob
notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein müßte, welches
genau das Äußere und die Manieren dieser Lydia, kürz deren bessere
Hälfte besäße, dazu aber auch die entsprechende andere Hälfte, und daß
ich nur dann würde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fände;
oder es war mir, als ob ich verpflichtet wäre, die rechte Seele zu
diesem schönen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde
abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging,
zurückzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Tätigkeit und
nahm Dienste in der französisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich
sogleich nach Algier und befand mich bald am äußersten Saume der
afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glühenden
Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug."
Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen
Unfug machen mußte, träumte, es falle eine Treppe hinunter, und
demgemäß auf seinem Stuhle ein plötzliches Geräusch erregte, blickte
der erzählende Pankrazius endlich auf und bemerkte, daß seine
Zuhörerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, daß er
denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzählt, schämte
sich dessen und wünschte, daß sie gar nichts davon gehört haben
möchten. Er weckte die Frauen auf und hieß sie ins Bett gehen, und er
selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber
gemütlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie
einst, als er der faule und unnütze Pankräzlein gewesen, so daß ihn
die Mutter wie ehedem wecken mußte. Als sie nun zusammen beim
Frühstück saßen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht
fortfahrend: Wenn ihr nicht geschlafen hättet, so würdet ihr gehört
haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein
äußerst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines
schönen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir
einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes
Frauenzimmer näher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben
ließ; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestählter Schmoller
aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den
Burnusträgern die lächerlichen turmartigen Strohhüte herunterzuschlagen
und ihnen die Köpfe zu zerbläuen, was ich mit so grimmigem Eifer tat,
daß ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich
geblieben bin bis jetzt. Ich war wieder so einsilbig und trübselig als
je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergnügen: die Erfüllung meiner
Pflicht als Soldat und die Löwenjagd. Letztere betrieb ich ganz
allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Büchse bewaffnet zu
Fuß ausging und das Tier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam,
dasselbe sicher zu treffen, oder zugrunde zu gehen. Die stete
Wiederholung dieser einen großen Gefahr und das mögliche Eintreffen
eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich
behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heißen Höhen
herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der
mich gar wohl bemerkte und ein ähnliches schmollendes Spiel trieb mit
mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefähr vier Monaten ein
ungewöhnlich großer Löwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell
hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne daß man ihm
beikommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein
und machte täglich große Märsche kreuz und quer, so daß ich bei meiner
Weise zu Fuß zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne
zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum
Schuß zu kommen, kannte er mich schon und merkte, daß ich gegen ihn
etwas im Schilde führe. Er fing gewaltig an zu brüllen und verzog
sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen
so umeinander herum während mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich
zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem
zeitweiligen wilden Geknurre.
Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch
nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Löwe tags vorher
sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen
vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren
Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde
vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn
auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über
ein hügeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange
himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel
war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch
erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen
das arabische Städtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande der
Aussicht einige Wälder und grüne Fluren, auf denen man den Rauch und
selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war
totenstill überall und kein lebendes Wesen zu erspähen. Da stieß ich
an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige
Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es
floß ein kühler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben
stand, war die Vertiefung ganz mit glühendem Oleandergebüsch
angefüllt. Nichts war schöner zu sehen, als das frische Grün dieser
Sträucher und ihre tausendfältigen rosenroten Blüten und zu unterst
das fließende klare Wässerlein. Der Anblick ließ eine verjährte
Sehnsucht in mir aufsteigen und ich vergaß, warum ich hier
herumstrich. Ich wünschte, in den Oleander hinabzugehen und aus dem
Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein
Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter,
wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte
und dabei an die schöne Lydia dachte. Ich grübelte, wo sie wohl sein
möchte, wo sie jetzt herumwandle und wie es ihr überhaupt gehen
möchte? Da hörte ich ganz nah den Löwen ein kurzes Gebrüll ausstoßen,
daß der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich
den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah,
daß das große Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr
angekommen war. Und wie ich dastand, so blieb ich auch stehen, die
Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, kauerte er
zum Sprunge nieder, gerade über meiner Doppelbüchse, daß sie quer
unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur gerührt hätte, so würde
er gesprungen sein und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand
und stand so einige lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden
und ohne daß er eines von mir verwandte. Er legte sich gemächlich
nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg höher; aber während die
furchtbarste Hitze mich zu quälen anfing, verging die Zeit so langsam,
wie die Ewigkeit der Hölle. Weiß Gott was mir alles durch den Kopf
ging: ich verwünschte die Lydia, deren bloßes Andenken mich abermals
in dieses Unheil gebracht, da ich darüber meine Waffe vergessen hatte.
Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das
wilde Tier loszuspringen mit bloßen Händen; allein die Liebe zum Leben
behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib
des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schatten ging
mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder
sich zu verlängern. Das war die bitterste Schmollerei, die ich je
verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr
entränne, so wolle ich umgänglich und freundlich werden, nach Hause
gehen und mir und andern das Leben so angenehm als möglich machen. Der
Schweiß lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter
Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuhalten,
leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrockneten Lippen
bewegte, so richtete sich der Löwe halb auf, wackelte mit seinem
Hintergestell, funkelte mit den Augen und brüllte, so daß ich den Mund
schnell wieder schloß und die Zähne aufeinander biß. Indem ich aber so
eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mußte,
verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Löwen,
und je schwächer ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich
angenehm dünkenden, lieblichen Geduld, daß ich alle Pein aushielt und
tapfer ertrug. Es würde aber, als endlich der Tag schon vorgerückt
war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung
sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, daß keiner
von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rücken des Löwen
hermarschiert kamen, bis sie auf höchstens dreißig Schritte nahe
waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, da
sich Geschäfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre
auf der Schulter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen
gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre
Schritte hörte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von
weitem etwas bemerkt und waren so leise als möglich gegangen.
Plötzlich schrien sie jetzt: Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der
Löwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wütend den Rachen auf,
erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlüssig, auf
wen er sich zuerst stürzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave
lustige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er
einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter
seinen Tatzen und es wäre ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere
im gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schuß abfeuernd, das
Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestoßen hätte. Aber auch
diesem würde es schließlich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht
endlich auf meine Büchse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt
wäre und dem Löwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr
geschossen hätte. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war
noch der Schuß aus der andern Muskete nötig, ihn abermals
hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an
dem Tiere, so zäh und wild war sein Leben. Es hatte merkwürdigerweise
keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Löwen
gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tüchtige
Schrammen auf der Schulter. So war die Sache für diesmal glücklich
abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Löwen erlegt.
Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten Mut vollends wieder her,
und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche über die
Freundlichkeit und Gesprächigkeit ihres bösen Obersten sehr verwundert
und erbaut waren.