Während der langen zeit zwischen dem entstehen der dichtungen und ihrer

aufzeichnung durch die schrift, wurden sie ganz allein dem gedächtniss

anvertraut und so erhalten. Jetzt, wo die schrift an die stelle des

gedächtnisses getreten ist, mag man sich über die kraft und

empfänglichkeit des letzteren ungemein wundern. Der aufzeichner von

Wilfred's lebensbeschreibung, Eddius (vita Wilfred. in Gale's Historiae

Britanniae scriptores XV. fol. Oxon. 1691. Seite 52. 53), erwähnt,

dass Wilfred als jüngling, während seines aufenthaltes im kloster

Lindisfarne, zuerst das psalmbuch nach dem lateinischen texte von

Hieronymus, und dann das ganze noch einmal nach dem römischen text (more

Romanorum juxta quintam editionem) auswendig gelernt habe. Aus William

von Malmsbury (p. 77. Ausg. 1601) geht hervor, dass noch zu seiner zeit

im 12. jahrhundert, als die angelsächsische literatur schon im verfall

war, viele lieder aus alter zeit im munde des volkes lebten. Die

wesentliche folge dieser überlieferung von mund zu mund war, dass die

ursprüngliche form der gedichte sich im laufe der zeit änderte. Wenn die

späteren sänger sie vortrugen, so geschah es natürlich in der sprache,

die sie sprachen und ihre zuhörer am besten verstanden; daher kommt

es, dass die handschriften, welche sie enthalten, in dem herrschenden

westsächsischen dialekte ihrer zeit abgefasst sind, so dass man

eigentlich nicht im stande ist, die allmälige veränderung der lebendigen

sprache bis zu ihrer erstarrung in der schrift stufenweise zu verfolgen.

Ja selbst die ursprüngliche gestalt des inhalts der gesänge konnte durch

auslassungen, zusätze und kleine dem orte und der zeit angepasste

veränderungen wechseln, wie sich dies in der that namentlich an Caedmon

nachweisen lässt.

Noch zu Alfred's zeit mochte das gedächtniss das hauptmittel der

überlieferung der alten gesänge sein. Er selbst wurde schon im frühen

alter angehalten, die dichterischen erzeugnisse seines volkes auswendig

zu lernen (Saxonica poemata diu noctuque solers auditor relatu aliorum

sæpissime audiens docibilis memoriter retinebat. Asser, vita Aelfr. ed.

M. Parker p. 7). Von dem zehnten jahrhundert bis in das zwölfte hinab

erfolgten die meisten aufzeichnungen, wie die vielen aus dieser zeit

herrührenden handschriften beweisen. Eine sichere nachricht über solche

aufzeichnungen findet sich in dem buche de Gestis Herwardi Saxonis

(in einem manuscripte des zwölften jahrhunderts), desselben Hereward,

welcher mit seinen gefährten in den sümpfen von Ely den scharen

Wilhelm's des eroberers lange zeit trotzte. Der anonyme verfasser des

buches erzählt in seiner vorrede, dass er als quelle das werk von

Hereward's priester _Leofric_, editum a Lefrico diacono eiusdem ad Brun

presbitero, benützt habe und fährt dann fort: »Huius enim memorati

presbiteri erat studium, omnes actus gigantum et bellatorum ex fabulis

antiquorum, _aut ex fideli relatione_, ad edificationem audientium

congregare, et ob memoriam Angliæ literis commendare.« Leofric mochte

der Scop Hereward's sein und den muth der sächsischen kämpfer durch

schilderung der heldenthaten ihrer vorväter kräftigen.[56]

[Footnote 56: Vergl. Wright's Introductory Essay zu Biogr. Brit.

Liter. A.S. Period. Seite 15. Ferner desselben Essays on subjects

connected with the Literature, Popular superstitions and History

of England in the Middle Ages. 8. London, 1846. vol. I. Seite 25,

und Essay XIV. Adventures of Hereward the Saxon. vol. II. Seite

91.]

