In diesem Augenblicke kam ein andrer Kriegsbote, der eine aus den

schillernden Schwanzfedern der schönsten Tropenvögel zusammengesetzte

Mütze und Kleider aus Tuchen von allen Farben trug und das Tanzen

noch besser verstand als sein Vorgänger. Der Matrosenwitz unsrer

Leute taufte den Gecken: Hanswurst. Da seine Bocksprünge unser Boot

nicht zum Stillhalten brachten, näherte sich ein älterer Häuptling

und fragte unsre Leute, wer sie wären und woher sie kämen. »Von

Otahiti!« antwortete ihm Tupia in dessen eigener Sprache. Die Indianer

beratschlagten aufs neue. Tupia stand ihnen tapfer Rede und Antwort,

flüsterte aber Herrn Gore fortwährend zu, auf seiner Hut zu sein, denn

die Indianer wären immer noch sehr kriegerisch gesinnt. Endlich wollten

sie uns Lebensmittel verkaufen, machten aber zur Bedingung, daß wir

ohne Waffen an Land kommen sollten, worauf Gore sich nicht einließ.

Vielmehr kehrte er sofort zum Schiff zurück.

Die Waffen dieser kriegerischen Eingeborenen bestanden aus langen

Lanzen und kürzeren Piken, die auch als Keulen dienten. Lanzen und

Keulenpiken waren aus dem sehr harten Holze des Etoabaumes verfertigt

und mit vieler Sorgfalt poliert. Wir sahen Lanzen von 20 Fuß Länge,

die trotzdem nicht über drei Finger dick waren. Die Waffe, die als

Keule und als Pike diente, war etwa 7 Fuß lang und war an einem Ende

mit einer Beilspitze versehen. Gegen diese Waffen schützten sie sich

durch eine Mattenrüstung, mit der sie unter ihren Kleidern den Leib

bedeckten. Ob diese primitive Rüstung aber Schutz gewährt gegen die

Lanzen mit dem Stachel des Rochens als Spitze, die wir in dieser Gegend

sahen, ist mehr als zweifelhaft.

Tupia sagte uns, daß in verschiedenen Entfernungen und Lagen zwischen

Süden und Nordosten von Oheteroah außerordentlich fruchtbare Inseln

lägen. Allein da ich mir vorgenommen hatte südwärts zu steuern, um

womöglich festes Land zu entdecken, so ging ich auf die dringenden

Vorstellungen Tupias nicht ein.

Sechstes Kapitel.

Neue Entdeckungen. -- Kriegerischer Empfang. -- Drei Gefangene. --

Verhandlungen.

Wir segelten am 15. August von Oheteroah ab. Am 25. August feierten

wir mit einem großen Faß Starkbier, das sich vortrefflich gehalten

hatte, und mit einem großen Chesterkäse den Jahrestag unsrer Abreise

von England. Am 30. sahen wir einen Kometen. Am 1. September waren wir

in der südlichen Breite von 40 Graden 22 Minuten und in der westlichen

Länge von 174 Graden 29 Minuten. Da wir aber in dieser Gegend kein

Anzeichen von Land sahen, und da von Westen her Sturmwogen anrollten,

so wich ich, in der Besorgnis, an Segeln und Tauwerk schwer geschädigt

zu werden, dem Sturme aus und segelte nach Norden.

Am 1. Oktober sahen wir eine große Menge Vögel, einen Seehund und

Seetang. Am 6. Oktober sichteten wir vom Mastkorb aus Land; es lag in

Nordwest, und wir steuerten gerade in derselben Richtung. Dem Ansehen

nach mußte es von beträchtlicher Größe sein. Am nächsten Tage war

Windstille; wir näherten uns daher dem Lande nur sehr langsam. Als am

Nachmittag eine Brise einsetzte, waren wir noch 7-8 Seemeilen davon

entfernt. Je näher wir kamen, desto größer schien es zu sein. Wir

konnten vier bis fünf Reihen von Bergen erkennen, die sich übereinander

erhoben, und ganz im Hintergrunde erblickten wir eine Kette von

Gebirgen, die über alles ragte und erstaunlich hoch zu sein schien. Die

meisten unter uns meinten, daß es die ~Terra australis incognita~ sei,

die wir jetzt glücklich entdeckt hätten.

Um 5 Uhr entdeckten wir die Einfahrt einer Bai, die ziemlich weit ins

Land zu greifen schien. Wir hielten uns hierauf näher an den Wind und

steuerten gegen die Bai an. Gleichzeitig sahen wir an verschiedenen

Stellen landeinwärts Rauch aufsteigen. Da indessen die Nacht einbrach,

so lavierten wir hin und her. Bei Tagesanbruch fanden wir uns unter

dem Winde der Bai, der aus Norden blies. Wir konnten jetzt schon

unterscheiden, daß die Berge mit Wäldern bedeckt und daß unter den

Bäumen in den Tälern einige von ungeheurer Größe waren. Um die

Mittagszeit gelangten wir bis an die südwestliche Spitze hin; da es

uns aber des Windes wegen nicht gelingen wollte sie zu umsegeln, so

wendeten wir und entfernten wir uns wieder. Um diese Zeit sahen wir

verschiedene Kähne quer über die Bai laufen, ohne daß sie uns bemerkt

hätten.

Wir erblickten gleichzeitig einige kleine, aber geschmackvolle Häuser.

An einem davon versammelte sich eine beträchtliche Menschenmenge, die

sich nach einer Beratung, bei der wir die Hauptrolle spielen mochten,

nach dem Strande begab und sich dort niedersetzte. Wir konnten ferner

ganz deutlich erkennen, daß der Gipfel eines Berges des nordöstlichen

Vorgebirges mit Palisaden umzäunt war.

Um 4 Uhr des Nachmittags kamen wir an der nordwestlichen Seite der

Bai vor der Mündung eines kleinen Flusses auf feinsandigem Boden

etwa eine halbe Seemeile von der Küste entfernt vor Anker. Die Seiten

der Bai bestehen aus hohen, weißen Klippen; der mittlere Teil ist

niedriges Land, hinter dem sich mehrere Reihen von Bergen stufenweise

eine über die andre erheben und sich endlich in die Gebirgskette

verlieren, die weit innen im Lande zu lagern schien. Gegen Abend ging

ich in Begleitung der Herren Banks und Dr. Solander mit der Pinasse

und der Jolle ans Land und nahm auch eine Abteilung meiner Leute mit.

Wir landeten dem Schiffe gegenüber auf der Ostseite des Flusses, der

hier etwa 120 Fuß breit war. Da ich aber einige Eingeborene an dem

andern Ufer erblickte, mit denen ich zu verhandeln wünschte, und da

ich keine Furt im Flusse fand, so ließ ich die Jolle kommen, um uns

hinüberzuführen. Als wir uns den Eingeborenen näherten, liefen sie

davon. Wir landeten trotzdem, ließen vier Jungmatrosen an der Jolle

und gingen nach den Hütten, die etwa 700 Fuß weit vom Ufer ablagen.

Sobald wir uns vom Boot entfernt hatten, rannten vier mit langen Lanzen

bewaffnete Männer aus dem Walde nach dem Boote, um sich seiner zu

bemächtigen. Die Leute in der Pinasse aber entdeckten sie und riefen

den Jungmatrosen zu, den Fluß hinabzufahren. Die Matrosen ließen sich

dies nicht zweimal sagen, indessen setzten ihnen die Indianer doch so

scharf nach, daß der Bootsmann in der Pinasse für nötig fand, eine

Kugel über die Köpfe der Indianer zu feuern. Der Schuß erschreckte

sie ein wenig, sie blieben stehen und sahen sich um, doch kurz darauf

setzten sie der Jolle wieder nach, wobei sie drohend ihre Lanzen

schwangen. Man feuerte hierauf einen zweiten Schreckschuß ab, aber sie

kehrten sich nicht daran, und einer von ihnen machte Miene, seine Lanze

nach der Jolle zu werfen. Der Bootsmann schoß jetzt zum dritten Mal,

und der Angreifer blieb tot liegen. Die andern Indianer blieben vor

Erstaunen und Furcht wie versteinert stehen, dann aber zogen sie sich

zurück, indem sie den Leichnam des Gefallenen hinter sich herzogen.

Doch ließen sie ihn bald liegen, um sich durch eilige Flucht in

Sicherheit zu bringen. Auf den Knall des ersten Schusses sammelten wir

uns, liefen so schnell als möglich nach dem Boote zurück und fanden,

als wir über den Fluß setzten, den Indianer auf dem Boden liegen. Er

war mitten durchs Herz getroffen. Er war ein Mann von mittlerer Größe

und brauner, nicht sehr dunkler Farbe. Die eine Seite seines Gesichtes

war mit regelmäßigen, schneckenförmigen Linien tätowiert. Gekleidet war

er in Tuch von feinstem Gewebe. Nach dieser Untersuchung kehrten wir

sofort nach dem Schiffe zurück.

Am nächsten Morgen sahen wir wiederum eine große Anzahl Eingeborener

an ihrer Beratungsstelle; einige unter ihnen untersuchten eifrig unsre

Landungsstelle. Da es mir darum zu tun war, mit ihnen in freundlichen

Verkehr zu treten, so ließ ich drei Boote mit Seesoldaten und Matrosen

bemannen und fuhr mit Banks, Dr. Solander, den andern Herren und

Tupia ans Land. Ungefähr fünfzig Eingeborene taten so, als warteten

sie auf uns. Im Glauben, daß sie sich vor uns fürchteten, ging ich

ihnen mit Herrn Banks, Dr. Solander und Tupia entgegen. Wir waren nur

einige Schritte weit, als sie alle miteinander aufsprangen und der

eine seine Lanze, der andre ein Kriegsbeil hervorzog. Diese Waffe

war einen Fuß lang, aber 4-5 Pfund schwer und aus ungemein kunstvoll

geglättetem, grünem Talkstein geformt. Tupia rief sie in ihrer Sprache

an und bot ihnen Frieden. Statt jeder Antwort schwenkten sie drohend

ihre Waffen und machten uns Zeichen, uns zurückzuziehen. Wir feuerten

eine Muskete ab, jedoch weit von ihnen, denn wir hatten noch den

Fluß zwischen uns, so daß die Kugel über den Wasserspiegel strich.

Als sie die Bewegungen und die Wirkung der Kugel sahen, ließen sie

von ihren Drohungen ab. Trotzdem hielten wir es für das klügste, uns

zurückzuziehen und die Seesoldaten landen zu lassen. Wir ließen die

kleine Truppe mit ihrer Fahne eine Anhöhe besetzen. Hier wurde sie

in Schlachtordnung aufgestellt. Ich rückte alsdann mit Herrn Banks,

Dr. Solander, Green, Monkhouse und Tupia wieder vor. Tupia eröffnete

das Palaver, und wir bemerkten mit großem Vergnügen, daß ihn die

Eingeborenen verstanden. Er sagte ihnen, daß wir ihnen gegen Eisen

und andre Tauschwaren Lebensmittel abkaufen wollten. Wir fanden sie

zu diesem Handel scheinbar geneigt; sie verlangten aber, daß wir

zu ihnen hinüberkommen sollten, was wir ablehnten, da uns Tupia

dringend riet, auf unsrer Hut zu sein, und sie sich nicht verpflichten

wollten, die Waffen abzulegen. Wir stellten ihnen dagegen anheim zu

uns herüberzukommen. Endlich entkleidete sich einer und schwamm ohne

seine Waffe zu uns herüber, zwei andre folgten seinem Beispiel,

bald nachher kamen dreißig bewaffnet über den Fluß. Wir machten

ihnen Geschenke von Glaskorallen und Nägeln, wogegen sie uns, da sie

deren Gebrauch nicht kannten, nur einige Federn verehrten. Auf ihren

dringenden, listigen Vorschlag, mit ihnen zum Zeichen der Freundschaft

die Waffen zu tauschen, konnten wir natürlich nicht eingehen. Die

Wilden versuchten alsdann mit Gewalt zu ihrem Ziele zu kommen. Wir

waren aber darauf vorbereitet und ließen ihnen durch Tupia androhen,

daß wir sie im Falle weiterer Gewalttätigkeiten unweigerlich töten

würden. Trotzdem stahl wenige Augenblicke später ein kecker Wilder den

Hirschfänger des Herrn Green und flüchtete, indem er triumphierend

seinen Raub über dem Kopfe schwang. Das war für die übrigen das Signal

zu bedrohlichen Unverschämtheiten. Wir mußten sie deshalb in ihre

Schranken zurückweisen. Herr Banks feuerte sofort mit Schrot in einer

Entfernung von 45 Fuß auf den Dieb und traf ihn. Trotzdem schwenkte

dieser uns zum Hohn seinen Raub und suchte ihn auf dem Felsen, der in

der Mitte des Flusses lag und wohin sich die Wilden nach dem Schusse

geflüchtet hatten, in Sicherheit zu bringen. Herr Monkhouse kam dem mit

einer gut gezielten Kugel zuvor. Als jener tot zu Boden stürzte, kamen

die andern sofort herbei; zwei von ihnen rannten zu dem Toten hin, der

eine ergriff sein Kriegsbeil und flüchtete damit, der andre versuchte

den Hirschfänger zu erobern. Monkhouse war ihm aber zuvorgekommen.

Jetzt rückten die Wilden zum Angriff gegen uns vor. Wir schossen drei

mit Schrot geladene Büchsen gegen sie ab und schlugen sie dadurch

gänzlich in die Flucht. Wir hatten drei von ihnen getroffen. Die Wilden

zogen sich allmählich ins Land zurück; wir aber bestiegen unsre Boote.

Um wenigstens frisches Wasser zu erhalten und womöglich einige

Eingeborene an Bord zu nehmen und sie durch gute Behandlung und

Geschenke zu Freunden zu gewinnen, ruderte ich um die Spitze der

Bai herum. Die Brandung war jedoch überall so stark, daß ich keinen

Landungsversuch wagte. Ich erblickte aber zwei Kähne von der See

hereinkommen, wovon der eine unter Segel war und der andere gerudert

wurde. Das war eine günstige Gelegenheit, einige von den Eingeborenen

aufzuheben und sie für unsre Zwecke zu verwenden. Ich verteilte daher

meine Boote, um die beiden Kähne abzufangen. Der eine Kahn bemerkte

uns, und es gelang ihm zu entwischen, der andre aber segelte in die

ihm gestellte Falle. Sobald uns jedoch seine Besatzung erblickte,

reffte sie das Segel ein und ruderte mit solcher Kraft, daß sie unsre

Boote hinter sich ließ. Tupia schrie den Wilden aus vollem Halse zu,

zu halten: wir seien Freunde. Aber die braunen Burschen verließen

sich mehr auf ihre Ruder als auf unsre Freundschaft und versuchten

zu entkommen. Ich ließ hierauf eine Muskete über ihre Köpfe abfeuern

in der Hoffnung, das würde sie veranlassen, sich zu ergeben. Sie

hielten auch mit Rudern ein und fingen an, sieben an der Zahl, sich zu

entkleiden. Wir glaubten, sie täten das, um über Bord zu springen; die

Sache war aber anders gemeint. Denn als wir nahe an sie herankamen,

warfen sie ihre Lanzen, Beile, Steine gegen uns, so daß wir gezwungen

waren, eine Salve auf sie abzufeuern, wodurch vier Mann fielen. Die

andern drei, Knaben und Jünglinge von 11, 15 und 19 Jahren, sprangen

sofort über Bord und suchten sich durch Schwimmen zu retten. Mit vieler

Mühe gelang es uns, die drei jungen Leute, die wie Enten schwammen,

ins Boot zu ziehen, wo sie zusammenkauerten. Da die Unglücklichen ohne

Zweifel erwarteten, kurzweg hingerichtet zu werden, so ließen wir sie

durch Tupia beruhigen, versorgten sie mit Kleidern und gaben uns die

erdenklichste Mühe, sie von unserm Wohlwollen zu überzeugen. Die jungen

Wilden, die befürchtet hatten, irgendeinem Dämon geopfert zu werden,

tauten förmlich auf; sie waren mit ihrem Schicksal versöhnt und guter

Dinge. An Bord des Schiffes entwickelten sie einen guten Appetit,

auch gaben sie Tupia Auskunft auf seine Fragen und nahmen an allem,

was sie sahen und was um sie herum vorging, den größten Anteil. Wir

bestärkten sie in ihrer Frohlaune, so daß sie tanzten und einige ihrer

Lieder zum besten gaben, deren Rhythmus und Wohlklang uns ebensosehr

in Erstaunen setzte, wie der hohe Grad von Kunstfertigkeit der drei

Sänger, von denen die zwei ältesten Brüder waren. Nach dem Frühstück,

bei dem sie wie alle Wilden einen fabelhaften Appetit entwickelten,

ließ ich sie von Kopf bis Fuß neu kleiden und stattete sie mit

Armbändern und Fußringen sowie mit buntfarbigen Halstüchern aus. In

dieser Kleiderpracht wollte ich sie ans Land setzen, in der Hoffnung,

daß die Wilden, wenn sie auf diese Weise erführen, wie gütig wir unsre

Gefangenen behandelten, ihr Mißtrauen gegen uns fallen lassen und in

die dargebotene Freundeshand einschlagen würden. Ich ließ dann das Boot

aussetzen und meinen Gefangenen sagen, daß wir sie ans Land bringen

und ihnen die Freiheit schenken wollten. Diese Nachricht brachte sie

vor Freude so außer sich, daß sie tanzten. Als sie aber bemerkten, daß

wir nach unsrer ersten Landungsstelle am Flusse hinruderten, da baten

sie flehentlich, man möge sie nicht an diesem Orte aussetzen, denn

hier wohnten ihre Feinde, die sie töten und fressen würden. Auf diese

Weise war es wieder nichts mit meiner Diplomatie. Weil ich aber schon

die Seesoldaten unter dem Befehl eines Offiziers an Land geschickt

hatte, so beschloß ich ebenfalls dort zu landen; den jungen Wilden

ließ ich durch Tupia versichern, daß wir sie am Abend nach dem Teil

der Küste bringen würden, den sie als ihre Heimat bezeichneten. Herr

Banks und Dr. Solander waren bei mir. Als wir mit den jungen Wilden

landeten und über den Fluß gingen, schienen sie sich die Sache anders

überlegt zu haben, denn sie nahmen, wenn auch nicht ohne innern Kampf

und Tränen, plötzlich Abschied von uns. Wir gingen dann nach einem

Sumpfe hin, der außerordentlich reich an Enten war, um dort zu jagen,

während uns vier Seesoldaten auf einer Anhöhe flankierten, von der aus

man die ganze Gegend übersehen konnte. Wir waren etwa eine Meile weit

vorgedrungen, als uns die Soldaten meldeten, daß ein starker Trupp

Wilder zum Vorschein komme und eilfertig heranrücke. Auf diese Meldung

hin zogen wir uns zusammen und eilten nach den Booten zurück. Kaum

hatten wir den Rückmarsch angetreten, so kamen unsre jungen Wilden

aus einem Busch, in dem sie sich verkrochen hatten, hervor und baten

uns sie mitzunehmen. Wir eilten mit ihnen dem Strande zu. Die Wilden

rückten indessen über die Anhöhe -- die die Seesoldaten verlassen

hatten, um zu uns zu stoßen -- und um den Sumpf herum, aber in einem so

ängstlichen, vorsichtigen Tempo heran, daß wir bequem in dem kleinen

Boote zu den Seesoldaten, die mit Holzfällen beschäftigt waren,

übersetzen und die Schlachtordnung bilden konnten. Die Wilden kamen

nicht, wie wir erwartet hatten, in Trupps, sondern paarweise herab,

jedoch wuchs ihre Anzahl in kurzem bis auf 200 Mann. Wir beschlossen

einem zwecklosen Kampfe vorzubeugen und an Bord zurückzukehren. Als

wir in die Pinasse einsteigen wollten, erkannte einer unsrer jungen

Wilden unter den Indianern seinen Oheim, mit dem er sofort ein Gespräch

anknüpfte, in das sich auch Tupia mischte. Der Mann kam denn auch zu

uns herüber geschwommen und brachte einen grünen Zweig mit, den er uns

durch Tupia überreichen ließ. Wir machten ihm einige Geschenke und

luden ihn ein, mit uns an Bord des Schiffes zu gehen, was er ablehnte.

Wir verabschiedeten uns von ihm und nahmen als selbstverständlich an,

daß sein Neffe und dessen Kameraden bei ihm bleiben würden, allein zu

unsrer größten Verwunderung wollten sie lieber mit uns gehen. Sobald

wir weggerudert waren, pflückte der Wilde einen Zweig und legte ihn

unter allerhand Zeremonien auf den Leichnam des von uns erschossenen

Indianers, dann kehrte er, um zu berichten, zu seinen Gefährten

zurück, die sich sofort um ihn gruppierten und, wie wir von Bord des

Schiffes aus durch unsre Ferngläser beobachteten, fast eine Stunde lang

berieten. Später holten sie die Leiche auf einem Floße ab und trugen

sie dann auf einer Art von Bahre ins Innere des Landes; den zweiten

Leichnam dagegen ließen sie an dem Orte liegen, wo er von Anfang an

gelassen worden war.

Nach dem Mittagessen ließ ich meine drei jungen Wilden durch Tupia

fragen, ob sie an dem Orte, wo wir mit ihrem Oheim zusammengewesen

wären, nicht an Land gehen wollten, da ja der Friede durch die Wegnahme

des Leichnams wiederhergestellt sei. Sie erklärten sich dazu bereit,

sprangen munter ins Boot und ebenso munter ans Land, doch kaum stieß

das Boot wieder ab, so wateten sie ins Wasser und baten, wieder an Bord

genommen zu werden. Ich hatte aber zuvor streng verboten, sie wieder

aufzunehmen. Wir konstatierten dann später durch unsre Ferngläser, daß

ein Indianer die drei jungen Wilden auf einem Floß nach einer Stelle

verbrachte, wo etwa 40 bis 50 Wilde weilten, die nach Untergang der

Sonne nach jenem Küstenstrich hinzogen, den unsre Gefangenen vordem

als ihre Heimat bezeichnet hatten. Wir waren daher über ihr Schicksal

beruhigt. Nach Eintritt der Finsternis hörten wir wie gewöhnlich laute

Stimmen vom Lande her, über deren Bedeutung wir uns aber nicht klar

wurden.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten

aus dieser unwirtlichen Unglücksgegend, die von den Eingeborenen

Taoneroa oder »langer Sand« genannt wird. Das feste Land erstreckte

sich von Nord-Ost-Nord gegen Süden hin, und ich nahm mir vor, der Küste

entlang bis zum 40. oder 41. Breitegrad zu fahren und dann eventuell

nach Norden umzukehren. Nachmittags trat Windstille ein. Als die

Eingeborenen bemerkten, daß das Schiff stilllag, stießen verschiedene

Kähne von der Küste ab, die sich uns bis auf eine Viertelmeile

näherten. Tupia gab sich zwar alle Mühe, die Indianer zutraulicher zu

machen, allein er verschwendete nur die Kraft seiner Lunge und seine

Beredsamkeit, die in solchen Fällen von klassischer Unerschöpflichkeit

war. Unterdessen sahen wir einen Kahn von Taoneroa mit vier Leuten an

Bord herankommen. Als sie näher kamen, erkannten wir einen unter ihnen

als den Mann, mit dem wir auf dem Felsen unterhandelt hatten. Die

vier ruderten direkt auf uns zu und legten, ohne sich im geringsten

um die andern zu kümmern, hart an das Schiff; es dauerte nicht lange,

so kamen sie auf unsre Einladung hin an Bord. Die übrigen Wilden

folgten dem ihnen gegebenen Beispiele nach, und bald hatten wir etwa

50 Mann an Bord und 7 Kähne um uns herum. Wir bedachten sie freigebig

mit Geschenken; sie waren überdies so handelseifrig, daß sie sogar

die Kleider vom Leibe und die Ruder aus den Booten an uns vertauschen

wollten. Von der ganzen Gesellschaft waren nur zwei mit Waffen

versehen, dem Pätuh-Pätuh, einem Kriegsbeil aus grünem Talkstein, mit

dem sie wohl imstande waren den härtesten Schädel zu spalten.

Wir erkundigten uns sofort nach unsern jungen Wilden und erfuhren, daß

sie daheim in Sicherheit wären. Der Erzähler fügte hinzu, daß er und

seine Freunde sich nur deshalb an Bord gewagt hätten, weil die drei

jungen Indianer unsre Gastfreundschaft so sehr gerühmt hätten. Die

Zeit über, wo sie bei uns an Bord weilten, versicherten sie uns ihrer

Ergebenheit; auch luden sie uns dringend ein, in die verlassene Bai

zurückzukehren. Ich wollte aber lieber meine Entdeckungen fortsetzen;

auch hoffte ich nicht ohne Grund, bald einen guten Hafen zu finden.

Kurz vor Sonnenuntergang ruderten unsre Gäste weg, wobei sie im

Durcheinander drei der Ihrigen im Schiffe zurückließen. Wir machten

sie zwar sofort aufmerksam, aber es fiel niemand ein, umzukehren;

noch mehr wunderten wir uns über die Verlassenen selbst, die uns ihre

Tänze vorführten und ihre Reigen sangen und so ruhig zu Bette gingen,

als gehörten sie zum Schiff. Bald nach Einbruch der Nacht begann eine

leichte Brise zu wehen. Wir steuerten längs der Küste hin und legten

bei, als neue Windstille eintrat. Trotzdem waren wir einige Seemeilen

weitergekommen. Als am nächsten Morgen die Indianer dies bemerkten,

jammerten sie gottserbärmlich über ihr Schicksal. Tupia beruhigte sie

mit Mühe. Um 7 Uhr kamen zwei Kähne von Land in Sicht, und es gelang

Tupia und den drei Wilden, den Führer eines der Kähne, einen alten

Häuptling, zu bewegen, an Bord zu kommen und die drei aus ihrer fatalen

Lage zu befreien. Was den alten Herrn zu diesem Abenteuer bewog, war

die eidesstattliche Versicherung seiner Landsleute, daß wir keine

Menschenfresser wären, was uns ein indirekter Beweis dafür war, daß

auf der Insel der Kannibalismus herrschen müsse, worauf ja auch die

wiederholte Äußerung der jungen Wilden schließen ließ.

Wir befanden uns, als wir absegelten, einer Landspitze gegenüber, die

ich wegen ihrer Gestalt das Tafelvorgebirge nannte; sie ist ziemlich

hoch, bildet einen scharfen Winkel und ist eben. Um die Mittagszeit

stießen wir ungefähr vier Seemeilen weiter auf ein kleines Eiland, das

Teahorvray der Wilden, das ich wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem

Portland der Themse die Insel Portland nannte. Während wir unsern Lauf

längs der Küste nahmen, versammelte sich hier und auf der Insel eine

große Menge Eingeborener, denen unser Erscheinen gewiß viel zu denken

gab. Mittags ließ sich ein Kahn blicken mit vier Insassen; einer von

ihnen schien durch seine Gebärden bald Frieden bald Krieg zu künden,

tanzte mitunter und grölte ein heiseres Lied. Tupia redete lang auf ihn

ein, konnte ihn aber nicht bewegen, an Bord zu kommen. Wir segelten

weiter, gerieten aber in seichtes Wasser. Doch vermochten wir uns

wiederloszuwinden und legten dann bei. Als wir vor Anker lagen, kamen

zwei Kähne so nahe an uns heran, daß Tupia mit den Insassen sprechen

und wir ihnen Geschenke zuwerfen konnten, mit denen sie sich dann

seelenvergnügt trollten.

Siebtes Kapitel.

Neue Feindseligkeiten. -- Das Kap der Kinderdiebe. -- Gastfreundliche

Wilde. -- Abenteuer in der Tegaduhbai.

