Mißmut

Wenn ich heute an den Optimismus meines ersten Badener Tages

zurückdenke, an meine damalige kindliche Hoffnungsfreudigkeit, an mein

naives Vertrauen in diese Badekur und gar an die schon mehr frivole,

selbstgefällige Einbildung und knabenhafte Eitelkeit, mit der ich damals

mich als verhältnismäßig jung und rüstig, als einen hoffnungsvollen

Leichtkranken einschätzte; wenn ich mich der ganzen spielerisch

leichtsinnigen Stimmung jener ersten Tage erinnere, meines primitiven

Negerglaubens an Baden, an die Harmlosigkeit und Heilbarkeit meiner

Ischias, an die warmen Quellen, an den Badearzt, an die Diathermie und

die Quarzlampe: dann kann ich nur schwer dem Drang widerstehen, mich vor

den Spiegel zu stellen und mir selber die Zunge herauszustrecken. Mein

Gott, wie sind diese Einbildungen geschwunden, wie sind diese Hoffnungen

erloschen, was ist übrig geblieben von jenem aufrechten, elastischen,

wohlwollend lächelnden Ankömmling, der an seinem Malakkastock spielend

und von sich selbst entzückt die Badestraße hinabtanzte! Wie ein

richtiger Affe komme ich mir jetzt vor. Ja, und was ist übrig geblieben

von der so optimistischen, glattlackierten, anpassungsbereiten,

weltmännischen Philosophie, mit der ich damals spielte und mich zierte

wie mit meinem Malakkastock!

Zwar dieser Spazierstock ist noch unverändert. Noch gestern habe ich das

Anerbieten des Bademeisters, einen jener verfluchten Gummizapfen über

das Ende meines hübschen Stockes zu stülpen, mit Entrüstung

zurückgewiesen. Aber wer weiß, ob ich dies Anerbieten, wenn es morgen

wiederholt wird, nicht annehme?

Ich habe scheußliche Schmerzen, und nicht bloß beim Gehen, sondern auch

beim Sitzen, so daß ich seit vorgestern fast immer liege. Wenn ich

morgens aus meinem Bade steige, so machen die zwei kleinen Steinstufen

mir schwere Arbeit, keuchend und schwitzend ziehe ich mich am Geländer

empor, habe kaum mehr die Kraft, das Badetuch um mich zu schlagen, und

sinke dann für eine Weile im Stuhl zusammen. Das Anziehen der

Hausschuhe, des Schlafrockes ist eine verhaßte schwere Pflicht, der Weg

bis zum Schwefelbrunnen und später vom Brunnen zum Lift, vom Lift ins

Schlafzimmer ist eine scheußlich mühsame, endlose, schmerzhafte Reise.

Ich benütze bei dieser Morgenreise alle denkbaren Hilfsmittel, halte

mich am Badewärter, am Türpfosten, an jeder Brüstung fest, taste mich

den Wänden nach und bewege Beine und Rücken ohne jede ästhetische

Rücksicht in jener schwerfällig-traurigen, idiotenhaft-häßlichen, halb

schwimmenden Manier, die ich einstmals (o wie unsäglich lange ist das

her!) mit humorvollem Mitleid an jener alten Dame beobachtete, die ich

mit einer Seelöwin vergleichen zu müssen meinte. Wenn jemals ein

frivoles Witzwort strafend auf des Spötters Haupt zurückfiel, so ist es

hier geschehen.

Morgens, wenn ich auf dem Bettrand sitze und mich vor der qualvollen

Aufgabe scheue, mich zu meinen Schuhen niederzubücken, oder wenn ich

nach dem Bade, todmüde, halbschlummernd auf dem Stuhl in der Badezelle

hänge, dann sagt mir die Erinnerung, daß es noch vor kurzem, noch vor

wenigen Wochen Morgen gegeben hat, an denen ich, kaum dem Bett

entschlüpft, kraftvoll und genau meine Atemübungen vornahm, den

Brustkorb dehnte, den Bauch zum Riemen einzog, den gestauten Atem

beherrscht und rhythmisch wie aus einer Oboe entströmen ließ. Es muß

wahr sein, aber schon kann ich nicht mehr recht daran glauben, daß ich

einst mit straffgestreckten Beinen und durchgedrückten Knien auf

federnden Zehen zu stehen, daß ich tiefe langsame Kniebeugen und alle

jene andern hübschen Turnstücke auszuführen vermochte!

Allerdings hat man mir gleich beim Beginn der Kur gesagt, daß

möglicherweise solche Reaktionen eintreten könnten, daß die Bäder sehr

ermüden und daß bei manchen Patienten vorerst die Schmerzen sich in der

Kur noch steigern. Nun ja, ich hatte dazu genickt. Aber daß diese

Ermüdung so jämmerlich, die Zunahme der Schmerzen so heftig und

niederdrückend sein könnte, hatte ich nicht geahnt. Ich bin in acht

Tagen ein alter Mann geworden, der in Haus und Garten da und dort auf

den Bänken herumsitzt und jedesmal Mühe hat, wieder hochzukommen, der

keine Treppen mehr steigt und dem der Liftboy beim Ein- und Aussteigen

behilflich sein muß.

Auch von außen her kam allerlei Enttäuschendes. In Zürich, ein paar

Meter von hier, sitzen mehrere nahe Freunde von mir, und sie wissen, daß

ich krank und hier zur Kur bin, zwei von ihnen haben mir ihren Besuch

sogar geradezu versprochen, als ich sie auf der Durchreise besuchte.

Gekommen aber ist keiner, und natürlich wird auch keiner kommen; daß ich

mich darauf verließ und freute, war wieder eine meiner nicht

auszurottenden Infantilitäten. Nein, sie kommen natürlich nicht, ich

weiß ja doch, wie viel sie zu tun haben, alle diese armen und geplagten

Menschen, und wie spät sie oft ins Bett kommen, nach dem Theater, dem

Restaurant, der Einladung; es war dumm von mir, daran nicht zu denken

und ganz wie ein kleines Kind ohne weiteres zu erwarten, die Leute

würden sich ein Vergnügen daraus machen, mir, einem kranken und

langweiligen Menschen, Besuche zu machen. Aber immer setze ich das

Ungeheuerste voraus, erwarte das Überschwänglichste; kaum kenne ich

jemand und finde ihn sympathisch, so traue ich ihm schon auch das

Allerbeste zu, ja, fordere es von ihm und bin entzaubert und betrübt,

wenn es nicht stimmt. So ging es mir auch mit der ziemlich hübschen und

jungen Dame im Hotel, mit der ich mich einige Male unterhalten habe und

die mir recht gut gefiel. Nachdem sie mir als ihre Lieblingsbücher

einige schlechte Unterhaltungsromane genannt hatte, war ich zwar einen

Moment erschrocken, sagte mir aber alsbald, daß ich, der Fachmann und

Kenner in literarischen Dingen, kein Recht habe, auf diesem Gebiet auch

bei anderen Urteil und Verständnis vorauszusetzen. Ich schluckte jene

Büchertitel, strafte mich selbst und traute weiterhin der Dame das Beste

und Edelste zu. Und nun hat sie gestern abend im Salon drüben diesen

Mord begangen! Sie, eine angenehme, heitere und sogar hübsche Dame, eine

Frau, die in meiner Gegenwart sicher kein Kind prügeln und kein Tier

quälen würde, hat in meiner Gegenwart, mit heiterer Stirn und

unschuldigen Augen, am Klavier eine liebenswürdige Menuett aus dem

achtzehnten Jahrhundert mit ungeübten, aber kräftigen Händen

vergewaltigt und totgeschlagen! Ich war ganz entsetzt und traurig und

rot vor Scham, aber es fiel niemandem auf, daß da etwas Schlimmes

geschehen war, ich saß mit meinen törichten Gefühlen allein. O wie

sehnte ich mich nach meiner Einsamkeit, nach meiner Höhle, die ich nie

hätte verlassen sollen, wo es zwar Leiden und Nöte genug gibt, aber

keine Klaviere, keine literarischen Gespräche, keine gebildeten

Nebenmenschen!

Und die ganze Kur, das ganze Baden ist mir so scheußlich zuwider

geworden. Von den Gästen unsres Hotels sind, wie ich weiß, die

allermeisten nicht zum erstenmal in Baden, viele besuchen das Bad zum

sechsten-, zum zehntenmal, und nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird

es mir gehen wie ihnen, wie allen Stoffwechselkranken, daß nämlich das

Leiden von Jahr zu Jahr fataler wird und daß die Hoffnung auf Heilung

der bescheideneren Hoffnung weicht, durch solche Kuren wenigstens

alljährlich für eine Weile etwas Erleichterung zu finden. Der Arzt zwar

bleibt fest bei seinen Versicherungen, aber das ist ja sein Beruf, und

daß wir Patienten äußerlich gut aussehen und den Eindruck gedeihlichsten

Wohlergehens machen, dafür sorgt materiell das üppige Essen und

koloristisch die Quarzlampe, die uns auf das dekorativste bräunt, so daß

wir aussehen wie Leute, die soeben blühend vom Hochgebirge zurückkehren.

Dabei verkommt man auch moralisch in dieser faulen und erschlaffenden

Badeatmosphäre. Meine paar guten spartanischen Gewohnheiten, die ich mir

in Jahren anerzogen, das Atmen und Turnen, das Vorliebnehmen mit magerer

Kost, sind mir verloren gegangen, übrigens unter direkter Unterstützung

des Arztes; auch meine anfängliche Beobachtungs- und Arbeitslust ist

fast ganz verschwunden. Nicht daß es um diese _Psychologia Balnearia_

schade wäre – im Gegenteil, sie war von Anfang an ja nicht ein Opus,

kein zielbewußter Gestaltungsversuch, sondern eben eine Beschäftigung,

eine kleine tägliche Übung für Auge und Handgelenk. Aber auch darüber

wird die Trägheit Herr, ich brauche wenig Tinte mehr. Wäre der Sieg über

den Holländer nicht, der mir auch schon unverhältnismäßig schwer fiel,

so müßte ich geradezu eine Verluderung und Versumpfung feststellen. Und

in manchen Punkten muß ich dies wirklich. Vor allem hat sich meiner eine

Trägheit, eine mißgelaunte Faulheit bemächtigt, die mich von allem Guten

und Nützlichen abhält, namentlich von jeder noch so geringen

körperlichen Anstrengung. Kaum zum kleinsten Spaziergang kann ich mich

bringen, nach Tische liege ich, ebenso wie nach den Bädern und

Behandlungen, stundenlang auf dem Bett oder im Liegestuhl, und wie es

geistig mit mir steht, das werde ich später deutlich ablesen können,

wenn ich diese albernen Aufzeichnungen, mit denen ich mich aus einem

Rest von Pflichtgefühl noch je und je eine Stunde lang plage, einmal

wieder lesen werde. Ich bestehe ganz und gar nur noch aus Trägheit, aus

matter Langeweile, fauler Schlafsucht.

Ein noch beschämenderes Bekenntnis bleibt mir nicht erspart. Daß ich

nichts arbeiten, nicht denken, kaum lesen mag, daß ich seelisch und

leiblich jede Frische und Energie verloren habe, wäre schlimm genug,

aber es kommt noch immer ärger. Ich habe angefangen, mich gerade der

oberflächlichen und verdummenden, der öden und lasterhaften Seite dieses

trägen Kurgastlebens hinzugeben. Ich esse zum Beispiel mittags all die

guten fetten Bissen nicht mehr bloß so mit, spaßeshalber und mit innerer

Überlegenheit oder mindestens Ironie, wie ich es zu Anfang tat – nein,

ich esse, ich fresse, obwohl ich längst nicht mehr weiß, was Hunger ist,

diese feinen langen Menus täglich zweimal herunter mit der

unbeherrschten, dummen Völlerei des gelangweilten Menschen, des fetten,

lieblosen Bourgeois, ich trinke zum Abendessen meistens auch etwas Wein,

und vor dem Schlafengehen habe ich mir ein Fläschchen Bier angewöhnt,

etwas, was ich seit bald zwanzig Jahren nicht mehr getrunken hatte. Ich

nahm es anfangs als Schlafmittel, weil es mir empfohlen wurde, trinke es

nun aber seit Tagen rein aus Gewohnheit und Völlerei. Es ist nicht zu

glauben, wie schnell man das Schlechte und Dumme lernen kann, wie leicht

es ist, ein Hund von Faulenzer, ein Schwein von fettem Genießer zu

werden!

Aber mein Talent zum Laster hat sich keineswegs mit der Esserei und

Trinkerei, mit dem Nichtstun und Herumliegen begnügt. Mit der

körperlichen Verwöhnung und Trägheit geht die geistige Hand in Hand. Was

ich nie für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: ich meide, nicht

bloß im Geistigen, alle anstrengenden, rauhen und gefährlichen Wege,

sondern suche, auch im Geistigen, träg und fresserhaft gerade jene

faden, perversen, idiotisch pompösen und inhaltlosen Vergnügungen auf,

die ich von jeher geflohen und verabscheut und wegen deren ich den

Bourgeois und Städter im besonderen, unsre Zeit und Zivilisation im

allgemeinen zuweilen angeklagt und verachtet habe. Ich habe mich jetzt

dem durchschnittlichen Niveau des Kurgastes soweit genähert, daß ich

einen Teil jener Vergnügungen nicht mehr verabscheue und fliehe, sondern

mitmache und aufsuche. Es wird nicht lange mehr dauern, so werde ich

auch noch die Kurliste lesen (von den Unterhaltungen der Patienten ist

diese mir die rätselhafteste), werde mich mit Frau Müller

nachmittagelang über ihre Rheumatismen unterhalten und über alle die

Arten von Tee, die es dagegen gibt, und werde meinen Freunden

Ansichtskarten mit Brautpaaren oder mit jenen kühnen Rübenmenschen

senden.

Die Kurkonzerte, die ich lange Zeit so sorgfältig gemieden habe, suche

ich jetzt häufig auf und sitze ebenso wie alle anderen auf einem Stuhle,

höre die Unterhaltungsmusik vorüberrinnen und habe das angenehme Gefühl,

es rinne damit hörbar und fühlbar ein Stück Zeit hinweg, ein Stück von

der Zeit, von der wir Kurgäste so viel übrig haben. Zuweilen gewinnt und

bezaubert mich auch die Musik selbst, der rein sinnliche Reiz der paar

gut gespielten Instrumente, wobei vom Charakter und Gehalt der

gespielten Stücke nichts in mein Bewußtsein tritt. Seichte Musikstücke,

deren bloße Machart und Handschrift mir sonst Ekel erregt hätte, höre

ich jetzt ohne Beschwerden bis zu Ende an. Ich sitze eine Viertelstunde,

zuweilen eine halbe Stunde lang, müde und in schlechter Haltung,

zwischen der Schar anderer gelangweilter Leute, höre wie sie die Zeit

hinfließen, mache wie sie ein gelangweiltes Gesicht, kratze mich wie sie

zuweilen gedankenlos am Hals oder Nacken, stütze das Kinn auf den

Stockgriff oder gähne, und nur in vereinzelten Augenblicken zuckt meine

Seele erschreckt und widerstrebend auf wie ein Steppentier, das

plötzlich gefangen im Stall erwacht, nickt aber bald wieder ein und

schläft und träumt weiter, unterirdisch, ohne mich, denn ich bin von ihr

getrennt, seit ich auf diesen Konzertstühlen sitze.

