fremder stämme, deren physiognomie und sprache eine auffallende
verschiedenheit gezeigt haben muss. In der römischen sprache lag ihr
hauptverbindungsmittel. Die notitia imperii giebt eine liste von den
besatzungen der südöstlichen und östlichen küsten, welche den einfällen
der Sachsen, so wie der nördlichen grenzen Britannien's, welche den
raubzügen der Picten und Scoten unterworfen waren. So standen z.b. zu
Othona (später Yttanceaster in Essex) Fortensier aus Fortia in
Sarmatien, zu Dubrae (Dover) Tungrier[26] aus Tongern im Lüttichschen,
zu Portus Lemanis (Lymne) Gallier aus Tornacum oder Tournay, zu Anderida
(Pevensey) Abulcen aus Spanien, zu Regulbium (Reculver) Betasier aus dem
belgischen Gallien, u.s.w. An der nordgrenze waren die racen in den
besatzungen noch gemischter; es finden sich darunter Belgier, Asturier,
Gallier, Dalmatier, Dacier, Thracier und sogar Afrikaner. Unter den
besatzungen im inneren des landes kommen besonders Bataver, Friesen,
Germanen vom Rhein, aber auch andere stämme vor. Diese besatzungen
wurden wenig gewechselt; inschriften auf altären und grabsteinen, welche
an den stationsplätzen gefunden worden sind, zeigen uns, dass die
truppen von einer frühen zeit der römischen eroberung dort gleichsam
ansässig waren, denn es finden sich denkmäler, welche von dem oder den
erben des oder der verstorbenen gesetzt worden sind, ein beweis, dass
die militairischen colonisten eigenthümer des landes waren. Da nun
solche besatzungen ohne zweifel mit ihrem mutterlande in verbindung
standen und erforderlichen falles recruten von dort bezogen, so mussten
die städte, wo sie sich aufhielten, einen bestimmten volkscharakter
erhalten, obwohl mit der zeit modificirt durch römische civilisation,
römisches gesetz, römische verfassung und durch den offiziellen gebrauch
der römischen sprache, in welcher die muttersprache allmälig aufging,
jedoch nicht ohne wiederum jene wesentlich nach aussprache,
beugungsfähigkeit und satzbildung zu verändern. Dieses letztere geschah
überall, we die Römer eine längere, ununterbrochene herrschaft ausübten,
besonders aber in Italien, Gallien und Spanien, we die römische sprache
sich im laufe der zeit in die verschiedenen romanischen mundarten
umwandelte, welche allmälig auch als schriftsprachen benützt wurden. Wie
weit dieses in Britannien der fall war, welches, bei seiner insularen
abgeschlossenheit weiter von Rom entfernt war und später den römischen
eroberungen beigefügt wurde, als die übrigen provinzen, lässt sich nicht
mehr mit sicherheit bestimmen; aus dem umstande aber, dass die
germanischen eroberer die römische cultur theilweise, und die römische
sprache als volkssprache gänzlich verdrängten, während in Italien,
Gallien und Spanien wenigstens letztere stark genug war, um die sprache
ihrer germanischen sieger zu verwischen, lässt sich schliessen, dass das
römische Sprachelement in Britannien mindere gewalt und tiefe besessen
habe und namentlich in der letzten zeit der Römerherrschaft bedeutend
geschwächt und von dem germanischen an mehreren orten verdrängt oder
angegriffen worden sei. Aus dem heutigen Englisch lassen sich nur die
worte Chester (cester), street und coln (Lin-coln) mit sicherheit auf
die Zeit der Römerherrschaft, nämlich, auf die Wörter castrum, strata
(via), colonia zurückführen.
[Footnote 26: Tungrier standen als besatzung an mehreren orten in
Britannien. Sie waren Deutsche, welche zu Cäsar's zeit unter
dem namen Aduatuci bekannt und mit anderen Deutschen, den stammen
der Condrusi, Eburones, Cæræsi, Pæmani und Segni, noch vor
Cäsar unter die keltische bevölkerung Belgien's eingedrungen
waren. Cæs. de bell. Gall. II, 4. und Mannert geogr. der Griechen
und Römer II, 1. p. 199.]
