märtyrergeschichten der heiligen aufgeführt. Von dem jahre 1268 bis
1577, wo sie aus der mode kamen, wurden mysteries alljährlich zu
Chester, dann auch in anderen grösseren Städten[189] aufgeführt,
anfänglich unter der leitung von geistlichen, welche auch ihre verfasser
waren, später von zünften und gilden, theils auf öffentlichen plätzen,
theils auf bühnen, ja auf räderkarren. Bis in das 14. jahrhundert
bediente man sich der lateinischen, später unter der regierung Eduard's
III. 1327-1377 bereits der volkssprache. Das älteste stück dieser
sogenannten mysterien in englischer sprache von einem pergament Ms.
der Harley'schen sammlung im brittischen museum ist The Harrowing of
Hell.[190] Das drama stammt wenigstens aus der regierung Eduard's II.,
wenn es nicht vielleicht noch älter ist, und besteht aus prolog und
epilog und den dazwischen liegenden gesprächen von neun personen
Dominus, Sathan, Adam, Eva u.s.w.
[Footnote 189: A collection of English Miracle-Plays, or Mysteries,
by W. Marriott. 8. Basel, 1838. The Chester Plays. A collection
of Mysteries founded upon Scriptural Subjects, and formerly
represented by the Trades of Chester at Whitsuntide, by Th.
Wright. Ludus Coventriae. A collection of Mysteries formerly
represented at Coventry, on the Feast of Corpus Christi, with
notes, glossary, by J. O. Halliwell. (Letztere beide bücher für
die Shakespeare Society.)]
[Footnote 190: The Harrowing of Hell, a Miracle Play, written in
the Reign of Edward II., now first published from the Original in
the British Museum with a modern reading, introduction and notes.
By J. O. Halliwell. 8. (Vergleiche Reliquiæ Antiquæ vol. 1. Seite
253, wonach sich auch im manuscript Digby 86 eine copie dieses
ältesten englischen wunderspieles findet, dessen prolog
mitgetheilt wird.)]
Da die mysteries, welche mehr und mehr nur dem vergnügen des volkes
dienten, sogar in obscönitäten verfielen und trotz ihres kirchlichen
Stoffes zu blossen carricaturen herabsanken, so trat endlich die
geistlichkeit dagegen auf und verbot sie. Unterdessen war es aber sitte
geworden, in diesen spielen menschliche und geschichtliche charaktere
mit abstracten personificationen von tugenden, lastern u.s.w. zu
vermischen, woraus dann die sogenannten moral plays oder moralities
entstanden, welche sich besonders bei hofe und den grossen des landes
in gunst setzten und den dichtern gelegenheit gaben, ihren scharfsinn
und witz in erfindung und anordnung der neuen stoffe, und ihre phantasie
und verskunst bei der ausführung derselben zu zeigen. Bei krönungen,
hoffesten, feierlichkeiten der grossen erschienen masken, meist
historische personen, Cäsar, Carl der grosse, Alexander u.s.w.;
allegorische personificationen, tugenden, laster, die gerechtigkeit,
die wahrheit, der frieden u.s.w. hielten anreden und unterhielten sich
auch unter einander, wodurch eine verschmelzung religiöser, moralischer
und weltlicher charaktere erfolgte und die einführung des eigentlichen
dramas vorbereitet wurde. In den moralities trat gewöhnlich ein
witziger, schadenfroher und lüderlicher charakter unter dem namen
»Vice« auf. Ursprünglich scheint derselbe eine allegorische durchführung
der idee des lasters gewesen zu sein, allein allmälig erhielt dieser
charakter menschliche individualität und bildete die grundlage zu dem
späteren englischen punch. Der teufel, ein charakter, der in den alten
stücken selten fehlte, wurde meist in gesellschaft des lasters
eingeführt und musste manchen schlag von ihm erdulden.
