Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heißen? Indem ich

aber hierüber hin und her sann, entstand und lohete schon eine große

Dankbarkeit in mir für alles mögliche und unmögliche, was irgend in

dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das

Bewußtsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den

widerwärtigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde,

verfielen meine Gedanken plötzlich auf den Ausweg, daß diese scheinbar

so schöne und tüchtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges

und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei,

und selbst mit einem armen Unteroffizier eine schlechte Geschichte

anzuheben nicht verschmähe. Diese verwünschte Ansicht tat mir so weh

und traf mich so unvermutet, daß ich wutentbrannt einen ungeheuren

rauhen Eber niederschoß, der eben durch die hohen Bergkräuter

heranbrach, und meine Kugel saß fast gleichzeitig und ebenso

unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener

niederträchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zumute, als

ob das wilde Tier noch zu beneiden wäre um seine Errungenschaft im

Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie; vor

meinen Gedanken ging die schöne Gestalt vorüber und ich sah sie

deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder ihrer

Bewegungen, und jedes Wort tönte noch nach. Aber merkwürdigerweise

ging dies gute Gedächtnis noch über diesen Tag hinaus und zurück

überhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen

Zeitraum hindurch, wo ich doch gänzlich ruhig gewesen. Wie man bei

ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten

Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht

wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hört, so

entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, daß aus jenem ganzen Zeitraume

jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich

ohne mein Wissen mir eingeprägt hatte, und fast jedes ihrer Worte,

selbst das gleichgültigste und vorübergehendste, hörte ich mit klar

vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder tönen.

Diese sämtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder

heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte

nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh

geworfen. Ich vergaß über diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn

und beschäftigte mich rückhaltlos mit der Ausbeutung meines guten

Gedächtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es

mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise

schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und überließ mich

allein diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht

mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nähe zu sein, und da ich nichts

anderes anzufangen wußte noch gesonnen war, so vermied ich möglichst

jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So

vergingen drei oder vier Wochen, ohne daß etwas weiteres vorfiel, als

daß ich bemerkte, daß sie bei aller Zurückhaltung, die sie nun

beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versäumte, irgend etwas zu

meinen Gunsten zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir völlig nach

dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrücke brauchte,

welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu

tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich

eben von jeher angenehm dünkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom

Zweckmäßigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber

befleißigte; auch lachte sie über dieselben Dinge, über welche ich

lachen mußte, oder ärgerte sich über die nämlichen Unschicklichkeiten,

so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffällig, daß sie mir, da

ich kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben

suchte, und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein

einfaches argloses Kind, daß ich in die größte Verwirrung geriet und

vollends nicht mehr wußte, wie ich mich stellen sollte. So fand ich

denn, um mich zu salvieren, unverfänglich mein Heil in meiner alten

wohlhergestellten Schmollkunst und verhärtete mich vollkommen in

derselben, zumal ich mich nichts weniger als glücklich fühlte in

diesem sonderbaren Verhältnis. Nun schien sie wahrhaft bekümmert und

niedergeschlagen, kleinlaut und schüchtern zu werden, was zu ihrem

sonstigen resoluten und tüchtigen Wesen eine verführerische Wirkung

hervorbrachte, da man an den gewöhnlichen Weibern und, je kleinlicher

sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schüchterne

Bescheidenheit glänzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie,

nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit

und Unverschämtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in

einer mir unverständlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und

zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: ‚Wahrhaftig, Lydia, du bist

verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich

hielt das für einen sehr schlechten Spaß, in betreff auf seine Tochter

für geschmacklos und vom ordinärsten Tone, in bezug auf mich aber für

gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen

und mich den Teufel um ihn weiter zu kümmern. Letzteres tat ich auch

insofern, als ich mich nun gänzlich zusammennahm und in mich selber

verschloß. Lydia wurde eintönig, ja sie schien nun sogar bleich und

leidend zu werden, was mich tief bekümmerte, ohne daß ich daraus etwas

Kluges zu machen wußte. Als sie aber trotz meines Verhaltens wieder

anfing, mir nachzugehen und sich fortwährend zu schaffen machte, wo

ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung und in der Verzweiflung

begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu

pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes

jämmerliches Zeug, als ob wir beide blödsinnig wären; allein beide

schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie

Kinder; denn auch ich vergaß darüber alles andere und war endlich

froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu führen. Allein das Glück

