Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die

rückwärtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf

der Bank gegenüber, den Rücken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr

nachlässig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mädchen,

die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgültig dreinschauend; der

wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fuß gefallen, so daß man

letzteren in seiner naturwüchsigen Schönheit durch den eng anliegenden

Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden

Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfänger auf, der vor lauter Haaren

kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushängende

scharlachrote Zunge predigt überzeugend genug die von Kaffeegeruch und

Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fraß. Was dieses aufgeregte Tier

gern tun möchte, vollbringt in reichlichem Maße sein Tischnachbar, ein

junger, kräftiger Bauernbursch, welcher, völlig unberührt von der

feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen,

von Rosinen durchspickten Gugelhupf tüchtig zusetzt. Nicht einmal die

neben ihm zur Tür hereintretenden neuen Gäste vermögen ihn in seiner

eifrigen Arbeit zu stören.

Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die

Wöchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von

ihrem Jüngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im höchsten und

verführerischsten Glanze weiblicher Schönheit, der immer vorhanden, wo

ursprünglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Züge von einer

innigen Gemütsfreude verklärt werden. Nur glauben wir, daß diese an sich

so schöne und erquickliche Frauengestalt durch einen Mißgriff in diese

Bauernhütte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre

bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls

gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in

unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem

neuen Glücke scheint er fast nichts zu wissen, er beschäftigt sich mit

einem älteren Töchterchen, das er in den Armen hält, und welchem er

Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes für sich

als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreißen ein wenig die glückliche

Stimmung des übrigen Bildes, und der die Stube erfüllende Kaffeeduft,

welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblümten

Geschirren raucht, hat viel Mühe, die Einheit der Stimmung wieder

herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung

vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender -- Schriftwerk genug,

um den Bedürfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu genügen.

Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter

Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der

Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die

Kinder den Schreibtisch.

(Am 28. Dezember 1864)

Märchenhaftes

Friedrich Mitterwurzer

Man soll Märchen nicht dichten wollen. Märchen dichten sich selbst! So

dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und

Dichtung die naturwüchsige Entwicklung als Grundgesetz für Menschen und

Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten

einzuführen, neue Gesetze zu machen, neue Glaubenssätze zu prägen und

neue Märchen zu erfinden. Das Leben ist aber stärker als die Lehre. Was

neue Märchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder-

und Hausmärchenzeit ein zierlich gebundenes und gepreßtes Bändchen in

die Hand: »König Drosselbart«, ein Gedicht von E. Bügner (Wien, Carl

Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der

hochmütigen Königstochter aus äußeren Umständen mehr in das Gemüt

hineinverlegt, verrät eine Damenhand, und die ungewöhnliche

Sprachgewandtheit, die hier waltet, läßt auf literarische

Blutsverwandtschaft schließen. In dem Namen Bügner klingen fast

sämtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines

berühmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker

Hand die Grundlinien der Geschichte Österreichs gezogen und in diesen

Jahren das alte historische Märchen von dem edelgesinnten und

mißhandelten Königssohne Don Carlos zerstört hat. König Philipp und

König Drosselbart! Unsere Töchter sorgen dafür, daß die Märchen nicht

aussterben ... Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- Volksmärchen --

und Märchen, die gedichtet worden sind -- Kunstmärchen -- werden übrigens

immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich

Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Märchenvorlesungen

einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein

genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinären

Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen

Künstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurück: »Gehen Sie nur

mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und

spiele einfach, was in meiner Rolle steht.« So im besten Sinne

gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein

Programm zweierlei Märchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes.

Das gedichtete Märchen »Vom unsichtbaren Königreich« entnahm er Richard

Leanders »Träumereien an französischen Kaminen«, und das gewachsene »Von

einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« holte er sich aus der

Märchensammlung der Brüder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand

Mitterwurzer vor der Hörerschaft, aus der Knaben und Mädchen bis herab

zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Köpfe reckten. Er las,

wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzählend lesen, war wohl der

