Brüderchen, indem sie ihn am Fenster emporhob, bis er auf dem Sims
stehen konnte, »schau, da drüben fliegt das Christkind, läßt einen
Tannenzweig und ein Blättchen Gold fallen, und wo es fliegt, da wird es
licht.« Und die beiden Kleinen sahen, warm aneinandergeschmiegt, in den
schneefeuchten Abend hinaus, wo die Laternen trüb und schläfrig
brannten, während am Rande des Himmels eine düstere Röte hing, die
beständig zitterte und bald flammender aufschoß, bald wieder auf sich
selbst zurückkehrte. Die Kinder weideten ihre Neugier an dem schönen
Schauspiele, zwitscherten vergnügt wie die Vögel und brachen hin und
wieder, wenn eine Funkengarbe in die Höhe prasselte, in ein helles
Freudengeschrei aus. »Aber wenn das Christkind so lange da drüben
bleibt,« sagte nach einer geraumen Weile der Knabe, »so kann es am Ende
gar nicht zu uns kommen.« -- »O du dummer Franz,« erwiderte das Mädchen
mit Überlegenheit, »das Christkind hat ja Flügel, und kaum hast du's
gedacht, so ist es auch schon da.« Endlich taten den beiden Geschwistern
die Augen weh vom vielen Schauen; Marie hob den Bruder, der am Fenster
mit seinen Händen wie eine Klette hing, vom Sims herab, und sie kehrten
wieder zum Tische zurück, auf dem sie, im freundlichen Scheine einer
Hängelampe, ihr Spielzeug ausgebreitet hatten. Zwei Tage zuvor war St.
Nikolaus gewesen, der sich in Deutschland auf die Bauerndörfer
zurückgezogen, in Wien aber nie ohne Bescherung vorübergeht. Franz hatte
seinem Nikolo mit der goldenen Bischofsmütze und einem dem seinigen
ähnlichen Flachshaar schon ein Bein ausgerissen, um nachzusehen, wie es
denn um das Fußwerk von so einem Heiligen stehe; seine braune Schwester
dagegen -- feurig und treu, wie es die Brünetten zu sein pflegen --
behandelte ihren pelzverbrämten Krampus, den sie schon morgens im Bette,
da er wie vom Himmel gefallen neben ihr lag, mit einem zärtlichen »du
schiecher Kerl!« begrüßt hatte, mit all der Hochachtung, die ein zwar
häßlicher, aber in allen Stücken tüchtiger Mann allezeit verdient. Als
sie so saßen und ihre beiden Mannsbilder eifersüchtig miteinander
verglichen, faßte ein derber Windstoß das Haus, daß es bebte, und jagte
das Ofenfeuer mit Flamme und nachqualmendem Rauche in die Stube. Die
Kinder fuhren auf, und da das Feuer im Ofen zu summen und zu brummen
anfing, was bekanntlich einen Familienverdruß bedeutet, so lief die
kluge Marie nach der Salzbüchse und streute eine Handvoll Salz auf die
Glut, die sich unter ihrem Zuspruche: »Nicht schelten, nicht zanken!«
langsam beruhigte. Franz stand mit gespreizten Beinen und die Hände auf
dem Rücken, wie er es oft von seinem Vater gesehen, dabei und sagte mit
einem Tone, der so tief war, als er ihn aus seiner kleinen Brust
heraufholen konnte: »Du dummes Feuer!«
Vom Spiel ermüdet, bat Franz, indem er halbschläfrig in das Licht
blinzelte, sein Schwesterchen, ihm eine Geschichte vorzulesen, da er
wohl wußte, daß ihm dann der Schlaf ganz gelingen würde. Marie begann zu
lesen: »Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden
Tag: 'Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!' und kriegten immer keins ...«
Kaum hatte Marie diesen Satz gelesen, als eine so blendende Helle zum
Fenster hereinkam, daß die Amsel, die in einer Ecke im Käfig
schlummerte, aufwachte und stark zu schlagen begann. Die Katze, die gute
Troll, kam vom Ofen hervor und gähnte. Franz aber rief: »Das Christkind!