Der poetische ausdruck der alten gesänge beruht auf dem parallelismus

der gedanken, häufigen metaphern und paraphrasen, besonders aber auf

der natürlichen lebendigkeit der schilderung. Die poetische figur des

gleichnisses kommt sehr selten vor. Im ganzen Beowulf findet sich nur

fünfmal eine vergleichung in höchst einfacher form: eines schiffes mit

einem vogel, der augen Grendel's mit feuer, seiner nägel mit stahl, des

lichtes in Grendel's wohnung mit dem sonnenlichte, und des schmelzens

eines schwerdtes mit dem des eises. Sylbenmass giebt es in den

angelsächsischen gedichten nicht, binnen- wie end-reim nur selten.[57]

Beide werden durch eine gewöhnlich doppelte hebung und senkung der

stimme in je zwei durch alliteration verbundenen hemistichen ersetzt,

welche von den englischen herausgebern angelsächsischer poesie in der

regel getrennt als besondere verse, von den deutschen meist in einen

vers zusammen gedruckt werden. In den handschriften sind die gedichte

ununterbrochen gleich prosa geschrieben, jedoch sind die hemistichen

meist durch punkte geschieden, was besonders bei langen versen für die

verstheilung der Engländer spricht.[58] Die alliteration in ihrer

regelmässigen form verlangt, dass in dem ersten hemistich die beiden

tonwörter mit demselben buchstaben beginnen, welcher dann wiederum der

anfangsbuchstabe des ersten tonwortes im zweiten hemistich sein soll.

Jedoch finden sich viele abweichungen von dieser regel, welche auch

durch spätere interpolationen und durch die ungenauigkeit der

abschreiber verletzt worden sein mag. Die alliteration begünstigte, wie

in späteren zeiten der reim, die bewahrung der gedichte im gedächtnisse.

Man kann dieses daraus entnehmen, dass man sie auch in den predigten

benutzte, um dem volke das behalten derselben zu erleichtern. (Vergl.

Thorpe's analecta Anglo-Saxonica seite 74, und Leo's angelsächsische

sprachproben seite 23.)

[Footnote 57: Im Exeter manuscripte (Thorpe's Codex Exoniensis,

seite 352) kommt ein vollständig gereimtes, aber bis jetzt noch

nicht verstandenes gedicht vor, in welchem auch die Alliteration

nicht fehlt. In anderen gedichten werden gereimte verse

stellenweise bemerkt. Allein dieses sind nur ausnahmen von der

regel. Man vergleiche, was J. Grimm in der vorrede (seite XLIII)

zu Andrêas und Elêne über reim und alliteration der

angelsächsischen poesie sagt.]

[Footnote 58: Vergleiche dagegen Grimm's ansicht, dass die

angelsächsischen gedichte in langzeilen von zwei hemistichen zu

fassen seien, in der vorrede (seite LV.) zu Andreas und Elene.]

Das wahrscheinlich älteste denkmal der angelsächsischen vorzeit ist das

epos _Beowulf_, welches der Däne G. J. Thorkelin von dem einzigen, noch

dazu im jahre 1731 bei dem feuer im brittischen museum beschädigten

manuscripte (Cotton. Vitellius A. 15) 1815 zu Kopenhagen zum ersten male

und zwar sehr fehlerhaft herausgab.[59]

[Footnote 59: The Anglo-Saxon Poems of Beowulf, the Traveller's

Song and the battle of Finnesburgh, edited by John M. Kemble. 8.

London. 1833. Second edition, 1835. A Translation of the

Anglo-Saxon Poem of Beowulf, with a copious glossary, preface and

philological notes, by John M. Kemble, 8. London, 1837. Beowulf,

das älteste deutsche, in angelsächsischer mundart erhaltene

heldengedicht nach seinem inhalte und nach seinen historischen und

mythologischen beziehungen betrachtet. Ein beitrag zur geschichte

alter deutscher geisteszustände, von H. Leo. 8. Halle, 1839.

Beowulf, ein heldengedicht des achten jahrhunderts, stabreimend

übersetzt, mit einleitung etc. von L. Ettmüller. 8. Zürich,

1840. Ueber das geschlecht Beowulf's vergleiche: Ueber die

stammtafel der Westsachsen, von Kemble. 8. München, 1836, und

Grimm's recension darüber in den götting. gelehrt. anzeig. d. J.]

