Das Kleine groß empfinden ist eine Kunst Jakob Grimms. Er und sein

Bruder haben die Gabe des Dichterauges, das sämtliche Dinge, sie mögen

noch so gewohnt und vergriffen sein, stets zum ersten Male sieht und

einen Strahl der Verwunderung und des Wiedererkennens darauf fallen

läßt. Jakob Grimm sagt einmal: »Alles, was der Mensch betrachtet, ist

wunderbar, Sprache, Wort und Laut«. Diese Anschauung zieht sich in einem

breiten Bande durch seine deutsche Grammatik, die so vorteilhaft

abweicht von allem, was man bis dahin Grammatik genannt hat, daß sie uns

alle zu Grammatikern macht. Sie lehrt nicht, sie schulmeistert nicht,

sie zeigt bloß, wie die Dinge sind. Oft geht Grimm von unwillkürlichen

Jugendeindrücken aus, die nun wissenschaftlich reif geworden sind, wie

die sinnlichen Freuden an dem Lautdreiklang #a#, #i#, #u#, der mit

seinem Vokalgesang die ganze deutsche Sprache durchwaltet. Wenn wir

sagen: binde, band, gebunden, so ist das ein einzelner Fall, dem man in

der deutschen Sprache auf Schritt und Tritt begegnet. Jeder Knabe,

jedes Mädchen, das eine Volksschule besucht, weiß heute, daß ein

Zeitwort, welches mit diesem Klangschmuck und Wohllaut abgewandelt wird,

ein starkes Zeitwort heißt, während das schwache Zeitwort dieser Zierden

entbehrt. Vor Grimm hieß ganz verkehrt das schwache Zeitwort regelmäßig,

das starke aber, das doch äußere Anhängsel verschmäht und die

verschiedenen Zeiten durch einen mächtigen inneren Trieb aus sich selbst

erzeugt, unregelmäßig. Jakob Grimm hat hier den Schulmeistern ein Licht

aufgezündet, bei dem sie das sahen und erkannten, woran sie sich bisher

nur gestoßen hatten. Manches andere noch hat Grimm in diesem bisher so

trockenen Buchstabenwesen entdeckt. Immer mächtiger drang er in seiner

Grammatik vor, stets, wie bei allen seinen Untersuchungen, von einem

starken Heimatsgefühl geleitet. Sein Volk wollte er erkennen in seiner

Sprache. Er zeigte, wie die deutsche Sprache den großen Gegensatz der

Geschlechter, der die Menschen scheidet und bindet, auch auf die übrige

Schöpfung durch ein eigentümliches Einbildungsvermögen ausdehnt; er

schüttete die ganze deutsche Sprache auf, um die Vorstellungen und

sittlichen Richtungen des deutschen Geistes darzustellen, gleichsam

Vorelemente zu einer deutschen Psychologie und nationalen Ethik

herbeizufördern. Er brachte dadurch auch Klarheit in die deutschen

Personennamen, in welchen sich das deutsche Wesen, als man die Bedeutung

des Wortes noch verstand oder durchfühlte, so mannigfaltig und deutlich

aussprach. Ein Name, den man einem Kinde beilegt, ist ein Wunsch oder

gar die Fülle des Wunsches: ein Ideal. Grimm ist in diese Untersuchungen

ohne vorgefaßte Gedanken oder heimliche Tendenz hineingegangen. Wilhelm

Scherer ist gescheitert, und in einem schmerzlichen Bekenntnisse hat er

selbst eingestanden, gescheitert zu sein, als er gewissen

geschichtlichen Erscheinungen der deutschen Sprache ethische Beweggründe

unterschob, Lautverschiebung und Lautänderung, anstatt sie mechanisch

aus dem Spiele der Sprechwerkzeuge zu erklären, vielmehr aus

Charaktereigenschaft des deutschen Geistes ableitete.

Jakob Grimm hing so fest an der Scholle, daß er Kassel und sein

geliebtes Hessen nur ungern verließ, und so weit schien ihm die

Entfernung, daß er zum Antritt seiner Professur an der Göttinger

Hochschule das Heimweh zum Redethema wählte. Nach altem Brauche mußte er

die Rede lateinisch halten. Seltsam genug nimmt sich ein so

grunddeutsches Wort und eine so grunddeutsche Sache in der fremden

Kleidung aus. Wie umständlich und nüchtern ist die lateinische

Umschreibung des Wortes (#De desiderio patriae#), wie sonderbar, wenn

Grimm bei gehobenen Stellen sich der Redeweise römischer Dichter

bedient. Nostalgia gäbe ganz den Sinn des deutschen »Heimweh«, allein es

ist ein spätes Wort, das wie eine Übersetzung klingt. Zwar die Sache

haben die Griechen gekannt -- Zeugnis dafür die Odyssee, das ewige Lied

des Heimwehs, Zeugnis dafür aus geschichtlicher Zeit die rückkehrenden,

das Meer erblickenden Landsknechte des Xenophon, denen Laute entfahren,

die man als deutsch ansprechen könnte, wenn sie für deutsche

Eichenherzen nicht zu sehr ins Weiche gingen. Grimms lateinische Rede

über das Heimweh kann uns an das Walthari-Lied erinnern, das trotz der

Abfassung in römischen Versen rechte Funken deutschen Heldentumes wirft.

In römischer Zunge eifert Grimm gegen den Mißbrauch der lateinischen

Sprache, und einmal, als er das Lateinische »wert, teuer sein«, das an

Gewicht und Geld erinnert, von der Heimat gebraucht, glaubt man schon,

ihm würde das herzliche Wort »lieb haben« von den Lippen springen. Ihm

übrigens Heimweh zu erwecken, trugen die unerquicklichen politischen

Zustände in Hannover bei. Der König hatte die Verfassung aufgehoben,

Grimm hatte auf die Verfassung geschworen. Er hielt seinen Schwur, wurde

entlassen, und als er mit seinem Bruder nach Kassel zurückkehrte, paßte

jeden Tag ein Polizeimann vor ihrer Wohnung, als ob sie gemeine

Spitzbuben wären. In der Schrift über seine Entlassung fragte er mit dem

Siegfried im Nibelungenliede: Wohin sind die Eide gekommen? Von da an

ist den Gebrüdern Grimm die Politik, obgleich sie keine Politiker waren,

nachgegangen. Jakob ist im Frankfurter Parlament gesessen, er hat tapfer

teilgenommen an der schleswig-holsteinischen Frage. Das Heimatsgefühl

steigert sich zur vaterländischen Gesinnung. Jakob schreibt an einen

dänischen Gelehrten: »Ich träume von einem großen Verein zwischen

Deutschen und Skandinaven ... Ich schätze zwar keines der übrigen

mitlebenden Völker gering, möchte aber doch nicht die Eigentümlichkeit

meines Volkes und der uns urverwandten preisgeben gegenüber einem

unserer ganzen Art fremden und von uns abweichenden. Der gemeine Russe

ist kräftig und praktisch, voll Verstand und Begabung, allein höheren

Zielen der menschlichen Entwicklung strebt er nicht eben zu; alle

Beamten sind in hohem Grade verderbt und bestechlich, die vornehmen

Stände durch frühreife Treibhauskultur im voraus fast zugrunde

gerichtet. Wer möchte wünschen, daß diesem mit breiter plumper Gewalt in

der Weltgeschichte wie fast kein anderes auftretenden Volke noch ein

größerer Spielraum zuteil werde ... Diese Russen sind natürliche Feinde

alles dessen, was Deutschland da oder anderwärts stark machen würde.

Aber ich begreife dein dänisches Gefühl, das Russen den Deutschen

vorzöge ...« Jakob Grimm, der in einem geeinigten und freien Deutschland

die Gewähr für den Frieden und die Wohlfahrt Europas erblickt, hat das

neue Deutschland, nach dem er sich so sehr gesehnt, nicht mehr erlebt.

Aber einen merkwürdigen Blick in die Zukunft hat er getan, als er im

Jahre 1844 in Italien reiste. Er schreibt in seinen Reiseerinnerungen:

»Das heutige Italien fühlt sich in Schmach und Erniedrigung liegen; ich

las es auf dem Antlitz blühender, schuldloser Jünglinge. Was auch

kommender Zeiten Schoß in sich berge, die Macht, deren Flamme wir noch

aufflackern sehen, wird nicht ewig über ihm lasten, und wenn Friede und

Heil des ganzen Weltteiles auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen,

so muß sogar diese durch eine in dem Knoten der Politik noch nicht

abzusehende, aber dennoch mögliche Wiederherstellung Italiens bedingt

erscheinen.«

Wie weit und scharf Jakob Grimm über den lebendigen Zaun seiner

Heimatsliebe späht, ist aus den angeführten Worten zu ersehen. In diesen

Stücken bleibt Wilhelm hinter dem Bruder zurück; aber Jakob zieht ihn

nach, und Wilhelm geht geistweise mit. Sind sie doch im Leben und in der

Wissenschaft immer miteinander gegangen und haben sich nie verlassen.

Sie waren einander treu, wie sie ihrem Volke treu waren -- treu wie Gras.

Man möchte fast vermuten, daß sich einmal, wenn ihre Bücher verschollen

sind, die Volksphantasie dieser beiden rührenden und großen Gestalten

bemächtigen werde. Wir können uns denken, daß man auf der Bank vor dem

Hause sich einmal erzählt:

_Die Brüder Grimm._

Ein deutsches Kinder- und Hausmärchen.

Es wird etwa beginnen: »Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß

Jakob, der jüngere Wilhelm.« Was aber wird das Märchen von ihnen

erzählen? Die Geschichte vom Dornröschen, nur daß die schlafende

Königstochter das deutsche Volk mit der versunkenen Heimlichkeit seiner

Sprache und Sitte sein wird, und die beiden Knaben, Jakob voran,

Wilhelm hintendrein, brechen durch die Dornenhecke und erlösen durch

ihren Kuß das schlafende schöne Kind. Dann werden in den Zuhörern alle

guten Geister des Heimatsgefühls aufwachen, und sie werden die beiden

Knaben, die das Wunder vollbracht haben, preisen und segnen.

(Am 25. Dezember 1891)

Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H.

in Wittenberg. Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard, Berlin

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1911 bei Meyer & Jessen erschienenen Ausgabe (neuntes

Tausend) erstellt; es bildet den dritten Band von Ludwig Speidels

Schriften.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from an edition

published in 1911 by Meyer & Jessen (ninth thousand), forming the third

volume of Ludwig Speidel's works.

The table of contents has been moved from the back of the book to the

front.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font# ]

Heilige Zeiten Weihnachtsblätter · 第 7 / 7 段