nächstfolgenden sogenannten halbsächsischen (Semi-Saxon), oder
normännischen periode der englischen literatur bildet die
_Sachsen-chronik_.[107] Die gewöhnliche annahme ist, dass der aufang von
diesem, nächst Beda's kirchengeschichte, wichtigsten quellenwerke der
angelsächsischen geschichte zur zeit des königs Alfred gemacht worden
sei, als der geschmack an historischen gegenständen durch Alfred's
eigene arbeiten geweckt und verbreitet wurde. Man will dieses auch aus
dem umstande schliessen, dass die älteste handschrift, das »Benet Ms.,«
nicht nur bis zur geschichte des Jahres 891 von einer und derselben hand
geschrieben ist, sondern auch bruchstücke aus Beda's kirchengeschichte
nach Alfred's übersetzung enthält, wozu der umstand tritt, dass das werk
bis über die mitte des neunten jahrhunderts hinaus unverkennbare spuren
einer späteren abfassung zeigt. Erst mit Alfred's regierung fangen die
eigentlichen annalen an, welche bis zu 925, dem todesjahre Eduard's,
fortgesetzt sind. Mit diesem jahre werden die aufzeichnungen kürzer und
abgebrochener, bis sie mit dem jahre 1001 in dürftige notizen übergehen,
welche bis zum jahre 1070 fortgesetzt werden. Zum schluss der
handschrift folgt eine lateinische lebensbeschreibung Lanfranc's. Andere
handschriften führen den abgebrochenen faden der geschichte weiter bis
zum tode Stephan's, welcher im jahre 1154 erfolgte. Gegen das ende des
ganzen werkes, wie es uns in einer einzigen zusammenstellung der
verschiedenen handschriften vorliegt, finden sich schon viele
vernachlässigungen der grammatik, so wie auf den letzten seiten sogar
französische Wörter. Peterborough, wo die letzten aufzeichnungen der in
der angelsächsischen chronik zusammengestellten handschriften erfolgt
sein mögen, blieb auch nach der eroberung England's durch die Normannen
ein sächsisches kloster, in welchem die sprache des unterliegenden
volkes eine letzte zufluchtsstätte fand. An mehreren stellen athmet das
werk den unwillen der besiegten über den übermuth der normannischen
sieger.
[Footnote 107: Die älteste ausgäbe erschien unter dem titel
Chronologia Saxonica als anhang zur Alfred'schen übersetzung
von Beda's kirchengeschichte von A. Wheloc, fol. Cambridge,
1644. Eine genauere ausgabe: Chronicon Saxonicum ex Mss. Codicibus
nunc primum integrum edidit ac latinum fecit Edm. Gibson. 4.
Oxonii, 1692. Besser ist: The Saxon Chronicle, with an English
translation and notes critical and explanatory, by J. Ingram. 4.
London, 1823. Zuletzt in den werken der Record Commission von
Richard Price. Eine kritik der Ingram'schen ausgabe von R.
Schmid in Hermes, band XXX, heft 2. Leipzig, 1828. Seite 286 ff.]
Als Verfasser des ältesten theiles der sachsenchronik, welcher aus
mündlichen überlieferungen und älteren chroniken, besonders aber beinahe
wörtlich aus Beda's kirchengeschichte und dessen Chronicon sive liber de
sex ætatibus mundi geschöpft ist, wird nach blossen vermuthungen
Plegmund angegeben, welcher ein freund Alfred's war und gerade um jene
zeit erzbischof von Canterbury (von 890 bis 923) wurde, wo die älteste
handschrift des ältesten manuscriptes schliesst. Erzbischof Plegmund ist
zwar bereits in alten zeiten als angelsächsischer schriftsteller
aufgeführt worden, allein ohne dass man ihm bis jetzt irgend ein
werk mit einiger sicherheit zuschreiben könnte. Die übrigen alten
handschriften, welche zur zusammenstellung des gegenwärtig unter dem
namen der angelsächsischen chronik bekannten buches gedient haben,
enthalten, mehr oder minder durch interpolationen und aus früher nicht
benützten quellen geschöpfte zusätze erweitert, dieselbe älteste,
wahrscheinlich aus Alfred's zeit stammende recension und verfolgen dann
ihren eigenen weg, indem in ihnen selbstständige aufzeichnungen von
begebenheiten niedergelegt sind. Eine sorgfältige kritische sichtung
und würdigung der einzelnen haudschriften ist noch nicht erfolgt, da
es den englischen herausgebern weniger darauf, als auf eine möglichst
vollständige zusammenstellung des historischen stoffes angekommen ist.
Wie alt eigentlich die in den angelsächsischen handschriften erhaltene
sprache nach ihrem inneren und äusseren wesen, nach ihrer bildung,
rechtschreibung, mithin auch nach ihrer aussprache sei, lässt sich
nicht mehr mit sicherheit bestimmen. Das gemeinsame loos beinahe aller
schriftlichen werke des mittelalters war es, modernisirt und verändert
zu werden, wenn sie von einer person abgeschrieben und vervielfältigt
wurden, welche die sprache redete, in der sie abgefasst waren. Nur die
unwissenheit des abschreibers sicherte vor absichtlichen änderungen;
die unvermeidlichen und unfreiwilligen fehler eines solchen
abschreibers[108] können von der kritik viel leichter erkannt und
verbessert werden, als die eigenwilligen verbesserungen eines der
sprache kundigen schreibers, welcher gewöhnlich nur für den sinn, nicht
für die worte und deren construction, noch viel weniger aber für die
orthographie des autors sorge trug, und die sprache und schreibart eines
manuscripts in die sprache und rechtschreibung seiner zeit und seines
ortes verwandelte. Auf diese weise drängt sich die frage nach der
sprache eines autors gewöhnlich in die frage nach der zeit und dem orte
zusammen, wann und wo das manuscript entstanden sei, wie sich dieses
mit bezug auf das Angelsächsische aus parallelstellen unzweifelhaft
herausstellt (Bosworth's A.S. Diction. vorrede LVII). Das älteste
angelsächsische manuscript[109] wird von Wanley aus inneren gründen
auf das jahr 737 zurückgeführt, wahrscheinlich aber ist es kurz vor
Alfred's zeit entstanden. Dasselbe enthält einige dem Caedmon als dessen
erstlinge zugeschriebene verse, welche von Beda (IV, cap. 24) in das
Lateinische übersetzt werden. Dieselben verse befinden sich in Alfred's
angelsächsischer übersetzung des Beda, jedoch in modernisirter sprache,
wie sie der herausgeber Caedmon's Thorpe (Pref. Caedm. XXII) in einer
zu Oxford aufbewahrten, dem zehnten jahrhundert angehörenden handschrift
fand.
[Footnote 108: Ein kenner angelsächsischer handschriften,
John M. Kemble, klagt in seiner vorrede zum Beowulf (seite
XXIII) nicht minder über die verderbtheit der Mss. durch schuld
der abschreiber. »All persons,« sagt er, »who have had much
experience of Anglo-Saxon Mss. know how hopelessly incorrect they
in general are; when every allowance has been made for date and
dialect, and even for the etymological ignorance of early times,
we are yet met at every turn with faults of grammar, with
omissions or redundancies, of letters and words.«]
[Footnote 109: Codex Ms. omnium vetustissimus non ita pridem erat
penes egregium illum literarum fautorem Joannem Morum, episcopum
nuper Eliensem, hodieque in Bibliotheca Regia Cantabrigiae
asservatur. Smith's Bede; Cantabrigiae, folio. 1722. Vorrede
seite 3. Dr. John Moore war bischof von Norwich, als Wanley seinen
catalog anlegte und dieses manuscript unter den Codd. Mss. Episc.
Norwicensis seite 287 aufführte; später wurde er bischof von
Ely. Nach seinem tode kaufte könig Georg I. diese handschrift mit
des bischofs bibliothek, welche er der universität Cambridge
schenkte, wo dieses Ms. gegenwärtig in der öffentlichen
bibliothek aufbewahrt wird.]
+Cod. Ms. Epis. Norwic. Wanley, p. 287.+
Nu scylun Hergan
Hefæn ricæs uard
Metudæs Mæcti
end his Mod gidanc
Uerc[a] Uuldur fadur
sue he Uundra gihuæs
eci drictin(1)
or astelidæ.
+Cod. Ms. C. C. C. Oxon. Thorpe, Pref.+
Nu we sceolan Herian.(3)
Heofon-ríces weard.
Metodes Mihte.
and his Mod-geþonc.(4)
Wera(5) Wuldor fæder.
swa he Wundra gehwæs.
ece dryhten.(6)
oord(7) onstealde.(8)
+Wörtliche deutsche Uebersetzung+
Nun sollen wir ehren (des) himmelreiches wart, (des) schöpfers
macht und seines gemüthes gedanken, (der) menschen herrlicher
vater! wie er, jeglicher wunder ewiger herr, den anfang
aufstellte.
He ærist scop
elda[b] barnum
heben til Hrofe
Haleg scepen
þa Middun geard
Mon cynnæs uard
eci dryctin
æfter tiadæ
Firum Foldu(2)
Frea allmectig.
He ærest gescéop.(9)
eorðan bearnum.
Heofon to Hrófe.(10)
Halig scyppend.
þa Middan geard.
Mon cynnes weard.
ece dryhten.(11)
æfter teode.
Firum Foldan.
Frea ælmihtig.
Er zuerst schuf (die) erde (den) menschen, (den) himmel zum dach,
heiliger schöpfer! dann (den) erdkreis, (des) menschengeschlechtes
wart, (der) ewige herr, nachher (hervor) zog (den) führern (das)
Feld, herr allmächtiger!
Hierzu finden sich noch nach Bosworth's A.S. Dictionary p. LVII, wo
beide stücke[110] mitgetheilt werden, folgende verschiedene lesarten:
1) dryctin. 2) foldum. 3) herigean. 4) geþanc. 5) fehlt. 6) drihten.
7) ord. 8) astealde. 9) gescop. 10) rofe. 11) drihtne. Ausserdem ist
a) uerc entweder ein druckfehler, oder ein versehen des herausgebers für
uere, was bei der ähnlichkeit der buchstaben c und e leicht geschehen
konnte. Wäre die lesart uerc, oder weorc wie Sharon Turner in seiner
History of the A.S. (vol. III. Book IX. chap. 1) liest, die richtige,
dann würde »herrlicher _werke_ vater« zu übersetzen sein. Ebenso scheint
anstatt b) elda die richtige lesart erda zu sein. Ein anderes beispiel
noch weit bedeutender abweichungen ist Caedmon's paraphrase des gesanges
der drei männer im feurigen ofen, welche ausser im oxforder manuscript,
auch noch in der exeterhandschrift (Codex Exoniensis, seite 185-197), in
letzterer aber nicht bloss mit verschiedenen lesarten, sondern gegen das
ende in wesentlichen erweiterungen und einer ganz anderen form erhalten
ist. Vergleiche Bouterwek's Caedmon, I. seite 143 ff., wo eine genaue
vergleichung der beiden handschriftlichen redactionen dieses dem Caedmon
beigelegten gesanges angestellt ist. Welches nun die wirkliche Sprache
Caedmon's, der um 680 starb, gewesen sei, lässt sich durch nichts
bestimmen.
[Footnote 110: Sie sind ausserdem, das erstere in Wanley's Antiq.
literat. septent. Vol. II. p. 287., das letztere in Hikkes'
Gramm. Anglo-Saxon. p. 187. abgedruckt.]
Dem zehnten jahrhundert verdanken wir die ältesten und besten der
erhaltenen handsehriften in angelsächsischer sprache, weshalb der
schluss wohl kein falscher sein dürfte, dass diejenige sprache, welche
wir reines Angelsächsisch nennen, die sprache der gebildeten Westsachsen
von dem jahre 900 bis 1000 war und sich vielleicht ein jahrhundert
hindurch unverfälscht und wenig verändert erhalten hat.
Ausserdem muss bemerkt werden, dass die verschiedenen stämme der Sachsen
und Angeln fortwährend ihre dialektverschiedenheit in sprache und
schreibart bewahrten, welche so tief gewurzelt ist, dass sie sich bis
auf den heutigen tag in den provinziellen sprachsonderungen des
englischen volkes verfolgen lässt. Die sprache des von den Angeln
besetzten nördlichen theiles von England pflegte man früher den
sächsisch-dänischen dialekt zu nennen, zumal hier die Dänen die
hauptsitze ihrer langjährigen eroberung hatten. Besser und richtiger ist
es aber wohl, ihn den nordanglischen, oder geradezu den anglischen im
gegensatze des angelsächsischen (der eigentlich nie existirt hat),
westsächsischen, oder sächsischen dialektes zu nennen, zumal die sprache
der Dänen und Nordangeln damals noch sehr wenig verschieden sein mochte.
Die bewohner von Yorkshire, Northumberland und der schottischen
Niederlande unterscheiden sich durch ihre härtere und rauhere sprache
noch heut von den Südengländern.
Während der beständigen einfälle der Dänen gingen viele angelsächsiche
bücher verloren, indem im neunten und zehnten Jahrhundert mehrere
klöster mit ihren bücherschätzen von ihnen verbrannt wurden. Nach der
normännischen eroberung wurden die besiegten und damit auch ihre sprache
und bücher von den siegern verachtet, so dass sie nur noch in denjenigen
klöstern und geistlichen stiften, welche in den händen der Sachsen
verblieben, gelesen, in den andern aber von staub und feuchtigkeit
verzehrt wurden. Im anfange des dreizehnten jahrhunderts war die
volkssprache durch das eindringen des französischen idioms bereits so
verdorben, dass die angelsächsischen bücher selbst von den nachkommen
der alten Sachsen nicht mehr leicht verstanden werden konnten. Von nun
ab wurden die angelsächsischen manuscripte nicht bloss vernachlässigt,
sondern oft als unnütz beseitigt, oder anderweitig um ihres materiales
willen verbraucht. So finden sich in einem im jahre 1248 angefertigten
cataloge der in der bibliothek zu Glastonbury aufbewahrten bücher
folgende worte:
Item, duo Anglica, vetusta et inutilia.
Item, Sermones Anglici, vetusti, inutiles.
Passionale Sanctorum Anglice scriptum, vetustum, inutile.
Wenn die mönche pergament brauchten, so pflegten sie wohl jene alten
und unnützen angelsächsischen handschriften zu nehmen, die für sie
unleserlichen, oder unverständlichen worte abzukratzen und ein für sie
wichtigeres, neues werk auf das pergament zu schreiben. Eines dieser
palimpseste befindet sich in der bibliothek des Jesus-College zu
Cambridge, auf welchem eine prächtige handschrift der homilien Alfric's
lateinischen dekretalen hat platz machen müssen. Hier und da, vorzüglich
am rande, sind die ursprünglichen angelsächsischen worte noch zu
erkennen. Zuweilen brauchten die mönche auch einbände für ihre mess-
und chorbücher; dann nahmen sie einige blätter jener alten, unnützen
pergamente und klebten sie zusammen. So fand Sir Thomas Phillipps
stücke einer angelsächsischen handschrift in den deckeln eines in der
kathedrale zu Worcester aufbewahrten buches.[111] Auf diese und ähnliche
weise mögen viele angelsächsische handschriften vernichtet worden sein.
Zuweilen sind nur dadurch werthvolle angelsächsische manuscripte
erhalten worden, dass sie sich zufällig in demselben bande mit
lateinischen werken befanden, welche der aufbewahrung würdig erachtet
wurden. Vielleicht lasen auch noch einzelne mönche die angelsächsischen
handschriften, soweit sie dieselben etwa mit Alfric's grammatik und
glossarium bemeistern konnten. Der letzte und grösste verlust
angelsächsischer schriften erfolgte zur zeit der reformation, als bei
der aufhebung der englischen klöster die handschriftlichen bibliotheken
derselben nach allen richtungen zerstreut wurden. Die trümmer derselben
sind noch in und an alten englischen büchereinbänden wahrzunehmen;
denn obgleich die reformatoren gerade die kirchlichen schriften der
Angelsachsen begierig aufsuchten, so sind doch viele andere
angelsächsische manuscripte im sechszehnten Jahrhundert zu
büchereinbänden benützt worden.
[Footnote 111: Fragment of Aelfric's Grammar, Aelfric's
Glossary, and a Poem on the Soul and Body, in the Orthography
of the 12. century: discovered among the Archives of Worcester
Cathedral, by Sir T. Phillipps. fol. London, 1838.]
Die beiden hauptsammler angelsächsischer handschriften im sechszehnten
jahrhundert waren Matthew _Parker_, erzbischof von Canterbury, und Sir
Robert _Cotton_. Durch seine hohe geistliche stellung wurde es dem
erzbischofe Parker leicht, die in den klöstern und kirchen gefundenen
alten handschriften seiner eigenen sammlung einzuverleiben. Eben so
glücklich war Cotton bei der sammlung der in den klöstern an
angelsächsischen handschriften gemachten beute, welche in die hände
der antiquare oder einzelner privatpersonen übergegangen war. Matthew
Parker's bibliothek wird jetzt im Corpus Christi College zu Cambridge,
die bibliothek Robert Cotton's im brittischen museum zu London
aufbewahrt. Ausserdem befindet sich eine anzahl handschriftlicher
schätze in angelsächsischer sprache in der berühmten Bodleyana zu
Oxford, in der Universitätsbibliothek zu Cambridge, in den
büchersammlungen einiger Colleges zu Oxford und Cambridge und einigen
privatbibliotheken England's; auf dem festlande existiren einzelne
angelsächsische handschriften in Brüssel, Paris und Vercelli.
Erst zur zeit der englischen reformation wurde die öffentliche
aufmerksamkeit auf die im staube der bibliotheken ruhenden, oder von
curiositätensammlern aufbewahrten angelsächsischen handschriften
gelenkt, weil in ihnen waffen zur bekämpfung der römischen lehren
gesucht und gefunden wurden, denn die alten angelsächsischen theologen
predigten gegen dieselben als damals neu entstehende irrthümer. Auch
hatten die Angelsachsen die heilige schrift theilweise in die
landessprache übersetzt, was die reformatoren begierig benützten und
nachahmten.
Der berühmte John _Foxe_ druckte im jahre 1571 die angelsächsischen
evangelien mit einer englischen übersetzung, nachdem er bereits
früher einige auszüge aus Alfric und dessen ganze homilie gegen die
Transsubstantiation herausgegeben hatte. Im jahre 1623 druckte William
_L'Isle_ Alfric's angelsächsische abhandlung über das alte und neue
testament und dessen »Sermon of the Paschall Lambe,« welche schrift
für so wichtig erachtet wurde, dass fünfzehn englische bischöfe
und erzbischöfe deren ächtheit mit ihrer unterschrift beglaubigt
hatten.[112] Darunter befand sich auch die des erzbischofs Parker,
des grossen beschützers angelsächsischer literatur. In der vorrede
zu der ersten dieser abhandlungen beklagt sich L'Isle bitter über die
vernachlässigung, mit welcher die angelsächsischen schriften behandelt
worden seien; »having,« sagt er, »in our libraries so goodly monuments
of reverend antiquitie, divine handwritings, in so faire and large
character that a man running may read them: we do not make them known
to the world, but let them lie still like a treasure hid to no use, and
even till they be almost forgotten of ourselves.«
[Footnote 112: Der lange titel der ersten ausgabe vom jahre 1566
mit dem namen dieser fünfzehn kirchenfürsten ist angegeben in
Wright's Biog. Brit. Liter. A.S. Period, seite 491.]
L'Isle's bericht von dem umwege, auf welchem er seine kenntniss des
Angelsächsischen erlangt hatte, zeigt uns deutlich, wie wenig bis zu
seiner zeit geschehen war, um das Angelsächsische der vergessenheit zu
entreissen. Er erzählt uns, dass er sich zuerst etwas mit dem Hoch- und
Niederdeutschen bekannt machte. Dann las er zu seiner erholung alles
Altenglische, dessen er habhaft werden konnte, und bemerkte, dass er
dem Angelsächsischen um so näher kam, je älter das Englische war, aber
er fand auch, dass das Angelsächsische je älter, desto grössere
schwierigkeiten bot. Nach einiger zeit las er die übersetzung Virgil's
von Gawin Douglas und setzte sich so allmälig in den stand, die alten
denkmäler der angelsächsischen sprache zu lesen und zu verstehen. Man
sieht aus L'Isle's geständnissen, mit welchen mühseligkeiten im anfange
des siebzehnten jahrhunderts derjenige zu kämpfen hatte, welcher die
verborgenen schätze der angelsächsischen literatur heben wollte. Doch
war der anstoss einmal gegeben, und dasselbe jahrhundert wurde noch
fruchtbar für die angelsächsische sprache. _Hickes_'s Thesaurus (3 vols.
fol. Oxon. 1705) und Institutiones Gram. A.S. (4 Oxon. 1689) werden
stets denkmäler des fleisses und der gelehrsamkeit ihres autors bleiben,
so viele fehler diese werke auch enthalten; _Wheloc_ veranstaltete eine
ausgabe von Alfred's übersetzung des Beda (fol. Cantab. 1644) und der
angelsächsischen gesetze (fol. Camb. 1644), welche 1568 zu London von
_Lambard_ zum ersten male veröffentlicht worden waren; _Junius_ gab
den Caedmon zum ersten male heraus; _Spelman_ veröffentlichte die
angelsächsischen kirchengesetze; _Wanley_ bearbeitete einen catalog der
damals bekannten angelsächsischen handschriften (catalogus librorum
septentrionalium); _Somner_ machte den ersten versuch eines
angelsächsischen wörterbuchs; _Gibson_ liess die angelsächsische chronik
drucken.
Während des achtzehnten jahrhunderts kam das studium des
Angelsächsischen etwas in verfall, obwohl Miss _Elstob_ in den ersten
jahren desselben die angelsächsische homilienliteratur pflegte und
förderte, auch eine grammatik schrieb, und _Wilkins_ eine neue und
vermehrte auflage (fol. Lond. 1721) der angelsächsischen gesetze
veranstaltete, auch die alfred'schen schriften in _Barrington_ und
_Manning_ gegen ende dieses jahrhunderts bearbeiter fanden. Im
neunzehnten jahrhundert wurde die sprache der Angelsachsen auf dem wege
der comparativen grammatik und der geschichtlichen sprachforschung von
dem Dänen _Rask_ und dem deutschen sprachgelehrten Jacob _Grimm_
untersucht und damit der grund zu weiterer wissenschaftlicher
bearbeitung des Angelsächsischen gelegt, auf dem seit den letzten
zwanzig jahren englische und deutsche gelehrte eifrig und erfolgreich
weiter gebaut haben. Rask verglich in seiner grammatik das
Angelsächsische mit dem Isländischen, welches freilich nicht gerade
der am nächsten verwandte dialekt ist, weshalb manche irrthümer
unvermeidlich waren. Trotzdem brach dieses buch dem Studium des
Angelsächsischen in England eine neue bahn. Mehr noch als Rask's
grammatik bewirkte das lehrgebäude der germanischen sprachen von J.
Grimm, welcher eine vergleichung sämmtlicher deutschen dialekte mit
philologischer schärfe und philosophischem sinne durchführte. Erst
diesem buche ist die verhältnissmässig grössere sicherheit und
gründlichkeit des urtheiles über den organismus der angelsächsischen
sprache zu verdanken, welche man bei den neuesten deutschen und
englischen bearbeitern des angelsächsischen sprachschatzes vorfindet,
wie selbst letztere mit anerkennungswerther offenheit eingestehen. Die
auf Rask's und Grimm's arbeiten bauenden sprachforscher in England
nennen sich daher mit recht die »new school« angelsächsischer
philologen. Die anwendung der comparativen grammatik ist bei der
angelsächsischen spräche um so nothwendiger, als die aus verschiedenen
zeiten herrührenden handschriften mit ihrer verschiedenen
rechtschreibung[113] und behandlung der sprache durchaus keinen sichern
halt gewähren. Um nur einen fall anzuführen, sind die accente, welche
offenbar die langen vokale bezeichnen sollen, in den handschriften
theils weggelassen, theils bei einem und demselben worte verschieden
gesetzt, so dass in dieser beziehung die handschriften oft irre leiten,
während die vergleichung der verwandten sprachen gewöhnlich zu
begründeten resultaten führt. Im übrigen muss bemerkt werden, dass die
angelsächsischen philologen England's, denen eine grosse anzahl
handschriften zu gebote stehen, ihren hauptfleiss auf die förderung des
sprachschatzes verwenden und in der neuesten zeit die in England
aufbewahrten manuscripte mit grösserer genauigkeit als in früherer zeit
benützen, während deutsche philologen das von den Engländern zu tage
geförderte erz kritisch sichten und einzelnes zu reinem metall
verarbeitet haben. Wenn indessen die englischen ausgaben
angelsächsischer werke im besten falle das zu grunde gelegte manuscript
getreulich wiedergeben, weshalb bei der sehr verschiedenen orthographie
und grammatik der einzelnen handschriften beinahe jedes in England
aufgelegte angelsächsische buch von den andern in diesen beiden
principien jeder sprache abweicht, haben dagegen die Deutschen, auf
Grimm'schen grundsätzen fussend, eine angelsächsische sprache in ihren
ausgaben geschaffen, wie sie in keinem manuscripte zu finden ist.