Die keltische bevölkerung Britannien's war ohne zweifel während der
Römerzeit in die tiefste abhängigkeit und unterthänigkeit herabgedrückt
worden. Ihre waffenfähige mannschaft wurde ausgehoben und in andere
theile des grossen reiches geschickt, um die schlachten der Römer zu
schlagen und ihre herrschaft an den entgegengesetzten grenzen befestigen
zu helfen. In den städten mit römischen besatzungen konnte eine
keltische bevölkerung nicht aufkommen, daher es mehr als wahrscheinlich
ist, dass besonders im osten und südosten von Britannien Kelten und
keltische sprache nur noch auf dem lande aufgefunden wurden, während
sich im westen und norden die wilden keltischen bewohner
zusammendrängten und im fortwährenden kampfe mit den Römern und ihren
von diesen unterjochten stammesgenossen befanden. Dort, besonders im
westen, war es auch, wo sich bei den Kelten nach wahrscheinlich von der
Bretagne aus erfolgter einführung christlicher gesittung die ersten
spuren von staatenbildung und eigener cultur zeigten, welche seit der
vernichtung der Druiden unter fortwährenden kämpfen und plünderungszügen
verschwunden war. Dort entstand, auf alte überlieferungen gegründet,
zuerst wieder eine eigene keltische literatur, welche sich zum theil bis
in die neueste zeit erhalten hat.
+III. Die Germanen.[27]+
Die zeit, welche dem aufgeben der römischen provinz folgte, und in
welche die aufrichtung der angelsächsischen herrschaft fällt, ist in
grosse dunkelheit gehüllt, die nur durch spärliche lichter von zeit zu
zeit vorübergehend erhellt wird. Die brittischen städte waren bei ihrer
der römischen nachgebildeten verfassung eben so viele kleine, für sich
bestehende staaten, welche sich selbst verwalteten und regierten[28],
während die nunmehr abgesetzte römische provincialverwaltung nur für die
erhebung der steuern, eine geordnete rechtspflege und das allgemeine
beste der provinz sorgte, und die ebenfalls verschwundene römische
militairherrschaft dieselbe gegen äussere feinde beschützte und im
innern zusammenhielt. Die romanisirte einwohnerschaft der städte hatte
sich im laufe der jahre aus sich selbst und besonders durch neue
ankömmlinge von dem festlande verstärkt. In den letzten jahren der
römischen herrschaft war dieser zuschuss neuer einwohner der städte
hauptsächlich aus Deutschland geflossen, so dass deutsches blut in den
adern eines starken bruchtheiles der städtebevölkerung strömte, als
Honorius die civitates Britanniae sich selbst überliess. Schon seit
einem Jahrhundert hatten die bewohner der nördlichen küsten
Deutschlands, welche man unter dem namen Sachsen begriff, wahrscheinlich
auch die verwandten stamme der anstossenden jütischen halbinsel raub-
und beutezüge nach den zunächst liegenden küsten Britannien's
unternommen, welche endlich zu bleibenden niederlassungen auf jenem
theile der östlichen küste führten, welcher schon zu den zeiten der
Römer litus saxonicum hiess und mit diesem namen auf eine sächsische
bevölkerung schliessen lässt. Nach neuen einwanderungen dehnte sich auch
die germanische bevölkerung von osten nach westen weiter aus und drang,
sei es auf feindlichem, oder auf friedlichem wege, in die römischen
städte, wo sie sich mit den romanisirten einwohnern vermischte. Dieses
zusammenleben der Romanen und Germanen in manchen städten lässt sich
z.b. dadurch beweisen, dass zu Canterbury, Colchester, Rochester und an
ändern orten römische und sächsische gräber untermischt auf dem
nämlichen beerdigungsplatze gefunden worden sind. Kurz, es erscheint
sicher, dass die germanische bevölkerung im südosten der ehemaligen
römischen provinz bereits das übergewicht gewonnen hatte, ehe die
grossen einwanderungen der Sachsen und Angeln in späterer zeit statt
fanden, und dass sie es war, welche nach dem wegzuge der römischen
legionen dem weiteren vordringen und ferneren verwüstungen der Picten
und Scoten im norden, und der Cymren und Cornen im westen England's
einen damm entgegenstellte.
[Footnote 27: Sharon Turner's vorzügliches werk The History of
the Anglo-Saxons ist trotz aller neueren forschungen immer noch
unübertroffen und für denjenigen, welchem die handschriften
nicht zu gebote stehen, die hauptquelle für die kulturgeschichte
der in Britannien eingedrungenen Angelsachsen.]
