Dinge erfahren und so in meinem Wesen verändert und aufgerüttelt
werden, daß mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der
Kommandeur hatte mich gänzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich
mußte fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen Mann
von etwa fünfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten
Turm, da sie womöglich noch wunderlicher sein mußte, als er; solange
sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwährend angeknurrt, wie zwei
wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, daß sie sich
gegenseitig ineinander getäuscht hätten, obwohl niemand besser
füreinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und
lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr hätte
die Zeit verbringen können, und wenn sie weit auseinander waren, so
sorgte eines für das andere mit rührender Aufmerksamkeit. Die einzige
Tochter, die sie hatten, und die Lydia heißt, lebte dagegen
meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der
Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese
mehr zärtliches Mitleid für den Vater empfinden ließ, als für die
Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als
jener in dem vermeintlich unglücklichen Verhältnis. Der Kommandeur
hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die außerhalb der Stadt
in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Bäumen
angefüllten Tale lag. Unter diesen Bäumen, rings um das leichte weiße
Haus herum, waren Gärten angelegt, in denen teils jederzeit frisches
Gemüse, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in
allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben
in nächster Nähe und in möglichster Menge, so daß in dem grünen
Schatten der Bäume es ordentlich leuchtete von großen purpurroten und
weißen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so mußte
ich als ein militärischer zuverlässiger Vertrauensmann diese Gärten in
Ordnung halten, oder um darüber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem
Oberst auf die Jagd gehen, und ich würde darüber zu einem gewandten
Jäger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare
Landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine Gebirgswildnis verlief,
die nicht nur Schwärme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern
auch von Zeit zu Zeit reißende Tiere, besonders große Tiger
beherbergte. Wenn ein solcher sich spüren ließ, so gab es einen großen
Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr
lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter
gar nichts zu tun, so mußte ich mit dem alten Herrn Schach spielen und
dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn
und Geschick dazu besaß und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig
Vergnügen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingeübt,
daß ich ihm einigermaßen die Stange halten konnte, ohne ihn des
öfteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere
Dinge verwirrt worden wäre, so würde ich dem grimmigen Alten bald
überlegen geworden sein.
Dergestalt war ich nun das merkwürdigste Institut von der Welt; ich
ging unter diesen Palmen einher gravitätisch und wortlos in meiner
Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstöckchen in der Hand und über
dem Kopfe ein weißes Tuch zum Schutze gegen die heiße Sonne. Ich war
Soldat, Verwaltungsmann, Gärtner, Jäger, Hausfreund und
Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort
sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich
zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewöhnt, daß
meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein
Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch
diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fünf
Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit
hatte, im übrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu,
das Dutzend Bücher, so der alte Herr besaß, immer wieder durchzulesen
und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stück
von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller
Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht
wußte, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren
sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war
dies doch nur gewissermaßen strichweise und das meiste, was es gab,
lag zur Seite des Striches, den ich passiert.
Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches
ernannt, wo wir bisher gestanden; er wünschte mich in seiner Nähe zu
behalten und veranlaßte meine Versetzung aus dem Regiment, welches
wieder nach England zurückging, in dasjenige, welches dafür ankam, und
so fand sich wieder Gelegenheit, daß ich als Militärperson sowohl wie
in allen übrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht
war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der
keinen andern Herrn, als seine Fahne über sich hatte.
Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irländischen
Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es
war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von großer Schönheit; doch war
sie nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Person, die in ihren
eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck
machte, daß es für den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht
hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost für diese gäbe, eben
weil es eine ganze und selbständige Person schien, die so nicht zum
zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbständigkeit
gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und
mit jener Lauterkeit und Rückhaltlosigkeit in dieser Güte, welche,
wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine
wahre Überlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein
unbefangenes ursprüngliches Gemütswesen ist, den Schein einer
weihevollen und genialen Überlegenheit gibt. Indessen war sie sehr
gebildet in allen schönen Dingen, da sie nach Art solcher Geschöpfe
die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen,
was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren
Sprachen, ohne daß man jedoch viel davon bemerkte, so daß unwissende
Männer ihr gegenüber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit
gerieten, weniger zu verstehen, als ein müßiges Ziergewächs von
Jungfräulein. Überhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter
Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, daß sie die vorkommenden
kleineren oder größeren Dinge, Vorfälle oder Gegenstände durchaus
treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und
Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme
und die Bewegungen ihres Körpers. Und über alles dies war sie, wie
gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, daß sie nicht imstande
war, eine überlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit der
fröhlichsten Geduld am Brette saß, um sich von ihrem Vater
unaufhörlich überrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich
heimatlich und wohl zumute in ihrer Nähe; man dachte unverweilt, diese
wäre der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gäbe es in
der Welt. Ihre schönen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die
fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch das
ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schönheit, so sehr sie auffiel,
von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war
und dabei gänzlich den Eindruck von etwas Einzigem und Persönlichem
machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heißt,
ich sage es schien so, oder eigentlich, weiß Gott, ob es am Ende doch
so war und es nur an mir lag, daß es ein solcher trügerischer Schein
schien, kurz--"
Pankrazius vergaß hier weiterzureden und verfiel in ein schwermütiges
Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe
einfältiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren über die
Hälfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Köpfe
gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und hörend,
schlaftrunken mit ihren Köpfen, denn schon seit Pankrazius die
Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie
angefangen, schläfrig zu werden, ließen ihn jetzt gänzlich im Stich
und schliefen wirklich ein. Zum Glück für unsere Neugierde bemerkte
der Oberst dies nicht, hatte überhaupt vergessen, vor wem er erzählte,
und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den
schlafenden Frauen zu erzählen, wie einer, der etwas lange
Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann.
Ich hatte," sagte er, bis zu dieser Zeit noch kein Weib näher
angesehen und verstand oder wußte von ihnen ungefähr soviel, wie ein
Nashorn vom Zitherspiel. Nicht daß ich solche etwa nicht von jeher
gern gesehen hätte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mühe nach
ihnen schielen konnte; doch war es mir äußerst zuwider, mit
irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir
von jeher schien, als ob es sämtlichen Weibern gar nicht um eine
vernunftgemäße, klare und richtige Sache zu tun wäre, daß es ihnen
unmöglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu
bleiben, sondern daß sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem
Augenblicke etwas Zweckmäßiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf
eine große Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als
ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgäben, im Grunde aber eine
Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von
bewußter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen
schlechten Instinkten und Querköpfigkeiten desto bequemer zu frönen.
Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk
und würdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich
mehr zufrieden war und keinen Groll fürder hegte, gab es zwar viel
Frauensleute, sowohl indischen Geblütes, als auch eine Menge
englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie
bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schön waren wie die
Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts
weiter als dies und rührten mich nicht im mindesten, da Schönheit und
Güte ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es war
mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein wäre, sich
auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren
vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche
größtenteils aus Großbritannien herstammten, schienen schon eher
wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es
waren, so betrieben sie die Güte und Ehrbarkeit wie ein abscheulich
nüchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle
Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewußten respektablen Weibsen
so viel zugute taten, handhabten sie eher als Würzkrämer, denn als
Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen
sorglich in die löschpapierne Düte der Philisterhaftigkeit gewickelt.
Überdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser
abendländischen Schönen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit
zöge, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem
Geschlechte, von uns Herren Europäern, überkommen konnten, aber die
gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Übel wird.
Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten
austauschen und eines dem andern seine angeborenen Schwachheiten
mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken
über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und
mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekümmern.
Als nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in
ihrer Nähe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Stoß und fiel
zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie
zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte.
Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese
zu empfinden, weder Geringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen
nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über
ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an,
wenn ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als
ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten
brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu
beobachten hatte, als dasjenige eines sich aufrechthaltenden
ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das Schweigen, besonders
gegenüber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das
langjährige Kopfhängen, daß ich beim besten Willen jetzt nicht hätte
eine Ausnahme machen können, auch wenn es sich geschickt hätte.
Dennoch fühlte ich ein großes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese
Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu
Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und
dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen, wenigstens
sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei
mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich
Veranlassung fand, mich dahin zu verfügen, wo sie eben war; doch tat
ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange der
Dinge lag; nicht einmal blickte oder ging ich, wenn ich mich im
gleichen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimmten vernünftigen
Grund nach ihr hin und fühlte überhaupt eine solche Ruhe in mir, wie
das kühle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin
daraufscheint.
Dies verhielt sich so ungefähr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch
etwas darüber, ich weiß es nicht mehr genau; denn die ganze
Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum
schwebt mir nur noch wie ein schwüler von Träumen durchzogener
Sommertag vor. Während dieses Anfanges nun, dessen längere oder
kürzere Dauer ich nicht mehr weiß, ging so alles gut und ruhig
vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich öfters sehen mußte, hatte
nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie
es aber tat, so war sie außerordentlich freundlich und tat es nie,
ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schönen Gesichtes,
was ich dann dankbarst damit erwiderte, daß ich ein um so ehrbareres
Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl,
mein Fräulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte,
was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein,
so dachte ich wohl vielfältig an sie, aber nicht im mindesten wie ein
Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher
aufrichtig um sie bekümmert war, ihr alles Wohlergehen wünschte und
allerlei gute Dinge für sie ausdachte. Kaum ging eine leise
Veränderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, daß ich
gegenüber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr
den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in
meinen übrigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhängigkeit
wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhältnis zu ihm stand
und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau getan, wofür ich
besoldet war, alles übrige als ein guter Vertrauter mitmachte und nur,
da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm aß und trank. Und
so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich
freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte.
Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bäumen mir zu
tun machte, daß die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal
herkam, ohne daß sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das
erstemal setzte sie sich auf einen umgestürzten Korb und aß ein
kleines Körbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwährend mit
mir plauderte und mich zum Reden veranlaßte. Das andere Mal kam sie
und rückte den Korb ganz nahe an das Rosenbäumchen, das ich eben
säuberte, setzte sich abermals darauf und nähte ein weißes seidenes
Band auf ein zierliches Nachthäubchen oder was es war; denn genau
konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr
nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald
wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in
Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb
und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung
daraufsetzte, mir den Rücken zuwendend, und ganz still das Spiel zu
lösen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie,
das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen
seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder
nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch
einleuchten, und meine Seele rümpfte leise die Nase zu diesem Tun;
aber von Stund an war ich verliebt in Lydia.
In der wunderbarsten gelinden Aufregung ließ ich mein Bäumchen stehen,
holte die Doppelbüchse und streifte in den Abend hinaus weit in die
Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle vergaß ich zu schießen;
denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das
Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen.