[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
Stuttgart 1902.
Nach dem Krieg.
Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die
Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen
sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm,
ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu
einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung
vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der
Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben
stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands
in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine
Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.
Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue
demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete:
Forderungen der Demokratie.
1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat.
2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
erbliche Zentralgewalt. — Kein Kleindeutschland unter preußischer
Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland
unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche
dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen
Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen.