gewicht legte, lassen sich viele beispiele anführen. Auf den
alten tapeten zu Bayeux, welche den sieg Wilhelm's des eroberers
feiern, findet sich dessen namen sehr verschieden geschrieben:
Wilielmi, Willelmi, Wilgelmvm, Willielmvs, Willem, Wilel. In den
acten zu Stratford kommt der namen von Shakespeare's vater,
welcher mitglied des gemeinderathes war, hundert sechs und
sechszig mal in vierzehn ver schiedenen gestalten vor, nämlich:
Shackesper, Shackespere, Shacksper, Shakspere, Shakespere,
Shaksper, Shakspare, Shakspeyr, Shakyspere, Shakspire, Shaxpeare,
Shaxsper, Shakxpere, Shaxpear, worunter sich die gegenwärtig
angenommene schreibart des dichternamens nicht einmal befindet.]
Das wiederaufleben des studiums der angelsächsischen sprache machte zu
derselben zeit auch den mangel gedruckter bücher fühlbar, da es nur
wenigen vergönnt sein konnte, die reichen, aber in bibliotheken
zerstreuten handschriften selbst einzusehen, noch viel weniger aber, sie
zu benützen. Die Society of Antiquaries beschloss daher zu anfang des
jahres 1831, um diesem mangel abzuhelfen, die veröffentlichung der
überreste der angelsächsischen und ältesten englischen literatur, welche
nur handschriftlich vorhanden, oder unvollständig herausgegeben, oder
äusserst selten geworden waren. Bereits im folgenden jahre erschien
eine vorzügliche ausgabe Caedmon's mit einer wörtlichen englischen
übersetzung von Benjamin _Thorpe_, der sich schon durch seine
übersetzung von Rask's angelsächsischer grammatik vortheilhaft bekannt
gemacht hatte. Von demselben sprachforscher erschien im jahre 1842
eine gute ausgabe der unter dem namen Codex Exoniensis bekannten
exeterhandschrift mit einer übersetzung, nachdem er kurz vorher die
angelsächsische evangelienübersetzung (Ða halgan godspel, on Englisc),
nach den handschriften revidirt, herausgegeben hatte. Der lang
vernachlässigte Beowulf wurde von _Kemble_ bearbeitet und der zweiten
auflage desselben ein zweiter band mit einem guten glossarium, einer
wörtlichen übersetzung des gedichtes und einigen anmerkungen beigegeben.
Bald nach der ersten auflage Beowulf's erschienen Thorpe's Analecta
Anglo-Saxonica, eine sammlung bisher ungenau, oder noch nicht
herausgegebener prosaischer und poetischer stücke angelsächsischer
literatur mit einem vollständigen glossarium; demselben gelehrten
verdanken wir auch eine ausgabe der angelsächsischen übersetzung des
Apollonius von Tyrus aus einem in Cambridge aufbewahrten manuscripte,
welcher eine englische übersetzung und ein glossarium beigefügt sind. Im
jahre 1823 erschien eine neue ausgabe der angelsächsischen chronik mit
einer englischen übersetzung und kritischen und erklärenden anmerkungen
von J. _Ingram_. In neuerer zeit hat sich auf dem gebiete der
angelsächsischen literatur Thomas _Wright_ besonders ausgezeichnet.
Seine Essays on subjects connected with the literature, popular
superstitions and history of England in the middle ages erschienen 1846,
die Biographia Britannica literaria (Anglo-Saxon-Period) 1842, welchem
werke eine auch besonders erschienene abhandlung, Introductory Essay on
the state of Literature and learning under the Anglo-Saxons, vorangeht.
Die Reliquiæ Antiquæ oder Scraps from ancient Manuscripts, welche
ebenfalls einiges interessante aus der angelsächsischen literatur
enthalten, sind von Wright in gemeinschaft mit J. O. _Halliwell_
herausgegeben worden. Das studium des Angelsächsischen ist auch
durch herausgabe mehrerer hilfsbücher erleichtert worden. Ausser
der Übersetzung von Rask's grammatik erschienen: An Introduction to
Anglo-Saxon Reading, comprising Aelfric's Homily on the Birthday of St.
Gregory, with a copious Glossary etc. By L. Langley, und ein Guide to
the Anglo-Saxon Tongue, on the basis of Professor Rask's Grammar, to
which are added extracts in verse and prose, with notes for the use of
learners. By E. J. Vernon. The Elements of Anglo-Saxon Grammar, with a
Praxis and Vocabulary. 12. Leeds, 1819. By J. L. Sisson. The Elements of
Anglo-Saxon Grammar with copious notes, illustrating the structure of
the Saxon and the formation of the English language. 8. London, 1823.
By J. Bosworth. Von demselben: A compendious grammar of the primitive
English or Anglo-Saxon language. 8. London, 1826. Rudiments of a grammar
of the Anglo-Saxon tongue. 8. London, 1829. By J. Gwilt. An Anglo-Saxon
grammar and Derivatives. By W. Hunter. 8. London, 1832. In Deutschland
gab im jahre 1838 H. _Leo_ in Halle altsächsische und angelsächsische
sprachproben heraus, mit einer freilich ungeordneten und unvollständigen
erklärung der angelsächsischen wörter versehen. In diesem buche ist
überall eine gleichmässige orthographie nach den von Grimm aufgestellten
grundsätzen der lautveränderung eingeführt worden. Unter den Deutschen
haben sich besonders beide _Grimm_, _Mone_, _Ettmüller_ und _Bouterwek_
durch kritische und wissenschaftliche behandlung der von den Engländern
an das tageslicht geförderten schätze der angelsächsischen literatur
ausgezeichnet. Ihr streben ist nicht ohne rückwirkung auf die englischen
forscher geblieben, unter denen sich Kemble offen als schüler Grimm's
bekennt, dem (J. Grimm) er auch seinen Beowulf gewidmet hat. Von J.
_Bosworth_ ist ein reichhaltiges, obwohl nicht vollständiges und
kritisch gesichtetes wörterbuch, A dictionary of the Anglo-Saxon
language. 8. London 1838, mit einer ausführlichen einleitung
veröffentlicht worden, so dass seit dieser zeit das studium dieser
reichen sprache jedem leicht zugänglich gemacht ist. Zu hoffen bleibt,
dass Kemble englischen fleiss und deutsche gründlichkeit zur bearbeitung
eines angelsächsischen »sprachschatzes« verwende.[114]
[Footnote 114: Bosworth in der vorrede zu seinem A.S. Dictionary
besonders seite XVIII-XXII, wo sich eine nach inhalt und zeit des
erscheinens geordnete übersicht der hauptwerke angelsächsischer
literatur befindet, ferner Th. Wright am ende seines Introductory
Essay und in seinen Essays on the Literature of England during
the middle ages. Essay I. A.S. Poetry, seite 1-30, theilen
schätzenswerthes material zur geschichte des studiums
angelsächsischer sprachdenkmale mit.]
Das Angelsächsische hat, wie das Deutsche, drei sprachliche
geschlechter, und eine deklination des artikels, der pronomina,
adjectiva und substantiva, welche den casus zugleich mit dem geschlechte
bezeichnen. Die pronomina der ersten und zweiten person besitzen ausser
dem singular und plural auch eine dualform. Die deklination der nomina
zerfällt in eine starke und schwache, wie die conjugation der verba,
welche neben dem indicativ auch eine form für den conjunctiv besitzt.
Als anhaltspunkte für die vergleichung der ausartenden formen in der
späteren halbsächsischen und englischen sprache folgen hier die
wesentlichen eigenthümlichkeiten der angelsächsischen sprachbildung
nach J. Grimm's deutscher grammatik:
+Substantiva.+
+Starke Deklination.+
_Masculina._
+Sing.+ +Plur.+
(fisch) (hirt) (sohn) (leute)
N. fisc hird-e sun-u -- fisc-as hird-as sun-a leod-e
G. fisc-es hird-es sun-a -- fisc-a hird-a sun-a leod-a
D. fisc-e hird-e sun-a -- fisc-um hird-um sun-um leod-um
Ac. fisc hird-e sun-u -- fisc-as hird-as sun-a leod-e.
_Feminina._
(gabe) (adel) (that)
N. gif-u æðel-o -- dæd gif-a -- -- dæd-a
G. gif-e æðel-o -- dæd-e gif-ena -- -- dæd-a
D. gif-e æðel-o -- dæd-e gif-um -- -- dæd-um
Ac. gif-e æðel-o -- dæd-e gif-a -- -- dæd-a.
_Neutra._
+Sing.+ +Plur.+
(wort) (fass) (reich)
N. word fæt ric-e word fat-u ric-u
G. word-es fæt-es ric-es word-a fat-a ric-a
D. word-e fæt-e ric-e word-um fat-um ric-um
Ac. word fæt ric-e word fat-u ric-u.
+Schwache Deklination.+
masc. femin. neutr. masc. femin. neutr.
(hahn) (zunge) (ohr)
N. han-a tung-e ear-e han-an tung-an ear-an
G. han-an tung-an ear-an han-ena tung-ena ear-ena
D. han-an tung-an ear-an han-um tung-um ear-um
Ac. han-an tung-an ear-e han-an tung-an ear-an.
+Unregelmässige Deklination.+
Verschiedene m. und f. mit den vokalen a, o, u lauten im d. sing.,
meistens auch im n. und ac. pl. um. Man (mensch), d. men, pl. men;
broðor (bruder), d. breðer; moðor (mutter), d. meðer; dohtor (tochter),
d. dehter; fot (fuss), d. fet, pl. fet: toð (zahn), d. teð, pl. teð;
boc (buch), d. bec, pl. bec; broc (hose), d. brec, pl. brec; gos (gans),
d. ges, pl. ges; turf (rasen), d. tyrf, pl. tyrf; burh (burg), d. byrh,
pl. byrh; cu (kuh), d. cy, pl. cy; lus (laus), d. lys. pl. lys; mus
(maus), d. mys, pl. mys. Im gen. s. und im gen. und d. plur. findet
der umlaut nicht statt.
+Adjectiva.+
+Starke Deklination.+
masc. femin. neutr. masc. femin. neutr.
+Sing.+ +Plur.+
(blind)
N. blind blind(u) blind blind-e blind-e blind-u
G. blind-es blind-re blind-es blind-ra blind-ra blind-ra
D. blind-um blind-re blind-um blind-um blind-um blind-um
Ac. blind-ne blind-e blind. blind-e blind-e blind-u.
Schwache adjectiva werden wie die schwachen substantiva deklinirt.
+Comparation.+
Stark. Schwach.
Posit. smæl (klein) smal-a
Comp. smæl-ra +m.+, smæl-ra, smæl-re
smæl-re +f.+ +n.+
Superl. smal-ost. smal-esta +m.+, smal-este +f.+ +n.+
+Pronomina.+[115]
[Footnote 115: Es sind hier nur die hauptformen aufgeführt, auf
welche die orthographischen und mundartlichen nebenformen
gegründet sind.]
_Personalia._
Sing. n. ic (ich) þu (du) he (er) heo (sie) hit (es)
g. min þin his hire his
d. me þe him hire him
ac. me þe hine hi hit.
Plur. n. we (wir) ge (ihr) hi (sie)
g. ure eower hira
d. us eow him
ac. us eow hi.
Dual. n. wit (wir zwei) git (ihr zwei)
g. uncer incer
d. unc inc
ac. unc inc.
_Possessiva._
+m.+ +f.+ +n.+ +m.+ +f.+ +n.+
S. nom. min (mein) g. min-es g. min-re g. min-es
þin (dein) þin-es þin-re þin-es
uncer (unser zwei) uncr-es unc-re uncr-es
ure (unser) ur-es ur-e ur-es
incer (euer zwei) incr-es inc-re incr-es
eower (euer) eowr-es eow-re eowr-es.
Im übrigen werden diese pronomina wie die starken adjectiva deklinirt.
_Demonstrativa._
Hierzu gehören der bestimmende artikel, welcher so deklinirt wird:
+m.+ +f.+ +n.+ +m.+ +f.+ +n.+
S. n. se (der) seo (die) þæt (das) pl. þa (die)
g. þæs þære þæs þara
d. þam þære þam þam
ac. þone þa þæt þa.
und das hinweisende pronomen:
S. n. þes (dieser) þeos (diese) þis (dieses) pl. þas (diese)
g. þises þisse þises þissa
d. þisum þisse þisum þisum
ac. þisne þas þis þas.
_Relativa und Interrogativa._
+m.+ +f.+ +n.+
S. und pl. n. hwa (welcher, wer) hwæt
g. hwæs hwæs
d. hwam hwam
ac. hwone hwæt.
Hwilc, welcher, hwæðer, welcher von beiden, werden wie die starken
adjectiva deklinirt.
+Numeralia.+
An, einer, wird wie ein starkes und wie ein schwaches adjectivum
deklinirt; twegen +m.+ twa +f.+ +n.+, zwei, begen +m.+ ba +f.+ +n.+,
beide, und þry, drei, haben folgende deklination:
+m.+ +f.+ +n.+ +m.+ +f.+ +n.+
N. twegen twa þry þreo
G. twegra twegra þreora þreora
D. twam twam þrym þrym
Ac. twegen twa þry þreo.
+Verba.+
+Starke Conjugation.+
J. Grimm nimmt in den deutschen sprachstämmen zwölf starke conjugationen
an, nämlich folgende für das Angelsächsische:
+imp.+ +plur.+ +p.p.+
1. Fealle (falle) feol feollon feallen
2. Swape (fege) sweop sweopon swapen
3. Hleape (springe) hleop hleopon hleapen
4. Slæpe (schlafe) slep slepon slæpen
5. Blawe (blase) bleow bleowon blawen
6. Gale (singe) gol golon galen
7. Dwine (schwinde) dwan dwinon dwinen
8. Creope (krieche) creap crupon cropen
9. Drepe (treffe) drap dræpon drepen
10. Cwele (tödte) cwal cwælon cwelen
11. Swelle (schwelle) sweall swullon swollen
12. Binde (binde) band bundon bunden.
_Endungen._
1. 2. 3. 1. 2. 3.
Ind. præs. s. -e -est -eð conj. -e
pl. -að -að -að -en
imp. s. -- -e -- -e
pl. -on -on -on -en.
imperat. s. -- pl. -að; inf. -an, -anne; part. pr. -ende; pp. -en.
+Schwache Conjugation.+
Es giebt zwei schwache conjugationen:
+imp.+ +plur.+ +p.p.+
1. Nerian (halten) ner-ede ner-edon ner-ed
2. Sealfian (salben) sealf-ode sealf-odon sealf-od.
_Endungen._
1. 2. 3. 1. 2. 3.
Ind. præs. s. -e -st -ð conj. -e
pl. -að -að -að -en
imp. s. -de -dest -de -de
pl. -don -don -don -den.
imperat. s. -- pl. -ð; inf. -an, -enne; part. pr. -ende; pp. -d.
+Unregelmässige Conjugation.+
Præs. ind. s. eom (bin), eart, is; pl. sind, sindon;
conj. s. si, si, si (sig, seo); sin;
imperf. s. wæs, wære, wæs; wæron;
inf. wesan; imp. s. wes, pl. wesað; part. pr. wesende; pp. gewesen;
fut. oder præs. ind. beo (beom), bist, bið, pl. beoð;
conj. beo. pl. beon;
inf. beon; imperat. beo, pl. beoð.
+praes.+ +imperf.+
s. Mot (muss) most mot, pl. moton moste.
Wat (weiss) wast wat, witon wiste.
Nat (weiss nicht) nast nat, nyton nyste.
Ah (eigene, besitze) agon ahte.
Deah (tauge), duge deah, dugon duhte.
Mag (mag) meaht mag, magon meahte.
Sceal (soll) scealt sceal, sculon sceolde.
Gemon (erinnere) gemunon gemunde.
Dear (darf), dearst dear, durron dorste.
þearf (bedarf) þurfe þearf, þurfon þorfte.
Can (kann) canst can, cunnon cuðe.
(const)
An (gebe) unne an, unnon uðe, pp. geunnen.
Wille (will) wilt wille, willað wolde.
Nylle (will nicht) nylt nylle, nyllað nolde.
Do (thue) dest deð, doð.
imperf. s. dide, didest, dide; pl. didon; inf. don; pp. gedon.
Was man gewöhnlich das angelsächsische alphabet nennt, ist mit ausnahme
der buchstaben þ, th, ð, dh, nichts anderes als das mit dem
christenthume eingeführte römische alphabet. Ehe man sich des letzteren
bediente, besassen die Angelsachsen zwar ihre eigenen buchstaben, runen,
welche man aber nur zu kurzen inschriften und denksprüchen benützte; da
nur wenige ihre bedeutung und anwendung kannten, so betrachtete sie der
aberglaube als etwas mystisches, zauberisches, ähnlich wie man später
die schreibkunst oder auch wohl im allgemeinen die gelehrsamkeit mit dem
worte grammarye benannte, welches aber auch magie, zauberei bedeutete.
Als die schreibkunst mit der einführung des römischen alphabets
allgemeiner wurde, legte man das alte runenalphabet nicht sogleich ganz
bei seite; ja es finden sich noch spuren davon in den handschriften des
zwölften jahrhunderts. In der exeterhandschrift sind einzelne runen zum
räthselspiel angewendet. (Wright's Biog. Brit. Liter. A.S. Period.
Seite 105. 502-504.)
+Zweite Periode.+
+Die normännische Zeit.+
(Von 1066 bis 1362.)
+I. Der Verfall der angelsächsischen Sprache.+
Während die angelsächsische sprache noch in ihrer blüthe stand, wurde
ihr untergang und die einführung des Französischen bereits vorbereitet.
Die herrschaft der Dänen hatte unter Swen, Cnut und Hardicnut ein halbes
jahrhundert hindurch den alten sächsischen königsstamm verdrängt, bis
dieser im jahre 1042 nach dem schnellen tode des letztgenannten
dänischen königs durch allgemeine zustimmung der edelen wieder in der
person Eduard's des bekenners den thron bestieg. In Frankreich, am hofe
Wilhelm's, des herzogs von der Normandie, erzogen, besass Eduard eine
vorliebe für französische sprache und sitte und zog sowohl fremde
gelehrte und geistliche als fremde ritter[116] nach England, wodurch er
der eroberung des landes durch die Normannen selbst vorarbeitete,
abgesehen davon, dass er den herzog von der Normandie mit grosser
feierlichkeit in England empfing und ihm später den thron förmlich
zusicherte. Durch die auffallende bevorzugung der fremden (sogar der
erzbischof von Canterbury war ein Normann) wurde indessen das
nationalgefühl der Sachsen verletzt; die edelen, welchen ihre güter
entrissen wurden, um sie fremden zu geben, standen auf, und das
sächsische parlament (witena-gemot) verbannte im jahre 1052 die
zahlreichen Normannen, welche der könig in staats- und kirchenämter
eingesetzt hatte. Allein dieser beschluss und die vertreibung der
Normannen konnte das schicksal England's nicht lange aufhalten. Nach
Eduard's tode gelang es im jahre 1066 Wilhelm dem eroberer in der
schlacht von Hastings, welche dem letzten sächsischen könige Harold das
leben kostete, den thron England's zu erobern.
[Footnote 116: »Rex autem Edwardus natus in Anglia, sed nutritus
in Normannia et diutissime immoratus, pene in Gallicum transierat,
adducens ac attrahens de Normannia plurimos, quos variis
dignitatibus promotos in immensum exaltabat.« Ingulph. Hist.
Croyl. p. 62 ed. Gale. Ingulph, ein geborner Angelsachse, lebte
einige zeit am hofe Wilhelm's des eroberers als dessen schreiber
und wurde im jahre 1075 abt von Croyland, wo er 1109 gestorben
ist. Die unter seinem namen citirte und wahrscheinlich im kloster
von Croyland entstandene geschichte rührt indessen nicht von ihm
her, oder müsste wenigstens sehr interpolirt sein.]
