betrachten, ohne zurückzudenken, von wannen sie kommt, ohne ihr
gleichsam eine Wurzel zu leihen. Hinter dem Baume höre ich den Wald
rauschen, und der Harzgeruch, den die grünen Nadeln sehnsüchtig
ausströmen, zieht den Sinn, der doch gerade an diesem Tage an Haus und
Herd haften möchte, träumerisch in die Ferne. Zuerst muß ich heuer dein
gedenken, du traulicher Wienerwald, der du mir zur heißen Sommerszeit
gastlichen Schatten geboten hast, und dann denke ich weit und weiter,
von der Donau hinauf an die Isar, an deren Ufer bis in die Hundstage
hinein so heftige Schlachten geschlagen wurden. Kunstschlachten,
Dunstschlachten, auf den Brettern geliefert, nicht auf den Feldern,
Schlachten aber, die, bei dem Theatersinne der Deutschen, die Gemüter
lebhaft erregten und schließlich eine Erbitterung hervorriefen, die noch
heute in verschiedenen Blättern und Blättchen nachzittert.
Glücklicherweise liegt auch hinter München Wald und Gebirge, und damals
wurde viel Wunders erzählt von dem großen Krippenspiel, genannt
Passionsspiel, welches die ländliche Gemeinde von Oberammergau den
Sommer hindurch allwöchentlich ins Werk zu setzen pflegte. Da der
Schauplatz einladend nahe lag und ein Heraustreten ans dem schwülen
Münchener Dunstkreise, der sich durch wahrhaft rasende Abendgewitter
vergebens abzukühlen suchte, wünschenswert war, so stellte sich der
Gedanke von selbst ein, mit ein paar Freunden, dem allgemeinen Weltzug
folgend, nach Oberammergau zu wallfahrten. Kaum je habe ich die ragenden
Zwillingstürme der Münchener Frauenkirche fröhlicheren Sinnes hinter mir
gelassen, als da ich, das saure Vergnügen des Gesamtgastspiels
unterbrechend, an einem dumpfen Julitage dem Hochgebirge zustrebte, um
nach so viel Kunst und Künstelei an dem dramatischen Naturspiel der
Ammergauer die müde Seele zu laben. Nach einer unerquicklichen
Eisenbahnfahrt kamen wir endlich in Murnau an, wo schon das Umsteigen
aus einem überfüllten Waggon in ein offenes Gefährt eine Wohltat war.
Aus dem Knäuel der verschiedenartigsten Fahrgelegenheiten hatten wir uns
rasch losgewunden, ein freundliches Gasthaus bot im Vorüberflug Speise
und Trank. Wir waren in unserem Wagen lauter gute Bekannte: ein sanfter
Wiener Kollege semitisch-madjarischer Abkunft mit seiner lebhaften
geistreichen Schwester; ein liebenswürdiger königlich bayerischer
Hauptmann, der seine pfälzische Mundart so eilfertig sprach, daß die
eigene Zunge kaum nachkommen konnte, und neben dem Kutscher saß ein
junger Bruder Franziskaner, gleichsam ein Feldwebel im Reich der Gnade,
der sich durch Heiligenbildchen bei der Dame eingeschmeichelt hatte und
von seinem eigensinnigen Vorsatz, unsere Fahrgelegenheit mitzubenutzen,
nicht abzubringen gewesen. Trotz geistlichen Beistandes ging die Fahrt
ohne besonderen Unfall vonstatten. Das Fahrzeug trug uns sachte hinein
in das Hochgebirge, das immer gewaltiger aufstieg, bis wir uns selbst in
die Berge verloren. Scherzworte, die zwischen Bock und Wagen, wie
zwischen Himmel und Erde hin- und wiederflogen, würzten und kürzten die
Zeit. Der steile Ettaler Berg, der zu Fuß erstiegen sein will, war bald
genommen, und gegen Abend rollten wir, die freundlichen Ufer der Amper
entlang, hinunter nach dem berühmten Bildschnitzer- und
Schauspielerdorfe, das wir von einem kosmopolitischen Völkergewimmel
erfüllt fanden. Es war der Abend vor dem Sonntagsspiele. An ein
Unterkommen, an Sitze für die nächste Vorstellung war nicht zu denken.
