gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen sämtlich ins Reine
gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem
heißen Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: »Von den
notwendigen Grenzen des Schönen, besonders im Vortrage philosophischer
Wahrheiten«, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem
Guckfenster gegenübersaß, stand eine Schüssel saurer Milch, und daneben
hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dünne Schnitten von
Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwälble seinerseits machte sich
mit einer mächtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen:
langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack,
beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem
Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen ließ
oder einen Schlußpunkt markierte; wenn eine Stelle längeres Nachdenken
in Anspruch nahm, ließ er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So
begann Schwälble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bäschen
unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb
er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder
verdächtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre
Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die
im Chorus das Lied sangen: »Und der Reutelinger Wein ist ein guter,
guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!«
Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schießen ließ,
gewahrte unten ein Schiff voll Tübinger Studenten, von denen einer auf
das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mütze gegen ihr
Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwälble
aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war,
schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: »Eineweg lustig sein!«
Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, daß die Bemerkungen des
Bäschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhörten. Er kam zu der
Stelle der Schillerschen Abhandlung: »Bei dem wissenschaftlichen
Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schönen
werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man
verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil,
aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande,
Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natürlich! denn die Begriffe
dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo
er unterscheidet; das Gemüt verhält sich während der Lektüre viel mehr
leidend als tätig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut ...« Und
Schwälble wiederholte mit Nachdruck: »Als was er tut,« indem er von
Friederike eine Gegenäußerung erwartete. »Bäsle,« fragte er sie endlich,
»hast du in deinem Text _tut_ oder _tat_?« Da keine Antwort erfolgte und
er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die
vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blühen.
»Du schläfst?« rief Schwälble scharf aus, indem er das Mädchen beim Arme
ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen
weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglückes: »Du
schläfst!« Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild
seines Stuttgarter Auftraggebers plötzlich stellte, faßte er seinen
Schmerz in die Worte zusammen: »O Rickele, was wird der Herr von Cotta
sagen!«
An der Ruhe der anmutigen Sünderin entzündete sich Schwälbles Zorn, und
in der Aufregung seines Gemütes trat der volle Schwabe auf seine Lippen.
»Noi, noi,« brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube
mit starken Schritten maß, »noi, d' Weibsbilder hent koi
wisseschaftlichs G'wisse! Was wißt ihr, mit euren Zöpfen und
verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein
unterdrückter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im
Wachen und Traume nach, wie einem Mörder das Gespenst eines
Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die
Suppe, vergällt mir den Wein. Für solche Gemütsleiden habt ihr kein
Verständnis, kein Gefühl!«
In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch
getaucht und aß sie langsam ab. Schwälbles Donnerwetter ging nach einer
Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike,
und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit
freundlicher Stimme: »Sag, Bäsle, wo hast du denn hingedacht?« Und sie
erzählte ihm hierauf, daß ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne
vergangen seien; daß sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der
manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer
einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fühlte, und wie dann, als sie die
Augen öffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schön wie eine
überirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddämmerung
verschwunden sei. Schwälble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl
ausgesehen wie ein Tübinger Stiftler in den Ferien: schwarz und weiß
gewürfelte weite Beinkleider mit hängenden Quasten und eine bunte Mütze
auf dem Kopfe. Ein »forscher« Himmelsbürger! »Er wird wohl aus
Munterkingen gebürtig sein und Fritz geheißen haben.« Friederike, die
leicht errötete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und
der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin
vom Neckar heraufgegrüßt hatte, genannt war, rückte sie mit einer Bitte
heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. »Du, Vetter,« sagte
sie, »sei nicht bös; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in
mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm
aus, er muß griechisch oder gar hebräisch sein.« Sie reichte dem Vetter
das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand:
_Munterkingen_, 1. Mai 1846.
[Greek: ... nyni de menei pistis, elpis, agapê,
ta tria tauta; meizôn de touton hê agapê.]