Obwohl solche scenische vorstellungen noch immer von zünften, zuweilen
auch von schülern und studenten gegeben wurden, so finden sich doch
andeutungen, dass die kunst scenischer aufführungen gegen das ende
des 15. jahrhunderts professionirt zu werden anfing. So besass
der berüchtigte Richard III. noch als herzog von Gloucester eine
spielertruppe. Heinrich VII. von 1485 bis 1509 hielt deren zwei und
interessirte sich besonders für alle arten von schaustellungen. In seine
zeit fällt auch der moralities grösste ausbildung, welche man gewöhnlich
so einrichtete, dass zur aufführung nur fünf personen nöthig waren, da
nie mehrere auf einmal auftraten und zwei, auch drei rollen von einem
darsteller gegeben werden konnten, wenn es nöthig war. Allein der
prunkliebende Heinrich VIII. von 1509 bis 1546 fand diese kleine zahl
nicht ausreichend, sondern stellte 1514 acht Players of Interludes
an, wie damals die dramatischen darstellungen hiessen, welche
achtzehn minstrels, musikanten und sänger--meist Deutsche und
Italiener--verherrlichten. Die hoffeste, welche den allgemeinen namen
Revels führten, wurden von einem hohenpriester der ausgelassenheit,
Abbot of misrule genannt, geleitet und beaufsichtigt. Da die interludes
meist gelegenheitsgedichte waren, so ist der grösste theil derselben
verloren gegangen.
+II. Schottische Dichter.+
Während in England unter der regierung Eduard's III. der volkscharakter
in religiöser, politischer und literarischer beziehung eine andere,
nicht mehr normännisch-französische, sondern nationale, d.h. englische
richtung nahm, hatten auch die Schotten eine heldenzeit, ihre Wallace
und Bruce zu ende des 13. und anfang des 14. jahrhunderts gehabt, welche
für die unabhängigkeit ihres vaterlandes gegen Eduard I., Eduard II.
und Eduard III. stritten. Von natur romantischer und poetischer als
die Engländer, verarbeiteten die Schotten im 14. jahrhundert den
grossartigen nationalen stoff, welchen ihnen diese unabhängigkeitskämpfe
gegeben hatten, in ihrer mit dem nordenglischen idiom verwandten
sprache, welche, weniger mit dem Französischen vermischt, ihre abkunft
von den nördlicheren germanischen stämmen, welche von dem 5. bis zum
11. jahrhundert den norden England's und die sogenannten Niederlande
(lowlands) von Schottland zum Schauplatz ihrer niederlassungen und
kriegerischen einfälle machten, nicht verleugnete.
Zwar hatte die normännisch-französische literatur im 12. und 13.
jahrhundert ihren weg auch nach Schottland gefunden, das Französische
war, wie in England auch in jenem lande die sprache des hofes geworden,
und in Schottland wie in England fanden die normännischen trouvères
ihre nachahmer. _Evrard_, ein mönch zu Kirkham in Yorkshire, im jahre
1150 von könig David I. zum ersten abt der neugegründeten abtei
von Holme-Cultraine in Cumberland ernannt, schrieb eine metrische
übersetzung der sogenannten distichen des Cato in französischer sprache
mit abwechselnden männlichen und weiblichen reimen. Malcolm, der erbe
der schottischen krone, floh nach der ermordung Duncan's durch Macbeth
im jahre 1039 nach England und verweilte daselbst siebzehn jahre,
hauptsächlich am hofe Eduard's des bekenners von 1041-1065, welcher,
in der Normandie erzogen, das Französische mit vorliebe sprach. Die
schottische münze vom jahre 1165 trägt eine französische inschrift,
und könig Alexander III. sprach den krönungseid Latine et Gallice,
d.h. er las die alte lateinische formel und dann eine übersetzung in
französischer sprache. Späterhin, als sich England in seiner staats-
und kirchenpolitik von Frankreich ablöste und seinen eigenen weg ging,
der es für das jenseits des kanals verlorene gebiet auf die eroberung
des nordens als eine natürliche entschädigung hinwies, schloss sich
Schottland zum schutze seiner unabhängigkeit kirchlich und politisch
sogar noch mehr an Frankreich an. Dessenungeachtet drang das
Französische nicht in dem masse in die schottische volkssprache ein,
als in England, welches unter normännisch-französischer herrschaft
drei jahrhunderte hindurch in fortwährender persönlicher Verbindung und
wechselwirkung mit Frankreich stand. Der schottische dialekt unterschied
sich durch beibehaltung einer grossen anzahl wörter germanischen
ursprungs, welche bei Chaucer schon durch französische ersetzt sind,
durch eine breitere aussprache der vokale und eine härtere der
consonanten, unter welchen der gutturallaut ch, welcher im Englischen
verschwindet, zu erkennen ist. So findet sich bei Barbour nocht für
nought oder not, wrechyt für wretched, mycht für might, ficht für fight,
lichtly für lightly, faucht für fought, raucht für raught, reached
u.s.w. Eine andere eigenthümlichkeit Barbour's ist die alte
participialform and für ing: fechtand für fighting, takand für taking,
givand für giving, fleeand für fleeing. Indessen kommen beinahe eben so
viele participia auf ing vor: fechting, thristing, girning, graning
u.s.w., welche form bei Chaucer die vorherrschende ist, obwohl auch die
participialendung and bei ihm noch nicht ganz verschwunden ist. Für die
alte imperfect- und participialendung de und ed steht regelmässig der
härtere laut it oder yt: hangyt für hanged, yarnyt für yearned, levyt
für lived, cowplyt für coupled, assayit für assayed, lovyt für loved,
callit für called, lispit für lisped u.s.w. Die 3. person des praesens
hat das alte dh oder th gewöhnlich in ein is oder ys verwandelt: giffis
für gives, levys für lives, steris für steers (jedoch auch noch failythe
für fails). Ebenso findet sich is oder ys für die alte pluralendung as
(es): armys für armes, sterapys für stirrups. Für den vokal o ist oft a
gesetzt: wald für would, na für no, ga für go, strak für stroke, clave
für clove (cleft), warld für world, mar für more, knaw für know, shaw
für show. Von der späteren eigenthümlichkeit des schottischen accentes,
das einem vokale folgende l am ende der sylben abzuwerfen, oder mit dem
vokale zu verschmelzen (a' für all, fa' für fall, fu' oder fou' für
full, pow, how für pole, hole) findet sich bei Barbour noch keine spur,
wohl aber finden sich bereits elisionen von r und k: ma' für more,
ourta' für overtake; dagegen braucht Barbour schon die formen: thai,
thaim und thar für they, them und their, wo Chaucer noch die alte form
hey oder hi, hem und hir oder her hat. Es möge hierbei bemerkt werden,
dass die alten schottischen dichter Barbour, Dunbar und sogar noch
Lyndsay ihre sprache die englische nennen und mit recht, da die Schotten
(nicht die gälischen, oder celtischen Bergschotten) von den alten Angeln
abstammen. Erst später wurde von den Engländern die in Schottland
gesprochene volkssprache bis auf den heutigen tag als schottischer
dialekt (broad Scotch) bezeichnet, während die Schotten, besonders im
16. jahrhundert, aus politischer abneigung ebenfalls anfingen, ihr
heimisches idiom im gegensatze zum Englischen schottische sprache zu
nennen.
Der erste einer reihe von schottischen dichtern war John _Barbour_,
archidiaconus von Aberdeen um das jahr 1357, so dass sein geburtsjahr
bald nach 1320 gesetzt werden kann. Als archidiaconus von Aberdeen ist
Barbour in einem schutzbriefe genannt, den ihm Eduard III. auf wunsch
David de Bruce's (des königs David II. von Schottland) ausstellte, und
worin er ihm und drei anderen gelehrten gestattete, nach England zu
kommen, um auf der universität von Oxford zu studiren. Ausser diesem
geleitscheine sind noch drei andere aus den jahren 1364, 1365 und 1368
vorhanden, welche dem dichter theils zu demselben zwecke, um in Oxford
zu studiren, theils dazu bewilligt wurden, um durch England nach
Frankreich, vornehmlich nach St. Denis in literarischen absichten zu
reisen. Im jahre 1357 war Barbour einer der beiden delegaten des
bischofs von Aberdeen, um in Edinburgh über die auslösung des königs
aus der englischen gefangenschaft zu berathen. In seinen späteren
lebenstagen scheint Barbour die königliche gunst in besonderem grade
genossen zu haben, indem er sich im genusse von zwei pensionen, die aus
den königlichen zöllen und steuern von Aberdeen gezahlt werden mussten,
befand. Eine notiz in den acten der stadt Aberdeen aus dem jahre 1471
bemerkt, dass die zweite pension ihm ausdrücklich wegen anfertigung
eines werkes über »die thaten könig Robert's I.« bewilligt worden sei.
An einer stelle des »Bruce« sagt Barbour, dass er damals im jahre
1375 mit der ausarbeitung desselben beschäftigt war. Sein tod fand
wahrscheinlich im jahre 1395 statt. Von Barbour's grosser reimchronik
war lange zeit nur ein einziges manuscript aus dem jahre 1489 bekannt,
welches zu Edinburgh in der Advocates Library aufbewahrt wird. Es ist
jedoch eine zweite handschrift in der bibliothek von St. John's College
zu Cambridge entdeckt worden. Der älteste druck von Barbour's gedicht
mag gegen ende des 16. jahrhunderts vorgenommen worden sein, obwohl sich
kein exemplar mit einem titelblatte von dieser alten ausgabe erhalten
hat. Seit dem jahre 1616 ist das buch indessen erweislich verschiedene
male aufgelegt worden.[191]
[Footnote 191: Die erste kritische ausgabe wurde von Pinkerton in
3 bänden 8. London, 1790, die neueste und beste von John Jamieson
im jahre 1820 aus der handschrift in der advocaten-bibliothek vom
jahre 1489 veranstaltet. Diese ausgabe bildet den ersten theil des
werkes »The Bruce, and Wallace« 2 vols. 4. Edinburgh, 1820.]
»The Bruce,« in vierfüssigen Jamben geschrieben, ist ein sehr langes
gedicht, welches Pinkerton in zwanzig, Jamieson in vierzehn bücher
getheilt hat. Es schildert die geschichte von Schottland, vorzüglich
aber die schicksale des grossen Bruce von dem tode Alexander's III. im
jahre 1286 oder vielmehr von des ersteren bewerbung um die krone nach
dem tode Margareth's 1290, als Eduard I. seine ansprüche als oberherr
über Schottland erhob, bis zum tode von Bruce (Robert I.) im jahre 1329.
Ausser Bruce ist dessen beständiger gefährte und mitkämpfer, James
Douglas, welcher des freundes herz in das heilige land trug, der held
des werkes. Sein verfasser nennt es ein »romaunt,« verheisst aber
nichts als wahre begebenheiten zu schildern, indem er am schluss
seines vorwortes gottes beistand anruft, dass er nichts sagen möge
als die wahrheit. In der that ist auch Barbour's werk immer als eine
authentische und historische schilderung von Andrew von Wyntoun bis zu
den neuesten geschichtsschreibern, welche Barbour's schrift als quelle
benutzten, anerkannt worden; denn diejenigen verschönerungen und
zusätze, welche die romantik beanspruchte, sind leicht von den
geschichtlichen grundlagen zu unterscheiden.
Barbour's charakter, so weit er sich aus seinem werke erkennen lässt,
war edel und aufrichtig, sein verstand erleuchtet, sein herz gross
und sein gefühl warm. Auch als geschichtsschreiber zeichnet er sich
vortheilhaft aus, indem ihn seine vaterlandsliebe, selbst da, wo er den
furchtbaren druck Eduard's I. schildert, nicht verleitet, in ausbrüche
der wuth zu verfallen; ebenso wird die tapferkeit und ausdauer der
schottischen helden von ihm zwar mit bewunderung und wärme, aber nicht
durch übertreibungen gefeiert. Mässigung und selbstbeherrschung sind
die haupttugenden Barbour's als dichter und als geschichtsschreiber.
In folgenden worten verherrlicht der dichter der schottischen
unabhängigkeitskriege die selbstständigkeit und freiheit:
A! fredome is a nobill thing!
Fredome mayse(1) man to haiff(2) liking!
Fredome all solace to man giffis:
He levys at ese that frely levys!
A noble hart may haiff nane ese,
Na ellys nocht that may him plese,
Gyff fredome failythe(3): for fre liking
Is yearnyt our(4) all othir thing.
Na he, that ay hase levyt fre,
May nocht knaw weill the propyrte,(5)
The angyr, na the wrechyt dome,
That is cowplyt to foule thyrldome.(6)
Bot gyff he had assayit it,
Than all perquer(7) he suld it wyt;
And suld think fredome mare to pryse
Than all the gold in warld that is.[192]
[Notes:
1: makes. -- 2: have. -- 3: fails. -- 4: over. -- 5: eigenschaft,
knechtschaft. -- 6: thraldom. -- 7: perquire, genau.]
[Footnote 192: Aus Ellis. Mehrere proben, aber mit modernisirter
orthographie in Craik's Sketches Bd. II. s. 113-120., und in
Chamber's Cyclopaedia of English Literature Vol. I. s. 26.]
Ausser dem »Bruce« wird noch ein anderes werk Barbour's, eine
metrische chronik »The Broite« (Brute), welche die geschichte der
schottischen könige von dem fabelhaften Brutus ab enthielt, von dem
geschichtsschreiber Andrew of Wyntoun mehrere male erwähnt. Es ist
jedoch bis jetzt noch keine handschrift dieses zweiten werkes Barbour's
entdeckt worden. Dass die sprache Barbour's durch spätere copisten keine
wesentlichen umänderungen erfahren haben könne, ist daraus ersichtlich,
dass Wyntoun, welcher nur kurze zeit nach Barbour lebte und schrieb,
und dessen werk in einer handschrift aus dem jahre 1430 erhalten ist,
längere stellen aus Barbour's gedicht in derselben fassung, kaum mit
irgend einer abweichung von der von Jamieson benützten handschrift,
mittheilt. Leider! haben die englischen herausgeber sich nicht enthalten
können, wenigstens orthographische änderungen in den einzelnen Wörtern
vorzunehmen.
Der früheste nachahmer Barbour's war _Andrew_ of _Wyntoun_, oder wie er
sich selbst schreibt, Androwe of Wyntoune, ein domherr von St. Andrews
und prior des klosters von St. Serf's Inch in Lochleven, welches von St.
Andrews abhängig war. Er soll um das jahr 1350 geboren worden sein und
seine »Orygynale Cronykill of Scotland« in den ersten zwanzig jahren des
15. jahrhunderts vollendet haben. Wyntoun schrieb in dem metrum, aber
nicht mit demselben durch ernste Studien gereiften geiste und durch
vielfache reisen geläuterten geschmacke seines vorbildes. Indessen hat
Wyntoun seine verdienste als chronist, indem er wie Barbour diejenigen
theile der schottischen geschichte, deren zeit er zunächst stand, mit
gewissenhafter treue und benutzung der besten quellen schildert. Das
werk beginnt, wie gewöhnlich bei den gereimten chroniken der damaligen
zeit, mit erschaffung der welt und führt in neun büchern bis zum jahre
1408, indem es sich zuletzt ausschliesslich mit schottischer geschichte
beschäftigt. Es ist bemerkenswerth, dass ein beträchtlicher theil von
Wyntoun's chronik nicht seine eigene arbeit, sondern die eines anderen
gleichzeitigen schriftstellers ist; diese einlage geht vom 19. c. des
achten bis zum 10. c. des neunten buches und umfasst die zeit von 1324
bis 1390, was Wyntoun zu anfang und zu ende des fremden Stückes, dessen
vorzüge vor seiner eigenen arbeit er rühmt, auf das genaueste und
gewissenhafteste angiebt. Das ganze werk ist wichtig als eine
schilderung der damaligen sitten und denkart und als eine sammlung
historischer anekdoten, wie sie in den klöstern sich weiter
erzählten.[193]
[Footnote 193: Die letzten vier bücher nebst solchen auszügen
aus den früheren, welche sich mit brittischer geschichte
beschäftigen, sind 1795 zu London in 2 bänden 8. von Daniel
Macpherson herausgegeben worden.]
Ausser den beiden genannten blühten noch andere romanzendichter und
reimende chronisten in Schottland bis gegen mitte des 15. jahrhunderts.
Einer derselben, namens _Hutcheon_, mit der näheren bezeichnung »of the
Awle Ryall« (of the Hall Royal) schrieb einen versificirten roman unter
dem titel »Geste of Arthur.« Ein anderer, _Clerk_ of _Tranent_, war der
verfasser eines romans The Adventures of Sir Gawain, von welchem zwei
gesänge erhalten sind. Sie sind in 13sylbigen versen mit abwechselnden
reimen und häufigen spuren der alliteration in einer schwer
verständlichen sprache geschrieben.
Der bedeutendste dieser schottischen romanschriftsteller ist unstreitig
der blinde sänger Henry (_Blind Harry_), von welchem das berühmte
gedicht von dem leben und den thaten Wallace's herrührt. Der lateinische
chronist John Major, welcher um 1469 geboren sein soll, gedenkt dieses
einst überaus beliebten gedichtes in folgender weise: »das ganze werk
von William Wallace hat Henry, ein blindgeborner, in der zeit meiner
kindheit (meae infantiae) in volksthümliche verse gesetzt, in welchen er
geschickt war. Er ging umher und recitirte seine verse vor den grossen
(coram principibus) und erwarb sich dadurch nahrung und kleidung, deren
er würdig war (victum et vestitum, quo dignus erat).« In dem gedichte
selbst kommt keine anspielung auf die blindheit des autors vor, worauf
man auch aus den oft vorkommenden schilderungen einzelner scenen nicht
schliessen sollte. Im übrigen muss der blinde Heinrich mit den
romantischen sagenkreisen seiner zeit gut bekannt gewesen sein, denn
er macht an verschiedenen stellen anspielungen auf den gewöhnlichen
romanzenstoff, welcher die Schicksale Hector's, Alexander's des grossen,
Julius Caesar's und Carl's des grossen behandelt. Merkwürdig ist es,
dass der dichter gegen ende seines werkes ausdrücklich erklärt, es sei
durchaus eine übertragung aus dem Latein. Als verfasser der lateinischen
quelle oder quellen werden Maistre John Blair und Sir Thomas Gray,
pfarrer von Libertown, von ihm selbst genannt, von denen der erstere als
ein »worthy clerk, baith wise and right savage« und als »lewit (loved,
geliebt) before in Paris town amang maistres in science and renown«
geschildert wird. Blair sei mit Wallace in die schule gegangen (Wallace
and he at hame in schul had been) und habe nebst Sir Thomas Gray die
thaten Wallace's am besten gekannt; auch habe der bischof Sinclair,
damals Lord of Dunkeld, welcher das buch Blair's in die hand bekommen,
es als sehr treu und richtig anerkannt, (himself had seen great part of
Wallace deed), weshalb er es auch habe nach Rom an den papst schicken
wollen, damit dieser sein urtheil darüber abgebe. Der blinde Heinrich
selbst war übrigens ein patriotischer Schotte, welcher im eingange
seines gedichtes von den südlichen stammesgenossen in England sagt:
Our auld enemies comen of Saxons blud,
That never yet to Scotland wald do gud:
It is weil knawn on mony divers side
How they have wrought into their mighty pride
To hald Scotland at under evermair:
But God above has made their might to pair.
»The Wallace,« welches ein langes gedicht in zehnsylbigen jambischen
versen ist, war seiner zeit noch beliebter in Schottland, als »the
Bruce,« was sich theils aus der grösseren volksthümlichkeit seines
helden Wallace, theils aus der grösseren lebendigkeit und begeisterung
des autors erklären lässt. Harry's buch mag vielleicht schon 1520 zu
Edinburgh gedruckt worden sein; der gegenwärtig als ältester bekannte
druck ist in 4. und rührt aus dem jahre 1570 her. Im 17. und 18.
jahrhundert wurde »Wallace« mehrmals von neuem aufgelegt und dabei
vielfach modernisirt und verändert.[194] Eine paraphrase des werkes in
das heutige Schottisch von William Hamilton of Gilbertfield ist lange
zeit ein lieblingsbuch der schottischen bauern und dasjenige buch
gewesen, welches den schlummernden dichtergeist von Robert Burns weckte.
Folgende verse des blinden Harry werden von Chamber's Encyclopaedia in
der ursprünglichen orthographie der handschrift mitgetheilt:
[Footnote 194: Die neueste ausgabe des gedichtes in verbindung mit
»Bruce« ist von Jamieson zu Edinburgh im jahre 1820 nach einem
1489 geschriebenen manuscript veranstaltet worden.]
So on a tym he desyrit to play
In Aperill the three and twenty day,
Till Erewyn wattir fysche to tak he went,
Sic fantasye fell in his entent.
To leide his net a child furth with him yeid;(1)
But he, or nowne,(2) was in a fellowne(3) dreid.
His swerd he left, so did he neuir agayne;
It dide him gud, supposs he sufferyt payne.[195]
[Notes:
1: ging -- 2: ere noon -- 3: bitter, schwer.]
[Footnote 195: In Chamber's Encyclopaedia s. 29-32, und in Craik's
Sketches vol. II. s. 196-199 proben aus »Wallace« in modernisirter
orthographie.]