Am folgenden Morgen, den 13. September, erhob sich um 5 Uhr ein

Nordwind. Wir lichteten sofort die Anker und steuerten gegen das Land

hin. Gegen Abend versuchten wir in eine Einfahrt hineinzufahren,

machten aber wieder kehrt, als wir entdeckten, daß es sich nicht um

die Einfahrt eines Hafens handelte. Dabei verfolgte uns ein großes

Kriegskanu. Es war mit ungefähr zwanzig Bewaffneten besetzt, die

uns mit höhnischen Worten zum Kampf herausforderten. Wir ließen

die Möpse ruhig den Mond anbellen. Am nächsten Tage bekamen wir

das im Lande liegende Gebirge zu sehen, dessen höchste Gipfel mit

Schnee und Eis bedeckt waren. An der Küste war das Land niedrig und

unfruchtbar. In einer kleinen Entfernung sahen wir Haine von Bäumen,

die hochstämmig und oben spitzig waren. Ich ließ die Pinasse und

das lange Boot aussetzen, um frisches Wasser aufzusuchen. In diesem

Augenblick bemerkten wir verschiedene stark bemannte Kähne aus dem Land

herauskommen. Um 10 Uhr wurden fünf von diesen Kähnen zusammengezogen.

Sie hielten eine Art von Kriegsrat, der für den Krieg ausgefallen

sein mußte, denn sie rückten gegen das Schiff vor. Diese fünf Kähne

hatten 80-90 Mann an Bord; in einer kurzen Entfernung folgten ihnen

noch vier Boote nach, jedenfalls als Reserve. Kaum hatten sie sich uns

auf dreihundert Schritte genähert, als die Wilden ihren Kriegsgesang

anstimmten, ihre Lanzen schwenkten und sich zum Angriff formierten.

Tupia rief ihnen zu, daß wir den Donner in der Gewalt hätten und

sie alle vernichten würden, wenn sie uns nicht in Ruhe ließen. Zur

Bekräftigung dieser Worte ließ ich eine Kanone abfeuern. Der Knall,

der Blitz und die Kugeln des Traubenschusses, die sich fächerartig

im Wasser ausbreiteten, erschreckten die Indianer in solchem Maße,

daß sie sich eiligst zurückzogen. Tupia aber rief ihnen nach, daß

wir sie, wenn sie ohne Waffen kommen wollten, als Freunde aufnehmen

würden. Die Besatzung eines der Boote ließ sich wirklich dazu bewegen,

unbewaffnet zu uns ans Hinterteil des Schiffes zu kommen. Wir machten

ihnen verschiedene Geschenke und würden sie auch bewogen haben an

Bord zu kommen, wären nicht die übrigen Kähne in feindlicher Absicht

herangekommen, worüber die andern sehr empört waren. Nach kurzer

Auseinandersetzung ruderten sie alle ans Land.

Am nächsten Tage früh 8 Uhr befanden wir uns endlich der Landspitze

gegenüber. Hier kamen einige Fischer zu uns, die uns einige sehr

verdächtig riechende Fische verkauften, aber bereit waren, uns in jeder

Weise zu unterstützen. Leider wurden sie durch die Besatzung eines

Kriegskahns verscheucht, der sich frech an uns heranmachte. Obgleich

die Bewaffneten nichts zu verkaufen hatten, so schenkte ich ihnen doch

einige Stücke Tuch. Einer von ihnen vertauschte mir sein Bärenfell für

ein Stück rotes Tuch, nahm dieses in Empfang, gab aber das Fell nicht

heraus. Bei dem sich deshalb entspinnenden Streit bemächtigten sich

die Fischer des Dieners Tupias, Tayeto, der an die Seite des Schiffes

gestellt worden war, um die eingetauschten Sachen heraufzureichen. Zwei

hielten ihn im Vorderteil des Kahnes fest, während die andern eiligst

wegruderten, welchem Beispiel die übrigen Kähne folgten. Hierauf gab

ich den Seesoldaten, die auf Verdeck unter Gewehr standen, Befehl

zu feuern. Ein Mann fiel. Tayeto benützte die Verwirrung, um sich

loszureißen und ins Wasser zu springen. Der große Kahn wendete, um ihn

zu verfolgen; ich vertrieb ihm die Lust dazu durch ein paar gutgezielte

Gewehr- und Kanonenschüsse. Wir konnten den armen Burschen unverletzt

auffangen, aber er war so erschrocken, daß er lange nicht zu sich

kam. Die Herren Banks und Solander konstatierten durch das Fernrohr,

daß die Wilden drei Männer tot oder doch schwerverletzt den Strand

hinaufgetragen hätten. Als Tayeto sich von seinem Schrecken erholt

hatte, brachte er seinem Herrn einen Fisch, um ihn seinem Eatua, seinem

Gotte, zu opfern. Tupia lobte den frommen Sinn des Knaben und befahl

ihm, den Fisch als Dankopfer ins Meer zu werfen. Das Vorgebirge, an dem

dieser freche Raub stattfand, nannte ich Kap Kidnappers, das Kap der

Kinderdiebe.

Wir fuhren noch einige Zeitlang südwärts. Da ich aber nirgends einen

guten Hafen fand, so machte ich an einem Vorgebirge mit gelben

Steinklippen in einer südlichen Breite von 40 Graden, 34 Minuten,

18 Seemeilen Süd-Süd-West von Kap Kidnappers, kehrt. Am 18. des

Morgens um 4 Uhr lag Kap Kidnappers 2 Seemeilen weit nordwärts und 3

westwärts. Die Nacht über legte ich am Tafelvorgebirge bei, am Morgen

segelte ich gegen Land, um in einer Bai 2 Seemeilen weit vom Kap vor

Anker zu gehen. Die Eingeborenen, die uns mit ihren Kähnen beständig

umschwirrten, hatten uns auf diesen Ankerplatz aufmerksam gemacht und

dabei beständig auf eine Gegend hingewiesen, wo es Überfluß an frischem

Wasser gab. In der Bai selbst fand ich nicht so viel Schutz vor der

See, wie ich erwartet hatte. Da uns aber die Eingeborenen freundlich

gesinnt schienen, so wollten wir länger hier verweilen. In einem der

Kähne, die uns besuchten, kamen auch zwei Häuptlinge. Ich lud sie ein

an Bord zu kommen und schenkte jedem von ihnen 12 Fuß Leinwand und

einen großen Nagel, den sie nicht sehr wertschätzten. Wir hörten von

ihnen, daß sie über die Vorfälle in der Taoneroabai unterrichtet waren,

und ließen ihnen daher durch Tupia sagen, daß wir freundschaftliche

Absichten hegten und uns nur wehrten, wenn man uns angriffe.

Unterdessen trieben die Indianer im Kahne einen regen Tauschhandel mit

unsern Leuten. Ich lud die Häuptlinge zu Tisch. Nachher begleiteten

sie mich in meinen eigenen Booten, um mir eine günstige Wasserstelle

zu zeigen. Da es jedoch stürmisch und regnerisch war und die Brandung

hoch lief, so daß wir keine Landungsstelle finden konnten, so ließen

sie sich in ihren eigenen Kähnen an Land bringen, versprachen aber

wiederzukommen und Lebensmittel mitzubringen. Gegen Abend heiterte sich

das Wetter wieder auf. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander

ans Land. Die Eingeborenen empfingen uns überall mit den Zeichen der

Ergebenheit und vermieden es sogar, uns durch unmäßige Neugierde und

Ansammlung großer Menschenmengen lästig zu fallen. Auch in den Häusern,

die wir besuchten, kamen höchstens die Nachbarn zusammen, so daß wir

nie mehr als zwanzig Personen, die Weiber und Kinder inbegriffen,

antrafen. Wir machten ihnen kleine Geschenke. Der Umstand, daß wir

auf unserm Spaziergange zwei kleine Bäche mit gutem Süßwasser fanden,

bewog mich, dort einen Tag zu verweilen, um Herrn Banks Gelegenheit für

seine Untersuchungen zu geben und gleichzeitig unsern Wasservorrat zu

erneuern.

Ich schickte am nächsten Tag den Leutnant Gore mit seiner Mannschaft

ans Land, um Wasser einzuholen. Die Herren Banks, Dr. Solander und

Monkhouse folgten mit Tupia und Tayeto nach. Die Eingeborenen setzten

sich zu unsern Leuten und schauten ihnen interessiert zu. Auch

etablierten sie einen kleinen Tauschhandel. Die Herren Banks und Dr.

Solander erforschten ohne Vorsichtsmaßregeln die Pflanzenwelt der Bai

und erlegten einige hervorragend schöne Vögel. Unterwegs sprachen

sie in verschiedenen Hütten der Eingeborenen ein und informierten

sich über deren häusliches Leben. Man zeigte und erklärte ihnen

alles, was sie wollten. Von Haustieren fanden sie den Hund in einer

kleinen, häßlichen Abart vertreten. Die Felder waren wohlgepflegt und

kunstgerecht angebaut. Gepflanzt wurden Kartoffeln, Kürbisse und Eddas.

Merkwürdigerweise waren die Felder der einzelnen Besitzer mit Palisaden

eingezäunt, deren einzelne Rohre so dicht beieinander standen, daß

kaum eine Maus dazwischen durchkriechen konnte. Die Weiber waren

eben nicht schön, aber sie machten sich dadurch noch häßlicher, daß

sie ihr Gesicht mit rotem Ocker oder Bergrot und Öl schminkten. Diese

Schminke war stets frisch und feucht auf ihren Wangen und pflegte

die Nase desjenigen zu kennzeichnen, der sich zum Kuß dahin verirrt

hatte. Es gab natürlich ein Hallo, als einige unsrer Schwerenöter mit

diesem Steckbrief ihrer Sünde ahnungslos sich zeigten, denn sowenig

schön diese Weiber auch waren, umso buhlerischer führten sie sich

auf; und die Mädchen waren so üppig wie junge Füllen. Sie trugen

einen kurzen Rock und unter diesem einen aus parfümierten Blättern

geflochtenen Gürtel, an dem als intimster Schutz ein kleiner Büschel

von Blättern einer starkriechenden Pflanze befestigt war. Die Männer

pflegten sich weniger zu schminken. Doch sahen wir einen Gecken, der

sich den ganzen Leib und sogar die Kleider mit Bergrot gefärbt hatte

und fortwährend damit beschäftigt war, die schadhaften Stellen seines

geschminkten Äußern zu reparieren. An Reinlichkeit kamen sie unsern

Freunden in Otahiti nicht gleich, zum regelmäßigen Baden im Freien war

der Himmelsstrich doch zu kalt. Hingegen hatte fast jedes Gehöft seinen

Abort. Was das anbetrifft, so waren sie kultivierter als die Spanier,

denn ich weiß, daß es bis zum Jahre 1760 in Madrid keine Aborte gab

und daß bis dahin alles, was man sonst in die Aborte schüttet, dort

einfach auf die Straßen geschüttet und dann von den Straßenreinigern

auf Haufen zusammengeschaufelt wurde. Die Madrider Ärzte waren auch

einmal der Meinung, daß Kothaufen die hygienische Eigenschaft hätten,

alle schädlichen Luftkörper an sich zu ziehen.

Am Abend waren unsre Boote mit Wassereinholen beschäftigt. Die Herren

Banks und seine Gesellschaft, etwa acht Europäer, versuchten es nun,

um nicht zu stören, sich in einem Indianerkahn zum Schiff rudern zu

lassen. Aber da es sich in einem solchen Kahn so schwer sitzen läßt

wie in einem sogenannten Grönländer, so schlug das leichte Ding in der

Brandung um. Man kam mit dem Schrecken davon, ließ sich dann aber in

zwei Partien an Bord rudern.

Weil ich es der starken Brandung wegen schwer fand, an diesem Platze

Wasser einzunehmen, so beschloß ich abzusegeln. Ich lichtete daher

am folgenden Morgen früh um 5 Uhr die Anker und lief in See. Die

Tegaduhbai liegt in der Südbreite von 38 Graden, 10 Minuten. Von hier

wollte ich nordwärts steuern, allein der Wind war mir entgegen, so daß

ich nicht von der Stelle kam. Während ich ärgerlich gegen den Wind

lavierte, kamen mehrere Eingeborene an Bord und sagten mir, daß es

in einer Bai, die südwärts nicht weit entfernt liege, vortreffliches

Wasser an einem Orte gebe, wo die Boote bequem landen könnten. Ich

segelte also dorthin und fand alles bestätigt. Um 1 Uhr kam ich vor

Anker. Die Wasserstelle lag in einer kleinen Bucht. Kaum hatten wir

beigelegt, als auch schon eine Unzahl von Kähnen von der Küste her

auf uns zuschossen. Bald herrschte um uns das reinste Marktleben,

wobei sich die Indianer, die an otahitischem Tuch und an gläsernen

Flaschen einen Narren gefressen zu haben schienen, als grundehrlich

erwiesen. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land,

um die Wasserstelle in Augenschein zu nehmen. Das Boot konnte bequem

landen. Das frische Quellwasser war von vortrefflichem Geschmack, auch

war die Gegend zum Füllen und Transport der Fässer günstig. Auch Holz

zum Fällen war hier im Überfluß vorhanden. Am nächsten Tage schickte

ich Herrn Gore mit allen Seesoldaten zur Erledigung dieses Geschäftes

ab, bei dem ich die Oberaufsicht führte, während die Herren Banks und

Dr. Solander ihre botanischen Untersuchungen fortsetzten. Als sie am

Abend nach der Wasserstelle zurückkehrten, begegneten sie einem alten

Mann, der sie damit unterhielt, daß er ihnen den Gebrauch der Waffen

dieses Landes, der Lanze und des Pätuh-Pätuh, zeigte. Die Lanze ist

10-14 Fuß lang und an beiden Enden gespitzt. Der Pätuh-Pätuh ist einen

Fuß lang, aus Talkstein oder Walfischknochen gefertigt, mit zwei

scharfen Schneiden versehen und wird als Streitaxt gebraucht. Der alte

Wilde steckte einen Pfosten in die Erde, der seinen Feind vorstellen

sollte. Auf diesen ging er dann mit wütendem Gesichte los, indem er

seine Lanze wiederholt schwenkte und dann nach ihm stach. Hierauf

ergriff er den Pätuh-Pätuh und schlug damit wütend auf den Pfosten

ein. Aus diesem Umstande kann man darauf schließen, daß die Wilden in

ihren Kämpfen ihre Feinde nicht nur unschädlich zu machen, sondern in

der Hauptsache zu erschlagen bestrebt waren. Unter den Indianern, die

uns an der Wasserstelle aufsuchten, befand sich auch ein Priester, mit

dem Tupia einen tiefgründigen theologischen Disput hatte. Bei dieser

Gelegenheit erkundigte er sich denn auch bei seinem Standesgenossen,

ob der Kannibalismus hier landesüblich wäre. Er erhielt die Antwort,

daß man die erschlagenen Feinde zu verzehren pflege. Am 26. regnete

es unaufhörlich, so daß wir an Bord des Schiffes verblieben. Den

nächsten Tag ließen wir uns an der Wasserstelle von den Indianern

Kriegsspiele vorführen. Die Männer stimmten den Schlachtgesang an, in

den alle unter den abscheulichsten Gesichtsverzerrungen einfielen.

