Nietzsche

Man sagt von den Schwaben, daß sie erst mit vierzig Jahren gescheit

werden, und die Schwaben selber, im Selbstvertrauen nicht stark, sehen

das zuweilen als eine Art von Schande an. Es ist aber das Gegenteil, es

ist eine große Ehre, denn die vom Sprichwort gemeinte Gescheitheit (sie

ist nichts anderes als das, was junge Leute auch „Altersweisheit“

nennen, das Wissen um die großen Antinomien, um das Geheimnis des

Kreislaufs und der Bipolarität) dürfte auch unter den Schwaben, so

begabt sie sind, sich recht selten schon bei Vierzigjährigen finden.

Wenn man dagegen über die Mitte der Vierzig hinweg ist, man sei begabt

oder nicht, dann stellt sich jene Weisheit oder Mentalität des Alterns

ganz von selber ein, namentlich wenn noch das anhebende leibliche Altern

mit allerlei Mahnungen und Beschwerden nachhilft. Zu den häufigsten

dieser Beschwerden nun gehören Gicht, Rheumatismen und Ischias, und eben

diese Leiden sind es, welche uns Badegäste hierher nach Baden führen.

Das Milieu ist also jener Art von Mentalität, in welche auch ich jetzt

eingetreten bin, überaus günstig, und man gerät, so scheint mir, hier

ganz von selber, vom _genius loci_ geleitet, in eine gewisse skeptische

Frömmigkeit, einfältige Weisheit, in eine sehr differenzierte

Vereinfachungskunst, einen sehr intelligenten Anti-Intellektualismus

hinein, der ebenso wie die Wärme der Bäder und der Geruch des

Schwefelwassers als ein Spezifikum mit zu Baden gehört. Oder, kürzer

gesagt: Wir Kurgäste und Gichtiker sind ganz besonders darauf

angewiesen, das eckige Leben so rund wie möglich zu nehmen, fünfe gerade

sein zu lassen, uns keine großen Illusionen zu machen, aber dafür

hundert kleine sanfte Illusionen zu schonen und zu pflegen. Wir Kurgäste

in Baden haben, wenn ich nicht irre, jenes Wissen um die Antinomien

besonders nötig, und je steifer unsre Gebeine werden, desto dringender

bedürfen wir einer elastischen, zweiseitigen, bipolaren Denkart. Unsre

Leiden sind Leiden, aber sie sind nicht von jener heroischen und

dekorativen Art von Leiden, welche der Leidende ohne Einbuße an unsrer

Achtung für weltwichtig nehmen darf.

Wenn ich so rede, wenn ich meine persönliche Alters- und

Ischiatiker-Denkart zu einem Typus, zu einer allgemeinen Norm erhebe,

wenn ich so tue, als spräche ich hier nicht einzig in meinem Namen,

sondern im Namen einer ganzen Menschenklasse und Altersstufe, so ist mir

dabei, wenigstens für Augenblicke, wohl bewußt, daß dies ein starker

Irrtum ist und daß kein einziger Psychologe (er sei denn seelisch mein

Bruder und Zwilling) mein geistiges Reagieren auf Umwelt und Schicksal

als normal, als typisch anerkennen würde. Vielmehr würde er mich nach

kurzem Beklopfen leicht als einen leidlich begabten, nicht

internierungsbedürftigen Einzelgänger aus der Familie der Schizophrenen

erkennen. Ich mache indessen ruhig vom Gewohnheitsrecht aller Menschen,

auch der Psychologen, Gebrauch und projiziere nicht nur in die Menschen,

sondern sogar in die Dinge und Einrichtungen meiner Umgebung, ja, in die

ganze Welt meine Denkart, mein Temperament, meine Freuden und Leiden

hinein. Meine Gedanken und Gefühle für „richtig“, für berechtigt zu

halten, diesen Genuß lasse ich mir nicht rauben, obwohl die Umwelt mich

stündlich vom Gegenteil zu überzeugen sucht, ja, ich mache mir nichts

daraus, die Majorität gegen mich zu haben, ich gebe eher ihr unrecht als

mir. Damit halte ich es wie mit meinem Urteil über die großen deutschen

Dichter, welche ich darum nicht minder verehre, liebe und brauche, weil

die große Mehrzahl der lebenden Deutschen das Gegenteil tut und die

Raketen den Sternen vorzieht. Raketen sind hübsch, Raketen sind

entzückend, sie sollen hochleben! Aber Sterne! aber ein Auge und Gedanke

voll ihrer stillen Lichter, voll ihrer weit schwingenden Weltmusik – o

Freunde, das ist doch noch anders!

Und indem ich später kleiner Dichter es unternehme, die Skizze eines

Badeaufenthaltes zu entwerfen, denke ich an viele Dutzende von

Badereisen und Baden-Fahrten, welche von guten und von schlechten

Autoren geschrieben worden sind, und denke entzückt und verehrend an den

Stern unter all den Raketen, an das Goldstück unter all dem Papiergeld,

an den Paradiesvogel unter all den Sperlingen, an die Badereise des

Doktors Katzenberger, lasse mich indessen durch diesen Gedanken nicht

hindern, dem Stern meine Rakete, dem Paradiesvogel meinen Spatzen

nachsteigen zu lassen. Fliege denn, mein Spatz! Steige, mein kleiner

Papierdrache!

„Kurgast“

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur · 第 4 / 12 题