Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfährt das Kind erst, wenn es

selbst Mutter wird -- der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und

lückenhaft. Die Opferfähigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben,

sonst das höchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl

ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel

Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine hungernden Jungen zu

ätzen, scheint eigens für die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert

jeder Tag. Allein nicht eigentlich das äußerste, sondern das tagtägliche

Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere

Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr

als flüchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus

der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil

es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trägt seine Mutter mit sich

herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewähren weniger

Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die

Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fuß der armen Wiener

Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern,

so dürftig sie sein mögen, sieht man den guten Willen, die Liebe der

Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Für ihr Kind wird sie alles:

Putzmacherin, Mädchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn

eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den

abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen für den

Knaben, aus ihren abgelegten Fähnchen Anzüge für das Mädchen. Und

rührend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und

ihr gleichsam ein Lächeln entlockt. Den Kragen des armseligen

Mäntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, daß man Pelz zu sehen

meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte

Band. Diese fröhliche Armut ist das Werk guter Mütter.

Freilich reicht in ärmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mütter

nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier

Bewegung dahinkränkeln. Die Ärzte kennen ja das Hauptleiden der armen

Kinder, das in Wien wie in jeder großen Stadt daheim ist: die Blutarmut

mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und bürgerliche Gesellschaft,

wie sie gegenwärtig bestehen, können in dieser Sache nur wenig tun; man

ist angewiesen auf die Mildtätigkeit der einzelnen, die allerdings viel

vermögen, wenn sie sich aneinander anschließen. Vor geraumer Zeit haben

Louise Meißner und Engelbert Keßler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein

für Kinder ins Leben gerufen. Großherzige Wiener Frauen, wie die

gegenwärtige Vize-Präsidentin des Vereins, Frau Marie Schönecker,

geborene Bösendorfer, haben sich an die Spitze des schönen Unternehmens

gestellt und bisher die schönsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich

darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den

leidenden Kleinen ein Haus mit einem großen Garten aufzuschließen. Wird

Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um

milde Beiträge? Wer möchte nicht bitten für leidende Kinder, und wer

möchte es über sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja,

für die Gesundheit und Tüchtigkeit der nächsten Generation zu sorgen.

Wer glückliche Mutter ist, und wer des Glückes entbehrt, Mutter zu sein

-- beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch

trefflicher Mütter, daß es fremden Kindern so gut ergehen möge, wie

ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, daß es

fremde Kinder so gut haben möchten, als ob es ihre eigenen wären. In der

Mildtätigkeit drückt sich dieser schöne Gedanke praktisch aus.

(Am 24. Dezember 1893)

Aus der Kinderwelt

Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von

dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz,

schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die

uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum

Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen

mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder

grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere

Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch

das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück

genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der

Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt

uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach

allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale

erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine

schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine

aufgedonnerte Gretel. Die Sorge -- auch für uns einst eine große Sorge --

nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das

Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der

Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart

ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein

müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an

den Zweigen des Tannenbaumes -- keines Baumes der Erkenntnis, sondern der

Unschuld -- die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende

Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart

daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und

ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen«

aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für

das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie

verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie

genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen

genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest

der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des

Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit.

Die Kinder -- sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit

ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem

ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu

machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein

Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben;

wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines

wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern

und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der

von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der

Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil

wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern

handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht

ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein

anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die

Kunst, Großvater zu sein« (#»L'art d'être grandpère«#). Es ist im

vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz

gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in

die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein

reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte

Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in

welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind

Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden

Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von

Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig

versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den

kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem

kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem,

wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn

ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen

Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld

einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu

überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus

Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen,

ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« -- wie er es nennt -- deutet er als tiefe

Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein

Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen

Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser

winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft

schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten

Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man

diesem wiehernden Phrasenhengst -- denn auch in der Phrase ist er

zuweilen groß -- nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende

Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder

aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte

Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in

die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt,

versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede!

Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen

Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater,

ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (#pays conquis#), betrachtet

sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um

ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist!

Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie

duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt

sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie

eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als

den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich

der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die

Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner

Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der

einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre

kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht,

erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus,

bewegt erst -- wie reizend gesehen und einfach gesagt! -- den einen Fuß,

dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an,

daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter

aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu

dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?

Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie

haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die

verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner

Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der

vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl

ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier

Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er

macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er

Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert

und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind

wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er

sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die

Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht

aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er

sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er

es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen?

Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und

wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und

Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und

Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik

kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege.

Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch

die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie

Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz,

unbezwungen, siegreich gewesen; und nun -- mit einem Blick auf Jeanne --

habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam,

schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm

Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es

uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George

und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese

zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte:

»Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem

mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende

köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere

George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust,

der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine

Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man

schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist

entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von

mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke,

Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt,

man singt. Oh, blauer Himmel! -- Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am

Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir

Plätzewechseln: Schneider, leih' mir dein' Scher'! Nein, Blindekuh ...

Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das

ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter

über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier,

sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die

Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das

tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in

dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit

diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie

schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine

Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes

Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert

der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn

Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt

wiederfindet!«

Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber

seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die

Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen.

Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und

am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern

zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der

Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland,

Freiheit -- die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit

Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig

erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung

der Deutschen -- er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm

lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen

dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung

stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie

dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so

kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge

schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der

Zartheit und Männlichkeit streitet.