Dabei rollten sie die Augen wild umher, streckten die Zunge heraus

und verrenkten die Glieder, aber dies alles unter genauer Beobachtung

des Taktes. Am 28. landeten wir auf einer Insel, die links von der

Einfahrt in die Bai lag. Hier fanden wir den größten Indianerkahn,

den wir bisher gesehen hatten; er war 68½ Fuß lang, 5 Fuß breit und

4½ Fuß hoch. Der Boden bestand aus drei ausgehöhlten Baumstämmen, von

denen der mittlere am längsten war und die beiden Spitzen des Kahnes

bildete. Die aus _einem_ Stück bestehenden 62 Fuß langen Seitenplanken

waren mit halberhabener Schnitzarbeit verziert. Am Vorderteil war

diese noch sorgfältiger ausgeführt. Auch die Holzarbeit an einem noch

unfertigen Hause, das wir dort sahen, war auf meisterhafte Weise nach

dem auf schneckenförmige Linien und verzerrte Gesichter ausgehenden

Kunstgeschmack der Eingeborenen verfertigt. Weil ich meinen Holz- und

Wasservorrat erneuert und auch eine Menge Sellerie geladen hatte, der

ein gutes Mittel gegen den Skorbut ist, so lichtete ich, weil es sonst

nichts einzuhandeln gab, am 29. die Anker. Wir haben hier tatsächlich

nichts als Fische und Kartoffeln erhalten können. Von Tieren bekamen

wir nichts als Hunde und Ratten zu sehen. Und selbst diese waren hier

sehr selten. Am Eingang der Bai, die die Eingeborenen die Tolagabai

nennen, liegen zwei charakteristische Felsen. Der eine ist rund wie

ein Schober, der andre ist lang hingestreckt und an verschiedenen

Stellen so durchlöchert, daß seine Öffnungen den Bogen einer Brücke

ähnlich sind. Als wir Montag den 30. bei leichtem Winde zehn Stunden

gesegelt waren, kamen wir an die nordöstliche Spitze des Landes, die

ich das Ostkap nannte. Als wir es umsegelt hatten, erblickten wir eine

große Anzahl Küstendörfer und viele angebaute Felder in fruchtbarer

Gegend. Um 6 Uhr segelten wir an einer Bai vorbei, die ich nach ihrem

Entdecker, meinem Leutnant Hicks, Hicksbai nannte. In der Nacht

legte ich bei, segelte aber um 2 Uhr wieder weiter und erblickte um

8 Uhr Land, eine Insel, die ich die weiße Insel nannte. Hier wurden

wir von einer Eingeborenen-Flottille überfallen, die nach ein paar

Schreckschüssen Hals über Kopf Reißaus nahm. Am 1. November kamen

etwa 45 Kähne mit Eingeborenen an unsre Seite, die anfangs ehrlich

handelten, dann uns aber bestahlen. Einen der Diebe bedachte ich mit

einer Schrotladung. Die übrige Gesellschaft verjagte ich mit einem

Kanonenschuß. Um 2 Uhr des Mittags erblickten wir gen Westen einige

Inseln. Um 7 Uhr hatten wir sie erreicht. Nach einigem Zögern legte

ich bei. Die Eingeborenen nannten sie die Mowtohorainsel. Es war ein

Glück, daß wir in der Nacht nicht weitergefahren waren, denn kaum

segelten wir am nächsten Morgen weiter, so zeigten sich verschiedene

gefährliche Klippen, die etwa anderthalb Seemeilen von der Insel

entfernt sind. Auf dieser Fahrt wurden wir wiederholt von Eingeborenen,

die sich erst friedlich zeigten, mit einem Steinhagel bombardiert. Um

11 Uhr segelten wir wieder der Küste entlang. Die Dörfer, die wir hier

erblickten, waren sehr groß, lagen auf Höhen, die ans Meer stießen,

und waren gegen die Landseite durch Schanzen und Gräben verteidigt,

innerhalb deren Palisaden starrten. Auch waren einige dieser kleinen

Dorffestungen noch durch Außenwerke flankiert. Tupia hielt diese Plätze

für Morais, wir hielten sie mit größerm Rechte für Festungswerke. An

einer Insel, nordnordöstlich von der Küste, übernachteten wir; ich

taufte sie als die größte ihrer Gruppe den Major. Das Land, woran wir

dann vorübersegelten, war außerordentlich volkreich. Wir sahen viele

größere Städte, vor denen am Strande einige hundert Boote lagen.

Um 2 Uhr erblickten wir eine große Einfahrt; um 7 Uhr des Abends kamen

wir im südlichen Eingang der Bai, die ich Merkuriusbai nannte, in

7 Klaftern vor Anker. Bis hierher wurden wir von Kähnen begleitet,

ziemlich primitiv ausgehöhlten Baumstämmen, deren Insassen sich

anfangs sehr bescheiden und friedlich zeigten, bald nachher jedoch

unsern Ankerboy zu kapern versuchten. Wir feuerten darauf einige

Schreckschüsse ab, worauf sie in höchster Wut erklärten, morgen

wiederzukommen und uns alle zu ermorden. Tatsächlich versuchten sie in

der Nacht ihr Heil, fanden uns aber immer auf dem Posten, so daß sie

vorzogen, sich ebenso leise zu entfernen, wie sie gekommen waren. Am

Morgen erschienen zwölf Kähne mit 150 Kriegern, die mit Lanzen, Keulen

und Steinen bewaffnet waren. Tupia gelang es, ihnen das Unsinnige ihres

Vorhabens begreiflich zu machen und sie zu einem Tauschhandel mit uns

zu bewegen. Wir erboten uns, ihnen ihre Waffen abzukaufen. Bei den

ersten Geschäften ging es ehrlich zu, nachher betrogen sie uns auf das

frechste. Weil ich mir aber vorgenommen hatte, fünf bis sechs Tage

hierzubleiben, um den Durchgang des Merkurs zu beobachten, so zog ich,

um ihren Unverschämtheiten ein für allemal die Spitze abzubrechen,

schärfere Saiten auf. Ein Dieb erhielt einige Schrotschüsse und sein

Boot eine Kugel als Denkzettel, worauf er sich davonmachte. Obwohl er

stark blutete, so kümmerte sich doch niemand von den andern um sein

Schicksal. Einem Tuchdieb zerschoß ich seinen Kahn, und zum Schluß

ließ ich eine Kanonenkugel abfeuern, die uns von der Gesellschaft

befreite. Um 3 Uhr lichtete ich den Anker und lief näher an die Küste

heran, wo ich das Schiff in günstigerer Lage sicherte. In dieser Lage

hatten wir die südliche Spitze der Bai eine Meile weit ostwärts und

einen Fluß, in den die Boote bei niedrigem Wasser einlaufen konnten,

anderthalb Meilen weit in Süd-Süd-Osten. Am nächsten Morgen kamen

die Eingeborenen wieder, aber wir bemerkten zu unserm Vergnügen,

daß sie sich sehr bescheiden aufführten. Unter ihnen war ein alter

Häuptling Toiava, dessen Klugheit und Ehrlichkeit uns schon letzthin

imponiert hatte. Wir forderten ihn auf an Bord zu kommen, was er auch

in Begleitung eines andern tat. In der Kajüte machte ich jedem von

ihnen ein Stück Tuch und einige große Nägel zum Geschenk. Die beiden

erzählten uns, daß ihre Landsleute in großer Furcht vor uns lebten,

worauf wir ihnen durch Tupia verständlich machten, daß wir nur denen

Schaden zuzufügen pflegten, die uns feindlich gegenübertreten oder

uns bestehlen. Nachdem uns die Indianer verlassen hatten, fuhren wir

mit den Booten den Fluß hinauf, um dort zu fischen, waren aber nicht

besonders glücklich. Indessen konnten wir einige Vögel schießen.

Am Morgen wurde das lange Boot wiederum ausgeschickt, um mit dem

Strichnetz in der Bai zu fischen; gleichzeitig wurde Mannschaft

unter dem Kommando eines Offiziers zum Holzfällen ans Land gesandt.

Am 7. war schlechtes Wetter. Am 8. gingen die Herren Banks und Dr.

Solander ans Land, um Pflanzen zu sammeln. Da sie erst spät am Abend

zurückkehrten, so hatten sie Gelegenheit, sich das Nachtlager der

Eingeborenen anzusehen. Ihre Decke bestand aus Strauchwerk. Die Weiber

und Kinder legten sich am weitesten vom Meer landeinwärts auf den

Boden nieder; die Männer aber lagerten sich im Halbkreise um sie,

wobei sie ihre Waffen an die nächsten Bäume so angelehnt hatten, daß

sie sie jederzeit zur Hand hatten. Man erfuhr auch, daß sie weder dem

Oberkönig Teratu noch sonst jemand untertan waren, und wir nahmen

deshalb an, daß sie eine nomadisierende Bande rechtlos gewordener

Geächteter seien. Kurz nach Anbruch des folgenden Tages kam eine große

Menge Kähne mit ausgezeichneten Makrelen ans Schiff, die wir sofort

einhandelten. Um 8 Uhr hatten wir bereits Fische für Tage und Wochen

an Bord. Wir frühstückten sofort von den delikaten Fischen. Alsdann

begab ich mich mit den Herren Green, Banks und Dr. Solander in der

besten Laune ans Land, um den Durchgang des Merkur bei klarem Himmel

zu beobachten. Der Eintritt des Merkur in die Sonnenscheibe ereignete

sich um 7 Uhr 20 Min. 58 Sek., die innere Berührung um 12 Uhr 8 Min.

58 Sek., die äußere um 12 Uhr 9 Min. 55 Sek. Kurz darauf wurden wir

durch einen Schuß vom Schiffe aus erschreckt. Leutnant Gore war im

Tauschhandel von einem Eingeborenen bestohlen und insultiert worden

und hatte in seiner Aufregung den Mann, statt ihm eine Ladung Schrot

aufzubrennen, erschossen, worauf er den übrigen Schwarm der Wilden mit

einem Kanonenschuß verscheuchte. Als die Nachricht von diesem Vorfall

ans Land gelangte, erschraken die Indianer, die sich in unserer Nähe

befanden; sie vereinigten sich sofort und zogen sich zur Beratung

zurück. Als wir ihnen aber genauen Bericht erstatten ließen, kamen

sie zurück und billigten das Geschehene, da der Erschossene seine

Strafe verdient hätte. Kurz vor Sonnenuntergang brachen unsre Indianer

auf, um ihre Abendmahlzeit zu bereiten. Weil uns dies interessierte,

begleiteten wir sie. Ihre Gerichte bestanden aus Fischen, Krebsen und

Vögeln, die sie teils gebraten teils gebacken verspeisten. Das Backen

geschah mit heißen Steinen auf dieselbe Weise wie in Otahiti, das

Braten dadurch, daß sie die Fische oder Vögel an Stecken banden und

über Feuer hielten. In der Gesellschaft der Indianer sahen wir eine

Frau in Trauer. Sie saß einsam, die Tränen liefen ihr beständig die

Wangen herab, dabei wiederholte sie in leisem, klagendem Ton gewisse

Worte, deren Sinn selbst Tupia nicht enträtseln konnte. Am Schluß eines

jeden Satzes zerfetzte sie sich mit einer Muschelschale Gesicht, Brust

und Arme so sehr, daß sie ganz mit Blut bedeckt war. Doch schienen die

Verletzungen, die sie sich beibrachte, nicht so schwer zu sein wie nach

den Narben zu urteilen die, die sich einige ihrer Leidensgefährtinnen

beigebracht hatten.

[Illustration: Innenraum eines Hauses auf der Insel Ulietea. Tanz der

Eingeborenen. Nach einem alten Stiche.]

Am Morgen darauf ging ich mit Herrn Banks und den andern Forschern in

beiden Booten nach dem Lande hin, um einen großen Fluß zu erforschen,

der sich in den obern Teil der Bai ergießt. Wir ruderten ungefähr 4-5

Meilen weit; hier war der Fluß breiter als an der Mündung und durch

angeschwemmte Inseln gespalten, auf denen die Mangroven, harzreiche

Bäume, wuchsen. Auf einer der Inseln schossen wir uns ein Gericht

Vögel, die wir auf dem Roste brieten und zu Mittag verspeisten. An

der Mündung des Stromes entdeckten wir ein kleines indianisches

Dorf, wo wir sehr gastfreundlich aufgenommen und mit Schaltieren von

ausgezeichnetem Geschmack bewirtet wurden; wir aßen sie so heiß wie

sie vom Feuer kamen. In der Nähe dieses Dorfes befanden sich auf einer

Landspitze die Überreste einer Festung, die von den Eingeborenen Ippäh

oder Hippäh genannt wurde. Der beste Festungsbaukünstler hätte keine

vorteilhaftere Lage für diesen Zweck wählen können als der indianische

Erbauer dieser Festung, die, auf drei Seiten von Wasser und steilen

Klippen umgeben, von hierher unzugänglich gemacht war. Die Landseite

war durch Schanzen, einen 22 Fuß breiten, 14 Fuß tiefen Graben und

durch Palisaden geschützt. Das Ganze könnte mit leichter Mühe so

befestigt werden, daß die Mannschaft eines europäischen Schiffes sich

gegen den Angriff des ganzen Volkes verteidigen könnte.