Wir hatten einen redseligen Berliner in einer Hühnersteige einquartiert
gefunden, ein Engländer nächtigte in einem Großvaterstuhle, ein
geschmeidiger Junge aus New York schlief auf einer schmalen Küchenbank.
Zunächst suchten wir ein Obdach in der Nachbarschaft und sicherten uns
Einlaßkarten für die Montagsvorstellung. Uns ward ein köstlicher freier
Sonntag, an dem wir zu Wagen und zu Fuß durch das Ammergauer Tal
streiften, entzückt von der Schönheit der Landschaft, von der
erquickenden sonnigen Luft und von der erstaunlichen Frische des
Pflanzenwuchses. Als wir den Hollunderbusch und die Linde blühen sahen,
die in der Ebene unten längst Frucht angesetzt hatten, war es uns so
wunderlich zumute, als ob wir in die frühere Jahreszeit zurückgingen,
und sofort dämmerte die täuschende Hoffnung auf, daß es Möglichkeit und
Mittel geben könnte, die verschollenen Jugendtage noch einmal zu
erleben. Doch ließ das kräftige Gefühl der Gegenwart solche empfindsame
Gedanken nicht um sich greifen; wir schöpften den Tag gründlich aus, und
erst um Mitternacht suchten wir das Lager auf, um der heiligen Frühe,
die uns das ungeduldig erwartete Krippenspiel bringen sollte,
entgegenzuschlummern.
Endlich saßen wir dem Theater gegenüber, das nach den Bergen hingestellt
ist: ein Holzbau, die Bauglieder farbig hervorgehoben, mit einem Bild im
Giebelfeld. Die Bühne selbst ist in drei Schauplätze geteilt: Der
mittlere größere Raum mit der Aussicht auf Jerusalem, links und rechts
eine schmälere Gasse mit den Häusern des römischen Landpflegers und des
Hohenpriesters turmähnlich flankiert. Schon füllt sich die Gasse rechts
mit allerlei Volk, das jauchzend quer durch den mittleren Raum zieht und
durch die Gasse links, während der Heiland, von Hosianna umtönt, auf dem
Esel reitet, auf die geräumige Vorbühne ausmündet. Der Aufzug gewährt
das überzeugendste Bild einer großen Volksbewegung, die sich, durch die
sinnreiche Bühneneinrichtung, bald drängt, bald erweitert, bis sie sich
in voller Breite ergießt. Durch häufige und nur allzu häufige lebende
Bilder nach dem Alten Testamente, die für das Christentum vorbildlich
sein sollen, unterbrochen, rückt die Handlung nur träge vorwärts. Man
gewinnt damit Zeit und Antrieb, das zweite Schauspiel, welches die
Naturszenerie und das Publikum gewährt, näher zu betrachten. Tausende
von Zuschauern, über deren Köpfe man hinblickt, sitzen hier mehr oder
weniger unter freiem Himmel, alle schaulustig und gespannt, aber doch
auch leiblichen Bedürfnissen unterworfen. Selbst nicht vor dem Bilde des
Höchsten und Heiligen schweigt, mit Homer zu reden, »die Wut des
leidigen Magens«. Mächtige Brottrümmer kommen zum Vorschein, schmächtige
Butterbemmchen verschwinden neben ungezählten Knackwürsten und blühenden
Speckseiten. Man hört Stöpsel springen und das Glucksen sich
entleerender Flaschen. Dazwischen Stöhnen und Schluchzen und das
prosaische Nachspiel des Weinens -- das Schneuzen. Man irrt aber, wenn
man meint, irgendeines dieser Dinge störe die Stimmung des Zuschauers.
Die Größe, die Mannhaftigkeit besitzt eine reinigende Kraft, wie ja auch
das Meer nie schmutzig erscheint. Dann ist es die Gegenwart der freien
Natur, die jeden kleinlichen Gedanken aus der Seele drängt. Ich sehe den
Himmel über mir mit seiner ewigen Leuchte, eine vorüberziehende Wolke
entlädt sich unter Blitz und Donner; dann blinken uns von den Halden die
Wiesen entgegen, und weiter hinauf winkt der grüne Wald. Hier
lustwandeln fröhliche Dirnen, dort recht ein Bauer das Heu zusammen; man
hört die Hähne krähen und das Girren der Tauben. Und hier zwischen
Zuschauerraum und Bühne fliegen die Schwalben und schreien die
Sperlinge. Die Natur läßt sich nicht stören durch die Meinungen und
Veranstaltungen der Menschen; während dem Heiland die Nägel durch die
Hand getrieben werden, suchen zwei Schmetterlinge einander zu haschen.