[Footnote 28: Daher wandte sich auch Honorius im jahre 410 an die
»_städte_« Britannien's, als die einzigen staatlichen
organisationen, welche nach dem aufgeben der römischen herrschaft
in Britannien noch vorhanden und lebenskräftig waren. Ausser
vielen andern örtern gab es nach Richard solcher städte
(civitates) mit ihren districten drei und dreissig in Britannien,
darunter zwei municipia, Verolamium und Eburacum, neun coloniae,
darunter Londinium und Camulodunum, zehn städte mit lateinischem
rechte und zwölf tributäre städte (stipendiariae). Vergl. The
History of the A.S. Vol. I. Book II. ch. 8.]
Diese Picten und Scoten, so wie die mit den wilden Iren verbundenen
Kelten im westen Britannien's hatten zu der zeit des untergangs der
römischen herrschaft und in der zunächst darauf folgenden ihre einfälle
mit solchem glücke wiederholt, dass nur wenige städte im norden
Britannien's ihre zerstörungs- und plünderungswuth nicht erfahren
hatten; ebenso waren sämmtliche städte an der grenze von Wales nördlich
von Gloucester noch vor der massenweisen ankunft der Sachsen zerstört
worden. Die furcht vor den anstürmenden barbarenhorden erklärt es, dass
die mannhaften und krieggeübten Germanen von den noch verschonten
römischen städten im süden und osten nicht mehr als feinde betrachtet,
sondern als befreier und beschützer begrüsst wurden, obwohl die städte
diesen schutz mit dem opfer ihrer unabhängigkeit und zum grossen theil
mit dem Verluste römischer bildung bezahlen mussten.
Nur ein einziger beinahe gleichzeitiger schriftsteller enthält eine
nachricht von dem übergange Britaimien's in die hände der Sachsen; es
findet sich dieselbe in der ungefähr um das jahr 455 geschriebenen
chronik des Prosper von Aquitanien, welcher erzählt, dass im achtzehnten
jahre der regierung des kaisers Theodosius des jüngeren (441) Britannien
nach vielen kämpfen und ereignissen (variis cladibus eventibusque) in
die gewalt der Sachsen gekommen sei. Spätere Schriftsteller geben einen
anderen bericht. Nach der mit vielen fabeln vermischten erzählung des
Gildas soll Maximus nicht bloss die römischen truppen, sondern auch alle
waffenfähigen eingeborenen aus Britannien geführt haben, so dass das
land in einem zustande gänzlicher hilflosigkeit den raubzügen der Picten
und Scoten preis gegeben gewesen sei. In dieser noth hätten die
bedrängten einwohner von Britannien sich nach Rom gewendet und um hilfe
gebeten, welche ihnen auch durch eine hingesandte legion zu theil
geworden sei. Ehe diese legion Britannien wieder verlassen habe, seien
die Britten bei der errichtung eines erdwalles (des Antonin's walles)
quer über das land als einer schutzwehr gegen die barbaren von den
römischen soldaten unterstützt worden. Kaum aber hatten die Römer die
insel verlassen, fährt Gildas fort, als auch die nördlichen feinde den
wall wieder überstiegen und ihre plünderzüge von neuem begannen. Noch
einmal liessen sich die Römer durch das flehen der Britten bewegen,
hilfe zu senden. Die römischen Soldaten bauten nach dem siege über die
barbaren eine steinerne mauer (Hadrian's) von see zu see und errichteten
längs der südöstlichen küste mehrere forts. Nach der entfernung der
Römer überstiegen die barbaren auch diese maner, zerstörten die städte
und mordeten die einwohner. In ihrer verzweiflung wendeten sich die
Britten zum dritten male nach Rom, allein vergeblich, da Rom keine
legionen mehr zu versenden hatte, und die Britten blieben den raub- und
mordzügen der barbaren und der hungersnoth ausgesetzt. Nachdem die
Britten sich von diesen leiden einigermassen erholt hatten, machten sie
sich könige, welche im lande mit grausamkeit herrschten. Endlich fielen
die Picten und Scoten nochmals in das land, und jetzt riefen die Britten
unter ihrem tyrannen Gurthrigern (Vortiger) die Sachsen zu hilfe. Diese
kamen und vertrieben die Picten und Scoten, wurden aber hierauf selbst
schlimmere tyrannen, als die verjagten barbaren, weshalb die Britten
unter Ambrosius Aurelianus »dem einzig übriggebliebenen Römer« gegen die
Sachsen aufstanden. Die Sachsen blieben jedoch nach einem langen kampfe
sieger.[29] So Gildas. Beda in seiner kirchengeschichte hat sich der
erzählung des Gildas angeschlossen, fügt jedoch einzelnes aus der
üerlieferung und vorhandenen quellen hinzu. Er berichtet, dass die
germanischen einwanderer unter Hengist und Horsa im jahre 449 ankamen,
und dass ihnen die halbinsel Thanet zur niederlassung überwiesen wurde.
Bald darauf veranlassten die ersten ankömmlinge ihre freunde und
stammverwandten zur nachfolge. Diese kamen: Jüten,[30] Sachsen und
Angeln. Die Jüten liessen sich in Kent und auf der insel Wight, die
Sachsen in Wessex, Essex, Middlesex und Sussex, die Angeln in Ostangeln,
Mittelangeln oder Mercia und im ganzen norden nieder.
[Footnote 29: Eine zurückführung dieser fabelhaften geschichte,
worin Gurthrigern wahrscheinlich mit dem Römer Gerontius
verwechselt wird, auf historische thatsachen findet sich in Sharon
Turner's Hist. of the Anglo-Saxons. Vol. I. Book II. chap. 7.]
[Footnote 30: Die jütische niederlassung in Kent und Wight, welche
die früheste der germanischen stämme gewesen sein soll, ist
indessen sehr angezweifelt worden, obwohl Beda und nach ihm die
sachsenchronik ausdrücklich von den Jüten in Kent sprechen:
»Of Iotum comon Cantware and Wihtware, thæt is seo mæiadh, the
nu eardath on Wiht, and thæt cynn on West-Seaxum dhe man gyt hæt
Jutnacynn,« (von den Jüten kamen die Kentmänner und
Wightmänner, das ist der stamm, welcher jetzt auf Wight wohnt,
und das volk unter den Westsachsen, welches man noch Jütenvolk
heisst.) Alfred giebt diese stelle also: »comon hi of thrym
folcum tham strangestan Germanie, thæt of Seaxum, and of Angle,
and of Geatum. Of Geatum fruman sindon Cantware and Wihtsætan,
thæt is seo theod so Wiht thæt ealond oneardadh« (sie kamen
von drei Völkern, den stärksten Deutschland's, dem der
Sachsen, und der Angeln, und der Geaten [Gothen -- Jüten]. Von
den Geaten stammen die Kentmänner und Wightsassen, d.h. das volk,
welches die insel Wight bewohnt). Nach der gegenseitigen stellung
der drei stämme in ihren ursprünglichen sitzen zu schliessen,
welchen ihre späteren in England zu entsprechen scheinen,
müssten die ansiedler der südöstlichsten spitze von England
eher von der gegenüberliegenden küste Friesland's als aus
Jütland gekommen sein. Und die chronik Maerlant's spricht in
der that von Hengist:
Een hiet Engistus een Vriese, een sas,
Die uten lande verdreven was.
Einer hiess Hengist ein Friese, ein Sachs,
der aus dem lande vertrieben ward.]
Dass nach der erzählung Beda's die einwanderung der Sachsen im süden vor
der besetzung des nordens durch Angeln genannt wird, mag seinen grund
darin haben, dass Beda seine geschichte gerade auf die kentischen
überlieferungen gründete. Es ist aber, wie schon angeführt, weit
wahrscheinlicher, dass die nördlicheren theile Britannien's schon früher
von Germanen besetzt wurden; denn als die Angeln zuerst in der
englischen geschichte auftreten, befinden sie sich schon längst im
ungestörten besitze alles landes zwischen dem Humber und dem Antonin's
wall, welches in zwei königreiche, Bernicia und Deira, getheilt war. Die
Angeln mochten von denjenigen nördlichen städten, welche noch nicht von
den Picten und Scoten zerstört waren, in den letzten zeiten der
römischen schwäche zu ihrem schutz herbeigerufen worden sein. Die
wichtigsten dieser städte, Eburacum (Eoforvic, York), Pons Aelii
(Munuces-ceaster, New-Castle) scheinen friedlich oder durch vertrag in
die hände der Angeln gekommen zu sein; die meisten städte in
Northumberland und in dem schottischen niederlande lagen indessen in
trümmern.