Am 11. war das Wetter so windig und regnerisch, daß sich kein Kahn

vom Lande in See wagte. Da wir aber tags zuvor mehrere reichbesetzte

Austernbänke entdeckt hatten, so sandten wir das lange Boot ab, um

die delikate Ernte einzuheimsen. Es kam nach einer Weile vollbeladen

zurück, und nun begann an Bord ein Wettausternessen bis in die sinkende

Nacht. Wir konnten uns das leisten, denn unsre Austernbänke waren

unerschöpflich und die Austern so gut wie die besten Colchesteraustern,

weshalb ich dem Strome den Namen Austernstrom gab.

Achtes Kapitel.

Forschungen. -- Eine Naturfestung. -- Kunstvolle Bauten. -- Ein

diebischer Geselle. -- Seltsame Tätowierungen. -- Eine Lektion und

ihre Folgen. -- Kannibalismus.

Am 12., an einem Sonntag, ruderte ich in Begleitung der Herren Banks

und Dr. Solander mit der Pinasse und der Jolle nach der nördlichen

Baiseite hinüber, um das Land und zwei befestigte Dörfer in Augenschein

zu nehmen, die wir in einer gewissen Entfernung entdeckt hatten. Wir

landeten unterhalb des kleineren Dorfes, das in höchst romantischer

und anmutiger Lage auf einem kleinen Felsen aufgebaut war, der vom

festen Lande abgetrennt und zur Zeit der Flut mit Wasser umgeben

war. Den einzigen Zugang zu dieser Naturfestung bildete ein steiler,

schmaler Saumpfad, auf dem uns die Einwohner entgegenkamen, um uns

zur Besichtigung ihres Hippäh einzuladen. Wir lehnten diese Einladung

jedoch ab, da wir die größere Festung, die eine Meile entfernt lag,

besichtigen wollten. Jedoch verteilten wir an die Frauen und Mädchen

kleine Geschenke. In diesem Augenblick sahen wir auch die Bewohner des

kleinen Städtchens, das wir besichtigen wollten, uns zur Begrüßung

entgegenkommen, Männer, Weiber, Kinder, über hundert an der Zahl. Als

sie sich so weit genähert hatten, daß wir einander verstehen konnten,

winkten sie uns unter Horomairufen grüßend mit den Händen und setzten

sich dann zwischen den Gebüschen am Strande nieder. Wie uns Tupia

sagte, war diese Zeremonie bei ihnen das Zeichen freundschaftlicher

Ergebenheit. Wir eilten also zu ihnen hin, begrüßten sie, machten

ihnen einige Geschenke und baten sie um die Erlaubnis, ihr Hippäh zu

besuchen. Mit Jubel bewilligten sie unsre Bitte, indem sie gleich

als Führer vorausgingen. Wharretouwa, so hieß das Städtchen, liegt

auf einem hohen Vorgebirge, das in die See hinausläuft und an der

nördlichen Seite der Bai liegt. Von zwei Seiten wird das Hippäh von

der See bespült, hier ist es ganz unzugänglich. Die beiden Landseiten

sind großartig befestigt. Die eine, die nach dem Strande zu liegt,

ist außerordentlich steil, die schwächere wird durch zwei starke

Gräben beschützt. Außerdem ist das ganze Hippäh mit starken Palisaden

von 10 Fuß Höhe umgeben. Auch das Innere der eigenartigen Festung

ist durch Palisaden und durch Wehrtürme befestigt, von denen aus die

Belagerten ihre Feinde mit Lanzen und durch ein Steinbombardement

zurücktreiben können. Das Ganze ist in der Tat uneinnehmbar und gegen

jeden Sturmangriff gefeit. Auf der schwächeren Seite, der Bergseite,

gibt es einige kleine Außenwerke, und verschiedene Hütten als Wohnungen

für Leute, die wegen Platzmangels nicht in der Festung wohnen können,

aber doch unter deren Schutze leben wollen. Das Innere der Festung war

ursprünglich ein spitzer Hügel, der zu Ansiedlungszwecken abgetragen,

d. h. amphitheatralisch derart abgegraben wurde, daß das Städtchen

eigentlich aus bebauten Stufen besteht, die unter sich wieder durch

enge Gäßchen verknüpft sind, so daß der Feind, wenn er die äußern

Palisaden erobert hat, sich gezwungen sieht, die einzelnen Stufen zu

erstürmen, was vielleicht noch schwerer ist als die Ersteigung der

äußeren Palisaden selbst.

Wir fanden viele derartige Burg- und Festungsbauten längs der Küste,

auf Felsen, Inseln, ja selbst auf Klippen, die eher zu Vogelnestern als

für menschliche Wohnungen geeignet waren. Und doch ist es etwas sehr

Sonderbares, daß der Erfindungsgeist, der diesen wilden Menschen den

Plan zu ihren bewundernswerten Festungsbauten eingab, sie nicht auch

auf den naheliegenden Gedanken gebracht hat, Wurfgeschosse zu deren

Niederzwingung zu erfinden. Denn außer ihren Wurfspießen kennen sie

nur den Naturstein als Waffe, und zwar als Handwaffe. Denn sie haben

keine Art von Bogen, um einen Pfeil abzuschießen, keine Steinschleuder,

nichts, um auf größere Entfernungen hin zu wirken! Allerdings sind die

Spitzen ihrer langen Lanzen mit Widerhaken versehen, und sie bedienen

sich deren mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß ich es mit

keiner andern Waffe als mit einer gut geladenen Muskete gegen sie

aufnehmen wollte. Wir besichtigten die Festung sehr eingehend mit dem

größten Interesse und kehrten hochbefriedigt gegen Abend an Bord zurück.

Am 15. segelte ich in Begleitung vieler Kähne aus der Bai hinaus. Der

gute Toiava klagte mir noch zum Abschied, daß er jetzt nach unsrer

Abreise in sein Hippäh flüchten müsse, denn die Verwandten des von

Gore Erschossenen wollten dessen Tod an ihm rächen, weil er unser

Freund sei. Wir trösteten den alten Herrn mit einigen Geschenken. Ich

will noch bemerken, daß unsre Geologen an verschiedenen Stellen dieser

Bai Eisen- und Erzsand fanden, der von den verschiedenen Bächen aus

dem Innern des Landes herabgeschwemmt worden war -- ein deutliches

Kennzeichen dafür, daß die Berge um die Bai herum eisenerzhaltig sein

mußten.

Am 18. befanden wir uns einem Vorgebirge gegenüber, von dem einige

feindliche Kähne gegen uns abstießen. Tupia suchte die Wilden zu

beschwichtigen, allein sie riefen drohend: »Kommt ans Land, und wir

werden euch alle töten.« -- »Gut,« antwortete Tupia, »aber warum

belästigt ihr uns, solange wir in See sind? Da wir keine Zeit haben mit

euch zu fechten, so werden wir eure Herausforderung ans Land zu kommen

nicht annehmen. Hier aber habt ihr kein Recht Streit anzufangen, denn

das Meer gehört euch sowenig wie das Schiff!« Da diese rednerische

Argumentation nichts nutzte, sandte ich den nackten Herrschaften eine

Kugel zu, die sie in die Flucht trieb. Tags darauf erhielten wir

den Besuch eines Enkels unsres Freundes Toiava, den wir reichlich

beschenkten. Wir ankerten am nächsten Tag in einem Kanal; ich benützte

die Windstille, um mit Dr. Solander an die westliche Küste zu gehen.

Als wir das Schiff verließen, waren viele Kähne um uns versammelt.

Herr Banks blieb deshalb an Bord, um mit den Eingeborenen zu handeln.

Er tauschte Waffen und Kleider der Wilden, die sich ehrlich zeigten,

hauptsächlich gegen -- Papier ein[3]. Ein junger Wilder stahl indessen

in der Kajüte ein Halbminutenglas und wurde dabei erwischt. Herr Hicks

verordnete ihm zwölf Hiebe mit der neunschwänzigen Katze und ließ ihn

zu diesem Zweck an die Schiffswand binden. Als die andern Indianer dies

sahen, drohten sie das Schiff zu überfallen. Herr Hicks blieb fest, und

Tupia mußte den Indianern sagen, daß man ihren Genossen nicht töten,

sondern für den Diebstahl bestrafen wolle. Mit dieser Erklärung gaben

sie sich zufrieden. Der Dieb erhielt seine zwölf aufgezählt; sobald er

freigelassen war, wurde er von einem alten Indianer, anscheinend seinem

Vater, nochmals tüchtig verprügelt und dann in seinen Kahn geschickt.

Allein die Wilden waren dadurch eingeschüchtert und verzogen sich bald,

um sich nicht mehr blicken zu lassen.

Dicht bei dem Kap, das in der Breite von 36 Graden 26 Minuten liegt

und das ich nach Seiner Lordschaft Kap Colville nannte -- es ist

an einem hohen Felsen zu erkennen, den man sehr weit und deutlich

erblicken kann -- mündet ein Strom in die Bai, den ich die Themse

nannte. Er besitzt eine Tiefe von über 26 Klaftern. Die Eingeborenen,

die in der Nähe dieses Stromes wohnen, scheinen im Verhältnis zu den

ungeheuern Länderstrichen, die sie besitzen, nicht sehr zahlreich zu

sein; sie sind aber ein starkes, wohlgebildetes und fleißiges Volk.

Merkwürdigerweise bemalen sie sich den ganzen Leib von Kopf bis Fuß

mit Bergrot, das in Öl gerührt wird, eine Mode, die wir zum ersten

Male hier fanden. Ihre Kähne sind groß, schön gebaut und mit reichem,

geschmackvollem Schnitzwerk versehen. Wir steuerten von hier zwischen

der Küste und den davor lagernden Inseln hindurch und ankerten bei

Anbruch der Nacht in einer Bai. Unsre Leute warfen Angeln aus, und

wir fingen in kurzer Zeit etwa hundert Stück 6-8 Pfund schwere

Seebrassen. Am 25. verließen wir die Bai, die ich die Brassenbai

taufte, und steuerten weiter nördlich. Wir ankerten in der Nähe

einiger kleiner Inseln, die ich die Poor Knights, »die armen Ritter«

hieß. Am Abend hatten wir den üblichen Streit mit betrügerischen

Eingeborenen. Des Morgens schon zwischen 6 und 7 Uhr ruderten große,

stark bemannte Kähne an das Schiff heran. Unter ihnen waren mehrere

reich verziert und anscheinend von Personen höherer Stände besetzt,

die aufs beste bewaffnet waren. Die Waffen bestanden in steinernen und

walfischbeinernen Pätuh-Pätuhs und in reich verzierten Walfischgräten.

Ihre Hautfarbe war stark braun, auch trugen sie sogenannte Amocos,

schwarze, tätowierte Flecken am Leibe. Unter anderm hatten sie breite

Spirallinien auf jedem Gesäß, das sie mit Schwarz so tätowiert

hatten, daß von der Hautfarbe nichts übrig blieb als die Streifen.

Infolgedessen sah es aus, als trügen sie gestreifte Badehosen. Jeder

Stamm hatte sein besonderes Amoco. Einzelne waren ganz tätowiert,

andre nur auf dem Gesäß; gemeinsam war nur das Amoco der Lippen. Die

Kerle hatten alle Mäuler als ob sie Heidelbeeren gegessen hätten. Die

Bande wollte uns um ein Tuch betrügen, aber eine Kugel brachte sie

zur Vernunft. Als wir am Nachmittag an der Landspitze vorbeisegelten,

fand ich diese doch bedeutender. Ich nannte sie Sir Piercy zu Ehren

Kap Brett. Dieses Kap ist viel höher als irgendein Teil der Küste. An

seiner westlichen Seite liegt eine Bai; wir sahen an ihr verschiedene

Dörfer teils auf Inseln, teils an der Küste. Die Bewohner kamen

auf ihren Kähnen herbei und versuchten es, uns über die Löffel zu

barbieren. Wir ließen es ziemlich ungestraft hingehen. Aber einer der

Unteroffiziere, den sie beim Einkauf betrogen hatten, nahm seine

Angel, fitzte dem Betrüger den Haken geschickt in den mit viel Amoco

geschmückten unteren Rückenteil und zupfte ziemlich lange daran herum,

bis der Angelhaken brach. Der den Angelhaken im Fleische sitzen hatte,

brauchte auch für den Spott nicht zu sorgen. An diesem Tage sahen wir

mehr als fünfhundert Wilde bei uns, ein Beweis für den Volksreichtum

dieser Gegend.

Um 8 Uhr des nächsten Morgens befanden wir uns inmitten einer Anzahl

von Inseln, wo wir der Windstille wegen zwei Stunden liegen blieben.

Die Eingeborenen verkauften uns einige Fische, die wir Cavalles

nannten, und nach diesen tauften wir die Inselgruppe. Die Halunken

waren hier so verwegen, daß sie uns sogar während des Tauschgeschäftes

bedrohten. Als ihre Anzahl durch die Ankunft mehrerer Kähne verstärkt

worden war, fingen sie sogar an, mit Steinen nach uns zu werfen,

worauf wir mit Schrot unter sie feuerten. Sie ließen nicht eher nach,

als bis wir einigen von ihnen einen ziemlich empfindlichen Denkzettel

gegeben hatten, worauf wir in die hohe See hinaussteuerten. Da uns

der Wind zuwider war, steuerte ich am 29. nach einer Bai in der Nähe,

westwärts vom Kap, und legte dort bei. Leider waren wir auf eine

Untiefe geraten, weshalb ich durch Boote die Nachbarschaft sondieren

ließ. Unterdessen drängten sich ungefähr 400 Eingeborene in ihren

Kähnen um uns herum. Wir ließen einige von ihnen an Bord kommen.

Darunter befand sich ein Häuptling, dem ich ein Stück feinen Tuches

schenkte. Ich erkannte einige der Eingeborenen wieder; sie mußten uns

ebenfalls wiedererkennen, denn der bloße Anblick einer Kanone jagte

ihnen sichtlich Schrecken ein. Trotzdem stahl uns die Mannschaft eines

der Kähne die Ankerboje. Wir feuerten sofort eine Muskete über ihre

Köpfe ab. Das nutzte nichts. Wir feuerten mit Schrot auf sie, doch

sie waren zu weit. Nun schossen wir scharf und verwundeten einen von

ihnen. Zuletzt ließ ich noch eine Kanone abbrennen. Tupia sagte ihnen

später, daß wir nur die Diebe züchtigten, und machte sie dadurch wieder

zutraulich.