Jetzt beginnt für England eine zeit der gewaltthat und der
unterdrückung, während welcher der grössere theil der englischen
bevölkerung in einen zustand der äussersten noth und grössten
unwissenheit versetzt wurde.[117] Die angelsächsische sprache litt
darunter auf das schlimmste; sogar die form, in welcher die Sachsen
die römischen buchstaben zu schreiben gewöhnt gewesen waren, wurde
mit derjenigen[118] vertauscht, welche die Normannen mit ihrer sprache
und literatur nach England brachten. Der gebrauch der angelsächsischen
sprache zur schrift hörte mit der normannischen eroberung fast ganz auf.
Sie wurde nur noch einige zeit zur fortsetzung der angelsächsischen
chronik und zu einigen kleineren aufsätzen, meist religiösen oder
moralischen inhalts, benützt, wofür wir wahrscheinlich den wenigen
angelsächsischen mönchen, welche in ihren klöstern bleiben durften,
dankbar sein müssen. Erleichtert wurde die einführung des Französischen,
welches jetzt mit dem neuen politischen system verwebt war, durch den
umstand, dass seit dem anfange des 11. jahrhunderts, während der
dänischen herrschaft, die königliche familie, viele angelsächsische
grosse und geistliche zuflucht auf dem festlande gesucht und, von der
grösseren bildung der Normannen angezogen, deren sprache angenommen
hatten, so dass zu der zeit der eroberung das Französische in den
höheren kreisen des angelsächsischen volkes durchaus nicht mehr
unbekannt war, sondern vielmehr als ein beweis höherer bildung
betrachtet wurde.[119]
[Footnote 117: Wilhelm von Malmsbury, welcher in der ersten
hälfte des zwölften jahrhunderts als geschichtsschreiber blühte,
beschreibt indessen den zustand der Angelsachsen kurz vor der
eroberung Wilhelm's in einer solchen weise, dass man die
pfropfung des normännischen reises auf den angelsächsischen
stamm jedenfalls als eine verbesserung ansehen muss. In seiner
betrachtung über die folgen der schlacht von Hastings klagt
dieser autor in seiner Historia Regum Anglorum unter anderem:
»Clerici literatura tumultuaria contenti, vix sacramentorum verba
balbutiebant; stupori et miraculo erant cæteris, qui grammaticam
nossent. Monachi subtilibus indumentis et indifferenti genere
ciborum regulam ludificabant. Optimates gulæ et veneri dediti,
ecclesiam more Christiano mane non adibant, sed in cubiculo et
inter uxorios amplexus matutinarum solemnia et missarum a
festinante presbytero auribus tantum libabant. Vulgus in medio
expositum præda erat potentioribus, ut vel eorum substantiis
exhaustis, vel etiam corporibus in longinquas terras distractis,
acervos thesaurorum congererent, quanquam magis ingenitum sit illi
genti commessationibus quam operibus inhiare. Illud erat a natura
abhorrens, quod multi ancillas suas ex se gravidas, ubi libidini
satisfecissent, aut ad publicum prostibulum aut ad æternum
obsequium vendicabant. Potabatur in commune ab omnibus, in hoc
studio noctes perinde ut dies perpetuantibus, parvis et abjectis
domibus totos sumptus absumebant; Francis et Normannis absimiles,
qui amplis et superbis ædificiis modicas expensas agunt.
Sequebantur vitia ebrietatis socia, quæ virorum animos
effoeminant.«]
[Footnote 118: »Modus etiam scribendi anglicus omitteretur, et
modus gallicus in chartis et in libris omnibus admitteretur.«
Ingulph, seite 71.]
[Footnote 119: »Coepit ergo tota terra sub Rege (Edwardo) et sub
aliis Normannis introductis Anglicos ritus dimittere, et Francorum
mores in multis imitari, Gallicum scilicet idioma omnes Magnates
in suis curiis tanquam magnum gentilitium loqui, chartas
et chirographa sua more Francorum conficere, et propriam
consuetudinem in his et in aliis multis erubescere.« Ingulph,
seite 62.]
Obwohl Wilhelm besonders im anfange seiner regierung sich mühe gab, das
Angelsächsische zu erlernen, um seine neuen unterthanen für sich zu
gewinnen, und auch mehrere verordnungen von ihm in ihrer sprache
erlassen wurden, so wurde er doch durch sein vorgerücktes alter und
vielfache beschäftigungen von dem erlernen derselben abgehalten[120] und
sprach mit dem grössten theile des adels nur Französisch.[121] Die
wenigen angelsächsischen grossen, welche zuerst noch am hofe des neuen
königs zutritt hatten, mussten selbstverständlich das Französische
verstehen und sprechen können. Schon um das jahr 1070 gedenkt die
geschichte nur noch eines einzigen angelsächsischen Earls mit namen
Waltheof, welcher drei jahre später wegen theilnahme an hochverrath
hingerichtet wurde. Von dieser zeit ab, sagt Ingulph, verlieh der könig
güter und würden nur an Normannen.[122] Der zahlreiche französische
adel, welchem die besitzungen der alten sächsischen Earls geschenkt
wurden, umgab sich auf seinen gütern, wie der könig am hofe, ebenfalls
mit fremden, so dass die französische sprache binnen wenigen jahren über
alle theile des landes ausgebreitet war. Hier auf den gütern der
normannischen barone war es, wo die Angelsachsen am tiefsten
gedemüthigt, am meisten getreten wurden; hier war es, wo die sächsischen
leibeigenen das vieh hüten und das wild schonen mussten, welches früher
ihr eigenthum gewesen war und bis auf den heutigen tag die deutschen
namen ox, cow, calf, sheep, swine, hart, roe, deer bewahrt hat, während
ihre normännischen herren das geschlachtete thier, oder erlegte wild in
der halle verzehrten und dem todten oder verendeten fleische mit den
französischen wörtern beef, veal, mutton, pork, venison den
normännischen besitztitel aufdrückten. Eine anzahl fester kastelle in
den grossen städten wie auf verschiedenen punkten des landes schützten
mit ihrer normännischen besatzung[123] die eroberung des landes und
beförderten die an einzelnen orten nicht ohne widerstreben der Sachsen
erfolgende unterjochung des volkes.
[Footnote 120: »Anglicam locutionem plerumque sategit ediscere, ut
sine interprete querelam subjectæ legis possit intelligere. Ast a
perceptione huiusmodi durior ætas illum compescebat, et tumultus
multimodarum occupationum ad alia necessario adtrahebat.«
Ordericus Vitalis l. IV, 520. Dieser autor war der sohn eines
verheiratheten normännischen priesters, und im jahre 1075 am ufer
des Severn in England geboren. Seine dreizehn bücher geschichte,
welche er bis zum jahre 1143 in der Normandie abfasste, sind eine
hauptquelle für die geschichte der Normannen seiner zeit.]
[Footnote 121: Die unkenntniss der volkssprache war den Normannen
zuweilen auch verderblich. Als die Northumbrier im jahre 1080 den
bischof Vaulcher mit mehreren bitten angingen, wollte er ihnen die
erfüllung derselben nur um vierhundert pfund silber zugestehen.
Da rief der redner der Northumbrier seinen landsleuten in deren
sprache zu: short red, god red, slea ye the byshoppe, wie Matth.
Paris I, 1. seite 10 in späterem Englisch anführt, worauf der
bischof und mit ihm hundert Franzosen und Flamländer (frencisce
and flemisce nach der sachsenchronik) umgebracht wurden. Als
im jahre 1191 Wilhelm Longchamps, der allmächtige minister
Richard's I., welcher selbst die volkssprache nicht verstand,
nachdem er wegen seiner erpressungen in ungnade gefallen war,
als weib verkleidet, sich über das meer flüchten wollte, wurde er
am strande von dem volke festgehalten, weil er auf keine frage
antworten konnte (»quia linguam anglicam prorsus ignorabat«),
und in das gefängniss geworfen.]
[Footnote 122: »Comitatus et Baronias, Episcopatus et Prælatias
totius terræ suis Normannis rex distribuit, et vix aliquem
Anglicum ad honoris statum vel alicuius dominii principatum
ascendere permisit.« Ingulph, p. 70.]
[Footnote 123: »Custodes in castellis strenuos viros ex Gallis
collocavit, et opulenta beneficia, pro quibus labores et pericula
libenter tolerarent, distribuit.« Order. Vital. l. IV, p. 506.]