_Friedrich Staudenmayer_,
#Cand. theol.#
Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: #Nyni de menei
pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape.# »Diesen
Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig
verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: #Nyni# nun, #de#
aber -- oh, könnt' ich dir die Bedeutung der Wörtchen #men--de#
auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich
sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also:
#pischtis# -- sprich nur herzhaft #_pisch_tis# aus, obgleich die
gezierten Norddeutschen #pistis# sagen. Was meinst du: wenn die alten
Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht
Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen
Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! #Pischtis#, #elpis#, #agape#,
Glaube, Hoffnung, Liebe; #ta# die, #tria# drei, #tauta# diese, zu
deutsch: diese drei. #Meizon de#, das größere aber, oder sagen wir
gleich: das größte aber --« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort,
»halt, ich hab's! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch'
erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie
feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und
Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes
Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel
der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und
hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe
nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe,
und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir
nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder
Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht
Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie
suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht
nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der
Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt
alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den
Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste
unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm
gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es
war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu
vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie
für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium
über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so
werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut
sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.«
Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung
ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als
gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen
Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing
trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über
die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie
sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische
Liedchen vor:
's ischt no net lang,
Daß g'regnet hat,
Die Bäumle tröpflet no;
I han amal a Schätzle ghat,
I wollt, i hätt' es no --
und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und
Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt
die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in
Munterkingen hält. #Dr.# Conrad Schwälble, der als Theologe das in
Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine
Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach
dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er
glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen
einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der
Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text:
»Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die
größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche
wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen
aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie
seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz
ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln
des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid
tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach
heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr
Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch
erschnappten griechischen Brocken hin: #»Nyni de menei pischtis.«# --
»Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. -- »O nein, Fritz, ich
bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne
ich Griechisch.« -- »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte
griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und
Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das
Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur
schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir
bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein
Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe
rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« -- »Aber so besinne
dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« -- »Ja!« -- »Vor
einem Jahre, zur Sommerszeit?« -- »Ja!« -- »In der Abenddämmerung?« --
»Ja!« -- »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals
nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß
geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« --
»Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal
der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.«
Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle,
hascht me au a bissele lieb?« -- »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er
das Mädchen umarmte.
Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten
noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen
Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete
Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren
ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein
großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus,
auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische
Ausgabe, besorgt von #Dr.# Conrad Schwälble« -- »und Friederike
Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu
geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf.
(Am 24. Dezember 1882)
Die Kunst, arm zu werden
Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen
begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit
sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser
entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die
Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und
als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da
sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam
tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach
diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus.
Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen
Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen,
wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen
Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten
durch das Fenster schaut -- nicht aus schnöder Neugier, sondern aus
Teilnahme -- wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus
dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die
vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter
scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt
sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der
Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit
scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu
schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung
kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt.
Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem
Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und
als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der
vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es
wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben,
aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten
Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu
lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und
verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die
Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern,
wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine
über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein
sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen
Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die
Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke
beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die
praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur
Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der
pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als
politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm
zu werden.
Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun;
aber arm werden, oder vielmehr ärmer werden, sich mit einer Art Genuß
von der Höhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der
Notwendigkeit in einen freien Entschluß verwandelt -- das ist eine Kunst,
welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die
Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es
die eigenen wären. So auch bei einem empfindlichen Glückswechsel; man
muß sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Veränderung stemmen,
sondern ihm willig folgen. Um dieses zu können, dazu gehört freilich
einiges, aber nicht gar zu viel: man muß das Talent besitzen, die Dinge
mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt
mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, daß er bei vielen, ja bei
den meisten Einkäufen noch Geld übrig behält. Man kann kleines Kapital
innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen
einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des
Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa übertreibt,
sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das
geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und
tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wälder
und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgärtchen
ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und
seinen Salatbeeten; ich übersehe es leichter, ich kann es lieben, weil
ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgärtchen verloren, aber was
hindert mich daran, den beglückten kleinen Großgrundbesitzer zu spielen,
wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begieße? Ein verschwundenes Glück
läßt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur
klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten,
aber nicht verminderten Glückes ist unendlich.
Der moralische Zug unserer Zeit bewegt sich freilich nicht in der
Richtung dieser Bescheidenheit und Selbstbescheidung. Das letzte
Jahrzehnt hat eine verderbliche Krankheit ausgebrütet, welche die
Gemüter auszudorren und jede sittliche Kraft zu lähmen drohte. Es ist
die krankhafte Neigung, um jeden Preis Millionär werden zu wollen. »Das
Vergnügen beginnt erst bei der zweiten Million,« konnte man wie oft
sagen hören, während doch nach vielfacher Erfahrung die zweite Million
die geborene Feindin der ersten ist. Aber man mußte nicht nur eine
Million, man mußte Millionen haben, um auch die Sprößlinge des
Millionärs zu Millionären machen zu können. Die Kinder so reich wie
möglich in die Welt zu entlassen, das war fast der einzige
Erziehungsgrundsatz. Als ich nach der bekannten Krisis mit einer Dame
sprach, deren Vermögen einige Einbuße erlitten, zeigte sie sich um ihrer
Kinder willen ganz aufgelöst und untröstlich. »Wo ich gehe und stehe,«
sagte sie, »im Wachen und Schlafe ist es mir, als hörte ich meine kleine
Marie bitterlich weinen!« Die arme Marie, sie wird sich schlimmstenfalls
nur mit einer halben Million behelfen müssen! Aber so tief steckte die
Millionärkrankheit den Leuten in den Gliedern, daß es sie unglücklich
machte, ihre Nachkommen nicht als Millionäre durch die Zukunft schreiten
zu sehen. Für den Unsegen der Million hatten sie keine Augen. Wie sie zu
blindem Genuß trieb, alle Dinge dieser Welt nach dem Preiskurant
taxierte, die Familienbande lockerte, davon wollte man nichts sehen; die
größten Verwüstungen geschahen auf dem Felde der Liebe. Was allgemein
begafft und bewundert wurde, eine Schauspielerin, eine Sängerin, eine
Tänzerin, das mußte der Mann mit der gespickten Tasche sein eigen
nennen. Nach den Reizen, die alle Welt kennt, stand sein Sinn; von dem
Glück, ein Weib, einen Schatz zu besitzen, dessen Reize mein und nur
mein heiliges Geheimnis sind, hatte er keine Ahnung. Und doch, wenn man
den goldigen Schmetterling etwas näher betrachtete, besaß er denn in den
meisten Fällen das leibliche und geistige Vermögen, um auch nur ein
weibliches Wesen in seiner natürlichen und gemütlichen Tiefe und Fülle
von Grund aus zu erkennen?
Daß solche widerliche Erscheinungen vermindert worden, kann man als
einen Segen der Krisis preisen. Die Kunst, arm zu werden, ist an den
soeben geschilderten Leuten verloren. Ich denke mir als Zöglinge dieser
Kunst ernstere, feinfühligere, bessere Naturen, welche begreifen, daß im
Reichtum etwas wie eine Schuld liegt, und daß der Verlust des
Überflüssigen eine Sühne für das noch Erhaltene bildet. Man muß sich auf
kleineren und reineren Fuß einrichten und den verlorenen äußeren Glanz
durch Herzensklugheit und einige Kunstgriffe des Gemüts zu ersetzen
suchen. Und dann bleibt ja noch die Arbeit, dieses heroische Mittel, die
Sorge zu vergessen und sie in ihren Wurzeln zu zerstören. Und soll
Eigentum durchaus Diebstahl sein, so wollen wir es mehren durch redliche
Arbeit und dabei uns denken: Ehrlich stiehlt am längsten ...
Während ich aber so weise rede, hebt mein Kanarienvogel wieder zu singen
an. Er läßt sich sein Recht nicht nehmen, fröhlich zu sein, und wie er
die Lichter auf dem Weihnachtsbaum aufblitzen sieht, meint er, es werde
Tag, und jubiliert wie eine Lerche. Am Ende hat dieser gute dumme Vogel
doch recht. Wir sollen, das Notwendige mit Anmut tragend, uns freuen an
diesem Festabend der kleinen und großen Kinder; wir sollen uns, schon um
der lieben Frauen willen, zusammennehmen und die Sorge auf morgen
vertagen. Es ist ja nicht der letzte Weihnachtsabend auf dieser Welt.
Auch wir erleben bald wieder einen, wo wir singen und jubeln werden.
(Am 25. Dezember 1874)
Zwei Kinder