Da mag man wohl lächelnd an das Wort des Apostels Paulus denken: »Wir
wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch
immerdar« -- was von manchen so ausgelegt wird, daß auch die übrige Natur
außer dem Menschen in das Erlösungswerk mit einbezogen sei. Die Natur
aber ist eine uralte Heidin und wird eine Heidin bleiben; erst mit dem
Menschen beginnt das Heilsbedürfnis. Da ist es nun eine wunderbare
Erscheinung, und gerade Ammergau legt diesen Gedanken nahe, wie das
Christentum, aus den höchsten Geistesquellen des Altertums entspringend,
bis zu dem gemeinen Mann herabfließen und noch den Weihkessel der Armen
und Elenden mit seinem Segen füllen konnte. Heraklits Oben und Unten,
die Trennung von Leib und Seele, die platonische Lehre vom Vater und
Sohne, von der Allgegenwart der Idee, die jüdisch-griechische
Philosophie mit ihrer vermittelnden Tätigkeit, die universalistische
Tendenz des römischen Geistes -- alle diese dialektischen Verstandes- und
Gemütsprozesse mußten vorhergehen, bevor die Kirche ihr Brot backen und
ihren Wein schenken, bevor die Heilslehre Eingang finden konnte in die
Seele und in den Mund eines deutschen Bauern. Der Logos, das Wort ist
Fleisch geworden -- ein Gedanke, mit dem nur wenige von den Zeitgenossen
des Perikles einen Sinn hätten verbinden können, er ist ein Gemeingut
unserer Landleute und wird von den Ammergauer Bildschnitzern vor aller
Welt dramatisch dargestellt.
Das dramatische Evangelium der Oberammergauer, ihr Buch zum
Krippenspiel, trägt den Charakter der Aufklärungszeit, in der es
entstanden. Man hat in der jüngsten Zeit nach der ältesten Gestalt des
Ammergauer Bühnenspieles geforscht und glaubt es in einem geistlichen
Spiele des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg gefunden zu haben.
Die Sprache dieses Spieles weist in das fünfzehnte Jahrhundert zurück.
Das Gedicht springt auch nicht mehr aus der Quelle, sondern führt in
seinem Rinnsal das getrübte Wasser und Gerölle der Jahrhunderte mit
sich. Selten gewinnt es plastische Gestalt, nur wenn Maria auftritt,
wird es lebendiger und wärmer. »Nun helfet mir mein Kind beklagen,« ruft
Maria an dem Grabe des Heilands aus; »ihr wisset ja, wie lieb sie sind!«
(nämlich die Kinder.) Dieses einzige Wort wiegt das ganze Passionsspiel
des Augsburger Meistersingers Sebastian Wild auf, aus welchem die ältere
Fassung des Ammergauer Buches hervorgegangen. Hier weicht die Mutter
Gottes, wahrscheinlich unter dem Einflusse der Reformation, auffallend
zurück, und das Ganze ist eine handwerksmäßige Arbeit, die sich blind an
den Endreimen fortgreift. Das gegenwärtige Buch der Ammergauer ist, wie
gesagt, rationalistisch gefärbt und ohne volkstümliche Ader. Es fehlt
der trauliche Ton, und die logischen Gelenke der Sprache treten stark
hervor. »Was übrigens die Vollziehung des Urteils anbelangt,« sagt
beispielsweise Kaiphas, »so wird es wohl das Sicherste sein, wenn wir es
beim Landpfleger durchsetzen könnten, daß _er_ ihn zum Tode brächte --
dann wären wir ohne alle Verantwortung.« Oder Petrus, der aus dem Grabe
des Heilands kommt, sagt zu Johannes: »Sieh selbst, wie ordentlich die
Leintücher zusammengelegt sind. Alles ist im Grabe so geordnet, wie wenn
jemand, der vom Schlafe aufsteht, seine Nachtkleider an den bestimmten
Ort legt.« Doch bringt es selbst diese nüchterne Bezeichnung der Dinge
manchmal zu ergreifender Wirkung, wie zum Beispiel, wenn Jesus, von
seiner Mutter Abschied nehmend, ausruft: »Mutter! Mutter! Für die
zärtliche Liebe und mütterliche Sorgfalt, die du mir in den
dreiunddreißig Jahren meines Lebens erwiesen hast, empfange den heißen
Dank deines Sohnes.« Freilich greift hier die unwiderstehlich packende
Situation über das Wort hinüber. Im ganzen bekundet das Buch einen guten
Sinn für wirksame Situation.