Die in Wessex entstandene sächsische chronik, welche freilich aus viel
späterer zeit herrührt, enthält die ersten nachrichten von den kämpfen
der Sachsen mit den von ihnen beeinträchtigten Britten, den romanisirten
städten sowohl, als den keltischen häuptlingen im norden und westen
(Arthur).[31] Diese berichte sind wahrscheinlich auf alte
überlieferungen, sagen und gedichte der Sachsen gegründet. Vieles gehört
offenbar der romantik an; die alten eigennamen, Hengist und Horsa nicht
ausgeschlossen, mögen wenig geschichtlich sein. Die sächsische chronik
lässt Hengist und Horsa im jahre 449 landen und das königreich Kent
gründen, dessen hauptstadt das alte Durovernum unter dem namen
Cantwara-byrig (Canterbury), Kentmännerburg, wurde. Im jahre 477,
erzählt die sächsische chronik weiter, landeten die Sachsen unter Ella
und seinen drei söhnen an der südlichen küste; 491 erhielten sie
verstärkungen von dem festlande und belagerten, eroberten und zerstörten
die stadt Anderida (Andredes-ceaster), worauf sie das königreich Sussex
gründeten. Im jahre 495 kamen Sachsen unter Cerdic und dessen sohne an
die küste von Hampshire; nachdem sie mehrfache verstärkungen später
anlangender stammesgenossen an sich gezogen hatten, machten sie nach
längeren, bis 527 andauernden kämpfen die alte stadt Venta unter dem
namen Wintan-ceaster (Winchester) zur hauptstadt von Wessex, entrissen
auch den Jüten die insel Wight. Cerdic's sohn, Cynric, und enkel,
Ceawlin, setzten die eroberungen der Westsachsen fort, bemächtigten sich
der wichtigsten städte der heutigen grafschaften Bedford, Buckingham und
Oxford und drangen bis an die grenzen von Wales vor, indem sie die drei
grossen römischen städte Glevum (Glev-ceaster, Gleow-ceaster,
Gloucester), Corinium (Cyren-ceaster, Cirencester) und Aquae solis
(Bathan-ceaster, Bath) besetzten. Gleichzeitig, etwa um 527, hatte sich
eine schar Sachsen östlich von Kent niedergelassen, denen es gelang,
sich zu behaupten und das königreich Essex zu gründen, welches nebst
Middlesex nur dadurch bedeutung erhielt, dass die alte römische
hauptstadt Camulodunum (Colchester) und die aufblühende handelsstadt
London in dessen bereiche lagen. Wahrscheinlich ist es, dass die
Herrschaft der Sachsen an diesem theile der brittischen küste, welche
schon längst als litus saxonicum bekannt war, nur durch frische
ankömmlinge vom festlande neu gekräftigt wurde.
[Footnote 31: Eine »authentische« geschichte des gefeierten
Arthur enthält Sharon Turner's History of the Anglo-Saxons.
Vol. I. Book III. chapt. 3.]
Von den ersten niederlassungen der Angeln erfahren wir durch die
sächsische chronik nur wenig, weil sie wahrscheinlich schon längst vor
der gründung der späteren sächsischen königreiche bestanden. Die chronik
erzählt nur, dass im jahre 547 Ida in Northumberland zu regieren begann
und eine stadt baute, welche er zu ehren seiner frau Bebba Bebbanbyrig
(Bamborough) nannte. So viel steht nach dieser quelle fest, dass die
küste nördlich von Essex mit Angeln besetzt war, welche sich nach ihrer
lage in das Northfolk und Southfolk schieden. Die macht dieser Angeln,
von denen Nennius sagt, dass sie ihr heimathsland gänzlich (absque
habitatore) verlassen hätten, was Beda (I, 15) bekräftigt, dehnte sich
über Cambridgeshire und Lincolnshire aus und umfasste bald das herz von
England bis an die grenze von Wales, wo sie die Westsachsen nach süden
zurückdrängten. In Mittelengland nahmen die Angeln den namen Mercier an,
und ihr königreich erhielt den namen Mercia.[32]
[Footnote 32: Die Jüten, Sachsen und Angeln hatten zu ende des
sechsten jahrhunderts in England sich in folgender weise fest
gesetzt: die +Jüten+ in Kent, der insel Wight und einem theile
von Hampshire; die +Sachsen+ als _Südsachsen_ in Sussex, als
_Ostsachsen_ in Essex, Middlesex und im süden von Hertfordshire,
als _Westsachsen_ in Surrey, Hampshire, Berks, Wilts, Dorset,
Somerset, Devon und einem theile von Cornwall; die +Angeln+ als
_Ostangeln_ in Norfolk, Suffolk, Cambridge, der insel Ely und
einem theile von Bedfordshire; als _Mittelangeln_ in
Leicestershire, welches zu Mercia gehörte; als _Mercier_,
getheilt durch den Trent in _Süd_mercier in den grafschaften
Lincoln, Northampton, Rutland, Huntingdon, dem nördlichen theile
von Bedfordshire und Hertfordshire, Bucks, Oxfordshire,
Gloucestershire, Warwickshire, Worcestershire, Herefordshire,
Staffordshire, Shropshire, -- und in _Nord_mercier in Chester,
Derby und Nottingham; als _Northumbrier_ in _Deira_, d.h. in
Lancaster, York, Westmoreland, Cumberland, Durham, und in
_Bernicia_, d.h. Northumberland und dem südlichen Schottland
zwischen dem Tweed und dem Firth of Forth.]
Weil die Angeln die frühesten und zahlreichsten germanischen ansiedler
waren, welche den grössten theil Britannien's besetzten, wurde dieses
land fremden schriftstellern als Anglorum terra, oder Anglia bekannt, ja
die Sachsen selbst im süden Britannien's hiessen das gesammte land nicht
Seaxe-land, sondern Engla-land (England), und Athelbert von Kent, als er
die ersten christlichen sendboten im jahre 597 empfing, sagte ihnen, er
könne die alte weise der gottesverehrung, »welche wir lange zeit mit
allem Angelvolk hielten, the we langere tide mid ealle Angel theode
heoldan« (Alfred's übersetzung des Beda) nicht verlassen. Die sprache
aller germanischen bewohner der insel empfing den namen Englisc
(Englisch), so wie diese selbst nach dem verschwinden der alten
stammbenennungen sich Englishmen nennen.
Trotzdem aber die stämme der Angeln die zahlreicheren und eine zeit lang
die mächtigeren waren, erkämpften doch die Sachsen und unter diesen
wiederum die Westsachsen allmälig die herrschaft über das gesammte
England, welche 827 unter Egbert mit der Unterwerfung von Mercia und
Northumberland und der 828 erfolgenden besiegung von Wales gesichert zu
sein schien, als ein neuer feind, die Dänen, die kaum erworbene macht
wieder zu zersplittern drohte. Egbert, welcher 836 starb, sein sohn
Athelwolf und nachfolger Athelbald, Athelbert, Athelred und Alfred der
grosse mussten gegen die Dänen kämpfen, welche seit 787 an den
englischen küsten erschienen und besonders den nördlichen theil des
landes, wo sich die Angeln angesiedelt hatten, zu ihrem
ablagerungsplatze erwählten und von hier aus mit abwechselndem glücke
herrschten, bis Alfred der grosse sie besiegte.
Es ist nicht anzunehmen, dass die Dänen bedeutenden einfluss auf die
angelsächsische sprache ausgeübt haben, indem damals ihre sprache nicht
sehr von der ihrer ehemaligen nachbarn, der Angeln, verschieden gewesen
sein mag. Alfred befindet sich nach der alten legende als harfner
unerkannt im dänischen lager. In dem heutigen Englisch, namentlich in
dem dialekte der nördlichen grafschaften, finden sich jedoch noch
mehrere spuren skandinavischer wörter. Der name der Stadt Whitby
(hwitbye, weissstadt), welche angelsächsisch Streoneshalh hiess, ist
dänisch. Skandinavischen ursprungs sind wörter wie braid, elding, force
(Wasserfall), gar, gill, greit (weinen), lag, etc.
Nach Alfred's tode im jahre 901 herrschten die Westsachsen besonders
glücklich unter Athelstan 924 bis 941, welcher eine zeit lang herr von
ganz Britannien war, noch bis 1016, wo Cnut, ein Däne, könig von England
wurde. Er und seine zwei söhne Harold und Hardicnut regierten 26 jahre
bis 1042, we die Sachsen unter Eduard dem bekenner die herrschaft wieder
erlangten und sie bis zum jahre 1066 behaupteten, bis Harold II. von
Wilhelm, dem herzoge der Normandie, unter dem namen des eroberers
bekannt, besiegt wurde und in der schlacht bei Hastings die krone
zugleich mit dem leben verlor.