Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf
den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor
Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe
erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist.
Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit
mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum
Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten
linken Flügel der Demokratie.
Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später
Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung
war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“
wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre
darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften,
wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch
hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen
Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die
Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich
änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche
Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht;
er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses
Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen.
Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen.
Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in
seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die
Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem
schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen
und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage
nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte
ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des
Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer
fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen
Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.
Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen
Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen
Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines
Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom
Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen
Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade
kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine
bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan
nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit
dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß
die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr
lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel,
Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange,
Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß
gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen.
Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen
Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so
deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in
der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen
und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische
Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden
Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue
Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand
hochgradiger Erregung.
Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf
deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter
Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale
Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als
ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich,
um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im
Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte
ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller
tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen
Weines mit Vesperbrot.
Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die
deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht
ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke
schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei,
daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich
abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:
„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in
diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung
überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den
nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses
deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das
Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre
wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel
Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein
gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich
mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v.
Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
haben....“
Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident
des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen
Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v.
Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines
Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18.
März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.
Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in
Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der
siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug,
hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt.
Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die
Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands
dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er
ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die
friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden,
zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem
23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt,
eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.
Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?
* * * * *
Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die
Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer
Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder
die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der
Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§
183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von
Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis
bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das
eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im
„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit
fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184
habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
Genossen aufs schärfste an.
Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über
den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen —
abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der
Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es
ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung
innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig
zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine,
begründet durch das Gesetz.
So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
Bourgeoisie das Wasser abzugraben.
Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen
Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer
nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen
Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ
die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister
Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre
Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte
darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich
war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung
unmöglich.
Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In
Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und
Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst
zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger
„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und
spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
benommen hatten.
Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen.
Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die
Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser
wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich
senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was
der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
31. Juli 1865:
„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen....
Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische.
Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann
wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich
im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich
glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen
zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation,
das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den
Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei
vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns
einstweilen den Zusammenhang pflegen....
Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die
politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich.
Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche
momentan liberal flöten, erst recht_.“
In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang
meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft
gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig
aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst.
Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
fortfährt.“
* * * * *
In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister
müssen ja aufeinanderplatzen.“
In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und
Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.
Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein
ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung
des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen.
Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.
Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen
Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große
Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.
Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen,
auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen
wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der
Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze
stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer
1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich
über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer
und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter,
dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von
Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden.
Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es
auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für
diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg.
Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem
Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das
sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund
des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle
Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere
Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der
Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche
geleistet.
Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen
verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
Liebknecht.
Wilhelm Liebknecht.
Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen
ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862
nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses.
Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich
Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die
„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben
Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von
beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht
stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall
wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der
Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm
Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen
Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung
aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von
London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in
Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in
Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl
kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die
„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im
Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte,
als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
„Sozialdemokrat“, ansah.
Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel
am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen
Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß
aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach
der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer
Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch
auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
nicht, daß wir uns bald befreundeten.
Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die
passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit
erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig
zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen.
Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine
allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war
und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht
seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde
sich in zufriedenstellenden Verhältnissen.
Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei
Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die
Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
Heiterkeit erregte.
Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine
Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für
denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger
Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift
von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der
Buchhandlung Vorwärts erschienen.
Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen
Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein
noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte
ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen
gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze
auszugleichen suchte.
In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen
Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu
finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder
ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere
Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues
Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht
sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so
konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste
Bekanntschaft gemacht hatten.
In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde.
Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm
getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es
merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden
wäre.
Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich
gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu
danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt,
Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
Paulus zu machen.
Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns
kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig
studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels
in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen
erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich.
Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß
nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem
Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus
jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“,
er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner
Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:
„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber
Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den
Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die
Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte
allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang
mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische
Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die
deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf
Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere
theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht
von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten
theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die
große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung.
Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über
Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen,
noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste
Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867
erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und
zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859
erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren,
aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu
verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse
für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
bei.
Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.
Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr
zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle
verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung
vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige
Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die
Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war
der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor
Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit
war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des
Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.
Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines
Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war
zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und
beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches
Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die
Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die
Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die
Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
einer Privatbesprechung verständigen.
Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die
Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter
denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es
kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr
nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut
vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den
Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die
Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
den Vorschlag zu erklären:
„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den
Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der
Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung
aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die
Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt
es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“
Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger
Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.
Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer
auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins
(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“
in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte,
er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.
Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus,
daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht
erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel
Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen
Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze
dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz
Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation
beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen
und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage
so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine
Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
politischen Forderungen in den Vordergrund.
Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden
statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für
Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen
Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen
Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er
auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es
nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der
die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine
Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für
Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen,
Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der
Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
Försterling wurde dessen Vorsitzender.
Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des
Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches
Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische
Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die
Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne.
Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam
lauteten. Darin hieß es:
1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm
nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als
Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und
die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten
entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt
werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir
verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die
Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der
Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament
einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.
Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und
Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der
Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang
dieser Deputation abgelehnt.
Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt
durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war
und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe,
erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für
ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei.
Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
richten:
„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung
der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz
Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“
Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
Richtung, als man erwartete.
Die Katastrophe von 1866.
Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu
geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich
und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem
Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.
Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs
die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX.
erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu
Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief.
Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die
Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen
und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ
durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht
erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen
die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man
erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen
Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851,
die Hauptschuld trug.
Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle
Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden
wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen
und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in
Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“
Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die
Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.
Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für
Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß:
„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln
gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen
zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“
Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der
Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem
Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
ist der Fortschritt seit jener Zeit! —
Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der
massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung
von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem
Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für
ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In
Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine
patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten.
Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die
Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben
Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig
statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das
Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen
benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar
mit.
Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß
eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie
betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese
bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne
wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für
dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren.
Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner
verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter
Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt
nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst
drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die
schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es
gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg,
gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt
der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt
waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen,
die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im
Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und
Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch
ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2
Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80
Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht
stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von
Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle
Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos
unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten,
wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt
seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn
v. Manteuffel.
Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein
konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die
Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die
konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons
Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische
Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits
schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden
losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine
„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
italienischen Staatsmännern, die später der italienische
Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“
veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen
außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die
allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen
Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr
Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.
Dieses Programm wurde prompt ausgeführt.
Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel
weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die
Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse,
ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen
europäischen Krieg nicht auf sich laden.“
Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch
Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall
von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische
Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen,
und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für
diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage
erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das
diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen
seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und
allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für
einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.
Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit
intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung
des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84
der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische
Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu
erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den
Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes
handelte.
Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten
Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl
der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören
könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine
Befürchtungen.
Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und
opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von
mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen
Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die
Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das
Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die
Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht
in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der
Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden
war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate
zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen
Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom
Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken.
Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende
Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die
österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den
Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren
Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das
Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine
deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt
notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine
Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen
Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen.
Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.
Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen
immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen
dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit
auf österreichischer Seite stehen würden.
In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die
sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges
verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die
Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai
dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten
politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die
erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich
schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen
Deutschland entgegentreten.
Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und
begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:
1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der
Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze.
2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik
betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes.
3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß
das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die
jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle
eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
vertreten.
Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die
meinige einstimmig angenommen.
Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über
jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen
Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz
tagte, im gleichen Sinne aus.
In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des
Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf
den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine
Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses
eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war
auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze
schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie
damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß
zu machen?
Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen
Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.
Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche
erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in
Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende
Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses:
* * * * *
Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher
Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des
Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die
Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der
preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt,
dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites
hinausreichen.
Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig,
gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen
haben, und nährt die Gelüste des Auslandes.
Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder
aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
schweren Verbrechens an der Nation schuldig.
Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten
deutsches Gebiet preisgeben.
Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig
ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz
Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum
beschränkt werde.
Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte,
mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten.
Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen.
Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre
Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität
des deutschen Gebiets einzustehen.
Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen
zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
entspringen zu sehen.
Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die
deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige
Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten
Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
Nation gefordert werden.
* * * * *
Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem
Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer
sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese
der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der
Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er:
„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh
waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen
miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in
Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen
aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen,
welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“
Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß
alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der
Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt,
um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.
Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer
Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant.
Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.
In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:
1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten
Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen.
3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete
Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen
Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in
politischen Vereinen zusammentreten.
Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein
Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß
wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des
Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel,
Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg,
Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v.
Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch
Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.
Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm:
A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der
Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der
Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
preußische, keine österreichische Spitze.
