Schon unter der regierung Heinrich's II. 1154-1189 wurden in London

märtyrergeschichten der heiligen aufgeführt. Von dem jahre 1268 bis

1577, wo sie aus der mode kamen, wurden mysteries alljährlich zu

Chester, dann auch in anderen grösseren Städten[189] aufgeführt,

anfänglich unter der leitung von geistlichen, welche auch ihre verfasser

waren, später von zünften und gilden, theils auf öffentlichen plätzen,

theils auf bühnen, ja auf räderkarren. Bis in das 14. jahrhundert

bediente man sich der lateinischen, später unter der regierung Eduard's

III. 1327-1377 bereits der volkssprache. Das älteste stück dieser

sogenannten mysterien in englischer sprache von einem pergament Ms.

der Harley'schen sammlung im brittischen museum ist The Harrowing of

Hell.[190] Das drama stammt wenigstens aus der regierung Eduard's II.,

wenn es nicht vielleicht noch älter ist, und besteht aus prolog und

epilog und den dazwischen liegenden gesprächen von neun personen

Dominus, Sathan, Adam, Eva u.s.w.

[Footnote 189: A collection of English Miracle-Plays, or Mysteries,

by W. Marriott. 8. Basel, 1838. The Chester Plays. A collection

of Mysteries founded upon Scriptural Subjects, and formerly

represented by the Trades of Chester at Whitsuntide, by Th.

Wright. Ludus Coventriae. A collection of Mysteries formerly

represented at Coventry, on the Feast of Corpus Christi, with

notes, glossary, by J. O. Halliwell. (Letztere beide bücher für

die Shakespeare Society.)]

[Footnote 190: The Harrowing of Hell, a Miracle Play, written in

the Reign of Edward II., now first published from the Original in

the British Museum with a modern reading, introduction and notes.

By J. O. Halliwell. 8. (Vergleiche Reliquiæ Antiquæ vol. 1. Seite

253, wonach sich auch im manuscript Digby 86 eine copie dieses

ältesten englischen wunderspieles findet, dessen prolog

mitgetheilt wird.)]

Da die mysteries, welche mehr und mehr nur dem vergnügen des volkes

dienten, sogar in obscönitäten verfielen und trotz ihres kirchlichen

Stoffes zu blossen carricaturen herabsanken, so trat endlich die

geistlichkeit dagegen auf und verbot sie. Unterdessen war es aber sitte

geworden, in diesen spielen menschliche und geschichtliche charaktere

mit abstracten personificationen von tugenden, lastern u.s.w. zu

vermischen, woraus dann die sogenannten moral plays oder moralities

entstanden, welche sich besonders bei hofe und den grossen des landes

in gunst setzten und den dichtern gelegenheit gaben, ihren scharfsinn

und witz in erfindung und anordnung der neuen stoffe, und ihre phantasie

und verskunst bei der ausführung derselben zu zeigen. Bei krönungen,

hoffesten, feierlichkeiten der grossen erschienen masken, meist

historische personen, Cäsar, Carl der grosse, Alexander u.s.w.;

allegorische personificationen, tugenden, laster, die gerechtigkeit,

die wahrheit, der frieden u.s.w. hielten anreden und unterhielten sich

auch unter einander, wodurch eine verschmelzung religiöser, moralischer

und weltlicher charaktere erfolgte und die einführung des eigentlichen

dramas vorbereitet wurde. In den moralities trat gewöhnlich ein

witziger, schadenfroher und lüderlicher charakter unter dem namen

»Vice« auf. Ursprünglich scheint derselbe eine allegorische durchführung

der idee des lasters gewesen zu sein, allein allmälig erhielt dieser

charakter menschliche individualität und bildete die grundlage zu dem

späteren englischen punch. Der teufel, ein charakter, der in den alten

stücken selten fehlte, wurde meist in gesellschaft des lasters

eingeführt und musste manchen schlag von ihm erdulden.

Obwohl solche scenische vorstellungen noch immer von zünften, zuweilen

auch von schülern und studenten gegeben wurden, so finden sich doch

andeutungen, dass die kunst scenischer aufführungen gegen das ende

des 15. jahrhunderts professionirt zu werden anfing. So besass

der berüchtigte Richard III. noch als herzog von Gloucester eine

spielertruppe. Heinrich VII. von 1485 bis 1509 hielt deren zwei und

interessirte sich besonders für alle arten von schaustellungen. In seine

zeit fällt auch der moralities grösste ausbildung, welche man gewöhnlich

so einrichtete, dass zur aufführung nur fünf personen nöthig waren, da

nie mehrere auf einmal auftraten und zwei, auch drei rollen von einem

darsteller gegeben werden konnten, wenn es nöthig war. Allein der

prunkliebende Heinrich VIII. von 1509 bis 1546 fand diese kleine zahl

nicht ausreichend, sondern stellte 1514 acht Players of Interludes

an, wie damals die dramatischen darstellungen hiessen, welche

achtzehn minstrels, musikanten und sänger--meist Deutsche und

Italiener--verherrlichten. Die hoffeste, welche den allgemeinen namen

Revels führten, wurden von einem hohenpriester der ausgelassenheit,

Abbot of misrule genannt, geleitet und beaufsichtigt. Da die interludes

meist gelegenheitsgedichte waren, so ist der grösste theil derselben

verloren gegangen.

+II. Schottische Dichter.+

Während in England unter der regierung Eduard's III. der volkscharakter

in religiöser, politischer und literarischer beziehung eine andere,

nicht mehr normännisch-französische, sondern nationale, d.h. englische

richtung nahm, hatten auch die Schotten eine heldenzeit, ihre Wallace

und Bruce zu ende des 13. und anfang des 14. jahrhunderts gehabt, welche

für die unabhängigkeit ihres vaterlandes gegen Eduard I., Eduard II.

und Eduard III. stritten. Von natur romantischer und poetischer als

die Engländer, verarbeiteten die Schotten im 14. jahrhundert den

grossartigen nationalen stoff, welchen ihnen diese unabhängigkeitskämpfe

gegeben hatten, in ihrer mit dem nordenglischen idiom verwandten

sprache, welche, weniger mit dem Französischen vermischt, ihre abkunft

von den nördlicheren germanischen stämmen, welche von dem 5. bis zum

11. jahrhundert den norden England's und die sogenannten Niederlande

(lowlands) von Schottland zum Schauplatz ihrer niederlassungen und

kriegerischen einfälle machten, nicht verleugnete.

Zwar hatte die normännisch-französische literatur im 12. und 13.