Als wir das Schiff von der Untiefe weg in gesicherte Lage gebracht

hatten, ließ ich die Pinasse und die Jolle mit bewaffneten Mannschaften

zurück und ruderte mit Herrn Banks und Dr. Solander nach einer vom

Schiff etwa drei Viertelstunden entfernten Insel. Die Kähne der

Eingeborenen blieben beim Schiff, was wir für ein gutes Zeichen

hielten. Allein kaum hatten wir in einer kleinen Bucht gelandet, so

folgten uns die Kähne, und bald sahen wir uns etwa von zwei- bis

dreihundert Mann umringt, die teils gelandet, teils von den Bergen

gekommen waren. Alle waren bewaffnet, liefen aber so durcheinander,

daß wir nicht an eine feindselige Haltung der Indianer glaubten. Doch

zogen wir eine Linie im Sand und gaben ihnen zu verstehen, daß dies

die Grenze sei, deren Überschreiten wir ahnden würden. Sie blieben

zunächst unschlüssig. Als aber Verstärkung eintraf, begannen sie

ihren Kriegstanz und drangen dann auf uns ein. Wir feuerten einige

Schrotschüsse auf sie ab, was sie in Verwirrung brachte. Allein ein

Häuptling organisierte schnell den Angriff. Dr. Solander jagte ihm

eine Schrotladung zu, die er mit dem üblichen Danke quittierte; er floh

und setzte sich mit seinen Kriegern auf einer Anhöhe fest. Da wir sie

dort mit Schrot nicht erreichen konnten, so feuerten wir mit Kugeln.

An Bord des Schiffes war man auch nicht müßig; von dort bemerkte man

überdies, daß immer noch mehr Indianer heranrückten, die wir nicht

sehen konnten. Mit ein paar in die Luft geschossenen Kanonenkugeln

wurde der Feind in die Flucht geschlagen. Nun waren wir Herren der

Bucht und gingen an das friedliche Geschäft des Einsammelns von --

Sellerie.

Bald nachher besuchten wir eine andre Bucht derselben Insel und

bestiegen dort einen Berg, der eine wundervolle Aussicht bot. Um

uns herum im weiten Horizont lagen unzählige Inseln. Jede bildete

einen reizenden Hafen, in dem die leuchtende See so still dalag wie

das Wasser in einem Mühlenteiche. Hübsche Dörfer, einzelne Gehöfte,

angebaute Felder wechselten miteinander ab. Eines von diesen ziemlich

großen Dörfern lag in der Nähe. Seine Einwohner kamen in großer

Menge heraus und huldigten uns in rührender Weise. Der ungünstigen

Windverhältnisse halber mußten wir in dieser Bai verweilen. Wir hatten

uns inzwischen mit den Eingeborenen vollständig ausgesöhnt; sie kamen

oft ans Schiff, und wir besuchten sie in ihren Dörfern. Auf diese Weise

lernten wir auch unsre Verwundeten kennen, so den Dieb der Ankerboje,

dem die Kugel durch die Armmuskel gegangen war und die Brust gestreift

hatte. Die ziemlich bedenkliche Wunde war in vollständiger Heilung

begriffen. Auch der von Dr. Solander verwundete Häuptling, der von

dem Schrotschuß in die Schenkel getroffen worden war, schien sehr

getröstet, obwohl ihm noch ein halbes Dutzend Schrotkörner in den

Muskeln steckten. Eines Tages begleitete uns ein alter Mann hartnäckig.

Als wir an eine kleine Burg kamen, zu der eine Leiter hinaufführte,

blickte er uns scheu und ängstlich an. Das reizte unsre Neugierde, und

wir erklärten ihm, daß wir diese Hühnerburg besichtigen wollten, was er

gegen das heilige Versprechen erlaubte, oben nichts -- Unanständiges

zu tun, denn dort wohne seine Frau. Wir beruhigten ihn und kletterten

die Stange mit den paar Sprossen hinauf. Als wir eintraten, fanden wir

drei Weiber versammelt, die bei unserm Anblick in Tränen ausbrachen. Es

wurde uns nicht schwer, die drei Grazien zu beruhigen.

Am 5. Dezember lichteten wir früh um 4 Uhr bei leichtem Landwinde den

Anker. Den ganzen Tag lavierten wir, um aus der Bai hinauszukommen;

indessen trat um 10 Uhr des Abends solche Windstille ein, daß das

Schiff sich weder auf die eine noch auf die andre Seite wenden lassen

wollte. Da die Flut nun so stark anlief, wurde es plötzlich so rapid

gegen das Land angetrieben, daß es kaum noch eine Kabellänge von den

Klippen entfernt war. Wir hatten zwar 13 Klafter Wasser, allein der

Grund war so unsicher, daß wir nicht mehr wagten die Anker auszuwerfen.

Ich ließ daher sofort die Pinasse ausheben, um das Schiff an einem

Tau fortzuschleppen. Die Mannschaft erkannte die Gefahr sofort und

arbeitete mit aller Energie. Glücklicherweise bekamen wir von der

Landseite her Wind, und nun bemerkten wir zu unsrer unaussprechlichen

Freude, daß sich das Schiff vorwärts bewegte. Es war die höchste

Zeit. Wir waren nämlich der Küste schon so nahe gekommen, daß Tupia

in der Lage war, sich mit den Leuten an Land zu verständigen. Wir

glaubten frei zu sein, als der Mann in den Püttings 17 Klafter meldete.

Fast in demselben Augenblick stieß das Schiff gegen den Grund. Die

Erschütterung jagte uns allen den größten Schrecken ein. Herr Banks,

der im Begriff war ins Bett zu steigen, hörte »5 Klafter« melden.

Der Felsen, auf den wir gerannt waren, lag zum Glück gegen den Wind.

Infolgedessen wurde das Schiff gleich wieder abgetrieben, ohne den

geringsten Schaden gelitten zu haben, und fiel in 20 Klafter. Mit dem

von Nordwest kommenden frischen Winde liefen wir in die See[4].

Am 14. Januar 1770 befanden wir uns in einer Bai in der Nähe des

Kaps Egmont (am Eingang der Cookstraße, direkt östlich vom Kap

Kidnappers). Die Küste schien hier verschiedene Baien zu bilden; ich

nahm mir vor, um das Schiff gründlich zu reinigen, in eine davon

einzulaufen. In dieser Absicht lavierte ich die Nacht hindurch. Um 2

Uhr nachmittags erst kamen wir vor Anker. Unser Ankerplatz war etwa

vier Kanonenschüsse von einem Hippäh entfernt, von dem einige Kähne

gegen uns ausgesandt wurden. Die Mannschaft war gut bewaffnet. Mit den

üblichen Herausforderungen rückten sie vor, bis es Tupia gelang, sie

zu beruhigen, worauf ein alter Häuptling den Wunsch äußerte, zu uns an

Bord zu kommen. Seine Landsleute wollten ihn mit Gewalt daran hindern,

allein er entwand sich mit heiterm Mute ihren Händen und kam zu uns an

Bord. Wir reichten dem alten Herrn die üblichen Geschenke, dann kehrte

er in seinen Kahn zurück. Nach einem Freudentanz in allen Kähnen kehrte

man in das Fort zurück, während wir landeten. Am nächsten Morgen kamen

drei Kähne. Die Eingeborenen hatten ihre Weiber mitgebracht, die uns

sehr lästig wurden; sie trugen einen aus Federn hergestellten Chignon,

der das Haupt gänzlich bedeckte und es doppelt so groß erscheinen ließ,

als es war. Nach Tisch fuhr ich mit den Herren Banks und Dr. Solander

nach einer zwei Meilen entfernten Bucht. Unterwegs fanden wir eine

Frauenleiche, die auf dem Wasser trieb. Als wir landeten, flüchtete

eine indianische Familie, die sich an der Küste aufhielt. Es gelang

Tupia, sie zu beruhigen. Wir erfuhren, daß die Tote nach Landesbrauch

mit einem Stein in die See versenkt worden war; wenn wir die Leiche

schwimmend angetroffen hätten, so müßte der Stein durch irgendeinen

Zufall losgekommen sein. Die Wilden waren gerade beim Kochen. Als wir

in einen der Körbe blickten, entdeckten wir zwei abgenagte Knochen

darin, die unmöglich von einem Hunde sein konnten. Bei genauerer

Besichtigung erkannten wir sie für Menschenknochen, was uns mit

Schauder und Entsetzen erfüllte. Um allen Zweifeln ein Ende zu machen,

ließen wir durch Tupia die Wilden fragen, was das für Knochen wären.

»Die Knochen eines Mannes«, antworteten sie gleichgültig. »Aber warum

habt ihr die Frau nicht gegessen?« -- »Die Frau war eine Verwandte und

ist an einer Krankheit gestorben. Wir essen nur die Leiber unserer

Feinde.« Auf unsre Frage, wer der Mann gewesen sei, hörten wir, daß er

zur Besatzung eines feindlichen Bootes gehörte. Einer von uns fragte,

ob sie noch Menschenfleisch hätten. Sie verneinten. Als wir aber

scheinbar zweifelten, daß es wirklich Menschenknochen wären, bejahten

sie die Frage. Einer von ihnen nahm den Knochen, nagte daran herum

und gab durch Gebärden zu verstehen, daß es vorzüglich gemundet habe.

Dann gab er Banks den Knochen zum Andenken. In der Gesellschaft befand

sich ein Weib, das sich aus Trauer den Körper auf entsetzliche Weise

zerschnitten hatte; sie beklagte den Tod ihres Mannes, der sein Grab in

den Mägen seiner siegreichen Gegner gefunden hatte.

Das Schiff lag kaum eine viertel Meile vom Land entfernt. Jeden Morgen

wurden wir durch ein Vogelkonzert geweckt. Die Anzahl der gefiederten

Sänger war unglaublich groß; sie wetteiferten förmlich miteinander. Und

dieser Gesang war zauberhaft. Man glaubte lauter harmonisch abgestimmte

Glöckchen zu hören; vielleicht wurde dieser Melodienzauber durch die

Entfernung und das leise Rauschen des Meeres verschönert. Wir erfuhren

von den Eingeborenen, daß die kleinen Sänger ihre Lieder immer zwei

Stunden nach Mitternacht anstimmen und sie bis zum Sonnenaufgang in

einer großen Symphonie ertönen lassen, dann aber wie unsre Nachtigallen

schweigen.

Am Morgen kam ein kleiner Kahn, worin sich unser Freund, der alte

Häuptling, befand. Tupia erkundigte sich bei ihm wegen der bei seinen

Stammesgenossen herrschenden Gewohnheit, Menschenfleisch zu essen.

Der Alte wiederholte und bestätigte alles, was wir gestern gehört

hatten. »Aber wohin kommen die Köpfe? Freßt ihr die auch auf?« fragte

Tupia. »Von den Köpfen essen wir nur das Hirn«, antwortete der Alte,

und er versprach uns, bei einem späteren Besuch ein paar Schädel

mitzubringen. Dann erzählte er Tupia, daß sie stündlich erwarteten,

wegen der letzten Menschenfressereien von den Bluträchern ihrer Opfer

überfallen zu werden. Wenige Tage später fiel uns auf, daß kein Kahn

ans Schiff kam. Wir brachten dies mit den Kriegsbefürchtungen unsrer

Nachbarn in Verbindung und beobachteten daher mit unsern Ferngläsern

den Kriegsschauplatz, entdeckten aber nicht das geringste. Unsre Leute

fanden in diesen Tagen im Walde drei menschliche Hüftknochen neben

einer Backgrube der Wilden und brachten uns diese Knochen als weitern

Beweis des hier üblichen Kannibalismus. Herr Monkhouse fand in einem

verlassenen Dorfe den Skalp eines Mannes.

Am 19. stellten wir die Schmiede auf, um unser Schiff auszubessern, das

wir zu diesem Zweck auf die Seite legten. Am 20. kam der alte Herr und

brachte vier Köpfe mit. Haar und Fleisch der Köpfe waren unversehrt,

das Gehirn war herausgenommen. Banks konnte nur einen derselben

erhandeln; wahrscheinlich bewahren diese Kannibalen die Köpfe ihrer

Opfer als Siegeszeichen auf, denn das Fleisch schien präpariert zu

sein. Durch einen Schlag gegen die Schläfe war der Schädel geöffnet

worden, wie der Augenschein bewies. Am nächsten Tage fingen die Herren

Banks und Solander so viele Fische, daß die ganze Mannschaft damit

beköstigt werden konnte. Am 24. statteten wir unsern Nachbarn im Hippäh

einen Besuch ab. Sie empfingen uns mit der größten Ehrerbietung und

zeigten uns ihre Wohnungen, die nicht nur bequem, sondern auch sehr

reinlich waren. Auch boten sie uns Menschenknochen zum Kauf an. Weil

wir alle diese »Andenken« als Beweisstücke ihrer Verirrung kauften,

so wurden ihnen Menschenknochen zum Handelsartikel. In dem Dorfe

fanden wir ein Kreuz angebracht, das mit Federn verziert war. Man

sagte uns, daß man es zum Andenken an einen fremden Mann errichtet

habe. Da wir wußten, daß sie ihre Toten nicht begraben, so wollten

wir Näheres wissen, aber sie verweigerten jede weitere Auskunft. Am

25. machte ich mit den Herren Banks und Dr. Solander einen Ausflug,

wobei wir nomadisierenden Fischern, Männern, Frauen und Kindern,

begegneten. Wir beschenkten sie mit Bändern und Glaskorallen und wurden

dafür geherzt und geküßt. Am 26. errichteten wir auf einem Berge

eine Steinpyramide, in der wir einige europäische Artikel vergruben,

um dadurch anzukünden, daß wir die ersten Europäer in dieser Gegend

waren. Später besuchten wir ein Felsenhippäh von hundert Häusern. Wir

beschenkten deren Bewohner mit allerlei Kleinigkeiten, wofür sie uns

die Boote mit getrockneten Fischen füllten, wovon sie große Vorräte

angesammelt hatten. Am 27. und 28. reparierten wir unser Schiff.