B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und
des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in
Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über
die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung
Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand
Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die
gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte
Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig
entscheiden.
Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil
mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende
Proklamation:
* * * * *
An das deutsche Volk!
Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos
genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des
schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen
und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der
Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen,
bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk
zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht
sei.
Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der
schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei
über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit
Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte
Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
ist.
Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht
für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück,
darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie
mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im
Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.
Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des
deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen
Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das
deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.
Frankfurt, 1. Juli 1866.
Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.
I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel.
* * * * *
Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig
hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation,
fehlte. —
Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten
Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu
Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten
Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben
wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main
und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen
österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder
ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
äußerte er: „Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche
alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!“ Eine
zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit
„klingendem Spiel“ die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke
zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben. —
Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu
einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.
In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für
Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich
sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu
nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß
aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden
Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der
Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der
Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit.
Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge
hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer
der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit
eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und
bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der
Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der
„Arbeiterzeitung“ zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen,
die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte,
hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive
Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte
entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
des Blattes einzustellen.
Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum
abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte
auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera
in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen
beschäftigte.
Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur
Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch
dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu
werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ.
Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt
Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni
sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die
Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien
seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen,
worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen
Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
lautete:
Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen
Landesteile (Luxemburg und Limburg).
Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten
vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig
Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren
Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die
mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen
focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei
Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war
gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen
werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v.
Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die
italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht
erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die
Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur
Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die
zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg
endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen
suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen
Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem
Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz
treffen.
Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine
Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr
Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand,
Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg
abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu
Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen
Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck,
Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten
sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
Italien abgetreten.
Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei
Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie
Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit
Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung
getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
Ausruf veröffentlicht hatte:
* * * * *
An die ungarischen Soldaten!
Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der
gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch.
Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus
Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen
Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere
ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den
Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet
denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
erwarten.
Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
Vaterlandsverteidiger werden?
Es lebe hoch das Vaterland!
_Klapka_ m.p., ungarischer General.
* * * * *
Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen
Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf „An die Einwohner des
glorreichen Königreichs Böhmen“ veröffentlicht worden war, der Stellen
enthielt wie die folgende:
„Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch
den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein
günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!“
Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei
dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten
Niederträchtigkeiten — und als eine loyale Kriegführung konnte man doch
die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen —, sie wurden
entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen
Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen?
Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern
begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter
Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten
die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die
Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich
Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
„Preußischen Jahrbücher“ Bismarck aufforderte, die oppositionellen
Staaten — Sachsen, Hannover, Kurhessen — zu vernichten:
„Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung;
ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen
deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation....
Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die
Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation
als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der
achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit
einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch
geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über
Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit,
aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze
der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch
weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration
die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die
Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers
mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine
Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt,
rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
und entweihten Krone — wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend.“
Und er schloß: „In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir
wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
zurückkehrt auf den Thron.“
Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt
wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen
zusichern, „daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen
Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse
zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes
begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät
oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich,
polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll“.
Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden
wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den
damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen
angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein
Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich
ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig
und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und
seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für
Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit
Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht
gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847
noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das
preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche
gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie
in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer
Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf.
Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium
Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als
Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so
stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich
war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für
dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen
Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist
sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung
nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber
sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch
den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles
der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge
gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der
Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft — von der
Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden — hat zehn Millionen Deutsche in
eine fast trostlose Lage versetzt. Unsere „Patrioten“ geraten in
nationale Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt,
aber an dem Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen
in Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß.
Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter
unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam.
In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar Bucher —
also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste — über den
Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: „Ein Sieg der
Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel.“
Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: „Nur in dem _populären_ Krieg
gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation
_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_....“
Lassalle ging noch weiter und führte aus: „Eine Besiegung Frankreichs
wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence.
Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
darstellt.“ Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: „Nur zur
Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch
im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische
Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon
mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung
ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei.
Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_.“[6] (Zugunsten der
Revolution.)
Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: „Endlich aber ist die
Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine
Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der
Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die
Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind,
daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen
Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen
Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen,
aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar
erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk_.“ —
Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die „Mitteldeutsche
Volkszeitung“ gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand
des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das
Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der
preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten.
Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei,
würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei
Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich
ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen
Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt
hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt.