Man sagt von den Schwaben, daß sie erst mit vierzig Jahren gescheit
werden, und die Schwaben selber, im Selbstvertrauen nicht stark, sehen
das zuweilen als eine Art von Schande an. Es ist aber das Gegenteil, es
ist eine große Ehre, denn die vom Sprichwort gemeinte Gescheitheit (sie
ist nichts anderes als das, was junge Leute auch „Altersweisheit“
nennen, das Wissen um die großen Antinomien, um das Geheimnis des
Kreislaufs und der Bipolarität) dürfte auch unter den Schwaben, so
begabt sie sind, sich recht selten schon bei Vierzigjährigen finden.
Wenn man dagegen über die Mitte der Vierzig hinweg ist, man sei begabt
oder nicht, dann stellt sich jene Weisheit oder Mentalität des Alterns
ganz von selber ein, namentlich wenn noch das anhebende leibliche Altern
mit allerlei Mahnungen und Beschwerden nachhilft. Zu den häufigsten
dieser Beschwerden nun gehören Gicht, Rheumatismen und Ischias, und eben
diese Leiden sind es, welche uns Badegäste hierher nach Baden führen.
Das Milieu ist also jener Art von Mentalität, in welche auch ich jetzt
eingetreten bin, überaus günstig, und man gerät, so scheint mir, hier
ganz von selber, vom _genius loci_ geleitet, in eine gewisse skeptische
Frömmigkeit, einfältige Weisheit, in eine sehr differenzierte
Vereinfachungskunst, einen sehr intelligenten Anti-Intellektualismus
hinein, der ebenso wie die Wärme der Bäder und der Geruch des
Schwefelwassers als ein Spezifikum mit zu Baden gehört. Oder, kürzer
gesagt: Wir Kurgäste und Gichtiker sind ganz besonders darauf
angewiesen, das eckige Leben so rund wie möglich zu nehmen, fünfe gerade
sein zu lassen, uns keine großen Illusionen zu machen, aber dafür
hundert kleine sanfte Illusionen zu schonen und zu pflegen. Wir Kurgäste
in Baden haben, wenn ich nicht irre, jenes Wissen um die Antinomien
besonders nötig, und je steifer unsre Gebeine werden, desto dringender
bedürfen wir einer elastischen, zweiseitigen, bipolaren Denkart. Unsre
Leiden sind Leiden, aber sie sind nicht von jener heroischen und
dekorativen Art von Leiden, welche der Leidende ohne Einbuße an unsrer
Achtung für weltwichtig nehmen darf.
Wenn ich so rede, wenn ich meine persönliche Alters- und
Ischiatiker-Denkart zu einem Typus, zu einer allgemeinen Norm erhebe,
wenn ich so tue, als spräche ich hier nicht einzig in meinem Namen,
sondern im Namen einer ganzen Menschenklasse und Altersstufe, so ist mir
dabei, wenigstens für Augenblicke, wohl bewußt, daß dies ein starker
Irrtum ist und daß kein einziger Psychologe (er sei denn seelisch mein
Bruder und Zwilling) mein geistiges Reagieren auf Umwelt und Schicksal
als normal, als typisch anerkennen würde. Vielmehr würde er mich nach
kurzem Beklopfen leicht als einen leidlich begabten, nicht
internierungsbedürftigen Einzelgänger aus der Familie der Schizophrenen
erkennen. Ich mache indessen ruhig vom Gewohnheitsrecht aller Menschen,
auch der Psychologen, Gebrauch und projiziere nicht nur in die Menschen,
sondern sogar in die Dinge und Einrichtungen meiner Umgebung, ja, in die
ganze Welt meine Denkart, mein Temperament, meine Freuden und Leiden
hinein. Meine Gedanken und Gefühle für „richtig“, für berechtigt zu
halten, diesen Genuß lasse ich mir nicht rauben, obwohl die Umwelt mich
stündlich vom Gegenteil zu überzeugen sucht, ja, ich mache mir nichts
daraus, die Majorität gegen mich zu haben, ich gebe eher ihr unrecht als
mir. Damit halte ich es wie mit meinem Urteil über die großen deutschen
Dichter, welche ich darum nicht minder verehre, liebe und brauche, weil
die große Mehrzahl der lebenden Deutschen das Gegenteil tut und die
Raketen den Sternen vorzieht. Raketen sind hübsch, Raketen sind
entzückend, sie sollen hochleben! Aber Sterne! aber ein Auge und Gedanke
voll ihrer stillen Lichter, voll ihrer weit schwingenden Weltmusik – o
Freunde, das ist doch noch anders!
Und indem ich später kleiner Dichter es unternehme, die Skizze eines
Badeaufenthaltes zu entwerfen, denke ich an viele Dutzende von
Badereisen und Baden-Fahrten, welche von guten und von schlechten
Autoren geschrieben worden sind, und denke entzückt und verehrend an den
Stern unter all den Raketen, an das Goldstück unter all dem Papiergeld,
an den Paradiesvogel unter all den Sperlingen, an die Badereise des
Doktors Katzenberger, lasse mich indessen durch diesen Gedanken nicht
hindern, dem Stern meine Rakete, dem Paradiesvogel meinen Spatzen
nachsteigen zu lassen. Fliege denn, mein Spatz! Steige, mein kleiner
Papierdrache!
„Kurgast“