Das Christ ...« Sein Ruf wurde durch einen gellen Schrei der Schwester
erstickt, die zum Fenster gelaufen und von dem Anblicke und dem Lärm der
Straße bis in die Füße hinab erschrocken war. Sie hielt sich krampfhaft
am Fensterbrette, starrte einen Augenblick wie versteinert hinaus, wo
sich auf der Gasse die Leute drängten, fieberhaft dahinrollende Wagen
rasselten, gellende Signale erschollen und, wie immer, wo sich Haufen
sammeln, ein schriller Pfiff dem andern antwortete; dort aber, wo ihr
noch vor kurzem eine fröhliche Abendröte aufgegangen war, sah sie die
Balken und Sparren eines mächtigen Dachstuhles brennen. »Es brennt,
Franzel!« rief sie aus, als der Bruder sich in seiner Angst an ihren
Rock gehängt. »Und ach!« fuhr sie fort, indem ihre Stimme zum Weinen
herabsank, »wo wird die Mutter jetzt sein?« Nach dem Vater fragte sie
nicht, denn den Vater dachte sie sich immer zusammen mit der Mutter.
»Sie sind ja ins Theater gegangen,« sagte Franz, »und im Theater ist es
ja so schön.« Aber auch ihm schon ging es, als wollte das Weinen kommen,
bitter durch die Nase, und als die Schwester, durch das Wort »Theater«
aufgeschreckt, mit einem raschen Gedanken nach der Gegend des Brandes
schaute, ergriff sie eine namenlose Angst, und sie brach mit dem kleinen
Bruder, der an ihr hinaufschaute, in ein heftiges Weinen aus.
Jetzt erst merkten sie, daß sie allein waren. Sie riefen nach der Magd --
sie war nicht zugegen; sie versuchten sich an der Haustür -- sie war
geschlossen; es half nichts, daß sie gegen die Tür schlugen -- niemand
hörte sie. Da öffnete Marie ein Fenster und rief die Vorübergehenden um
Hilfe an. Endlich befreite sie ein fremder Mann, der die Tür eingedrückt
hatte und, da er Geschäfte hatte, rasch wieder von dannen ging. Die
Kinder waren frei, und ihr erster Gedanke war, ihre Mutter zu suchen. Da
gingen diese zwei armen Wiener Kinder barhäuptig hinaus auf die Straße.
Es fiel ein regnichter Schnee, der rasch auf der Erde zerging und einen
naßkalten Schauer aufsteigen ließ, der bis ins Mark drang. Die
Geschwister, fest Hand in Hand, schoben sich durch die drängenden Haufen
und gelangten, von der allgemeinen Strömung mitgenommen, in die Nähe der
Brandstätte. Am Schottenring, wo die hohen Häuser wie im Feuer
vergoldet standen, fragte die kleine Marie, die als echtes Stadtkind im
allgemeinen Lärm und Gedränge den Mut wiedergefunden hatte, einen Mann,
dessen Seitengewehr ihr Achtung einflößte, ob er ihre Mutter nicht
gesehen hätte. Sie sei drinnen im Theater, sagte das Kind, er möge sie
herausholen und ihr sagen, daß die Marie und der Franz da seien. Allein
der Mann mit dem achtungswürdigen Seitengewehr ließ die Kleinen hart an,
indem er meinte, es brenne da nur ein Haus und Menschen seien nicht
darin. Als die Kleinen von einer hohen Obrigkeit so schnöde abgefertigt
wurden, näherte sich ihnen ein ältlicher Mann und eine ältliche Frau,
und nachdem sie sich erkundigt, auf welchem Stadtgrunde die Kinder
daheim seien, nahm der Mann das Mädchen, die Frau den Knaben bei der
Hand und führten sie aus dem Gedränge in ihre Straße und Wohnung zurück.