jahrhundert ihren weg auch nach Schottland gefunden, das Französische

war, wie in England auch in jenem lande die sprache des hofes geworden,

und in Schottland wie in England fanden die normännischen trouvères

ihre nachahmer. _Evrard_, ein mönch zu Kirkham in Yorkshire, im jahre

1150 von könig David I. zum ersten abt der neugegründeten abtei

von Holme-Cultraine in Cumberland ernannt, schrieb eine metrische

übersetzung der sogenannten distichen des Cato in französischer sprache

mit abwechselnden männlichen und weiblichen reimen. Malcolm, der erbe

der schottischen krone, floh nach der ermordung Duncan's durch Macbeth

im jahre 1039 nach England und verweilte daselbst siebzehn jahre,

hauptsächlich am hofe Eduard's des bekenners von 1041-1065, welcher,

in der Normandie erzogen, das Französische mit vorliebe sprach. Die

schottische münze vom jahre 1165 trägt eine französische inschrift,

und könig Alexander III. sprach den krönungseid Latine et Gallice,

d.h. er las die alte lateinische formel und dann eine übersetzung in

französischer sprache. Späterhin, als sich England in seiner staats-

und kirchenpolitik von Frankreich ablöste und seinen eigenen weg ging,

der es für das jenseits des kanals verlorene gebiet auf die eroberung

des nordens als eine natürliche entschädigung hinwies, schloss sich

Schottland zum schutze seiner unabhängigkeit kirchlich und politisch

sogar noch mehr an Frankreich an. Dessenungeachtet drang das

Französische nicht in dem masse in die schottische volkssprache ein,

als in England, welches unter normännisch-französischer herrschaft

drei jahrhunderte hindurch in fortwährender persönlicher Verbindung und

wechselwirkung mit Frankreich stand. Der schottische dialekt unterschied

sich durch beibehaltung einer grossen anzahl wörter germanischen

ursprungs, welche bei Chaucer schon durch französische ersetzt sind,

durch eine breitere aussprache der vokale und eine härtere der

consonanten, unter welchen der gutturallaut ch, welcher im Englischen

verschwindet, zu erkennen ist. So findet sich bei Barbour nocht für

nought oder not, wrechyt für wretched, mycht für might, ficht für fight,

lichtly für lightly, faucht für fought, raucht für raught, reached

u.s.w. Eine andere eigenthümlichkeit Barbour's ist die alte

participialform and für ing: fechtand für fighting, takand für taking,

givand für giving, fleeand für fleeing. Indessen kommen beinahe eben so

viele participia auf ing vor: fechting, thristing, girning, graning

u.s.w., welche form bei Chaucer die vorherrschende ist, obwohl auch die

participialendung and bei ihm noch nicht ganz verschwunden ist. Für die

alte imperfect- und participialendung de und ed steht regelmässig der

härtere laut it oder yt: hangyt für hanged, yarnyt für yearned, levyt

für lived, cowplyt für coupled, assayit für assayed, lovyt für loved,

callit für called, lispit für lisped u.s.w. Die 3. person des praesens

hat das alte dh oder th gewöhnlich in ein is oder ys verwandelt: giffis

für gives, levys für lives, steris für steers (jedoch auch noch failythe

für fails). Ebenso findet sich is oder ys für die alte pluralendung as

(es): armys für armes, sterapys für stirrups. Für den vokal o ist oft a

gesetzt: wald für would, na für no, ga für go, strak für stroke, clave

für clove (cleft), warld für world, mar für more, knaw für know, shaw

für show. Von der späteren eigenthümlichkeit des schottischen accentes,

das einem vokale folgende l am ende der sylben abzuwerfen, oder mit dem

vokale zu verschmelzen (a' für all, fa' für fall, fu' oder fou' für

full, pow, how für pole, hole) findet sich bei Barbour noch keine spur,

wohl aber finden sich bereits elisionen von r und k: ma' für more,

ourta' für overtake; dagegen braucht Barbour schon die formen: thai,

thaim und thar für they, them und their, wo Chaucer noch die alte form

hey oder hi, hem und hir oder her hat. Es möge hierbei bemerkt werden,

dass die alten schottischen dichter Barbour, Dunbar und sogar noch

Lyndsay ihre sprache die englische nennen und mit recht, da die Schotten

(nicht die gälischen, oder celtischen Bergschotten) von den alten Angeln

abstammen. Erst später wurde von den Engländern die in Schottland

gesprochene volkssprache bis auf den heutigen tag als schottischer

dialekt (broad Scotch) bezeichnet, während die Schotten, besonders im

16. jahrhundert, aus politischer abneigung ebenfalls anfingen, ihr

heimisches idiom im gegensatze zum Englischen schottische sprache zu

nennen.

Der erste einer reihe von schottischen dichtern war John _Barbour_,

archidiaconus von Aberdeen um das jahr 1357, so dass sein geburtsjahr

bald nach 1320 gesetzt werden kann. Als archidiaconus von Aberdeen ist

Barbour in einem schutzbriefe genannt, den ihm Eduard III. auf wunsch

David de Bruce's (des königs David II. von Schottland) ausstellte, und

worin er ihm und drei anderen gelehrten gestattete, nach England zu

kommen, um auf der universität von Oxford zu studiren. Ausser diesem

geleitscheine sind noch drei andere aus den jahren 1364, 1365 und 1368

vorhanden, welche dem dichter theils zu demselben zwecke, um in Oxford

zu studiren, theils dazu bewilligt wurden, um durch England nach

Frankreich, vornehmlich nach St. Denis in literarischen absichten zu

reisen. Im jahre 1357 war Barbour einer der beiden delegaten des

bischofs von Aberdeen, um in Edinburgh über die auslösung des königs

aus der englischen gefangenschaft zu berathen. In seinen späteren

lebenstagen scheint Barbour die königliche gunst in besonderem grade

genossen zu haben, indem er sich im genusse von zwei pensionen, die aus

den königlichen zöllen und steuern von Aberdeen gezahlt werden mussten,

befand. Eine notiz in den acten der stadt Aberdeen aus dem jahre 1471

bemerkt, dass die zweite pension ihm ausdrücklich wegen anfertigung

eines werkes über »die thaten könig Robert's I.« bewilligt worden sei.