Grundcharakter des Vortrages, aber über dem Lesen entwickelte sich ein

lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als

ausgeführten Mienen und Gebärden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache

hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Künstler,

der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder

nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns

einen König Philipp vorgeführt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch

war, und der überhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des

Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei

seinen Märchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf

die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen

Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der

Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Märchen

ihre Stelle gefunden hat. Im Märchen »Vom unsichtbaren Königreiche« wird

ein Flußtal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald

rauschen und erzählen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte eröffnet uns

der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er läßt im Worte die Musik

der Landschaft widerklingen, man sieht hörend die Natur. Die

Beschreibung schließt mit dem Satze: »Es war ein wunderbares Tal!« Da

nimmt sich Mitterwurzer das Wort »wunderbar« heraus. Er läßt das schöne

Wort musikalisch wirken, er läßt es klingen, ohne daß er singt. Aus dem

dunkleren »u« bricht das helle »a« wie ein Tag aus der Dämmerung. Wir

haben nie eine herrlichere Wortmusik gehört.

In der Pause zwischen den beiden Märchen dachten wir uns in unsere

Knabenzeit zurück. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die

aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum

von Märchen mitgebracht hatte. Ihr Gedächtnis war erstaunlich, und es

machte ihr Vergnügen, aus der Fülle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie

konnte sich wohl messen mit der berühmten hessischen Märchenfrau der

Brüder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen saß, den

Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen ließ -- denn

damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum

Weber, die Weben auf die Bleiche -- dann begann die Magd zu erzählen und

tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschöpft waren. Dann

hörten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und

freuten uns schon auf den nächsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht

ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzählung hatte mehr epischen Fluß,

arbeitete das Gespräch und die dramatischen Momente nicht so stark

hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem

modernen Märchen gegenüber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner

Fassung springt und nun auch an den Stellen, die früher bedeckt waren,

zu funkeln beginnt. Das echte Volksmärchen, wie das »Von einem, der

auszog, das Fürchten zu lernen«, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen

diese Behandlung, weil die Erzählung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein

heiterer Ton geht durch dieses köstliche Märchen, der gleich im Anfang

angeschlagen wird. »Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir

gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts

verstehe.« Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes

Nationalgefühl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: »Wir fürchten uns

vor niemand!« Ja, hinter diesen scherzenden Märchen sehen wir die

Deutschen, wie sie kämpfend in die Weltgeschichte treten, kämpfend nicht

bloß aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und

Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten

Wämsern, treu und schlagfertig, in den Vorhöfen des Vatikans stehen.

Die deutschen Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- die

Volksmärchen -- sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin

auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Götter betrachtet,

die sich vor christlicher Verfolgung in die Märchentracht versteckt

haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Märchen, die dieser

Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornröschen.

Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu

wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brünhild zu

befreien, der junge Königssohn, der durch die Hecken bricht, um

Dornröschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt:

zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Märchenprinz. So kann nun

jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als

Märchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Märchen sind

so bequem auszulegen wie Dornröschen, und selbst die nationale

Ursprünglichkeit der deutschen Märchen wird bedenklich, wenn man

dieselben Märchen, wie die deutschen, unter verschiedenen

Himmelsstrichen und Völkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen,

das beweise nichts gegen die nationale Ursprünglichkeit der deutschen

Märchen. Am Fuße des Himalaya blüht ein Gänseblümchen auf, in einem Tale

des Wienerwaldes ein anderes Gänseblümchen, die beide nichts voneinander

wissen. Oder nüchterner ausgedrückt: ähnliche Notlagen erzeugen ähnliche

Gedanken und Erfindungen, ähnliche Gemütslagen bringen ähnliche

Dichtungen hervor. Allein die Ähnlichkeit häufte sich in dem Maße, daß

man an Entlehnung denken mußte, und ein deutscher Gelehrter (Theodor

Benfey) machte die merkwürdige Entdeckung, daß der größte Teil unserer

abendländischen Märchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie

uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden

zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von

den Erfindungen des Orients. Und das letzte: daß Dichtungen sich selbst

dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Märchen.

Überall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in

der Wissenschaft, in der Technik, überall steckt ein einzelner Kopf

dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in

ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewiß durch geniale Griffe

einzelner Menschen vorwärts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren

Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschließen

sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im

Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort

geschrieben: »Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von

Wandervögeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen

fliegen abwechselnd an der Spitze.«

Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Künstler, hat uns durch

seine Märchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen

zurückkehrend wir ihn noch einmal dankbar begrüßen.

(Am 25. Dezember 1895)

Spiegelbilder

Es war an einem heiteren Sommermorgen, als eine Schar vorüberziehender

Landleute, die eben im Begriffe standen, vor das Dorf zu gehen, um ihre

Weingärten zu bestellen, aus einem an der Straße liegenden Landhause

einen ungewöhnlichen Lärm vernahmen, in welchem sie die stark

hervorgestoßenen Rufe einer Männerstimme unterschieden, denen ein

klirrendes Geräusch, wie von auseinanderfliegenden Glasscherben

herrührend, nachfolgte. Sie standen eine Weile betroffen stille, indem

sie gegen die Fenster des sonst so ruhigen Hauses emporblickten, und

zogen kopfschüttelnd weiter, als der Lärm sich gelegt hatte. In dem

Hause, das rückwärts an einen ausgedehnten Obstgarten stieß, wohnte

Hanns Geißelreiter, ein bemittelter junger Gelehrter, der, von einem

tiefen Hange nach Erkenntnis der Dinge beseelt, die Wissenschaft zu

seiner eigenen Befriedigung pflegte. Vor kaum einem halben Jahre hatte

er seine Frau begraben, und mit ihm wohnten seine zwei Kinder und eine

Schwägerin, die ihm den Haushalt besorgte. An jenem Sommermorgen war es

in dieser kleinen Familie zu einem ungewöhnlichen Auftritte gekommen.

Sie nahmen in dem Bücherzimmer, das zugleich als Speiseraum diente, das

Frühstück ein. Als Geißelreiter sich mit schmeichelnden Worten zu seinem

jüngeren Töchterchen wendete und von seiner dampfenden Tasse aufsah,

bemerkte er an dem Wandpfeiler gegenüber einen großen venezianischen

Spiegel, welchen ihm die Schwägerin zu seinem heutigen Geburtstage

beschert hat, und aus welchem ihm in diesem Augenblicke sein eigenes

Bild mit scharfer Deutlichkeit entgegenwinkte. Kaum hatte er das

Spiegelbild erblickt, als ein grimmiger Schmerz seine Züge verzerrte; er

sprang rasch auf, und indem er den so freundlich gemeinten Einfall

seiner Schwägerin mit heftigen Worten verwünschte, trat er auf den

Spiegel zu und schlug ihn mit geballter Faust mitten entzwei. Der starke

Schlag auf den spröden Stoff hatte seine Zorngeister einigermaßen

abgeleitet, obgleich er die verhundertfachte Spiegelung seines Bildes in

den herabklirrenden Glasscherben wie einen persönlichen Hohn empfand.

Die beiden Kinder waren in eine Ecke der Stube geflohen und ließen,

indem sie sich an den Händen faßten, ihren Tränen freien Lauf. Die

Schwägerin, erst von Schreck gelähmt, holte nun ein Waschbecken mit

Wasser herbei, in welches Geißelreiter seine aus vielen kleinen Wunden

blutende Hand steckte. Er sah mit einem gewissen Vergnügen das Blut aus

der Hand rinnen, denn er fühlte seine Brust wie durch einen Aderlaß

erleichtert. Eine dumpfe Schwüle lag über das Zimmer gebreitet; leise

weinten die Kinder fort, ein nicht ganz bewältigtes Schluchzen verriet

die innere Bewegung der armen Schwägerin, dazwischen hörte man das

gleichmütige Ticken der Schwarzwälderuhr und ihren die volle Stunde

ankündigenden Kuckucksruf. Die Erinnerung an die Zeit und den Tageslauf

führte die durch einen gewaltsamen Zwischenfall aufgeregten Geister in

das alltägliche Geleise nach und nach zurück. Geißelreiter schwieg zwar

noch immer, als aber die sorgsame Schwägerin die Glassplitter aus seiner

Hand entfernte und einen Verband angelegt hatte, fühlte er sich doch zu

einigen entschuldigenden Worten gedrängt. Sie möge seine Heftigkeit

entschuldigen; aber sie wisse ja, daß er sich selbst nicht leiden

könnte, daß er sich zu entfliehen trachte und daß es ihm bei dieser

Gesinnung unmöglich eine Freude machen könne, sein Bild sich gegenüber

zu sehen. Er hasse seine eigenen Züge, sie seien ihm aufs tiefste

widerwärtig; wenn er sich einmal zufällig selbst erblicke, sei ihm der

Tag und die Woche verdorben. Der Spiegel sei daher sein größter Feind

... Nach diesen Worten, die er nicht ohne Selbstüberwindung und ein

gewisses Schamgefühl mehr hervorgestoßen als gesprochen hatte, zog er

sich auf sein Studierzimmer zurück und ließ sich trotz der dringenden

Bitten seiner Kinder, die wiederholt an seine Tür pochten, an diesem

Tage nicht mehr blicken.

Wie allen übertriebenen Empfindungen und Zuständen der Menschen, so lag

auch dem Selbsthasse und der Selbstquälerei unseres wunderlichen

Philosophen ein sehr menschliches Motiv zugrunde. Als er auf

Freiersfüßen ging, besuchte er das Haus einer Witwe, die zwei Töchter

hatte, von denen er eigentlich die jüngere, seine jetzige Schwägerin,

liebte. Die ältere aber benützte die Liebesstimmung des jungen Mannes,

wußte sich ihm durch hundert Rücksichten und Gefälligkeiten

anzuschmeicheln, und die jüngere Tochter, welche nur in geringem Maße

die Gabe besaß, ihren Gefühlen das rechte Wort zu leihen, ließ er

beiseite liegen, obgleich er es als einen Schmerz empfand, ihr nicht

näherkommen zu können. Da nun vollends die Mutter, wie fast sämtliche

Mütter, sich von der Pedanterie nicht losreißen konnte, die Töchter nach

der Altersklasse zu verheiraten, kam eine Ehe zustande, die den

Absichten des jungen Gatten nicht eigentlich entsprach. Sobald er sich

besann, mußte er sich aufrichtig bekennen, daß, wenn er auch die ältere

heimführte, sein Herz doch eigentlich der jüngeren gehörte. Doch

behauptete der einmal vorhandene Zustand seine gebieterischen Rechte.

Man fand sich bei der im Grunde guten Gemütsart der jungen Frau leidlich

zurecht, und als sich vollends der Kindersegen einstellte und die

zärtliche Mutter nacheinander zwei wohlgestaltete Mädchen in die Arme

des glücklichen Gatten legte, schien eine zufriedene Zukunft gesichert

zu sein. Leider fing die Frau zu kränkeln an. Eine Brustkrankheit, wie

sie sich bei zarten, schlanken Blondinen nicht selten einstellt, zehrte

die Frau, ohne daß sie empfindlich zu leiden schien, langsam auf. Nicht

ohne Bewegung stand der junge Witwer an ihrem Grabe, denn die Gewohnheit

der Lebensgemeinschaft ist ein Band, das manchmal stärker hält, als die

heftigste Liebe. Mathilde war tot, und Leonie, die junge Schwägerin,

übernahm die Aufgabe, die Kinder zu pflegen und das Haus zu führen.