Die handschrift scheint aus dem zehnten jahrhundert zu stammen, bis

wohin also das gedicht den mündlichen änderungen der sänger und den

irrthümern der abschreiber unterworfen gewesen ist. Obgleich der

geschichtliche stoff (aus der mitte des fünften jahrhunderts) und dessen

behandlungsweise ersichtlich weit älter sind und in ihren grundlagen von

den Angeln aus ihrer alten heimath nach England gebracht worden sein

mögen, so hat doch dieses epos im laufe der zeit mannigfache

umgestaltungen erlitten, namentlich scheint jede erwähnung der alten

gottheiten der Angeln von den späteren christlichen Barden absichtlich

in dem gedichte vertilgt worden zu sein. Das epos ist mehr mythus als

heldensage, indem es von dem kampfe Beowulf's zu Heorot, dem schlosse

des dänenkönigs Hrothgar, mit zwei mächtigen wassergeistern, Grendel und

dessen mutter, seinem hauptinhalte nach handelt und zum schluss den tod

Beowulf's bei der besiegung eines schätze bewachenden drachen und sein

begräbniss schildert.

Als der todtwunde Beowulf sein ende herannahen fühlt, befiehlt er sein

mal zu errichten (Kemble XXXVIII. v. 5598):

Ne mæg ic her leng wesan;

Hatað Heaðo-mære

Hlæw ge wyrcean,

Beorhtne æfter Bæle,

æt Brimes nosan;

se scel to geMyndum

Minum leodum

Heah Hlifian

on Hrones næsse;

Nicht mag ich hier lang bleiben;

heisset die kriegsberühmten

ein mal aufrichten,

glänzend nach dem leichenbrande

an des (see) randes nase,

welches soll zum gedenken

meinen leuten

hoch emporragen

auf Hronesnæs;

þæt hit sæ-liðend

syððan hatan

Biowulfes Biorh,

ða ðe Brentingas

ofer Floda genipu

Feorran drifað.

dass es die seefahrer

seitdem heissen

Beowulf's berg,

wann die Brentinge

über der fluth dunkel

weithin treiben.

Und so wie Beowulf sein grabmal wünschte, so wird es von den seinigen

hoch an der küste aufgeführt (XLIII. v. 6268):

Him ða geGiredan

Geata leode

ad on eorðan,

unwaclicne,

Helm-beHongen,

Hilde-bordum,

Ihm dann bereiteten

die Geatenmänner

einen scheiterhaufen auf erden

einen mächtigen,

helmbehangenen,

mit kriegsschilden,

Beorhtum Byrnum,

swa he Bena wæs:

alegdon ða to-Middes

Mærne þeoden

Haeleð Hiofende,

Hlaford leofne;

glänzenden panzern,

wie er gewünscht hatte:

es legten dann zu mitten

den berühmten führer

die trauernden helden,

den geliebten herrn;

ongunnon þa on Beorge

Bæl-fyra mæst

Wigend Weccan:

Wu[du-r]ec astah

sweart of swic-ðole,

swogende [g]let

begannen dann auf dem berge

den mächtigsten leichenbrand

wetteifernd zu wecken:

der holzrauch stieg auf,

schwarz vom holzverzehrer,

rauschende gluth,

[Woþe] beWunden,

Wind-blond gelæg

oð þæt he ða Ban-hus

geBrocen hæfd[e],

Hat on Hreðre;

Higum unrote

Mod-ceare Mændon

Mon-dryhtnes [cwealm].

mit wehklagen umwunden,

windwirbel lag (darauf),

bis dass er das beinhaus

gebrochen hatte,

heiss auf der brust;

in den seelen bekümmert,

im gemüth besorgt betrauerten (sie)

des mannherrn tod.

Hier ist die handschrift lückenhaft. Der schluss des ganzen gedichtes,

welcher das aufrichten des Beowulfmals schildert, möge hier nach der von

Leo gegebenen übersicht des inhaltes einen platz finden; er enthält die

alten heidnischen gebräuche bei der todtenbestattung.

»Da machte das Wedervolk einen todtenhügel, einen hohen und breiten,

den die seefahrer leicht von weitem sehen konnten; und in zehn tagen

zimmerten sie auf des kriegsberühmten zeichen (becn); mit einem walle

umgaben sie es, wie die klügsten es als die ehrenvollste weise

angaben. Sie thaten in den todtenhügel ringe und glänzende

siegelsteine, aller art rüstzeug, wie es die wildsinnigen männer

vorher aus dem schatze genommen hatten; sie liessen die erde halten

der edlen zierden, den kies das gold--da liegt es nun noch unnütz wie

sonst. Dann ritten um den leichenhügel kampfthiere, edelinge, es waren

deren zwölf; sie sprachen und sangen zu seinem preise; sie

durchforschten seine edlen eigenschaften, priesen seine heldenthaten,

wie es recht ist, dass männer ihren holden herrn mit worten loben,

wenn er fort muss aus der leibesumhüllung. So betrauerten die

stammhäupter der Geaten ihren theuern herrn, seine heerdgenossen; sie

sagten, dass von allen königen der welt er der freigebigste gewesen

und freundlichste; dem volke der mildeste und nach edlem begierig.«

In das hauptthema Beowulf's sind acht zum theil längere episoden

eingeflochten. Die dritte und schönste (XVI. XVII. v. 2119-2317), welche

ein Scóp bei dem festmahle nach Grendel's besiegung vorträgt, der kampf

Hengest's und Hnæf's gegen den Friesen Finn und die eroberung und

endliche zerstörung der Finn's burg,[60] ist bruchstückweise in einer

andern bearbeitung auf uns gekommen, welche Kemble in seiner ausgabe des

Beowulf seite 238-241 mittheilt. Auch der stoff und die erste grundlage

dieses gedichtes ist, wie es scheint, von den Angeln von ihren

ursprünglichen sitzen nach England verpflanzt worden.

[Footnote 60: In Leo's alt- und angelsächsischen sprachproben,

seite 88-92, und nochmals in dessen Beowulf mit deutscher

übersetzung seite 79-88 besonders abgedruckt.]

Ein anderes, sehr altes gedicht ist der Traveller's Song, nach dem

anfange desselben auch _Scopes widsith_, sängers weitfahrt, sängers

reise genannt. Dieses gedicht befindet sich in der berühmten Exeter

handschrift[61] aufbewahrt und ist öfters gedruckt worden (in

Conybeare's Illustrations of Anglo-Saxon Poetry, Kemble's Beowulf,

Guest's History of English Rythms und Leo's altsächsischen und

angelsächsischen sprachproben) und daher sehr bekannt, obwohl sein

inhalt dunkel und offenbar durch viele interpolationen entstellt ist.

Das einschieben vieler völkernamen lässt das gedicht nicht mehr als eine

schilderung der sängerfahrt erkennen, sondern macht es eher zu einer

zusammenstellung der in den damaligen poetischen volkssagen vorkommenden

helden- und völkernamen, aus welcher sich die ursprüngliche fassung

schwer abscheiden lässt. Diese selbst mag sehr alt sein und in die zeit,

wo die Angeln noch auf dem festlande lebten, hineinragen. Leo (in seinen

alt- und angelsächsischen sprachproben s. 75) sagt über den Traveller's

Song:

»In dem gedicht sind zwei ostdeutsche und zwei norddeutsche

heldenkreise, von denen jene um 200 jahre aus einander liegen,

verschmolzen. Eormanrîk (Hermanarich) der ostgothenkönig mit den

gothenhelden bildet den einen kreis, der auch von deutschen

heldensagen vielfach berührt wird. Der zweite ist der Älfvynes

(Alboins), des sohnes Eádvynes (Audoins). Beide sind verknüpft durch

Ealhhilden, die tochter Eádvynes, die (wie es scheint) fürstin der

Myrgingen (wohl Eadgil's gemahlin) geworden ist, und welche als

friedenswerberin den sänger zu Eormanrîk begleitet. Ein dritter

berührter kreis ist der der Kûtrûn, denn Hagena (Hagen) und Henden

(Heþin), so wie Wâda (Wâte) werden erwähnt; ein vierter ist der des

Beówulf, dem Fin Folcvalding und Hrôdvulf (Rudolf) und Hrôdgâr

(Rüdiger) angehören. Diese vier epischen kreise mussten offenbar dem

sänger schon ihrer historischen grundlage nach in solcher entfernung

stehen, dass er bei seinen zuhörern eine chronologische scheidung

nicht zu fürchten brauchte; sie waren alle schon sagenhaft; weshalb

das gedicht nicht wohl früher als etwa 100 jahre nach Alboin--also

nicht vor den letzten zeiten des 7. jahrhunderts verfasst sein kann;

vielleicht aber auch später, denn dass die andern sagenkreise im volke

fortlebten, ist bekannt, und dass im 8. jahrhundert noch, wie in

diesem gedicht, Alboin bei Altsachsen und Baiern gefeiert wurde, sagt

Paulus Diaconus. Dass diese epischen stoffe bei den Angelsachsen erst

nach ihrer bekehrung zum christenthum, jedenfalls also erst im 7.

jahrhundert, so verbunden wurden, macht auch die einmischung der

Meder, Perser, Griechen, Idumäer, Hebräer u.s.w. wahrscheinlich. Doch

geben wir auch diese späteren elemente und einmischungen alle zu, so

bleibt immer noch ein bedeutender stoff übrig, der nur alten an das 4.

jahrhundert hinaufreichenden liedern und heldensagen entnommen und zum

theil nicht durch spätere landes- und stammkenntniss corrigirt sein

kann, sondern so wie er ist von den Angeln mit nach England genommen

sein muss.«

Leo hat seinen abdruck des gedichtes aus Kemble's zweiter ausgabe des

Beowulf mit dankenswerthen bemerkungen versehen, welche in das dunkel

einiges licht tragen. Eben so Ettmüller, welcher dem gedichte eine

besondere bearbeitung gewidmet hat.[62]

[Footnote 61: Dieselbe ist im druck erschienen unter dem titel:

Codex Exoniensis. A Collection of Anglo-Saxon Poetry, from a

manuscript in the library of the Dean and Chapter of Exeter, with

an English Translation, Notes, and Indexes, by B. Thorpe. 8.

London 1842 (published for the Society of Antiquaries of London).

Dieses manuscript wurde der bibliothek des domes zu Exeter von

Leofric, welcher im jahre 1046 als erster bischof nach Exeter kam,

geschenkt. Dasselbe ist auf pergament in folio in einer schönen

hand des zehnten jahrhunderts geschrieben, jedoch fehlen zu

anfang, in der mitte und am ende einige blätter, und die schrift

ist gegen das ende an vielen stellen unleserlich. (Siehe vorrede

des herausgebers.)]

[Footnote 62: Recensionen der Leo'schen sprachproben von L.

Ettmüller in der allg. hall. literaturzeitung 1838, von

Lappenberg in den berlin. jahrbüchern für wissensch. kritik.

August 1838. Vergleiche hiermit fehlerverbesserungen zu den alt-

und angelsächs. sprachproben in der vorrede zu Beowulf etc. von

Leo. 8. Halle 1839. Eine besondere ausgabe des Traveller's

Song's unter dem titel: Scopes vidsið, sängers weitfahrt, mit

umfassender erklärung hat L. Ettmüller, Zürich 1839,

veranstaltet.]

Der schluss des gedichtes lautet:

[63]Swa Scriþende

geSceapum hweorfað

Gleomen Gumena

geond Grunda fela,

Þearfe secgað,

Þoncword spreccað,

So schreitend

mit liedern wandern

die sänger der menschen

über viele länder,

bedürfniss sagen,

dankwort sprechen (sie)

Simle Suð oþþe norð,

Sumne gemelað

Gydda Gleawne,

Geofum unhneawne,

se þe fore Duguþe wile

Dom aræran,

immer süd oder nord,

(wenn) einem sie begegnen

liedeskundigen,

gaben-unkargen,

der vor dem adel will

herrschaft aufrichten,

Eorlscipe æfnan,

oþþæt Eal scageð

Leoht and Lif somod.

Lof se gewyrceð

Hafað under Heofonum

Heahfæstne dom.

würde zeigen,

bis alles schüttert

licht und leben zusammen.

Lob wer erwirkt,

hat unter dem himmel

hochfeste herrschaft.

[Footnote 63: Das Angelsächsische aus dem Codex Exoniensis, seite

326. 327.]

Endlich gehört zu den bekannten epischen gedichten, welche der

volkspoesie angehören, noch eine romantische schilderung des todes des

aldermannes Byrhtnoth, welche ihren stoff aus der wirklichen geschichte

geschöpft hat. Im jahre 991 fand der held des gedichtes im kampfe gegen

die Dänen den tod, und der ursprung des gesanges dürfte nicht später zu

setzen sein, indem der rühmliche tod eines edlen gleichzeitigen sängern

hinreichende veranlassung zu einem liede sein mochte. Anfang und ende

des gedichtes fehlen. Das Ms. (ehemals Cotton. Otho, A. 12) ist

verbrannt. Es findet sich abgedruckt in W. Conybeare's Illustrations of

Anglo-Saxon Poetry, seite 173-183, und Thorpe's Analecta Anglo-Saxonica,

seite 121.

An diese alten volksthümlichen epischen sagen und gesänge schliesset

sich ein anderer cyclus von epischen gedichten, welcher auf den mit dem

christenthume überkommenen vorstellungen und geschichtlichen stoffen

ruht.

Die einführung des christenthums eröffnete den Sachsen ein neues feld

der dichtkunst, welches auch alsbald eifrig angebaut wurde. Die sänger

vertauschten nun ihre alten sagenkreise mit den erzählungen des alten

und neuen testamentes, oder mit christlichen legenden und fanden eifrige

hörer. Dabei blieben aber die worte und ausdrucksweise fast dieselben;

man änderte nur den stoff.

Der hauptträger der neuen religiösen poesie ist _Caedmon_, der mönch

von Whitby, wie er gewöhnlich genannt wird. Nach Beda's ausspruch waren

Caedmon's verse von besonderer schönheit und blieben unerreicht von

andern dichtern (Bedæ Hist. eccl. IV, 24: »et quidem et alii post illum

in gente Anglorum religiosa poemata facere tentabant, sed nullus eum

æquiparare potuit«). Dieser umstand mag veranlassung zur erfindung der

mit dem namen Caedmon verknüpften legende gewesen sein, wonach derselbe

auf ungewöhnliche weise die gabe der dichtkunst empfangen haben soll.

Es wäre auch möglich, dass Caedmon der erste gewesen wäre, welcher

religiöse dichtungen gesungen hätte, so dass man bei ihm eine besondere

göttliche eingebung voraussetzen mochte. Wie dies immer sein möge, so

viel ist gewiss, dass die zeit zwischen Caedmon (gest. 680) und Beda

(gest. 735) der hervorbringung religiöser poesie ganz besonders günstig

war. Beda selbst war (doctissimus in nostris carminibus) in der

religiösen poesie der Angelsachsen bewandert.

Die Caedmon-legende, der eine geschichtliche[64] grundlage nicht

abgesprochen werden soll, wird von Beda in seiner kirchengeschichte

(IV, 24) erzählt, wonach ein ehemaliger viehhirt, in der nähe des

klosters von Whitby in der mitte des siebenten jahrhunderts lebend, die

gabe des gesanges im schlafe vom himmel (divinitus) erhalten haben soll.

[Footnote 64: Das geschichtliche in Beda's werke dürfte in

folgenden worten zu finden sein: »In huius monasterio Abbatissae

(Hilda zu Whitby) fuit frater quidam divina gratia specialiter

insignis, quia carmina religioni et pietati apta facere solebat,

ita ut quicquid ex divinis literis per interpretes disceret, hoc

ipse post pusillum verbis poeticis maxima suavitate et

compunctione compositis in sua, i.e. Anglorum lingua proferret....

