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* * * * *
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[Illustration: _Facsimile der Exeter Handschrift. (S. 69)_]
[Illustration: _Cod. Vercell. Nº. CXVII p. 43. Andreas 1026_27._]
[Illustration: _Facsimile des (Caedmon) Cod. Bodl. Jun. XI (S. 59.)_]
GESCHICHTE
der
ENGLISCHEN SPRACHE UND LITERATUR
von
den ältesten Zeiten
bis
zur Einführung der Buchdruckerkunst.
Von
Dr. Ottomar Behnsch.
Breslau,
Verlag von Joh. Urban Kern.
1853.
Contents
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names or descriptions for each page. They have been relocated to the
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Vorrede
Einleitung
I. Die Kelten
II. Die Römer
III. Die Germanen
Erste Periode: Die angelsächsische Zeit
I. Die lateinische Sprache
Gildas.-- Nennius.-- Columban.-- Theodorus.-- Adrian.--
Aldhelm.-- Ceolfrid.-- Tatwine.-- Felix.-- Beda.-- Cuthbert.--
Egbert.-- Wilbrod.-- Winfrid.-- Willebad.-- Alcuin.--
Folchard.-- Gotselin.-- Grimbald.-- Johann.-- Werferth.
II. Die angelsächsische Sprache
Germanische Sprachen.-- Das Angelsächsische.-- Der Scóp.--
Beowulf.-- Sängers Reise.-- Byrhtnoth's Tod.-- Caedmon.--
Judith.-- Juliana.-- Andrêas.-- Elêne.-- Guthlac.-- Athelstan's
Siegeslied.-- Lyrische Gedichte.-- Didaktische Gedichte.--
Die Gaben der Menschen.-- Sinnsprüche.-- Räthsel.-- Prosa.--
Athelbert's und Wihtræd's Gesetze.-- Alfred's Gesetze.-- Cnut's
Gesetze.-- Die Gesetze Wilhelm's des Eroberers.-- Der Glossator
Aldred.-- Glossen.-- Ethelwold.-- Dunstan.-- Alfred.-- Alfric.--
Alfric Bata.-- Cynewulf.-- Wulfstan.-- Apollonius von Tyrus.--
Astronomie.-- Medicin.-- Die Sachsenchronik.-- Alter der
angelsächsischen Sprache.-- Caedmon's Sprache.-- Verschiedene
Dialekte.-- Verlust von Handschriften.-- M. Parker.--
R. Cotton.-- J. Foxe.-- W. L'Isle.-- Hickes.-- Wheloc.--
Junius.-- Spelman.-- Wanley.-- Somner.-- Gibson.-- Wilkins.--
Barrington.-- Manning.-- Rask.-- Grimm.-- Englische und deutsche
Bearbeiter.-- Thorpe.-- Kemble.-- Ingram.-- Wright.--
Halliwell.-- Grammatiken.-- Lesebücher.-- Bosworth's
Wörterbuch.-- Die angelsächsischen Beugungsformen.--
Substantiva.-- Adjectiva.-- Pronomina.-- Numeralia.--
Verba.-- Conjugation.
Zweite Periode: Die normännische Zeit
Erstes Eindringen der französischen Sprache.
I. Der Verfall der angelsächsischen Sprache
Eroberung England's durch die Normannen.-- Unterdrückung des
angelsächsischen Elementes.-- Französisch, die Sprache des Hofes
und Adels.-- Französisch, die Sprache der Geistlichkeit.--
Französisch, die Sprache des Rechtes und der Schule.--
Französische Gesetze Wilhelm's des Eroberers.-- Das
Normännisch-Französische.-- Entartung des Angelsächsischen.--
Abschwächung der Endungen.-- Semi-Saxon.-- Sprachprobe aus der
Sachsenchronik.-- Sprachproben aus Homilien.-- Sprachprobe aus
den Sprüchwörtern Alfred's.-- Normännische Sänger und Dichter.--
Anglo-normännische Psalmenübersetzung.-- Ph. de Thaun.--
Turold.-- G. Gaimar.-- Wace.-- Geoffrey von Monmouth.--
Benoit.-- Guernes.-- Layamon.-- Sprachproben aus G. von
Monmouth, Wace.-- Sprachproben aus Layamon.-- Verschiedenheit
der Handschriften Layamon's.-- Das Ormulum.-- Nicholas von
Guildford.
II. Die Entstehung der englischen Sprache
Proklamation Heinrich's III.-- Anonyme epische Gedichte.--
Lyrische Gedichte.-- Fabliaux.-- Die Sprüchwörter Hending's.--
Treatise on dreams.-- Fabel.-- Robert von Gloucester.-- Robert
Manning.-- L. Minot.-- The visions of Piers Ploughman.--
Alliteration.-- Piers the Ploughman's Creed.
Dritte Periode: Die altenglische Zeit
Entstehung des englischen Volkes.-- Gründung der englischen
Universitäten.-- Entartung des Französischen in England.--
Angelsächsische Wörter dringen in das Französische.-- Mischung
beider Sprachen.-- Lateinisch, die Sprache der Gelehrsamkeit
u. des Rechtes.-- Französich, die Sprache der Bildung.--
Das Englische wird Unterrichtssprache.-- Das Englische wird
Rechtssprache.-- Das Französische bleibt noch Hofsprache.--
Die englische Sprache im Parlament.-- Die englische Sprache
wird die herrschende.
I. Englische Poesie
Altenglische Romanzen.-- Englisch-dänischer Romanzenkreis.--
Havelok der Däne, König Hörn.-- Die Robin Hood Balladen.--
König Eduard und der Schäfer.-- Der König und der Einsiedler.--
Lytell Geste of Robyn Hode.-- Gower.-- Chaucer.-- Chaucer's
Schriften.-- Chaucer's Canterbury Tales.-- Charactere aus den
Canterbury Tales.-- Unvollständigkeit der Canterbury Tales.--
Chaucer's Bearbeiter.-- Chaucer's Metrik.-- Chaucer's Accent
französischer wörter.-- Accent französischer Wörter.-- Accent
angelsächsischer wörter.-- Occleve.-- Lydgate.-- Hawes.--
Barklay.-- Skelton.-- Mysteries.-- The Harrowing of Hell.--
Moralities.-- Interludes.
II. Schottische Dichter
Schottische Dichter.-- Evrard.-- Schottischer Dialekt.--
Barbour.-- Barbour's Bruce.-- Andrew of Wyntoun.-- Hutcheon.--
Clerk of Tranent.-- Blind Harry.-- Jacob I.-- R. Henryson.--
Dunbar.-- Gawin Douglas.
III. Prosa
Ayenbyte of Inwyt.-- Mandeville.-- Johann von Trevisa.--
Wycliffe.-- Chaucer's Prosa.-- Fortescue.-- R. Fabian.--
John de Irlandia.-- A. Cadiou.
IV. Die Einführung der Buchdruckerkunst
Caxton.
+Vorrede.+
Die erste englische literaturgeschichte wurde als ein beitrag zu
Chambers' Educational Course unter dem titel History of the English
Language and Literature, 8. Edinburgh 1835, von R. Chambers
herausgegeben und seitdem mehrere male neu aufgelegt. Die für die
sprachbildung wichtigste periode von der gründung der angelsächsischen
herrschaft bis zum jahre 1400 wird indessen in diesem übersichtlichen,
für den »general reader« bestimmten kleinen buche auf nur zehn seiten
abgehandelt; auch hat der verfasser, welcher sich über Chaucer's
veraltetes Englisch beklagt, der alten sprache, wenn und wo nur möglich,
ein modernes gewand geliehen. Nach demselben plane ist ein grösseres
werk, Cyclopædia of English Literature, edited by R. Chambers, 2 vols.
8. Edinb. 1844, bearbeitet, indem darin die altenglische literatur bis
zum jahre 1400 nur mit fünf und dreissig druckseiten bedacht und fast
überall eine modernisirte orthographie eingeführt worden ist.
Die in Deutschland erschienenen englischen chrestomathien lassen
ebenfalls die alte sprache und literatur England's unberücksichtigt. Das
handbuch der englischen sprache und literatur von H. Nolte und L.
Ideler, 4 Bde. 8. Berlin, beginnt seinen prosaischen theil mit Bacon,
und den poetischen mit Chaucer. Die vorzügliche Sammlung Herrig's, The
British Classical Authors, 8. Braunschw. 1850, eröffnet die englische
und schottische poesie mit Chaucer und Barbour, und die englische prosa
mit Wycliffe. Auch das neueste werk dieser art, das handbuch der
englischen literatur, von A. Boltz und H. Franz, 2 Bde. 8. Berlin, 1852,
führt nach einer kurzen sprachlichen einleitung Chaucer und Gower als
älteste dichter, so wie den ersteren und Wycliffe als erste prosaiker
der englischen literatur auf.
Für die zeit _vor_ Chaucer fehlte es an einem buche, welches, gleichsam
als historische einleitung zu jenen angeführten grösseren
chrestomathien, eine pragmatische geschichte der englischen sprache und
literatur während ihrer gewaltigsten und wichtigsten veränderungen
enthielte und deren Übergänge anschaulich darstellte,--von dem erlöschen
der keltischen und römischen zu dem auftreten der angelsächsischen
sprache und der bildung einer reichen germanischen literatur durch das
medium der mit dem christenthume eingeführten lateinischen
kirchensprache,--von dem eindringen der normännisch-französischen zu dem
untergange der alten angelsächsischen zunge,--von dem gegenseitigen
verschmelzen beider idiome zu dem entstehen einer eigenen mischsprache,
der englischen, welche ihre macht und verbreitung derselben zeit
verdankt, in welcher das englische volk seine selbstständigkeit errang:
alle diese phasen der englischen sprache, bis sie nach merkwürdigen
wechselfällen durch die einführung der buchdruckerkunst grösserer
festigkeit und sicherheit entgegengeführt wurde, soll die vorliegende
arbeit schildern.
+Einleitung.+
+I. Die Kelten.+
Die alten griechischen schriftsteller wussten wenig von dem westlichen
und nördlichen Europa. Herodot erzählt nur, dass der äusserste westen
Europa's von einem volke bewohnt war, welches er Kyneten oder Kynesier
nennt, und dass die Kelten in den anstossenden ländern wohnten (Herod.
Euterpe cap. 33 und Melpomene cap. 49). Die brittischen inseln kennt
Herodot unter dem namen Kassiteriden, von denen die Phönicier das zinn
holten (Herod. Thalia cap. 115). Der autor des dem Aristoteles
zugeschriebenen buches »von der welt« (cap. 3) wusste bereits, dass
jenseits der säulen des Hercules in dem ocean zwei grosse inseln
Albion[1] und Ierne (Erin--Irland), die britannischen genannt, jenseits
der Kelten lägen, und in dem orphischen argonautengedicht (edid.
Hermann. Lipsiæ 1805. v. 1186) kommt die insel Iernis vor. Dieses ist
die älteste kunde von den namen dieser inseln, welche auch von Polybius
nicht vermehrt wird, indem er ebenfalls nur die britannischen inseln als
die fundorte des zinns bezeichnet. Strabo verbindet die namen der
Kassiteriden und britannischen [2] inseln. Ausser den Phöniciern hatten
auch die kaufleute von Karthago und Tartessus die zinninseln unter dem
namen Oestrymniden kennen gelernt, welche in der nähe von Albion und
zwei tagereisen zur see von Ierne lagen. Auch die phocäische colonie
Massilia und Narbo in Gallien trieben den zinnhandel über land. Nachdem
das zinn, wie Diodorus Siculus berichtet, von seinem fundorte nach der
insel Ictis (eine von der Scilly Islands) vor Britannien gebracht und
von da nach Gallien hinübergeführt worden war, wurde es auf packpferden
in dreissig tagereisen bis nach Narbo und nach Massilia befördert (Diod.
Sicul. V, 22. 39). Die Römer konnten trotz der eifrigen nachfrage
Scipio's in Massilia und Narbo nichts näheres über die eigentlichen
fundorte des zinnes erfahren. Erst Publius Crassus, wahrscheinlich von
Cäsar gegen ende des ersten gallischen feldzugs zur unterwerfung der
gallischen stämme am kanal ausgeschickt, entdeckte den weg des
zinnhandels. Cäsar's übergang nach Britannien im jahre 60 v. Chr.
lüftete den schleier gänzlich. Seine berichte (de bello Gall. V, 13)
über die britannischen inseln erwähnen bereits das um die hälfte
kleinere Irland unter dem namen Hibernia und eine zwischen diesem und
Britannien (medio cursu) liegende kleinere insel Mona, so wie mehrere
nördlich gelegene kleine inseln.
[Footnote 1: Auch Plinius, Ptolomæus und Stephanus Byzant.
bezeichnen Britannien mit diesem namen.]
[Footnote 2: Beide namen mögen von den phönizischen und
karthagischen kaufleuten herrühren, indem sie offenbar
semitischen ursprungs sind und dieselbe bedeutung haben, wie
Bochart (Canaan, lib. 1. c. 39) zuerst vermuthet hat, indem er
Kassiteron, worunter Plinius zinn versteht, mit dem chaldäischen
kastira und kistara und dem arabischen kasdar, welche worte zinn
bedeuten, in verbindung bringt und das wort Brettanike, wie es
griechisch geschrieben wird, von dem semitischen barat anuk,
zinnland, ableitet, wonach die phönizischen kaufleute den fundort
des zinnes in ähnlicher weise benannt hätten, als die neue zeit
von den gewürzinseln, der gold- oder sklavenküste spricht.
Höchst unwahrscheinlich ist es dagegen, dass Britannien nach dem
keltischen wort bryt, bemalt, wegen des tätowirens der
eingeborenen seinen namen empfangen hätte. Die dichter und
chronisten von Wales nennen die keltischen bewohner von Wales
Kymry (Cimbern). Den grössten theil von England nennen sie Lloegr
und dessen bewohner Lloegrwys (Sharon Turner's hist. of the
Angl. Sax. vol. I. Book I. chap. II. III.). Die ähnlichkeit des
namens Brutus und Britannia mag Nennius, aus dem Geoffrey von
Monmouth in späterer zeit geschöpft hat, zu der fabelhaften
annahme veranlasst haben, Britannien sei von »Brutus,« dem
enkel des Askanius und urenkel des Aeneas, benannt und bevölkert
worden. Nennius' fabel, welche angeblich aus römischen quellen
geschöpft ist, dürfte eine ausmalung der angäbe des Ammianus
Marcellinus XV, 9 sein. (Am angeführten orte chap. IV.)]
[Transcriber's Footnote:
Numerical equivalents (modern form) for Herodotus citations:
I: Clio; II: Euterpe; III: Thalia; IV: Melpomene; V: Terpsichore;
VI: Erato; VII: Poly(hy)mnia; VIII: Urania; IX: Calliope.]
Nach Cäsar waren die bewohner des innern von Britannien die
ureinwohner[3] der insel und keltischen stammes, während die küsten mit
belgischen colonien, welche den namen ihrer mutterstämme auf dem
festlande führten,[4] besetzt waren. Die belgischen einwanderer,
wahrscheinlich ebenfalls von keltischer[5] abkunft, besassen gebäude
nach sitte der Gallier, bedienten sich abgewogener stücke erzes als
geld, trieben ackerbau und viehzucht und waren weit gebildeter als die
brittischen ureinwohner, welche von milch und fleisch lebten, sich
tätowirten und in thierhäute kleideten. Von jenen Belgen besassen
wiederum die bewohner von Cantium (Kent) die meiste bildung.[6] Diodorus
Siculus (V, 22) berichtet, dass auch die bewohner des belerischen
Vorgebirges (The Land's End, Cornwall) wegen des grossen, durch den
zinnhandel entstandenen Verkehrs mit fremden feinere sitten hatten.
[Footnote 3: Sharon Turner in seiner History of the Anglo-Saxons
(Vol. I. Book I. chapt. 2) hat über die ältesten bewohner
Britanniens alles zusammen getragen, was geschichte, sage und
fabel uns überliefert haben.]
[Footnote 4: Cæsar de bell. Gall. V, 12: »qui omnes fere iis
nominibus civitatum adpellantur, quibus orti ex civitatibus eo
pervenerunt et bello illato ibi remanserunt atque agros colere
coeperunt.«]
[Footnote 5: Die in Gallien wohnenden Belgen, so wie die
Aquitanier waren nach Cæs. de bell. Gall. I, 1 von den
eigentlichen Galliern, oder Kelten lingua, institutis, legibus
verschieden. Wenn Cæsar de bell. Gall. II, 4 von den zunächst
den Galliern wohnenden Belgen (Remi, um das heutige Rheims)
erfuhr, dass plerosque Belgas ortos a Germanis, und dass sie
Rhenum transductos propter loci fertilitatem ibi consedisse,
Gallosqne qui ea loca incolerent, expulisse, so scheint dieses
darauf hinzudeuten, dass die ursprünglichen Belgen (Gallier,
Kelten.--Bel im keltischen ein morast) sich nach dem
gegenüberliegenden Britannien geflüchtet und dort neue
niederlassungen gegründet hatten. Will man dieses nicht zugeben,
so würde man zu der annahme gedrängt werden, dass die
bevölkerung der brittischen südküste, besonders aber von Kent,
schon lange vor Cäsar's zeit eine deutsche gewesen sei.]
[Footnote 6: Cæsar de bell. Gall. V, 14: »Ex his omnibus longe
sunt humanissimi, qui Cantium incolunt, quæ regio est maritima
omnis, neque multum a Gallica differunt consuetudine.«]
Die von Cäsar besiegten Britten bemühten sich bald um die freundschaft
ihrer sieger und unterhielten einen lebhaften verkehr mit Rom unter
Augustus und Tiberius. Während der regierung des letzteren hatte in
Britannien Cunobelinus die grösste gewalt, welcher unter dem namen
Cymbeline gegenstand der muse Shakespeare's geworden ist. Nach
Cunobelin's tode entstanden innere unruhen in Britannien, welche den
Römern eine erwünschte gelegenheit gaben, das land zur provinz zu
machen. Der kaiser Claudius sandte im jahre 43 n. Chr. zuerst den Aulus
Plautius nach Britannien, worauf er sich selbst dorthin begab, die söhne
des Cunobelinus besiegte, deren hauptstadt Camulodunum (Colchester) in
Essex einnahm und die herrschaft der Römer im südosten von England
befestigte. Vespasian fügte den südwesten der römischen provinz zu,
welche der Proprætor Ostorius Scapula mit einer reihe von befestigten
lägern oder forts vom Avon zum Severn beschützte. Derselbe befestigte
Camulodunum und machte es zum hauptquartier der Römer; die stadt wurde
als colonia mit öffentlichen gebäuden und einem tempel des Claudius
geschmückt, das eroberte land in ihrer nähe aber unter die veteranen der
legionen vertheilt. Nach mannigfachen blutigen kämpfen mit den gegen das
römische joch anstrebenden Britten, in denen einerseits der sitz der
druidischen macht auf der insel Mona (Anglesea) von Suetonius Paullinus
zerstört, und andererseits Camulodunum und der emporstrebende handelsort
Londinium von den eingeborenen unter ihrer anführerin Boadicea verwüstet
und geplündert wurden, gelang es endlich dem römischen führer Agricola,
welcher eine menge castella in Britannien angelegt und im jahre 81 eine
anzahl forts quer über die insel von der mündung des Clyde bis zum Forth
gezogen hatte, ganz Britannien im jahre 84 unter die herrschaft der
Römer zu bringen. Dieser tapfere general, dessen flotte ganz Britannien
umschiffte und die Orkneys besuchte, machte sogar einen einfall in
Irland.[7]
[Footnote 7: Dio Cassius im IX. buche, Sueton und Plutarch in
ihren lebensbeschreibungen, Tacitus in den annalen und besonders
in seiner lebensbeschreibung des Agricola sind die hauptquellen
für diesen theil der geschichte Britanniens.]
Nunmehr hatten die verschiedenen keltischen stämme in Britannien, denn
brittisches volk kann man wohl nicht sagen, ihre unabhängigkeit zum
grössten theil auf immer verloren. Ihre nationalität war damit gebrochen
und wurde noch mehr geschwächt, als die neuen herrscher ihr
provinzielles verwaltungssystem auf die neue eroberung übertrugen, das
land mit legionen und hilfstruppen überzogen und befestigte städte
bauten; aus den wilden, aber freien Britten wurden römische unterthanen
und leibeigene. Zwar zählt noch Ptolemäus in seiner geographie eine
menge keltischer stämme in Britannien zugleich mit ihren wohnsitzen[8]
auf, allein ihre namen verschwinden nach und nach. Nur diejenigen
Kelten, welche in den gebirgen von Wales, oder von Schottland hausten,
behielten noch lange ihre wildheit und zum theil ihre unabhängigkeit,
indem sie sich auf das, wenn auch von den Römern angegriffene, aber
nicht unterworfene Irland und dessen stammverwandte bewohner stützen
konnten.
[Footnote 8: Vergleiche Sharon Turner's Hist. of the A.-S. vol. I.
Book I, chapt. 5, wo 42 keltische stämme nach ihren wohnsitzen zur
zeit der Römer aufgeführt werden.]
Die sprache der alten Britannier zu jener zeit, als die Römer ihre
siegreichen adler von Gallien aus nach Britannien trugen, war ein zweig
des alten Keltischen,[9] welches im ganzen westlichen Europa gesprochen
wurde, gegenwärtig aber nur noch in Wales, in den hochlanden und auf den
inseln von Schottland, in Irland und auf der insel Man unter dem namen
des Welschen,[10] Gælischen,[11] Ersischen[12] und Mankschen[13] lebt,
auf dem festlande aber sich noch in dürftigen trümmern in der
Bretagne[14] und vielleicht am biskayischen[15] meerbusen erhalten hat.
Keltisch
____________|______________________
_________/__________ \
/ \ Gælisch
Gallisch Brittisch _______|__________
| / | \
__________|________ Irisch Ersisch Manksisch
/ \ _oder_
Cornisch Welsch Caldonach
\________________________/
|
Bretonnisch
[Footnote 9: _Leibnitius_, G. G., Collectanea etymologica, illustr.
linguar. veteris Celticæ, Germ., Galicæ aliarumque inservientia.
2. part. 8. Hannov. 1717.
_Bullet_, J. B., Mémoires de la langue Celtique (l'hist. de la
langue; descript. étymol. des villes, rivières etc. des Gaules;
dictionaire Celtique). 3 tom. fol. Besançon 1754-60.
_Denina_, C. J. M., Sur la langue Celtique et celles qu'on
prétend en être sorties. 4. Berol. 1787.
_De Bast_, M. J., Recherches hist. et littér. sur la langue
Celtique. Gauloise et Tudesque. 2 voll. 4. Gand 1815. 16.
_Diefenbach_, L., Celtica. I. Sprachl. documente zur geschichte
der Kelten. II. Versuch einer geneal. geschichte der Kelten. 8.
Stuttg. 1839. 40.
_Maclean_, L., History of the Celtic languages. 12. Lond. 1840.
_Galli_, C., Essai sur le nom et la langue des anciens Celtes. 8.
Paris 1844.
_Edwards_, W. F., Recherches sur les langues Celtiques. 8. Paris
1844.]
[Footnote 10: _Walter_, An English and Welsh dictionary. 2 vols. 8.
London 1829.
_Gambold_, W., A Welsh grammar. 12. Carmarthen 1842.
(4. ausgabe.)]
[Footnote 11: _Macpherson_, J., Critical dissertation on the
origin, antiquities, language of the ancient Caledonians. 4.
London 1768.
Dictionarium Scoto-Celticum; a dict. of the Gælic lang. publ.
under the direction of the Highland Society of Scotland. 2 vols.
4. Edinb. 1828.
_M'Alpine_, N., Pronouncing Gælic Dictionary, to which is
præfix. a concise grammar. 8. Edinb. 1845.]
[Footnote 12: _Neilson_, W., An introduction on the Irish language.
3 vols. 8. Dublin 1808.
_O'Reilly_, E., Sauas Gasidhilge-Sags-Bhéarla. An Irish-English
dictionary. To which is annexed a compendious Irish grammar. 4.
Dublin 1817. 1822.]
[Footnote 13: _Cregeen_, A., A dictionary of the Manks language. 8.
Douglas 1835.
_Kelly_, J., A practical grammar of the ancient Galic or lang, of
the isle of Man, usually called Manks. 4. London 1803. Essex
1806.]
[Footnote 14: _De Courson_, A., Essai sur l'histoire, la langue
et les institutions de la Bretagne Armoricaine. 8. Paris 1840.
_De Rostrenen_, Gr., Dictionnaire Français-Celtique ou
Français-Breton. 4. Rennes 1738. Rev. et corr. par B. Jollivet.
2 vols. 8. Guingamps 1834.
_De Rostrenen_, Gr., Grammaire Française--Celtique ou
Française--Bretonne. 8. Rennes 1738. Guingamps 1833.]
[Footnote 15: Das Baskische mit seinen mundarten mag ein rest des
alten Aquitanischen sein, von dem schon Cäsar (de bell. Gall. I, 1)
sagt, dass es von dem Gallischen und Keltischen verschieden sei.
_Diefenbach_, L., Celtica. Zweite abtheilung. S. 5 u. ff.]
