Um 9 Uhr gingen die Zimmerleute und Schmiede an ihre Arbeit, während

die Seesoldaten zur Taubenjagd abkommandiert wurden. Bei dieser

Gelegenheit entdeckten sie das Känguruh und, was für uns momentan

wichtiger war, einen Quellbach mit frischem Wasser. Mit dem großen

Netze fingen wir, obschon die See im Hafen von Fischen wimmelte,

nur drei Fische. Der Zimmermann war mit den Ausbesserungen an der

Steuerbordseite fertig; wir neigten also das Schiff auf die andre Seite

und zogen es aus Furcht, es möchte auf dem Grunde sitzen bleiben, 2 Fuß

tiefer ins Wasser. Am Abend erzählte ein Matrose, er hätte den Teufel

gesehen, und er beschrieb uns eine -- Riesenfledermaus.

Am 24. besserten die Schiffszimmerleute die Haut (d. i. die äußeren

Bretter) unter dem Backbordbug aus, und da fand sich denn, daß auch

zwei von den innern Planken durchgerieben waren. An diesem Tage sah ich

zum ersten Mal ein Känguruh. Ich ließ während der Ebbe das Hinterteil

des Schiffes untersuchen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Haut

durchgescheuert und der innere Boden gefährdet war. Dem konnte aber nur

durch eine gründliche Ausbesserung im Dock, wozu wir leider nicht in

der Lage waren, abgeholfen werden; ich veranlaßte daher die möglichen

Notausbesserungen. Der 25. wurde zum Wassereinnehmen, zur Besichtigung

der Taue usw. bestimmt. Auch wurden die Schiffszimmerleute an diesem

Tage mit ihren Arbeiten fertig.

Die Herren Banks und Dr. Solander benützten diesen Tag zu botanischen

Exkursionen im Walde; sie entdeckten dort Kohlbäume, Kokos und einen

Wildrenettenapfel, der nach Lagerung von einigen Tagen eßbar wurde

und wie eine mittelmäßig gute Pflaume mundete. Am folgenden Morgen

fingen wir an, das Hinterteil des Schiffes zu entlasten. Der Schmied

fuhr unverdrossen in seiner Arbeit fort, während der Zimmermann das

Schiff kalfaterte. Am Vormittag ruderte ich in der Pinasse den Hafen

hinauf, um zu fischen; ich fing aber nur 20-30 Fische, die ich an die

Kranken und Rekonvaleszenten austeilte. Die nächsten Tage war der

Fischfang so ergiebig, daß auf jeden Mann etwa 5 Pfund Fische kamen.

Die eingesammelten Gemüse ließ ich mit Erbsen kochen; dieses Gericht

in Verbindung mit delikat zubereiteten Fischen war uns allen ein

kulinarischer Genuß ersten Ranges.

Am 1. Juni gab ich dem ganzen Schiffsvolk Landurlaub. Die Ausflügler

sahen wohl viele Tiere, konnten aber keines erlegen. Da ich bei einem

Ausflug auf den an der südlichen Landspitze gelegenen Berg die Küste

mit Bänken und Untiefen wie besät fand, so erteilte ich dem Steuermann

den Auftrag, die Untiefen zu untersuchen und zu sondieren, ob es gegen

Norden nicht einen Kanal gebe, in dem wir sicher auslaufen könnten.

Auch an diesem Tage bekamen wir das Schiff trotz angestrengtester

Versuche nicht flott. Der Steuermann dagegen brachte gute Nachricht

zurück; er hatte tatsächlich einen Kanal zwischen den Untiefen

entdeckt, der nach der hohen See führte. Die Bänke bestanden aus

Korallenfelsen; viele davon waren, wie er mir erzählte, während der

Ebbe außer Wasser. Er selbst war auf eine solche Klippe gestiegen und

hatte dort eine Anzahl großer Muschel- und Schalentiere gesammelt, die

so groß waren, daß von einem solchen Tiere zwei Mann mehr als satt

wurden. Er erzählte, daß er in einer Bai im Norden, drei Seemeilen

von uns entfernt, einige Eingeborene bei der Abendmahlzeit überrascht

hätte, die bei seinem Erscheinen sofort geflohen wären.

Am nächsten Tag endlich gelang es uns, das Schiff flottzubekommen.

Da jedoch gleichzeitig eine Planke zwischen den Verdecken losriß und

dieser Schaden sofort ausgebessert werden mußte, so mußten wir das

Schiff wieder ans Land legen. Am nächsten Morgen ließ ich den Ballast

im Schiff wieder segelrecht verteilen, und am Nachmittag ließ ich das

Schiff selbst mit Hilfe der Flut auf eine Sandbank legen und während

der Ebbe ausbessern, worauf es zur Flutzeit wieder flottgemacht

wurde. Wir machten es dann segelfertig. In dieser Zeit fand Herr

Banks am Strand eine Menge angeschwemmter Früchte. Am 6. unternahm

er mit Herrn Gore und drei Matrosen einen größern Ausflug, von dem

er erst am 8. nachmittags zurückkehrte. Während der Nacht waren die

Ausflügler derart von Moskitos geplagt worden, daß sie nicht schlafen

konnten. Kurz nach Anbruch des Tages erblickten sie einige Känguruhs.

Zu Mittag kehrten sie nach dem Boote zurück und ruderten darin weiter

in das Revier hinauf. Als sie am Abend nach einem Lagerplatz Umschau

hielten, sahen sie in der Nähe Rauch aufsteigen. Sie eilten sofort

darauf zu, fanden aber niemand mehr an dem Feuer. Ärgerlich darüber,

daß die Wilden, mit denen sie gerne zusammengetroffen wären, entflohen

waren, kehrten sie zu der Sandbank zurück, auf der sie sich sorglos

niederlegten, ohne im geringsten an die Möglichkeit zu denken, daß die

Wilden sie beschleichen und im Schlafe ermorden könnten. Im Gegenteil,

sie schliefen, todmüde wie sie waren, fest bis tief in den Morgen und

kehrten dann, weil das Land dem Ansehen nach nicht viel versprach, nach

dem Schiffe zurück. Kurz nach ihnen traf auch der Steuermann ein und

brachte drei große Schildkröten mit, die zusammen fast acht Zentner

wogen.

[6] Die Ostküste von Australien.

Elftes Kapitel.

Verkehr mit den Australiern. -- Ihre Lebensweise. -- Ein Streit

und seine Folgen. -- Ausfahrt. -- Die Besitzergreifung von dem

neuentdeckten Lande. -- Die Eingeborenen und ihre Lebensgewohnheiten.

Am Nachmittag des folgenden Tages ließen sich sieben Wilde an der

Südseite unsres Reviers blicken; bei meiner Annäherung entflohen

sie. Am nächsten Morgen tauchten vier Wilde in einem Kahne bei der

nördlichen Landspitze auf, um dort mit der Fischgabel zu fischen.

Gewitzigt, wie ich durch meine Erfahrung mit diesen scheuen Gesellen

geworden war, ließ ich sie gewähren und nahm von ihrer Anwesenheit

scheinbar keine Notiz.

Meine Kriegslist hatte den gewünschten Erfolg, denn es dauerte nicht

lange, so kamen zwei von ihnen in ihrem Kahn auf Schußnähe an uns heran

und riefen uns in ihrer Sprache laut einige Worte zu, die wir natürlich

nicht verstanden. Ich machte ihnen beruhigende Zeichen und lud sie zu

uns an Bord. Sie kamen auch wirklich näher und deuteten uns an, daß sie

Waffen hätten, sich zu rächen, wenn wir ihnen ein Leid antun würden.

Als sie dicht am Schiffe waren, warfen wir ihnen Nägel, Glaskorallen,

kleine Stückchen Tuch zu, woraus sie sich anscheinend wenig machten.

Als ihnen jedoch einer unsrer Leute einen Fisch zuwarf, äußerten sie

ihre Freude und gaben uns gleichzeitig zu verstehen, daß sie auch

ihre Kameraden herbeiholen würden. Mittlerweile war Tupia mit einigen

Matrosen ans Land gegangen. Die Wilden kamen jetzt ganz dicht an uns

heran. Wir teilten an die Neuangekommenen einige Geschenke aus. Die

Gesellschaft ruderte dann ans Land, wo sie Tupia so weit brachte, daß

sie ihre Lanzen niederlegten und sich ihm ohne diese näherten. Er lud

sie durch Zeichen ein, neben ihm Platz zu nehmen, was sie auch taten.

Ich ging mit einigen Begleitern ebenfalls ans Land und beschenkte

die Wilden wiederum, um ihnen jedes Mißtrauen zu nehmen. Hierauf

unterhielten wir uns mit ihnen bis zur Essenszeit durch Zeichen; wir

luden sie dann ein, an Bord mit uns zu speisen, was sie ablehnten.

Kaum waren wir im Boote, so stiegen sie in ihren Kahn und ruderten

davon. Der eine der Wilden war ein älterer Mann, die drei andern

hingegen waren junge Leute; alle waren von Durchschnittsgröße, fielen

mir aber durch ihren zarten Gliederbau auf. Die Farbe ihrer Haut war

schwarzbraun, das Haar pechschwarz, kurz geschnitten und straff. Der

Leib war an verschiedenen Stellen mit einer roten Farbe angestrichen;

einer von ihnen hatte sich die Oberlippe und die Brust mit weißen

Streifen bemalt, die er »Carbanda« nannte. Die Gesichtsbildung der

Wilden war sehr angenehm, ihre Augen waren lebhaft, ihre Zähne weiß und

ihre Stimme wohlklingend und biegsam, so daß sie mühelos allerlei Worte

nachsprechen konnten.

Am folgenden Morgen erschienen drei von ihnen wieder bei uns; sie

hatten einen Vierten mitgebracht, den sie uns als Herrn Näpärico

förmlich vorstellten. Dieser Herr zeichnete sich durch einen sehr in

die Augen fallenden Schmuck aus; er hatte sich nämlich den Nasenknorpel

durchbohrt und trug in dem Loch einen fingerdicken Vogelknochen als

Zierat. Wir überzeugten uns, daß auch die Nasen seiner Genossen

durchbohrt waren. Auch die Ohrläppchen unsrer Gäste waren durchlöchert;

am Arme trugen sie als Schmuck ein Armband aus geflochtenen Haaren,

und obwohl sie sonst völlig nackt gingen, waren sie auf ihr Armband

besonders eitel. Ich schenkte einem von ihnen ein Stück von einem alten

Hemd; er band es sich als Turban um den Kopf. Unsre Gäste hatten uns

einen Fisch zum Gegengeschenk gebracht und schienen sich häuslich bei

uns niederlassen zu wollen. Als aber einer der Forschungsreisenden

ihren Kahn genauer untersuchen wollte, erschraken sie dermaßen, daß

sie augenblicklich in den Kahn hinabsprangen und eilig als ginge es auf

Leben und Tod davonruderten.

Am folgenden Morgen um 2 Uhr brachte Herr Gore in der Jolle drei

gewaltige Schildkröten und eine große Sole mit. Nach dem Frühstück

ruderte er wieder hinaus, um die Jagd auf Schildkröten fortzusetzen.

Drei Wilde wagten sich jetzt an Tupias Zelt heran; einer von ihnen

ruderte davon, um noch zwei andre zu holen, die er uns dann unter

Nennung ihres Namens vorstellte. Die Gesellschaft blieb den ganzen

Vormittag über bei uns; wir überzeugten uns bei dieser Gelegenheit, daß

die natürliche Hautfarbe der Herrschaften durch eine Schicht von Ruß

und Schmutz bedeckt war. Auf der gegenüberliegenden Landspitze ließ

sich eine nackte Frau mit einem Knaben blicken; wir bemerkten durch

unsre Ferngläser, daß ihre Arme und Beine ungemein zart und zierlich

geformt waren. Als sie ihre Neugierde befriedigt hatte, eilte sie

schnellfüßig davon. Einer von den Fremden trug ein Muschelhalsband, ein

Armband aus Schnüren und vor der Stirn als Schmuck ein Stück Baumrinde.

Die Sprache dieser Wilden klingt rauher als die der Südseeinsulaner;

sie wiederholten sehr oft das Wort »Tscherkau«, auch pflegten sie, wenn

ihnen etwas Neues in die Augen fiel, auszurufen: »Tscher tut, tut,

tut!«, wohl beides Ausdrücke der Überraschung und Verwunderung. Der

Kahn war nicht über 10 Fuß lang, aber mit einer Seitenrahme versehen

und ähnelte dadurch den Südseekähnen, war jedoch viel primitiver

gebaut. Ihre Lanzen glichen den Lanzen, die wir an der Botanybai

erobert hatten, doch hatten sie nur eine einzige, mit Widerhaken

versehene Spitze. In der Tat, eine fürchterliche Waffe!

Herr Gore erlegte am folgenden Tag ein »Känguruh«, wie es die

Eingeborenen nannten. Wir fanden das Fleisch dieses merkwürdigen

Wildes ungemein zart und wohlschmeckend. Damals lebten wir ziemlich

lukullisch: Tag für Tag Schildkrötensuppe, Schildkrötenfleisch,

ausgezeichnet mundende Fische, Känguruhfleisch in Hülle und Fülle.

Meist fingen wir die köstliche grüne Schildkröte in Exemplaren von 2-3

Zentnern Lebendgewicht; sie waren ungleich besser von Geschmack als

die, die wir in England zu essen bekommen hatten. Vermutlich rührt dies

daher, daß wir sie hier frisch erhielten.

Am 17. schickte ich den Steuermann wieder aus, um eine bequemere als

die bisher entdeckte Durchfahrt zu suchen. Ich selbst begab mich mit

den Herren Banks und Dr. Solander in den Wald. Tupia war daselbst

drei Indianern begegnet, die ihm dort einige wohlschmeckende Wurzeln

gezeigt hätten. Wir erhofften ein ähnliches Abenteuer, das uns mit den

Eingeborenen in nähere Beziehung bringen würde, dergestalt, daß sie uns

mit ihrem Hauswesen und ihren Frauen bekannt machen würden. Es dauerte

auch wirklich nicht lange, so bemerkten wir vier Wilde in einem Kahn.

Als sie uns erblickten, kamen sie ans Land und ohne Furcht auch so

dicht an uns heran, daß wir mit ihnen verhandeln konnten. Nachdem sie

eine Weile bei uns geblieben waren, entfernten sie sich. Wir folgten

ihnen in der Erwartung, daß sie uns in ihr Dorf führen und mit ihren

Frauen bekanntmachen würden, allein sie gaben uns durch Zeichen zu

verstehen, daß ihnen unsre Begleitung wenig zusage.

Am nächsten Tage kamen wieder einige der uns bereits bekannten Wilden

zu uns. Wir baten einen von ihnen, er möge uns zeigen, auf welche

Art sie ihre Lanzen zu schleudern pflegten; er war auch gleich dazu

bereit und schleuderte seine etwa acht Fuß lange Lanze, die mit

bewundernswerter Kraft und Schnelligkeit vier Fuß hoch über dem Boden

hinsauste und in einen fünfzig Schritte von uns entfernten Baum fuhr.

Hierauf lud ich die Gesellschaft an Bord, wo ich sie unter der Obhut

meiner Leute ließ, weil ich von innerer Unruhe getrieben mich durch

einen Blick auf die See davon überzeugen wollte, ob wir wirklich in

einem Klippenlabyrinth gefangensäßen. Ich bestieg daher mit Herrn Banks

einen hohen Berg, von wo wir uns davon überzeugen konnten, daß unsre

Lage weit gefährlicher war, als wir bisher geglaubt hatten. Denn wohin

der Blick auch fiel, überall zeigten sich drohende Klippen und Bänke.

Wir überzeugten uns durch den Augenschein davon, daß es keine andre

Ausfahrt nach der hohen See als die gab, die durch die krummen Kanäle

zwischen den Klippen hindurch führte. In diese Kanäle konnte man sich

aber ohne die größte Gefahr nicht wagen.

Wir kehrten in trüber Stimmung nach dem Schiffe zurück. Hier fanden wir

noch einen Teil der Eingeborenen vor, die höchst begehrliche Blicke

nach unsern Schildkröten warfen. Tags darauf kamen zehn Wilde von jener

Seite des Reviers her, wo diesmal sieben Weiber, alte und junge, in

ihrer paradiesischen Nacktheit so lange verweilten, als ihre Männer

bei uns an Bord blieben. Unsre Gäste hatten eine größere Anzahl Lanzen

als gewöhnlich mitgebracht; sie lehnten die Lanzen an einen Baum und

stellten eine Wache dabei auf, ehe sie an Bord kamen. Hier zeigte es

sich bald, daß sie es auf unsre Schildkröten abgesehen hatten, die sie

genau so wie wir zu würdigen wußten. Anfänglich baten sie uns durch

Zeichen, ihnen eine zu geben. Als man sich weigerte, gerieten sie in

Wut. Einer von ihnen wandte sich an Herrn Banks; als aber auch dieser

abwinkte, wurde der Wilde so zornig, daß er mit dem Fuße aufstampfend

ihm einen kräftigen Stoß versetzte. So versuchten sie vergebens der

Reihe nach bei jedem ihr Glück, der nach ihrer Meinung auf dem Schiffe

von Bedeutung war. Als sie endlich einsahen, daß ihre Bitten vergeblich

waren, versuchten sie mit Gewalt zwei Schildkröten über Bord in ihren

Kahn zu werfen, was ihnen jedoch gleichfalls verwehrt wurde. Daraufhin

verließen sie wütend das Schiff und ruderten dem Strande zu, wohin ich

ihnen mit Herrn Banks und sechs Matrosen zum Schutz unsrer daselbst

arbeitenden Leute folgte.

[Illustration: Kriegsboot der Neuseeländer. Nach einem alten Stiche.]

Kaum waren die Wilden am Strand, als sie ihre Waffen ergriffen, einen

Feuerbrand unter einem Pechkessel herausrissen und damit während ihrer

Flucht das trockene Gras in Brand setzten. Ehe wir uns ihres Treibens

und der uns drohenden Gefahr bewußt wurden, stand das dürre, fünf bis

sechs Fuß hohe Gras in Flammen, die mit ungeheurer Schnelligkeit um

sich griffen und Banks' Zelt sowie die Schmiede bedrohten. Es gelang

uns noch, das Zelt zu retten; die Schmiede jedoch wurde ein Raub der

Flammen. Auch versuchten die Wilden, unsre zum Trocknen aufgespannte

Wäsche und das große Netz zu verbrennen, indem sie auch hier das

Gras in Flammen setzten. Wir konnten jedoch die Gefahr abwehren und

sandten den Brandstiftern einen Schrotschuß nach, der einen von ihnen

verwundete. Unterdessen griff das Feuer den Wald an, in den sich die

Wilden geflüchtet hatten. Ich feuerte ihnen eine Kugel nach, worauf

sie sich zurückzogen. Kurze Zeit darauf vernahmen wir wieder Stimmen

im Walde. Ich ging daher mit Banks und einigen Seesoldaten dem Schalle

nach. Als wir die Wilden erblickten, hielten wir; sie sandten uns

einen Greis entgegen, der uns durch eine Rede beschwichtigen wollte.

Wir verstanden leider nicht, was er sagte. Nach dem Speech ging er zu

seinen Leuten, mit denen er sich dann zurückzog. Wir folgten ihnen

jedoch und bemächtigten uns bei dieser Gelegenheit einiger Wurfspieße.

Auf diese Weise verfolgten wir sie eine Meile, worauf wir uns auf

einem Felsen niederließen, von dem wir ihre Bewegungen aufs genaueste

beobachten konnten; die Wilden lagerten sich 300 Fuß von uns entfernt.

Nach einer Weile kam der Greis mit einer Lanze ohne Spitze wieder auf

uns zu. Wir gaben ihm Zeichen, daß wir ihnen nicht zürnten, worauf er

sich an seine Stammesgenossen wandte und sie veranlaßte, sich uns ohne

Waffen zu nähern. Zum Zeichen der Versöhnung händigten wir ihnen ihre

Lanzen wieder aus, worauf sie uns die Leute mit Namen vorstellten,

die wir noch nicht kannten. Wir teilten einige Kleinigkeiten, die

wir bei uns hatten, als Geschenke unter sie aus, worauf sie uns

versöhnt zum Schiffe folgten. Unterwegs gaben sie uns durch Zeichen

zu verstehen, daß sie das Gras nicht mehr anzünden wollten. Als sie

sich dem Schiffe gegenüber befanden, setzten sie sich nieder und waren

unter keinen Umständen zu bewegen, mit an Bord zu kommen. Wir schieden

daher von ihnen. Nach Verlauf von zwei Stunden gingen sie zurück.

Nicht lange nachher sahen wir den Wald in einer Entfernung von einigen

Meilen in Flammen aufgehen. Wir ließen uns den Vorfall, der leicht

zu einer Katastrophe für uns hätte werden können -- denn nur wenige

Stunden zuvor hatten wir unser Schießpulver an Bord zurückgebracht

-- zur Warnung dienen und nahmen uns vor, unsre Zelte künftig nur in

feuersichrer Gegend aufzuschlagen. Am folgenden Tage ruderte ich zur

Ebbe aus, um die Untiefen zu sondieren und Ankerwächter aufzustecken.

An diesem wie an den folgenden Tagen ließen sich keine Eingeborenen

blicken, aber die Gipfel aller Berge rings um den Hafen standen

die Nacht in Flammen und gewährten ein Schauspiel voll schauriger

Erhabenheit und Schönheit.

Da das stürmische Wetter, das uns bisher an der Abfahrt verhindert

hatte, immer noch anhielt, so machten die Herren Banks und Dr.

Solander täglich kleinere oder größere botanische Entdeckungsreisen.

Bei dieser Gelegenheit fingen sie ein weibliches Opossum nebst zwei

Jungen. Durch diese Entdeckung widerlegten sie die Meinung des Herrn

von Büffon, der Amerika für die Heimat dieser Tiergattung erklärte.

Unsre wilden Freunde ließen sich nicht mehr blicken. Nach ihren Feuern

zu urteilen hielten sie sich wenigstens sechs Meilen weiter innen im

Lande verborgen; wahrscheinlich fanden sie den Streich, den sie uns

gespielt hatten, für so unverzeihlich, daß sie dem Landfrieden nicht

mehr trauten.

Am 1. August fand der Zimmermann, daß die Pumpen angefault waren; wir

mußten uns daher in der Hauptsache auf die Dichtigkeit des Schiffes

verlassen, das in der Tat so gut ausgebessert war, daß es in der

Stunde nicht über einen Zoll Wasser einließ. Am 4. August gelang es

uns das Schiff herauszuziehen; um 7 Uhr gingen wir unter Segel. Um 12

Uhr ließ ich eines drohenden Unwetters wegen die Anker wieder fallen;

wir befanden uns fünf Seemeilen vom Hafen entfernt; wir blieben im

Sturme so bis zum 10. August liegen. Um 7 Uhr konnten wir die Anker

lichten. Ich hatte mich entschlossen, längs der Küste zu segeln und

einen Durchgang nach Norden zu suchen. Nach vielen Mühen und unter den

größten Gefahren gelang uns die Durchfahrt durch den engen, krummen

Kanal, an dessen Ende wir in 7½ Klaftern auf einem sichern Grunde vor

Anker gingen. Hier breitete sich der Kanal ziemlich aus; die Inseln,

die zu beiden Seiten lagen, waren eine Meile von uns entfernt. Wir

hofften endlich den Weg in das Indische Meer gefunden zu haben. Um

mich darüber vergewissern zu können, beschloß ich, auf einer der

Inseln zu landen. Als ich in Begleitung Banks' und Dr. Solanders

vom Schiff abstieß, erblickten wir ein Dutzend Eingeborene auf dem

Berge. Einer von ihnen war mit Bogen und Pfeil, die andern waren mit

Lanzen bewaffnet; auch bemerkten wir solche, die eine Halskette von

Perlmuttergegenständen um den Hals trugen. Drei der Wilden kamen zum

Strande herab, entfernten sich aber, als wir landeten. Wir kletterten

sogleich auf den Berg hinan, von dessen Gipfel ich mich davon

überzeugen konnte, daß ich hier den Kanal gefunden hatte, der nach dem

Indischen Meere führte.

Da ich der erste Europäer war, der an der östlichen Küste von

Neuholland vom 38. Breitegrad an bis hierher gekommen war, so ließ ich

die englische Flagge entfalten, taufte das Land mit allen Häfen und

Inseln Neusüdwales und nahm es im Namen Georgs III., meines Königs,

in Besitz. Wir feuerten drei Salven ab, die vom Schiff aus erwidert

wurden. Daraufhin kehrten wir zum Schiffe zurück und blieben die ganze

Nacht hindurch vor Anker liegen. Am Morgen sahen wir einige Eingeborene

am Strande Muscheln suchen; mit Hilfe der Ferngläser erkannten wir

in ihnen Weiber, die ganz nackt gingen. Um 10 Uhr lichteten wir die

Anker und steuerten südwestwärts und nach Westnordwest. Verschiedene

Anzeichen bestärkten mich in dem Gedanken, daß wir bereits den

Carpentariagolf im Norden Neuhollands durchquert hatten und die

Indische See vor uns liegen haben mußten. Die Frage, ob Neuholland

und Neuguinea zwei verschiedene Inseln wären, war gelöst. Die Straße,

die beide trennt, habe ich nach meinem Schiffe die Endeavourstraße[7]

genannt.

Im Verhältnis zur Größe von Neusüdwales scheint die Zahl seiner

Einwohner sehr gering zu sein; die größte Anzahl, die wir je beisammen

gesehen haben, beträgt nicht mehr als dreißig Personen. Dies war in

der Botanybai, als sich Männer, Weiber und Kinder auf einem Felsen

versammelten, um das Schiff im Vorbeisegeln zu betrachten. Selbst in

den Fällen, wo sie uns angreifen wollten und also Leute nötig hatten,

brachten sie nie mehr als 14 bis 15 streitbare Männer auf die Beine.

Auch sahen wir nie mehr als ein paar Hütten beieinander. Es ist wahr,

wir haben von dem ungeheuern Lande nicht mehr als die Küste gesehen,

allein es ist doch mehr als unwahrscheinlich, daß das öde Innere des

Landes reicher bevölkert ist als die der Ernährung günstigere Küste.

Ohne Ackerbau würden sich die Bewohner des Festlandes schwerlich

halten können; es ist aber nicht gut möglich, daß die Küstenbewohner

von diesem Ackerbau nichts wissen sollten. Wir haben an der Küste

nicht einen Fußbreit angebauten Landes gefunden; es läßt sich daher

mit großer Sicherheit die Behauptung aufstellen, daß das Innere des

Landes nur sehr spärlich bewohnt sein kann. Wir haben allerdings nur

mit einem Stamme der wilden Völkerschaften, die Neuholland bewohnen,

näheren Verkehr unterhalten. Das war in dem Hafen, wo wir unser Schiff

ausbesserten. Es waren alles zusammengenommen nur 21 Personen: 12

Männer, 7 Weiber, 1 Knabe und 1 Mädchen. Die Frauen haben wir nie

in der Nähe zu sehen bekommen, denn wenn die Männer über das Revier

kamen, ließen sie die Weiber und Kinder zurück. Die Männer waren von

mittlerer Größe, schön gebaut, gradgliederig, dabei stark, lebhaft

und gelenkig; ihrer Gesichtsbildung fehlte es nicht an Ausdruck, und

ihre Stimme war sanft, beinahe weiblich fein. Am ganzen Leibe waren sie

jedoch mit Schmutz so überzogen, daß ihre natürliche Hautfarbe nicht

mehr zu erkennen war. Wir tauchten den Finger in Wasser und rieben

und kratzten die Haut an einzelnen Stellen ab, aber es war unmöglich,

die Schmutzkruste, die sie so schwarz wie Neger machte, zu lösen; und

alles, was wir ermitteln konnten, war, daß ihre Haut ursprünglich

schokoladebraun gewesen sein mußte. Die Gesichtsbildung dieser Wilden

war nicht unangenehm; sie hatten weder platte, eingedrückte Nasen noch

dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne waren blendend weiß und klein, ihr

Haar, das sie kurz trugen, war schwarz und straff, verschiedentlich war

es leicht kraus, es war sehr klebrig, aber merkwürdigerweise frei von

Ungeziefer. Die Bärte, die sie ebenfalls kurz geschnitten trugen, waren

buschig und stark und pechschwarz wie die Haare. Wir sahen eines Tags

einen Mann bei uns, der einen längeren Bart als seine Genossen trug;

als er sich am nächsten Tage wieder einstellte, bemerkten wir, daß er

seinen Bart gekürzt hatte. Bei näherer Untersuchung fand sich, daß die

Spitzen des Barthaares abgesengt waren. Aus diesem Umstande, und weil

wir niemals ein Messer bei ihnen sahen, schlossen wir, daß sie ihre

Haare zu der von ihnen gewollten Kürze abzusengen pflegen.

Beide Geschlechter gehen ganz nackt, was ihnen sowenig unanständig

vorkommt, wie uns die Entblößung des Gesichtes und der Hände. Ihr

Hauptschmuck besteht in einem Vogelknochen, den sie durch den zu

diesem Zweck durchbohrten Nasenknorpel stecken. Wie diese unbequeme,

unschöne, schmerzhafte Mode unter ihnen entstehen konnte, konnten wir

nicht ergründen. Diese Mode, die ihnen ein schreckliches Aussehen

verleihen sollte, war ihnen selbst so lästig, daß sie den Knochen nur

bei besonderen Gelegenheiten in der Nase trugen, denn er ist 5 bis 6

Zoll lang, reicht über das ganze Gesicht, verstopft beide Nasenlöcher,

zwingt sie ständig den Mund offen zu halten und behindert sie sogar

derart im Sprechen, daß sie sich selbst kaum verstehen können. Der

Matrosenwitz taufte diesen Schmuckknochen »die blinde Rahe«, und wir

hatten Mühe ernst zu bleiben, wenn sich die Herren Wilden mit der

blinden Rahe in der Nase einstellten.

Als weitere Schmuckstücke tragen unsre Wilden noch Muschelhalsbänder,

Armbänder aus Schnüren am Oberarm, sowie eine aus Menschenhaar

geflochtene Schnur um den Leib. Die Gecken unter ihnen besitzen noch

Muschelbrustbänder, die von den Schultern über die Brust getragen

werden. Außerdem bemalen sie die Schmutzkruste ihres Körpers mit weißer

und roter Farbe; mit der roten schmieren sie sich große Flecken auf

die Schultern und die Brust; mit der weißen Farbe tragen sie schmale

Streifen, die über Arme und Beine laufen, und breite Bruststreifen

auf, die ziemlich genau gezeichnet sind. Auch legen sie sich weiße

Schönheitspflästerchen auf und malen sich weiße Ringe um die Augen,

was grotesk genug aussieht. Die rote Farbe war Bergrot, die körnigen

Bestandteile der weißen Farbe konnten wir zu unserm Bedauern nicht

analysieren.

So erpicht unsre Wilden auch auf ihren Schmuck waren, sowenig machten

sie sich aus unsern bunten Bändern, unsern Glaskorallen und anderm

europäischem Tand. Von Tausch und Handel hatten sie ebenfalls keine

Ahnung. Was wir ihnen gaben, nahmen sie, aber sie konnten nicht

begreifen, daß wir gegen unsre Geschenke auch etwas von ihnen im

Tausch haben wollten. Übrigens hielten sie ihren Schmuck in so hohem

Werte, daß sie ihn uns um alle Güter der Welt nicht überlassen hätten;

wir konnten tatsächlich für unsre Sammlung nicht das geringste von

ihnen erwerben. Die Gleichgültigkeit gegen unsre Schätze war auch die

Ursache, daß sie nichts stahlen. Hätte sie danach gelüstet, so würden

sie uns bestohlen haben, so aber warfen sie unsre Geschenke achtlos

in den Wald, wo sie Herr Banks wieder auffand. Die tiefen Narben, die

unsre Wilden, die sich einer kernigen Gesundheit erfreuten, an ihrem

Körper trugen, waren, wie sie uns durch Zeichen verständlich machten,

sogenannte Trauernarben, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer

Lieben selbst beibrachten.

Ihrem Charakter als Nomaden entsprechend bauen sich unsre Wilden so

erbärmlich primitive, unzulängliche Hütten, daß die der Feuerländer

wahre Paläste dagegen sind. Ihre Hütten sind kaum so hoch, daß ein

Mann aufrecht darin sitzen kann, und so ungenügend lang, daß sich

keiner darin lagern kann. In diesen elenden Löchern fanden wir sie

oft zu vieren, in gekrümmter Lage, die Knie am Kopf; vor der offenen

Seite ihrer Hütte, deren Wand stets gegen den Wind gerichtet war,

brannte zum Schutz gegen die Moskitos ein qualmiges Feuer; sie blieben

immer nur so lange an einem Orte, bis sie der Hunger vertrieb. In den

wärmeren Gegenden und auf den Inseln bauten sie ihre Hütten mit der

Öffnung gegen den Wind. Interessant ist, daß sie, obschon sie keinerlei

Kochgeschirre haben, doch das von ihnen erjagte Fleisch nie roh

verschlangen, und daß sie es mit frappanter Sicherheit verstanden, sich

Feuer zum Rösten ihres Wildes und ihrer Fische zu verschaffen. Um Feuer

zu erhalten, nehmen sie einen acht Zoll langen dürren Stock, den sie

spitzen. Mit dieser Spitze quirlen sie ein flaches Stück Holz so emsig,

daß das Holz in weniger als zwei Minuten glimmt. Den Funken wickeln sie

in eine Handvoll dürren Grases, und damit rennen sie gegen den Wind.

Dann geben sie das glimmende Büschel in die Streu; einige Sekunden

darauf brennt sie lichterloh. Auf diese Weise sahen wir sie oft an

verschiedenen Stellen Feuer anmachen; sie nennen das den Feuerlauf,

der ihnen gleichzeitig zur Unterhaltung dient. Wir beobachteten einen

solchen Feuerläufer und sahen, daß an jeder Stelle, wo er sich bückte,

um den Funken niederzulegen, bald eine Flamme loderte. Es schien uns,

daß die Wilden durch den Feuerlauf die Känguruhs, die sich vor dem

Feuer außerordentlich fürchten, durch dieses einkreisen, um sie desto

leichter zu erjagen; eine andre Erklärung des wegen der Dürre der

Grasflächen so gefährlichen Sportes fanden wir nicht.

Die Waffen unsrer Wilden bestehen aus Lanzen von verschiedener Größe

und Art. Wir sahen Lanzen mit vier Spitzen oder Zinken, die mit

Widerhaken versehen waren. Die einzelnen Spitzen waren mit einem harten

und glatten Harz überzogen, wodurch sie tiefer in den Gegenstand

eindringen, den sie treffen. In den nördlichen Gegenden der Küste

hat die Lanze, deren Schaft aus einem geraden Rohr besteht, nur eine

Spitze. Der Schaft ist aus mehreren Stücken in der Gesamtlänge von 8-14

Fuß zusammengesetzt, die Spitzen bestehen entweder aus Fischgräten oder

aus hartem Eisenholz. Wir sahen verschiedene Lanzen, die den Stachel

des Stechrochens als Spitze hatten; die Widerhaken waren sehr sinnreich

an den Stacheln befestigt. Die Widerhaken der Holzspitzen bestanden aus

scharfen Muschelstücken, die in das Holz hineingebohrt und mit Harz

befestigt waren. Erklärlicherweise ist diese Waffe außerordentlich

gefährlich, denn entweder bleiben die Widerhaken im Fleische stecken

oder die Wunde wird beim Herausnehmen des Geschosses furchtbar

zerfetzt. Mit der Hand werfen die Wilden 30 bis 60 Fuß weit, mit ihrem

Wurfstock dagegen bis auf 150 Fuß; sie treffen damit ihr Ziel ebenso

sicher wie wir mit unsern Gewehren. Außer diesen Lanzen besitzen sie

keine Offensivwaffen; wir sahen nur einmal in weiter Entfernung einen

Mann, der mit Pfeil und Bogen bewaffnet schien, allein wir können uns

auch geirrt haben; jedenfalls sind Pfeil und Bogen nicht allgemein im

Gebrauch. Als Schutzwaffe dient ein Schild aus starker Baumrinde; wir

fanden oft Bäume, an denen die Rinde genau in der Größe eines Schildes

herausgeschält war.

Die Kähne dieses Volkes sind ebenso primitiv wie ihre Hütten. An

der Botanybai bestehen sie aus Baumrinde, im Norden dagegen aus

ausgehöhlten Baumstämmen. Hier waren sie 14 Fuß lang, sehr schmal und

mit einem Seitenrahmen versehen, der das Umkippen verhinderte.

Auf welche Weise die Wilden, die keinerlei Werkzeuge besitzen, ihre

Bäume fällen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen; daß ihnen das

primitive, schlecht gearbeitete Steinbeil, in dessen Besitz wir sie

fanden, dazu diente, schien uns unglaublich. Zum Glätten ihrer Ruder,

Lanzen und Wurfstöcke bedienen sie sich der scharfen und rauhen Blätter

einer Feigenart, mit denen sie das Holz ebenso scharf angreifen wie

unsre Schreiner mit dem Schachtelrohr. Mit solchen Werkzeugen einen

Kahn zu bauen ist eine Leistung, die wir nicht genug bewundern konnten;

unser Schiffszimmermann hielt die Sache geradezu für unmöglich.

Durch welchen Umstand die Zahl der Eingeborenen, vorzüglich aber der

Weiber, in diesem Lande so zurückgegangen ist, daß man beinahe von

einem Aussterben sprechen kann, ist uns ein Rätsel geblieben. Ob sie

Kannibalen sind wie die Neuseeländer, ob sie durch Seuchen oder durch

Kriege so dezimiert wurden, wie sie es sind, konnten wir ebenfalls

nicht erfahren. Mit Ausnahme der zwei tapfern Wilden, die uns in

der Botanybai an der Landung verhindern wollten, betrugen sich uns

gegenüber fast alle Eingeborenen so scheu und feige, daß wir sie mit

dem besten Willen nicht für kriegerisch halten können. Auch fanden

wir unter ihnen niemand, an dessen Körper wir die Zeichen seiner

kriegerischen Tapferkeit entdeckt hätten. Jedenfalls schien uns der

Krieg nicht die Ursache des auffallenden Mangels an Menschen in diesem

Lande zu sein.

[7] Die heutige Torresstraße.

Zwölftes Kapitel.

Fahrt durch die Endeavourstraße. -- Abenteuer während der Fahrt.

-- Kranke an Bord. -- Savu. -- Kleinliche Schikanen. -- Sitten und

Gebräuche.

Ich hatte anfänglich die Absicht, so lange nach Nordwest zu steuern,

bis ich die südliche Küste von Neuguinea erreichte, wo ich einlaufen

wollte. Da ich aber auf diesem Wege gefährliche Klippen und Bänke

antraf, so änderte ich meinen Kurs, um tieferes Wasser zu finden, und

dies gelang mir auch nach Wunsch. Schon am Mittag segelten wir in einer

Tiefe von 17 Klaftern. Land war nirgends zu sehen; wir setzten unsern

Kurs bis Sonnenuntergang fort und fanden eine Tiefe von 23-27 Klaftern.

Als es Nacht wurde, kürzten wir die Segel und lavierten acht Stunden

gegen den Wind. Bei Anbruch des Tages setzten wir alle Segel auf und

steuerten erst gegen Westnordwest, dann gegen Nordwest, und zwar den

ganzen Tag über. Bei Sonnenuntergang kürzten wir die Segel wieder und

steuerten hart am Winde gegen Norden. Um 8 Uhr des Morgens wendeten wir

und steuerten gegen Süden; um 12 Uhr richteten wir unsern Kurs wieder

nach Norden; je weiter wir kamen, desto seichter wurde die See. Sobald

es Tag wurde, setzten wir alle Segel auf und steuerten auf die Küste

von Neuguinea hin. Die Wassertiefe war bis auf 12 Klafter gefallen. Am

Abend flatterte ein kleiner Vogel um das Schiff; als es dunkel wurde,

setzte er sich auf die Wand, wo wir ihn erhaschen konnten.

Wir setzten unsern Lauf gegen Norden bis zum 3. September fort, und

zwar hielten wir uns der Untiefen wegen der Küste von Neuguinea so

fern, daß wir sie vom Schiffe aus nur undeutlich sehen konnten. Unsre

wiederholten Landungsversuche schlugen fehl. Wir verloren so sechs

Tage, und da wir den südöstlichen Passatwind, der uns nach Batavia

führen sollte, nicht länger unbenützt lassen wollten, so beschlossen

wir, in der Pinasse ans Land zu rudern. Der Wind, der vom Lande wehte,

führte uns den Duft der Blumen und Baumblüten zu, so daß wir begierig

waren, die Vegetation des Landes zu untersuchen. Um 9 Uhr legten

wir in einer Entfernung von 3-4 Meilen von der Küste bei. Ich ließ

sofort die Pinasse aussetzen, ging mit Banks und Dr. Solander an Bord

und ruderte dann mit noch zwölf bewaffneten Leuten ans Land. Allein

das Wasser wurde so seicht, daß wir ungefähr 600 Fuß von der Küste

stecken blieben; wir ließen also das Boot unter der Obhut von zwei

Matrosen zurück und wateten ans Land. Wir hatten vorher noch keine

Anzeichen davon gefunden, daß das Land in dieser Gegend bewohnt wäre.

Jetzt entdeckten wir im Sande hart am Ufer Fußspuren, die noch frisch

waren. Da die Bewohner von Neuguinea von verschiedenen Reisenden als

kriegerisch, grausam und hinterlistig geschildert waren und der Urwald

ihnen die gefährlichsten Verstecke bot, so erforderte es die Klugheit,

vorsichtig zu sein, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen und vom

Boote abgeschnitten zu werden. Wir drangen daher nicht in den dichten

Wald ein, sondern gingen dem Waldsaum entlang bis zu einem Haine von

Kokosbäumen, die voller Früchte hingen. Unterhalb des Haines befand

sich, in der Nähe eines Baches mit salzigem Wasser, eine verlassene

Hütte; sosehr uns auch die Früchte locken mochten, sowenig schien

es uns ratsam, sie zu brechen. Nicht weit davon fanden wir einige

Bataten- und Brotfruchtbäume. Wir waren jetzt etwa eine englische Meile

vom Boote entfernt. Plötzlich, ehe wir uns dessen versahen, kamen

drei Indianer mit Kriegsgeheul aus dem Walde heraus auf uns zu. Der

vorderste schleuderte etwas nach uns, das wie Schießpulver brannte,

aber keinen Knall von sich gab; die beiden andern schleuderten ihre

Lanzen. Wir feuerten sofort mit Schrot auf sie, trafen aber anscheinend

niemand, denn wenn sie auch erschreckt stehenblieben, so warfen sie

doch wieder ihre Lanzen nach uns. Wir luden unsre Gewehre mit Kugeln

und feuerten zum zweitenmal. Wir mußten getroffen haben, denn sie

ergriffen jetzt in aller Schnelligkeit die Flucht, worauf wir uns

langsam nach dem Boote hin zurückzogen. Während wir der Küste entlang

schritten, machten uns die Leute im Boote darauf aufmerksam, daß etwa

1500 Schritte von uns entfernt auf einer Landspitze die Indianer sich

in großer Anzahl versammelten. Wir wateten sofort nach dem Boote,

während sie untätig auf der Landspitze blieben, ohne uns zu belästigen.

Als wir im Boote waren, ruderten wir auf sie zu; ihre Anzahl war etwa

auf hundert angewachsen. Mit Muße beobachteten wir sie und fanden,

daß sie viel Ähnlichkeit mit den Neuholländern hatten; sie waren von

derselben Größe, trugen die Haare wie jene und gingen vollständig

nackt. Die Hautfarbe schien etwas heller, ein Kaffeebraun zu sein.