dauerte nie länger als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an

Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern

glichen, die ein Perlenband aufgezettelt haben und mit Betrübnis die

schönen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang,

bis eine dieser großen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich

den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war,

mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen

etwas ungewöhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und

davonzugehen, allein die Zeit verging mir so eilig, daß ich die Tat

immer wieder hinausschieben mußte. Denn meine Gedanken waren jetzt

ausschließlich mit dieser Sache beschäftigt und es ging mir dabei

äußerst seltsam.

Mit den Büchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig

geworden und wußte nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche

mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den

ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah

auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und

vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komödien darin mit der

kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den

Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch

vorne drin zu sehen war. Dieser verführerische falsche Prophet führte

mich schön in die Patsche. Er schildert nämlich die Welt nach allen

Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es

in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das

Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollständig und

charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall, jeder

vom reinsten Wasser in seiner Art, so daß, wenn schlechte Skribenten

die Welt der Mittelmäßigkeit und farblosen Halbheit beherrschen und

malen und dadurch Schwachköpfe in die Irre führen und mit tausend

unbedeutenden Täuschungen anfüllen, dieser hingegen eben die Welt des

Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll,

beherrscht, und dadurch gute Köpfe in die Irre führt, wenn sie in der

Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach

es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder

dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug,

aber ohne den schönen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange

Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind

nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen

einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe überstanden. Es gibt noch

Leute genug, die wähnen Hamlet zu sein, und sie rühmen sich dessen,

ohne eine Ahnung zu haben von den großen Herzensgründen eines wahren

Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths dämonische und doch

wieder so menschliche Mannhaftigkeit, und dort ein Richard der Dritte,

ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht

schön, dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die

geistreich, aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute unglücklich

zu machen, nicht aber sich selbst zu beglücken. Unsere Shylocks

möchten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und

nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von

Venedig geraten nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in

Gefahr, sondern wegen einfältigen Aktienschwindels und halten dann

nicht im mindesten so schöne melancholische Reden, sondern machen ein

ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle

solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so hübsch beisammen, wie in

jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen

wehrbaren Mann, nie ein vollständiger Narr auf einen unbedingt klugen

Fröhlichen, so daß es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner

guten Komödie kommen kann.

Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz

in demselben, da es mir gar so gründlich und sachgemäß geschrieben

schien und mir außerdem eine solche Arbeit ebenso neu als

verdienstlich vorkam. Weil nun alles übrige so trefflich, wahr und

ganz erschien und ich es für die eigentliche und richtige Welt hielt,

so verließ ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es

vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schönen Sterne

Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die

Lösung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden.

Gut! dachte ich, wenn ich diese schönen Bilder der Desdemona, der

Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen

Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Käuzen

nachgingen und anhingen, rückhaltlos wie unschuldige Kinder, edel,

stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des

Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein

solches festes, schöngebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist

diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine

unergründliche Tiefe auswirft und wohl weiß, was sie will. Diese

Meinung ging gleich einer strahlenden heißen Sonne in mir auf und in

deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung,

jedes Wort des schönen Geschöpfes, und es dauerte nicht lange, so

überbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner

mächtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im

Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen

Herzschlägen und einem tatsächlichen Nacken voll goldener Locken.