Das heutige Englisch hat von jener einst so weitverbreiteten und in
Britannien ausschliesslich gesprochenen sprache ausser einer
beträchtlichen anzahl eigener namen zur bezeichnung von orten, bergen
und flüssen nur sehr wenige wörter (flannel, mattock, plaid, tartan,
gyve, tackle, bran etc.) und die meisten derselben erst in neuerer zeit
angenommen. Schriftliche denkmale der alten keltischen zeit existiren
nicht mehr. Die Druiden, deren vernichtung die Römer eifrig betrieben,
da sie in ihnen die erhalter der keltischen nationalität sahen und
fürchteten, hielten es nach Cäsar's erzählung für unziemlich, ihre
lehren der schrift zu übergeben und überlieferten dieselben, so wie die
volksmythen und volkspoesien nur mündlich (Cæs. de bell. Gall. VI, 14).
Die brittischen münzen, deren mehrere erhalten sind, waren nachahmungen
der römischen und enthalten nur römische schriftzeichen.
+II. Die Römer.[16]+
Das römische Britannien stand bald in eben so lebhaftem verkehr mit Rom
und den provinzen des weltreichs, als Gallien, wozu Britannien der
verwaltung nach lange zeit gerechnet wurde. Die triumphe der römischen
heerführer und imperatoren über Britannien wurden als siege über die
bewohner der enden der erde zu Rom nicht minder durch glänzende aufzüge
als durch lobreden der ersten geister Rom's gefeiert. Auch die genüsse
und herrlichkeiten, welche Britannien bot, wurden dabei nicht übersehen.
Juvenal besingt die brittischen austern aus Rutupiæ (Richborough):
Rutopinove edita fundo ostrea,
und schildert die wallfische der brittischen gewässer:
Quanto delphinis balæna britannica major.
[Footnote 16: Eine vorzügliche culturgeschichtliche schilderung
Britanniens unter den Römern findet sich in The Celt, the Roman
and the Saxon: a history of the early Inhabitants of Britain, down
to the conversion of the Anglo-Saxons to Christianity. By Thomas
Wright. 8. London 1852. Aus älterer zeit enthalten Horsley's
Britannia Romana und Camden's Britannia interessante
mittheilungen. Die römischen alterthümer Schottlands sind in der
Caledonia Romana (Edinburgh 1845, in einem bande) von Robert
Stuart gesammelt worden. Ausserdem sind eine grosse anzahl
monographien über die römischen alterthümer einzelner städte
und örter, so wie ganzer districte England's in neuerer und
älterer zeit erschienen, welche zum theil in dem oben genannten
werke von Thomas Wright aufgeführt werden.]
Martial schrieb ein epigramm auf die zierliche gestalt (decus formae)
einer schönen Brittin, welche er Claudia Rufina nennt.
Dafür trug aber auch Rom seine cultur, der Gallien schon in so hohem
masse theilhaftig geworden war, nach Britannien. Martial brüstet sich:
Dicitur et nostros cantare Britannia versus;
und Juvenal feiert die ausbreitung der klassischen gelehrsamkeit und
redekunst von Gallien aus nach Britannien:
Nunc totus Graias nostrasque habet orbis Athenas:
Gallia causidicos docuit facunda Britannos;
De conducendo loquitur jam rhetore Thule.
Die römischen legionen und zuströmenden bewohner aus allen gegenden des
römischen weltreiches veränderten auch das äussere aussehen des landes;
überall entstanden aus den stehenden lägern und in der nähe der
römischen forts örter und städte, welche durch ein umfassendes
strassensystem mit einander verbunden waren; tempel und altäre, villen,
säulenhallen, bäder, kostbares mosaik und alle andern schöpfungen der
römischen baukunst fanden sich in Britannien. Schon Tacitus spricht von
London als einem grossen handelsorte, und Ptolemäus erwähnt eine menge
römisch-brittischer städte, darunter Rutupiæ (Richborough) als
hauptlandungspunkt vom festlande aus, Darvernum oder Durovernum
(Canterbury), Venta (Winchester), Aquæ calidæ (Bath), Ischalis
(Ilchester), Durnovaria (Dorchester), Saliva (Silchester), Corinium
(Cirencester), Camulodunum (Colchester), Verulamium (St. Albans), Lindum
(Lincoln), Ratæ (Leicester), Eburacum (York), Isurium (Aldborough),
Caturactonium (Catteric), Olicana (Ilkley), Epiacum (Lanchester),
Vinnovium (Binchester), Deva (Chester), Viroconium (Wroxeter) u.s.w.
Allein im norden zählt Ptolemäus mehr als zwanzig grössere städte auf.
Dass die Römer Britannien als völlig unterworfen betrachteten, geht auch
daraus hervor, dass sie mehrere legionen als überflüssig allmälig aus
dem lande zogen und nur noch vier, die II., VI., IX. und XX. als
genügende besatzung darin stehen liessen. Von diesen stand die II. zu
Isca (Cærleon) und die XX. zu Deva (Chester), um die bergbewohner von
Wales, Cumberland und Westmoreland im zaume zu halten und das land vor
den raubzügen der irischen seeräuber zu schützen, welche im Severn und
Dee zu landen pflegten. Die VI. legion stand zu Eburacum (York), um die
nördlichen gebirgsbewohner zurückzuscheuchen, wo sich auch die IX.
wahrscheinlich in kleineren grenzforts zerstreut befand, denn der norden
von Britannien bis an den caledonischen wald war dicht mit forts und
militärischen posten besetzt. Im süden befanden sich dagegen in der
ersten zeit der römischen herrschaft nur geringere mannschaften
zerstreut.
Während sich die Römer so in den fruchtbaren niederungen des südlichen
und östlichen England's ausbreiteten und befestigten, wurden die schwer
zugänglichen gebirge im westen und norden die natürlichen festen der
alten aus ihren früheren besitzungen verjagten Kelten, welche sich
zunächst von der Sylva Caledonica[17] im norden unter dem namen
Caledonier den römischen besitzungen so furchtbar und bekannt machten,
dass der gesammten alten keltischen und unabhängigen gebirgsbevölkerung
Britanniens der name Caledonier zu theil wurde. Als der kaiser Hadrian
im jahre 120 persönlich nach Britannien kam, war es seine hauptsorge,
diese Caledonier zurückzutreiben und zu ihrer abwehr quer über die insel
eine 70 englische meilen lange, ununterbrochene, massive mauer vom
Solway bis zum Tyne (von Carlisle bis Newcastle, oder genauer von
Bowness am Solway Firth bis Wall's End am Tyne) aufzuführen, welche auf
der südlichen seite durch einen erdwall und tiefen graben vermehrte
sicherheit erhielt und ausserdem noch von 23 stationsplätzen mit
dazwischen liegenden forts und wachtthürmen geschützt wurde. Unter dem
nachfolger Hadrian's, dem kaiser Antoninus Pius, trieb der proprätor
Lollius Urbicus die Caledonier noch weiter zurück und führte eine neue
befestigungslinie mit forts und thürmen weiter nach norden quer über das
land vom Forth bis zum Clyde, indem er dabei alte, schon von Agricola
angelegte befestigungen benützte. Die verbindung der forts war durch
einen ununterbrochenen erdwall hergestellt, welcher zu ehren des kaisers
den namen Antonin's wall erhielt. Gegenwärtig heisst dieser wall
Graham's Dike, und die mauer Hadrian's[18] ist unter dem namen
Pictenmauer bekannt.
[Footnote 17: Cal -- Gal -- Gæl: keltisch, und don -- down: berg,
so dass Caledonia so viel heisst als keltisches gebirgsland.]
[Footnote 18: Kein theil England's enthält so viele und
merkwürdige römische alterthümer, als derjenige strich, durch
welchen die mauer Hadrian's führte; sie ist daher gegenstand
einer besonderen schrift geworden: The Roman Wall: a historical,
topographical, and descriptive Account of the Barrier of the Lower
Isthmus, extending from the Tyne to the Solway, deduced from
numerous personal Surveys. By the Rev. J. Collingwood Bruce, of
Newcastle-upon-Tyne.]
Es wurden jetzt auch in Britannien die vorboten des nahenden verfalles
der römerherrschaft in dem streite um den besitz des kaiserthrones
sichtbar. Auch die britannischen heerführer nahmen mit den in Britannien
befindlichen legionen daran theil. Pertinax war kurze zeit kaiser, und
Albinus wurde erst nach schwerem kampfe im jahre 197 von Severus bei
Lyon besiegt und getödtet. Während dieser kämpfe, durch welche die
aufmerksamkeit der römischen soldaten nach süden gelenkt wurde,
erneuerten die Caledonier ihre einfälle. Zu gleicher zeit tritt an der
nördlichen ostküste England's, unmittelbar nördlich von dem Antonin's
walle ein neues streitbares volk gegen die Römer auf, welches von Dio
Cassius Mäaten genannt wird, deren rückzug der nach Albinus tode von
Severus zum proprätor ernannte Virius Lupus nur mit golde erkaufen
konnte. Die plötzliche erscheinung dieser Mäaten zwischen den jenseits
derselben hausenden Caledoniern und den Römern hat zu der annahme
veranlassung gegeben, dass sie ein über das meer gekommener
skandinavischer stamm gewesen seien. Sicheres ist nicht aufzufinden,
indem ihr name bald wieder verschwindet. Als Virius Lupus nach einigen
jahren dem erneuten andrängen der nördlichen feinde keinen erfolgreichen
widerstand leisten konnte, eilte der kaiser Severus im jahre 208 nebst
seinen beiden söhnen Geta und Caracalla durch Gallien mit einem grossen
heere nach Britannien und drang im folgenden jahre nach Herodian's
bericht unter unsäglichen beschwerden und ununterbrochenen kämpfen durch
gebirge, wälder und sümpfe bis an die nördlichste küste Britannien's
vor, durch welchen zug es zum ersten mal über allen zweifei erhoben
wurde, dass Britannien eine insel sei. Gegen ende des Jahres 209 kehrte
Severus nach Eburacum (York) zurück, wo er am 4. februar 211 starb.
In den folgenden jahren der schwäche des römischen reiches zeigte sich
bei den befehlshabern in Britannien die neigung, sich unabhängig zu
machen, welches auch dem Carausius unter der regierung des Diocletian
gelang. Unterdessen ging eine grosse veränderung im norden vor. Man
nimmt nach einer späteren, zu Beda's zeit bekannten Überlieferung an,
dass einwanderer aus Irland unter einem führer, welcher Reuda genannt
wird, in das westliche Schottland drangen und die grundlage desjenigen
Volkes wurden, das später dem ganzen norden von Britannien den namen
Schottland gab. Die alten Caledonier und die jüngeren Mäaten
verschwinden von dem geschichtlichen schauplatz, und an ihre stelle
treten die Picten[19] und Scoten nebst einem neuen stamme, den
Attacotten, deren wildheit bald gefürchtet wurde. In diese zeit fallen
auch die ersten streif- und raubzüge der germanischen und
scandinavischen seefahrer nach den östlichen und südöstlichen küsten
Britannien's. Um diesen einfällen zu begegnen, wurde eine reihe forts an
den südöstlichen küsten errichtet und zu Gessoriacum (Boulogne) in
Gallien, ferner in den häfen des heutigen Kent, Sussex und Hampshire
eine bewaffnete flotte unterhalten. Ein Bataver aus dem stamme der
Menapier, Carausius, schwang sich zum oberbefehlshaber der flotte auf
und errang viele siege über die seeräuber. Durch seine erfolge kühn
gemacht, verband er sich mit den deutschen stämmen auf der Britannien
zunächst liegenden nordküste des festlandes, bemächtigte sich
Gessoriacum's, des schlüsseis zur überfahrt nach Britannien, und machte
sich zum mitkaiser Diocletian's und Maximian's, welche würde und macht
er während eines zeitraumes von sieben jahren 287 bis 293 zu behaupten
verstand, indem er zugleich die seeräuber und die Scoten von den grenzen
zurückhielt. Seine macht endete mit seinem tode, den er von der hand des
Allectus erhielt, welcher sich bis 296 als herrscher behauptete, in
welchem Jahre Constantius seine truppen schlug, und Allectus in der
schlacht das leben verlor. Constantius selbst starb 306 zu York, der
römischen hauptstadt von Nordbritannien, worauf sein sohn Constantin der
grosse noch bis 312 in Britannien blieb, ehe er alleinherrscher der
römischen welt wurde. Die folgenden inneren kriege um den römischen
thron entblössten Britannien von truppen, weshalb die Picten und Scoten
ihre raubzüge in den süden des landes erneuerten. Sie wurden von dem
magister armorum Lupicinus mit in der eile zusammengerafften Herulern,
Mösiern und Batavern vertrieben, wonach das land einige zeit der ruhe
genossen zu haben scheint.
