Tageslauf

Wenn ich es unternehme, den üblichen Verlauf eines Kurtages zu

beschreiben, so wähle ich dazu billigerweise einen durchschnittlichen

Tag, einen Tag ohne extremen Charakter, so einen halb bewölkten, halb

blauen Normaltag ohne besondere Ereignisse von außen und ohne besondere

Vorzeichen und Bezauberungen von innen. Denn natürlich gibt es hier, und

zwar nicht nur für nervöse Literaten, sondern für die ganze Schar der

Ischiatiker, je nach Stand und Verlauf der Kur, Tage voll Beschwerden

und Depression und leichte sanfte Tage des Wohlergehens und der

aufblühenden Hoffnung, Tage, an denen wir hüpfen, und solche, an denen

wir elend dahin schleichen oder hoffnungslos im Bett liegen bleiben.

Mag ich mir nun aber auch alle Mühe mit dem Konstruieren eines

wohltemperierten Durchschnittstages, eines normalen bürgerlichen

Plusminustages geben, ein für mich peinliches Geständnis bleibt mir

dennoch nicht erspart, denn jeder Tag, und gar ein Kurtag, fängt leider

mit einem Morgen an. Es hängt bei mir vermutlich mit meinem tiefsten

Mangel und Laster, dem schlechten Schlafen, zusammen und entspricht auch

sonst in jeder Hinsicht meinem Wesen, meiner Philosophie, meinem

Temperament und Charakter, daß ich mit dem von so viel wunderschönen

Gedichten gepriesenen Morgen gar nichts anzufangen weiß. Es ist eine

Schande, und es fällt mir schwer, es zu gestehen, aber welchen Sinn

hätte das Schreiben, wenn nicht der Wille zur Wahrheit dahinter stünde?

Der Morgen, die berühmte Zeit der Frische, des Neubeginns, des jungen

freudigen Antriebs, ist für mich fatal, ist mir verdrießlich und

peinlich, wir lieben einander nicht. Dabei fehlt es mir nicht am

Verständnis, am Einfühlungsvermögen für jene strahlende Morgenfreude,

wie sie in manchen Gedichten von Eichendorff und von Mörike so erweckend

und hell erklingt, ich empfinde in Gedichten, auf Gemälden und in der

Erinnerung den Morgen ebenso poetisch, und aus der Kindheit her ist mir

etwas wie halbverwischte Erinnerung an echte Morgenlust geblieben,

obwohl ich seit sehr vielen Jahren gewiß an keinem einzigen Morgen

wahrhaft froh gewesen bin. Und auch in das klingendste Bekenntnis zu

frischer Morgenlust, das ich kenne, in den von Wolf komponierten

Eichendorff-Vers „Der Morgen, der ist meine Freude“, höre ich einen

fernen Mißton klingen, denn so wunderbar es klingt, und so sehr

Eichendorffs Morgenstimmung mich überzeugt, ich kann an Hugo Wolfs

Morgenfreude doch nicht recht glauben und finde, er habe sich da eine

wehmütig poetische, sehnsüchtige, nicht erlebte Morgenverherrlichung

gestattet. Alles, was mein Leben schwer und heikel und zu einem

gefährlichen, ja häßlichen Problem macht, spricht am Morgen überlaut,

steht übergroß vor mir. Alles, was mein Leben süß und schön und

außerordentlich macht, alle Gnade, aller Zauber, alle Musik, ist am

Morgen fern und kaum sichtbar, klingt kaum noch wie Sage und Legende

herüber. Aus dem allzu seichten Grabe meines schlechten, kurzen, oft

unterbrochenen Schlafes erhebe ich mich am Morgen, nicht beflügelt mit

Auferstehungsgefühlen, sondern schwer, müde und zaghaft, ohne jeden

Schutz und Panzer gegen die einstürmende Umwelt, die meinen

empfindlichen Morgennerven all ihre Schwingungen wie durch einen

heftigen Vergrößerungsapparat mitteilt, mir ihre Töne durch ein Megaphon

zuheult. Erst von Mittag an wird das Leben wieder erträglich und gut,

und an glücklichen Tagen wird es am Spätnachmittag und Abend wunderbar,

strahlend, schwebend, innig durchglüht von zartem Gotteslicht, voll

Gesetz und Harmonie, voll Zauber und Musik, und entschädigt mich golden

für die tausend und tausend bösen Stunden.

An andrem Orte denke ich gelegentlich zu sagen, warum das Leiden an

Schlafmangel und an diesem Morgenweh mir nicht bloß als Krankheit,

sondern auch als Laster erscheint, warum ich mich seiner schäme und

dennoch empfinde, daß es so sein muß, daß ich diese Dinge weder

wegleugnen noch vergessen noch von außen her „heilen“ darf, sondern

ihrer als des Antriebes und immer erneuerten Stachels für mein

eigentliches Leben und seine Aufgabe bedarf.

Dies Eine nun hat der Badener Kurtag für mich vor den Tagen des

gewohnten Lebens voraus: während der Kur beginnt jeder Tag mit einer

wichtigen, zentralen Morgenpflicht und Aufgabe, und diese Aufgabe ist

leicht, ja angenehm zu erfüllen. Ich meine das Bad. Wenn ich morgens

erwache, einerlei um welche Stunde es sei, so steht als erste und

wichtigste Aufgabe vor mir nicht etwas Lästiges, nicht Ankleiden oder

Turnen oder Rasieren oder Postlesen, sondern das Bad, eine sanfte,

warme, reibungslose Angelegenheit. Mit einem leichten Schwindelgefühl

richte ich mich im Bett auf, setze durch einige vorsichtige Übungen die

eingerosteten Beine wieder in Betrieb, stehe auf, werfe den Schlafrock

über und schreite langsam durch den halbdunkeln, schweigenden Korridor

zum Lift, der mich durch alle Stockwerke bis in den Keller zu den

Badezellen führt. Hier unten ist es sehr schön. In den steinernen, sehr

alten, sanft hallenden Gewölben herrscht beständig eine wunderbare

weiche Wärme, denn überall rinnt das heiße Wasser der Quellen, ein

heimliches, wärmendes Höhlengefühl überkommt mich hier jedesmal, wie ich

es als kleiner Knabe hatte, wenn ich mir aus einem Tisch, zwei Stühlen

und einigen Bettvorlagen oder Teppichen eine Höhle errichtet hatte. In

meiner reservierten Badezelle erwartet mich das tiefe, in den Boden

versenkte, gemauerte Bassin voll heißen, eben aus den Quellen geronnenen

Wassers, ich steige langsam hinein, auf zwei kleinen Steinstufen, drehe

die Sanduhr um und tauche bis zum Kinn in das heiße strenge Wasser, das

ein wenig nach Schwefel riecht. Hoch über mir, am Tonnengewölbe meiner

massiv gemauerten Zelle, die mich sehr an eine Klosterzelle erinnert,

fließt Tageslicht dünn durch ein Fenster mit matten Scheiben; dort oben,

ein Stockwerk höher als ich, hinter dem Milchglas, liegt die Welt, fern,

milchig, kein Ton von ihr erreicht mich. Und um mich her spielt die

wunderbare Wärme des geheimnisvollen Wassers, das da seit tausend Jahren

aus unbekannten Küchen der Erde rinnt und beständig in schwachem Strahl

in mein Bad nachströmt. Nach der Vorschrift soll ich im Wasser meine

Glieder möglichst viel bewegen, Turn- und Schwimmbewegungen ausführen.

Pflichtgemäß tue ich dies auch, einige Minuten lang, dann aber bleibe

ich regungslos liegen, schließe die Augen, schlummere halb, sehe dem

stillen steten Rieseln der Sanduhr zu.

Ein welkes Blatt, durchs Fenster hereingeweht, ein kleines Blatt von

einem Baum, dessen Name mir nicht einfällt, liegt am Rande meines

Bassins, das sehe ich an, lese die Schrift seiner Rippen und Adern, atme

die so merkwürdige Mahnung der Vergänglichkeit, vor der wir schauern und

ohne welche doch nichts Schönes wäre. Wunderbar, wie Schönheit und Tod,

Lust und Vergänglichkeit einander fordern und bedingen! Deutlich fühle

ich, wie etwas Sinnliches, um mich her und in mir innen die Grenze

zwischen Natur und Geist. So wie Blumen vergänglich und schön sind, Gold

aber beständig und langweilig, so sind alle Bewegungen des natürlichen

Lebens vergänglich und schön, unvergänglich aber und langweilig ist der

Geist. Zu dieser Stunde lehne ich ihn ab, sehe den Geist keineswegs als

ewiges Leben, sondern als ewigen Tod, als das Erstarrte, Unfruchtbare,

Gestaltlose, das nur Gestalt und Leben werden kann unter Preisgabe

seiner Unsterblichkeit. Das Gold muß Blume, der Geist muß Leib und muß

Seele werden, um leben zu können. Nein, in dieser lauen Morgenstunde,

zwischen Sanduhr und welkem Blatt, will ich nichts vom Geiste wissen,

den ich zu andern Zeiten sehr verehren kann, ich will vergänglich, will

Kind und Blume sein.

Und daß ich vergänglich bin, daran erinnert mich, nach einer halben

Stunde Liegens in der warmen Flut, der Augenblick des Aufstehens. Ich

klingle dem Wärter, er erscheint und legt mir ein durchwärmtes Badetuch

bereit. Und jetzt erhebe ich mich im Wasser, und da fließt das Gefühl

der Vergänglichkeit mir schwächend durch alle Glieder, denn diese Bäder

ermüden sehr, und wenn ich mich nach einem Bad von dreißig oder vierzig

Minuten erheben will, so gehorchen Knie und Arme nur langsam und mühsam.

Aus dem Behältnis gekrochen, schlage ich das Tuch mir um die Schultern,

will mich tüchtig abreiben, will ein paar energische Bewegungen machen,

um mich zu ermuntern, kann es aber nicht, sondern sinke auf dem Stuhl

zusammen, fühle mich zweihundert Jahre alt und brauche lange, bis ich

mich dazu bringen kann, aufzustehen, Hemd und Schlafrock wieder

anzuziehen und zu gehen.

Ich gehe langsam, mit weichen Knien, durch die stillen Gewölbe, hinter

deren Zellentüren da und dort das Wasser rauscht, zur Schwefelquelle

hinüber, welche unter Glas zwischen gelblich beschlagenem Gestein

sprudelt und kocht. Eine rätselhafte Geschichte ist von dieser Quelle zu

berichten. Auf dem Rande ihrer steinernen Fassung stehen, zur Benutzung

für die Gäste, stets zwei Wassergläser, vielmehr, das ist eben die

Geschichte, sie stehen nicht da, sondern jeder Gast, wenn er dürstend

zur Quelle kommt, muß die Erfahrung machen, daß die beiden Gläser schon

wieder verschwunden sind. Man schüttelt alsdann den Kopf, soweit eben

ein Kurgast nach dem Bade eine solche Bewegung auszuführen vermag, man

ruft nach Bedienung, und es erscheint bald der Hausdiener, bald der

Kellner, bald ein Zimmermädchen oder eine Badewärterin, bald der

Liftboy, und sie alle schütteln ebenfalls den Kopf und begreifen nicht,

wohin nun schon wieder diese unheimlichen Gläser gekommen sind. Eiligst

wird jedesmal ein neues Glas gebracht, der Gast füllt es, trinkt es aus,

stellt es auf den Stein und geht – und wenn er in zwei Stunden wieder

kommt, um nochmals einen Schluck zu nehmen, ist wieder kein Glas da. Von

den Angestellten, welchen diese rätselhafte Glasgeschichte verdrießlich

ist und Mehrarbeit macht, stellt jeder seine eigene Erklärung für das

Schwinden der Gläser auf, welche jedoch alle nicht überzeugend wirken.

Der Boy zum Beispiel meinte naiv, die Gläser würden eben häufig von den

Gästen mit in ihre Zimmer genommen. Als ob sie da nicht täglich von den

Zimmermädchen wiedergefunden werden würden! Kurz, die Sache ist

unaufgeklärt, und nur mir allein ist es schon acht- oder zehnmal

passiert, daß man mir ein neues Glas holen mußte. Da unser Hotel etwa

achtzig Gäste hat und da diese Kurgäste, seriöse ältere Leute mit Gicht

und Rheumatismen, vermutlich keine Gläser stehlen, so nehme ich an, daß

es entweder ein pathologischer Sammler oder aber ein nicht menschliches

Wesen, ein Quelldämon oder Drache ist, welcher die Gläser wegnimmt,

vielleicht um die Menschen für die Ausbeutung der Quelle zu strafen, und

vielleicht findet einst ein im Kellergewölbe irrgelaufenes Sonntagskind

den Eingang zu einem verborgenen Schachte, wo ganze Gebirge von

Trinkgläsern angehäuft stehen, denn nach meinen vorsichtigen

Berechnungen müssen in einem einzigen Jahre mindestens zweitausend

Gläser sich dort ansammeln.

An dieser Quelle nun fülle ich mir ein Glas und trinke das warme

dickliche Wasser mit Vergnügen. Meist sitze ich dabei schon wieder und

kann dann nur schwer den Entschluß zum Wiederaufstehen finden. Ich

schleppe mich zum Lift, angenehme Vorstellungen von erfüllter Pflicht

und verdienter Rast im Hirn, denn mit dem Baden und Trinken habe ich

tatsächlich die wichtigsten Vorschriften des Tages erfüllt. Dagegen ist

es noch früh am Tage, höchstens sieben oder halb acht Uhr, manche

Stunden sind noch bis Mittag, und ich gäbe alles dafür, wenn ich einen

Zauber wüßte, Morgenstunden in Abendstunden zu verwandeln.

Für den Augenblick allerdings kommt mir wieder die Kurvorschrift zu

Hilfe, die mich nach dem Bade nochmals ins Bett befiehlt. Meiner dösigen

Bademüdigkeit entspricht dies sehr, aber um diese Tageszeit hat das

Leben im Hotel längst begonnen, die Dielen krachen unter den hastigen

Tritten der Zimmermädchen und Frühstückträgerinnen, und die Türen

fliegen. Da ist an Schlaf, außer für Minuten, nicht mehr zu denken, denn

jene Antiphone sind noch nicht erfunden, die das überwache, raffinierte

Ohr des Schlaflosen wirklich schützen.

Nichtsdestoweniger ist es angenehm, sich nochmals hinzulegen, die Augen

nochmals zuzutun, noch nicht an all die dummen Verrichtungen zu denken,

die der Morgen von uns verlangt: das dumme Anziehen, das dumme Rasieren,

das dumme Krawattenflechten, das Gutentagsagen, das Lesen der Post, das

Sichentschließen zu irgendeiner Tätigkeit, das Wiederaufnehmen der

ganzen Lebensmechanik.

Indessen liege ich im Bett, höre die Zimmernachbarn lachen, schimpfen,

gurgeln, höre die Korridorklingel rasseln und das Personal laufen und

sehe bald, daß es keinen Zweck hat, das Unvermeidliche länger

hinauszuschieben. Wohlan denn, friß, Vogel! Ich stehe auf, ich wasche

mich, ich rasiere mich, ich führe alle jene komplizierten Evolutionen

aus, welche erforderlich sind, um in die Kleider und Schuhe

hineinzukommen, ich würge mich in den Hemdkragen, stopfe die Uhr in die

Westentasche, schmücke mich mit der Brille, alles mit dem Gefühl des

Sträflings, der die Ordnung dieser vorgeschriebenen Verrichtungen seit

Jahrzehnten kennt und weiß, dies dauert lebenslänglich, es nimmt niemals

ein Ende.

Um neun Uhr erscheine ich, ein bleicher, lautloser Gast, im Speisesaal,

setze mich an meinen kleinen runden Tisch, begrüße stumm das hübsche,

fröhliche Mädchen, das mir Kaffee bringt, streiche eine Semmel mit

Butter, stecke eine andre in die Tasche, schneide die daliegenden

Briefumschläge auf, stopfe das Frühstück in meinen Schlund, die Briefe

in meine Rocktasche, sehe im Korridor einen gelangweilten Kurgast

herumstehen, der sich mit mir zu unterhalten wünscht und schon von

weitem einladend lächelt, auch schon zu reden beginnt, dazu noch

französisch, renne ihn kurz entschlossen über den Haufen, murmele

„Pardon“ und stürze auf die Straße hinaus.

Hier und im Kurgarten oder im Walde gelingt es mir nun, in der

wünschenswerten Isoliertheit den Morgen vollends herumzubringen.

Zuweilen glückt es mir, zu arbeiten, das heißt auf einer Bank im Park,

den Rücken gegen die Sonne und gegen die Menschen, einiges von den

Gedanken aufzuschreiben, die ich noch von den Nachtstunden her in mir

vorfinde. Meistens laufe ich spazieren und bin dann froh über die halbe

Semmel in meiner Tasche, denn es ist eine meiner besten Morgenfreuden

(der Ausdruck ist allerdings zu heftig), dies Brot zu verkrümeln und an

die vielen Finken und Meisen zu verfüttern. Ich denke dabei

grundsätzlich nicht daran, daß in Deutschland, ein paar Meilen von hier,

auch auf der reichen Leute Tisch kein solches Weißbrot liegt und

Tausende überhaupt kein Brot haben. Ich verwehre diesem Gedanken, der so

nahe steht, den Zutritt zu meinem Bewußtsein und finde dies Verwehren

oft recht anstrengend.

In Sonne oder Regen, arbeitend oder spazierend, irgendwie und irgendwo

habe ich schließlich den Vormittag abgewickelt, und es kommt die hohe

Stunde des Kurtages, das Mittagessen. Ich kann versichern, daß ich kein

Fresser bin, aber auch für mich, der die Freuden des Geistes und der

Askese kennt, ist diese Stunde feierlich und wichtig. Aber dieser Punkt

fordert eine eingehendere Betrachtung.

Es gehört, wie ich schon in der Vorrede angedeutet habe, zur Gemütsart

und Denkweise des nicht mehr jungen Rheumatikers und Gichtbrüchigen, daß

er die Unmöglichkeit eingesehen hat, die Welt geradlinig zu verstehen,

daß er Sinn und Achtung hat für die Antinomien, für die Notwendigkeit

der Gegensätze und Widersprüche. Manche von diesen Widersprüchen nun

bringt, ohne an ihre tiefe philosophische Grundlegung zu rühren, das

Badener Kurleben mit bewundernswerter Drastik zum Ausdruck. Viele

solcher Gleichnisse könnte man hier entdecken, ich erinnere nur, um

etwas recht Banales zu wählen, zum Beispiel an die vielen Ruhebänke,

welche überall in Baden aufgestellt sind: sie laden alle die rasch

ermüdenden, ihrer Beine nicht recht sicheren Kurgäste zum Absitzen und

Ausruhen ein, und allzu gerne folgt der Gast dem freundlichen Wink. Kaum

sitzt er aber eine Minute, so ringt er sich entsetzt wieder in die Höhe,

denn der menschenfreundliche Errichter all dieser vielen Sitzbänke, ein

tiefer Philosoph und Ironiker, hat ihre Sitzflächen aus Eisen

konstruiert, und der darauf niedersitzende Ischiatiker sieht sich an der

empfindlichsten Stelle seines kranken Leibes einem vernichtenden

Kältestrom ausgesetzt, welchen alsbald wieder zu fliehen der Instinkt

ihn treibt. So erinnert ihn die Bank daran, wie ruhebedürftig er ist,

und mahnt ihn eine Minute später ebenso deutlich daran, daß des Lebens

Kern und Quelle die Bewegung sei und daß einrostende Gelenke nicht so

sehr der Ruhe als des Trainings bedürfen.

Viele solcher Beispiele ließen sich finden. Monumentaler aber als in

allen andern kommt der Badener Geist, der sich stets in Antithesen

bewegt, zur Mittags- und Abendstunde im Speisesaal zum Ausdruck. Da

sitzen also Dutzende von kranken Menschen, von denen jeder seine Gicht

oder Ischias mitgebracht hat, von denen jeder einzig darum nach Baden

gekommen ist, um seine Beschwerden womöglich durch die Kur loszuwerden.

Jede einfache, geradlinige, jede jugendlich-puritanische Lebensweisheit

nun würde, auf klare und einfache Lehren der Chemie und Physiologie

gestützt, diesen Kranken neben den heißen Bädern vor allem eine

spartanisch einfache, fleischlose und alkoholfreie, reizlose Ernährung

dringendst anraten, womöglich sogar Fastenkuren. So jugendlich, so

einfach und einseitig aber denkt man in Baden nicht, sondern seit

Jahrhunderten ist Baden ebensosehr wie durch seine Bäder durch seine

üppige und köstliche Küche berühmt, und in der Tat gibt es wohl im Lande

wenige Orte und Gasthäuser, wo die Leute so gut und reichlich schmausen,

wie die Stoffwechselkranken in Baden es tun. Da werden die delikatesten

Schinken mit Dezaley, die saftigsten Schnitzel mit Bordeaux begossen,

zierlich schwimmt zwischen Suppe und Braten die blaue Forelle, und den

reichlichen Fleischgängen folgen wunderbare Kuchen, Puddings und Cremen.

Frühere Autoren haben diese uralte Badener Eigentümlichkeit verschieden

zu erklären versucht. Die hiesige hohe Küchenkultur zu verstehen und zu

billigen ist leicht; jeder der tausend Kurgäste tut es täglich zweimal;

sie zu erklären ist schwieriger, da die Ursachen sehr komplexer Natur

sind. Einige der wichtigsten nenne ich im folgenden, zuvor aber möchte

ich mit aller Entschiedenheit jene platt rationalistischen Begründungen

ablehnen, denen man so häufig begegnet. Oft zum Beispiel hört man

vulgäre Denker sagen, das gute Badener Essen, das im Widerspruch mit den

eigentlichen Interessen der Kurgäste steht, habe sich eben im Laufe der

Zeiten so ausgebildet und rühre von der Konkurrenz der verschiedenen

Badehotels her, denn Baden sei nun einmal seit alters für gutes Essen

bekannt und jeder Wirt habe das Interesse, hierin hinter den

Konkurrenten mindestens nicht zurückzustehen. Diese so wohlfeile und

oberflächliche Argumentation hält keiner Prüfung stand, schon weil sie

das Problem selbst umgeht und die Frage nach dem eigentlichen Entstehen

der guten Badener Küche durch den Hinweis auf Tradition und

Vergangenheit abtun will. Und am allerwenigsten kann uns der absurde

Gedanke genügen, die Gewinnsucht der Gastwirte sei schuld an dem guten

Essen! Als ob irgendein Wirt ein Interesse daran haben könnte, seine

Spesen für Metzger, Bäcker und Konditor möglichst zu vergrößern, und gar

hier in Baden, wo jeder Besitzer eines Badehotels seinen Gästemagneten,

seine große, nie erlahmende Attraktion seit Jahrhunderten unten im

Keller liegen hat in Gestalt der heißen Mineralquellen!

Nein, wir müssen wesentlich tiefer graben, um dem Phänomen eine Theorie

zu geben. Das Geheimnis liegt weder in Gewohnheiten und Traditionen der

Vergangenheit noch im Kalkül der Wirte, es liegt tief im Grunde des

Weltgefüges, als einer der ewigen, als gegeben hinzunehmenden Dualismen

und Antinomien. Wäre das Essen in Baden traditionell mager und spärlich,

so könnten die Wirte zwei Drittel ihrer Ausgaben sparen und hätten

dennoch die Häuser voll, denn ihre Gäste werden nicht vom Essen hierher

gezogen, sondern von den Zuckungen ihres _nervus ischiaticus_ hergejagt.

Aber nehmen wir nun einmal, probeweise, an, man lebe in Baden rationell,

man bekämpfe Harnsäure und Sklerose nicht bloß mit Bädern, sondern auch

mit Abstinenz und Fasten – was wäre die mutmaßliche Folge? Die Kurgäste

würden gesund werden, und in Bälde würde es im ganzen Lande keine

Ischias mehr geben, welche doch, gleich allen Formen der Natur, ihr

Recht auf Dasein und Dauer hat. Die Bäder würden entbehrlich, die Hotels

müßten verfallen. Und wenn man diesen letztern Schaden auch gering

achten wollte oder ersetzen könnte, so würde doch das Fehlen der Gicht

und Ischias im Weltplan, das Leerlaufen der köstlichen Quellen keine

Verbesserung der Welt ergeben, sondern das Gegenteil.

Nächst dieser mehr theologischen Begründung folge die psychologische.

Wer von uns Kurgästen wollte, neben den Bädern und Massagen, neben der

Sorge und Langeweile auch noch Fasten und Kasteien ertragen? Nein, wir

ziehen es vor, nur halb gesund zu werden und es dafür etwas

vergnüglicher und hübscher zu haben, wir sind nicht Jünglinge mit

unbedingten Forderungen an uns und andre, sondern ältere Leute, tief in

die Bedingtheiten des Lebens verstrickt, daran gewohnt, fünfe gerade

sein zu lassen. Und bedenken wir die Frage ernstlich: Wäre es richtig

und wünschenswert, daß jeder von uns durch eine ideale Kur vollkommen

und ganz geheilt würde und nie zu sterben brauchte? Wenn wir diese etwas

heikle Frage ganz gewissenhaft beantworten, so lautet unsere Antwort:

Nein. Nein, wir wollen nicht ganz geheilt sein, wir wollen nicht ewig

leben.

Allerdings möchte jeder von uns, für sich allein befragt, vielleicht

eher ja sagen. Wenn ich, der Kurgast und Schriftsteller Hesse, gefragt

würde, ob ich damit einverstanden sei, daß dem Schriftsteller Hesse

Krankheit und Tod erspart bleibe, ob ich sein ewiges Fortleben für gut,

wünschenswert und notwendig halte, so würde ich, eitel wie Literaten es

sind, die Frage vielleicht zunächst bejahen. Aber sobald man mir

dieselbe Frage in bezug auf andere stellte, auf den Kurgast Müller, den

Ischiatiker Legrand, auf den Holländer von Nr. 64, so würde ich mich

sehr rasch zum Nein entschließen. Nein, es ist in der Tat nicht

notwendig, daß wir älteren, nicht mehr allzu hübschen Leute, sei es auch

ohne Gicht, endlos weiter leben. Es wäre sogar sehr fatal, es wäre sehr

langweilig, sehr häßlich. Nein, wir wollen gerne sterben, später. Aber

für heute ziehen wir vor, nach den ermüdenden Bädern, nach dem mühsam

totgeschlagenen Vormittag, es ein wenig gut zu haben, einen Hühnerflügel

abzunagen, einen guten Fisch abzuhäuten, ein Glas Rotwein zu schlürfen.

So sind wir, feig und schwach und genußsüchtig, alte, egoistische Leute.

So ist unsre Psychologie, und da unsre Seele, die der Rheumatiker und

alternden Leute, auch die Seele Badens ist, sehen wir die Badener

Eßtradition auch von dieser Seite gerechtfertigt.

Ist es nun genug der Beweise, der Rechtfertigung für unser Wohlleben?

Bedarf es weiterer Gründe? Es gibt noch hundert. Ein einziger, sehr

einfacher, sei noch genannt: die Mineralbäder „zehren“ nämlich, das

heißt, sie machen hungrig. Und da ich nicht bloß Kurgast und Esser bin,

sondern zu andern Zeiten auch den Gegenpol aufsuche und die Freuden des

Fastens kenne, beschwert es mein Gewissen nicht, angesichts einer

darbenden Welt und zum Schaden für meinen Stoffwechsel drei Wochen lang

die Schlemmerei mitzumachen.

Ich bin lange abgeschweift. Kehren wir zum Tageslauf zurück! Ich sitze

also an der Mittagstafel, sehe den Fisch, den Braten, das Obst einander

ablösen, blicke in den Pausen lange und nachdenklich auf die Beine der

servierenden Saaltöchter, alle in schwarzen Strümpfen, blicke

nachdenklich, doch weniger lange auf die Beine des Oberkellners. Sie

(die Beine des Oberkellners) sind uns Patienten allen ein teurer

Anblick, ein großer Trost. Dieser Kellner nämlich, ohnehin ein sehr

angenehmer Herr, hat einst an äußerst schweren und schmerzhaften

Rheumatismen gelitten, so daß er nicht mehr zu gehen vermochte, und ist

durch eine Badener Kur vollständig geheilt worden. Jeder von uns weiß

es, manchen hat er es selbst erzählt. Darum sehen wir oft so

nachdenklich auf die Beine des Oberkellners. Die Beine der jungen

Saaltöchter aber, in schwarzen Strümpfen, sind ganz ohne Kur von selber

so schlank und beweglich, und dies dünkt uns noch tieferen Nachdenkens

wert.

Da ich für mich allein lebe, sind die Mahlzeiten auch die einzigen

Anlässe, bei denen ich meine Mitkurgäste etwas näher kennen lerne. Ihre

Namen zwar weiß ich nicht, und ich habe nur mit wenigen ein Wort

gewechselt, aber ich sehe sie sitzen, sehe sie essen und erfahre dabei

manches. Der Holländer, mein Zimmernachbar, dessen Stimme jeden Abend

und Morgen durch die Wand hindurch mich stundenlang des Schlafes

beraubt, hier bei Tische spricht er mit seiner Frau so gedämpft, daß ich

seine Stimme nicht kennen würde, wäre es nicht von Nummer 64 her. O du

sanfter Knabe!

Einige Figuren unsres mittäglichen Theaters erfreuen mich täglich durch

die Entschiedenheit ihres Umrisses, durch die Bestimmtheit ihrer Rolle.

Es ist eine Riesin aus Holland da, zwei Meter hoch oder mehr und

reichlich schwer, eine majestätische Erscheinung, würdig, unsre

Kurfürstin darzustellen. Ihre Haltung ist prachtvoll, ihr Gang aber läßt

zu wünschen übrig, und seltsam kokett und gefährlich, fast beklemmend

sieht es aus, wenn sie den Saal betritt, gestützt auf einen zierlich

dünnen, spielerischen Stock, den man in jedem Augenblick erwartet

brechen zu sehen. Aber vielleicht ist er von Eisen.

Dann ist ein furchtbar ernsthafter Herr da, ich wette, daß er mindestens

Nationalrat ist, durch und durch moralisch, männlich, patriotisch, das

untere Augenlid etwas rot und hängend wie bei jenen treuen Hunden am St.

Bernhard, der Nacken breit und steif, jedem Schlag standhaltend, die

Stirn voll Falten, die Brieftasche voll wohlerworbener und genau

gezählter Banknoten, die Brust voll einwandfreier, hoher, doch

intoleranter Ideale. Einmal in einer furchtbaren Nacht hat mir geträumt,

dieser Mann sei mein Vater und ich stehe vor ihm und müsse mich

verantworten: erstens wegen Mangel an Patriotismus, zweitens wegen eines

Spielverlustes von fünfzig Franken, drittens weil ich ein Mädchen

verführt hätte. Am Tag nach jenem tödlichen Traume sehnte ich mich sehr

nach dem leibhaften Wiedersehen jenes Herrn, vor dem ich im Traume so

sehr hatte zittern müssen. Sein Anblick würde mich heilen, denn stets

ist ja die Wirklichkeit so viel harmloser als das Bild unsres

Angsttraumes, der Mann würde vielleicht lächeln oder mir zunicken oder

einen Scherz mit der Saaltochter machen oder mindestens durch seine

körperliche Erscheinung das Zerrbild meines Traumes korrigieren. Aber

als es Mittag war und ich den strengen Herrn beim Essen wiedersah, da

nickte er nicht noch lächelte er, finster saß er vor seiner

Rotweinflasche, und jede Falte seiner Stirn und seines Nackens drückte

unerbittliche Moralität und Entschlossenheit aus, und ich hatte

furchtbar Angst vor ihm, und am Abend betete ich, ich möchte nicht

wieder von ihm träumen müssen.

Dagegen wie hold, wie lieblich und voll Anmut ist Herr Kesselring, ein

Mann in den besten Jahren, sein Beruf ist mir nicht bekannt, aber er muß

Hidalgo oder etwas Ähnliches sein. Hellblond wallt das Seidenhaar um

seine reine Stirn, zart lockt in seiner Wange das heitere Grübchen,

schwärmerisch und entzückt blickt das hellblaue Kinderauge, zärtlich

streicht die lyrische Hand über die elegante farbige Weste. Kein Falsch

kann in dieser Brust wohnen, keine unedle Regung den Adel dieser

poetischen Züge trüben. Rosig vom Scheitel bis zur Zehe wie ein Mädchen

von Renoir, mag Kesselring in jüngeren Jahren wohl den schelmischen

Gespielen Cupidos sich gesellt haben, der Holde. Wie aber dieser süße

Bursche mich erschreckte und enttäuschte, als er mir einst zur

Dämmerstunde im Rauchzimmer eine kleine Taschenkollektion von

unanständigen Bildchen zeigte, dafür fehlen mir die Worte.

Der interessanteste und hübscheste Gast, den ich in diesem Saale je

gesehen, ist aber heute nicht da, nur ein einziges Mal habe ich ihn hier

sitzen sehen, und da saß er mir gegenüber an meinem kleinen runden

Tisch, eine Abendstunde lang, mit den braunen frohen Augen, mit den

schlanken klugen Händen, zwischen all den Patienten eine einsame Blume

voll Jugend und Glanz. Geliebte, komm wieder, um mit mir von den guten

Speisen zu essen und den guten Wein zu kosten und den Saal mit unsern

Märchen und unsrem Gelächter zu erhellen!

Wir Gäste kontrollieren einander, wie das in Sommerfrischen üblich ist,

nur spielt dabei die Mode und Eleganz eine geringe Rolle. Desto genauer

verfolgen wir das Befinden unsrer Mitbrüder, denn in ihnen sehen wir uns

selbst gespiegelt, und wenn der greise Herr von Nummer 6 heute einen

guten Tag hat und von der Türe bis zum Tisch alleine gehen kann, so

freut das uns alle, und alle schütteln wir betrübte Köpfe, wenn wir

hören, daß Frau Flury heute das Bett nicht verlassen könne.

Nachdem wir dann eine Stunde lang gut gegessen und einander betrachtet

haben, brechen wir ungern dies Vergnügen ab und verlassen den Saal

unsres Wohlgefallens. Für mich fängt jetzt der leichtere Teil des Tages

an. Bei gutem Wetter suche ich den Hotelgarten auf, wo ich an

verstecktem Ort einen Liegestuhl stehen habe, mein Notizbuch und

Bleistift und einen Band Jean Paul dabei. Um drei oder vier Uhr habe ich

meistens „Behandlung“, das heißt, ich muß beim Arzt antreten und werde

von seinen Assistentinnen nach den neuesten Methoden behandelt. Ich

sitze unter der Quarzlampe, wobei ich das Verlangen habe, die

Sonnenkräfte dieser Zauberlaterne möglichst auszunützen und die

bedürftigsten Körperteile so nahe wie möglich ans Zündloch zu halten.

Einige Male habe ich mich dabei verbrannt. Ferner erwartet mich die

unermüdliche Mitarbeiterin des Doktors zur Diathermie. Sie bindet kleine

Kissen, elektrische Pole, um mein Handgelenk und läßt den Strom

hindurch, während sie zugleich mit zwei ebensolchen Kissen meinen Nacken

und Rücken bearbeitet, wobei ich nichts zu tun habe als zu schreien,

wenn es zu sehr brennt. Auch besteht – ein Reiz mehr – während dieser

Behandlungszeit stets die Möglichkeit, daß der Arzt eintritt und sich

ein Gespräch mit ihm ergibt, und wenn auch diese Hoffnung sich an

neunzehn von zwanzig Tagen nicht erfüllt, mitgerechnet muß sie doch

werden.

Ich entschließe mich zu einem kleinen Spaziergang, und wie ich am Tor

des Kurgartens vorbeikomme, merke ich am lebhaften Besuch, daß oben im

Kursaal wieder eines der vielen Konzerte sein muß, welche dort immerzu

stattfinden und von denen ich noch keines gehört habe. Ich trete also

ein und finde im Kursaal ein sehr zahlreiches Publikum versammelt, es

ist das erstemal, daß ich das hiesige Kur- und Krankenvolk so in

_corpore_ antreffe. Viele hundert Kollegen und Kolleginnen sitzen da auf

Stühlen, einige vor einem Tee oder Kaffee, andre mit Büchern oder

Strickstrümpfen versehen, und hören einer kleinen Gesellschaft von

Musikern zu, welche fern im Hintergrund des Saales heftig spielen. Lange

steh’ ich bei der Tür und schaue und höre zu, denn kein Stuhl ist frei.

Ich sehe die Musiker arbeiten, sie spielen komplizierte Stücke meist

unbekannter Meister, und es liegt nicht an der Qualität ihres Spiels,

wenn ich diesem ganzen Unternehmen keine Sympathie entgegenbringen kann.

Die Musiker machen ihre Sache sogar sehr gut – und eben darum wünsche

ich, sie möchten richtige Musik spielen statt all dieser Kunststücke,

Bearbeitungen und Arrangements. Und doch wünsche ich auch dieses

eigentlich nicht. Es wäre mir um nichts wohler, wenn statt diesem

unterhaltenden Auszug aus Carmen oder aus der Fledermaus etwa ein

Schubertquartett oder ein Duo von Händel gespielt würde. Um Gottes

willen, das wäre noch schlimmer. Ich habe das bei einem ähnlichen

Anlasse einmal erleben müssen. Bei schwach besuchtem Saal spielte damals

der erste Geiger einer Cafémusik die Chaconne von Bach, und während er

sie spielte, notierte mein Ohr folgende gleichzeitige Eindrücke: zwei

junge Herren bezahlten einer Kellnerin ihre Zeche und ließen sich kleine

Münze auf den Tisch zählen – eine energische Dame reklamierte in der

Garderobe heftig ihren Regenschirm – ein etwa vierjähriger, entzückender

kleiner Junge unterhielt eine Tischrunde durch sein hellstimmiges

Gezwitscher –, außerdem waren Flaschen und Gläser, Tassen und Löffel in

Tätigkeit, und eine alte Frau mit schwachem Augenlicht stieß, zu ihrem

eigenen heftigen Schrecken, einen Teller mit Gebäck über den Tischrand

hinab. Jeder dieser Vorgänge, für sich betrachtet, war ein vollgültiges,

meiner Sympathie und Aufmerksamkeit würdiges Geschehnis, dem

gleichzeitigen Andringen und Werben so vieler Eindrücke aber fühlte ich

mich seelisch nicht gewachsen. Und daran war einzig die Musik schuld,

die Bachsche Chaconne, sie war es allein, welche störte. – Nein, alle

Achtung vor den Musikern im Kursaal! Aber diesem Konzert fehlte für mich

die eine Hauptsache: der Sinn. Daß zweihundert Personen Langeweile haben

und nicht wissen, wie sie den Nachmittag herumbringen sollen, das ist in

meinen Augen keine zureichende Begründung dafür, daß einige gute Musiker

Bearbeitungen aus bekannten Opern spielen. Was diesem Konzert hier

fehlte, war bloß das Herz, das Innerste: die Notwendigkeit, das

lebendige Bedürfnis, die Spannung von Seelen, wartend auf Erlösung durch

die Kunst. Indessen kann ich mich hierin täuschen. Wenigstens sehe ich

bald, daß auch dieses eher schwunglose Publikum nicht eine homogene

Masse ist, sondern aus vielen einzelnen Seelen besteht, und eine dieser

Seelen reagiert auf die Musik mit größter Sensibilität. Zuvorderst im

Saal, ganz nahe dem Podium, sitzt ein leidenschaftlicher Musikfreund,

ein Herr mit schwarzem Bart und goldenem Kneifer, der wiegt, weit

zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen trunken seinen hübschen Kopf im

Takte der Musik, und wenn ein Stück zu Ende ist, so erschrickt er, reißt

die Augen auf und eröffnet als erster die Salve des Beifalls. Allein mit

dem Klatschen nicht zufrieden, erhebt er sich auch noch, tritt ans

Podium, weiß sich dem Kapellmeister von hinten bemerklich zu machen und

überschüttet ihn, unter andauerndem Beifall der Menge, mit Worten

begeisterten Lobes.

Des Stehens müde und von dieser Veranstaltung weniger hingerissen als

der bärtige Enthusiast, denke ich bei der zweiten Pause eben daran, mich

wieder zu entfernen, als aus einem Nebenraume her ein rätselhaftes

Geräusch mein Ohr erreicht. Ich frage einen benachbarten Ischiatiker und

erfahre, daß dort ein Spielsaal sei. Erfreut eile ich hinüber. Richtig,

da stehen Palmen in den Ecken und runde plüschene Sitzgelegenheiten, und

an einem großen grünen Tische wird, wie es scheint, Roulette gespielt.

Ich pirsche mich heran, der Tisch ist dicht von Neugierigen umstellt,

zwischen deren Schultern hindurch ich einen Teil der Vorgänge beobachten

kann. Mein Auge wird zuerst gefesselt von dem Herrn des Tisches, einem

rasierten Herrn im Frack, ohne Alter, mit braunen Haaren und einem

stillen philosophischen Angesicht, der eine staunenerregende Fertigkeit

darin besitzt, mit nur einer Hand und mit Hilfe einer aparten

elastischen Krücke oder Harke Geldstücke blitzschnell von jedem Felde

des Tisches auf beliebige andere Felder zu schnellen. Er handhabt die

biegsame Talerharke wie ein geschickter Forellenangler die englische

Stahlrute, und außerdem kann er Geldstücke im Bogen durch die Luft so

schleudern, daß sie auf dem gewünschten Tischfeld niederfallen. Und bei

all dieser Tätigkeit, deren Rhythmen durch die Rufe seines jüngeren

Gehilfen, welcher die Kugel bedient, beeinflußt werden, bleibt sein

stilles, blank rasiertes und rosiges Gesicht unter dem braunen, etwas

leblosen Haar immerdar gleich still und ruhig. Lange sehe ich ihm zu,

wie er unbeweglich sitzt, auf einem eigenen, besonders gebauten

Stühlchen mit schräggestellter Sitzfläche, wie er in dem stillen Gesicht

einzig die raschen Augen bewegt, wie er die Talerstücke mit spielender

Linken ausschleudert, sie mit spielender Rechten mittels der Harke

wieder einfängt und in die Ecken schnellt. Vor ihm stehen Säulen von

großen und kleinen Silberstücken, Stinnes kann nicht mehr haben. Immerzu

wirft sein Gehilfe den Ball, der in ein beziffertes Loch rollt, immerzu

ruft er die Zahl des Loches aus, ladet zum Spiele ein, teilt mit, daß

die Einsätze gemacht seien, warnt: „_rien ne va plus_“, und immerzu

spielt und arbeitet der ernste Herr am Tische. Oft hatte ich dies schon

gesehen, in früheren Jahren, in der fernen sagenhaften Zeit vor dem

Kriege, in den Jahren meiner Reisen und Wanderungen, in vielen Städten

der Welt hatte ich diese Palmen und Polster, diese selben grünen Tische

und Kugeln gesehen und dabei an die schönen schwülen Spielergeschichten

von Turgenjew und Dostojewski gedacht und mich dann wieder anderen

Dingen zugewendet. Nur eines fiel mir hier bei näherer Prüfung auf, daß

nämlich das ganze Spiel einzig zur eigenen Belustigung des Herrn im

Frack betrieben wurde. Er warf seine Taler aus, schob sie von Fünf auf

Sieben, von Grade auf Ungrade, zahlte die Gewinne aus, strich die

Verlierenden ein – aber alles war sein eigenes Geld. Kein Mensch aus dem

Publikum machte einen Einsatz, es waren lauter Kurgäste, meist von

ländlicher Herkunft, die mit Freude und tiefer Bewunderung, ebenso wie

ich, den Evolutionen des Philosophen folgten und den französischen,

kühlen, wie geeisten Rufen seines Gehilfen lauschten. Als ich nun, von

Mitleid ergriffen, zwei Franken auf die mir erreichbare Ecke des Tisches

legte, richteten fünfzig Augen sich gebannt und weit aufgerissen auf

mich, und das war mir so peinlich, daß ich kaum mehr den Augenblick

abwartete, wo meine Franken unter der Harke verschwanden, und mich eilig

entfernte.

Auch heute wieder bringe ich einige Minuten vor den Schaufenstern der

Badestraße zu. Da sind mehrere Ladengeschäfte, in welchen die Kurgäste

die ihnen unentbehrlich scheinenden Artikel kaufen können, namentlich

Ansichtskarten, bronzene Löwen und Eidechsen, Aschenbecher mit

Bildnissen berühmter Männer (so daß der Käufer sich zum Beispiel den

Spaß machen kann, täglich seine brennende Zigarre dem Richard Wagner ins

Auge zu stoßen) und viele andere Gegenstände, über welche ich mich nicht

zu äußern wage, da ich trotz langem Betrachten ihre Artung und

Bestimmung nicht zu ergründen vermochte; manche von ihnen scheinen den

kultlichen Bedürfnissen primitiver Volksstämme zu dienen, doch mag dies

Irrtum sein, und alle zusammen machen sie mich traurig, denn sie zeigen

mir allzu deutlich, daß ich trotz allem guten Willen zur Sozialität

dennoch außerhalb der bürgerlichen und wirklichen Welt lebe, nichts von

ihr weiß und sie ebensowenig je wirklich verstehen werde, wie ich, trotz

allen meinen langjährigen schriftlichen Bemühungen, mich jemals ihr

verständlich werde machen können. Wenn ich in diese Schaufenster blicke,

in welchen nicht Gegenstände des täglichen Bedarfs angeboten werden,

sondern sogenannte Geschenk-, Luxus- und Scherzartikel, dann entsetzt

mich die Fremdheit dieser Welt; unter hundert Gegenständen sind zwanzig,

dreißig, deren Bestimmung, Sinn und Gebrauchsart ich nur ganz vage zu

ahnen vermag, und ist kein einziger, dessen Besitz mir wünschenswert

schiene. Da sind Gegenstände, bei deren Anblick ich lange raten kann:

Steckt man das auf den Hut? oder in die Tasche? oder ins Bierglas? oder

gehört es zu einer Art Kartenspiel? Es gibt da Bilder und Inschriften,

Devisen und Zitate, welche aus mir völlig unbekannten, meiner Ahnung

unzugänglichen Vorstellungswelten stammen, und es gibt dann wieder

Verwendungsarten mir wohlbekannter und ehrwürdiger Symbole, die ich

weder verstehen noch billigen kann. Die geschnitzte Figur Buddhas oder

einer chinesischen Gottheit zum Beispiel auf dem Griff eines modischen

Damenschirmes ist und bleibt mir rätselhaft, fremd und peinlich, ja

unheimlich; ein gewolltes und bewußtes Sakrileg kann es kaum sein –

welche Vorstellungen, Bedürfnisse und Seelenzustände aber den

Unternehmer zur Herstellung, die Käufer zum Kauf dieser irrsinnigen

Gegenstände bewegen, dies ist es, was zu wissen ich so begierig wäre und

was ich auf keine Weise erfahren kann. Oder ein modisches Kaffeehaus, wo

um fünf Uhr die Leute sitzen! Ich kann es vollkommen verstehen, daß

wohlhabende Leute Spaß daran finden, Tee, Kaffee und Schokolade zu

trinken und dazu Schlagsahne und teure feine Patisserien zu genießen.

Warum aber freie und vollsinnige Menschen sich im Genuß dieser Dinge

durch eine aufdringlich einschmeichelnde, übersüßte Musik, durch ein

unsäglich enges und unherrschaftliches, banges Sitzen in überfüllten,

engen, mit ganz entbehrlichem Putz und Schmuck überladenen Räumen stören

lassen, vielmehr warum all diese Störungen, Unbequemlichkeiten und

Widersprüche von den Menschen gar nicht als solche empfunden, sondern

noch geliebt und aufgesucht werden, dies werde ich nie ergründen und

habe mir angewöhnt, es meiner, wie gesagt, leicht schizophrenen

Geistesanlage zuzuschreiben. Aber immer wieder macht es mir Sorgen. Und

die gleichen eleganten und wohlhabenden Leute, die in solchen Cafés

sitzen, von klebrig süßer Musik im Denken, im Plaudern, beinah im Atmen

gehemmt, umgeben von dickem, klotzigem Luxus, von Marmor, Silber,

Teppichen, Spiegeln, die gleichen Leute hören abends mit angeblichem

Entzücken einen Vortrag über die edle Einfachheit des japanischen Lebens

an und haben Mönchslegenden und die Reden Buddhas in schönen Drucken und

Einbänden zu Hause liegen. Ich will ja wahrlich kein Zelot und

Sittenprediger sein, ich bin sogar gerne für manche ziemlich tollen und

gefährlichen Laster zu haben und freue mich, wenn die Leute vergnügt

sind, denn mit vergnügten Menschen lebt es sich angenehmer – – aber

_sind_ sie denn vergnügt? lohnt sich wirklich all der Marmor, die

Schlagsahne, die Musik? Lesen diese selben Leute nicht, bedient vom

livrierten Diener und mit Tellern voll feiner süßer Fressereien vor

sich, in ihren Zeitungen lauter Berichte von Hungersnot, Aufstand,

Schießereien, Hinrichtungen? Steht nicht hinter den Riesenglasscheiben

dieser eleganten Kaffeehäuser eine Welt voll blutiger Armut und

Verzweiflung, voll Irrsinn und Selbstmord, voll Angst und Entsetzen? Nun

ja, ich weiß, alles das muß sein, alles ist irgendwie richtig, und Gott

will es so. Aber das weiß ich doch eben nur so, wie man das Einmaleins

weiß. Überzeugend ist dies Wissen nicht. In Wahrheit finde ich all dies

gar nicht richtig und gottgewollt, sondern verrückt und scheußlich.

Bekümmert wende ich mich jenen Läden zu, in welchen Ansichtspostkarten

ausgestellt sind. Hier kenne ich mich schon sehr gut aus, ich darf

sagen, daß ich die Ansichtskarten Badens ziemlich erschöpfend studiert

habe, alles in dem Bestreben, aus diesem Symptom seiner Bedürfnisse den

Durchschnittskurgast und seine Seele noch besser kennenzulernen. Es gibt

in ziemlicher Menge hübsche Nachbildungen alter Badener Veduten, auch

alter Gemälde und Stiche mit Badeszenen, aus welchen man sieht, daß in

Baden in früheren Jahrhunderten zwar weniger seriös und anständig,

vielleicht auch weniger hygienisch als heute, dafür aber entschieden

vergnüglicher gelebt und gebadet wurde. Diese alten Bildchen, ihre Türme

und Giebel, ihre Trachten und Kostüme, alles macht einem ein wenig

Heimweh, obwohl man natürlich keineswegs in jenen Zeiten gelebt haben

möchte. Alle diese Städtebilder, Straßenbilder, Badebilder, seien sie

nun aus dem sechzehnten oder dem achtzehnten Jahrhundert, strömen ganz

leise und sanft jene stille Traurigkeit aus, die von allen solchen

Bildern ausgeht, denn alles auf diesen Bildern ist hübsch, auf allen

scheint zwischen Natur und Mensch Friede zu herrschen, scheinen Häuser

und Bäume nicht im Krieg miteinander zu liegen. Schönheit und

Einheitlichkeit scheint alles zu umfassen, vom Erlengehölz bis zur

Tracht der Schäferin, vom zinnengekrönten Torturm bis zu Brücke und

Brunnen und noch bis zu dem schlanken Hündlein, das an die Empiresäule

pißt. Man findet Drolliges, Dummliches, Eitles auf manchen dieser alten

Bildchen, aber man sieht nichts Häßliches, nichts Schreiendes; die

Häuser stehen nebeneinander wie Feldsteine oder wie Vögel, die in einer

Reihe auf der Stange sitzen, während in jetzigen Städten fast jedes Haus

das andre anschreit, ihm Konkurrenz macht, es wegdrücken möchte.

Und es fällt mir ein, wie einmal meine Geliebte bei einem schönen Fest,

wo alles in Kostümen der Mozartzeit herumlief, plötzlich Tränen in den

Augen hatte und, als ich erschrocken fragte, sagte: „Warum muß heute

alles so häßlich sein?“ Ich tröstete sie damals damit, daß unser Leben

um nichts schlechter, daß es freier, reicher und größer ist als jene es

hatten, daß unter den hübschen Perücken Läuse waren und hinter der

Pracht der Spiegelsäle und Kerzenleuchter hungernde und unterdrückte

Völker und daß es überhaupt gut sei, daß wir von jenen frühern Zeiten

gerade nur das Allerhübscheste, die Erinnerung an ihre heitere

Sonntagsseite, übrigbehalten haben. Aber nicht an allen Tagen denkt man

so vernünftig.