Und erst jetzt, wo ich selber ganz und gar ein Teil der Menge, ein

Durchschnittskurgast, ein gelangweilter müder Philister geworden bin,

erst jetzt fühle ich, wie lächerlich und frivol es war, wenn ich auf den

ersten Seiten dieser Schrift mich als einen normalen Vertreter dieser

Welt und Mentalität aufspielte. Ich tat es ironisch, und erst jetzt, wo

ich tatsächlich dieser normierten Alltagswelt angehöre, wo ich ohne

Seele in einem Saal sitze und Unterhaltungsmusik zu mir nehme, wie man

Tee oder Pilsner zu sich nimmt, erst jetzt fühle ich wieder ganz und

gar, wie sehr, wie bitter ich diese Welt hasse. Denn jetzt hasse und

verachte und verhöhne ich in dieser Welt mich selber, nichts andres

mehr. Nein, mit dieser Welt zu paktieren, ihr anzugehören, in ihr

Geltung zu haben und mich wohlzufühlen – ich spüre es in diesem

Augenblick mit jeder Faser meines Wesens –, das ist nichts für mich, das

ist mir verboten, das ist Sünde gegen alles Gute und Heilige, wovon ich

weiß und woran teilzuhaben mein Glück ist. Und nur darum, nur weil ich

zurzeit diese Sünde begehe, weil ich mit dieser Welt paktiert und sie

angenommen habe, ist mir jetzt so sterbensschlecht zumute! Und dennoch

verharre ich dabei, die Trägheit ist stärker als meine Einsicht, der

fette, faule Bauch stärker als die schüchtern klagende Seele.

Zuweilen lasse ich mich jetzt auch von meinen Mitkurgästen in die

Unterhaltung ziehen, wir stehen nach Tische ein wenig im Korridor herum

und äußern völlig übereinstimmende Meinungen über den Stand der Politik

und Währungen, über Wetter und Kur, auch über Lebensphilosophie und

Familiensorgen. Daß junge Menschen eben doch eine Autorität über sich

brauchen und daß es keinem schadet, wenn er zuzeiten hartes Holz bohren

und bittere Brocken schlucken muß, und andres dergleichen mehr, was ich

alles von vornherein bereitwillig bejahe, wozu ich, den Bauch voll guten

Essens, mein volles Einverständnis äußere. Hie und da zuckt die Seele

auf, das Wort im Munde wird mir zu Galle, und ich muß eilig und

rücksichtslos davonlaufen und die Einsamkeit suchen (o wie schwer ist

sie hier zu finden), aber so im großen und ganzen bin ich auch dieser

Sünde gegen den Geist, bin auch der Sünde des dummen, nutzlosen

Schwatzens, des faulen, gedankenlosen Jasagens schuldig geworden.

Eine andere Zerstreuung, an die ich mich hier zu gewöhnen beginne, ist

der Kinematograph. Mehrere Abende schon habe ich im Kino zugebracht, und

wenn ich es das erstemal nur tat, um irgendwo allein zu sein, keine

Gespräche anhören zu müssen und dem Bannkreis des Holländers zu

entkommen, so ging ich doch das zweitemal schon zum Vergnügen, aus

Zerstreuungssucht (auch an das Wort „Zerstreuung“, das früher in meinem

Sprachschatz fehlte, habe ich mich nun schon gewöhnt!). Ich ging mehrere

Male und habe mir, durch die Augenlust am Bilderspiel verführt und

abgestumpft, nicht nur das Haarsträubendste und Liebloseste an

Kunstersatz und Pseudodramatik, neben einer grauenhaften Musik,

widerspruchslos gefallen lassen, sondern habe auch die physisch wie

seelisch üble Atmosphäre in jenem Raume ertragen. Ich fange an, alles zu

ertragen, alles zu schlucken, auch das Dümmste, auch das Häßlichste. Ich

habe stundenlang einen Film abrollen sehen, in dem eine antike Kaiserin

samt Theater, Zirkus, Kirche, samt Gladiatoren und Löwen, Heiligen und

Eunuchen gezeigt wurde, und habe es ertragen, daß die höchsten Werte und

Zeichen, daß Thron und Zepter, Ornat und Heiligenschein, Kreuz und

Reichsapfel samt allen möglichen und unmöglichen Fähigkeiten und

Zuständen der Seele, daß Menschen und Tiere zu Hunderten zu lächerlichem

Zwecke aufgeboten und ins Schaufenster gestellt wurden, daß dieser an

sich prachtvolle Aufwand durch einen endlosen, völlig idiotischen Text

entwertet, durch eine falsche Dramatik vergiftet und durch ein herz- und

kopfloses Publikum (ich gehöre mit dazu) entwürdigt und zum Jahrmarkt

verdorben wurde. Es war in manchen Augenblicken scheußlich, ich war oft

nahe am Weglaufen, aber Ischiatiker laufen nicht so leicht weg, ich

blieb, ich sah den Schmarren bis zu Ende und werde vermutlich morgen

oder übermorgen wieder in jenen Saal gehen. Es wäre unrecht, wollte ich

leugnen, daß ich auch einige entzückende Sachen im Kino gesehen habe,

namentlich einen liebenswerten französischen Akrobaten und Humoristen,

der bessere Einfälle hatte als die meisten Dichter. Was ich anklage, was

meinen Ärger und Ekel erregt, das ist nicht der Kino, das bin einzig

ich, der Kinobesucher. Wer nötigt mich, dorthin zu gehen, die grausame

Musik zu erdulden, die idiotischen Texte zu lesen, das Wiehern der

Menge, meiner unschuldigeren Brüder, mit anzuhören? Ich habe in jenem

großen Film ein ganzes Dutzend prachtvoller Löwen, die wir zwei Minuten

vorher noch lebend gesehen hatten, als starre Leichen über den Sand

schleppen sehen und habe die Hälfte der Zuschauer diesen grausig

traurigen Anblick mit lautem Gelächter quittieren hören! Ist denn in den

hiesigen Thermalbädern etwas enthalten, ein Salz, eine Säure, ein Kalk,

etwas, das den Menschen nivelliert, das Hemmungen gegen alles Hohe,

Edle, Wertvolle erzeugt und Hemmungen gegen das Niedere und Vulgäre

aufhebt? Nun, ich beuge mich und schäme mich, und für später, für die

Zeit nach der Rückkehr in meine Steppe, habe ich einige Gelübde getan.

Bin ich nun zu Ende gekommen mit meiner Liste von schlechten

Gewohnheiten und neu gelernten Lastern? Nein, ich bin noch nicht am

Ende. Ich habe auch das Hasardspiel kennengelernt, ich habe öftere Male

mit Vergnügen und Spannung am grünen Tisch gespielt und auch an einer

Maschine, der man silberne Frankenstücke durch verschiedene kleine

Mündungen zu schlucken gibt. Ich kann leider nicht so ganz richtig

spielen, weil ich wenig Geld habe, aber das mir Mögliche habe ich doch

daran gerückt, und zweimal ist es mir geglückt, wohl eine Stunde lang zu

spielen, ohne daß ich am Ende mehr als einen oder zwei Franken verloren

hatte. Das eigentliche Spielererlebnis habe ich damit natürlich nicht

gehabt, aber ich habe also auch an dieser Blüte gerochen, und ich muß

gestehen, daß es mir ein großes Vergnügen gemacht hat. Ich muß auch

bekennen, daß ich kein schlechtes Gewissen dabei hatte, wie bei den

Konzerten, den Gesprächen mit den Kurgästen und den Kinolöwen, sondern

das ein bißchen Verpönte und Antibürgerliche dieses Lasters mundete mir

außerordentlich, und ich bedaure aufrichtig, daß ich nicht saftigere

Einsätze machen kann.

Die Sensationen des Spieles waren für mich etwa diese: Ich stand erst

eine kleine Weile am Rand des grünen Tisches, auf die Zahlenfelder

blickend, und lauschte auf die Stimme des Mannes an der Roulette. Die

Zahl, welche dieser Mann ausrief, die von dem rollenden Ball erwählte

Zahl, welche eine Sekunde vorher noch eine blinde, dumme Zahl unter

vielen ihresgleichen gewesen war, strahlte nun warm und hell auf, in der

Stimme des Mannes, in dem vom Ball besetzten Loch, in den Ohren und

Herzen der Hörer. _Quatre_, hieß es, oder _cinq_ oder _trois_, und nicht

nur in meinem Ohr und Bewußtsein, nicht nur auf der runden konischen

Gleitbahn des Balles strahlte die Zahl auf, sondern auch auf dem grünen

Tische. Wenn die Sieben herauskam, so nahm die steife schwarze Ziffer

Sieben in dem ihr zugehörigen grünen Felde für Sekunden einen festlichen

Schimmer an, sie drängte alle anderen Zahlen ins Wesenlose, denn alle

anderen waren ja bloß Möglichkeiten, sie allein war Erfüllung, hatte

Wirklichkeit. Das Wirklichwerden des Möglichen, das Daraufwarten und

Daranbeteiligtsein, das war die Seele des Spiels. Wenn ich nun einige

Minuten zugesehen und zugehört hatte und vom Spiele angesogen zu werden

begann, dann kam der erste schöne und hold erregende Moment: es wurde

die Sechs ausgerufen, und sie überraschte mich nicht, sie kam so

richtig, so selbstverständlich und wirklich heraus, als hätte ich sie

bestimmt erwartet, ja, als hätte ich selbst sie gerufen, sie gemacht und

erschaffen. Von dieser Sekunde an war meine Seele am Spiel beteiligt,

witterte das Schicksal, fühlte sich gut Freund mit dem Zufall, und das

ist, muß ich gestehen, ein überaus glücklich machendes Gefühl, es ist

der Kern und Magnet der ganzen Spielerei. Also ich hörte die Sieben,

dann die Eins, dann die Acht herauskommen, fühlte mich nicht überrascht

oder enttäuscht, glaubte gerade diese Zahlen erwartet zu haben, und nun

war der Kontakt da, ich war an den Strom angeschlossen und konnte mich

ihm überlassen. Ich blickte jetzt fest auf die grüne Ebene, las die

Zahlen und wurde von einer von ihnen angezogen, hörte sie leise rufen

(manchmal auch zwei zugleich), sah sie mir leise winken und setzte

meinen Franken auf diese Zahl. Kam sie nun nicht heraus, so war ich

nicht enttäuscht und entzaubert, sondern konnte warten, meine Sechs oder

Neun würde schon kommen. Und sie kam, beim zweiten- oder drittenmal, sie

kam richtig. Dieser Augenblick des Gewinnens ist wundervoll. Du hast das

Schicksal angerufen und dich ihm anheimgestellt, du glaubst in Kontakt

mit dem großen Geheimnis zu sein, hast das ahnende Gefühl, mit ihm im

Bunde und befreundet zu sein – und siehe, es ist wahr, es bestätigt

sich, deine stille, geheime Vorstellung, dein kleines verborgenes

Wunschbild strahlt auf, es vollzieht sich das Wunder, aus der Ahnung

wird Wirklichkeit, deine Zahl wird von der allmächtigen Glückskugel

auserwählt, der Mann am Rad ruft sie laut aus, und der Mann am Tisch

wirft dir im Bogen eine Handvoll aufblitzender Silberstücke zu. Das ist

außerordentlich hübsch, es ist ein reines Glück, und es hängt nicht vom

Gelde ab, denn ich, der ich dies schreibe, habe von allen meinen

gewonnenen Franken nicht einen behalten, das Spiel hat alle wieder

verschlungen, und dennoch leuchten jene schönen Augenblicke des

Gewinnens, jene wunderbar innigen, kindhaft vollen und satten

Erfüllungen ungetrübt und köstlich nach, jede war ein voll und prall

geschmückter Weihnachtsbaum, jede ein Wunder, jede ein Fest, und zwar

ein Fest der Seele, eine Bestätigung und Bejahung und Steigerung des

innersten, tiefsten Lebensinstinktes. Gewiß, man kann dieselbe Freude,

dasselbe wunderbare Glück auf höheren Ebenen, in edleren und

differenzierteren Formen erleben: das Aufleuchten einer tiefen

Lebenserkenntnis, der Moment eines inneren Sieges und am meisten der

schöpferische Augenblick, der Augenblick des Findens, des aufblitzenden

Einfalls, das triumphierende Ertasten des Treffers bei der Arbeit des

Künstlers, all das ist, in höhern Regionen, dem Erlebnis des

Spielgewinns ähnlich wie Bild und Spiegelbild. Aber wie selten erlebt

auch der Glückliche, auch der Begnadete jene hohen göttlichen

Augenblicke, wie selten leuchtet in uns ermüdeten späten Menschen eine

Befriedigung, ein sättigendes Glücksgefühl, das an Stärke und Pracht

sich mit den Glückserlebnissen der Kindheit vergleichen darf! Diese

Erlebnisse sind es, denen der Spieler nachjagt, auch wenn er scheinbar

das Geld meint. Diesen Paradiesvogel der Freude, in unsrem glatten faden

Leben so selten geworden, sucht er zu erjagen, ihm gilt die lodernde

Sehnsucht in seinem Blick.

Hin und her ging dann das Glück, für Momente war ich ganz eins mit ihm,

saß selber in der rollenden Kugel, gewann, und ein Gefühl köstlicher

Erregung durchrann mich schauernd. Dann war der Höhepunkt überschritten.

Ich hatte eine dicke Handvoll gewonnener Münzen in der Hosentasche und

setzte nun Mal für Mal weiter, und langsam ließ das Gefühl der

Sicherheit nach, es sprang eine Eins, eine Vier heraus, die mich ganz

und gar überraschten, mir feindlich waren und mich verhöhnten. Jetzt

wurde ich unruhig und ängstlich, setzte auf Zahlen, ohne ein Verhältnis

des ahnenden Gefühls zu ihnen zu haben, schwankte lange zwischen gerade

und ungerade, setzte aber zwanghaft weiter, bis mein Spielgeld wieder

alles verloren war. Und nicht erst nachher, sondern schon gleichzeitig,

noch während des Spiels, empfand ich die Tiefe des Gleichnisses, sah im

Spiel das Abbild des Lebens, wo es genau ebenso geht, wo

unerforschliche, vernunftlose Ahnung uns die stärksten Zauber in die

Hand gibt, die größten Kräfte löst, wo beim Erlahmen der guten Instinkte

Kritik und Verstand sich einmischen, eine Weile lavieren und Widerstand

leisten und schließlich geschieht, was geschehen muß, völlig ohne uns

und über unsre Köpfe hinweg. Der erlahmende Spieler, der seinen

Höhepunkt überschritten hat und doch nicht aufhören kann, der von keiner

Intuition, keinem tiefen Glaubenkönnen mehr geleitet wird, gleicht ganz

genau dem Menschen, der in wichtigen Lebensfragen nicht aus und ein

sieht und, statt zu warten und die Augen zu schließen, vor lauter Kalkül

und Bemühung und Verstandesüberanstrengung sicher das Falsche tut. Und

eine der allersichersten Spielregeln am grünen Tisch ist diese: Wenn du

einen Mitspieler siehst, der müde wird und Pech hat, der bald auf diese,

bald auf jene Nummer mehreremal hintereinander setzt und dann doch

wieder abspringt – dann setze jedesmal auf die Zahl, die er bisher

vergeblich belagerte und die er nun im Mißmut verlassen hat, sie wird

sicher herauskommen.

Seltsam anders als alle anderen Bürger- und Kurbelustigungen ist das

Spiel um Geld. Hier am grünen Tisch werden weder Bücher gelesen noch

fade Unterhaltungen geführt noch Strümpfe gestrickt wie in den Konzerten

und im Kurgarten, es wird weder gegähnt noch am Hals gekratzt, ja, die

Rheumatiker sitzen hier nicht einmal, sie stehen, stehen lang und

mühsam, heroisch auf ihren eigenen, sonst so geschonten Beinen. Es

werden hier im Spielsaal weder Witze gemacht, noch wird von Krankheiten

oder von Poincaré gesprochen, es wird auch fast niemals gelacht, sondern

ernst und flüsternd steht die zuschauende Menge um den Spieltisch,

gedämpft und feierlich klingt die Stimme des Ausrufers, gedämpft und

zart klirren auf dem grünen Tuch die Silberstücke aneinander, und schon

dies, schon diese Andacht und verhältnismäßige Diskretion und Würde gibt

dem Spiel in meinen Augen einen unermeßlichen Vorzug vor jenen anderen

Arten von Vergnügungen, bei welchen die Leute so laut, so salopp und

unbeherrscht sind. Hier, im Spielsaal, herrscht ernste Festlichkeit und

Feiertagsstimmung, leise und etwas befangen wie in einer Kirche treten

die Gäste ein, wagen nur zu flüstern, schauen andächtig auf den Herrn im

Frack. Und dieser benimmt sich musterhaft, nicht wie eine Person,

sondern wie der neutrale Träger eines Amtes, einer Würde.

Ich kann die psychologischen Ursachen dieser Feststimmung und schönen,

wohltuenden Feierlichkeit hier nicht untersuchen, denn ich habe ja

längst die Fiktion aufgegeben, daß meine _Psychologia Balnearia_ von

einer anderen Psyche handle als meiner eigenen. Vermutlich kommt die

heilige, flüsternd verehrungsvolle Stimmung voll Würde und Devotion im

Spielsaal einfach daher, daß es sich hier nicht um Musik, Dramatik oder

andere Kindereien handelt, sondern um das Ernsteste, Geliebteste und

Heiligste, was die Menschen kennen, um das Geld. Aber, wie gesagt, ich

will dies nicht untersuchen, es liegt außerhalb meines Problems. Ich

stelle nur fest, daß, im Gegensatz zu jeder anderen Volksbelustigung,

zum Konzert und Theater, zum Kino, zum Ball, hier im Spielsaal eine

Stimmung vorherrscht, welche der Ehrfurcht nicht entbehrt. Und während

zum Beispiel im Kino das Publikum sich in sprachlichen und auch

unartikulierten Äußerungen von Lust und Unlust wenig Zwang antut, fühlt

hier sogar der Akteur, der Spieler, selbst im Moment der heftigsten, der

bestbegründeten und erlaubtesten Emotionen, nämlich beim Gewinnen und

Verlieren von Geld, eine tiefe Verpflichtung, Haltung und Würde zu

zeigen. Ich sehe hier dieselben Personen, welche beim täglichen

Kartenspiel den Verlust von zwanzig Rappen mit Ausbrüchen der schlechten

Laune in Flüchen und Verwünschungen begleiten, das Hundertfache

verlieren, ohne – ich darf nicht sagen „mit einer Wimper zu zucken“,

denn die Wimpern zucken sehr –, aber ohne laut zu werden und die

Umgebung mit unanständigen Äußerungen ihrer Gefühle zu belästigen.

Da weise Regierungen sich um alles bekümmern, was die Volkserziehung zu

heben vermag, und alle dazu dienenden Institute fördern und stützen,

wage ich hier, obwohl auf diesem Gebiet ein vollkommener Laie, Fachleute

auf die Tatsache hinzuweisen, daß von allen Spielen, Unterhaltungen

und Belustigungen keine einzige die Teilnehmer so sehr zu

Selbstbeherrschung, Ruhe und Anstand erzieht wie das Hasardspiel im

öffentlichen Spielsaal.

So sympathisch, ja wohltätig mir also das Spiel erscheint, ich fand

immerhin Gelegenheit, auch über seine Schattenseiten nachzudenken,

vielmehr sie experimentell zu erleben. Die oft so leidenschaftlich mit

moralistischem Pathos vorgetragenen Einwände der Nationalökonomen gegen

das Spiel scheinen mir, von meinem Standpunkt aus, alle belanglos. Daß

der Spieler in Gefahr gerät, zu leicht Geld zu gewinnen und darum die

Heiligkeit der Arbeit verachten zu lernen, daß er andererseits in der

Gefahr schwebt, all sein Geld zu verlieren, daß er drittens nach

längerem Zuschauen beim Rollen der Spielbälle und Talerstücke sogar den

Grundbegriff ökonomisch-bürgerlicher Moral, die unbedingte Hochachtung

vor dem Gelde, verlieren kann, ist allerdings alles richtig, doch kann

ich alle diese Gefahren nicht sehr ernst nehmen. Mir, dem Psychologen,

schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust

ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit

des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja einzig

mögliche Rettung zu bedeuten, und ebenso scheint mir inmitten unsres

heutigen Lebens, im Gegensatz zum alleinigen Kultus der Arbeit und des

Geldes, der Sinn für das Spiel des Augenblicks, das Offenstehen für den

Zufall, das Vertrauen in die Launen des Schicksals etwas durchaus

Wünschenswertes, woran wir alle sehr Mangel leiden.

Nein, was nach meiner Meinung der Fehler des Geldspiels ist und es trotz

seiner prächtigen Seiten schließlich doch zu einem Laster macht, das ist

etwas rein Seelisches. Nach meiner persönlichen, höchst angenehmen

Erfahrung gewährt es eine beglückende Anregung, sich täglich zwanzig

Minuten der Spannung des Roulettespiels und der so unwirklichen

Atmosphäre des Spielsaals auszusetzen. Für eine gelangweilte, leere,

müde Seele ist dies ein wahres Labsal, eins der besten, die ich je

probierte. Der Fehler ist nur (und diesen Fehler hat das Spiel mit dem

ebenfalls so angenehmen Alkohol gemeinsam) – der Fehler ist, daß beim

Spiel diese ganze hübsche Anregung von außen kommt und rein mechanisch

und materiell ist, so daß die große Gefahr besteht, im Vertrauen auf

diese immer wieder wirksame Anregungsmechanik die eigene Übung, die

seelische Aktivität zu vernachlässigen und zuletzt einzubüßen. Wenn man,

statt durch Denken, durch Träumen, durch Phantasieren oder Meditieren,

die Seele bloß mechanisch durch die Roulette in Schwung setzt, so ist

das ungefähr dasselbe, wie wenn man für seinen Körper zwar Bad und

Masseur in Anspruch nimmt, auf eigene Leistung, auf Sport und Training

aber verzichtet. Auch die Anregungsmechanik des Kinematographen, der die

eigene künstlerische Leistung des Auges, das Entdecken, Auswählen und

Festhalten des Schönen und Interessanten, durch eine rein materielle

Augenfütterung ersetzt, beruht auf dem gleichen Schwindel.

Nein, ebenso wie man neben dem Masseur das Turnen braucht, so braucht

die Seele, statt oder neben dem Spiel und allen diesen hübschen

Anregungen, notwendig die eigene Leistung. Darum ist hundertmal besser

als das Glücksspiel jede aktive Übung der Seele: straffe, scharfe Denk-

und Gedächtnisübung, Übung im Reproduzieren gesehener Dinge bei

geschlossenen Augen, abendliches Rekonstruieren des Tageslaufes, freies

Assoziieren und Phantasieren. Ich füge dies bei, ebenfalls für die

Freunde des Volkswohls und vielleicht zur Korrektur meines obigen

laienhaften Winkes – denn auf diesem Gebiet, dem der rein seelischen

Erfahrung und Erziehung, bin ich kein Laie, vielmehr ein alter, fast

schon allzu gewiegter Fachmann.

Nun habe ich mich wieder weit vom Thema verirrt, wie es denn überhaupt

das Schicksal dieser Aufzeichnungen zu sein scheint, daß sie, unfähig,

irgendein Einzelproblem bis zur Lösung auszuarbeiten, mehr assoziativ

und zufällig die andringenden Einfälle aneinanderreihen. Aber

vielleicht, so nehme ich an, gehört dies eben mit zur Psychologie des

Kurgastes.

Ich verließ mein Thema, mein so unerquickliches Thema, zugunsten einer

kleinen Lobrede auf das Hasardspiel, welche Lobrede ich geneigt wäre,

noch des weiteren auszuspinnen, denn die Rückkehr zum Thema fällt mir

schwer. Allein es muß sein. Kehren wir zum Kurgast Hesse zurück,

betrachten wir nochmals diesen bequem gewordenen älteren Herrn mit der

unlustigen und müden Haltung und dem hinkenden Gange! Er gefällt uns

nicht, der Mann, wir können ihn nicht lieben, wir können ihm nicht aus

aufrichtigem Herzen eine lange oder gar eine endlose Fortsetzung seines

weder vorbildlichen noch interessanten Lebens wünschen. Wir werden

nichts dagegen haben, wenn dieser Herr einst von der Bühne abtritt, auf

welcher er schon längst keine erfreuliche Figur mehr macht. Sollte er

zum Beispiel eines Morgens im Bade der Müdigkeit erliegen, unter Wasser

geraten und unten bleiben, so sähen wir darin keinen Anlaß zum Bedauern.

Wenn wir jedoch über besagten Kurgast uns so wenig interessiert

aussprechen, so bezieht sich das einzig auf seine derzeitige Funktion,

seinen momentanen Aggregatzustand. Nicht aus dem Auge verlieren dürfen

wir die niemals erlöschende Möglichkeit, daß sein Zustand sich ändere,

daß sein Wesen auf einen neuen Nenner hin umgerechnet werde. Dies

Wunder, oft schon erlebt, bleibt stündlich möglich. Wenn wir den Kurgast

Hesse mit Kopfschütteln betrachten und reif zum Untergang finden, so

bleibe unvergessen, daß wir an Untergang nicht im Sinne der Vernichtung,

nur im Sinne der Verwandlung glauben können, denn Fundament und

Nährboden all unsrer Meinungen, also auch unsrer Psychologie, ist der

Glaube an Gott, an die Einheit – und die Einheit kann, auf dem Weg der

Gnade sowohl wie der Erkenntnis, auch im verzweifeltsten Fall stets

wieder hergestellt werden. Es gibt keinen Kranken, der nicht mit einem

einzigen Schritt, sei es auch der Schritt durch den Tod, wieder gesund

werden und zum Leben eingehen könnte. Es gibt keinen Sünder, der nicht

mit einem einzigen Schritt, sei es auch vielleicht durch die Hinrichtung

hindurch, wieder unschuldig und göttlich werden könnte. Und es gibt

keinen vergrämten, entgleisten und scheinbar entwerteten Menschen, den

nicht ein Wink der Gnade im Augenblick erneuern und zum frohen Kinde

machen könnte. Dieser mein Glaube, dies mein Wissen möge beim Schreiben

sowie beim Lesen dieser Blätter niemals vergessen werden. Und der

Verfasser dieser Blätter wüßte in der Tat auch nicht, woher er den Mut,

die Berechtigung, die Verwegenheit zu seinen Kritiken und Launen, seinen

Pessimismen und Psychologien nehmen sollte, wenn ihnen nicht in seiner

Seele beständig das Wissen um die Einheit als ein unzerstörbares

Gleichgewicht gegenüberstände. Im Gegenteil: Je weiter ich mich auf der

einen Seite exponiere und hinauswage, je schonungsloser ich kritisiere,

je elastischer ich auf Launen eingehe, desto heller strahlt jenseits,

auf der Gegenseite, das Licht der Versöhnung. Wäre dieser unendliche,

ständig wogende Ausgleich nicht, woher nähme ich da den Mut, ein

einziges Wort zu sagen, ein Urteil zu fällen, Liebe oder Haß zu fühlen

und zu äußern und eine einzige Stunde zu leben?

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur · 第 8 / 12 题