Canebat autem de creatione mundi et origine humani generis et tota

Genesis historia: de egressu Israel ex Aegypto et ingressu in

terram repromissionis, de aliis plurimis sacræ scripturæ

historiis, de incarnatione dominica, passione, resurrectione et

ascensione in coelum, de spiritus sancti adventu et apostolorum

doctrina, item de terrore futuri judicii et horrore poenæ

gehennalis ac dulcedine regni coelestis multa carmina faciebat.«]

Erzbischof Usher kam im anfange des siebzehnten jahrhunderts in den

besitz einer angelsächsischen handschrift aus dem zehnten jahrhundert,

deren inhalt in vieler beziehung mit Beda's angabe der von Caedmon

behandelten stoffe übereinstimmte. Junius, welcher diese handschrift

von Usher empfing, gab dieselbe im jahre 1655 unter Caedmon's[65]

namen heraus. Gegenwärtig befindet sich das Ms. in der bodleyanischen

bibliothek zu Oxford in einem sehr mangelhaften zustande, indem sogar

einzelne blätter herausgeschnitten worden sind. Es zerfällt in zwei

theile, von denen der erste ursprünglich fünf und fünfzig abschnitte

enthielt, erscheint gegenwärtig aber unvollständig; die behandelten

stoffe sind aus dem alten testamente entlehnt. Der zweite theil, in

einer jüngeren und nachlässigeren hand geschrieben, umfasst jetzt noch

elf abschnitte, welche hauptsächlich die höllenfahrt Christi und dessen

sieg über den teufel betreffen.[66] Im jahre 1832 gab Thorpe diese

dichtungen von neuem unter Caedmon's[67] namen heraus, wodurch sie der

kritik zugänglicher wurden. Schon Hickes und später Conybeare hatten auf

die verschiedenheit der einzelnen abschnitte in der sprache, auf die

völlige zusammenhangslosigkeit des ganzen aufmerksam gemacht, und in

neuester zeit ist man ziemlich darüber einverstanden, dass die unter

Caedmon's namen gehenden gedichte, so wie sie sind, nicht von Caedmon

herrühren.[68] Vielleicht mag ihm keines in der ganzen sammlung, oder

doch nur in der überarbeitung eines späteren angelsächsischen dichters

angehören. Sagt doch schon Beda, dass viele den von Caedmon zuerst

betretenen weg, die heiligen Schriften poetisch zu paraphrasiren,

nach ihm gewandelt sind; auch besitzen wir noch eine anzahl ähnlicher

dichtungen, obwohl einige in der »Caedmon's« sammlung die schönsten und

besten der ganzen gattung sind und einen schwung zeigen, dass man zu

glauben versucht wird, Milton müsse sie gekannt haben, ehe er sein

Paradise Lost dichtete, in welchem ähnliche stoffe behandelt sind.[69]

[Footnote 65: Caedmonis Monachi Paraphrasis Poetica Geneseos

ac præcipuarum sacræ paginæ historiarum, abhinc annos MLXX

Anglo-Saxonice conscripta, et nunc primum edita a Francisco Junio,

Amst. 1655.]

[Footnote 66: Eine ausführliche inhaltsangabe der handschrift

mit proben im »jahresbericht über das gymnasium zu Elberfeld«

1845, von K. W. Bouterwek.]

[Footnote 67: Caedmon's Metrical Paraphrase of Parts of the Holy

scriptures, in Anglo-Saxon, with an English translation, notes

and a verbal index, by B. Thorpe. 8. London 1832. Caedmon's

des Angelsachsen biblische dichtungen. Herausgegeben von K. W.

Bouterwek (Abth. I. Text. 1849. Abth. II. Glossar. 1851). 8.

Elberfeld. Dem ersten bande ist ein facsimile der beiderlei

handschriften des oxforder codex beigegeben. (Vergl. seite 164.)]

[Footnote 68: Auch Ettmüller ist dieser meinung. Siehe sein

handbuch der deutschen literaturgeschichte. Leipzig 1847. Seite

135 u.f. Dagegen giebt Th. Wright in seinem Introductory Essay

seite 22-24 die autorschaft Caedmon's nicht auf, obwohl er eine

gänzliche umänderung der gedichte in sprache und form annimmt,

was einer verneinung der autorschaft Caedmon's fast

gleichsteht.]

[Footnote 69: Zu vergleichen hierüber Sharon Turner's History of

the A.S. Vol. III, Book IX, chap. 3. seite 186 der pariser ausgabe

von Baudry.]

Der anfang Caedmon's lautet:

[70]Us is Riht micel,

þæt ve Rodera veard,

Vereda Vuldorcining,

Vordum herigen,

Môdum lufien.

He is Mægna spêd,

Geschichte der Englischen Sprache und Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst · 第 5 / 21 段