[Footnote 19: Da nach Beda's kirchengeschichte (Denique [Osvaldus
rex] omnes nationes et provincias Britanniæ, quæ in quatuor
linguas, i.e. Britonum, Pictorum, Scotorum, Anglorum divisæ sunt,
in ditione accepit. III, 7.) die Picten eine von den Scoten
verschiedene sprache redeten, so hat man wohl zu voreilig
angenommen, dass sie ein scandinavischer stamm gewesen seien, und
darauf die eigenthümlichkeiten des schottisch-englischen
dialektes gegründet. Vergl. Dissertation on the Origin of the
Scotish Language von J. Jamieson, vor dessen Dictionary of the
Scotish language. 2 vols. 4. Edinburgh 1808. Neue ausgabe von J.
Johnstone. 2 parts. 4. London 1840.]
Unter Julian's regierung mögen die stürme der nördlichen feinde, so wie
die einfälle der Dänen und Sachsen zur see von neuem begonnen haben,
denn bald nach der thronbesteigung des Jovian ist Britannien von allen
seiten bedrängt, ohne dass bis in die zeit seines nachfolgers
Valentinian irgend ein erfolgreicher widerstand geleistet worden wäre.
Valentinian überliess seinem bruder Valens die regierung des ostens und
verwendete seine eigene ganze kraft auf die erhaltung des westens. Im
jahre 368 erhielt er auf dem wege von Amiens nach Trier die nachricht
von einem neuen und furchtbaren einfalle der barbaren, welche den
befehlshaber der seeküste (bereits litus saxonicum genannt) Nectaridus
besiegt und erschlagen und den befehlshaber des nördlichen Englands,
Fullofaudes, in einen hinterhalt gelockt und getödtet hatten. In dieser
grossen noth wurde Theodosius nach Britannien geschickt, welcher die
feinde mit der plünderung der gegend um London beschäftigt fand. Es
gelang ihm, die raubscharen zu verjagen und ihnen die beute zum theil
wieder abzunehmen. Aus seiner proklamation, wonach denjenigen, welche zu
ihrer pflicht zurückkehren würden, verzeihung zu theil werden sollte,
worauf auch eine grosse anzahl von den räuberischen horden abfiel, geht
deutlich hervor, dass die unterjochte eingeborene (keltische?)
bevölkerung gemeinsame sache mit den fremden machte. Nachdem Theodosius
die ankunft des Civilis, eines neuen civilgouverneurs von Britannien,
und des Dulcitius mit hilfstruppen, unter denen sich auch ein haufe
Deutscher (numerus Allemannorum) mit ihrem »rex« Fraomarius befand, in
London abgewartet hatte, begann er seinen feldzug gegen norden und
endigte ihn so glücklich, dass er den Picten und Scoten sogar den theil
des landes zwischen der mauer Hadrian's und dem walle Antonin's, welchen
sie in vollem besitze hatten, wieder abnahm und die sehr beschädigten
städte und forts zur abhaltung der barbaren wiederherstellen konnte. Mit
dem danke der friedlichen einwohner und dem wegen der besiegung der
germanischen seeräuber erhaltenen beinamen _Saxonicus_ (Pacatus Paneg.
Theod.) verliess Theodosius die insel, nachdem er zuvor die ehrgeizigen
pläne des Valentinus und Frontinus durchkreuzte; sie waren wegen
politischer intriguen nach Britannien verbannt worden und setzten
dieselben hier fort, indem sie eine verschwörung anstifteten, welche die
losreissung Britannien's von der römischen herrschaft bezweckte.
Als der sohn des Theodosius, von Gratian zum nachfolger auserlesen, die
kaiserliche würde annahm, empörte sich im jahre 383 Maximus, ein
geborener Spanier, mit dem heere in Britannien und machte sich zum
gegenkaiser. Dieser aufstand war in so weit glücklich, als Maximus nach
seiner landung an der mündung des Rheins auch von den legionen in
Germanien als kaiser begrüsst wurde. Theodosius sah sich genöthigt, dem
neuen kaiser die provinzen Spanien, Gallien und Britannien zu
überlassen, womit dieser sich aber nicht begnügte, sondern im günstigen
Augenblicke über die Alpen ging und in Italien einfiel, wo er aber, von
Theodosius besiegt, die krone mit dem leben verlor. Nach dem siege über
Maximus begab sich Theodosius nach Gallien und schickte den Chrysanthus
als statthalter nach Britannien, welcher dort die ruhe wiederherstellte.
Der zug des Maximus ist von den alten geschichtsschreibern, besonders
von Geoffrey von Monmouth (V, 14) zur einführung mancher fabeln in die
englische geschichte benützt worden. Britannien, sagen sie, soll durch
Maximus so von aller waffenfähigen mannschaft entblösst worden sein,
dass es nicht mehr im stande gewesen, sich gegen die einfälle der
barbaren zu schützen; ferner sollen die brittischen scharen, welche dem
Maximus nach Gallien folgten, nach dessen niederlage sich in Armorica
niedergelassen und diesem lande den namen Bretagne oder Kleinbritannien
gegeben haben, worauf man die 11000 Jungfrauen, deren gebeine der stadt
Cöln zugefallen seien, aus Britannien nach der Bretagne geschickt habe,
um jenen scharen als weiber zu dienen. Aus der notitia imperii, welche
um diese zeit entstanden ist, geht indessen hervor, dass zwar die XX.
legion, welche lange zu Deva (Chester) gestanden hatte, gänzlich aus
Britannien herausgezogen war, dass aber zwei legionen mit zahlreichen
hilfstruppen immer noch zum schutze Britannien's dienten und zwar
dieselben, welche immer in diesem lande gestanden hatten: die VI. legion
in ihrem alten hauptquartier zu Eburacum (York), und die II. legion,
welche aber von Isca nach Rutupiae an die südöstliche küste verlegt
worden war, entweder um die einfälle der Sachsen abzuwehren, oder um die
Verbindung mit Gallien zu unterhalten. Dabei waren die südöstlichen und
östlichen küsten stark befestigt und mehrere neue forts errichtet
worden.
Im anfange des fünften Jahrhunderts empörten sich die soldaten in
Britannien und machten einen gewissen Marcus und bald darauf den
Gratian, einen britannischen stadtbürger,[20] zum kaiser, welcher jedoch
nach vier monaten von ihnen wieder erschlagen wurde. Hierauf folgte ein
gemeiner soldat, der wegen seines namens Constantinus zum kaiser gewählt
wurde. Dieser hielt sich einige zeit, wurde auch in Gallien, wo er die
hereinbrechenden Deutschen schlug, als kaiser des abendreiches begrüsst
und bekam auch Spanien in seine gewalt. Einige jahre später, als der
kaiser Honorius durch den tod Alarich's im jahre 411 von diesem
furchtbaren feinde befreit war, sandte er Constantius mit einer grossen
armee gegen Constantinus, welcher in Arles eingeschlossen, zur übergabe
gezwungen und später in Ravenna getödtet wurde. Der sieg des Constantius
war weder im stande, das in seinen grundfesten erschütterte reich zu
halten, noch Spanien, Gallien und Britannien zu beruhigen. Diese
provinzen unterwarfen sich der römischen herrschaft nicht mehr, sondern
erwehrten sich ihrer feinde, so gut sie konnten.
[Footnote 20: Apud Britannias Gratianus, _municeps_ eiusdem insulæ
tyrannus creatur et occiditur. Orosius histor. VII, 40.]
Während Constantinus in Gallien kriegte, hatten die brittischen städte
im jahre 409 die unmächtigen kaiserlichen regierungsbeamten[21]
abgesetzt, die plündernden Sachsen mit den waffen in der hand
vertrieben, und waren von Honorius, welcher in Italien von den Gothen
geängstigt wurde, im jahre 410 sogar aufgefordert worden, sich selbst zu
beschützen,[22] denn die römischen legionen, welche ununterbrochen fast
fünfhundert jahre lang in Britannien geherrscht hatten, waren von
Constantinus nach Gallien geführt worden und kehrten nicht mehr zurück,
da der abendländische kaiser zu grosse mühe hatte, Italien vor den
anstürmenden barbaren zu beschützen, um eine entfernte und an den
grenzen durch fortwährende einfälle unermüdlicher feinde bedrohte
provinz zu vertheidigen: Britannien ward sich selbst überlassen.
[Footnote 21: Sharon Turner's History of the Anglo-Saxons vol. I.,
Book II., chapt. VIII. handelt von der eintheilung Britannien's
als provinz und ihren kaiserlichen regierungsbeamten.]
[Footnote 22: Dieser merkwürdige moment der brittischen geschichte
ist aufbewahrt und überliefert von Zosimus VI, 6. 10.]
Durch die römerherrschaft war Britannien der civilisation gewonnen
worden. Das land befand sich während derselben in einem blühenden
zustande, war in allen theilen mit schön gebauten Städten bedeckt und
mit einem netz gut angelegter strassen überzogen, wovon das grosse
Itinerarium[23] des römischen reiches, welches unter dem namen des
Antoninus Augustus bekannt ist und wahrscheinlich aus dem jahre 320
herrührt, so wie ein anderes Itinerarium zeugniss ablegt, welches
Richard von Cirencester, ein mönch des vierzehnten jahrhunderts, aus
einem alten wegebuche oder einer alten karte entnommen haben soll.[24]
Die vielen römischen alterthümer, strassen, brücken, wasserleitungen,
tempel, villen, thürme, wohngebäude, altäre, votivtafeln, gräber,
waffen, schmucksachen und andere gegenstände des täglichen lebens wie
der kunst, welche in späterer zeit über ganz England zerstreut gefunden
worden sind, liefern den unumstösslichen culturhistorischen beweis von
Britannien's blüthe unter den Römern.[25]
[Footnote 23: Abgedruckt mit bezug auf Britannien aus der ausgabe
von Wesseling in Thomas Wright's The Celt, the Roman etc.
(S. 455.)]
[Footnote 24: Diese compilation Richard's von Cirencester wurde
zuerst im jahre 1757 nach einer handschrift des vierzehnten
Jahrhunderts zu Copenhagen in 8. von Bertram herausgegeben. Sie
enthält achtzehn itinera, welche, wie Richard sagt, aus den
zusammenstellungen geschöpft sind, die ein römischer heerführer
habe veranstalten lassen. Thomas Wright's buch enthält (S. 459)
diese achtzehn itinera Richard's von Cirencester, so wie den auf
Britannien bezüglichen theil (S. 463) des im siebenten
jahrhunderte zu Ravenna entstandenen geographischen werkes,
welches in zwei handschriften (im Vatican und in der pariser
bibliothek) auf uns gekommen ist.]
[Footnote 25: Gildas spricht von Britanniens romanisirung »ita,
ut non Britannia. sed Romana insula censeretur.«]
Wenn man aber von Römern in den provinzen des grossen weltreichs
spricht, so darf man während der kaiserzeit bei diesem worte nur noch
selten an die bewohner Rom's denken. Die ältesten römischen colonisten
in den eroberten ländern bestanden freilich meist aus römischen bürgern
und soldaten, welche ihre zeit ausgedient hatten, oder nicht länger zu
dienen im stande waren, und für geleistete kriegsdienste durch
landschenkungen belohnt werden sollten. Sie überkamen mit dem lande, das
ihnen gegeben ward, zugleich die pflicht, die neue stadt und ihr gebiet
zu schützen. In dieser weise ward Camulodunum (Colchester) gegründet,
wie wir aus Tacitus erfahren. Als sich die herrschaft der römer
ausdehnte, wurden den römischen legionen zahlreiche hilfstruppen
beigegeben, welche aus der jungen mannschaft der unterjochten provinzen
ausgehoben waren. So stand nach der Notitia imperii die 26. cohorte der
Britten in Armenien, die 4. Ala der Britten kämpfte in Egypten, ein
haufen Britten hatte sein standquartier in Spanien, ein anderer in
Illyrien; andere brittische hilfstruppen standen in Gallien, Italien und
anderen theilen des römischen reiches. In Britannien dagegen befanden
sich fremde krieger, unter andern auch eine afrikanische legion, zu
welcher auch schwarze Aethiopier gehörten. Aus solchen hilfstruppen
entstanden zuweilen colonien in fremden ländern, wodurch die Römer nicht
nur eine stütze ihrer herrschaft zu errichten, sondern auch eine
allmälige assimilirung der verschiedenartigen bevölkerung ihres reiches
zu erzielen suchten. Cicero nennt nicht mit unrecht die römischen
colonien propugnacula imperii. Indessen verlor Rom durch diesen
auflösungsprocess der nationalität fremder völker zugleich seine eigene.
Männer aus stämmen und völkern, welche das alte Rom einst unter seine
füsse getreten hatte, erhoben sich zu befehlshabern in den armeen, zu
senatoren, stiegen sogar auf den kaiserlichen thron!