Das Anregendste am Ammergauer Krippenspiel ist wohl der Schauplatz
selbst, das geräumige, sinnreich gegliederte Theater, welches den
Schauspieler nicht unvermittelt aus der Kulisse fallen läßt und jene
Volksaufzüge ermöglicht, die an Wirkung weit hinausreichen über das
Spiel der einzelnen. Ein ähnliches Theater scheint dem maßlosen Grabbe
vorgeschwebt zu haben, wenn er in den »Hundert Tagen« etwa vorschreibt:
»Zwei Schwadronen rücken vor«. Das Volk, die »Turba«, wie es in den
Passionsmusiken heißt, ist der große Schauspieler von Ammergau, den
freilich die Meininger nicht zu fürchten haben. Über die einzelnen und
hervorragenden unter den Schauspielern hat sich kein klares Urteil
festgestellt. Die Kritiker setzten sich gewöhnlich in ein gemütliches
Verhältnis zu den Spielern, und so verloren sie ihre Unbefangenheit. Sie
haben mit Judas in dieselbe Schüssel getaucht, mit dem Heiland einen
Schoppen getrunken und mit der Mutter Gottes unter einem Dache
geschlafen. Dieser schlichte Mensch, heißt es dann, welch ein
Schauspieler! Nun ist es keine Frage, daß, von den Frauen abgesehen, die
durchaus abscheulich spielten, manche der Mitspielenden Treffliches
leisteten. Allen voran steht der Darsteller des Christus. Er ist eine
schöne männliche Erscheinung, »unnachahmlich« gewachsen, wie eine
Engländerin meinte, in allem Sichtbaren, was Gang, Stellung und Gebärde
betrifft, geradezu bewunderungswürdig. Man merkt wohl den Bildschnitzer
durch, und er hat sich, nach seiner eigenen Äußerung, an Führichs
Kreuzgang geschult. Wie er vor Pilatus erscheint, wie er am Kreuze
hängt, das ist eine wahre Augenweide. Leider liegen seine Augen zu
versteckt, und in seiner hohen Tenorlage spricht er mitten hindurch
zwischen dem Schulmeister und dem Geistlichen. Außerdem ist er grimmig
ernst; er hat nichts von der Ironie des Heilands, der doch, ganz Mensch
und ganz Gott, die höchste Ironie darstellt. In seiner allzu passiven
Haltung trägt er wesentlich bei zu der Verstimmung, die sich dem brutal
mißhandelten Christus gegenüber des Zuschauers bemächtigt. Für den
Gläubigen ist das Wasser auf die Mühle; wer aber dramatisch genießen
will, dem ist mit einem so absolut duldenden Helden nicht gedient. Alles
rein Menschliche in den Situationen, wie etwa die Szene auf dem Ölberge,
wird dann zum Genusse. Im ganzen leidet das Ammergauer Krippenspiel an
einem Hauptfehler: es ist nicht mehr Naivität und noch nicht Kunst. In
dieser schwankenden Mitte wird der Zuschauer hin und her geschaukelt.