Am 29. kam Topaa, unser alter Herr, mit drei Eingeborenen. Am 30.

ließ ich auf einer benachbarten Insel Sellerie einsammeln. Als unsre

Leute dort erschienen, setzten sich mehrere Frauen in ihre Nähe und

begannen sich Arme, Beine, Busen und Gesicht mit scharfen Muscheln

zu zerfetzen, aus Trauer darüber, daß die Feinde vor einigen Tagen

ihre Männer getötet und gefressen hätten. Den übrigen Eingeborenen

schien diese Szene ziemlich gleichgültig zu sein. Ich ließ durch den

Schiffszimmermann auf dem höchsten Berg einen Pfosten errichten, an dem

ich die englische Flagge hißte, und beauftragte gleichzeitig den alten

Topaa, Gegenstände, die ich ihm gab, in Verwahrung zu nehmen und sie

bei Gelegenheit dem Europäer, der nach uns hierherkommen sollte, als

Beweis dafür zu zeigen, daß wir vor ihm dagewesen seien. Gleichzeitig

taufte ich die Gegend »Königin-Charlotten-Sund« und ergriff von ihr im

Namen König Georgs III. Besitz. Topaa sagte mir, daß der Kanal eine

östliche Ausfahrt habe. Am 5. Februar endlich konnten wir die Anker

lichten, wir mußten aber bald wieder beilegen; am 6. erst erhielten wir

günstigen Wind, und ich steuerte in die Straße[5], in der wir einen

erstaunlich hohen, mit Schnee bedeckten Berg erblickten. Bald waren

wir am Endkap der Straße angelangt, das ich einem alten Freunde, dem

Kapitän Palliser, zu Ehren das Kap Palliser nannte. Am 9. Februar

1770, morgens um 11 Uhr, sahen wir Kap Turnagain ungefähr 7 Seemeilen

weit von uns in Nord gen Ost halb Ost liegen. Ich rief die Offiziere

auf Deck und konstatierte, daß Eaheinomauwe, wie die Eingeborenen

das nördliche Neuseeland nennen, eine Insel sei und wir sie erstmals

umschifft hätten. Da nun alle Zweifel gehoben waren, so richteten wir

unsern Lauf hart am Winde gegen Osten hin. Um 4 Uhr des Nachmittags

steuerten wir unsern Kurs gen Südwest.

[3] Diese Vorliebe für Papier scheint auf Neuseeland, denn um dieses

handelt es sich oben, traditionell zu sein. Ein neuseeländischer

Häuptling sagte einmal zu dem Forscher Earle, indem er den Geschmack

von Menschenfleisch rühmte: »Menschenfleisch ist weich wie Papier!«

[4] Hier folgen die Schilderung der Umschiffung des Nordkaps und die

Daten der Fahrten bis zum 10. Januar. Die Beschreibung ist zu sehr nur

technischer Natur, als daß sie allgemein interessieren könnte.

[5] die nach ihrem Entdecker die Cookstraße genannt wird.

Neuntes Kapitel.

Neuseeländische Sitten. -- Die Ursache des Kannibalismus. --

Gastfreundliche Prostitution. -- Zeitehen. -- Abscheuliche Tänze. --

Die Frauen. -- Die Religion.

Am 14. befanden wir uns dem Schneegebirge gegenüber; am 16. entdeckten

wir eine größere Insel, der ich Banks' Namen gab; am 25. segelten wir

bei heftigem Nordnordostwind an einem Kap vorüber, dem Kap Saunders; am

4. März erblickten wir einige Walfische; am 10. März endlich befanden

wir uns an der südlichsten Spitze von Neuseeland, die ich das Südkap

taufte. Von hier steuerte ich nach Westen.

Das westliche Kap lag in einer Breite von 45 Gr. 54 Min. und in einer

Länge von 193 Gr. 17 Min. Wir hatten hier die Nacht über beigelegt

und gingen um 4 Uhr des Morgens mit einem gelinden Südsüdostwind

nach Norden hin wieder unter Segel. Man kann sich unmöglich eine

rauhere, schroffere und ödere Gegend vorstellen als das felsige Land,

das sich während dieser ganzen Fahrt nordwärts unsern Blicken bot.

Endlich erreichten wir die Insel, die ich bei der Einfahrt in den

Königin-Charlotten-Sund erblickt hatte; wir hatten also das ganze

Land umschifft. Nun war der große Tag des Abschieds gekommen. Wir

beschlossen über Neuholland (Australien) und Ostindien nach England

zurückzukehren. In dieser Absicht gingen wir am 31. März 1770 bei

Tagesanbruch unter Segel.

Abel Jansen Tasman hat Neuseeland am 13. Dezember 1643 zuerst entdeckt.

Weil er aber in der Bai, der er den Namen Mörderbai gab, von den

Eingeborenen angegriffen wurde, so ging er nicht ans Land. Man weiß

jetzt, daß dieses Land, das man vielfach für den Teil eines südlichen

festen Landes gehalten hatte, aus zwei großen Inseln besteht, die

durch eine 4-5 Seemeilen breite Straße voneinander getrennt sind. Die

nördliche dieser Inseln wird von den Eingeborenen Eaheinomauwe, die

südliche Tavai Poenammoo genannt. Die Neuseeländer sind ungewöhnlich

groß, kräftig, muskulös, ungemein tätig und rührig, und nicht so fett

und träge wie die üppigen Bewohner der Südsee-Inseln. Die Frauen haben

fast männliche Gesichtszüge; allein um so sanfter und lieblicher ist

ihre Stimme, an der man sie erkennt, denn die beiden Geschlechter

tragen dieselbe Tracht. Männer und Frauen sind sanftmütig und höflich;

sie verkehren miteinander auf das zärtlichste und liebreichste. Gegen

ihre Feinde jedoch sind sie grausam und unversöhnlich.

Das Hauptnahrungsmittel der Neuseeländer sind Seefische. Der Hunger

treibt die Stämme aus dem Innern des Landes an die Küste, deren

Bewohner also gezwungen sind, fortwährend um ihre älteren Besitzrechte

zu kämpfen. Daher die befestigten Dörfer an der Küste, daher der

Kannibalismus. Der Hunger war es, der den Sieger zwang, den Leichnam

des Erschlagenen zu verspeisen; und die Rachsucht ist es, die den

Satten veranlaßt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auf diese

Weise hat sich unter den Neuseeländern der Gebrauch eingebürgert

Menschenfleisch zu essen. Der Hunger ist hier tatsächlich die Ursache

aller Greuel, die Ursache, daß ein an sich sanftmütiges Volk nicht

nur dem Kannibalismus huldigt, sondern auch dem Kriege ergeben und

geneigt ist, jeden Fremden für seinen Feind anzusehen. So waren die

Neuseeländer auch stets bereit uns anzugreifen, doch beugten sie sich

fatalistisch unsrer Überlegenheit. Als sie aber erkannten, daß wir

unsre Macht nicht mißbrauchten, da wurden sie unsre ergebenen Diener

und Freunde.

Die Schamlosigkeit unserer Freunde auf Otahiti in ihrer ganzen

naiven Verderbtheit ist den Neuseeländern fremd. Diese beobachten

in ihren Gesprächen und Handlungen ebensoviel Wohlanstand, als man

unter den gesitteten Völkern antreffen kann. Die ziemlich üppigen,

buhlerischen und sehr koketten Neuseeländerinnen waren weder spröde

noch unerbittlich, allein sie knüpften an ihre Gunst die Bedingung der

Abschließung einer sogenannten Zeitehe. Dieser Vertrag war unerläßlich.

Wenn irgendeiner von unsern Leuten einem jungen Mädchen einen Antrag

machte, so machte sie ihn darauf aufmerksam, daß er die Einwilligung

ihrer Eltern einholen müsse und ihnen das übliche Geschenk zu bringen

habe. Diese Ehe auf ein paar Stunden oder Tage wurde von den jungen

Frauen für so ernst und heilig genommen wie jede wirkliche Ehe. Einer

von unsern Reisenden wandte sich an einen Häuptling wegen einer seiner

Töchter und erhielt folgenden Bescheid: »Ein jedes von unsern jungen

Mädchen wird es sich zur Ehre anrechnen, daß Sie sich die Mühe geben

um sie anzuhalten. Sie müssen mir aber zuvor ein anständiges Geschenk

machen und alsdann kommen und bei uns am Lande übernachten, denn das

Sonnenlicht darf ja nicht Zeuge von dem sein, was zwischen Ihnen beiden

vorgeht.«

Die Neuseeländer baden des viel kälteren Klimas wegen nicht so häufig

wie die Tahitiindianer. Das Ekelhafteste an ihnen ist jedoch das

ranzige Fischöl, mit dem sie ihr Haar einfetten. Dadurch riechen sie

so übel wie die Hottentotten. Auch sind ihre Köpfe, obschon sie sich

Kämme zu machen verstehen, nicht rein von Ungeziefer. Die Männer tragen

den Bart kurz; das Haupthaar binden sie auf dem Kopfwirbel zusammen

und verzieren es mit Federn. Die Frauen tragen meist das Haar lang

und lassen es frei über die Schulter hängen. Auch verunstalten sich

Männer und Frauen mit Tätowierungen und einer greulichen Schminke, dem

Bergrot, womit sie Gesicht und Körper reichlich bemalen.

Die Frauen sind weniger eitel auf ihre Kleider als die Männer; aber

im Gegensatz zu den Frauen auf Otahiti legen sie ihre Kleider nur

dann ab, wenn sie baden oder ins Wasser gehen, um Krebse zu fangen,

wobei sie Sorge tragen, von keinem Manne überrascht zu werden. Einige

von uns landeten eines Tages auf einer kleinen Insel in der Toloyabai

und überraschten zufälligerweise verschiedene Frauen und Mädchen beim

Krebsfang. Aber die keusche Diana war gewiß nicht verschämter, als sie

den neugierigen Aktäon erblickte, als die braunen Nymphen bei unsrer

Annäherung. Ein Teil der Gesellschaft versteckte sich zwischen den

Klippen, die übrigen duckten sich so lange ins Wasser, bis sie sich aus

Seetang eine Art Schürze gemacht hatten. Als sie mit dieser Hülle dem

Walde zu flüchteten, geschah es mit allen Zeichen holder Verwirrung und

Schamhaftigkeit.

Der Kriegstanz der Neuseeländer besteht aus vielen heftigen Bewegungen

und aus abscheulichen Verdrehungen des Körpers und der Glieder. Auch

das Gesicht, das scheußlich verzerrt wird, spielt eine abschreckende

Rolle. Die Zunge wird oft unglaublich lang herausgestreckt; die

Augenlider werden so verzogen, daß das Weiße im Auge sichtbar

wird. Kurzum, sie machen alles, um schrecklich, wild und furchtbar

auszusehen. Dabei schwenken sie die Lanze, schütteln die Wurfspieße

und hauen mit dem Pätuh-Pätuh wie besessen in der Luft herum. Der

Kriegsgesang, den sie bei diesem gräßlichen Tanz anstimmen, ist zwar

wild, aber doch nicht unangenehm. Jeder Vers wird mit einem lauten,

seufzerähnlichen Gestöhne beendet, dessen Wirkung auf die Nerven dem

Zweck des Angstmachens entsprechend ist. So abscheulich aber auch bei

diesem Tanze die Gliederverrenkungen und die scheußlichen Drehungen

des Körpers sein mochten, so sehr begeisterte uns der Umstand, daß

alles dabei klappte und daß keiner unter den Tänzern aus dem Takte

fiel. Wenn sie den Kriegstanz mit dem Ruder begleiteten, d. h. wenn oft

hundert Ruderer mit ihrem Ruder gegen die Bootswand schlugen, so klang

es wie _ein_ Schlag. Ich habe nie gehört, daß irgendeiner vor- oder

nachschlug. Genau so abgemessen waren auch die groteskesten Episoden

des Tanzes selbst.

Die Lieder der Frauen, deren weiche, biegsame, melodische Stimmen uns

auffielen, sind rührend sentimental und voll rhythmischer Schönheiten,

aber unsagbar wehmütig und ergreifend innig. Wir waren in der Tat

überrascht, unter den armen Wilden dieses öden Landes einen solchen

Reichtum an Tönen, an Melodien zu finden, deren Gemütstiefe und

Ausdrucksschönheit an die schönsten Volkslieder unsrer Heimat erinnert;

sie atmen Schmerz und Trauer!...

Ich will noch erwähnen, daß die Neuseeländer die Schädel

ihrer erschlagenen und aufgespeisten Gegner zu schauderhaften

Schmuckgegenständen verzieren; sie setzen ihnen falsche Augen ein,

präparieren den Haarboden derart, daß die Haare nicht ausfallen, und

schmücken sie mit Ohrgehäng.

Es scheint, daß die Frauen auf Neuseeland weniger geachtet sind als

die Frauen auf Otahiti. Wenigstens sagte es Tupia, und er äußerte sich

darüber sehr mißbilligend. Näheres konnten wir nicht ermitteln. Wir

sahen Männer und Frauen zusammen speisen, sahen die Frauen fischen,

weben und kochen. Das war alles. Wie also Tupia zu seinem Urteil

kam, wurde uns nicht recht verständlich. Auch über die Religion der

Neuseeländer erfuhren wir nicht viel. Sie glauben an einen höchsten

Gott und an Untergötter; von der Entstehung der Welt und der Schöpfung

des ersten Menschen haben sie dieselbe Meinung wie die Eingeborenen

von Otahiti. Doch schien Tupia in seiner Religion aufgeklärter und

entwickelter zu sein. Er predigte den Neuseeländern wiederholt, und

es fehlte ihm nie an Zuhörern, die ihm so ehrerbietig und aufmerksam

zuhörten, daß wir ihnen herzlich gern einen bessern Lehrer gewünscht

hätten. Sonst erfuhren wir nichts davon, wie sie ihre Götter ehrten;

auch entdeckten wir keine Morais. Ebensowenig erfuhren wir Näheres

über die Art der Bestattung ihrer Toten. Im Norden sagte man uns, man

_begrabe_ die Toten; im Süden, man werfe sie ins Meer. So viel aber

ist gewiß, daß wir nirgends ein Grab entdecken konnten, und daß die

Neuseeländer alles, was ihre Toten betraf, mit dem größten Geheimnis

umgaben. Nur die Körper der Überlebenden zeugten von einem Totenkult.

