Der Holländer

Lange habe ich mich darum gedrückt, dies Kapitel zu schreiben. Nun muß

es sein.

Als ich vor vierzehn Tagen mit Vorsicht und Sorgfalt mein Hotelzimmer

Nummer 65 aussuchte, hatte ich im ganzen keine schlechte Wahl getroffen.

Das Zimmer, hell und freundlich tapeziert, hat einen Alkoven, in dem das

Bett steht, und erfreute mich durch seinen nicht alltäglichen,

originellen Grundriß, es hat ein schönes Licht und etwas Aussicht auf

Fluß und Weinberge. Ferner liegt es zuhöchst im Hause, es wohnt also

niemand über mir, und von der Straße her sind kaum Störungen möglich.

Ich hatte gut gewählt. Ich hatte damals auch nach den Zimmernachbarn

gefragt und beruhigende Auskunft erhalten. Auf der einen Seite wohnte

eine alte Dame, von der ich in der Tat nie etwas hörte. Auf der andern

Seite, in Nummer 64, aber wohnte der Holländer! Im Lauf von zwölf Tagen,

im Lauf von zwölf bitteren Nächten ist mir dieser Herr überaus wichtig

geworden, ach allzu wichtig, er ist eine mythische Figur, ein Götze, ein

Dämon und Gespenst für mich geworden, das ich erst vor wenigen Tagen

besiegt habe.

Niemand, dem ich ihn zeigen würde, würde es mir glauben. Dieser Herr aus

Holland, der mich seit so vielen Tagen am Arbeiten, seit so vielen

Nächten am Schlafen gehindert hat, ist weder ein tollwütiger Berserker

noch ein enthusiastischer Musiker, weder kommt er zu unerwarteten Zeiten

betrunken nach Hause noch schlägt er seine Frau oder schimpft mit ihr,

er pfeift und singt nicht, ja er schnarcht nicht einmal, wenigstens

nicht so laut, daß es mich störte. Er ist ein solider, gesitteter, nicht

mehr junger Mann, lebt regelmäßig wie eine Uhr und hat keinerlei

auffallende Untugenden – wie ist es möglich, daß dieser ideale Bürger

mich so leiden machte?

Es ist möglich, es ist leider Tatsache. Die beiden Hauptpunkte, die

Grundpfeiler meines Unglücks, sind diese: zwischen den Zimmern Nummer 64

und 65 ist eine Tür, eine zwar verriegelte und mit einem Tisch

verstellte, aber keineswegs dichte Tür. Dies ist das eine Unglück, es

läßt sich nicht beheben. Das zweite, schlimmere: Der Holländer hat eine

Frau. Auch sie ist mit erlaubten Mitteln nicht aus der Welt oder doch

aus Nummer 64 zu bringen. Und dann habe ich noch das ungewöhnliche Pech,

daß meine Nachbarn, gerade wie ich selber, zu den verhältnismäßig

seltenen Hotelgästen gehören, die den größern Teil ihres Tages auf ihren

Zimmern zubringen.

Hätte ich nun ebenfalls eine Frau bei mir oder wäre ich Gesanglehrer

oder hätte ich ein Klavier, eine Geige, ein Waldhorn, eine Kanone oder

Pauke, so könnte ich den Kampf gegen meine holländischen Nachbarn mit

der Hoffnung auf Erfolg aufnehmen. So aber ist die Lage diese: Das

Holländerpaar bekommt von mir während der vierundzwanzig Stunden des

Tages keinen Ton zu hören, es wird von mir behandelt wie man Könige und

Schwerkranke behandelt, wird von mir unaufhörlich mit der

unausdenklichen Wohltat einer vollkommenen, absoluten Stille

überschüttet. Und wie erwidern sie diese Wohltat? Sie gewähren mir,

indem sie jede Nacht von zwölf bis sechs Uhr schlafen, eine tägliche

Schonzeit von sechs Stunden. Ich habe die Wahl, ob ich diese Stunden zur

Arbeit oder zum Schlaf, zu Gebet oder Meditation verwenden will. Über

die übrigen achtzehn Stunden des Tages habe ich keine Verfügung, sie

gehören nicht mir, diese täglichen achtzehn Stunden finden gewissermaßen

überhaupt nicht bei mir, sondern nur in Nummer 64 statt. Achtzehn

Stunden des Tages wird in Nummer 64 geplaudert, gelacht, Toilette

gemacht, Besuch empfangen. Es wird nicht mit Schießwaffen hantiert noch

wird Musik gemacht noch finden Schlägereien statt, dies muß ich

anerkennen. Es wird aber auch nicht nachgedacht, nicht gelesen, nicht

meditiert, nicht geschwiegen. Immerzu fließt der Fluß der Gespräche, oft

sind vier und sechs Personen dort drüben beisammen, und abends plaudert

das Ehepaar bis halb zwölf Uhr. Dann kommt das Klirren von Glas und

Porzellan, das Feilen der Zahnbürsten, das Rücken einiger Stühle und die

Melodien des Gurgelns. Dann krachen die Betten, und dann wird es still

und bleibt still (das sei nochmals anerkannt) bis in der Frühe etwa um

sechs Uhr, um welche Stunde einer der Ehegatten, ich weiß nicht ob er

oder sie, sich erhebt und den Fußboden erbeben macht, er geht zum Bade,

kehrt bald wieder; inzwischen ist auch für mich die Badestunde gekommen,

und von meiner Wiederkehr an reißt der Faden der Gespräche, der

Geräusche, des Lachens, des Stuhlrückens und so weiter nicht mehr ab bis

wieder kurz vor Mitternacht.

Wäre ich nun ein vernünftiger, normaler Mensch wie andere, so würde ich

mich leicht in die Lage schicken. Ich würde nachgeben, da nun einmal

zwei stärker sind als einer, und würde meinen Tag irgendwo anders als in

meinem Zimmer hinbringen, im Lese- oder Rauchzimmer, in den Korridoren,

im Kursaal, in Restaurants, wie die meisten Kurgäste es tun. Und nachts

würde ich eben schlafen. Statt dessen bin ich von der mühsamen,

törichten und aufreibenden Leidenschaft besessen, tagsüber viele Stunden

allein am Schreibtisch zu sitzen, angestrengt nachzudenken, angestrengt

zu schreiben, oftmals nur um das Geschriebene nachher wieder zu

vernichten; und des Nachts habe ich zwar eine große, eine glühende

Sehnsucht nach Schlaf, aber mein Einschlafen ist ein komplizierter

Dämmerungsvorgang, welcher Stunden dauert, und dann ist der Schlaf sehr

leise, sehr dünn und spröde, ein Hauch genügt, um ihn zu zerreißen. Und

wenn ich um zehn, um elf Uhr noch so todmüde und noch so nahe am

Einschlummern bin, es hilft nichts, es reicht nicht bis zum Schlafe,

solange nebenan die Holländer ihre Geselligkeit pflegen. Und während ich

erschöpft und sehnsüchtig warte, bis die Mitternacht kommt, bis der Mann

aus dem Haag mir die Erlaubnis gewährt, eventuell einzuschlafen, bis

dahin bin ich durch Warten, Zuhören und Denken an die morgige Arbeit

wieder so wach und erregt geworden, daß der größte Teil der mir

zugebilligten sechs Ruhestunden vorübergeht, ehe ich ein wenig Schlaf

finde.

Ist es nötig, es eigens auszusprechen, daß mir wohl bewußt ist, wie

unberechtigt meine Forderung an den Holländer ist, mich mehr schlafen zu

lassen? Ist es nötig zu sagen, daß ich sehr wohl weiß, daß nicht er an

meinem schlechten Schlafe und an meinen geistigen Liebhabereien schuld

ist, sondern ich allein? Ich schreibe jedoch diese Notizen aus Baden

nicht, um andere anzuklagen oder mich rein zu waschen, sondern um

Erlebnisse aufzuzeichnen, seien es auch die seltsam verzerrten

Erlebnisse des Psychopathen. Jene andere, verwickeltere Frage nach der

Berechtigung des Psychopathen, jene furchtbare und erschütternde Frage,

ob unter gewissen Zeit- und Kulturumständen es nicht würdiger, edler,

richtiger sei, Psychopath zu werden als sich diesen Zeitumständen unter

Opferung aller Ideale anzupassen – diese schlimme Frage, die Frage aller

differenzierten Geister seit Nietzsche, lasse ich auf diesen Blättern

unberührt; sie bildet ohnehin das Thema fast aller meiner Schriften.

Durch die oben erzählten Umstände also ist der Holländer für mich zum

Problem geworden. Nicht ganz erklären kann ich mir, warum ich, in

Gedanken und Worten, es immer nur mit dem Holländer, in der Einzahl, zu

tun habe. Es ist ja ein Paar, es sind ja zweie. Aber sei es, daß ich aus

instinktiver Galanterie der Frau mehr Duldung entgegenbringe als dem

Mann, sei es, daß die Stimme und der etwas schwere Schritt des Mannes es

sind, die mich tatsächlich besonders belästigen, jedenfalls sind es

nicht „die“, sondern es ist „der“ Holländer, an dem ich leide. Zum

Teil beruht dies instinktive Übergehen der Frau in meinen

Feindschaftsgefühlen und die Mythisierung des Mannes zum Feind und

Antipoden aber auf sehr tiefen, elementaren Trieben: der Holländer, der

Mann mit der kräftigen Gesundheit, dem gedeihlichen Aussehen, dem

würdigen Auftreten und vollen Portemonnaie, ist für mich, den Outsider,

schon im Typus feindlich.

Er ist ein Herr von etwa dreiundvierzig Jahren, mittelgroß, von

kräftiger, etwas untersetzter Gestalt, welche den Eindruck von

Gesundheit und Normalität macht. Gesicht und Figur sind beleibt und

rundlich, doch nicht so, daß es auffiele; der große kräftige Kopf mit

etwas schweren Augendeckeln wirkt dadurch massig und drückt auf die

ganze Figur, daß er auf einem schwach akzentuierten, ein wenig kurzen

Halse sitzt. Gesundheit und Körpergewicht machen, obwohl der Holländer

sich gemessen bewegt und vorzügliche Manieren hat, leider seine

Bewegungen und Schritte wuchtiger und hörbarer als für seinen Nachbarn

wünschenswert ist. Seine Stimme ist tief und gleichmäßig, weder in der

Tonhöhe noch in der Stärke viel wechselnd, die ganze Persönlichkeit,

neutral betrachtet, wirkt seriös, zuverlässig, beruhigend, nahezu

sympathisch. Etwas störend hingegen ist, daß er zu kleinen Erkältungen

neigt (was übrigens alle Badener Kurgäste tun), die ihn heftig husten

und niesen machen; in diesen Tönen kommt dann ebenfalls eine gewisse

Wucht und Kraftfülle zum Ausdruck.

Dieser Herr aus dem Haag also hat das Unglück, mein Nachbar zu sein,

tagsüber der Feind, Bedroher und oft Vernichter meiner geistigen Arbeit,

einen Teil der Nacht hindurch der Feind und Vernichter meines Schlafes.

Nicht an allen Tagen allerdings empfand ich seine Existenz als Strafe

und Belastung. Es gab mehrere warme und sonnige Tage, an welchen es mir

vergönnt war, meine Arbeit im Freien zu tun; im Hotelgarten in einem

verborgenen kleinen Gehölz, die Mappe auf den Knien, schrieb ich meine

Blätter voll, dachte meine Gedanken, ging meinen Träumen nach oder las

zufrieden in meinem Jean Paul. An allen kühlen und Regentagen jedoch,

und deren waren sehr viele, sah ich mich den ganzen Tag hindurch dem

Feinde Wand an Wand gegenüber; während ich lautlos und gespannt am

Schreibtisch über meinen Beschäftigungen hing, lief nebenan der

Holländer auf und ab, füllte die Waschschüssel, spuckte das Becken voll,

warf sich in den Sessel, unterhielt sich mit seiner Frau, lachte mit ihr

über Witze, empfing Besuche. Es waren für mich oft sehr mühsame Stunden.

Indessen hatte ich eine gewaltige Hilfe dabei, nämlich eben meine

Arbeit. Ich bin kein Arbeitsheld und verdiene keine Fleißpreise, aber

wenn ich schon einmal begonnen habe, mich von einer Vision oder von

einer Gedankenreihe erfüllen und bezaubern zu lassen, wenn ich schon

einmal, widerstrebend genug, mich auf den Versuch eingelassen habe,

diese Gedanken in eine Form zu bringen, dann bin ich in dies Unternehmen

verbissen und kenne nichts andres, was mir wichtig wäre. Es gab Stunden,

da konnte in Nummer 64 ganz Holland Kirmes feiern, es berührte mich

kaum, denn ich war bezaubert und hingenommen von dem einsamen,

phantastischen und gefährlichen Geduldsspiel, das mich einspann, ich

rannte hitzig mit krampfhafter Feder meinen Gedanken nach, baute Sätze,

wählte unter zuströmenden Assoziationen, angelte hartnäckig nach den

geeigneten Worten. Der Leser mag sehr darüber lachen, für uns

Schreibende aber ist das Schreiben immer wieder eine tolle, erregende

Sache, eine Fahrt in kleinstem Kahn auf hoher See, ein einsamer Flug

durchs All. Während man ein einzelnes Wort sucht, unter drei sich

anbietenden Worten wählt, zugleich den ganzen Satz, an dem man baut, im

Gefühl und Ohr zu behalten –: während man den Satz schmiedet, während

man die gewählte Konstruktion ausführt und die Schrauben des Gerüstes

anzieht, zugleich den Ton und die Proportionen des ganzen Kapitels, des

ganzen Buches irgendwie auf geheimnisvolle Weise stets im Gefühl

gegenwärtig zu haben: das ist eine aufregende Tätigkeit. Ich kenne eine

ähnliche Gespanntheit und Konzentration aus eigener Erfahrung nur noch

bei der Tätigkeit des Malens. Da ist es ganz ebenso: jede einzelne Farbe

zur Nachbarfarbe richtig und sorgfältig abzustimmen, ist hübsch und

leicht, man kann das lernen und alsdann beliebig oft praktizieren.

Darüber hinaus aber beständig die sämtlichen Teile des Bildes, auch die

noch gar nicht gemalten und sichtbaren, wirklich gegenwärtig zu haben

und mit zu berücksichtigen, das ganze vielmaschige Netz sich kreuzender

Schwingungen zu empfinden: das ist erstaunlich schwer und glückt nur

selten.

Es liegt also in der literarischen Arbeit eine so heftige Nötigung zur

Konzentration, daß man bei stark gespanntem Produktionstrieb recht wohl

äußere Behinderungen und Störungen überwinden kann. Der Autor, welchem

nur an einem bequemen Tisch, bei bestem Licht, mit seinem eigenen

gewohnten Schreibmaterial, auf besonderem Papier usw. seine Arbeit

möglich scheint, ist mir verdächtig. Wohl sucht man instinktiv alle

äußeren Erleichterungen und Bequemlichkeiten auf, wo sie aber nicht zu

haben sind, geht es auch ohne sie. Und so gelang es mir oft, zwischen

mich und Nummer 64 eine Distanz oder Isolierwand hinein zu schreiben,

die mich für eine produktive Stunde schützte. Sobald ich aber zu ermüden

begann, und dazu trug der angehäufte Schlafmangel mächtig bei, waren die

Störungen wieder da.

Viel schlimmer als mit der Arbeit stand es mit dem Schlafen. Ich will

hier meine rein psychologisch begründete Theorie der Schlaflosigkeit

nicht darlegen. Ich sage nur, daß jene vorübergehende Immunität gegen

Holland, mein Hinweg-Konzentriertsein von Nummer 64, wohl je und je bei

der Arbeit gelang, mit Hilfe beflügelnder Kräfte, daß meine

Schlafversuche aber dieses Glück nicht teilten.

Der Schlaflose nun, wenn er seinem Leiden eine längere Weile

preisgegeben ist, richtet, wie die meisten Menschen es in Zuständen

nervöser Übermüdung tun, Gefühle der Ablehnung, des Hasses, ja der

Vernichtungslust sowohl gegen sich selbst wie gegen die nächste

Umgebung. Da die nächste Umgebung für mich nun einzig aus Holland

bestand, häuften sich in mir während der schlaflosen Nächte langsam

gegen Holland Gefühle der Abneigung, der Erbitterung, des Hasses an, die

sich tagsüber nicht zerstreuen konnten, da die Spannung und Störung ja

beständig fortbestand. Lag ich im Bette, durch den Holländer am Schlaf

verhindert, fiebernd vor Übermüdung und ungestilltem Verlangen nach

Ruhe, und hörte ich nebenan den Nachbar seine satten, festen, soliden

Schritte tun, seine festen, strammen Bewegungen machen, seine markigen

Töne bilden, dann empfand ich gegen ihn einen ziemlich vehementen Haß.

Immerhin aber blieb mir während dieser Situation stets bis zu einem

gewissen Grade die Dummheit meines Hasses bewußt, ich konnte zwischenein

immer wieder für Augenblicke über meinen Haß lächeln und ihm dadurch die

Spitze abbrechen. Fatal aber wurde es mir, als dieser an sich

unpersönliche, nur gegen die Störungen meines Schlafes, gegen meine

eigene Nervosität, gegen die undichte Türe gerichtete Haß sich im Laufe

der Tage immer weniger neutralisieren und verteilen ließ, als er

allmählich immer törichter, immer einseitiger und persönlicher wurde. Es

half am Ende nichts mehr, daß ich mir die persönliche Unschuld des

Holländers vorhielt und bewies. Ich haßte ihn einfach, und zwar nicht

nur etwa in den Augenblicken, wo er mir tatsächlich lästig war, wo

mitten in tiefer Nacht sein lautes Schreiten, Reden und Lachen

vielleicht in der Tat rücksichtslos war. Nein, ich haßte ihn jetzt ganz

richtig, mit dem richtigen, naiven, dummen Haß, mit welchem ein

erfolgloser kleiner christlicher Kaufmann die Juden oder ein Kommunist

die Kapitalisten haßt, mit jener dummen, tierischen, vernunftlosen und

im Grunde feigen oder neidischen Art von Haß, die ich an anderen stets

so sehr bedaure, der die Politik, das Geschäft, die Öffentlichkeit

vergiftet und dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich haßte

nicht mehr bloß sein Husten, seine Stimme, sondern ihn selbst, seine

reale Person, und wenn er mir, vergnügt und ahnungslos, tagsüber

irgendwo begegnete, war es für mich die Begegnung mit einem ausgemachten

Feind und Schädling, und all meine Philosophie reichte nur so weit, daß

ich meinem Gefühl keine Äußerung gestattete. Sein glattes, frohes

Gesicht, seine dicken Augendeckel, seine dicken, frohen Lippen, sein

Bauch in der modischen Weste, sein Gehen und Benehmen, alles zusammen

war mir zuwider und verhaßt, und am meisten haßte ich alle die

unzähligen Anzeichen seiner Kraft, Gesundheit und Unverwüstlichkeit,

sein Lachen, seine gute Laune, die Energie seiner Bewegungen, die

überlegene Apathie seines Blickes, alle diese Anzeichen seiner

biologischen und sozialen Überlegenheit. Natürlich, auf diese Art war es

leicht, gesund und guter Laune zu sein und den befriedigten Herrn zu

spielen, wenn man Tag und Nacht vom Schlaf, von der Kraft anderer

zehrte, wenn man die Rücksicht, das stille Betragen, die Beherrschung

seiner Nachbarn immerzu genoß und schluckte, selber aber keine Hemmungen

kannte, nach Belieben bei Tag und Nacht Luft und Haus mit Tönen und

Vibrationen erschütterte. Möge der und jener ihn holen, diesen Herrn aus

Holland! Dunkel erinnerte ich mich auch des fliegenden Holländers – war

nicht auch der ein verfluchter Dämon und Quälgeist gewesen? Namentlich

aber erinnerte ich mich jener Holländer, welche einst der Dichter

Multatuli gezeichnet hat, jener fetten Genießer und Geldsammler, deren

Reichtum und satte Bonhomie die Aussaugung der Malaien zur Basis hatte.

Braver Multatuli!

Freunde von mir, welchen meine Denk- und Fühlweise, mein Glaube und

Vorstellungsleben genauer bekannt sind, vermögen sich vorzustellen, wie

sehr ich unter diesem unwürdigen Zustande litt, wie sehr dieser

zwanghafte, von meinem Herzen nicht gebilligte Haß gegen einen

Unschuldigen mich stören und quälen mußte – und zwar nicht wegen der

Unschuld meines „Feindes“ und wegen des Unrechts, das ich ihm in meinen

Gefühlen tat, sondern vor allem wegen der Unsinnigkeit meines Gehabens,

wegen des tiefen, prinzipiellen Widerspruches zwischen meinem

praktischen Verhalten und alle dem, worin mein Wissen, mein Glaube,

meine Religion bestand. Ich glaube nämlich an nichts in der Welt so

tief, keine andre Vorstellung ist mir so heilig wie die der Einheit, die

Vorstellung, daß das Ganze der Welt eine göttliche Einheit ist und daß

alles Leiden, alles Böse nur darin besteht, daß wir Einzelne uns nicht

mehr als unlösbare Teile des Ganzen empfinden, daß das Ich sich zu

wichtig nimmt. Viel Leid hatte ich in meinem Leben erlitten, viel

Unrecht getan, viel Dummes und Bitteres mir eingebrockt, aber immer

wieder war es mir gelungen, mich zu erlösen, mein Ich zu vergessen und

hinzugeben, die Einheit zu fühlen, den Zwiespalt zwischen Innen und

Außen, zwischen Ich und Welt als Illusion zu erkennen und mit

geschlossenen Augen willig in die Einheit einzugehen. Leicht war es mir

nie geworden, niemand konnte weniger Begabung zum Heiligen haben als

ich; aber dennoch war mir immer wieder jenes Wunder begegnet, dem die

christlichen Theologen den schönen Namen der „Gnade“ gegeben haben,

jenes göttliche Erlebnis der Versöhnung, des Nichtmehrwiderstrebens, des

willigen Einverstandenseins, das ja nichts anderes ist als die

christliche Hingabe des Ich oder die indische Erkenntnis der Einheit.

Ach, und nun stand ich wieder einmal so völlig außerhalb der Einheit,

war ein vereinzeltes, leidendes, hassendes, feindliches Ich. Auch andre

waren das, gewiß, ich stand damit nicht allein, es gab eine Menge von

Menschen, deren ganzes Leben ein Kampf, ein kriegerisches Sichbehaupten

des Ich gegen die Umwelt war, welchen der Gedanke der Einheit, der

Liebe, der Harmonie unbekannt war und fremd, töricht und schwächlich

erschienen wäre, ja, die ganze praktische Durchschnittsreligion des

modernen Menschen bestand in einem Verherrlichen des Ich und seines

Kampfes. Aber in diesem Ichgefühl und Kampf sich wohl zu fühlen, war nur

den Naiven möglich, den starken, ungebrochenen Naturwesen; den

Wissenden, den in Leiden sehend Gewordnen, den in Leiden differenziert

Gewordnen war es verboten, in diesem Kampfe ihr Glück zu finden, ihnen

war Glück nur denkbar im Hingeben des Ich, im Erleben der Einheit. Ach,

wohl jenen Einfältigen, welche sich selber lieben und ihre Feinde hassen

konnten, wohl jenen Patrioten, welche nie an sich zu zweifeln brauchten,

weil an allem Elend und Unheil ihres Landes niemals sie selbst im

geringsten eine Schuld hatten, sondern natürlich die Franzosen oder die

Russen oder die Juden, einerlei wer, nur eben immer ein anderer, ein

„Feind“! Vielleicht waren diese Menschen, neun Zehntel der Lebenden,

wirklich glücklich in ihrer barbarischen Urreligion, vielleicht lebten

sie beneidenswert froh und leicht in ihrem Panzer von Dummheit oder von

äußerst schlauer Denkfeindschaft – obwohl ja auch dies höchst

zweifelhaft war, denn wo war ein gemeinsamer Maßstab für das Glück jener

Menschen und das meine, für ihre Leiden und die meinen zu finden?

Es war in einer langen, quälend langen Nacht, daß ich diese Gedanken

dachte. Ich lag, das Opfer des Holländers, der nebenan hustete, spuckte

und auf und nieder lief, heiß und übermüdet im Bett, die Augen von

langem Lesen (was wollte ich andres tun?) überanstrengt, und fühlte, daß

jetzt diesem Zustand, dieser Qual und Schmach unbedingt ein Ende gemacht

werden mußte. Kaum war diese Klarheit, diese Überzeugung oder

Entschließung in mir aufgeblitzt, kalthell wie Morgenschein, kaum stand

es klar und fest vor meiner Seele: „Dies muß alsbald zu Ende gelitten

und zur Lösung gebracht werden“, da tauchten zuerst die üblichen

vulgären Phantasien in mir auf, wie sie in Augenblicken besonderer Pein

jedem Nervösen wohlbekannt sind. Nur zwei Wege, so schien es, konnten

aus dieser jämmerlichen Lage herausführen; einen davon mußte ich wählen:

entweder mich umbringen oder mich mit dem Holländer auseinandersetzen,

ihn an der Gurgel nehmen und besiegen. (Eben hustete er wieder mit

imponierender Energie.) Beide Vorstellungen waren schön und erlösend,

wenn auch etwas kindlich. Schön war der Gedanke, sich auf irgendeine der

üblichen, öfters erwogenen Arten beiseitezubringen, mit dem typischen

kindlichen Selbstmördergefühl: „Es geschieht euch recht, wenn ich mir

jetzt die Gurgel durchschneide.“ Schön war auch die andre Vorstellung,

statt meiner den Holländer zu packen, ihn zu erwürgen oder

totzuschießen, als Sieger über seine brutale, undifferenzierte Vitalität

übrigzubleiben.

Diese naiven Phantasien vom Auslöschen entweder meiner selbst oder des

Feindes waren indessen schon bald erschöpft. Man konnte sich ihnen eine

Weile hingeben, sich in Wunschbilder flüchten, welche aber schnell

welkten und ihren Zauber verloren, denn nach kurzem Schweifen durch

diesen Irrgarten war der Wunsch entkräftet und ich mußte mir gestehen,

daß diese Wünsche lediglich Exaltationen des Augenblicks waren, daß ich

ja weder meine noch des Holländers Vernichtung wirklich und ernstlich

wünsche. Seine Entfernung hätte vollkommen genügt. Ich suchte nun diese

Entfernung in Bilder zu kleiden, ich machte Licht, nahm das Kursbuch aus

der Nachttischschublade und unterzog mich der Mühe, einen lückenlosen

Reiseplan zusammenzustellen, nach welchem der Holländer morgen in aller

Frühe abreisen und so rasch wie möglich seine Heimat erreichen sollte.

Diese Beschäftigung machte mir ein wenig Vergnügen, ich sah den Mann in

unheimlicher, kühler Morgenfrühe aufstehen, sah und hörte ihn zum

letztenmal in Nummer 64 seine Toilette verrichten, die Stiefel anziehen,

die Tür zuknallen, sah ihn fröstelnd zum Bahnhof fahren und abreisen,

sah ihn morgens um acht Uhr in Basel mit französischen Zöllnern

schelten, und je weiter mein Wunschbild ihn fortspediert hatte, desto

leichter ward mir. Aber schon in Paris versagte meine Vorstellungskraft,

und das ganze Bild ging wieder in Trümmer, lang, ehe ich meinen Mann an

der holländischen Grenze hatte.

Das waren Spielereien. Auf so einfache, so wohlfeile Art war der Feind,

der Feind in mir selbst, nicht zu überwinden. Es galt ja nicht, an dem

Holländer irgendeine Rache zu nehmen, es galt lediglich eine wertvolle,

positive und meiner würdige Einstellung zu ihm zu gewinnen. Meine

Aufgabe war ganz klar: ich hatte meinen wertlosen Haß abzubauen, ich

hatte den Holländer zu lieben. Dann mochte er spucken und dröhnen, ich

war ihm überlegen, ich war gefeit. Wenn es mir gelang, ihn zu lieben,

dann half ihm alle Gesundheit, alle Vitalität nichts mehr, dann war er

mein, dann widerstrebte sein Bild nicht mehr dem Gedanken der Einheit.

Wohlan denn, das Ziel war würdig, es galt, meine schlaflose Nacht gut

anzuwenden!

So einfach die Aufgabe war, so schwer war sie, und ich habe wirklich

nahezu jene ganze Nacht dazu gebraucht, sie zu lösen. Ich mußte den

Holländer verwandeln, ihn umarbeiten, aus dem Objekt meines Hasses, aus

der Quelle meiner Leiden mußte er umgeschaffen, mußte zum Objekt meiner

Liebe, meines Interesses, meiner Teilnahme und Brüderlichkeit umgegossen

werden. Gelang mir dies nicht, brachte ich in mir die Wärmegrade für

diese Umschmelzung nicht auf, dann war ich verloren, dann blieb der

Holländer mir im Halse stecken, und ich mußte weitere Tage und Nächte an

ihm würgen. Was ich zu tun hatte, war lediglich die Erfüllung jenes

wunderbaren Wortes „Liebet eure Feinde“. Ich war längst gewohnt, alle

diese so merkwürdig zwingenden Worte des Neuen Testamentes nicht bloß

moralisch zu nehmen, nicht als Befehle, als „Du sollst“, sondern als

freundliche Andeutungen eines wahrhaft Weisen, der uns zuwinkt:

„Probiere es einmal, diesen Spruch buchstäblich zu erfüllen, du wirst

dich wundern, wie wohl das dir tun wird.“ Ich wußte, daß diese Sprüche

nicht bloß das Höchste an moralischer Forderung, sondern auch das

Höchste und Klügste an seelenhafter Glückslehre enthielten und daß die

ganze Liebestheorie des Neuen Testamentes, neben all ihren anderen

Bedeutungen, auch die Bedeutung einer seelischen Technik von größter

Durchdachtheit habe. In diesem Falle lag es ja auf der Hand, der jüngste

und naivste Psychoanalytiker hätte es nur bestätigen können, daß

zwischen mir und meiner Erlösung einzig die noch unerfüllte Forderung

stand, meinen Feind zu lieben.

Nun, es gelang, er blieb mir nicht im Halse stecken, er wurde

umgeschmolzen. Aber es ging nicht leicht, es kostete Schweiß und Arbeit,

es kostete zwei oder drei Nachtstunden heftigster Anspannung. Dann aber

war es getan.

Ich machte den Anfang damit, mir die Gestalt des Gefürchteten in

möglichst scharfer Deutlichkeit vor die Seele zu zwingen, bis keine Hand

und kein Finger an der Hand, bis kein Schuh, keine Augenbraue, keine

Wangenfalte mehr fehlte, bis ich ihn ganz und gar vor mir sah, ihn

innerlich völlig besaß, ihn gehen, sitzen, lachen und schlafen machen

konnte. Ich stellte ihn mir vor, wie er morgens sich die Zähne bürstete

und wie er nachts auf dem Kissen einschlief, ich sah das Müdewerden der

Augendeckel, sah den Hals sich entspannen und den Kopf weich

hinabwelken. Wohl eine Stunde dauerte es, bis ich ihn soweit hatte.

Damit war viel gewonnen. Etwas lieben, das bedeutet für den Dichter: es

in seine Phantasie aufnehmen, es dort wärmen und hegen, damit spielen,

es mit der eigenen Seele durchdringen, mit dem eigenen Atem beleben. So

tat ich mit meinem Feinde, bis er mir gehörte und in mich eingegangen

war. Ohne seinen etwas zu kurzen Hals wäre es wohl nicht geglückt, aber

der Hals kam mir zu Hilfe. Ich mochte den Holländer aus- oder anziehen,

ihn in Kniehosen oder Gehrock, in ein Ruderboot oder an einen

Mittagstisch setzen, ich mochte ihn zum Soldaten, zum König, zum

Bettler, zum Sklaven, zum Greis oder zum Kind machen, in jeder noch so

veränderten Gestalt hatte er einen kurzen Hals und ein klein wenig

vorstehende Augen. Dies Zeichen war sein schwacher Punkt, hier mußte ich

ihn angreifen. Lange brauchte ich, bis es mir gelang, den Holländer

jünger zu machen, bis ich ihn als jungen Ehemann, als Bräutigam, als

Studenten und Schüler vor mir sehen konnte. Als es mir endlich gelungen

war, ihn zum kleinen Knaben zurückzuverwandeln, da gewann der Hals zum

erstenmal meine Teilnahme. Auf dem sanften Wege des Mitleids eroberte er

mein Herz, als ich diesen kräftigen und energischen Knaben seinen Eltern

durch diese leisen Anzeichen einer asthmatischen Anlage Sorge machen

sah. Auf dem sanften Wege des Mitleids ging ich weiter, und es gehörte

wenig Kunst mehr dazu, auch die künftigen Jahre und Stufen zu

produzieren. Als ich soweit war, den ganzen Mann, um zehn Jahre

gealtert, seinen ersten Schlaganfall erleiden zu sehen, da sprach

plötzlich alles an ihm so rührend mit, die dicklichen Lippen, die

schweren Augendeckel, die wenig biegsame Stimme, alles gewann

Werbekraft, und noch ehe er in meiner intensiven Vorstellung den

imaginären Tod erlitten hatte, war sein Menschliches, seine Schwäche,

sein Sterbenmüssen mir schon so brüderlich nahe gekommen, daß ich ihn

längst liebte und keine Widerstände mehr gegen ihn hatte. Da war ich

froh, drückte ihm die Augen vollends zu und schloß meine eigenen, denn

es war schon Morgen und ich hing, von meiner langen nächtlichen Dichtung

völlig erschöpft, wie ein Gespenst in den Kissen.

Am folgenden Tage und in der folgenden Nacht hatte ich reichliche

Gelegenheit, festzustellen, daß ich Holland besiegt hatte. Der Mensch

mochte lachen oder husten, er mochte noch so gesund auftreten, noch so

dröhnend einherschreiten, er mochte Stühle rücken oder Witze machen, es

brachte mich nichts mehr aus dem Gleichgewicht. Am Tage konnte ich

leidlich arbeiten, in der Nacht leidlich ruhen.

Mein Triumph war groß, doch genoß ich ihn nicht lange. Am zweiten Morgen

nach der Siegesnacht reiste der Holländer plötzlich ab, womit wieder er

zum Sieger wurde, und ließ mich sonderbar enttäuscht zurück, da ich für

meine schwer errungene Liebe und Unanfechtbarkeit nun keine Verwendung

mehr hatte. Seine Abreise, die ich einst so innig herbeigesehnt hatte,

tat mir nun beinahe weh.

An seiner Stelle zog in Nummer 64 eine kleine graue Dame mit einem jener

gummibeschuhten Stöcke ein, die ich nur selten zu sehen oder zu hören

bekam. Sie war eine ideale Nachbarin, nie störte sie mich, nie erregte

sie Zorn und Feindschaft in mir. Doch kann ich das erst jetzt,

nachträglich, anerkennen. Mehrere Tage lang war die neue Nachbarschaft

mir eine ständige Enttäuschung, viel lieber hätte ich wieder meinen

Holländer da gehabt, ihn, den ich nun endlich hätte lieben können.

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur · 第 7 / 12 题