Der erste Tag

Kaum war mein Zug in Baden angekommen, kaum war ich mit einiger

Beschwerde die Wagentreppe hinabgestiegen, da machte sich schon der

Zauber Badens bemerklich. Auf dem feuchten Zementboden des Perrons

stehend und nach dem Hotelportier spähend, sah ich aus demselben Zug,

mit dem ich angekommen war, drei oder vier Kollegen steigen,

Ischiatiker, als solche deutlich gekennzeichnet durch das ängstliche

Anziehen des Gesäßes, das unsichere Auftreten und das etwas hilflose und

weinerliche Mienenspiel, das ihre vorsichtigen Bewegungen begleitete.

Jeder von ihnen hatte zwar seine Spezialität, seine eigene Abart von

Leiden, daher auch seine eigene Art von Gang, von Zögern, von Stakeln,

von Hinken, und jeder auch sein eigenes, spezielles Mienenspiel, dennoch

überwog das Gemeinsame, ich erkannte sie alle auf den ersten Blick als

Ischiatiker, als Brüder, als Kollegen. Wer erst einmal die Spiele des

_nervus ischiaticus_ kennt, nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus jener

Erfahrung, welche von den Ärzten als „subjektive Sensation“ bezeichnet

wird, sieht hierin scharf. Alsbald blieb ich stehen und betrachtete mir

diese Gezeichneten. Und siehe, alle drei oder vier schnitten bösere

Gesichter als ich, stützten sich stärker auf ihre Stöcke, zogen ihre

Schinken zuckender empor, setzten ihre Sohlen ängstlicher und unmutiger

auf den Boden als ich, alle waren sie leidender, ärmer, kränker,

beklagenswerter als ich, und dies tat mir äußerst wohl und blieb während

meiner Badener Kurzeit ein tausendmal wiederkehrender, unerschöpflicher

Trost: daß ringsum Leute hinkten, Leute krochen, Leute seufzten, Leute

in Krankenstühlen fuhren, welche viel kränker waren als ich, viel

weniger Grund zu guter Laune und zur Hoffnung hatten als ich! Da hatte

ich denn gleich in der ersten Minute eins der großen Geheimnisse und

Zaubermittel aller Kurorte gefunden und schlürfte meine Entdeckung mit

wahrer Lust: die Leidensgenossenschaft, das „_socios habere malorum_“.

Und als ich nun den Bahnsteig verließ und mich einer sanft gegen die

Bäder talwärts fließenden Straße wohlig überließ, da bestätigte und

steigerte jeder Schritt die wertvolle Erfahrung: überall schlichen die

Kurgäste, saßen müde und etwas krummgezogen auf grüngestrichenen

Ruhebänken, hinkten in Gruppen plaudernd vorüber. Eine Frau wurde im

Fahrstuhl daher geschoben, müde lächelnd, eine halbwelke Blume in der

kränklichen Hand, hinten strotzend und voll Energie die blühende

Pflegerin. Ein alter Herr trat aus einem der Läden, in denen die

Rheumatiker ihre Ansichtskarten, Aschenbecher und Briefbeschwerer kaufen

(sie brauchen deren viele, und ich konnte die Ursache nie ergründen) –

und dieser alte Herr, der aus dem Laden trat, brauchte zu jeder

Treppenstufe eine Minute und blickte auf die vor ihm liegende Straße,

wie ein ermüdeter und unsicher gewordner Mensch auf eine große ihm

gestellte Aufgabe blickt. Ein noch junger Mensch, mit einer graugrünen

Militärmütze auf dem borstigen Kopf, arbeitete sich an zwei Stöcken

kraftvoll, doch mühsam vorwärts. Ach, schon diese Stöcke, die man hier

überall antraf, diese verflucht ernsthaften Krankenstöcke, welche in

unten verbreiterte Gummizwingen ausliefen und sich wie Egel oder

Saugwarzen an den Asphalt ansogen! Auch ich zwar ging an einem Stocke,

einem zierlichen Malakka-Rohrstock, dessen Hilfe mir höchst willkommen

war, allein zur Not konnte ich auch ohne Stock gehen, und niemand hatte

mich jemals mit einem dieser traurigen Gummistöcke gesehen! Nein, es war

klar und mußte jedem in die Augen fallen, wie rasch und schlank ich

diese angenehme Straße hinabschlenderte, wie wenig und spielerisch ich

den Malakkastock, ein reines Schmuckstück, ein bloßes Ornament,

benützte, wie äußerst leicht und harmlos bei mir das Kennzeichen der

Ischiatiker, das ängstliche Anziehen der Oberschenkel, ausgebildet,

vielmehr nur angedeutet, nur flüchtig skizziert war, überhaupt wie

straff und proper ich diesen Weg daherkam, wie jung und gesund ich war,

verglichen mit all diesen älteren, ärmeren, kränkeren Brüdern und

Schwestern, deren Gebrechen sich so deutlich, so unverhüllbar, so

unerbittlich dem Blicke darboten! Ich sog Anerkennung, schlürfte

Bejahung aus jedem Schritt, ich fühlte mich schon beinahe gesund,

jedenfalls unendlich viel weniger krank als alle diese armen Menschen.

Ja, wenn diese Halblahmen und Hinker noch Heilung erhofften, diese Leute

mit den Gummistöcken, wenn Baden auch diesen noch helfen konnte, dann

mußte ja mein kleines anfängerhaftes Leiden hier schwinden wie Schnee im

Föhn, dann mußte der Arzt in mir ein Prachtexemplar, ein höchst

dankbares Phänomen, ein kleines Wunder an Heilbarkeit entdecken.

Freundlich sah ich den anregenden Gestalten zu, voll Mitgefühl und

Wohlwollen. Aus einer Konditorei kam jetzt eine alte Frau gequollen, die

hatte es offenbar längst aufgegeben, ihr Gebrechen verheimlichen zu

wollen, sie verkniff sich keine kleinste Reflexbewegung, sie nahm jede

denkbare Erleichterung, jedes sich anbietende Spiel einer

Hilfsmuskulatur voll in Anspruch, und so turnte, so balancierte und

schwamm sie, breit sich durchkämpfend, wie eine Seelöwin über die Gasse,

nur langsamer. Mein Herz hieß sie willkommen und jubelte ihr zu, ich

pries die Seelöwin, ich pries Baden und mein gutes Geschick. Ich sah

mich rings von Mitstrebenden, von Konkurrenten umgeben, welchen ich weit

überlegen war. Wie gut, daß ich so rechtzeitig hierher gekommen war,

noch im ersten Stadium einer leichten Ischias, noch mit den ersten

schwachen Symptomen einer beginnenden Gicht! Mich umwendend, auf meinen

Stock gestützt, sah ich lange der Seelöwin nach, mit jenem bekannten

Wohlgefühl, welches uns zeigt, daß die Sprache für seelische Vorgänge

noch keine Ausdrücke gefunden hat, denn sprachliche Gegensätze wie

Schadenfreude und Mitleiden sind hier aufs innigste verbunden. Mein

Gott, die arme Frau! So weit konnte es mit einem kommen.

Auch in diesem enthusiastischen Augenblick gesteigerten Lebensgefühls,

auch während dieser holden Euphorie der guten Stunde freilich schwieg

jene lästige Stimme in mir nicht ganz, die wir so ungern hören und doch

so nötig haben, jene Stimme der Vernunft, und sie machte mich, in ihrem

unangenehm kühlen Ton, leise und bedauernd darauf aufmerksam, daß die

Quelle meines Trostes lediglich ein Irrtum, eine falsche Methode sei,

daß ich nämlich mich selbst, den am Malakkastock nur leicht hinkenden

Literaten, dankerfüllt zwar mit jeder lahmen, jeder schwer hinkenden und

entstellten Gestalt verglich, daß ich es aber versäumte, jene endlos

fortlaufende Skala der Symptome in Betracht zu ziehen, welche sich

jenseits meiner Person ausdehnte, daß ich alle jene Gestalten, welche

jünger, aufrechter, rüstiger und gesunder waren als ich selber, gar

nicht wahrnahm. Vielmehr, ich nahm sie wahr, aber ich weigerte mich, sie

mit in die Vergleichung zu ziehen, ja, während des ersten und zweiten

Tages war ich sogar ganz primitiv davon überzeugt, alle jene Menschen,

welche ich ohne Stock und ohne merkbares Lahmen oder Hinken mit

vergnügten Gesichtern dahinwandeln sah, seien keineswegs Brüder und

Kollegen, seien keine Kurgäste und Konkurrenten, sondern normale,

gesunde Einwohner der Stadt. Daß es auch Ischiatiker geben könne, welche

ganz ohne Stock und ganz ohne krampfhafte Gebärden gehen konnten, daß es

viele Gichtiker gebe, denen auf der Straße kein Mensch, auch kein

Psychologe, ihr Leiden anzusehen vermöge, daß ich mit meinem leicht

deformierten Gang und meinem Malakkastocke keineswegs auf der ersten,

harmlosen, untersten Stufe der Stoffwechselleiden stehe, daß ich nicht

bloß den Neid der richtigen Lahmen und Hinker genieße, sondern auch das

spöttische Mitleid zahlreicher Kollegen, welchen ich als Trost und

Seelöwe diente, kurz, daß ich mit meiner scharfäugigen Beobachtung und

Vergleichung der Leidensgrade nicht objektive Forschung treibe, sondern

lediglich optimistische Selbstbezauberung, diese Erkenntnis erreichte

mich, auf dem üblichen langsamen Wege, erst nach mehreren Tagen.

Nun, ich genoß dies Glück des ersten Tages in vollen Zügen, ich beging

Orgien der naiven Selbstbejahung, und ich tat wohl daran. Von den

überall auftauchenden Figuren meiner Mitkurgäste, meiner kränkeren

Brüder angezogen, vom Anblick jedes Krüppels geschmeichelt, von jedem

mir begegnenden Rollstuhl zu frohem Mitleid, zu teilnahmsvoller

Selbstzufriedenheit aufgefordert, flanierte ich die Straße hinab, diese

so bequeme, so schmeichelhaft angelegte Straße, auf welcher die

ankommenden Gäste vom Bahnhof zu den Bädern hinabgerollt werden und die

in sanfter Schwingung, mit wohligem, gleichmäßigem Gefälle zu den alten

Bädern hinableitet und sich dort unten, gleich einer Flußversickerung,

in die Eingänge der zahlreichen Badehotels verliert. Guter Vorsätze und

froher Hoffnungen voll näherte ich mich dem „Heiligenhof“, wo ich

abzusteigen dachte. Drei, vier Wochen galt es nun hier auszuhalten,

täglich zu baden, möglichst viel spazieren zu gehen, sich Aufregungen

und Sorgen möglichst fern zu halten. Es würde vielleicht zuweilen etwas

eintönig sein, es würde nicht ohne Langeweile abgehen, weil hier das

Gegenteil von intensivem Leben Vorschrift war, und für mich, den alten

Solitär, dem alles Herden- und Hotelleben tief zuwider ist und äußerst

schwer fällt, würde es einige Hindernisse zu nehmen, einige

Überwindungen zu erkämpfen geben. Aber ohne Zweifel würde dies neue, mir

völlig ungewohnte Leben, trotz seinem vielleicht etwas bürgerlichen,

etwas faden Anstrich, auch heitere und interessante Erfahrungen bringen,

– hatte ich es nicht wirklich in hohem Maße nötig, nach Jahren eines

friedlich-verwilderten, ländlich-einsamen, in Studien versunkenen Lebens

eine Weile wieder unter Menschen zu kommen? Und, die Hauptsache:

jenseits der Hindernisse, jenseits dieser jetzt beginnenden Kurwochen

lag der Tag, an dem ich diese selbe Straße rüstig bergan steigen, diese

Hotels verlassen, an dem ich verjüngt und geheilt, mit elastisch

spielenden Knien und Hüften, von diesem Baden wieder Abschied nehmen und

die hübsche Straße zum Bahnhof hinantanzen würde.

Schade nur, daß es, eben im Augenblick da ich den Heiligenhof betrat,

leise zu regnen anfing.

„Sie bringen kein gutes Wetter mit,“ sagte lächelnd das überaus

freundliche Fräulein im Bureau bei der Begrüßung.

„Nein,“ sagte ich ratlos. Wie war nun das? Sollte wirklich ich es sein,

dachte ich, der diesen Regen gerufen, der ihn erschaffen und hierher

mitgebracht hat? Daß die platte, alltägliche Anschauungsweise dagegen

sprach, konnte mich, den Theologen und Mystiker, nicht entlasten. Ja,

ebenso wie Schicksal und Gemüt Namen eines Begriffes waren, ebenso wie

ich meinen Namen und Stand, mein Alter, mein Gesicht, meine Ischias in

gewissem Sinne mir selbst erwählt und geschaffen hatte und niemand außer

mich dafür verantwortlich machen durfte, ebenso stand es wohl auch mit

diesem Regen. Ich war bereit, ihn auf mich zu nehmen.

Nachdem ich dies dem Fräulein mitgeteilt und einen Anmeldezettel

ausgefüllt hatte, trat ich nun in jene Verhandlungen wegen meines

Zimmers ein, welche der normale Mensch nicht kennt, deren Grauen der

naive Glückliche nicht ahnt, deren ganze Trübe nur dem in eine

Fremdenherberge verschlagenen, an Einsamkeit und tiefe Stille gewöhnten,

an Schlaflosigkeit leidenden Eremiten und Schriftsteller bekannt ist.

Ein Hotelzimmer zu nehmen, ist für normale Menschen eine Kleinigkeit,

ein alltäglicher, in keiner Weise affektbetonter Akt, mit dem man in

zwei Minuten fertig ist. Für unsereinen aber, für uns Neurotiker,

Schlaflose und Psychopathen wird dieser banale Akt, mit Erinnerungen,

Affekten und Phobien phantastisch überladen, zum Martyrium. Der

freundliche Hotelier, die sympathische Empfangsdame, welche uns, auf

unsre zaghaft inständige Bitte, ihr „ruhiges Zimmer“ zeigen und

empfehlen, ahnen den Sturm von Assoziationen, von Befürchtungen, von

Ironien und Selbstironien nicht, den dies fatale Wort in uns erregt. O

wie gut, o wie schauerlich genau, wie grauenhaft profund kennen wir

diese ruhigen Zimmer, diese Stätten unsrer qualvollsten Leiden, unsrer

schmerzlichsten Niederlagen, unsrer heimlichsten Schmach! Wie falsch und

tückisch, wie dämonisch blicken uns diese freundlichen Möbel, diese

wohlgemeinten Teppiche und heiteren Tapeten an! Wie fatal, wie

vernichtend grinst jene verriegelte Verbindungstür zum Nachbarzimmer,

die sich unseligerweise in den meisten dieser Zimmer befindet, häufig

ihrer eigenen üblen Rolle bewußt und darum schamhaft hinter einem

Tuchbehang verborgen! Wie schmerzlich und ergeben blicken wir zur weiß

getünchten Zimmerdecke empor, welche stets im Augenblick der

Besichtigung in schweigender Leere grinst, um dann abends und morgens

von den Schritten der Obenwohnenden zu dröhnen – ach, und nicht nur von

Schritten, das sind bekannte und also nicht die schlimmsten Feinde!

Nein, über diesen harmlos weißen Plan rollen in der Stunde des

Verhängnisses, ebenso wie durch die dünne Tür und Wand, ungeahnte

Geräusche und Vibrationen, weggeworfene Stiefel, zu Boden fallende

Spazierstöcke, mächtige rhythmische Erschütterungen (auf hygienische

Turnübungen deutend), umgeworfene Stühle, ein vom Nachttisch stürzendes

Buch oder Glas, das Rücken von Koffern und Möbelstücken. Dazu die

Menschenstimmen, die Gespräche und Selbstgespräche, das Husten, das

Lachen, das Schnarchen! Und weiter, schlimmer als dies alles, die

unbekannten, unerklärlichen Geräusche, alle jene seltsamen,

geisterhaften Laute, die wir nicht deuten, deren Herkunft und

vermutliche Dauer wir nicht ahnen können, jene Klopf- und Wühlgeister,

all jenes Knacken, Ticken, Flüstern, Blasen, Saugen, Rauschen, Seufzen,

Knarren, Picken, Sieden – weiß Gott, welch reiches unsichtbares

Orchester sich in den paar Quadratmetern eines Hotelzimmers verbergen

kann!

Das Wählen eines Schlafzimmers ist also für unsereinen eine äußerst

heikle, wichtige und dabei ziemlich hoffnungslose Unternehmung, an

zwanzig Dinge, an hundert Möglichkeiten ist dabei zu denken. In einem

Raume ist der Wandschrank, im andern die Heizröhre, im dritten der

okarinablasende Nachbar die Quelle akustischer Überraschungen. Und da

erfahrungsgemäß bei keinem einzigen Zimmer der Welt jene so innig

ersehnte Ruhe und Schlafsicherheit feststellbar ist, da das anscheinend

ruhigste Zimmer Überraschungen birgt (wohnte ich nicht schon, um ja

keinen Störenfried über oder neben mir zu wissen, in einer einsamen

Dienstbotenkammer im fünften Stock und fand über mir, statt des

vermiedenen Zeitgenossen, den klappernden Dachboden von Ratten toll

belebt?!) – sollte man da nicht am Ende auf jede Wahl verzichten,

einfach kopfvoran ins Schicksal springen und den Zufall walten lassen?

Statt sich zu quälen und abzusorgen und nach wenigen Stunden dennoch

enttäuscht und traurig dem Unvermeidlichen gegenüberzustehen, ist es

nicht klüger, das blinde Geschick walten zu lassen und wahllos das erste

angebotene Zimmer zu nehmen? Gewiß, das ist klüger. Wir tun es aber

nicht oder tun es nur selten einmal, denn wenn Klugheit und Vermeiden

von Aufregungen allein unser Tun und Lassen leiten sollte, wie sähe da

das Leben aus? Wissen wir nicht alle, daß unser Schicksal uns eingeboren

und unentrinnbar ist, und hängen wir nicht dennoch alle innig und

glühend an der Illusion der Wahl, der Willensfreiheit? Könnte nicht

jeder von uns, wenn er den Arzt für seine Krankheit, wenn er Beruf und

Wohnort, wenn er eine Geliebte und Braut wählt, dies alles ebenso gut

und vielleicht mit besserm Erfolge dem reinen Zufall überlassen – und

wählt er nicht dennoch, wendet er nicht dennoch eine Menge von

Leidenschaft, von Mühe, von Sorge an all diese Dinge? Vielleicht tut er

es naiv, in kindlicher Leidenschaftlichkeit, an seine Macht glaubend,

von der Beeinflußbarkeit des Schicksals überzeugt; vielleicht auch tut

er es skeptisch, tief überzeugt von der Wertlosigkeit seiner Bemühungen,

aber ebensosehr davon überzeugt, daß Tun und Streben, Wählen und

Sichquälen schöner, lebendiger, bekömmlicher oder mindestens amüsanter

sei als Erstarren in resignierter Passivität. Nun also, ebenso handle

ich närrischer Zimmersucher, wenn ich, trotz tiefem Überzeugtsein von

der Vergeblichkeit und drolligen Sinnlosigkeit meines Tuns, eben dennoch

jedesmal wieder lange Verhandlungen über das zu wählende Zimmer führe,

mich nach Nachbarn, nach Türen und Doppeltüren, nach Drum und Dran

gewissenhaft erkundige. Es ist ein Spiel, das ich treibe, ein Sport,

wenn ich in dieser kleinen alltäglichen Frage immer wieder mich der

Illusion, der fiktiven Spielregel überlasse, als seien Dinge dieser Art

überhaupt einer vernunftgemäßen Behandlung zugänglich und würdig. Ich

handle dabei ebenso klug oder ebenso töricht wie ein Kind beim Einkaufen

von Naschwerk oder wie ein Spieler, der seinem Einsatz mathematische

Tabellen zugrundelegt. In allen solchen Lagen wissen wir genau, daß wir

dem reinen Zufall gegenüberstehen, und handeln, aus tiefem geistigem

Bedürfnis, dennoch so, als könne und dürfe es keinen Zufall geben, als

sei alles und jedes in der Welt unsrem vernünftigen Denken und Ordnen

untertan.

Also ich spreche mit dem bereitwilligen Fräulein die fünf oder sechs

leerstehenden Zimmer genau durch. Von dem einen erfahre ich, daß nebenan

eine Violinspielerin wohnt und täglich zwei Stunden übt – nun, das ist

immerhin etwas Positives, ich tendiere nun bei der engeren Wahl nach

möglichst großer Entfernung von jenem Zimmer und Stockwerk. Für

Verhältnisse und Möglichkeiten der Hotelakustik habe ich ohnehin eine

Sensibilität, ein Ahnungsvermögen, das manchem Architekten sehr zu

wünschen wäre. Kurz, ich tat das Notwendige, das Vernünftige, ich

handelte sorgfältig und gewissenhaft, wie ein Nervöser beim Suchen eines

Schlafzimmers handeln muß, mit dem üblichen Ergebnisse, das etwa so zu

formulieren wäre: „Es nützt zwar nichts, und natürlich werde ich in

diesem Zimmer dieselben Abenteuer und Enttäuschungen antreffen wie in

jedem anderen, aber immerhin habe ich nun meine Pflicht getan, ich habe

mir Mühe gegeben, den Rest lege ich in Gottes Hand.“ Und gleichzeitig

sprach, wie immer in solchen Fällen, eine andre, leisere Stimme zutiefst

in mir innen: „Wäre es nicht besser, das Ganze Gott zu überlassen und

auf dies Theaterspiel zu verzichten?“ Ich hörte die Stimme, wie gewohnt,

und hörte sie doch nicht, und weil ich zur Stunde so guter Laune war,

verlief die Prozedur angenehm, zufrieden sah ich meinen Reisekorb in

Nummer 65 verschwinden und ging weiter, denn es war die Stunde, zu der

ich beim Doktor angemeldet war.

Und siehe, auch hier ging es gut. Nachträglich kann ich ja gestehen, daß

mir vor diesem Besuch etwas bange war, nicht weil ich eine

niederschmetternde Diagnose befürchtet hätte, sondern weil die Ärzte für

mein Gefühl mit zur geistigen Hierarchie gehören, weil ich dem Arzt

einen hohen Rang zubillige und weil ich bei ihm eine Enttäuschung schwer

ertrage, die ich bei einem Eisenbahn- oder Bankbeamten, auch noch bei

einem Advokaten leicht hinnehme. Ich erwarte, ich weiß selbst nicht

genau warum, vom Arzt einen Rest jenes Humanismus, zu welchem die

Kenntnis des Latein und des Griechischen und eine gewisse philosophische

Vorschule gehören und der in den meisten Berufen des heutigen Lebens

nicht mehr benötigt wird. In dieser Hinsicht bin ich, sonst voll Freude

am Neuen und Revolutionären, überaus rückständig, ich verlange von den

höher gebildeten Ständen einen gewissen Idealismus, eine gewisse

Bereitschaft zu Verständnis und Auseinandersetzung, ganz unabhängig vom

materiellen Vorteil, kurz ein Stück Humanismus, obwohl ich weiß, daß

dieser Humanismus in Wirklichkeit nicht mehr existiert und daß auch

seine Gebärde bald nur noch in Wachsfigurenkabinetten anzutreffen sein

wird.

Nach kurzem Warten wurde ich hineingeführt, ein sehr schöner,

geschmackvoll eingerichteter Raum gewann sogleich mein Vertrauen. Der

Arzt, der erst noch in einem Nebenraume in der üblichen Weise mit Wasser

geplätschert hatte, trat herein, ein intelligentes Gesicht versprach

Verständnis, und wir begrüßten einander, wie es gesitteten Boxern ziemt,

vor dem Wettkampf mit herzlichem Händedruck. Vorsichtig begannen wir den

Kampf, tasteten einander ab, probierten zögernd die ersten Schläge. Noch

waren wir auf neutralem Gebiet, unser Disput ging um Stoffwechsel,

Ernährung, Alter, frühere Krankheiten und troff von Harmlosigkeit, nur

bei einzelnen Worten kreuzten sich unsere Blicke, klar zum Gefecht. Der

Arzt hatte einige Ausdrücke aus der medizinischen Geheimsprache auf

seiner Palette, die ich nur annähernd entziffern konnte, die aber seinen

Kundgebungen ornamental sehr zustatten kamen und seine Position mir

gegenüber spürbar stärkten. Immerhin war mir schon nach einigen Minuten

klar, daß bei diesem Arzte nicht jene grausame Enttäuschung zu fürchten

war, welche Menschen von meiner Art gerade bei Ärzten peinlich ist: daß

man hinter einer gewinnenden Fassade von Intelligenz und Schulung auf

eine starre Dogmatik stößt, deren erster Satz postuliert, daß

Anschauungsweise, Denkart und Terminologie des Patienten rein subjektive

Phänomene, die des Arztes hingegen streng objektive Werte seien. Nein,

hier hatte ich es mit einem Arzt zu tun, um dessen Verständnis zu

kämpfen einen Sinn hatte, der nicht nur der Vorschrift gemäß

intelligent, sondern bis zu einem zunächst noch nicht bestimmbaren Grade

wissend war, also im Besitz eines lebendigen Gefühls für die Relativität

aller geistigen Werte. Unter gebildeten und gescheiten Menschen passiert

es ja in jedem Augenblick, daß jeder die Mentalität und Sprache, die

Dogmatik und Mythologie des andern als eine subjektive, als bloßen

Versuch, bloßes flüchtiges Gleichnis erkennt. Daß aber jeder diese selbe

Erkenntnis auch an sich selber mache und auf sich selber anwende und

jeder sich selbst sowohl wie dem Gegner das Recht auf seine von innen

her bestimmte und notwendige Art, Denkweise und Sprache zugestehe, daß

also zwei Menschen miteinander Gedanken austauschen und sich dabei

beständig der Gebrechlichkeit ihrer Werkzeuge, der Vieldeutigkeit aller

Worte, der Unmöglichkeit eines wahrhaft exakten Ausdrucks, also auch der

Notwendigkeit eines intensiven Sichgebens, einer gegenseitigen

herzlichen Bereitwilligkeit und intellektuellen Ritterlichkeit bewußt

bleiben – diese hübsche, zwischen denkenden Wesen eigentlich

selbstverständliche Situation kommt ja praktisch so kläglich selten vor,

daß wir jede Annäherung an sie, jede auch nur teilweise

Verwirklichung innig begrüßen. Hier nun, diesem Spezialisten für

Stoffwechselerkrankungen gegenüber, blitzte etwas wie die Möglichkeit

solchen Verständnisses und Austausches auf.