Wahrscheinlich waren sie reinlicher als die Wilden der Botanybai.

Während wir vor ihnen hielten, forderten sie uns unter beständigem

Geheul heraus, wobei sie ihr Feuer abbrannten. Was das für ein Feuer

war, welchem Zweck es diente und wie es abgebrannt wurde, konnten

wir nicht sehen. Wir sahen nur, daß sie ein kurzes Rohr in der Hand

hielten und es ein paarmal im Kreise herumschwenkten, worauf aus dem

Rohre Feuer und Rauch hervorkamen. Obwohl kein Knall zu vernehmen

war, machte die Sache vom Schiff aus den Eindruck, als feuerten sie

richtige Gewehre ab; unsre Leute glaubten in der Tat, die Wilden hätten

Feuerwaffen. Nachdem wir sie in Muße betrachtet hatten, ohne uns durch

ihr Blitzen und ihr Geheul stören zu lassen, schossen wir unsre Gewehre

über ihre Köpfe ab. Als sie die Kugeln in den Bäumen rasseln hörten,

zogen sie sich langsam zurück. Wir ruderten dann nach dem Schiffe. Die

Lanzen, die sie nach uns geworfen hatten, bestanden aus Bambusrohr mit

einer Spitze aus Eisenholz, die mit Widerhaken versehen war. Die Wilden

schleuderten ihre Lanzen mit ungeheurer Kraft, denn obwohl sie fast 200

Fuß von uns entfernt waren, so flogen die Geschosse doch weit hinter

uns. Wir nahmen daher an, daß sie Wurfstöcke verwenden.

Als wir an Bord des Schiffes waren, ließ ich sofort westwärts steuern,

denn ich hatte keine Lust, meine kostbare Zeit noch länger an dieser

Küste zu verlieren. Das Schiffsvolk jubelte über diesen Befehl. Zu

meinem Leidwesen rieten mir meine Offiziere, eine Abteilung Matrosen

ans Land zu schicken und die Kokosbäume fällen zu lassen. Das wäre

nicht ohne Blutvergießen abgegangen; und wegen einiger Nüsse setze

ich kein Menschenleben aufs Spiel. Dergleichen blutige Auftritte sind

mir zuwider, und selbst wenn ich Mangel an allem gelitten hätte,

so wäre es mein letztes gewesen, Gewalt anzuwenden und Menschen zu

töten, um sie ihres Eigentums zu berauben. Auch fehlte es mir an der

Zeit, denn das Schiff war so leck, daß es noch fraglich war, ob wir

es nicht in Batavia gründlich ausbessern lassen müßten. Und dies war

der Hauptgrund, weshalb wir Eile nötig hatten. Außerdem hatten wir in

einer Meeresgegend, wo es nichts mehr zu entdecken gab, keine Zeit zu

verlieren.

Am 17. September erblickten wir morgens um 6 Uhr eine Insel in

Westsüdwest. Anfangs glaubte ich eine neue Entdeckung gemacht zu haben;

als wir aber um 10 Uhr an der Nordseite waren, sahen wir Häuser und

Schafherden auf der Insel, die von den Eingeborenen Savu genannt wird

und zu den Kleinen Sundainseln zählt -- für Leute in unsern Umständen

Grund genug einzulaufen. Und so beschloß ich denn, der Kranken wegen,

die mir nicht verzeihen konnten, daß ich vor Timor nicht beilegen

wollte, hier vor Anker zu gehen und mit den Bewohnern dieser Insel,

die mit allem, was wir so dringend nötig hatten, reichlich versehen

waren, in Verbindung zu treten. Die Pinasse wurde also ausgehoben, und

der zweite Schiffsoffizier Gore wurde abgeschickt, um einen Ankerplatz

für das Schiff ausfindig zu machen. Kaum war er fort, so erblickten

wir zwei Reiter, die das Schiff mit großem Interesse betrachteten. Aus

diesem Umstand schlossen wir, daß sich auf der Insel Europäer befänden,

wodurch wir uns aller Weitläufigkeiten enthoben wähnten. Unterdessen

landete Gore in einer kleinen, sandigen Bucht, an der etliche

Häuser standen. Wir beobachteten, daß ihm ein Dutzend Eingeborener

entgegenging. An Gestalt und Kleidung waren sie den Malaien ähnlich.

Auch trugen sie wie diese ein Messer im Gürtel. Einer von ihnen führte

einen Esel bei sich. Wir sahen, daß sie Herrn Gore freundlich einluden

ans Land zu kommen, und daß sie sich mit Zeichen verständlich zu machen

suchten. Kurz darauf kam er an Bord und teilte uns mit, daß es in

dieser Gegend keinen Ankerplatz für das Schiff gebe. Ich sandte ihn

wieder ans Land und gab ihm Geld und Waren mit, um einige Erfrischungen

für die Kranken einzukaufen. Dr. Solander ging zur Begleitung mit.

Inzwischen lavierte ich mit dem Schiffe hin und her; ich mochte

ungefähr eine Meile vom Land entfernt sein. Das Boot war noch nicht

am Lande, da erblickten wir zwei Reiter, von denen der eine ganz nach

europäischer Art gekleidet war; sie schienen ihre ganze Aufmerksamkeit

dem Schiffe zu schenken. Sobald Herr Gore und Dr. Solander aus dem

Boote stiegen, versammelten sich um sie einige Leute zu Pferd und eine

große Menge Fußgänger. Wir sahen, daß man ihnen einige Kokosnüsse ins

Boot trug, ein Anblick, der uns das Beste hoffen ließ.

Nach 1½ Stunden signalisierte uns Herr Gore, daß sich leewärts eine Bai

befinde, in der wir ankern könnten. Wir steuerten sofort dahin; das

Boot folgte uns, und die beiden Herren kamen an Bord. Gore berichtete,

daß er einige der Vornehmen des Landes gesprochen, und daß man ihm die

Kokosnüsse als Geschenk überreicht habe. Auch erzählte er, auf welch

umständliche Weise er von dem Hafen Nachricht erhalten hätte.

Um 7 Uhr des Abends erreichten wir die Bai und gingen daselbst eine

Meile weit vom Land in 38 Klaftern Wasser auf reinem Sandboden vor

Anker. Als wir um die nördliche Landspitze segelten, erblickten wir

eine Stadt, weshalb wir eine Flagge aufzogen. Es dauerte nicht lange,

so wurden in der Stadt gleichfalls Flaggen aufgezogen, und zwar zu

unsrer Verwunderung holländische; zur gleichen Zeit wurden drei

Kanonenschüsse abgefeuert. Bei Anbruch des folgenden Tages bemerkte

ich auf dem Strande uns gegenüber einige aufgezogene holländische

Flaggen. Da ich nun annehmen mußte, daß die Holländer hier eine Kolonie

hätten, so schickte ich Herrn Gore in großer Uniform ans Land, um dem

Statthalter oder dem Residenten unsre Aufwartung zu machen und ihm

zu melden, wer wir wären und was uns gezwungen hätte, diese Küste

anzulaufen.

An der Stelle, wo Herr Gore landete, fand er eine Wache von dreißig

Eingeborenen, die mit Musketen bewaffnet waren; der Befehlshaber

der Wache meldete sich und geleitete ihn mit wehender Fahne nach

der Stadt, wo er dem Rajah, d. i. dem Könige der Insel, vorgestellt

wurde. Gore stattete mit Hilfe seines portugiesischen Dolmetschers

seine Meldung ab: daß der Endeavour ein dem Könige von Großbritannien

gehöriges Kriegsschiff sei, viele Kranke an Bord habe und für

diese Kranken Erfrischungen aller Art einzukaufen wünsche. Der

Rajah erwiderte höflich, daß er persönlich gerne bereit wäre, uns

mit allem, was wir verlangten, zu versorgen; weil er aber mit der

Holländisch-Indischen Kompanie ein Bündnis abgeschlossen hätte, so

müsse er, ehe er mit uns in Handelsverbindung trete, dem Residenten

der Kompanie, der der einzige weiße Mann auf der Insel sei, Kenntnis

von unserm Anliegen geben. Er schickte sogleich einen Brief an den

Residenten, der in der Nähe der Stadt wohnte, während Herr Gore einen

Boten an mich abfertigte, um mir von dem Verlauf der Verhandlungen

Kenntnis zu geben. Nach einigen Stunden beantwortete der Resident

den Brief in Person, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß

er ein geborener Sachse war und Johann Christoph Lange hieß. Er war

der Reiter in europäischer Tracht, den wir vom Schiff aus beobachtet

hatten. Der Resident kam Herrn Gore außerordentlich liebenswürdig

entgegen und versicherte ihm, daß er seinerseits unsern Einkäufen in

jeder Weise förderlich sein werde. Auch äußerte er den Wunsch, das

Schiff zu besichtigen. Als der Rajah denselben Wunsch äußerte, erbot

sich Herr Gore sofort, die Herrschaften an Bord zu geleiten. Um 2 Uhr

erschien Gore mit seinen Gästen an Bord. Da unser Mittagsmahl gerade

zubereitet war, so luden wir sie ein daran teilzunehmen. Der Rajah

schien verlegen und meinte, er könne es nicht glauben, daß wir ihm

erlauben wollten, sich neben uns zu setzen, da wir doch weiße Männer

wären und er ein farbiger sei. Wir beruhigten ihn, und nun setzten

wir uns heiter und fröhlich zu Tisch. Um Dolmetscher waren wir nicht

verlegen. Dr. Solander verstand so viel Holländisch, sich mit dem

Residenten unterhalten zu können; einige unsrer Matrosen konnten

sich mit dem Rajah verständigen, der portugiesisch sprach. Unsre

Mahlzeit bestand aus Hammelfleisch, was den Rajah veranlaßte, sich ein

englisches Schaf auszubitten. Obwohl wir nur noch ein einziges Exemplar

an Bord hatten, wurde ihm die Bitte bewilligt; auch seine Bitte um

einen englischen Hund konnte erfüllt werden, indem ihm Herr Banks sein

Windspiel verehrte. Der Resident erhielt auf seinen Wunsch ein Fernglas

zum Andenken. Hierauf erzählten uns unsre Gäste von dem großen Reichtum

der Insel an Ochsen, Schafen, Schweinen und Federvieh, von dem wir so

viel erhalten könnten als wir gebrauchten. Der Becher kreiste öfter

als der Rajah und der Resident vertragen konnten; doch hatten sie so

viel Gewalt über sich, daß sie sich noch rechtzeitig entfernten. Unsre

Seesoldaten machten die Honneurs. Der Rajah wollte einige militärische

Übungen sehen. Man willfahrte ihm und ließ drei Salven abfeuern. Das

erste Mal, als er die Präzision bemerkte, womit die Soldaten den

Hahn spannten, anschlugen und feuerten, schrie er vor Bewunderung

laut auf. Als die Gäste vom Schiff abfuhren, wobei ihnen Herr Banks

und Dr. Solander das Geleite gaben, feuerten wir zu ihren Ehren neun

Kanonenschüsse ab.

In der Stadt wurden die Herren Banks und Dr. Solander von dem Rajah

mit süßem Palmwein bewirtet. Dieses Getränke ist nichts anders als

der Saft, der aus der angebohrten Palmknospe träufelt; er schmeckt

süß, aber nicht unangenehm. Dr. Solander verordnete ihn sofort unsern

Skorbutkranken, nachdem er zu diesem Zweck einige Krüge davon gekauft

hatte. Am nächsten Morgen stattete ich mit den Herren Banks und Dr.

Solander sowie den ersten Offizieren dem Rajah einen Gegenbesuch

ab, um gleichzeitig einige Ochsen, Schafe und Federvieh von ihm

einzuhandeln. Darauf besuchten wir die von der Holländisch-Indischen

Kompanie erbauten Gebäude. In dem größten trafen wir Herrn Lange

und den Rajah, der Ae Mädocho Lomi Dära hieß und diesmal mit seinem

ganzen Hofstaat erschienen war. Als wir dem Residenten vorschlugen,

einen Tauschhandel zu etablieren, wies er uns an die Eingeborenen und

empfahl sich unter irgendeinem Vorwand. Der Rajah lud uns zu Tisch

ein, was wir annahmen. Den Wein stellten wir. Das Essen bestand aus

Reis und Schweinefleisch, das auf verschiedene Weise zubereitet worden

war und in 36 Schüsseln aufgetragen wurde. Nach der Landessitte nahm

der Rajah nicht daran teil; ihn vertrat sein Premierminister. Auch

der Resident erschien wieder und wohnte der Festlichkeit bei. Die

verschiedenen Gerichte mundeten ausgezeichnet; auch die verschiedenen

Suppen, die dazu gereicht wurden, waren vorzüglich. Die aus Blättern

verfertigten Löffel, deren wir uns bedienen mußten, waren zu klein,

so daß nur wenige die Geduld besaßen, sich ihrer zu bedienen. Nach

Tisch begaben wir uns, um uns den Freuden des Weines zu ergeben, in

einen andern Raum, während die Matrosen unsre Plätze einnahmen, um die

Reste unsres Menüs zu verzehren, was ihnen unmöglich war, so reichlich

wurde aufgetischt. Die Frauen und Mädchen, die die Speisen auftrugen,

nötigten unsre Leute, das, was sie nicht verzehrten, mitzunehmen.

Wir aber saßen fröhlich beim Wein! Und da der Wein die Zunge löst

und das Herz fröhlich macht, so brachten wir das Gespräch wieder auf

unsre Angelegenheiten, den Einkauf von Ochsen usw. Unser sächsischer

Holländer setzte jetzt eine Amtsmiene auf und erklärte, von seinen

Vorgesetzten den Befehl erhalten zu haben, uns nur mit dem Nötigsten

zu versehen und einen längeren Aufenthalt nicht zu gestatten. Wir

hielten diesen Befehl für eine Fabel, ersonnen, uns zu brandschatzen,

und beschlossen dem vorzubeugen. In der Tat war das für uns bestimmte

Vieh vom Markte abgetrieben worden. Wir beschwerten uns sehr energisch

bei dem verräterischen Residenten, der uns scheinheilig vertröstete.

Der Rajah machte uns Hoffnung für den nächsten Tag, an dem wir wieder

auf dem Markt erschienen, wo ein kleiner Ochse angetrieben war, für den

fünf Guineen, zweimal soviel als das Tier wert war, verlangt wurden.

Wir boten drei und erhielten den Zuschlag unter der Bedingung, daß der

Rajah den Kauf gestatte. Dr. Solander war inzwischen zu dem Residenten

gegangen, um dort vorstellig zu werden; er kam in Begleitung von etwa

100 Bewaffneten zurück und meldete mir, daß uns der Rajah den Kauf

verbiete, weil wir seine Leute übervorteilten. Wir bezweifelten nicht,

daß dieser Befehl auf den Residenten zurückzuführen war, der sich auf

erpresserische Weise an uns bereichern wollte, was er am besten dadurch

zu erreichen hoffte, daß er die Eingeborenen vom Markt vertreiben ließ.

In diesem Augenblick erkannte ich den alten Premierminister des Rajahs

und sah ihm an, daß er das Verfahren des Vertreters des Residenten

mißbilligte. Ich begrüßte ihn und schenkte ihm einen Soldatendegen;

er nahm den Degen mit Entzücken, schwenkte ihn über dem Kopf des

Portugiesen und befahl ihm und dem Offizier der Wache, sich hinter

ihn zu setzen und ruhig zu sein. Ein Zeichen des alten Herrn, und der

Markt war mit einem Male wieder belebt. Wir konnten einkaufen und

eintauschen, was wir wollten; wir erhielten sogar im Tausch die größten

Ochsen gegen alte Flinten.

Savu ist von Osten nach Westen ungefähr acht Seemeilen lang und

überaus fruchtbar. Die Einwohner sind im großen und ganzen eher klein

als groß; besonders aber sind die Frauen klein und in einem gewissen

Alter untersetzt. Die Vornehmen sind von lichter, hellbrauner Farbe;

die Haut der gewöhnlichen Leute, die viel in der Sonne arbeiten, ist

fast so dunkel wie die der Eingeborenen von Neuholland. Die Männer

sind körperlich schön gebaut; ihre Gesichtsbildung ist verschieden.

Die Frauen dagegen sehen einander so ziemlich ähnlich; sie binden

ihr Haar nach hinten in einen dichten Busch zusammen, eine Mode,

die sie nicht verschönt. Die Männer tragen ihr langes Haar mit

einem Kamm auf dem Kopfwirbel zusammengesteckt; beide Geschlechter

epilieren ihr Haar unter der Achsel, die Männer sogar den Bart. Zu

diesem Zwecke tragen die Vornehmen eine kleine silberne Zange bei

sich, die an einer Zierschnur um den Hals hängt. Die Stutzer tragen

einen winzigen Schnurrbart, der die Hälfte der Oberlippe von der

Nasenwurzel aus bedeckt. Männer wie Frauen kleiden sich in blauen,

wolkenmäßig schattierten Kattun, den sie selbst weben. Zwei Stücke

Kattun in Länge von 6 und Breite von 5½ Fuß reichen zur vollständigen

Kleidung; das eine dient als Ober-, das andre als Unterkleid. Arme,

Beine und Füße bleiben unbekleidet. Die Frauen tragen ihr Haar frei,

während die Männer eine Art von Turban um den Kopf wickeln. Auffallend

ist ihre Vorliebe für Schmuck, echten und unechten. Die Vornehmen

tragen goldene oder vergoldete Ketten um den Hals, Ringe an den

Fingern, Korallenschmuck, Armbänder und Ohrgehänge von überladenem,

oft protzenhaftem Umfang. Die Söhne des Rajahs trugen als Zeichen

ihrer Würde Schlangenarmbänder um den Oberarm. Außerdem schmückten

sich Männer und Frauen mit Tätowierungen an den Armen; bei den Frauen

waren es meist Quadrate, bei den Männern Namenszüge. Die unverkennbare

Ähnlichkeit dieser Zeichen mit denen, die sich die Südseeinsulaner

einzutätowieren pflegen, war überraschend; über den Ursprung dieser

gemeinsamen Unsitte vermochten wir natürlich Bestimmtes nicht zu

erfahren; sie ist traditionell wie die Erbsünde.

Die Häuser auf dieser Insel sind nach einem System und je nach dem

Range und dem Vermögen ihrer Besitzer kleiner oder größer erbaut; sie

sind auf Pfeilern und Pfosten ungefähr 4 Fuß hoch über dem Erdboden

errichtet. Das schräge, mit Palmblättern gedeckte Dach reicht bis auf 2

Fuß gegen den Fußboden hinunter. In jedem Hause befindet sich ein von

den übrigen Räumen abgesondertes Frauengemach. Der Haustrunk auf Savu

und auf den übrigen Sundainseln ist der auf sinnreiche Weise von der

Fächerpalme gezogene Palmwein, der Toddy. Um ihn zu gewinnen, schneiden

die Eingeborenen die Knospen der geschlossenen Blüten auf, unter die

man kleine, aus Blättern so dicht geflochtene Körbchen hängt, daß

nichts hindurchtropfen und der aus den Knospen laufende Saft gesammelt

werden kann. Zur Einsammlung dieses Saftes sind gewisse Leute bestellt,

die morgens und abends auf die Bäume klettern und die Sammelkörbchen

in einen großen Behälter leeren. So groß auch die Quantitäten dieses

Weines sein mögen, die die Insel selbst verbraucht, so ist doch die

Ernte immer noch größer, weshalb der überschüssige Saft zu Syrup, der

Gula, eingekocht wird, deren heilende Wirkung wir an unsern Kranken

beobachten konnten. Mit Reis gemischt dient die Gula zur Mästung der

Schweine und des Geflügels. Die Blätter der Fächerpalme dienen zur

Herstellung von Körben, Bechern, Sonnenschirmen und -- Tabakspfeifen;

auch deckt man die Dächer damit.

Männer wie Frauen sind dem häßlichen und schädlichen Laster ergeben,

fortwährend Betel und Areka zu kauen, woran sie von Jugend auf gewöhnt

werden. Auch mischen sie Betel und Areka mit Muschelkalk und Tabak.

Der Tabak verpestet den Atem, und der Betel mit der Kalkmischung greift

die Zähne so an, daß sie bald einer ausgebrannten Kohle gleichen.

Ich habe junge Männer gesehen, die fast keine Zähne, sondern nur

noch ekle, schwarze Zahnstumpen im Munde hatten. Meines Wissens sind

viele Schriftsteller der Ansicht, daß es die zähe, faserige Hülse der

Arekanuß sei, was die Zähne so verdirbt, allein ich bin andrer Meinung.

Ich glaube entschieden, daß der Kalk die Schuld an diesem Übel trägt,

denn die Zähne sind nicht abgebrochen oder ausgebissen, wie es sein

müßte, wenn das beständige Kauen harter Gegenstände allein in Betracht

käme, sondern nach und nach abgefressen wie Metalle, die der Wirkung

starker Säuren ausgesetzt sind; ich kann nur der zerfressenden Wirkung

des ätzenden Muschelkalks die Schuld geben. Männer wie Frauen sind

auch leidenschaftliche Raucher; sie rollen den Tabak und stecken ihn

in ein 6 Zoll langes, aus einem Palmblatt verfertigtes Röhrchen. Da

sich in ein solches Röhrchen nur sehr wenig Tabak einfüllen läßt, so

schlucken sie, um seine Wirkung zu verstärken, den Rauch in die Lunge.

Mit Vorliebe tun das wieder die Frauen.

Der Resident versicherte uns, daß das Volk sehr tapfer und kriegerisch

sei, und daß die Rajahs der fünf miteinander verbündeten Fürstentümer

der Insel 2300 Mann mit Musketen, Spießen, Lanzen, Kriegsbeilen und

Schilden bewaffneter Krieger auf die Beine stellen könnten. Die Lanzen

sollen sie, wie er uns erzählte, so geschickt zu schleudern wissen,

daß sie auf 60 Fuß Entfernung das Herz des Feindes treffen. Inwieweit

dieses Zeugnis berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Wir haben nie

Leute mit Lanzen gesehen, und die Musketen waren in schlechtem Zustand,

außen zwar rein, aber innen vom Rost zerfressen. Von Kriegszucht war

bei den sogenannten Truppen keine Spur zu entdecken. Auf dem Marsche

liefen sie wie ein Haufen zusammengerottetes Volk einher; der eine

trug ein Huhn, der zweite Tabak, der dritte Waren, um sie zu Markt zu

bringen; in den Patrontaschen fehlten die Patronen. Die große Kanone

vor dem Pseudozeughaus lag auf einem Steinhaufen mit dem Zündloch nach

unten. Kriegerisch sah das alles nicht aus.

Die Sklaven gehören hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne

Vorwissen des Rajahs, d. h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezüchtigt

werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr

ausgeht, so trägt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff

meist von Silber ist; ein zweiter trägt den Betel- und Tabaksbeutel.

Der gewöhnliche Preis für einen Sklaven besteht in einem gemästeten

Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte,

eine ungereimte Art Heidentums. Jeder wählt sich seinen eigenen Gott.

Es gibt beinahe so viel Götter und Götzen als es Eingeborene auf der

Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf

mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter

ist verpönt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden

ausschließlich von dem Rajah gesühnt, dessen Urteil allein entscheidend

ist.

Dreizehntes Kapitel.

In Batavia. -- Todesfälle. -- Ungesundes Klima. -- Tupia stirbt.

-- Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. -- Nationallaster. --

Sklaverei. -- Abreise.

Am 21. September 1770 gingen wir am frühen Morgen unter Segel und

steuerten längs der Küste von Savu westwärts. Am 26. um 7 Uhr abends

befanden wir uns in der Breite, in der das Vorgebirge von Java liegt.

Trotzdem sah ich kein Land; ich richtete daher meinen Lauf nach

Ostnordost. In der Nacht zum 1. Oktober bekamen wir ein Gewitter

mit heftigem Donner und Blitz. Mitternacht, als ein fürchterlicher

Blitzstrahl Himmel und Meer erhellte, sahen wir Land im Osten. Um 6

Uhr morgens lag das westliche Ende von Java nur noch fünf Seemeilen

im Südosten. Am 2. Oktober früh 4 Uhr liefen wir hart an die Küste

von Java hinein, sodann steuerten wir längs des Landes hin. Am Morgen

schickte ich ein Boot ab, um einige Früchte für den schwer erkrankten

Tupia und Heu für das Vieh einzuhandeln. Nach zwei Stunden kam es mit

dem Verlangten zurück. Die Küste war so mit Bäumen bewachsen, daß es

wie ein einziger Wald aussah und einen herrlichen, zauberhaft schönen

Anblick gewährte. Um 11 Uhr sahen wir zwei holländische Schiffe auf der

Höhe der Angerspitze liegen. Ich schickte meinen ersten Offizier Hicks

aus, um Neuigkeiten aus unserm Vaterland einzuholen, von dem wir so

lange nichts gehört hatten. Es war nicht viel, was er zu hören bekam.

Endlich kamen wir nach einigen Kreuzfahrten glücklich auf der Reede

von Batavia vor Anker. Hier fanden wir den englischen Ostindienfahrer

»Harcourt« und zwei englische Kauffahrteischiffe, dreizehn große und

viele kleinere holländische Schiffe vor Anker liegen. Kaum waren wir

angelangt, so wurde von einem Schiffe her, das einen Kommandowimpel

führte, ein Boot an uns abgefertigt. Der Offizier, der es befehligte,

befragte uns, wer wir seien und woher wir kämen, und kehrte dann mit

der Antwort sofort an Bord seines Schiffes zurück; er und seine Leute

sahen so blaß aus wie Gespenster: eine traurige Vorbedeutung von den

Leiden, die wir in einem so ungesunden Lande ausstehen sollten! Kurz

darauf sandte ich einen Leutnant an den Statthalter ab, um ihm unsre

Ankunft mit dem Ausdruck des Bedauerns zu melden, daß wir ihn nicht wie

üblich mit neun Kanonenschüssen begrüßt hätten. Hierauf überreichte mir

der Schiffszimmermann den offiziellen Bericht über die Havarien des

Schiffes, den ich einem Gesuch an den Statthalter beilegte, das Schiff

in der Reede kielholen und reparieren zu dürfen; sodann gingen wir alle

ans Land.

Wir begaben uns sofort zu Herrn Leith, einem angesehenen Engländer, um

ihn um Rat zu fragen. Herr Leith empfing uns sehr höflich und behielt

uns zu Tisch bei sich. Wir fragten ihn, wo wir am besten in der Stadt

wohnen könnten. Er teilte uns mit, daß es einen Gasthof in Batavia

gebe, in dem alle fremden Kaufleute wohnen müßten; da wir jedoch einem

königlichen Schiffe angehörten, so bezweifle er nicht, daß uns der

Statthalter erlauben würde nach freier Wahl zu wohnen. Herr Leith

meinte, wir könnten uns besser und billiger einrichten, wenn wir in

der Stadt ein Haus mieteten und uns zur Bedienung einige Leute vom

Schiff aussuchten. Da wir aber niemand an Bord hatten, der sich mit den

Eingeborenen wegen des Einkaufs von Lebensmitteln hätte verständigen

können, so zogen es unsre Freunde vor, im Hotel zu wohnen. Um 5 Uhr des

Nachmittags wurde ich dem Statthalter vorgestellt und mit Auszeichnung

empfangen. Er sagte mir, daß ich alles erhalten würde, dessen ich

bedürfte; die Petition aber werde er dem Staatsrat unterbreiten, dem

er mich vorstellen würde. Um 9 Uhr des Abends brach ein fürchterliches

Gewitter mit Sturm, Donner und Blitz über uns herein. Der Blitz

spaltete den großen Mast eines holländischen Schiffes, das in unsrer

Nähe lag, und schleuderte ihn über Verdeck. Wir würden das nämliche

Schicksal erlitten haben, wenn wir nicht kurz vorher eine elektrische

Kette aufgehängt hätten, in die der Strahl schlug. Der Blitz fuhr

jedoch die Kette entlang ins Wasser, ohne das Schiff zu beschädigen.

Wir empfanden nur einen gewaltigen Stoß. Die Kette sprühte Funken,

und einer Schildwache, die in diesem Augenblick ihr Gewehr lud, wurde

dieses aus der Hand geschleudert und der Ladestock zerschmettert.

Von dem Staatsrat erhielt ich am nächsten Morgen persönlich die

Zusicherung, daß ich alles, was ich nötig hätte, erhalten sollte.

Da es Herrn Banks im Gasthof zu unruhig war, so mietete er nebenan

für sich und seine Freunde ein Privathaus; sobald er sich darin

eingerichtet hatte, ließ er den kranken Tupia von Bord holen, dem er

nebst Tayeto hier ein Zimmer anwies. Als Tupia die Stadt sah, lebte er

wieder auf; er promenierte gern und viel in den Straßen und sah sich

alles mit dem größten Interesse an. Als er wahrnahm, daß hier jedermann

in seiner Landestracht erscheint, so ging er nur noch in der seinigen

aus und wurde deshalb vielfach für Otourou gehalten, den Insulaner, den

Herr von Bougainville seinerzeit aus Otahiti mit sich nach Frankreich

nahm.

Die Kosten, die die Ausbesserung und die Ausrüstung des Schiffes

erforderten, nötigten mich Gelder aufzunehmen. Der Generalstatthalter

streckte mir die Summe, die ich brauchte, aus der Kasse der Kompanie

vor, worauf ich das Schiff auf die Werft brachte. Unterdessen machte

sich das mörderische Klima über uns her. Der erste, der schwer

erkrankte, war Tupia; Tayeto bekam eine Lungenentzündung; zwei Bediente

des Herrn Banks wurden bettlägerig, und bei den Herren Banks und Dr.

Solander stellten sich schwere Fiebererscheinungen ein. Nach wenigen

Tagen war fast jedermann von uns krank. Dies rührte ohne Zweifel

von der niedrigen, sumpfigen Lage des Ortes und von den unzähligen,

unreinen Kanälen her, die die Stadt nach allen Richtungen hin

durchziehen. Tupia war der erste, der sich wieder nach der reineren

Seeluft sehnte. Herr Banks ging mit ihm nach dem Kuyporeiland und

errichtete ihm bei der Schiffswerft ein Zelt. Auch pflegte er ihn

so lange, bis er selbst so schwach wurde, daß er kaum mehr gehen

konnte. Dr. Solander brach ebenfalls zusammen, und unser Schiffsarzt

Monkhouse konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 5. November, an

dem Tage, wo das Schiff umgelegt wurde, starb der arme Monkhouse, ein

einsichtsvoller Arzt und uns allen ein treuer Freund. Ein furchtbarer

Schlag für uns. Herr Banks war so schwach, daß er nicht einmal dem

Leichenbegängnis beiwohnen konnte. Der Tod kam uns allen sichtbar

näher, und wir konnten ihm nicht entfliehen. Am 9. November starb

Tayeto, dessen Tod unsern armen Tupia so furchtbar hart traf, daß wir

an seinem Aufkommen zu zweifeln begannen.

Der Boden des Schiffes war unterdessen genau untersucht worden. Der

Afterkiel fehlte bis auf eine Kleinigkeit; der Hauptkiel war schwer

beschädigt; ein großer Teil der Schiffshaut fehlte, und viele von den

inneren Planken waren derart abgescheuert, daß sie kaum mehr einen

achtel Zoll dick waren. Auch die Würmer hatten ihr Zerstörungswerk

begonnen und die Rippen angefressen. In diesem trostlosen Zustand war

das Schiff viele Hunderte von Seemeilen über den Teil des Weltmeers

gesegelt, der für die Schiffahrt als der gefährlichste gilt. Welches

Glück, daß wir nicht wußten, daß unser Schiffsboden noch dünner als

eine Schuhsohle war, daß zwischen uns und dem bodenlosen Abgrund

des Korallenmeers nur diese dünne Scheidewand war! Und allen diesen

Gefahren waren wir entgangen, um hier am Lande eines elenden Todes zu

sterben!

Die Herren Banks und Dr. Solander waren so krank, daß der Arzt ihnen

als einziges Rettungsmittel Luftveränderung vorschrieb. Wir mieteten

ihnen ein Landhaus zwei Meilen von der Stadt entfernt und kauften

ihnen auf ihren Wunsch zwei malaiische Sklavinnen als Pflegerinnen.

Kurz nach der Übersiedelung der beiden Herren starb zu unser aller

Leidwesen der arme Tupia, der sich von dem Verluste seines jungen

Freundes nicht mehr erholen konnte. Zum Glück wirkten die Seeluft und

der Landaufenthalt bei unsern andern Kranken; die Herren Banks und

Dr. Solander erholten sich zusehends. Während sie genasen, erkrankten

andre, so daß von der ganzen Besatzung kaum zehn Mann imstande waren

Dienst zu tun. Auch ich konnte mich vor Fieber nicht mehr aufrecht

halten. Desungeachtet fuhr ich fort, das Schiff auszurüsten und den

nötigen Proviant einzuhandeln. Am 26. November stellte sich nach

einem furchtbaren, wolkenbruchartigen Unwetter der Passatwind ein.

Der Regen durchströmte unser Landhaus wie ein Sieb; und in den untern

Zimmern wütete das Wasser wie ein Bach, der ein Mühlrad hätte treiben

können. In der Stadt war es nicht anders. Alles war überschwemmt. Auf

diese Weise stellte sich die Regenzeit ein; doch gab es noch schöne

und heitere Tage. Die Frösche, die hier zehnmal lauter quaken als die

europäischen, waren uns zu gute Wetterpropheten, und die Moskitos, die

in der heißen Jahreszeit lästig genug waren, wurden zur Landplage; sie

schwärmten aus ihren Pfützen und Tümpeln in solcher Unzahl, daß man

sich ihrer kaum erwehren konnte. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles.

Am 8. Dezember war das Schiff ausgebessert, die Kranken waren an

Bord, und wir liefen die Reede hinauf. Hier ankerten wir bis

zum 24. Dezember, um das Schiff vollständig auszurüsten und zu

verproviantieren. Wir wären früher fertig geworden, wenn uns nicht

Krankheiten und Todesfälle heimgesucht hätten.

Am Nachmittag verabschiedete ich mich von dem Statthalter und den

angesehensten Bürgern, die uns während unseres Aufenthalts in Batavia

so gastfreundlich begegnet waren. Weihnachten feierten wir am Lande; am

Abend des ersten Feiertags gingen wir alle an Bord, und am 26. Dezember

früh 6 Uhr lichteten wir die Anker. Der englische Ostindienfahrer

Elgin, Kapitän Cook, ein Namensvetter von mir, mit dem wir sehr frohe

Stunden verlebt hatten, begrüßte uns mit dreimaligem Hurra und dreizehn

Kanonenschüssen; das Fort brachte einen Salut von vierzehn Schüssen.

Beide Grüße erwiderten wir mit Hilfe unsrer Drehbassen.

Wir waren aber kaum an den letzten Schiffen vorüber, als der Wind sich

drehte und uns zwang, bis zum nächsten Tag vor Anker zu gehen. Zu

dieser Zeit belief sich die Anzahl unsrer Kranken an Bord auf vierzig

Mann, und der Rest war kaum genesen. Mit Ausnahme des Segelmachers,

eines Jünglings von ungefähr 75 Jahren, waren wir alle mehr oder minder

krank; der gute Knabe war aber während unseres ganzen Aufenthalts in

Batavia niemals so nüchtern gewesen, daß er selbst hätte wissen können,

ob er die Malaria hatte oder nicht; jedenfalls hat er sie weggeekelt,

während wir im ganzen sieben Genossen ans Grab zu begleiten hatten. Von

diesen fielen sechs dem Klima zum Opfer, während der arme Tupia mehr

seiner veränderten Lebensweise unterlag.

Batavia, die Hauptstadt der holländischen Kolonien in Java, ist, was

die Kanäle betrifft, ein zweites Holland, ein zweites Venedig. In der

heißen Jahreszeit aber verpesten diese Kanäle mit ihrem stagnierenden

Wasser die Luft; in der Regenzeit überschwemmen sie die niedriger

gelegenen Stadtteile mit ihrem Schlamm und ihrem Kot und sind beinahe

stets mit Tierleichen gefüllt. Tote Hunde und Pferde bleiben so lange

liegen, bis sie von einer zufälligen Überschwemmung abgetrieben werden.

Ich sah hier einen toten Ochsen über acht Tage lang im Hauptkanal

umhertreiben. Daher auch die ungesunden Verhältnisse von Batavia, die

so mörderisch sind, daß, wie man uns sagte, von hundert Soldaten,

die aus Europa hier anlangen, kaum fünfzig das erste Jahr überleben

und kaum zehn dienstfähig sind. Dieser Bericht kann zwar übertrieben

sein, allein die Gespenster, die wir hier mit einem Gewehr herumlaufen

sahen, bestätigen die traurige Wahrheit des Gesagten. In ganz Batavia

haben wir keinen wirklich gesunden Mann getroffen; auch die Frauen

sahen alle blaß und krank aus. Man nimmt hier die Arzneien fast

gewohnheitsmäßig ein und spricht vom Sterben wie von einer alltäglichen

Sache. Die Eingeborenen verbrennen eine Unmasse von wohlriechendem Holz

und Harzen und sind die üppigsten Blumenzüchter, die man sich denken

kann; vermutlich sollen ihnen die Wohlgerüche als Gegengift gegen die

mephitischen Ausdünstungen ihrer Gruben und Kanäle dienen.

Wir sahen zwar viele weiße Frauen, aber kaum zehn waren geborene

Europäerinnen; doch stammten die meisten von Europäern ab.

Merkwürdigerweise schadet das Klima den Frauen weniger als den Männern.

Diese Kreolinnen ahmen jedoch die Gebräuche der Malaiinnen so sehr

nach, kauen Betel wie sie und tragen Kleidung und Haar so sehr nach der

Mode der Eingeborenen, daß man sie nur an der Hautfarbe erkennen kann.

Die Bevölkerung selbst besteht aus Holländern, Portugiesen, Chinesen,

Malaien und Negern. Die Chinesen treiben meist Handelsgeschäfte;

sie sind in der Tat die rührigsten Kaufleute, die man sich denken

kann, und ohne sie ist hier kein Geschäft möglich. Die Portugiesen,

die Java bevölkern, haben sich mit den Javanern so sehr vermischt,

daß man sie nur an der Hautfarbe von ihnen unterscheiden kann. Die

Malaien sind meist als Sklaven von den benachbarten Inseln importiert

und später freigelassen worden. Als Mohammedaner nennen sie sich die

Rechtgläubigen, die Isalams, was sie aber nicht hindert, sich durch

Opiumhandel zu bereichern, Betel und Areka zu pflanzen und die Laster

ihrer alten Heimat getreulich beizubehalten. Die eigentlichen Javaner

sind mit den Isalams verschmolzen. Männer wie Frauen verwenden trotz

des Betelkauens auf die Pflege ihrer Zähne die größte Sorgfalt, indem

sie die Zähne gleichlang abfeilen und eine Rinne in die obere Zahnreihe

schneiden, die mit dem Zahnfleisch parallel läuft. Allgemein frönen sie

dem Laster des Opiumrauchens so sehr, daß unter ihnen eine besondere

Art von Wahnsinn herrscht, den man das Amoklaufen nennt. Wenn jemand

Amok läuft, so ist er vogelfrei, man kann ihn niederschlagen wie einen

tollen Hund, denn er ist nichts anders als ein Tobsüchtiger, der sich

mit Opium zu einem Mord berauscht, rasend auf die Straße läuft und nun

unterschiedslos jedermann anfällt, der ihm begegnet. Wir sahen einen

wohlhabenden Mann Amok laufen aus Eifersucht auf seinen Bruder, den er

in seinem Blutrausch tötete. Diese Mordmanie ist so verbreitet, daß

die Gerichtsdiener eigene Fangapparate, große Gabelzangen, mit sich

herumtragen, um die Amokläufer, die ihr Leben teuer genug verkaufen,

unschädlich zu machen. Die gefangenen Amokläufer werden unmittelbar

nach ihrer Verhaftung auf dem Schauplatz ihres ersten Mordes ohne Gnade

lebendig gerädert.

Merkwürdig ist, daß die Javaner, obwohl sie meist Mohammedaner sind,

den Teufel als den Urheber alles Übels anbeten und ihm in der Not

sogenannte Versöhnungsopfer darbringen. Auch glauben sie, daß manche

Menschen einen Sandura, d. h. ein Krokodil, als Zwillingsbruder hätten.

Die Familie, in der sich eine solche Geburt ereignet haben soll,

trägt ihrem Sandura im nahen Fluß so reichlich Nahrungsmittel zu, daß

sie selbst oft darunter notleidet; denn eine Vernachlässigung dieser

Pflicht wird unnachsichtlich mit einem Krankheits- oder Sterbefall

in der Familie geahndet. Eine junge Sklavin, die unter Engländern

erzogen worden war, erzählte Herrn Banks, ihr Vater habe ihr auf seinem

Totenbett entdeckt, daß er ein Krokodil zu seinem Sandura hätte, und

habe ihr aufgetragen, die Bestie zeit ihres Lebens zu füttern. Sie

gehe daher jeden Tag an den Fluß, um ihren Oheim zu füttern. Gegen

die Macht dieses Aberglaubens helfen keine Vernunftgründe. Die Leute

glauben so fest an die Mythe vom Sandura, daß sie an gewissen Festtagen

gemeinsam hinausrudern, um ihre gefräßigen Verwandten mit Fleisch,

Betel und Tabak zu regalieren.

Nächst den Chinesen, die in einem besondern Quartier wohnen und allen

ihren Nationallastern, dem Opiumrauchen und dem Spiele frönen, sind in

Batavia die Sklaven am zahlreichsten. Jedermann hält sich zu seiner

Bedienung Sklaven, und wo man einen Holländer, einen Portugiesen oder

einen Isalam sieht, er sei vornehmen oder geringen Standes, reich oder

arm, so sieht man ihn in Begleitung seiner Sklaven. Man führt sie aus

Sumatra und den östlichen Provinzen ein. Die Javaner selbst sind durch

die Gesetze und schwere Strafen vor der Leibeigenschaft und dem Lose

geschützt, als Sklaven in dem Lande zu leben, dessen Herren sie einst

waren; eine gesetzgeberische Maßnahme, die ihrem trägen Sinne wenig

zusagt, zumal da die Sklaven hier ein Leben wie in Arkadien führen

und die faulste Menschensorte unter Gottes Himmel sind. Für einen

Sklaven zahlt man in Batavia zehn bis zwanzig Pfund Sterling, für ein

Mädchen, wenn es schön ist, bis zu hundert Pfund. Man hat Sklaven aus

allen Völkerschaften. Berüchtigt sind die Negersklaven aus Afrika, die

man hier Papuas nennt; sie sind Diebe und unverbesserliche Faulenzer.

Nicht viel besser sind die Sklaven von der Insel Celebes, die sich

nicht nur durch ihre Faulheit, sondern auch durch ihren rachsüchtigen

Charakter auszeichnen. Die zuverlässigsten Sklaven kommen aus Bali, die

schönsten Sklavinnen aus Bias, einer kleinen Insel bei Sumatra. Leider

sind diese Mädchen körperlich so zart, daß sie dem mörderischen Klima

von Batavia leicht erliegen. Die Sklaven stehen unter der Strafgewalt

ihrer Herren; wer jedoch seinen Sklaven so mißhandelt, daß er daran

stirbt, verfällt der Todesstrafe. Daher züchtigen die Sklavenhalter

ihre Leute nicht selbst, sondern sie überlassen das dem Marineu, einer

Gerichtsperson, der es obliegt, den Straßenfrieden zu wahren, die

Amokläufer einzufangen und straffällige Sklaven zu züchtigen. Dies

besorgt jedoch der Marineu nicht selbst, sondern er läßt es von seinen

Sklaven ausführen. Die Sklaven werden öffentlich vor der Haustüre

ihres Herrn, die Sklavinnen innerhalb des Hauses gezüchtigt. Als

Strafinstrument dienen dünne Bambusrohre, die aber so kräftig wirken,

daß auf jeden Hieb Blut fließt. Für jede gewöhnliche Exekution erhält

der Marineu einen Taler, für eine besonders harte einen Dukaten.

