Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lang

Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team.

GOTTFRIED KELLER

DIE LEUTE VON SELDWYLA

Erster Band

INHALT

Einleitung von Felix Rosenberg

Pankraz, der Schmoller

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Frau Regel Amrain und ihr Jüngster

Die drei gerechten Kammacher

Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen

EINLEITUNG

Seldwyla bedeutet nach der älteren Sprache einen wonnigen und sonnigen

Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen

irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den gleichen alten

Ringmauern und Türmen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer

das gleiche Nest; die ursprüngliche tiefe Absicht dieser Anlage wird

durch den Umstand erhärtet, daß die Gründer der Stadt dieselbe eine

gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum

deutlichen Zeichen, daß nichts daraus werden solle. Aber schön ist sie

gelegen mitten in grünen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen

sind, so daß wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lüftchen.

Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte

Stadtmauer, während höher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen

sich hinziehen, welche das Vermögen der Stadt ausmachen; denn dies ist

das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, daß die Gemeinde

reich ist und die Bürgerschaft arm, und zwar so, daß kein Mensch zu

Seldwyla etwas hat und niemand weiß, wovon sie seit Jahrhunderten

eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten

die Gemütlichkeit für ihre besondere Kunst und, wenn sie irgendwo

hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisieren sie zuerst die

dortige Gemütlichkeit und meinen, ihnen tue es doch niemand zuvor in

dieser Hantierung.

Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von

etwa zwanzig bis fünf-, sechsunddreißig Jahren, und diese sind es,

welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von

Seldwyla darstellen. Denn während dieses Alters üben sie das Geschäft,

das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie

lassen, solange es geht, fremde Leute für sich arbeiten und benutzen

ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres,

der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemütlichkeit der

Herren von Seldwyla bildet und mit einer ausgezeichneten

Gegenseitigkeit und Verständnisinnigkeit gewahrt wird; aber

wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn sowie

einer die Grenze der besagten blühenden Jahre erreicht, wo die Männer

anderer Städtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen und zu

erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muß fallen lassen und hält

sich, wenn er ein ganz gewöhnlicher Seldwyler ist, ferner am Orte auf,

als ein Entkräfteter und aus dem Paradies des Kredites Verstoßener,

oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so

geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort für einen fremden

Tyrannen, was er für sich selbst zu üben verschmäht hat, sich

einzuknöpfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als tüchtige

Kriegsmänner nach einer Reihe von Jahren zurück und gehören dann zu

den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft

zu erziehen wissen, daß es eine Lust ist. Andere ziehen noch

anderwärts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr hin, und in den

verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle

dadurch auszeichnen, daß sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen,

in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris oder

Konstantinopel.

Was aber zurückbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann

nachträglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend

kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, für den täglichen

Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und

Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das

erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist rührend anzusehen, wie tätig

sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stückchen

Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Bürger die Fülle und

die Gemeinde verkauft jährlich noch einen guten Teil, woraus die große

Armut unterstützt und genährt wird, und so steht das alte Städtchen in

unveränderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im

ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele

trübt, wenn etwa eine allzu hartnäckige Geldklemme über der Stadt

weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre

große politische Beweglichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der

Seldwyler ist. Sie sind nämlich leidenschaftliche Parteileute,

Verfassungsrevisoren und Antragsteller, und wenn sie eine recht

verrückte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Großratsmitglied

stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfassungsänderung in Seldwyla

ausgeht, so weiß man im Lande, daß im Augenblicke dort kein Geld

zirkuliert. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinungen und

Grundsätze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung

gewählt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radikales

Regiment, so scharen sie sich, um es zu ärgern, um den konservativen

frömmlichen Stadtpfarrer, den sie noch gestern gehänselt, und machen

ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine

Kirche drängen, seine Predigten preisen und mit großem Geräusch seine

gedruckten Traktätchen und Berichte der Baseler Missionsgesellschaft

umherbieten, natürlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber

ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs konservativ aussieht,

stracks drängen sie sich um die Schullehrer der Stadt und der Pfarrer

hat genug an den Glaser zu zahlen für eingeworfene Scheiben. Besteht

hingegen die Regierung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form

halten, und aus häcklichen Geldmännern, so laufen sie flugs dem

nächstwohnenden Sozialisten zu und ärgern die Regierung, indem sie

denselben in den Rat wählen mit dem Feldgeschrei: Es sei nun genug des

politischen Formenwesens und die materiellen Interessen seien es,

welche allein das Volk noch kümmern könnten. Heute wollen sie das Veto

haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter

Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit hätten,

morgen stellen sie sich übermüdet und blasiert in öffentlichen Dingen

und lassen ein halbes Dutzend alte Stillständer, die vor dreißig

Jahren falliert und sich seither stillschweigend rehabilitiert haben,

die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den

Wirtshausfenstern hervor die Stillständer in die Kirche schleichen und

lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht

meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Hände verfriere, warum

kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwärmten sie allein für das

eidgenössische Bundesleben und waren höchlich empört, daß man Anno

achtundvierzig nicht gänzliche Einheit hergestellt habe; heute sind

sie ganz versessen auf die Kantonalsouveränität und haben nicht mehr

in den Nationalrat gewählt.

Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Motionen der Landesmehrheit

störend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewöhnlich

als Beruhigungsmittel eine Untersuchungskommission auf den Hals,

welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes regulieren soll;

dann haben sie vollauf mit sich selbst zu tun und die Gefahr ist

abgeleitet.

Alles dies macht ihnen großen Spaß, der nur überboten wird, wenn sie

allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den gärenden Most, den sie

Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher

unter ihnen, und sie machen einen Höllenlärm; die ganze Stadt duftet

nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je

weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser hält er

sich sonderbarerweise, wenn er ausrückt, und ob sie einzeln oder in

Kompanie ausziehen, wie z.B. in früheren Kriegen, so haben sie sich

doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschäftsmann hat

schon mancher sich rüstig umgetan, wenn er nur erst aus dem warmen

sonnigen Tale herauskam, wo er nicht gedieh.

In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand

seltsamen Geschichten und Lebensläufen nicht fehlen, da Müßiggang

aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem

beschriebenen Charakter von Seldwyla liegen, will ich eigentlich in

diesem Büchlein erzählen, sondern einige sonderbare Abfällsel, die so

zwischendurch passierten, gewissermaßen ausnahmsweise, und doch auch

gerade nur zu Seldwyla vor sich gehen konnten.

* * * * *

PANKRAZ, DER SCHMOLLER

Auf einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die

Witwe eines Seldwylers, der schon lange fertig geworden und unter dem

Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr

fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann

zu sein, daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht

entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorübergegangen und

er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatz der Taten, da

erschien ihm alles wie ein wüster Traum und wie ein Betrug um das

Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt.

Er hinterließ seiner Witwe ein kleines baufälliges Häuschen, einen

Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine

Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die

Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Witwengehalt,

den der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal

einige Wochen über den Termin hinaus in seinem Geschäfte benutzt,

reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen

Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem

die ärmlichen Gewänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wochen

zu früh gänzlich schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen

Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war

eine so regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgendeine am Himmel,

und verwandelte ebenso regelmäßig eine Zeitlang die kühle, kümmerlich-

stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit.

Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen;

denn sie hielten sie in ihrem Unverstande für mächtig genug dazu, weil

sie ihr ein und alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige

Oberbehörde war. Die Mutter war unzufrieden, daß die Kinder nicht

entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zusammen

erhielten.

Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohn war

ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und

ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang im Bette lag, dann

ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las,

und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem

Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glänzende und

pomphafte Begebenheit war, welche sich für ihn zutrug. Sie schien für

ihn etwa das zu sein, was für die Kaufleute der Mittag auf der Börse;

wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem Vorgang

zurück, und wenn es recht rotes und gelbes Gewölk gegeben, welches

gleich großen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und

majestätisch manövriert hatte, so war er eigentlich vergnügt zu

nennen.

Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit

seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bündel

legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde.

In diesem Bündelchen stak hauptsächlich ein kleines Heft, aus einem

zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weiße Rückseiten

mit allerlei Linien, Figuren und aufgereihten Punkten, dazwischen

Rauchwolken und fliegende Bomben, gefüllt und beschrieben waren. Dies

Büchlein betrachtete er oft mit großer Befriedigung und brachte neue

Zeichnungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in

voller Blüte stand. Er lag dann im blühenden Kraut unter dem blauen

Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so

schaute er dreimal so lange in das gegenüberstehende glänzende

Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im übrigen war es ein

eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte

und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte.

Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit

langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der

allerweißesten Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich

vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß

eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es

mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab

die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in

seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und

es ihm wahrscheinlicherweise einmal recht schlecht ergehen konnte,

während nach ihrer Ansicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon

deshalb unterkommen würde.

Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Söhnlein desto mehr

zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwarten

könne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebärdete sich wie ein

kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine

Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte, das müsse so

sein.

Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie sich durch eine

allerdings arge Unzukömmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List

oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte nämlich jeden

Mittag einen dicken Kartoffelbrei, über welchen sie eine fette Milch

oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei

aßen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem

jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge

heineingrub. Das Söhnlein, welches bei aller Seltsamkeit in

Eßangelegenheiten einen strengen Sinn für militärische Regelmäßigkeit

beurkundete und streng daraufhielt, daß jeder nicht mehr noch weniger

nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die

gelbe Butter, welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in

die abgeteilten Gruben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel

harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch

allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden

Bächlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder

dem widersetzte und ebenso künstliche Dämme aufbaute und überall

verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch zeigen wollte, so wußte sie

doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte

kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden

Augen in des Bruders gefüllte Grube. Alsdann warf er den Löffel weg,

lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite

neigte und ihre eigene Brühe voll in das Labyrinth der Kanäle und

Dämme ihrer Kinder strömen ließ. So lebte die kleine Familie einen Tag

wie den andern, und indem dies immer so blieb, während doch die Kinder

sich auswuchsen, ohne daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die

Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fühlten sich alle immer

unbehaglicher und kümmerlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der

Sohn, tat und lernte fortwährend nichts, als eine sehr ausgebildete

und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine

Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und

interessante Beschäftigung für ihn, bei welcher er die müßigen

Seelenkräfte fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen

Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen er behende und

meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte. Estherchen, die

Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches

aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese

Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann den Pankraz so, daß er

immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem

Ärger selbst heimlich weinte.

Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und

Kräften, und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fühlte,

erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen

Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um

zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und

erleiden könne. Sobald sich ein solches zur Not dargestellt und

entwickelt, prügelte er unverweilt seine Widersacher auf das

jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen

Tätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im

Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl

einzelne ihm an Stärke weit überlegene Jünglinge als ganze Trupps

derselben entweder besiegte, oder wenigstens einen ungestraften

Rückzug ausführte.

War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurückgekommen, so

schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich

dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch

begegnet, daß er, statt welche auszuteilen, beträchtliche Schläge

selbst geerntet hatte, und als er voll Scham, Verdruß und Wut nach

Hause kam, hatte Estherchen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem

Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für

Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen,

und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmütig, mit

kaum verhaltenen Tränen in den Augen, besah er das unansehnliche,

kaltgewordene Restchen, während die schlimme Schwester, welche schon

wieder am Spinnrädchen saß, unmäßig lachte. Das war zu viel und nun

mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen, ging Pankraz hungrig

in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, daß

er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu

finden. Der Tag verging, ohne daß er kam, und ebenso der zweite und

dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in große Angst und Not;

sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davongegangen, indem er seine

Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhörlich, wenn

alle Bemühungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und

als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und

blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das

ihnen nun doppelt einsam und arm erschien.

Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß,

wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche

Stille darüber durch die Welt herrscht, hab allnirgends auch nur der

leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weiß doch, sie sind da

und atmen irgendwo.

So erging es der Mutter und dem Estherlein fünf Jahre, zehn Jahre und

fünfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr

Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gründliches

Schmollen, und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden,

wurde darüber zu einer hübschen und feinen alten Jungfer, welche nicht

nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl

aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich

endlich zeigen würde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe.

Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages

wiederkäme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Übrigens

fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl

sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem

Lebensglücke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem

kleinen Wohlständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja

einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts.

Da war es einst ein heller schöner Sommernachmittag, mitten in der

Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen

Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich sämtlich

mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Tore oder

auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber

hämmerten, näheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten

gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen

vergnügten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden.

Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille

Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen

Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die

Kinder. Hinter einem blühenden Rosmaringärtchen auf einem Brette saß

die Witwe und spann, und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren

schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte niemand

eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der

Schuhmacher wahrscheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine

Erholungspause zu eröffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi!

daß alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenüber, der

eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Stegreif

allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Türe ein verwittertes

Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der

Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle

Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch

das Fenster, einige traten sogar vor die Türe und gaben sich Prisen,

und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung

und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffees, der schon

aus allen Häusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt,

sich aus wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen

herein ein fremder Leiermann mit einem schönpolierten Orgelkasten, was

in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborenen

Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und

ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und

besonders der Witwe Tränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens

gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der

Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen

wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber

mit einem großen fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich

zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß

der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die

fernen blauesten Länder, über denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen

der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht

wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen sei. Um den

Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plätzchen hinaustreten

müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die

Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwürdigkeiten, da sie nun

doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln.

Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange, bis das

allergrößte Spektakel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zulauf

aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kamel schwankte auf

den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem

Nasenringe herbeigeführt; zwei oder drei Männer waren dabei, kurz ein

ganzer Bärentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine

possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß

die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem

wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig

über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken,

über das Kamel mit seinem selbstvergnügten Gesicht und über die Affen.

Die Mutter dagegen mußte fortwährend weinen; denn der böse Bär

erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes

gedenken.

Als endlich auch dieser Aufzug wieder verschwunden und es wieder still

geworden, indem die aufgeregten Nachbarn sich mit seinem Gefolge

ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem

Abendschöppchen unterzukommen, sagte Estherchen: „Mir ist es nun

zumute, als ob der Pankraz ganz gewiß heute noch kommen würde, da

schon so viele unerwartete Dinge geschehen und solche Kamele, Affen

und Bären dagewesen sind!" Die Mutter ward böse darüber, daß sie den

armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzählte und

auslachte, und hieß sie schweigen, nicht innewerdend, daß sie ja

selbst das gleiche getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend:

„Ich werde es nicht erleben, daß er wiederkommt!"

Indem sie dies sagte, begab sich die größte Merkwürdigkeit dieses

Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillion fuhr mit

Macht auf das stille Plätzchen, das von der Abendsonne noch halb

bestreift war. In dem Wagen saß ein Mann, der eine Mütze trug wie die

französischen Offiziere sie tragen, und ebenso trug er einen Schnurr-

und Kinnbart und ein gänzlich gebräuntes und ausgedörrtes Gesicht zur

Schau, das überdies einige Spuren von Kugeln und Säbelhieben zeigte.

Auch war er in einen Burnus gehüllt, alles dies, wie es französische

Militärs aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Füße stemmte er

gegen eine kolossale Löwenhaut, welche auf dem Boden des Wagens lag;

auf dem Rücksitze vor ihm lag ein Säbel und eine halblange arabische

Pfeife neben anderen fremdartigen Gegenständen.

Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte,

die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein

Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe

taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefähr auf der Mitte des

Plätzchens stillhielt; doch ergriff er die Löwenhaut und seinen Säbel

und ging sogleich sicheren Schrittes in das Häuschen der Witwe, als ob

er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen wäre. Die Mutter und

Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten

auf, ob der Fremde die Treppe heraufkäme; denn obgleich sie kaum noch

von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine

Ahnung, daß er es sein könnte, und ihre Gedanken waren von der

überraschten Neugierde himmelweit von ihm weggeführt. Doch urplötzlich

erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen übersprang

und über den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der

Stubentür ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden

Stubenschlüssel fester ins Schloß gestoßen, was sonst immer die Art

des Verschwundenen gewesen, der in seinem Müßiggange eine seltsame

Ordnungsliebe bewährt hatte. Sie schrien laut auf und standen

festgebannt vor ihren Stühlen, mit offenem Munde nach der aufgehenden

Türe sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem dürren

und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm

seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei seinem

Anblick und sich nicht zu helfen wußte und selbst Estherchen zum

erstenmal gänzlich verblüfft war und sich nicht zu regen wagte. Doch

alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts

Geringeres war der verlorene Sohn, nahm mit der Höflichkeit und

Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens gelehrt, sogleich die

Mütze ab, was er nie getan, wenn er früher in die Stube getreten; eine

unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam,

die ihn nie freundlich gesehen noch also denken konnten, verbreitete

sich über das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und

ließ schneeweiße Zähne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit

ausbrechendem Herzensweh in die Arme schloß.

Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer

noch bösen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht

in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten

Sohnes fühlte, dessen achtungsvolles Mützenabnehmen und dessen

aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Rührung und die Reue

gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage berührt hatten. Denn noch

ehe das Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon

angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte

Pankraz in bitterer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine

Mutter auch nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er

unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu

sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer

Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl

dreißig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen

sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so

ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmollenden tausendmal

ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen

anzulachen vermochte, sondern mit klaren Tränen in den Augen nach

ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte.

Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder

zusammennahm und als ein guter Soldat einen Übergang und Ausweg

dadurch bewerkstelligte, daß er sein Gepäck heraufbeförderte. Die

Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er führte sie äußerst

holdselig zu ihrem Sitze zurück und duldete nur, daß Estherchen zum

Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den

weiteren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren

guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die

Löwenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem

Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal über

das andere rief: „Was ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein

Ungeheuer?"

„Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, „vor drei

Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getötet habe. Dieser

Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so

eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen

und Bössein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut

nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!"

setzte er mit einem Seufzer hinzu.

In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig

anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in

der letzten größeren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten

Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen,

damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille

mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So

brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf,

einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket

feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht,

wie dunkel einst das armselige Tranlämpchen gebrannt und wie oft er

sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum seine

müßigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die

doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase

geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Estherchens, die bei jeder

Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach,

einmal hatte er sie zornig weinend ausgelöscht, und als die Mutter sie

bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus,

worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes

war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang

kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen würde, hatte er

auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zündete jetzo zwei

derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor

Verwunderung ob all der Herrlichkeit.

Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Häuschen der

Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der

Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen,

und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er ins

Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen über die

menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere

kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemütsart, nicht

nur unser Schicksal und Glück machen, sondern auch dasjenige der uns

Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhältnis zu

bringen vermögen, ohne daß wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja

unser Gemüt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er

jedoch gestört durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht

länger unterdrücken konnten und einer nach dem andern in die Stube

drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt

das Gerücht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei

erschienen, und zwar als ein französischer General in einem

vierspännigen Wagen.

Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren

Vergnügungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl für die Jungen als

wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren.

Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu

Seldwyl, daß da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann

und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl

sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich

am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die übrige Zeit

seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie

hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und

unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne

sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte, und

sie fanden durchaus keinen Schlüssel, das Rätsel zu lösen, weil ihre

Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, daß gerade die

herbe und bittere Gemütsart, welche ihm und seinen Angehörigen so

bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im übrigen wohl konserviert,

wie der scharfe Essig ein Stück Schöpfenfleisch, und ihm über das

gefährliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu

lösen, stellte man überhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und

bestritt dessen Möglichkeit, und um diese Auffassung zu bestätigen,

wurden verschiedene alte Falliten nach dem Plätzchen abgesandt, so daß

Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande

angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und

gemütlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt

von den herbeieilenden Schatten.

Er zündete nun seine türkische Pfeife an und erfüllte das Zimmer mit

dem fremden Wohlgeruch des morgenländischen Tabaks; die Schatten oder

Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher,

und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die

Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die

Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere

Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es

ihm Zeit dazu schien.

Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglück und auf frohen

Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den längsten

Leiden die Beteiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt

sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so

verspürte die alte Mutter noch nicht die geringste Müdigkeit und

Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine erwärmt,

den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer

noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Näheres von Pankrazens

Schicksal zu wissen.

„Ausführlich," erwiderte dieser, „kann ich jetzt meine trübselige

Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo

ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde.

Für heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als

nötig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr

und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte

Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen

Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich

von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfüllt; doch nicht gegen euch,

sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze

Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich

geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und

schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefühl, daß

ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat,

ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschäftigung und also

keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn alles was ich andere

tun sah, kam mir erbärmlich und albern vor; selbst euer ewiges Spinnen

war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Müßigen

erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten

Herzensqual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von

hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese

Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein

Bündel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und

arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der größten

Geschicklichkeit; denn ich hatte mir während meines Herumlungerns hier

alle Handgriffe und Übungen derjenigen, welche arbeiteten,

wohlgemerkt, sogar öfter dabei gedacht, wie sie dies und jenes

ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz

anders müßte fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen

wolle.

„Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner

Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingeladen; dieses

hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen

kam, welches ich ebenfalls mit großem Appetit verzehrte. Doch nun

erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein

verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu

ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder ergriff

und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In

einem dichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis

zur Abenddämmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Wäldchen hervor

und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten

begannen. Die Stellung der Sterne gehörte auch zu den wenigen Dingen,

die ich während meines Müßigganges gemerkt, und da ich darin eine

große Ordnung und Pünktlichkeit gefunden, so hatte sie mir immer

wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glänzenden Geschöpfe

solche Pünktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Portion

Kartoffelsuppe zu üben schienen, sondern damit nur taten, was sie

nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen, und dabei wohl

bestanden. Da ich nun durch das allmähliche Auswendiglernen unsres

Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden

Bescheid wußte, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und

beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu

laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch

wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an eine wilde und

entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsäcken

beladenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, indessen doch das Wasser

über einen Teil der Ladung wegströmte. Da sich nur drei Männer bei dem

Schiffe befanden und weit und breit in dieser Frühe und in dieser

Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich

sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung ans Ufer

bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen half. Was von dem Korne

naßgeworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten,

und wandten es fleißig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder.

Doch nahm dies alles den größten Teil des Tages weg, und ich fand

dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige

Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar

noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer

über mittelst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne

angebunden hatten.

Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis

es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis

zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche

Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem

ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, überall des Tages

zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald ich

gesättigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art

überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Widerspruch

fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten,

war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Städte vermied und

meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wäldern

betrieb, wo nur ursprüngliche und einfache Menschen waren, so reisete

ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur

von dem Regiment der Staaten, über deren Boden ich hinlief, und mein

einziges Denken war, über eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu

betteln oder für meine nötige Leibesnahrung jemandem verpflichtet sein

zu müssen, im übrigen aber zu tun, was ich wollte, und insbesondere zu

ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte.

Später habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste außer mir

liegende Ordnung und an eine regelmäßige Ausdauer zu halten, und wie

ich erst urplötzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich

ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche

Notwendigkeit einsah.

Übrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten

Abwechslung von schwerer Arbeit, tüchtigem Essen und sorgloser Ruhe

vortrefflich und meine Glieder wurden so geübt, daß ich als ein

kräftiger und rühriger Kerl in der großen Handelsstadt Hamburg

anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute

mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe

beschäftigt waren. Da ich überall zugriff und ohne albernes Gaffen

doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund

zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald

unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich

auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitän mich

aufnahm unter der Bedingung, daß ich ihm in seinem Privatgeschäfte

helfe, das er während seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand nämlich

im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und

Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in großer Menge

zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren

seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher

Leidenschaft zusammenfügte und dann bei Gelegenheit an wilden Küsten

gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstände

austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, übte mich ein und war

bald über und über mit Öl, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert als

ein wilder Büchsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschütz

notdürftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall

probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothäutigen oder

schwarzen Käufer überlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr

er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurück, wo ich, der

Büchsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und

sogleich in ein Regiment anwerben ließ, das nach Ostindien abgehen

sollte.

In Neuyork hatte ich zwar den Fuß an das Land gesetzt und auf einige

Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun

recht hätte zusagen müssen, da hier jeder tat, was er wollte, und sich

gänzlich nach Bedürfnis und Laune rührte von einer Beschäftigung zur

andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich

irgendeiner Arbeit zu schämen, oder die eine für edler zu halten als

die andere. Doch weiß ich nicht wie es kam, daß ich mich schleunig

wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen Welt zu

bleiben, in den ältesten, träumerischen Teil unsrer Welt geriet, in

das uralte heiße Indien, und zwar in einem roten Rocke, als ein

stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, daß mir das neue

Leben mißfiel, das schon auf dem großen Linienschiffe begann, auf

welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, daß wir alle, so

viel wir waren, mit der größten Pünktlichkeit und Abgemessenheit

ernährt wurden, indem jeder seine Ration so sicher bekam, wie die

Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der andere, und

ohne daß einer den andern beeinträchtigen konnte, behagte mir

außerordentlich und um so mehr, als keiner dafür zu danken brauchte

und alles nur unserm bloßen wohlgeordneten Dasein gebührte. Wenn wir

Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und täglich

exerzieren mußten, so gefiel mir doch diese Beschäftigung über die

Maßen, da wir nicht das Bajonett herumschwenken mußten, um etwa mit

Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spießen, sondern es war lediglich

eine reine Übung, welche mit dem Essen zunächst gar nicht

zusammenhing, und man brauchte nichts als pünktlich und aufmerksam

beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu

kümmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten

prügeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon

verschiedene Unregelmäßigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor,

daß dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen

sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche lautlose

Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwährend

möglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben.

So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte

mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als

mustergültig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fühlte ich

mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren

als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging

etwa einen närrischen halben Spaß, was mir vollends den Anstrich eines

Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, daß man mich

nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heißen,

seltsamen Lande, als ich anfing, vorzurücken und zuletzt ein

ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war

ich ein großes Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des

Regimentskommandeurs beschäftigt und hatte mich als ein guter

Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Künste, die

Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir

augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir

jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu

sein, da ich ohne Mühe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen

blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von

selbst, und ich fühlte keinen Unterschied, ob ich in Geschäften oder

müßig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und

ich beachtete kaum, wann und was ich aß. Zweimal während dieser Zeit

hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten

Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und

Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, ärgerlich darüber, und nahm

mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene

Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn

ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn

ich eine Million dahin brächte, und malte mir schon aus, wie ich die

Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir über den

Weg liefen.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 1 / 23 段