Die Untersuchung, Blutprobe und Röntgen vorbehalten, brachte tröstliche

Ergebnisse. Herz normal, Atmung ausgezeichnet, Blutdruck sehr anständig,

dagegen fanden sich die unverkennbaren Merkmale einer Ischias, einzelne

gichtische Ansätze und ein etwas tadelnswerter Zustand der ganzen

Muskulatur. Eine kleine Pause trat in unsrer Unterhaltung ein, während

der Doktor sich wieder die Hände wusch.

Wie erwartet, trat in diesem Augenblick die Wende ein, das neutrale

Gebiet wurde verlassen, mein Partner ging zur Offensive über, mit der

vorsichtig akzentuierten, mit scheinbarer Nachlässigkeit hingelegten

Frage: „Glauben Sie nicht, daß Ihre Leiden zum Teil auch psychisch

mitbestimmt sein könnten?“ Also da standen wir nun, das Erwartete,

Vorausgewußte war eingetroffen. Der objektive Befund rechtfertigte nicht

ganz den von mir gemachten Aufwand an Leiden, es war ein verdächtiges

Plus an Sensibilität da, meine subjektive Reaktion auf die

Gichtschmerzen entsprach nicht dem vorgesehenen Normalmaße, ich war als

Neurotiker erkannt. Also wohlauf, in den Kampf!

Ebenfalls vorsichtig, ebenfalls wie beiläufig erklärte ich, daß ich

nicht an „psychisch mitbestimmte“ Leiden und Zustände glaube, daß in

meiner persönlichen Biologie und Mythologie das „Psychische“ nicht eine

Art von Nebenfaktor neben der Physis sei, sondern die primäre Macht, daß

ich also jeden Lebenszustand, jedes Gefühl von Lust und Leid, auch jede

Krankheit, jeden Unglücksfall und Tod als psychogen, als aus der Seele

geboren ansehe. Wenn ich an den Fingergelenken Gichtknoten ansetze, so

ist es meine Seele, ist es das ehrwürdige Lebensprinzip, das Es in mir,

das im plastischen Material sich zum Ausdruck bringt. Wenn die Seele

leidet, so kann sie das sehr verschieden ausdrücken, und was sich bei

dem einen als Harnsäure gestaltet und den Abbau seines Ich vorbereitet,

das kann bei einem andern als Trunksucht dieselben Dienste tun, bei

einem dritten sich zu einem Stück Blei verdichten, das plötzlich in

seine Hirnschale einbricht. Dabei gab ich zu, daß die Aufgabe und

Möglichkeit des helfenden Arztes sich wohl in den meisten Fällen damit

begnügen müsse, die materiellen, also sekundären Veränderungen

aufzusuchen und sie mit ebenfalls materiellen Mitteln zu bekämpfen.

Auch jetzt noch rechnete ich durchaus mit der Möglichkeit, vom Doktor

sitzen gelassen zu werden. Er würde zwar nicht geradezu sagen: „Sehr

Geehrter, was Sie da reden, ist Blödsinn“, aber er würde vielleicht mit

einem um einen Grad zu nachsichtigen Lächeln mir zustimmen, ein banales

Wort über den Einfluß der Stimmungen, zumal auf eine Künstlerseele,

sprechen und würde außer diesen Posthaltern vielleicht auch noch gar das

fatale Wort „Imponderabilien“ hervorholen. Dies Wort ist ein

Probierstein, eine zarte Wage für geistige Maße, welche der

Durchschnitts-Wissenschaftler schon „imponderabel“ nennt. Er braucht

nämlich dies bequeme Wort stets da, wo es sich um das Messen und

Beschreiben von Lebensäußerungen handelt, für welche nicht nur die

vorhandenen materiellen Meßapparate zu grob, sondern auch die

Gewilltheit und Fähigkeit des Sprechenden zu klein ist. Der

Nurwissenschaftler weiß ja meistens wenig, er weiß unter andrem nicht,

daß es gerade für die flüchtigen, beweglichen Werte, die er imponderabel

nennt, außerhalb der Naturwissenschaft alte, hochkultivierte Meß- und

Ausdrucksmethoden gibt, daß sowohl Thomas von Aquin wie Mozart, jeder in

seiner Sprache, gar nichts anderes getan haben, als sogenannte

Imponderabilien mit einer unerhörten Präzision zu wägen. Konnte ich von

einem Badearzt, sei er auch auf seinem Gebiete ein Phönix, dies zarte

Wissen erwarten? Ich tat es aber doch, und siehe, ich wurde nicht

enttäuscht. Ich wurde verstanden. Der Mann erkannte, daß ihm in mir

nicht eine fremde Dogmatik entgegentrete, sondern ein Spiel, eine Kunst,

eine Musik, bei welcher es kein Rechthaben und Streiten mehr gebe, nur

ein Mitschwingen oder Versagen. Und er versagte nicht, ich wurde

verstanden und anerkannt, anerkannt nicht als Rechthabender natürlich,

der ich ja nicht bin noch sein will, aber als Suchender, als Denkender,

als Antipode, als Kollege von einer anderen, weit entlegenen, aber

ebenfalls vollgültigen Fakultät.