(Am 25. Dezember 1877)

Aus der Kinderstube

Geschrieben am Weihnachtsabend 1864

»Oh, wäre ich ein wenig allmächtig und unendlich, ich wollte mir ein

besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne

hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen

liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht wachsen,

sondern ewig spielen.« Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese

traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den

»Flegeljahren« spricht, und ich mußte meinen grün gebundenen, in Gold

gepreßten Jean Paul vom Bücherbrett holen, um mich des Wortlautes der

gemütvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den

Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren

durch das Haus. Das ist ein Flüstern und Kichern, ein leises Klopfen an

die Wände, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, daß man fast an einen

Spuk glauben möchte; dazwischen tönen liebliche Kinderstimmen, von

freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im

Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht

sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tür. Geduld

ihr Kinder, wißt ihr denn nicht, daß alles Zögern nur den Sinn hat, euch

zu überraschen? Ihr seid ja die Könige dieses Festes, und nie sind

einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende

Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche

Tyrannen, die unumschränkte Gewalt kennen würdet, die ihr über unsere

Gemüter übt! Stärkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen

knüpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfänder der

Liebe genannt, und ihr seid's, denn wie oft, wenn der Rausch der

Leidenschaft verraucht ist und die Nüchternheit ihr Grau in Grau zu

malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fäden zwischen den einander

entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frühem Alter,

schwebt ihr noch als einende Schutzengel über Mann und Weib. Ihr seid

der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal

ohne die kräftigste Herzstärkung steigt. Die alte schöne Legende vom

langen Christoph erzählt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide

ausging in die Welt, um den mächtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er

selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken

beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle

Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das

Auserlesenste dieser Welt: ein schönes und gutes Weib nicht zu bändigen

wußte -- vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das

ihm die hilflosen Händchen entgegenstreckt, wird er klein und demütig.

Solch ein schwaches Geschöpf, das ein Windhauch umwirft, bändigt den

wildesten Mann, und wäre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte

von einem Vater erzählen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die

euch gewiß rühren müßte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert

sie mir im Gemüt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen,

nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen

schmerzen, kein Dichter zu sein.

Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut bürgerlich zu Fuße und

schaffe mir einen Stock, auf den ich mich stütze. Mir sind allerhand

Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke

empfehlen. Da halte ich einen säuberlich gearbeiteten Kupferstich fest,

der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet.

Es ist das Bild: »Nach der Taufe,« von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen

Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blüht das früher

geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine dürre

Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder

lebendigen Trieb in sich verspürt.

Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses

liebenswürdigen Gemäldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, daß es

heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit

hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot geränderten Flanell gebunden,

mit einer von blauen Seidenbändern besetzten Haube angetan, hat es keine

Ahnung, daß es dem natürlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die

Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer höheren Gemeinschaft

geworden, ja es weiß ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht

gaffen, ob es ein Mägdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen:

Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen

Lichtstrahl geblendet wäre, in die Welt hinein, und gewiß ist die ganze

unergründliche Mutterliebe oder das eifersüchtige Selbstgefühl des

Vaters vonnöten, um diese Kinderzüge, welche die Natur kaum aus dem

Groben herausgearbeitet, schön zu finden. Wie bedenklich ist die tief

eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und

wie notdürftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen

Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht

Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Kuß

(ein ausschließlich im Rausch der Vaterfreude genießbares Glück) auf den

Mund gedrückt. Dem jungen Geschöpf kommt unsere kalte Welt bei jedem

Atemzuge noch untröstlich vor, denn es träumt noch von der schönen

Wärme, die es -- dem dunklen Gefühl muß es wie eine Ewigkeit vorkommen --

mütterlich umhüllte. Aber siehe, für das verlorene sonnenwarme Eden

winkt hinten in der Bauernstube als mächtiger Tröster der grüne

Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grünen Kachelöfen der Welt --

Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir

fürchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der

treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und

sechzig Jahre mit behäbiger Gelassenheit trägt, schaukelt, inmitten der

Stube sitzend, den jungen Weltbürger auf seinen Armen und ist in

liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaßen vertieft, daß wir

ungeladenen Gäste des Taufschmauses nicht einmal seine gemütvollen Augen

(denn gemütvoll müssen sie sein) erschauen können. Dem Pfarrer zur

Rechten steht ein altes Bäuerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des

Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des

geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube

aufgeputztes Mütterchen über das Antlitz des Kindes, als wollte es sich

selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kübels sehen. Wir

hören das liebe Geschwätz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater

gleichsieht! meint die Alte -- nein, der Mutter! wirft das graue

Bäuerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nämlich

im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche

Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen --

und Hochwürden bedenken nicht, daß besagtes Kind fast noch keine Nase

und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem

auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des

gefeierten Täuflings, sie sind seine Großeltern. Sie werden mit der Zeit

die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken

und es verhätscheln, als gäbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine

Rippenstöße und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden

längst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mädchen,

wirst dann erfahren müssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei,

was man Leben nennt. Wir gönnen dir deinen Kindheitshimmel, mögest du

nicht allzu jäh auf die Erde fallen!

Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum

wünschen. Es ist die lieblich erblühende Jungfrau, rotes Häubchen auf

blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf -- deinem Großvater -- über die

Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mädchen sich als künftige

Mütter denken oder träumen, so scheint auch diese bäuerliche Schönheit,

indem ihr Blick auf dem Täufling ruht, mit ahnungsvoller Seele über

jenen rätselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschöpft werden, zu

schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der

Liebe traumhaft aufdämmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate

des Kindes. Ihr Schützling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht

übertrieben, denn Klugheit und Energie können ihre Züge nicht

verleugnen; nur steht zu befürchten, daß sie zu rasch aus dem Haus

heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des

Dorfes auf Tritt und Schritt nach ...

Heilige Zeiten Weihnachtsblätter · 第 4 / 7 段