Andere, darunter selbst Schauspieler, urteilen milder. Vielleicht wird
es dem Leser angenehm sein, in diesem Zusammenhange das Urteil eines
großen Schauspielers zu hören. In einem Briefwechsel, in welchem es sich
um die Schauspielkunst handelte, schrieb mir Adolph Sonnenthal:
»Also meine Ammergauer Eindrücke wünschen Sie zu wissen? Nun, ich hatte
deren, und zwar mächtige Eindrücke, die aber leider durch die oftmals in
die Länge gezogene Handlung, durch das störende Spiel einzelner, wie des
Judas und der Magdalena, wieder paralysiert wurden; und dennoch brachte
mich der Darsteller des Christus immer wieder in die richtige Stimmung,
so daß ich in der Hauptaktion, in der Kreuzigung, aufs tiefste ergriffen
war und beim Verlassen des Spieles nur den einen Gedanken hatte: ob
irgendein Schauspieler die Rolle so perfekt darstellen könnte. Sprechen
würde er sie unbedingt besser, aber agieren? Ich glaube nicht. Die
Aktion des Abendmahles und der Tod könnten jedem großen Künstler von
Beruf zur Ehre gereichen. Die Hoheit und Milde, und ich möchte sagen die
Grazie, mit welcher dieser Mensch den Jüngern die Füße wusch, hat mich
geradezu in Erstaunen gesetzt. Die Inkarnation des Leidens im Ausdrucke
und dabei die übermenschliche Duldermiene am Kreuze, die letzten
Momente, wenn ihm das Auge bricht und der Kopf schwer auf die Brust
sinkt und noch mit gebrochenem Auge seine Mutter sucht -- ich wüßte
keinen Schauspieler, der es besser machen könnte, und daß dieser Mann
eben kein Schauspieler, sondern ein einfacher Mensch und Holzschnitzer
ist, das hat mir mehr als einen künstlerischen, das hat mir einen
weihevollen Eindruck gemacht. Diesen Eindruck empfing ich auch bei dem
Einzuge Christus in Jerusalem, bei der Kreuztragung, und wenn nur die
anderen Mitspielenden annähernd die natürliche Begabung Mayers hätten,
dann wäre der Eindruck ein allgemeiner. Man sprach zu viel davon, und
Sie erwarteten ein künstlerisches Ensemble. Das ist es nicht und soll es
meiner Ansicht nach auch nicht sein, wenn es wirklich eine religiöse
Wirkung hervorbringen soll. Es darf nur nicht geradezu störend sein, wie
Judas und Magdalena. Ich habe mir manches sogar noch naiver, noch
natürlicher gewünscht. Die künstlerischen Eingriffe der Münchener
Künstler in den letzten Jahren haben dem Wesen der Sache offenbar
geschadet; man wird dadurch hin und wieder doch an das Theater erinnert,
und zwar an ein schlechtes Theater, und das ist vom Nachteil. Ihr
Eindruck ist übrigens nicht vereinzelt; ich habe viele gesprochen, die
Ihre Empfindung ganz und gar teilen. Vor einigen Tagen war ich in
Königswart bei der Fürstin Metternich; während des Diners wird über
Oberammergau gesprochen, und die Fürstin erwartete einen Brief ihrer
Tochter, der Fürstin Oettingen, die auch dem Passionsspiele beigewohnt
und die ihr versprach, darüber zu schreiben, denn sie selbst war nicht
dort. Nach Tisch traf dieser Brief richtig ein, und die Fürstin las ihn
uns vor. Im allgemeinen sprach sie nun Ihre Ansicht aus; aber eine
geistreiche Bemerkung machte sie über Christus, die sehr bezeichnend
ist. Sie sagte: er spielte zu demütig, #comme s'il n'était pas digne
d'être Jésus!# Ich mußte ihr widersprechen, denn gerade die Auffassung,
wenn hier von Auffassung die Rede sein kann, das rein Menschliche, hat
mich diesem Gottmenschen näher gebracht und -- lächeln Sie nicht, ich
habe an ihn geglaubt, allerdings nur bis zu dem Moment, wo er aus dem
Grabe auferstand. Hier wurde ich wieder zu sehr an die Komödie gemahnt.
Ich habe noch nichts über die Einrichtung des Theaters gesagt, dies fand
ich geradezu sublim. Sie doch auch? Die Szene des Gerichts. Pontius auf
dem Balkon, unter demselben der gefesselte Christus, zur Rechten das
Volk, zur Linken die Priester, das war doch ein großartiger Eindruck.