An einer stelle des »Bruce« sagt Barbour, dass er damals im jahre

1375 mit der ausarbeitung desselben beschäftigt war. Sein tod fand

wahrscheinlich im jahre 1395 statt. Von Barbour's grosser reimchronik

war lange zeit nur ein einziges manuscript aus dem jahre 1489 bekannt,

welches zu Edinburgh in der Advocates Library aufbewahrt wird. Es ist

jedoch eine zweite handschrift in der bibliothek von St. John's College

zu Cambridge entdeckt worden. Der älteste druck von Barbour's gedicht

mag gegen ende des 16. jahrhunderts vorgenommen worden sein, obwohl sich

kein exemplar mit einem titelblatte von dieser alten ausgabe erhalten

hat. Seit dem jahre 1616 ist das buch indessen erweislich verschiedene

male aufgelegt worden.[191]

[Footnote 191: Die erste kritische ausgabe wurde von Pinkerton in

3 bänden 8. London, 1790, die neueste und beste von John Jamieson

im jahre 1820 aus der handschrift in der advocaten-bibliothek vom

jahre 1489 veranstaltet. Diese ausgabe bildet den ersten theil des

werkes »The Bruce, and Wallace« 2 vols. 4. Edinburgh, 1820.]

»The Bruce,« in vierfüssigen Jamben geschrieben, ist ein sehr langes

gedicht, welches Pinkerton in zwanzig, Jamieson in vierzehn bücher

getheilt hat. Es schildert die geschichte von Schottland, vorzüglich

aber die schicksale des grossen Bruce von dem tode Alexander's III. im

jahre 1286 oder vielmehr von des ersteren bewerbung um die krone nach

dem tode Margareth's 1290, als Eduard I. seine ansprüche als oberherr

über Schottland erhob, bis zum tode von Bruce (Robert I.) im jahre 1329.

Ausser Bruce ist dessen beständiger gefährte und mitkämpfer, James

Douglas, welcher des freundes herz in das heilige land trug, der held

des werkes. Sein verfasser nennt es ein »romaunt,« verheisst aber

nichts als wahre begebenheiten zu schildern, indem er am schluss

seines vorwortes gottes beistand anruft, dass er nichts sagen möge

als die wahrheit. In der that ist auch Barbour's werk immer als eine

authentische und historische schilderung von Andrew von Wyntoun bis zu

den neuesten geschichtsschreibern, welche Barbour's schrift als quelle

benutzten, anerkannt worden; denn diejenigen verschönerungen und

zusätze, welche die romantik beanspruchte, sind leicht von den

geschichtlichen grundlagen zu unterscheiden.

Barbour's charakter, so weit er sich aus seinem werke erkennen lässt,

war edel und aufrichtig, sein verstand erleuchtet, sein herz gross

und sein gefühl warm. Auch als geschichtsschreiber zeichnet er sich

vortheilhaft aus, indem ihn seine vaterlandsliebe, selbst da, wo er den

furchtbaren druck Eduard's I. schildert, nicht verleitet, in ausbrüche

der wuth zu verfallen; ebenso wird die tapferkeit und ausdauer der

schottischen helden von ihm zwar mit bewunderung und wärme, aber nicht

durch übertreibungen gefeiert. Mässigung und selbstbeherrschung sind

die haupttugenden Barbour's als dichter und als geschichtsschreiber.

In folgenden worten verherrlicht der dichter der schottischen

unabhängigkeitskriege die selbstständigkeit und freiheit:

A! fredome is a nobill thing!

Fredome mayse(1) man to haiff(2) liking!

Fredome all solace to man giffis:

He levys at ese that frely levys!

A noble hart may haiff nane ese,

Na ellys nocht that may him plese,

Gyff fredome failythe(3): for fre liking

Is yearnyt our(4) all othir thing.

Na he, that ay hase levyt fre,

May nocht knaw weill the propyrte,(5)

The angyr, na the wrechyt dome,

That is cowplyt to foule thyrldome.(6)

Bot gyff he had assayit it,

Than all perquer(7) he suld it wyt;

And suld think fredome mare to pryse

Than all the gold in warld that is.[192]

[Notes:

1: makes. -- 2: have. -- 3: fails. -- 4: over. -- 5: eigenschaft,

knechtschaft. -- 6: thraldom. -- 7: perquire, genau.]

[Footnote 192: Aus Ellis. Mehrere proben, aber mit modernisirter

orthographie in Craik's Sketches Bd. II. s. 113-120., und in

Chamber's Cyclopaedia of English Literature Vol. I. s. 26.]

Ausser dem »Bruce« wird noch ein anderes werk Barbour's, eine

metrische chronik »The Broite« (Brute), welche die geschichte der

schottischen könige von dem fabelhaften Brutus ab enthielt, von dem

geschichtsschreiber Andrew of Wyntoun mehrere male erwähnt. Es ist

jedoch bis jetzt noch keine handschrift dieses zweiten werkes Barbour's

entdeckt worden. Dass die sprache Barbour's durch spätere copisten keine

wesentlichen umänderungen erfahren haben könne, ist daraus ersichtlich,

dass Wyntoun, welcher nur kurze zeit nach Barbour lebte und schrieb,

und dessen werk in einer handschrift aus dem jahre 1430 erhalten ist,

längere stellen aus Barbour's gedicht in derselben fassung, kaum mit

irgend einer abweichung von der von Jamieson benützten handschrift,

mittheilt. Leider! haben die englischen herausgeber sich nicht enthalten

können, wenigstens orthographische änderungen in den einzelnen Wörtern

vorzunehmen.

Der früheste nachahmer Barbour's war _Andrew_ of _Wyntoun_, oder wie er

sich selbst schreibt, Androwe of Wyntoune, ein domherr von St. Andrews

und prior des klosters von St. Serf's Inch in Lochleven, welches von St.

Andrews abhängig war. Er soll um das jahr 1350 geboren worden sein und

seine »Orygynale Cronykill of Scotland« in den ersten zwanzig jahren des

15. jahrhunderts vollendet haben. Wyntoun schrieb in dem metrum, aber

nicht mit demselben durch ernste Studien gereiften geiste und durch

vielfache reisen geläuterten geschmacke seines vorbildes. Indessen hat

Wyntoun seine verdienste als chronist, indem er wie Barbour diejenigen

theile der schottischen geschichte, deren zeit er zunächst stand, mit

gewissenhafter treue und benutzung der besten quellen schildert. Das

werk beginnt, wie gewöhnlich bei den gereimten chroniken der damaligen

zeit, mit erschaffung der welt und führt in neun büchern bis zum jahre

1408, indem es sich zuletzt ausschliesslich mit schottischer geschichte

beschäftigt. Es ist bemerkenswerth, dass ein beträchtlicher theil von

Wyntoun's chronik nicht seine eigene arbeit, sondern die eines anderen

gleichzeitigen schriftstellers ist; diese einlage geht vom 19. c. des

achten bis zum 10. c. des neunten buches und umfasst die zeit von 1324

bis 1390, was Wyntoun zu anfang und zu ende des fremden Stückes, dessen

vorzüge vor seiner eigenen arbeit er rühmt, auf das genaueste und

gewissenhafteste angiebt. Das ganze werk ist wichtig als eine

schilderung der damaligen sitten und denkart und als eine sammlung

historischer anekdoten, wie sie in den klöstern sich weiter

erzählten.[193]

[Footnote 193: Die letzten vier bücher nebst solchen auszügen

aus den früheren, welche sich mit brittischer geschichte

beschäftigen, sind 1795 zu London in 2 bänden 8. von Daniel

Macpherson herausgegeben worden.]

Ausser den beiden genannten blühten noch andere romanzendichter und

reimende chronisten in Schottland bis gegen mitte des 15. jahrhunderts.

Einer derselben, namens _Hutcheon_, mit der näheren bezeichnung »of the

Awle Ryall« (of the Hall Royal) schrieb einen versificirten roman unter

dem titel »Geste of Arthur.« Ein anderer, _Clerk_ of _Tranent_, war der

verfasser eines romans The Adventures of Sir Gawain, von welchem zwei

gesänge erhalten sind. Sie sind in 13sylbigen versen mit abwechselnden

reimen und häufigen spuren der alliteration in einer schwer

verständlichen sprache geschrieben.

Der bedeutendste dieser schottischen romanschriftsteller ist unstreitig

der blinde sänger Henry (_Blind Harry_), von welchem das berühmte

gedicht von dem leben und den thaten Wallace's herrührt. Der lateinische

chronist John Major, welcher um 1469 geboren sein soll, gedenkt dieses

einst überaus beliebten gedichtes in folgender weise: »das ganze werk

von William Wallace hat Henry, ein blindgeborner, in der zeit meiner

kindheit (meae infantiae) in volksthümliche verse gesetzt, in welchen er

geschickt war. Er ging umher und recitirte seine verse vor den grossen

(coram principibus) und erwarb sich dadurch nahrung und kleidung, deren

er würdig war (victum et vestitum, quo dignus erat).« In dem gedichte

selbst kommt keine anspielung auf die blindheit des autors vor, worauf

man auch aus den oft vorkommenden schilderungen einzelner scenen nicht

schliessen sollte. Im übrigen muss der blinde Heinrich mit den

romantischen sagenkreisen seiner zeit gut bekannt gewesen sein, denn

er macht an verschiedenen stellen anspielungen auf den gewöhnlichen

romanzenstoff, welcher die Schicksale Hector's, Alexander's des grossen,

Julius Caesar's und Carl's des grossen behandelt. Merkwürdig ist es,

dass der dichter gegen ende seines werkes ausdrücklich erklärt, es sei

durchaus eine übertragung aus dem Latein. Als verfasser der lateinischen

quelle oder quellen werden Maistre John Blair und Sir Thomas Gray,

pfarrer von Libertown, von ihm selbst genannt, von denen der erstere als

ein »worthy clerk, baith wise and right savage« und als »lewit (loved,

geliebt) before in Paris town amang maistres in science and renown«

geschildert wird. Blair sei mit Wallace in die schule gegangen (Wallace

and he at hame in schul had been) und habe nebst Sir Thomas Gray die

thaten Wallace's am besten gekannt; auch habe der bischof Sinclair,

damals Lord of Dunkeld, welcher das buch Blair's in die hand bekommen,

es als sehr treu und richtig anerkannt, (himself had seen great part of

Wallace deed), weshalb er es auch habe nach Rom an den papst schicken

wollen, damit dieser sein urtheil darüber abgebe. Der blinde Heinrich

selbst war übrigens ein patriotischer Schotte, welcher im eingange

seines gedichtes von den südlichen stammesgenossen in England sagt:

Our auld enemies comen of Saxons blud,

That never yet to Scotland wald do gud:

It is weil knawn on mony divers side

How they have wrought into their mighty pride

To hald Scotland at under evermair:

But God above has made their might to pair.

»The Wallace,« welches ein langes gedicht in zehnsylbigen jambischen

versen ist, war seiner zeit noch beliebter in Schottland, als »the

Bruce,« was sich theils aus der grösseren volksthümlichkeit seines

helden Wallace, theils aus der grösseren lebendigkeit und begeisterung

des autors erklären lässt. Harry's buch mag vielleicht schon 1520 zu

Edinburgh gedruckt worden sein; der gegenwärtig als ältester bekannte

druck ist in 4. und rührt aus dem jahre 1570 her. Im 17. und 18.

jahrhundert wurde »Wallace« mehrmals von neuem aufgelegt und dabei

vielfach modernisirt und verändert.[194] Eine paraphrase des werkes in

das heutige Schottisch von William Hamilton of Gilbertfield ist lange

zeit ein lieblingsbuch der schottischen bauern und dasjenige buch

gewesen, welches den schlummernden dichtergeist von Robert Burns weckte.

Folgende verse des blinden Harry werden von Chamber's Encyclopaedia in

der ursprünglichen orthographie der handschrift mitgetheilt:

[Footnote 194: Die neueste ausgabe des gedichtes in verbindung mit

»Bruce« ist von Jamieson zu Edinburgh im jahre 1820 nach einem

1489 geschriebenen manuscript veranstaltet worden.]

So on a tym he desyrit to play

In Aperill the three and twenty day,

Till Erewyn wattir fysche to tak he went,

Sic fantasye fell in his entent.

To leide his net a child furth with him yeid;(1)

But he, or nowne,(2) was in a fellowne(3) dreid.

His swerd he left, so did he neuir agayne;

It dide him gud, supposs he sufferyt payne.[195]

[Notes:

1: ging -- 2: ere noon -- 3: bitter, schwer.]

[Footnote 195: In Chamber's Encyclopaedia s. 29-32, und in Craik's

Sketches vol. II. s. 196-199 proben aus »Wallace« in modernisirter

orthographie.]

Geschichte der Englischen Sprache und Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst · 第 19 / 21 段