Kehren wir zu den Ansichtskarten zurück! Es gibt da hierzulande eine

besondere Kategorie von Bilderkarten, die der Originalität nicht

entbehren. Die hiesige Gegend wird vom Volksmund das Rübliland genannt,

und nun gibt es verschiedene Serien von Bildern, auf welchen Volksszenen

jeder Art dargestellt sind, Szenen aus der Schule, vom Militär,

Familienausflüge, Prügeleien, und alle Menschen auf diesen Bildern sind

als Rüben dargestellt. Man sieht Rüben-Liebespaare, Rüben-Duelle,

Rüben-Kongresse. Diese Karten erfreuen sich großer Beliebtheit, gewiß

mit Recht, und doch machen auch sie mich nicht froh. Neben den

historischen Ansichten und den Rüblibildern ist als dritte umfangreiche

Kategorie diejenige der erotischen Darstellungen zu nennen. Auf diesem

Gebiete, sollte man denken, ließe sich etwas leisten und es könnte durch

Bilder dieser Art etwas Rasse, etwas Saft und Blüte in diese öde Welt

der Schaufenster kommen. Aber diese Hoffnung mußte ich schon in den

ersten Tagen aufgeben. Ich war erstaunt zu sehen, daß gerade das

Liebesleben in dieser Bilderwelt sehr zu kurz gekommen war. Alle die

Hunderte von Bildern dieser Kategorie zeichnen sich durch eine

beklagenswerte Unschuld und Schamhaftigkeit aus, und auch hier fand ich

meinen Geschmack dem der Allgemeinheit äußerst schlecht angepaßt, denn

wenn jemand mir den Auftrag gäbe, Darstellungen aus dem Liebesleben zu

sammeln, ich würde wahrlich ganz andere Bilder bringen als ich sie hier

dargeboten finde. Hier herrscht weder das Pathos der reinen Erotik noch

die Poesie des halbversteckten Spiels, sondern es herrscht überall eine

süß verschämte Verlobungsstimmung, alle die vielen Liebespaare waren

sorgfältig und schick gekleidet, die Bräutigame häufig im Gehrock und

mit hohem Hute, Blumensträuße in den Händen, manchmal schien der Mond

dazu, und unter dem Bilde suchte ein Vers die Situation zu erklären, zum

Beispiel:

Du holdes Wesen, bei des Mondes Blinken

Seh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Ich war von dieser Kategorie sehr enttäuscht, die Hersteller dieser

Postkarten hatten offenbar vom Liebesleben mehr nur den konventionellen

und uninteressanten Teil wahrgenommen. Immerhin notierte ich mir einige

jener Verse, als Beispiele populärer Dichtung aus unsrem Zeitalter, zum

Beispiel diesen:

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand,

Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

So wenig meisterlich der Vers uns auch erscheinen möge, er war klassisch

im Vergleich mit der Abbildung, die er begleitete. Ein junges Mädchen,

dessen Kopf offensichtlich vom Wachsmodell eines Friseurladens entlehnt

war, saß auf einer Bank unter Bäumen, und ein junger Herr in sehr gutem

Anzug stand vor ihr, damit beschäftigt, seine Glacéhandschuhe an- oder

auszuziehen.

Vor diesen Bildern stand ich denn auch heute wieder eine Weile, und da

ich dabei Öde und Langeweile empfand und ein heftig brennendes

Verlangen, diese ganze, an sich so schätzenswerte Welt der Konzerte, der

Spieler, der korrekten Brautpaare und der Rüblibilder hinter mich zu

bringen, schloß ich die Augen und flehte im Herzen Gott um Rettung an,

denn wie ich fühlte, war ich nicht weit von einem Anfall tiefer

Enttäuschtheit und faden Lebensekels entfernt, welche Anfälle mich zu

meinem Jammer immer dann überraschen, wenn ich eben gutgewillt und

ernsthaft den Versuch mache, mein Eremiten- und Sonderlingtum

abzustreifen und Glück und Leid der Majorität zu teilen.

Und Gott half mir. Kaum hatte ich die Augen zugetan und mein Herz von

der Kur- und Rübliwelt abgewandt, voll inniger Sehnsucht nach einem Gruß

und Klang aus anderen, mir vertrauteren, mir heiligeren Sphären, da kam

mir der erlösende Einfall. Es gab nämlich in unserem Hotel eine

entlegene, nicht allen Gästen bekannte Ecke, wo unser Wirt, der viele

solche liebenswerte Züge hat, zwei gefangene junge Marder in einem

Drahtgefängnis von humanem Umfange hält. Nach den Mardern zu sehen,

fühlte ich plötzlich ein Gelüste, gab blindlings nach, lief ins Hotel

zurück und suchte das Verlies der Tiere auf. Kaum war ich bei ihnen, so

war alles gut, ich hatte genau das gefunden, was ich in diesem

kritischen Augenblick brauchte. Die beiden edlen, schönen Tiere,

zutraulich und neugierig wie Kinder, ließen sich leicht aus ihrem

Schlafloche locken, rannten, von der eigenen Kraft und Gelenkigkeit

berauscht, in tollen Sprüngen durch den weiten Käfig, machten wieder am

Gitter bei mir halt, atmeten heftig mit rosigen Schnauzen und

schnoberten feuchtwarm an meiner Hand. Mehr hatte ich nicht gebraucht.

In diese klaren Tieraugen zu blicken, diese herrlichen bepelzten

Meisterwerke und Gottesgedanken zu sehen, ihren warmen lebendigen Atem

zu fühlen, ihren scharfen wilden Raubtiergeruch zu riechen, das genügte,

um mich vom unversehrten Vorhandensein aller Planeten und Fixsterne,

aller Palmenwälder und Urwaldflüsse beruhigend zu überzeugen. Die Marder

waren mir Gewähr für das, wofür ja der Anblick jeder Wolke, jedes grünen

Blattes Gewähr genug hätte sein sollen; aber ich hatte eben dieser

stärkeren Beweise bedurft.

Die Marder waren stärker als die Ansichtskarten, als das Konzert, als

der Spielsaal. Solang es noch Marder gab, noch Duft der Urwelt, noch

Instinkt und Natur, solange war für einen Dichter die Welt noch möglich,

noch schön und verheißungsvoll. Aufatmend fühlte ich den Alpdruck

schwinden, lachte mich selber aus, holte für die Marder ein Stück Zucker

und schlenderte befreit in den Abend hinaus. Die Sonne stand schon dicht

am Rand der Waldberge, von leichtem goldnem Gewölk durchwehtes Blau

strahlte hell und kindlich über das Tal meiner Irrungen, lächelnd fühlte

ich meine gute Stunde kommen, dachte an meine Geliebte, spielte mit

entstehenden Versen, spürte Musik, spürte Glück und Andacht durch die

Welt wehen, warf anbetend alle Last des Tages von mir und schwang mich,

Vogel, Falter, Fisch, Wolke, hinüber in die frohe, vergängliche,

kinderhafte Welt der Gestaltungen.

Von diesem Abend, an dem ich spät, müde und glücklich heimkehrte, will

ich hier nicht berichten. Meine ganze Ischiatiker-Philosophie möchte mir

dabei aus dem Leime gehen. Glücklich, müde und singend kam ich nachts

zurück, und siehe, auch der Schlaf floh mich heute nicht, auch er, der

so scheue Vogel, kam vertraulich und nahm mich auf blauem Flügel ins

Paradies.

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur · 第 6 / 12 题