Das unheimliche Rätsel war nun gelöst und ich hatte nichts weiter zu

tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette

zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Mühe meine geringfügige

und unliebliche Person für eine solche Laune des Schicksals oder des

königlich großmütigen Frauengemütes einigermaßen leidlich

zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Pläne und Aussichten, welche

sich an das große schöne Luftschloß anbaueten. Die unendliche

Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die

Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil ihren Grund in

meiner sich geschmeichelt fühlenden Eigenliebe; aber gewiß auch zum

noch größeren Teile darin, daß diese Erklärungsweise die einzige war,

welche mir möglich schien, ohne dies teuerste Wesen verachten und

bemitleiden zu müssen; denn eine hohe Achtung, die ich für sie

empfand, war mir zum Lebensbedürfnis geworden und mein Herz zitterte

vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere

gezittert hatte.

So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von

Träumen so vollhängend, wie ein Baum voll Äpfel, alles, ohne mit Lydia

um einen Schritt weiterzukommen. Ich fürchtete mich vor dem kleinsten

möglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er

zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit

einzugehen gewiß ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die

Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schönste und

unzweifelhafteste sich begebend, drängten und blühten da

durcheinander. Ich versäumte meine Geschäfte und war zu nichts zu

gebrauchen. Das Ärgste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten

Schach spielen mußte, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit

an das Spiel zu fesseln, und die einzige Muße für meine schweren

Liebesgedanken gewährte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war

und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich ließ mich daher sobald

als immer möglich, ohne daß es zu sehr auffiel, matt machen und hielt

mich so lange mit dem Aufstellen des Königs und der Königin, der

Läufer, Springer und Bauern auf und rückte so lange an den Türmen hin

und her, daß der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und

tändle mit den Figürchen zu meinem Vergnügen.

Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in müßige

Traumseligkeit aufzulösen, und ich lief Gefahr, ein Tollhäusler zu

werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlösser

unsäglich kleinmütig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen

ist, die solchen wuchernden Träumen gegenüber immer zurückstehende

Wirklichkeit niederdrückt und die leibhafte Gegenwart etwas

Abkühlendes und Abwehrendes behält. Es ist das gewissermaßen die

schützende Dornenrüstung, womit sich die schöne Rose des körperlichen

Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia wurde, desto

ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst

entnahm, wie schwer es einem möglich wird, eine wirkliche Liebe zu

zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng,

traurig und leidend schien, schöpfte ich wieder einen halben Grund zu

einer vernünftigen Hoffnung, aber dies quälte mich alsdann noch viel

tiefer und ich hielt mich nicht wert, daß sie nur eine schlimme Minute

um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Füße

gelegt hätte. Dann ärgerte ich mich wieder, daß sie, um guter Dinge zu

sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter

närrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine

Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz,

ich ging einer gänzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr

imstande, ein einziges Geschäft ordnungsgemäß zu verrichten, und lief

Gefahr, als Soldat rückwärts zu kommen oder gar verabschiedet zu

werden, wenn ich nicht als ein abhängiger dienstbarer Lückenbüßer, der

zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hängen

wollte.

Als daher die Engländer in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen

Völkern gerieten und ein Feldzug eröffnet wurde, der nachher ziemlich

blutig für sie ausfiel, entschloß ich mich kurz und trat wieder in

meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied

nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte,

bat und schmeichelte mir, daß ich bleiben möchte, wie alle solche

Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem

Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfügung da, um ihnen die Zeit zu

vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen ließ sich

während der drei oder vier Tage, während welcher von meinem Abzug die

Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder

warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur

das Auge schien zornig, ihr Gang und die übrigen Bewegungen waren

dabei so still, edel und an sich haltend, daß dieser schöne Zorn mir

das Herz zerriß. Auch hörte ich, daß sie des Morgens sehr spät zum

Vorschein käme und daß man sich darüber den Kopf zerbräche; denn es

deutete darauf, daß sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am

letzten Tage zufällig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu

bemerken, daß sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich

schnell zurück, als ich vorüberging. Nichtsdestominder schritt ich

meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder

rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem

Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben

einigermaßen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem

provisorischen Gärtner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt

zeigen würde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwäldchen, das

ich gezogen hatte; die Bäumen ragten just in die Höhe des Gesichtes

und waren so dicht, daß, wenn man darin herumging, die Rosen einem an

der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der

Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bücken

brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine

Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit

irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens

schien, zögerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis

der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem

Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, daß ihr

Tränen aus den Augen fielen. Ich hatte Mühe, mich zu bezwingen, doch

tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war

ich zehn Schritte gegangen, als ich hörte und fühlte, wie sie, bald

laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze

Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich plötzlich um

und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war:

‚Warum gehen Sie mir nach, Fräulein?'

Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den

Blick zur Erde gesenkt, glühendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich

und weiß und zitterte am ganzen Leibe, während sie die großen blauen

Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte

sie mit einer Stimme, in welcher empörter Stolz mit gern ertragener

Demütigung rang: ‚Ich denke, ich kann in meinem Besitztume herumgehen,

wo ich will!'

‚Gewiß!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war

jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner

heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, daß sie trotz

ihrer kräftigen Bewegungen mir mit Mühe folgen konnte, und doch tat

sie es. Ich sah sie mehrmals groß an von der Seite und sah, daß ihr

die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie

kummervoll und demütig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es

ebenfalls siedendheiß im Gesicht und meine Augen wurden auch naß. Die

Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, daß ich entweder eine

Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand,

wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch

dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen

Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre

Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn

sie der Teufel selbst wäre!

Indem erreichten wir eine Stätte, wo ein oder zwei Dutzend

Orangenbäume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfüllten, während

ein süßer frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Stämme

wehte. Ich glaube diesen betörenden Hauch und Duft noch jetzt zu

fühlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich übte er eine ähnliche

Wirkung auf das Geschöpf, das neben mir ging, daß es seine wundersame

Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs äußerste

empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne

wäre; denn sie ließ sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und

senkte das schöne Haupt auf die Hände; die goldenen Haare fielen

darüber und reiche Tränen quollen durch ihre Finger.

Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: ‚Was wollen

Sie denn, was ist Ihnen, Fräulein Lydia?'

‚Was wollen Sie denn!' sagte sie, ‚ist es je erhört, eine schöne und

feine Dame so zu quälen und zu mißhandeln! Aus welchem barbarischen

Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie für ein Stück Holz in der

Brust?'

‚Wie quäle, wie mißhandle ich denn?' erwiderte ich unschlüssig und

betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir

diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein.

‚Sie sind ein grober und übermütiger Mensch!' sagte sie, ohne

aufzublicken.

Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, ‚Sie würden

dies nicht sagen, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie wenig grob und

übermütig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist

gerade meine große Höflichkeit und Demut, welche--'

Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem

schmerzlichen, bittenden Lächeln aufgehellt, sagte sie hastig: ‚Nun?'

Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest

von Überlegung brachte. Ich, der ich es nie für möglich gehalten

hätte, selbst dem geliebtesten Weibe zu Füßen zu fallen, da ich

solches für eine Torheit und Ziererei ansah, ich wußte jetzt nicht,

wie ich dazu kam, plötzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz

hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen,

den ich mit heißen Tränen benetzte. Sie stieß mich jedoch

augenblicklich zurück und hieß mich aufstehen; doch als ich dies tat,

hatte sich ihr Lächeln noch vermehrt und verschönert und ich rief nun:

‚Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzählte ihr

meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich mir kaum je

zugetraut. Sie horchte begierig auf, während ich ihr gar nichts

verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus

überströmendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele

lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so emsig und

treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend

und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn stützend,

und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewünschtes

Spielzeug gegeben, als sie hörte und vernahm, wie nicht einer ihrer

Vorzüge und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen

war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich errötend,

doch mit zufriedener Sicherheit: ‚Ich danke Ihnen sehr, mein Freund,

für Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, daß Sie

um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind

ein ganzer Mann und ich muß Sie achten, da Sie einer so schönen und

tiefen Neigung fähig sind!'

Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stück Eis in mein heißes Blut;

doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu gönnen, wenn

sie jetzt die gefaßte und sich zierende Dame machen wolle, und mich in

alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch

anschlagen würde.

Doch erwiderte ich bekümmert: ‚Wer spricht denn von mir, schöne,

schöne Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten

habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenüber auch nur einer

unmutigen oder gequälten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich

unwerter und ungefüger Geselle eine solche je ersetzen oder vergüten?'

‚Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch

lächelnd, doch schon in einer etwas veränderten Weise, ‚nun, ich muß

allerdings gestehen, daß mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen

sehr geärgert und sogar gequält hat; denn ich war an so etwas nicht

gewöhnt, vielmehr daß ich überall, wo ich hinkam, Artigkeit und

Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe Fühllosigkeit

hat mich ganz schändlich geärgert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als

mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir

nun, zu sehen, daß Sie doch auch ein bißchen Gemüt haben, und

besonders, daß ich an meinem eigenen Werte nicht länger zu zweifeln

brauche; denn was mich am meisten kränkte, war tiefer Zweifel an mir

selbst, an meinem persönlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann.

Übrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig

als zu jemand anderm, und hoffe, daß Sie sich mit aller Hingebung und

Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabänderliche fügen

werden, ohne mir gram zu sein!'

Wenn sie geglaubt, daß ich nach dieser unbefangenen Eröffnung gänzlich

rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich

getäuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe hatte mein

Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefährlichen

Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und

Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und

verzweifelt zu sein und die Täuschung nicht aufgeben zu wollen, wie es

sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich plötzlich so

kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der auf das

schmählichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jäger

es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urplötzlich eine

wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheimliches Gefühl

von Kälte freilich, wenn ich bei alledem die Schönheit ansehen mußte,

die da vor mir glänzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimnis der

Schönheit.

Indessen, wäre ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen, so

würde ich jetzt dennoch so weiß ausgesehen haben, wie die

Orangenblüten über mir, als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte.

‚Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persönlichkeit herzustellen,

war es Ihnen möglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und

Selbstentäußerung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach,

wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir

fortwährend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen

Sie Tränen und zeigten eine so goldene und rückhaltlose Freude, wenn

ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?'

‚Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer

selbstzufrieden, ‚so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig

böse, eitler Mann! daß Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar so

demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' ‚Daß ich

Ärmste nicht das sehnlich blökende Lämmlein bin, für das Sie mich in

Ihrer Vergnügtheit gehalten?'

‚Ich war nicht vergnügt, Fräulein!' erwiderte ich. ‚Indessen wenn die

Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen

vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes

Glück darin fand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter wert zu sein

und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich

geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! Ich rechne es mir

sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fangen ließ, daß ich eher an

die einfache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemütes glaubte, bei so

klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbenerweise nichts

als eine einfältige Komödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist

die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben

an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten

aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme

englische Dame?'

‚Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmählich blaß und

verlegen wurde, ‚ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich

Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen,

daß Sie hingerissen waren und mir soeben erzählten, wie ich Ihnen von

jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein

weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchslosesten

Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so wurde uns

diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich

hätte mich begnügt!'

‚Hätten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne', erwiderte

ich, ‚so hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß

dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren

muß, zu meinen eigenen Schmerzen!'

‚Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, ‚ich weiß einmal, daß ich Ihnen

wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Geständnis

angehört und bin meiner Eroberung versichert. Alles übrige ist

gleichgültig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden

diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin

Schönheit!' ‚Das heißt,' sagte ich, ‚es scheint dies Reich eher einer

Zigeunerbande zu gleichen. Wie können Sie eine Feder auf den Hut

stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen

den Willen des Eigentümers?'

Sie antwortete: ‚Auf diesem Felde, bester Herr Eigentümer, gereicht

der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue,

wie gut ich Sie getroffen habe!'

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 3 / 23 段