Denn wir entdeckten fast an allen Männern und Frauen jene tiefen

Narben, die von den Wunden herrührten, die sie sich aus Trauer über den

Tod ihrer Verwandten beigebracht hatten. Wir fanden diese Trauerwunden

noch frisch, waren sogar Zeugen davon, wie sich eine Trauernde Arme,

Beine und Busen verwundete; ein Leichenbegängnis indessen bekamen wir

merkwürdigerweise nicht zu sehen.

Gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sprache von Neuseeland und der

von Otahiti lassen darauf schließen, daß beide Völker von ein und

demselben Urvolk abstammen. Beide Völker haben auch eine gemeinsame

Sage, nach der ihre Ahnen vor langen Jahren aus einem Lande, das beide

Hiwije nennen, eingewandert sind. Auch konnte sich Tupia überall

verständlich machen. Die Verwandtschaft wird noch größer, wenn wir die

Ähnlichkeit der Sprache berücksichtigen; so haben die Neuseeländer

und die Otahiti-Insulaner dasselbe Wort für die meisten Begriffe. Bei

beiden heißt z. B. Taata: Mann; Eupo: der Kopf; Erai: die Stirn; Mata:

die Augen, usw. usw. Uns schien jedoch aus verschiedenen Ursachen die

Annahme, daß die gemeinsamen Stammeltern der beiden Inselvölker etwa

aus Amerika gekommen wären, nicht berechtigt zu sein.

Unsre Entdeckungsfahrt hat den Beweis dafür erbracht, daß sich im Süden

von Ozeanien kein festes Land befindet. Es kann keinen großen südlichen

Weltteil geben. Hingegen gibt es noch eine Menge unbekannter Inseln,

die bisher von keinem europäischen Schiffe besucht worden sind...

Zehntes Kapitel.

Entdeckung der australischen Ostküste. -- Die Macht der Feuerwaffen.

-- In der Botanybai. -- Gefährliche Havarie. -- Wir retten das Schiff.

Am 28. März erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Küste

entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da

sie gegen Winde geschützt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem

Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der

Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten

wir die südliche Landspitze der Bai im Südosten und die nördliche im

Osten. Während der Einfahrt hatten wir daselbst einige Hütten und eine

Anzahl Eingeborene gesehen; unter der südlichen Landspitze bemerkten

wir vier kleine Kähne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der

Fischjagd beschäftigt und so eifrig bei der Arbeit, daß sie uns nicht

bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen

Viertelmeile an ihnen vorübersegelten.

Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefähr aus acht Hütten

bestehenden Dorfe gegenüber. Als wir das Boot freimachten, sahen

wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehölze

kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei

Kinder entgegen. Während sie im Freien Feuer anmachte und mit den

Vorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschäftigt war, blickte

sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber völlig unbesorgt zu

sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Kähnen zurück,

landeten, zogen ihre Kähne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von

uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Männer gingen wie die Kinder völlig

nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein -- Feigenblatt. Um die

Mittagszeit ließ ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach

dem Dorfe hin, überzeugt, daß uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so

gleichgültig ließ, die Landung nicht streitig machen würden. In dieser

Erwartung sahen wir uns getäuscht; denn kaum waren wir in der Nähe der

Felsen, als zwei von den Männern, die mit langen Lanzen und Keulen

bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, übeltönenden Sprache

die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung

ihrer Küste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch

Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.

Die Wilden hoben zwar die Nägel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf,

mit Vergnügen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer

Landung. Ich feuerte einen Schreckschuß gegen sie ab. Allein sie

begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann

einen Schrotschuß ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er

rannte sofort nach einer der Hütten. Wir stiegen unterdessen ans Land.

Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde

zurückkam und mit seinem jüngern Gefährten ein paar Lanzen gegen

uns schleuderte, die zum Glück niemand verwundeten. Ich ließ einen

zweiten Schrotschuß gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie

dann flüchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt

ich es nicht für ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen.

Wir gingen aber nach den Hütten hin und fanden in einer von ihnen

die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begnügten

uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und

die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als hätten wir sie nicht bemerkt.

Beim Weggehen legten wir Bänder, Glaskorallen, kleine Stücke Tuch und

andre Geschenke hin, nahmen aber sämtliche Lanzen, etwa fünfzig an der

Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fünfzehn Fuß

lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Kähne

untersuchten, fanden wir, daß sie von allen, die wir bisher untersucht

hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der

Mitte durch hineingeklemmte Knüppel auseinandergehalten wurde, an den

beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf

nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten

Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nördlichen Landspitze

der Bai hinüber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt

hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir

einen kleinen Bach und ergänzten hier unsern Wasservorrat.

Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagen unberührt da. Als jedoch

die Holzfäller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord

zurückkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fässer anstaunten

und dann ihre Kähne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein

Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nähe der Wasserstelle, war aber

nicht zum Näherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren

Banks und Dr. Solander mit dem großen Netz in wenigen Zügen drei

Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden

Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hörten sie laut

rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre

Wälder zurück, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzündeten.

An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nächsten

Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken

taufte ich die südliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf

trat ich mit den Herren Banks und Dr. Solander und sieben Leuten

der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Hütten und

Lagerplätze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Kühnheit, womit

uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht,

mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flüchten und sich zu

verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklärten

diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schußwaffen, die sie von ihren

Verstecken aus aufmerksam beobachteten.

Die große Menge verschiedenartiger Pflanzen, die die Herren Banks

und Dr. Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die

Botanybai zu nennen; sie liegt in der südlichen Breite von 34 Grad und

in der westlichen Länge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist geräumig,

sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen,

gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten

in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln,

Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren,

da sie sich uns fernhielten.

Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten

bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Süden drehte, nach

Nordnordost längs der Küste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen

gegenüber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der

Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht

zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hügel und Ebenen, die ziemlich

waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne

Unfall an einer gefährlichen, klippenreichen Gegend zurückgelegt. An

einem Kap, das in der südlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in

der westlichen Länge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das

Verhängnis erreichen. Es war am späten Abend, als wir fast plötzlich in

12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter;

alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr

nahm die Tiefe plötzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff saß

kurz danach fest und senkte und hob sich knirschend mit den Wellen.

Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen

der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich

alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Größe der

Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wußte, daß wir fern von der

Küste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein

Wunder gerettet werden konnten. Ich ließ sogleich die Segel reffen, die

Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt

genug: die Wellen hatten das Schiff über den Rand der Klippe gehoben

und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil

aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der

Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen.

Dabei schlug es unaufhörlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter

von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein

jämmerlicher Anblick, der uns so erschütterte, daß wir die See bereits

als unser Grab betrachteten.

Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhängen. Wir

ließen das Wasser aus den Fässern laufen und heraufpumpen. Sechs

Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und

Steinen, Fässer, Krüge usw. warfen wir über Bord. Jedermann arbeitete

unermüdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten

nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrüßten wir den

jungen Tag. Wir sahen jetzt, daß wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt

waren. Zum Glück trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wäre

das Schiff in Stücke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, führten

wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls

es durch die Flut flott würde, über die Klippe zu heben. Allein zu

unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir

mußten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag über mit zwei

Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.

Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, daß die Flut sich einstellte, wir

machten aber auch gleichzeitig die fürchterliche Entdeckung, daß das

Leck sich immer mehr vergrößerte. Wir mußten unsre letzte Pumpe in

Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf.

Das Leck hatte sich aber so vergrößert, daß wir befürchten mußten,

nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu

sein. Wir wußten wohl, daß weder die Anzahl noch die Größe unsrer Boote

ausreichte, uns alle ans Land zu führen. Wir wußten, daß, wenn jener

fürchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote

entstehen würde. Wir wußten aber auch, daß das Los der Unglücklichen,

die mit dem Schiffe ihren Untergang finden mußten, im Vergleich mit dem

Schicksal, das die Schiffbrüchigen in diesem wilden Lande erwartete,

beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen,

daß er den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt kennengelernt hat.

Als der Augenblick sich näherte, der über unser Schicksal entscheiden

sollte, konnte jeder das, was er selber fühlte, auf dem Gesichte seiner

Leidensgefährten ausgedrückt finden.

Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren,

an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefähr 20 Minuten nach 10 Uhr

wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel

mit der äußersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der

Klippe glücklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden

wir, daß das Schiff hier nicht mehr Wasser einließ als auf der Klippe.

Und mit neuem Mut kämpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht

hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstündigem

Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die

Mutigsten verzweifelten an der Rettung.

Die Leute waren so übermüdet, daß sie es kaum länger als fünf Minuten

an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck

sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablösung rütteln mußte.

Als sich am Morgen herausstellte, daß das Wasser im Schiffsraum

nachgelassen hatte, schöpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit

frischen Kräften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei

wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbüßten.

Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um

die sich niemand bekümmerte.

Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glücklich wieder

unter Segel und steuerten dem Lande zu.

Durch beständiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar über

Wasser, aber auf die Dauer war diese schwere Arbeit unmöglich. Einer

meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu »füttern«, ein

Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff möglich war, von Virginien

nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese

Weise zu füttern. Ich gab ihm dazu die nötigen Mittel und Gehilfen,

und er ging nun in der Weise vor, daß er einen Brei aus Wolle und den

Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren

Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dünger bedeckte und dann das

Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte

und füllte, daß eine Pumpe genügte, um das Wasser zu bewältigen. Wir

faßten jetzt neuen Mut.

Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, daß das Schiff in

einer Stunde ungefähr 15 Zoll Wasser einließ. Das bedeutete keine

unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten

langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht,

daß ungefähr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege,

der so beschaffen sei, daß dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder

auf die Seite gelegt werden könne.

Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frühe den Anker. Zwei

Boote mußten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des

Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als

dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer

Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer

stärker zu wehen.

Es war ein Glück für uns, daß der Hafen so nahe war, denn das Schiff

parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht

ganz überwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich ließ daher

Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwächter aus, um mich beim

Einlaufen danach richten zu können. Ich fand die Einfahrt sehr schmal

und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst

aber wie geschaffen für unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht

über stürmte es so heftig, daß wir nicht wagen durften in den Hafen

einzulaufen; bei all unsrer Freude über unsre Errettung durften wir

doch nicht vergessen, daß eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen

uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag

über an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den

Anker zu lichten.

Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein

Zeichen, daß die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den

Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere

Feuer und sahen durch unsre Ferngläser vier Indianer, die diese Feuer

anzündeten. Der Zweck der Feuer war uns natürlich ein Rätsel. Der

Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte über Schmerzen

im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green

war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu.

Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne

Mühe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir

es an Seilen in den Hafen zogen und an der Südseite an einer Stelle,

wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine

Brücke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei

Zelte aufgeschlagen. Das eine war für die Kranken, das andre war für

die Schiffsvorräte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das

Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der

Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider

kam es leer zurück. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon.

Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, während Herr

Green andauernd gefährlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos

unfruchtbar und öde, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebäumen bedeckt.

Am folgenden Morgen ließ ich die vier Kanonen, die uns übriggeblieben

waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den Überlauf pflanzen.

Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans

Land; am Nachmittag wurden die Vorräte der Offiziere und die unterste

Reihe der Wasserfässer ausgeschifft, so daß im untersten Schiffsboden

nichts als die Kohlen zurückblieben.

Herr Banks war inzwischen über das Revier hinaus auf die andre Seite

des Hafens hinübergegangen; er traf hier große Flüge Tauben an, von

denen er etliche schoß, die ungemein schön waren.

Am 20. wurden der Pulvervorrat und der Steinballast ans Land geschafft.

Dadurch wurde das Schiff so erleichtert, daß es vorne nur noch 8 Fuß 10

Zoll und hinten 13 Fuß tief im Wasser lag. Ich ließ dann die Kohlen

vom Vorderteil des Schiffes, um diesen zu heben, nach dem Hinterteil

verbringen. Dabei zeigte sich, daß das Leck unter dem Kohlenraum war;

wir konnten hören, daß das Wasser ein wenig hinter dem Fockmast,

ungefähr drei Fuß vom Kiel entfernt, hereinschoß.

Ich mußte mich also dazu bequemen, den ganzen Schiffsraum leeren

zu lassen. Am 21. nachmittags um 4 Uhr war diese Arbeit geschehen,

worauf wir das Schiff an Seilen an eine Stelle hinzogen, wo es meines

Erachtens am bequemsten ans Land gelegt und das Leck verstopft werden

konnte. Vorne lag es nunmehr 7 Fuß 9 Zoll, hinten 13 Fuß 6 Zoll tief im

Wasser. Um 8 Uhr während der Flut ließ ich das Vorderteil herumwenden

und fest aufs Ufer ziehen. An verschiedenen Stellen des Schiffsbodens

entdeckten wir glatte Löcher; das Hauptleck aber war merkwürdigerweise

durch den Felsen, der es verursacht hatte, wieder verstopft worden,

indem das betreffende Stück vom Felsen abgebrochen und zum Glück für

uns in dem Loche steckengeblieben war.

Wir fanden bei dieser Untersuchung aber auch, daß die Fütterung

diejenigen Ritzen des Lecks, die das Felsenstück offengelassen

hatte, größtenteils verstopft hatte. Wir waren also wie durch ein

Wunder gerettet worden, denn das Leck war so groß, daß uns ohne

diese glücklichen Umstände alle Schiffspumpen der Welt nicht vor dem

Untergang gerettet hätten. Bei der ferneren Besichtigung entdeckten wir

noch, daß das Schiff auch sonst an seinem Boden beträchtlich Schaden

genommen hatte; vom Afterkiel fehlte ein Teil, auch waren Vordersteven

und Hauptkiel stark beschädigt. Das Hinterteil des Schiffes schien

nicht viel gelitten zu haben.

Meine erste Weltreise · 第 8 / 12 题