Was ließe sich auf solch einem Theater mit großen klassischen Stücken
machen -- etwa mit den Königsdramen oder »Götz«? Diese beiden
Seitenbühnen sind eine geniale Erfindung. Denken Sie sich die
Volksszene im »Julius Cäsar«, in der Mitte das Forum, das Volk zu beiden
Seiten, die ganze Tiefe der Bühne -- es müßte hinreißend wirken. Der Chor
und die Musik, die mir anfangs gefielen, wirken auf die Länge durch ihre
Monotonie etwas einschläfernd; doch hat mir wieder der Chorführer, wenn
Sie ihn noch im Gedächtnisse haben (und zwar der vom Zuschauer rechts),
außerordentlich gefallen. Wie edel sich der Mensch bewegte, wie
geschickt er immer auftrat und abging. Das ist nämlich sehr schwer, so
eine breite Bühne entlang ruhig und schön zu gehen. Wenn Sie nun alle
diese Einzelheiten summieren, so werden Sie es begreiflich finden, daß
das Schauspiel nicht ohne Eindruck an mir vorübergehen konnte, und ich
bereue es nicht einen Augenblick, dort gewesen zu sein.«
Nach einer solchen Autorität in schauspielerischen Dingen kann man schon
schweigen. Ohnedies wird es allzu lebendig um mich her, und auf das
große Krippenspiel folgt das kleine. Ein einziges Kind ist mächtiger als
ein ganzes Publikum. Eine kleine Hand führt mich zu dem flimmernden
Baume hin, in welchem ein ganzer Wald von Seligkeit rauscht.
(Am 25. Dezember 1880)
Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm
Ein Weihnachtsblättchen
Die Brüder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt die ganze deutsche Welt, von
den obersten Höhen geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch bis
herab in die Kinder- und Schulstube. Sie haben die Kinder- und
Hausmärchen gesammelt aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur gesammelt,
sondern, indem sie mit dichterischem Sinne die epischen Gesetze dieser
Gattung durchfühlten und erkannten, haben sie uns die Märchen weich,
warm und traulich an das Herz gelegt. Wer diese Märchen in sich
aufgenommen, kann Deutsch, und auch das tiefe Gefühl, woraus sämtliche
Werke der Brüder Grimm hervorgegangen: das Heimatsgefühl, wird er aus
ihnen kennen gelernt haben. Die prächtigen Worte Vaterlandsliebe und
Patriotismus möchten wir, wenn wir von den Brüdern Grimm sprechen, nicht
in Anwendung bringen, weil bei ihnen das Gefühl für ihr Volk im Engen
und Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem sie angehören, in dem
heimatlichen Winkel, wo sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie
gelebt haben. Selbst wenn sie sich zur höchsten Vaterlandsliebe
aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre Furche zurück und vollenden da,
der Lerche gleich, den Lobgesang eines Liedes, das sie in der Höhe
geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem stärkeren, mutigeren,
vordringenderen der beiden Brüder, fällt diese Sitte auf, und Wilhelm
läßt sich nur durch den älteren, aber feurigeren Bruder zu kräftigeren
Kundgebungen der Gesinnung mit fortreißen. In Leben und Wissenschaft ist
Jakob die trotzigere und bahnbrechende Natur. Wo er den Pflug ansetzt,
drückt Jakob ihn tiefer ein, so daß der Brodem der Erde hervorbricht und
sich die Schollen schwer und langsam, als wollten sie sich eine Weile
besinnen, zu beiden Seiten niederlegen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob
mit Axt und Pflugschar, während Wilhelm mehr eine Gärtnernatur ist, die
auf dem schon gerodeten Erdreiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie
sorgsam wartet und still begießt. Jakob wühlt neue Schöpfungen aus dem
Boden hervor, eine Grammatik, die Mythologie, die Rechtsaltertümer,
Wilhelm läßt gewissen alten Lieblingsautoren seine peinliche Pflege
angedeihen und schreibt, bedächtig suchend und das Gefundene geduldig
zusammenfügend, die Geschichte der Heldensage, die ihren Gegenstand
durch Zeugnisse und eigene Entwicklung von außen und innen beleuchtet.
Alle diese Arbeiten und Werke gehen aber aus dem tiefen Grunde des
Heimatsgefühls, aus der starken Empfindung hervor, daß es für den
Menschen nichts Anziehenderes und Wertvolleres gebe, als was schon die
Heimat an lebendigem Besitz und nachklingender Überlieferung
entgegenbringe. Rührend neben so eindringlichen wissenschaftlichen
Taten ist bei den Brüdern Grimm der kindliche Ausdruck ihrer
Anhänglichkeit an die Heimat. So wenn Wilhelm, im Hinblick auf den
Aufenthalt seines Sohnes in Italien, in die Worte ausbricht: »Ich könnte
auf die Länge nicht an einem anderen Orte leben, so hänge ich an meinem
Vaterlande,« oder wenn Jakob sich statt aller Herrlichkeit des Südens
den blühenden Apfelbaum lobt und den Finken darauf.