Und jetzt stieg meine gute Laune, gehoben schon durch die für Blutdruck

und Atmung erhaltene Zensur, bis in die höheren Grade. Mochte es nun mit

dem Regenwetter, mit der Ischias, mit der Kur gehen wie es mochte, ich

war nicht den Barbaren ausgeliefert, ich stand einem Menschen, einem

Kollegen, einem Manne von elastischer und differenzierter Mentalität

gegenüber! Nicht, daß ich darauf gerechnet hätte, häufig und lang mit

ihm zu sprechen, Probleme mit ihm durchzusieben. Nein, dies war nicht

nötig, wenn auch als angenehme Möglichkeit zu werten; es genügte, daß

der Mann, dem ich für einige Zeit Gewalt über mich einräumte und

Vertrauen schenken mußte, in meinen Augen das menschliche Reifezeugnis

besaß. Mochte der Doktor mich heute noch für einen zwar geistig

regsamen, doch leider etwas neurotischen Patienten ansehen,

möglicherweise kam einmal die Stunde, wo er auch die oberen Stockwerke

meines Gebäudes öffnen würde, wo mein eigentlicher Glaube, meine

eigenste Philosophie mit der seinen in Spiel und Wettkampf treten würde.

Auch meine Theorie des Neurotikers, fußend auf Nietzsche und Hamsun,

würde dabei vielleicht einen Schritt weiter kommen. Aber einerlei, daran

war nicht viel gelegen. Der neurotische Charakter nicht als Krankheit,

sondern als ein zwar schmerzhafter, doch höchst positiver

Sublimierungsprozeß gesehen – das war ein hübscher Gedanke. Es war

jedoch einzig wichtig, ihn zu leben, nicht ihn zu formulieren.

Zufrieden und mit zahlreichen Kurvorschriften versehen, nahm ich vom

Arzte Abschied. Der Zettel, den ich in der Brieftasche trug und dessen

Befolgung morgen in aller Frühe beginnen sollte, verhieß mir mancherlei

heilsame und amüsante Dinge: Bäder, Trinkkur, Diathermie, Quarzlampe,

Heilgymnastik. Also mit der Langeweile kann es nicht allzu schlimm

werden.

Daß auch der Abend meines ersten Kurtages schön und freundlich verlief

und zu seiner Blüte kam, ist das Verdienst meines Wirtes. Das

Abendessen, das sich zu meinem Staunen als ein Festmahl edlen Stils

entfaltete, brachte solche gaumenschmeichelnde, mir seit Jahren nicht

mehr bekannte Platten, wie Gnocchi mit Geflügelleber, Irish Stew,

Erdbeereis. Und später saß ich, bei einer Flasche Rotwein, mit dem

Hausherrn in lebhaften Gesprächen in einer schönen altertümlichen Stube

an einem alten schweren Nußbaumtisch und hatte die Freude, in einem

fremden Menschen von andrer Herkunft, andrem Beruf, andrem Ehrgeiz und

andrem Lebensstil ein Echo zu finden, an seinen Sorgen und Freuden

teilnehmen zu können, viele meiner Anschauungen von ihm geteilt zu

sehen. Wir sangen einander keine hohen Gesänge vor, aber wir fanden

schnell Berührungsflächen und kamen einander mit der Offenheit entgegen,

die leicht zur Sympathie wird.

Auf einem kurzen Nachtgang vor dem Schlafengehen sah ich Sterne in den

Regenpfützen gespiegelt, sah im Nachtwind am Ufer des heftig rauschenden

Flusses ein paar außerordentlich schöne alte Bäume. Sie würden auch

morgen noch schön sein, aber in diesem Augenblick hatten sie die

magische, nicht wiederkehrende Schönheit, die aus unsrer eigenen Seele

kommt und die, nach den Griechen, nur dann in uns aufleuchtet, wenn Eros

uns angeblickt hat.

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur · 第 5 / 12 题