Die Haustür war noch offen, und während der Mann Erkundigungen über die
Eltern einzog, brachte die Frau die beiden Kinder, die vor Frost
zitterten und fieberten, zu Bett. Ein Arzt wurde geholt, die Kinder
schliefen ein. Die beiden Fremden, zwei Wiener Bürgersleute voll
Rechtschaffenheit und Güte, wachten bei den Kleinen. Es war eine lange,
bange Nacht. Niemand kam nach Hause, auch nicht die Magd. Nach einer
unbegreiflichen Sicherheit schwirrten unheilvolle Gerüchte durch die
Luft, und bald wurden Tatsachen bekannt, die Trauer, Angst und Schrecken
durch die Stadt trugen. Zuletzt kein Zweifel mehr, daß hundert
Menschen, ja Hunderte von Menschen im Ringtheater ihr Flammengrab
gefunden.
Da die Kinder ernstlich krank wurden, richteten sich Herr und Frau Huber
-- so hießen die guten Leute -- in der Wohnung ein. Wie sie nun zusammen
am Bette der Kranken saßen, so erinnerten sie sich, wie sie auch einst
einen Buben und ein Mädchen gehabt, die ihnen aber jung gestorben, und
bei aller Empfindung für das Unglück ihrer Schutzbefohlenen tat es doch
ihren alten Herzen wohl, daß sie wieder Kinder hatten; denn daß sie von
diesen Waisen nicht mehr verlassen würden, war vom ersten Augenblicke an
eine nicht anders zu denkende Sache. Sie saßen am Bette, lachten und
weinten, küßten bald die Kinder, bald einander selbst, und so wurden sie
ihre eigentlichen Kinder. Als Marie und Franz sich wieder erholten,
teilte ihnen Frau Huber mit, daß ihre Eltern auf einer Reise begriffen
wären, und daß die Kinder, bis zur Zurückkunft von Vater und Mutter, zu
ihren Pflegeeltern übersiedeln müßten. Marie machte große Augen, und
indem sie nach der Tür sah, weinte sie still vor sich hin. Sie drückte
der guten Frau die Hand. »Und du, Franzel,« sprach die Frau zu dem
Knaben, »bin ich nicht deine Mutter?« -- »Du meine Mutter,« antwortete
er, »du hast ja graue Haare und Falten im Gesichte, und meine Mutter
hatte braune Haare und rote Backen.« Die gute Frau lächelte und küßte
den Knaben, der es sich gefallen ließ.
In der neuen Wohnung war Franz bald zu Hause. Altes Spielzeug, welches
Frau Huber noch von ihren Kindern her aufgehoben hatte und immer um die
Weihnachtszeit zur Erinnerung hervorholte, nahm seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu jung, um ein gutes Gedächtnis zu haben,
lebte er ganz in der Gegenwart. Mit Vorliebe bestieg und tummelte er das
Steckenpferd, und da die Kindertrompete den Ton verloren hatte, so
schrie er ihn in sie hinein, und mit Begeisterung blies er das Wiener
Feuersignal, wie er es in jener schaurigen Dezembernacht gehört hatte.
Marie dagegen, älter, gescheiter und schon des Lesens kundig, ward immer
stiller und nachdenksamer. Eines Abends war ihr von der brennenden Kerze
ein Funke auf den Rücken der Hand gefallen; sie ließ ihn ruhig und ohne
einen Augenblick zu zucken auf der Haut verglimmen und sann nach über
den Schmerz, den es verursachte, und dachte an ihre Mutter, die nicht
zurückkehren wollte. Das Mädchen kränkelte innerlich; ein Licht konnte
sie erschrecken, das Prasseln eines Zündhölzchens konnte ihr Angst
einflößen. Endlich machte sie ein Traum ruhiger und heiterer. Sie war in
einem festlich erleuchteten, großen Raume, in welchem viele Menschen
saßen. Plötzlich war der Raum von Flammen erfüllt, daß man vor Helle
nicht mehr sah, und ebenso plötzlich trat einen Augenblick nachher eine
so tiefe Finsternis ein, daß das Feuer aus den Augen zu fahren schien.
Marie fühlte sich von einer oft stockenden Menschenströmung fort- und
abwärts, dann wieder aufwärts getragen. Als sie dann einen engen,
finstern Gang entlang ging -- und die Finsternis wurde dick, wie zum
Greifen -- hörte sie etwas, das das Ohr vor Entsetzen kaum zu fassen
vermochte: ein Stöhnen und Wimmern, als ob Tausende hingewürgt würden.
Sie ging langsam weiter, wie wenn Blei in ihren Gliedern wäre, denn es
biß wie unendlicher Rauch in die Augen, und die Luft war schwer und
säuerlich und trieb den Atem in die Brust zurück. Am Ende des Ganges
schlug ihr himmelhohe Feuerlohe entgegen, und als sie, sich versengt
fühlend und am ganzen Leibe glühend, eben sich zurückwenden wollte,
hörte sie eine Stimme, die süßer klang, als keine auf der Welt. Sie rief
sie mit Namen: »Marie! Marie!« Und Marie eilte durch die Flammen, sah
vom Feuer umgeben die Mutter, stürzte sich in ihre ausgebreiteten Arme,
und als das Kind in den Mutterarmen lag, fächelten die Flammen ihr
Kühlung zu, und nichts brannte, als der süße Mutterkuß auf dem Munde des
armen und seligen Kindes ...
Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an,
sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der
leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die
guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte,
stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah
sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und
spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die
Augen wurden ihr feucht.
Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem
sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre
geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die
Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre
alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen.
(Am 25. Dezember 1881)
Ohne Mutter
Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete,
leicht beschuhte Kinder erblickte, die blaß und bekümmert über die
Straße wateten, summte mir unaufhörlich die Erinnerung an ein rührendes
Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit großes Aufsehen erregt
hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen
pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines
Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mädchens, die zur Winterszeit
auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde
erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl
gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zöpfe auf dem Rücken
trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den
treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren
gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir
einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des
Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hübsch und artig
waren, obgleich von ärmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die
Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater -- ein
Taglöhner, der zumeist von Holzspalten lebte -- war ein rauher Mann, der
im Verdruß über seine üblen Umstände, und dadurch sie immer
verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens
der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht
unheimlich zumute. Fröstelnd in der ungeheizten Stube, saßen sie an dem
Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frühstück gestanden, und
ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft
hatten sie schon die Leute sagen hören: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter
hättet! Und die braune Mali -- wie ja die Mädchen stets klüger sind, als
die Knaben -- hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine
Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mädchen: eine Mutter
sei eine Frau, welche die Kinder hüte wie ihren eigenen Augapfel; man
könne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter
besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mädchen mit sich
herum, und als sie mit ihrem Brüderchen frierend am leeren Tische saß,
fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: »Weißt du was,
Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kümmert sich mehr um uns, als die
böse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter
suchen. Es gibt ja so viele Mütter auf der Welt, es wird wohl auch eine
für uns darunter sein.« Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen
Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten
Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem
sie ein Stück Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnüren
befestigten baumwollenen Muff umgehängt hatte. So gingen die beiden
Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Straße nach, dann auf
Fußsteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von
Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie
verwundert fragte, wie es denn komme, daß sie bei diesem Schnee und
dieser Kälte über Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, daß sie
eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschüttelnd nach,
dann verschwanden sie hinter Bäumen; allein der allgegenwärtige
Märchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und
bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die
Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier
sei es ja schon Weihnachten und ganz so schön wie bei den vornehmen
Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und
Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schüttelten wohl auch an
einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die
Augen fiel. Als sie ihre Lust gebüßt hatten, gingen sie wieder fürbaß,
nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: »Mutter!
Mutter!« -- aber bloß ihre eigene Stimme kam ihr zurück, oder ein
geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste.
Als die beiden Kinder weit auf der Höhe an eine Wegscheide kamen und
schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fühlten sie sich müde
und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und
fütterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost
überkam sie, und Mali steckte die Hände Conrads in ihren Muff. Sie
konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und
sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem plötzlich
aufstrahlenden Wärmegefühle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und
sagte zu ihm: »Conrad, mir ist so leicht und warm, das muß die Mutter
sein!« -- »Ja,« antwortete Conrad, »das ist die Mutter!« Und sich enger
aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lächelnd und wachten nicht
wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten
Entschließungen wir die Liebe nur ahnen können, hatte die armen
Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen.
Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun,
daß sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, daß sie eine Mutter
nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die
Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht
doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts
Köstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind
unerschöpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und
schreienden Geschöpf, das in den Windeln liegt -- selbst bedürfnislos und
für alle Bedürfnisse des Kindes sorgend. Groß wie die Natur, deren
Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo
sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre
Hand berührt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum,
welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflößt,
mit Küssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere _Mutter_sprache, um den
traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und
herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hören durch unsere Sprache
hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die
Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und
Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende
Männer gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende
Frauen und Mütter bei der Formenschöpfung und bei der Bestimmung des
Geschlechtes der Wörter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht
Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden
haben, so hat es gewiß die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken
konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde,
daß dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die übrigen
Menschen sich von ihm abwenden: über alle Gräuel hinweg waltet noch die
Mutterliebe als ein unzerstörbares sittliches Naturgesetz. Es gehört zu
den großen Zügen unseres Zeitalters, daß die Enterbten der Menschheit
(#proles sine matre creata#) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und
liebend entgegenkommt.
Wenn es möglich ist, daß der Mensch aus dem Tode zurückkehrt, so kann es
vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Märchen besucht die tote
Königin jede Nacht ihr Kind. »Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es
in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein
Kißchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.«
Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bücher: »Man höret eine
klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe vor Bethlehem, wo
Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet über ihre Kinder und will sich
nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen« -- und
ach, wann könnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage?
Die Mütter sind überall zugegen, und müßten sie das Grabgewölbe
durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemüt umschwebt uns allerwärts.
Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und
wärmer wird -- haltet es nur für sicher, das rührt von einer heiligen
Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen
Mutter.
(1884)
Mutter und Kinder
Wenn der Mann des Gespräches mit Männern satt ist, so rettet er sich zu
den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann
geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann,
aus der kühlen, verdünnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach
er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm
nirgends voller und würziger entgegenquillt als aus dem Munde des
Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind überall, und wo
ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter,
wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr
gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es für die
anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter
gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie
trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum
ein anderes gleicht. Es ist das stärkste Heimweh, das es gibt. Daher
sind Mutter und Kind eines der ältesten Bilder, das die Menschen kennen,
das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des
Überirdischen haftet nur nebensächlich an ihm oder ist aus dem an sich
heiligen natürlichen Verhältnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf
keiner Verklärung, es verklärt sich selbst. Wie rührend ist eine junge
Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzückungen
und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie
mit einer Mischung von Scham und Stolz trägt. Wie fest und schwer aber,
eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoße,
und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem
Busen, den er ohne weiteres als sein natürliches Besitztum in Anspruch
nimmt. Sie küßt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm küßt sie den
geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie
aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf
ihrem Schoße, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die
gereiftere Mutter genießt ihr Glück ruhiger, stolzer, nachdenksamer,
wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und
wieder ein reizendes Bild gewährt die Großmutter, welche die Kinder
ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher
Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die
Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schön tun, ihr schmeicheln, sie
küssen, ist sie überglücklich und lächelt aus allen ihren Falten. Die
Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem
älteren Kinde.
Die Kinderstube ist eine große Sache. In ihr kriecht und trippelt, lärmt
und tobt die Weltgeschichte in kleinem Maßstabe, sie ist eine
Pflanzstätte mächtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stücke in der
Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen
Entwicklung, seine ursprüngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im
Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in
seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In
diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Künstler, der Erfinder, der
Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreißt und einen
unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde
zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schützen, ist die
Mutter am geeignetsten. Sie ist ja -- selbst in der Stimme -- ein großes
Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist,
nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu
überschreiten. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre natürliche
Beschaffenheit übt sie die stärksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie
dem Kinde ihre Genialität mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie
will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein
Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer
geistigen Toilette. Gespräch und Brief, also unmittelbare Äußerung von
Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von
Sévignés Briefe wird man noch immer mit Vergnügen lesen, wenn längst
alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des großen Napoleon über die
Schriften der Frau von Staël teilen wird. Übrigens kann man kaum
ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens,
Strickens, Knüpfens für die Entwicklung der Kultur getan haben. Die
ganze Oberfläche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer
erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schöpfung der Sprache führt zu
den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der
Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die
schöne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines -- sind es
verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die
Grammatik als eine Erfindung der Liebe wäre gewiß eine Erleichterung des
Lernens für Mädchenschulen.