Rasch verdunkelte sich dem Witwer das Bild seiner verstorbenen Frau,

weil sie ihn durch Gegenwart und tätiges Eingreifen nicht mehr an sich

selbst erinnern konnte und eine innigere Empfindung sie nie verbunden

hatte; dagegen machten sich die nie aufgegebenen, nur vertagten alten

Herzensrechte auf Leonie wieder geltend. Das mußte er selbst in

Gegenwart seiner Kinder empfinden. Das jüngere Töchterchen, schwarz, mit

feurigen Augen wie Leonie, war sein entschiedener Liebling, auf den er

alle seine Zärtlichkeit übertrug; die ältere dagegen, ihm an Zügen

ähnlich, mit dem blonden Haare und den blauen Augen der Mutter,

betrachtete er mit einer gewissen Abneigung, die er nur schwer besiegen

konnte. Dann aber faßte er die Kleine beim Kopfe, drückte ihr einen

heftigen Kuß auf den Mund und leistete dem armen Kinde im stillen

Abbitte. Da er aber der geliebten Schwägerin gegenüber sich im Innersten

gebunden fand und vergebens nach Worten rang, um ihr sein Empfinden

kundzutun, und ebenso sie selbst, eine verschlossene, schamhafte Natur,

sein Wesen, Tun und Lassen bloß mit den Augen verfolgte und ihre Liebe

im übrigen nur werktätig bekundete, zog sich der junge Gelehrte auf sich

selbst und seine Bücher zurück, wobei sich bei ihm jene Abneigung gegen

sich selbst ausbildete, die sich in der Zertrümmerung des Spiegels so

gewaltsam Luft gemacht hatte. Er schloß sich geistig jener

vielverbreiteten Zeitrichtung an, die sich mitten im Tatendrang unserer

Tage und recht im Gegensatz zu dem üblichen frechen Vordringen der

eigenen lieben Persönlichkeit, in der Neigung gefällt, das eigene

Selbst herabzudrücken und es, als etwas für sich Unbedeutendes und

Nichtssagendes, in dem allgemeinen Fluß der Dinge aufzulösen. Er

huldigte dieser großen Eitelkeit einer sich selbst bespiegelnden

Selbstvernichtung. Leidenschaftlich verfolgte er das Bestreben, sein Ich

auszulöschen, seine Persönlichkeit zu vertilgen. Mit unseren

abendländischen Mitteln der Selbstzerstörung nicht zufrieden, rief er

die nun überall bereitwillig sprudelnden Hilfsquellen des indischen

Denkens zu seinem Dienste herbei. Die in ihrer Art grandiose

Vedantalehre, die, von der Angst der ewigen Wiedergeburt des Daseins

hervorgerufen, die lastende Schwere des Menschenlebens durch bloße

Selbsterkenntnis und Entzauberung des Welträtsels vom Rücken schüttelt,

schlug in seinem Denken mächtige Wellen. Er konnte sich hinuntertauchen

in dieses selige Nichts, das doch alles sein soll.

Allein der Genius der Menschheit lächelt über dergleichen

Verstiegenheiten des Denkens und Wollens. Spielend löst er diesen

Krampf, und das holdselige Lächeln eines Mädchens hat schon manchen

Weltweisen, der das Weib für die Verkörperung des Bösen hielt, zu

milderer Anschauung bekehrt. Hanns Geißelreiter, der ländliche Philosoph

des Pessimismus, wurde gleichfalls auf diesen andern Weg geführt und aus

einem unglücklichen ein glücklicher Mann. Seine Schwägerin Leonie fand

die Mittel, ihm anzudeuten, daß sie ihn liebe, und Hanns kam ihr auf

halbem Wege entgegen. Zu ihrem nächsten Geburtstage schenkte er ihr

einen Spiegel. Er selbst fand wieder Wohlgefallen an seinem Gesichte,

seit es einem lieben Mädchen gefiel, und dieser Spiegel trog nicht. Als

die Weihnachtszeit herannahte, huschten gute Geister durch das Haus. Am

Weihnachtsabend kam das Lieblingstöchterchen Geißelreiters mit roten

Backen aus dem Garten herauf und erzählte ihrem Vater, indem sie ihm den

Schößling eines Kirschenbaumes reichte: »Sieh, Vater, ich habe einen

dürren Zweig vom Baume gebrochen, und als ich ihn knickte, war er innen

grün ...« »O, mein Kind!« rief der glückliche Vater aus, »ich danke dir

für deine frohe Botschaft.« Dann nahm er das Kind auf und herzte und

küßte es; aber auch die blonde Schwester, das geschreckte Kind, umarmte

er mit überfließender Zärtlichkeit. Abends aber führte Leonie den

bekehrten Hanns in das von Glanz erfüllte Bescherungszimmer. Sie hielt

ihm beim Eintreten die Hände vor die Augen und ließ ihn erst frei, als

sie vor einem großen venezianischen Spiegel standen. Die Lichter des

Weihnachtsbaumes brannten ihnen daraus entgegen, aber weit schöner

überrascht war er, als er das geliebte Mädchen, Wange an Wange mit ihm,

aus dem Glas herausschauen sah. Die beiden Kinder kletterten an ihnen

empor und vollendeten mit ihren lieben Gesichtern das reizende

Spiegelbild. »Ich bin so übel nicht,« sagte Hanns lächelnd zu Leonie und

drückte ihr einen heißen Kuß auf den Mund. Der Kuckuck aber in der

Schwarzwälder Wanduhr rief eine glückliche Stunde.

(Am 25. Dezember 1887)

Das Ammergauer Krippenspiel

Heilige Zeiten Weihnachtsblätter · 第 5 / 7 段