Vierzehntes Kapitel.

Die Prinzeninsel. -- Besuch beim König. -- Die Eingeborenen. -- Das

schwimmende Hospital. -- Wir begraben dreiundzwanzig Mann. -- Am Kap

der Guten Hoffnung. -- Die Hottentotten und ihre Sitten.

Donnerstag, den 27. Dezember, liefen wir in See; am 29. kamen wir an

Pulo Pare vorüber; am 1. Januar 1771 segelten wir wiederum der Küste

von Java zu. Am 5. Januar befanden wir uns an der Prinzeninsel.

Da sich der Zustand der Kranken seit unsrer Abreise von Batavia

verschlimmert hatte, so beschloß ich hier beizulegen und ging um 3 Uhr

des Nachmittags an der südöstlichen Seite der Insel in 18 Klaftern

Wasser vor Anker, um Erfrischungen für die Kranken einzukaufen und

unsre Vorräte an Holz und Wasser zu ergänzen.

Als das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Herren

Banks und Dr. Solander ans Land. Am Strande begegneten uns einige

Eingeborene, die sich erboten, uns zu ihrem Könige zu geleiten,

ein Vorschlag, den wir sofort annahmen. Seine Majestät empfing uns

mit großer Auszeichnung. Was aber den Einkauf von Lebensmitteln,

Schildkröten und andern Erfrischungen betraf, so wurden wir über den

Preis nicht einig. Seine Majestät war ein großer Halsabschneider und

forderte haarsträubende Preise. Dies machte uns weiter keine Sorge,

denn wir wußten im voraus, daß er am andern Tage seine Leute auf

unsre Preise stimmen würde. In dieser Erwartung empfahlen wir uns von

dem König und der Versammlung von Indianern, die er zu unsern Ehren

zusammengetrommelt hatte, und nahmen unsern Rückweg längs der Küste,

um eine Wasserstelle ausfindig zu machen, was uns auch gelang. Wir

fanden nämlich in der für unsre Zwecke günstigsten Lage Wasser. Als wir

uns einschiffen wollten, boten uns einige Indianer drei Schildkröten

zum Kauf an. Wir wurden handelseinig, mußten aber an Eides Statt

versichern, Seiner Majestät diesen Kauf zu verschweigen.

Am andern Morgen kommandierte ich einen Teil der Mannschaft ab, um

Wasser einzuholen. Wir gingen des Proviantes wegen ans Land, fanden

jedoch, daß die Eingeborenen auf Allerhöchsten Befehl auf ihren hohen

Preisen bestanden. Allein als sie sahen, daß auch wir unsre Preise

hatten und nicht zu bewegen waren, mehr zu geben, als wir von Anfang

an geboten hatten, so bequemten sie sich nach ein paar Stunden des

Feilschens zu unsern Preisen. Wir hatten bald sämtliche Schildkröten

und ausgestellten Früchte an Bord. Die vorher gekauften Schildkröten

teilte ich der Mannschaft zu, die seit vier Monaten nur von frischen

Lebensmitteln lebte, sich also in bezug auf die Verpflegung über

eine Vernachlässigung von meiner Seite nicht beklagen konnte. Vier

Monate auf hoher See und nicht ein einziges Mal Pökelfleisch! -- unser

Schiffskoch hielt das für ein Wunder. Am Abend stattete Herr Banks

dem König, der gerade sein Abendessen kochte, in dem Königlichen

Palais, das aus einer Hütte im Reisfeld bestand, seinen Besuch ab und

wurde ungemein gnädig empfangen. Am folgenden Tag war der Markt mit

Fischen, Geflügel, jungen Rehen, Früchten und kleinen Affen überfüllt.

Schildkröten gab es nicht; wir hatten sie aufgekauft. Aber die Tage

darauf entsprach das Angebot an Schildkröten wieder der Nachfrage; doch

bekamen wir nie soviel wie am ersten Tag.

Herr Banks erinnerte sich, daß ihm sein malaiischer Bedienter in

Batavia von einer Stadt auf der Prinzeninsel erzählt hatte, die im

Westen liege. In der Absicht sie aufzusuchen reiste er, weil er gehört

hatte, daß die Eingeborenen Fremde nur höchst ungern in diese Stadt

geleiteten, unter dem Vorwand ab, daß er Pflanzen suchen wollte.

Nachdem er mit seinen Begleitern zwei Stunden lang unterwegs gewesen

war, begegneten sie einem alten Manne, bei dem sie sich nach der

kleinen Stadt erkundigten. Der Alte gab ihnen zuerst eine falsche

Auskunft und suchte sie in die Irre zu führen; als er aber sah, daß ihm

das nicht gelang, führte er sie auf dem nächsten Wege nach Samadang,

wie die Hauptstadt der Insel heißt.

Samadang ist eine Stadt von vierhundert Häusern und wird von einem

Flusse durchzogen; die beiden Stadtteile werden durch eine Fähre

verbunden. Banks erkannte unter den Einwohnern, die sich bei seinem

Erscheinen neugierig ansammelten, mehrere, mit denen wir an der Küste

gehandelt hatten. Er bat sie, ihn und seine Begleiter nach der Neustadt

zu führen, was die Angesprochenen gegen eine kleine Vergütung denn

auch taten. Das Volk empfing sie hier sehr freundlich und zeigte

ihnen die Häuser des Königs und der vornehmsten Häuptlinge. Leider

befanden sich die Herrschaften in ihren Hütten in den Reisfeldern, wo

sie sich damit beschäftigten, die Vögel und die Affen, die die Ernte

bedrohten, zu verscheuchen. Von einer Besichtigung des Innern der sehr

ansehnlichen Häuser mußte daher abgesehen werden. Zur Rückkehr nach der

Küste mietete Herr Banks ein Segelboot, wofür er dessen Besitzer vier

Schilling zahlte.

Wir kauften außer Geflügel und Früchten täglich drei Zentner

Schildkröten. Am 13. abends war unser Proviant ergänzt, und wir dachten

an die Abreise. Herr Banks ging noch einmal ans Land, um sich von

dem Könige zu verabschieden, bei welcher Gelegenheit er ihm zwei Buch

Papier zum Geschenk machte. Am 14. waren wir segelfertig; am 15. früh

stachen wir bei leichtem Nordostwind in See.

Wir hatten an der Küste der Prinzeninsel, die von den Eingeborenen

Pulo Paneitan genannt wird, zehn Tage verweilt. Die Einwohner sind

Javaner; ihr Rajah, der König, steht unter der Oberhoheit des Sultans

von Bantam. Die Javaner der Prinzeninsel ähneln in ihrer Tracht, ihren

Sitten und Gewohnheiten denen von Batavia. Nur scheinen sie in bezug

auf ihre Frauen, die sie vor uns versteckten, eifersüchtiger als die

Bataver zu sein. Wir sahen während unseres Aufenthalts zufällig im

Walde eine einzige Frau; als sie uns erblickte, lief sie schreiend

davon und verbarg sich. Die Paneitanjavaner sind strenggläubige

Mohammedaner, die ihren Ramadan so streng hielten und fasteten, daß sie

an diesem hohen Festtage nicht einmal dem heißgeliebten Betel huldigten.

Die Häuser in der Stadt, die Herr Banks besichtigte, sind auf Pfählen

erbaut, die 4 bis 5 Fuß hoch sind und auf denen der aus Bambusrohr

verfertigte Fußboden ruht. Auch die Seitenwände sind aus Bambusrohr,

das die Fachwerke dicht ausfüllt. Die schrägen, steilen Dächer sind

mit Palmenblättern so dicht gedeckt, daß weder Sonne noch Regen

hindurchdringt. Das Haus des Königs und das des reichsten Mannes auf

der Insel hatten Bretterwände. Die Häuser in den Reisfeldern sind als

Landhäuser bedeutend kleiner gebaut, nur sind die Pfosten, worauf sie

ruhen, etwa 10 Fuß hoch. Die Vorfahren der Paneitanjavaner wohnten

ursprünglich an der neuen Bai von Java; sie wanderten der vielen

Tiger wegen, die dort die Dschungeln und Wälder unsicher machen,

aus und ließen sich auf der in dieser Hinsicht mehr geschützten,

außerordentlich fruchtbaren Prinzeninsel nieder.

Wir beschleunigten unsre Reise nach dem Kap der Guten Hoffnung, denn

wir waren in einer fürchterlichen Lage. Das schlechte Wasser von der

Prinzeninsel hatte unsern Kranken sehr geschadet. Zu der Malaria, dem

Skorbut und dem Wechselfieber war noch eine gefährliche Dysenterie

gekommen, die uns zwang, das ganze Schiff mit Essig zu desinfizieren,

um die bösartige Wirkung der ansteckenden Ausdünstungen unsrer Kranken

zu bekämpfen. Herr Banks erlitt einen so bedenklichen Rückfall, daß wir

eine Zeitlang an seinem Aufkommen zweifelten. Das Schiff selbst war ein

schwimmendes Hospital, worin es den Kranken an der nötigsten Pflege

fehlte, so daß wir jeden Morgen eine neue Leiche hatten. Nicht ganz in

sechs Wochen mußten wir auf dieser Todesfahrt der See dreiundzwanzig

Tote übergeben, darunter den Astronomen Green, Parkinson den Maler,

den Reisenden Sporing, den freiwilligen Unteroffizier Monkhouse, den

Oberbootsmann, den Schiffszimmermann, den alten Segelmacher und seinen

Gehilfen, den Schiffskoch, den Korporal der Seesoldaten, einen zweiten

Unteroffizier, die beiden Zimmermannsgehilfen und neun Matrosen. Im

ganzen hatten wir seit unsrer Ankunft in Batavia dreißig Tote zu

beklagen. Eine furchtbare Meerfahrt war es, die wir im Totenschiff

zurücklegten; wir atmeten erst auf, als wir die Höhe des Vorgebirges

der Guten Hoffnung erblickten, wo wir am 15. März in 7 Klaftern auf

schlammigem Boden vor Anker gingen.

Ich begab mich sogleich ans Land, um dem Statthalter meine Aufwartung

zu machen und ihn um Hilfe für meine armen Kranken zu bitten, die mir

auch zugesagt und in jeder Weise zuteil wurde. Ich mietete für sie

in herrlicher, gesunder Lage ein Haus, wo man sie, den Mann täglich

für zwei Schilling, mit Kost und Pflege versah. Auf der ganzen

traurigen Fahrt hierher fiel sonst nichts Besonderes vor, was den

Seefahrer interessieren könnte. In der Windstille war die Luft schwül

und ungesund. Wenigstens konstatierte ich, daß an solchen Tagen die

Dysenterie sich so verschlimmerte, daß sich jeder für verloren gab,

umsomehr als die gereichte Medizin nicht im geringsten anschlug.

Kaum hatten wir aber den Passatwind erreicht, als wir sofort an uns

und unsern Kranken dessen heilsame Wirkung verspürten. Wir verloren

allerdings noch zwei der Kranken, allein diese waren schon in Batavia

hoffnungslos erkrankt. Wir glaubten zuerst, daß die Schildkröten,

die wir auf der Prinzeninsel gekauft hatten, die fürchterlichen,

verheerenden Wirkungen der Dysenterie verursacht hätten, allein wir

hörten in Kapstadt, daß alle die Schiffe, die mit uns von Batavia

abgesegelt waren, ebensosehr von Krankheit mitgenommen worden waren

wie wir; auch hier war der Keim zu der todbringenden Dysenterie

in Batavia gelegt worden, denn keines dieser Schiffe, die fast

ebensoviel Tote hatten wie wir, hatte an der Prinzeninsel geankert.

Als wir am Vorgebirge der Guten Hoffnung vor Anker lagen, segelte

der Ostindienfahrer »Hougthon« nach England ab. Der »Hougthon« hatte

während seines Aufenthalts in Ostindien 30-40 Mann durch Krankheiten

eingebüßt, und als er das Kap verließ, lagen noch viele von seinen

Leuten so sehr am Skorbut danieder, daß man stündlich ihr Ableben

erwartete. Andre Schiffe, die nicht viel über ein Jahr von England

fern waren, hatten nicht weniger gelitten. Wenn wir bedachten, daß wir

dreimal so lange Zeit von Hause fort waren wie sie, so konnten wir mit

unserm Schicksal nicht so sehr grollen; im Verhältnis waren wir weniger

heimgesucht worden als unsre Leidensgefährten.

Teils um die Genesung der Kranken abzuwarten, teils um Proviant

einzunehmen und Schiff wie Takelwerk auszubessern, blieb ich bis zum

13. April hier vor Anker. An diesem Tage nahm ich die Kranken, von

denen sich noch verschiedene in sehr gefährlichem Zustand befanden,

wieder an Bord, verabschiedete mich von dem Gouverneur und lichtete am

14. die Anker, um mit dem ersten Wind auszulaufen.

Das Vorgebirge der Guten Hoffnung ist so oft beschrieben worden, daß

ich nur weniges berichtigend zu sagen habe. Sehr berichtigungsbedürftig

sind in erster Linie die übertriebenen Schilderungen von der

Schönheit und Fruchtbarkeit dieses Landes, die mit der Wahrheit wenig

übereinstimmen, denn auf unsrer ganzen Reise haben wir kein Land

gefunden, das so sehr einer unfruchtbaren Wüste geglichen hätte. Die

Halbinsel, die von der Tafelbai und von der falschen Bai umgeben ist,

besteht aus hohen, kahlen und trostlosen Bergen. Hinter diesen liegt

nach Osten hin eine Landenge, die aus Sandboden besteht, worauf nichts

als Heidekraut gedeiht. Die wenigen fruchtbaren Stellen, die mit Wein,

Obst und Gemüse angepflanzt sind, verhalten sich zu den unfruchtbaren

wie eins zu tausend. Auch im Innern des Landes ist es nicht viel

anders. Die Holländer sagten uns, daß viele von ihren Landsleuten sich

etwa 900 englische Meilen entfernt im Innern des Landes niedergelassen

hätten und aus dieser großen Entfernung den Ertrag ihrer Felder per

Achse zu Markt ans Kap brächten. Während unsres Aufenthaltes kam ein

Bur fünfzehn Tagereisen weit aus dem Landesinnern und brachte seine

jungen Kinder mit. Wir verwunderten uns und meinten, ob es nicht

bequemer gewesen wäre, die Kleinen bei dem Nachbar unterzubringen.

»Nachbar!« lachte der Mann, »mein nächster Nachbar wohnt fünf

Tagereisen von mir entfernt!« Muß das Land nicht schrecklich öde sein,

wenn die Bauern, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, der

Unfruchtbarkeit des Landes wegen so weit voneinander wohnen müssen?

Die einzige Stadt, die die Holländer hier gebaut haben, ist Kapstadt.

Sie besteht etwa aus hundert Backsteinhäusern, die des Südwinds wegen

mit Stroh gedeckt sind. Ziegel und Schiefer könnte man auf dem Dache

nicht erhalten. Die Straßen sind breit und bequem, und durchschneiden

einander im rechten Winkel. In der Hauptstraße findet man einen zu

beiden Seiten mit Eichen bepflanzten Kanal. Die Eichen haben sich gut

entwickelt und spenden einen kühlenden Schatten. Sonst sind die Bäume

hier stark verkrüppelt. Unter den Bewohnern der Kapstadt überwiegen die

Holländer bei weitem. Da die meisten als Hausbesitzer an Fremde und

Reisende vermieten, so haben sich ihre Lebensgewohnheiten denen fremder

Nationen vielfach angepaßt. Die Frauen aber bleiben ihren holländischen

Sitten so treu, daß z. B. jede beim Ausgang eine Magd neben sich hat,

die ihr wie in der Heimat zum Fußwärmen den Eisentopf mit glühenden

Kohlen nachträgt, was in dem viel heißeren Klima von Kapstadt geradezu

deplaciert erscheint und lächerlich wirkt. Im allgemeinen sind die

Holländerinnen hier sehr schön und haben eine reine, zarte Haut und

eine blühende, gesunde Farbe. Sie geben die besten Ehefrauen von der

Welt, die ihr Hauswesen sorgsam leiten und gute, meist kinderreiche

Mütter sind. Ein Haus, in dem es nicht von Kindern wimmelt, ist hier

selten. Die Luft ist ungemein gesund und heilkräftig.

Was wir über die Eingeborenen dieses Landes hörten, haben wir nur vom

Hörensagen, denn von ihrer Lebensweise und ihren ursprünglichen Sitten

bekommt man in der Stadt selbst nichts zu sehen. Wer sie daraufhin

beobachten will, muß sie in ihren Dörfern, ihrem Kral besuchen. Das

nächste Hottentottendorf aber liegt wenigstens vier Meilen von der

Stadt entfernt. Diejenigen, die man in der Stadt zu sehen bekommt, sind

meistens als Knechte bei den Buren im Dienst oder als Viehhirten tätig,

also etwas von der Kultur beleckt. Die Hottentotten sind lange, hagere

Gestalten, aber ungemein stark, gelenkig und gewandt. Manche sind 6 Fuß

groß; ihr Auge blickt träge und gleichgültig; die Haut ist pechschwarz

von Natur und noch mehr von Schmutz. Ich glaube, daß sie ihren Körper

niemals waschen, so starrt er von Schmutz und Unreinlichkeit. Das

Haar ist gesträhnt, lockig und glänzt von Fett. Die Kleidung besteht

aus einem Schaffell, das sie über der Schulter tragen, und aus einem

Schambeutel; die Frauen tragen ein Lendentuch, das an einem mit

Glaskorallen und Kupferstückchen verzierten Gürtel befestigt wird.

Männer und Frauen tragen eine Kette von Glaskorallen um den Hals und

ebensolche Armbänder. Die Weiber wickeln Lederringe um die Knöchel, um

sich gegen die Dornen zu schützen; vielfach tragen sie Holzsandalen als

Fußbekleidung. Die Sprechweise der Hottentotten ist glucksend guttural;

ihr Holländisch ist dagegen rein und in der Aussprache fehlerfrei.

Ich habe selten ein so schamhaft schüchternes Volk kennen lernen wie

die Hottentotten. Es kostete uns immer die größte Mühe von der Welt,

sie dahin zu bringen, daß sie in unserer Gegenwart tanzten. Doch

glückte es uns, sie in ihren Tänzen zu beobachten und beim Singen

ihrer Lieder zu belauschen. Die Tänze der Hottentotten sind teils

üppig lebhaft, teils träge und schläfrig. Die leidenschaftlichen Tänze

bestehen aus heftigen, erotischen Bewegungen des Körpers und aus tollen

Sprüngen; die andern darin, daß der Tänzer abwechselnd mit den Füßen

den Boden stampft, ohne sich von der Stelle zu rühren oder irgendwie

sonst den Körper zu bewegen. Es ist ein monotones Tanzen, dem einige

ihrer Lieder gleichen, während hinwiederum andre Lieder lebhafte und

feurige Melodien haben.

Wir waren gezwungen, um mehr von den Sitten und Gebräuchen der

Hottentotten zu erfahren, uns bei den Holländern danach zu erkundigen.

Wie wir von unsern Gewährsleuten hörten, gehören die Hottentotten

verschiedenen Stämmen an, die sich in ihren Eigentümlichkeiten

voneinander unterscheiden. Doch sind sie friedliebend bis auf das

im Osten wohnende Volk der Buschmänner, die vom Krieg und vom Raube

leben. Die Buschmänner sind die heimtückischsten Viehräuber, die man

sich denken kann. Was sie besonders gefährlich macht, ist, daß sie die

Spitzen ihrer Lanzen und Pfeile mit dem äußerst gefährlichen Gifte

der Kobraschlange vergiften, so daß die kleinste Wunde unbedingt

tödlich wirkt. Dabei sind sie gute Schützen, die, einerlei ob sie die

Lanze werfen oder den Pfeil abschießen oder den Stein schleudern, ihr

Ziel, und sei es auch nur talergroß, auf hundert Schritte zu treffen

wissen. Gegen diese unverbesserlichen Räuber, die ihre Raubzüge des

Nachts unternehmen, schützen sich die Hottentotten, die viel von ihnen

belästigt werden, dadurch, daß sie ihre Bullen die Nacht über frei

herumlaufen lassen. Diese vierbeinigen Nachtwächter stellen jeden, der

sich nachts ans Dorf heranschleicht, und machen dabei solchen Lärm,

daß das ganze Dorf alarmiert wird. Auch den wilden Tieren treten sie

geschlossen mutig entgegen.

Die Häuptlinge der Hottentotten gehen in Löwen-, Tiger- oder

Zebrafelle gekleidet, die sie mit Fransen und anderm Zierat einfassen.

Sie besitzen meist große Viehherden. Das ganze Volk, Männer und

Frauen, schmiert sich den Körper mit Hammelfett oder Butter ein.

Man versicherte uns, daß die Priester der Hottentotten bei der

Vermählung eines Paares dieses mit seinem Urin bespritzen, und daß

ohne diese Zeremonie die Ehe ungültig sei. Was nun die sogenannte

Hottentottenschürze der Frauen betrifft, die als besondere Schönheit

gilt, so wurde sie von einigen geleugnet. Unser Arzt dagegen, der viele

Hottentottinnen ärztlich untersucht und behandelt hat, sagte uns, daß

unter den vielen Hunderten von Frauen, die er behandelt habe, nicht

eine gewesen sei, die nicht diese scheußliche Verunstaltung an ihrem

Körper gehabt hätte; bei einigen wäre sie sogar vier und noch mehr Zoll

groß gewesen. So viel von den Eingeborenen des Kaplandes.

Die Bai ist groß, sicher und bequem. Der Nordwind kann zwar gerade noch

hineinwehen, allein er stürmt selten. Die Südostwinde wehen oft sehr

ungestüm; da sie aber in der Richtung nach der See hin blasen, so ist

keine Gefahr dabei. Um die Waren bequem aus- und einladen zu können,

haben die Holländer einen hölzernen Kai angelegt, der ziemlich weit von

der Stadt in die Bai hinausläuft. Auch kann man hier frisches Wasser

einnehmen, das dahin gepumpt wird. Der Proviant wird durch Hafenschiffe

der Kompanie an Bord gebracht; auch vermitteln diese Schiffe gegen

geringe Gebühr den Transport nach der Stadt. Die Bai selbst wird

durch ein Fort beschützt, das an der Ostseite der Stadt hart am

Strande liegt. Auch sind längs der Küste verschiedene Außenwerke und

Strandbatterien zum Schutze der Stadt und des Hafens angelegt. Allein

deren Lage ist nicht die sicherste; vom Land aus wie von den Schiffen

sind sie leicht zu beschießen. Wider einen mächtigen Gegner, der diesen

Forts von der Landseite beikäme, könnten sie sich meines Erachtens

nicht lange halten[8]. Die Besatzung besteht aus 800 Mann regulärer

Truppen und aus der Landmiliz, zu der jeder zählt, der eine Flinte

tragen kann.

[8] 24 Jahre später wurde Kapland von den Engländern unter Admiral

Elphinstone und General Clarke erobert; 1814 kam es durch den Pariser

Frieden endgültig in englischen Besitz.

Fünfzehntes Kapitel.

Heimreise. -- Eine Sträflingsinsel. -- St. Helena. -- Grausame

Behandlung der Sklaven daselbst. -- Wieder zu Hause.

Am 14. April 1771 früh hoben wir den Anker und steuerten aus der Bai

hinaus. Um 5 Uhr des Nachmittags befanden wir uns an der Pequin- oder

Robininsel, wo wir für die Nacht vor Anker gingen. Da ich am Morgen

der Windstille wegen nicht weiter konnte, so schickte ich ein Boot

nach der Küste, um einige Kleinigkeiten einzukaufen, die ich am Kap

zu kaufen vergessen hatte. Als sich das Boot der Küste näherte, wurde

es angerufen und ihm die Landung untersagt. Gleichzeitig erschienen

sechs Soldaten am Strand und stellten sich in Reih' und Glied mit

angelegtem Gewehr auf. Um ein paar Köpfe Gemüse, denn darum handelte

es sich, wollte der das Boot kommandierende Offizier kein Blut

vergießen; er kehrte daher zum Schiff zurück. Anfänglich war uns die

wenig gastfreundliche Art der Herren Holländer befremdlich, aber dann

erinnerten wir uns, daß die Kapholländer ihre schweren Verbrecher auf

diese Insel deportierten, wo sie in den Kalksteinbrüchen, deren es hier

sehr viele gibt, schwer arbeiten mußten. Auch erinnerten wir uns des

Vorfalls, der die Kapregierung bewogen hatte, künftighin jede Landung

eines fremden Schiffes auf der Strafinsel zu untersagen. Der Fall war

allerdings provozierend genug und macht die Rigorosität der Holländer

verständlich. Der Kapitän eines dänischen Schiffes nämlich, dem seine

Mannschaft durch Sterbefälle stark dezimiert worden und dem es nicht

gelungen war, in Kapstadt so viele Ersatzmannschaften anzuheuern, als

er zu seiner Heimreise gebrauchte, hatte die Wachmannschaften auf der

Insel überfallen und sich so vieler Verbrecher bemächtigt, als er

zur Bedienung seines Schiffes nötig hatte. Diesem Gewaltakt hatten

wir es zu verdanken, daß man uns die Landung verwehrte, was wir sehr

begreiflich fanden.

Am 25. erst konnten wir bei leichtem Ostwind die Anker heben und wieder

in See gehen. Um 4 Uhr starb unser leichtlebiger Steuermann Robert

Mollineux. Er war ein junger, sehr befähigter Seemann, aber zu seinem

Unglück genoß er die Freuden des Lebens in vollen Zügen, so daß er

sich selbst während seiner Krankheit nicht schonte. Aber sein Tod ging

uns allen sehr nahe, denn er war die Lebensfreude selbst und in den

fatalsten Lagen stets bei guter Laune.

Am 29. April passierten wir den Äquator. Wir hatten nunmehr die Welt

von Osten nach Westen her völlig umsegelt. Natürlich veranstalteten

wir bei dieser Gelegenheit ganz besondere Festlichkeiten, an denen

sogar unsre Kranken und Rekonvaleszenten regen Anteil nahmen. Am 1. Mai

erblickten wir bei Anbruch des Tages die Insel Sankt Helena. Am Mittag

legten wir uns auf der Reede vor dem Fort James vor Anker, wo wir bis

zum 4. Mai blieben.

Herr Banks, der sich vollständig wieder erholt hatte, machte in dieser

Zeit eine Rundfahrt um die Insel herum. Sankt Helena liegt fast in der

Mitte des Großen Ozeans und ist von der Küste Afrikas 400, von der

Amerikas 600 Seemeilen entfernt. Die Insel besteht aus dem Gipfel eines

ungeheuren Berges, der steil aus der unergründlichen Tiefe des Meeres

hervorragt und nicht über zwölf Seemeilen lang und sechs breit ist.

Bekanntlich ist in den Ländern, wo es Vulkane gibt, deren Sitz stets

in den höchsten Bergen zu suchen. So ist der Ätna der höchste Berg von

Sizilien und der Vesuv der von Neapel. In Island ist der höchste Berg

der Vulkan Hekla; in Südamerika liegen die Vulkane in den höchsten

Regionen der Anden und in dem berühmten Pik von Teneriffa. Alle diese

Vulkane brennen noch. Aber es gibt noch eine Menge ausgebrannter

Vulkane; unter diese gehört die Insel Sankt Helena. Ihre Oberfläche

ist sehr uneben, bald Berg, bald Tal. Diese Ungleichheiten des Bodens

sind dadurch entstanden, daß sich die Erde infolge der Wirkungen des

unterirdischen Feuers stellenweise hob oder senkte. Jedenfalls ist die

Insel vulkanischen Charakters, wie die dort vorkommenden Gesteinarten

beweisen.

Als wir uns der Insel auf der Windseite näherten, sah sie einem

ungestalten Haufen Felsen gleich, die nach der See hin fürchterlich

steil abfallen und ohne jede Vegetation sind. Als wir noch ziemlich

weit von der Küste entfernt waren, glaubten wir, daß uns die große

Entfernung die Vegetation verberge; allein je näher wir kamen, desto

trostloser sahen die kahlen Felsen aus. Einzelne Felsen neigen sich

mit ihren Gipfeln gleichsam über die See, so daß wir unter ihnen

hindurchfuhren; es sah geradezu beängstigend aus. Es war uns zumute,

als wollten die Felsen herabstürzen. Der Anblick war so furchterregend

und bedrohlich, daß wir unwillkürlich die Augen schlossen. Endlich

gelangten wir an das Kapellental, das wie ein großer trockener Graben

aussieht. Und in diesem traurigen Graben, dessen Boden mit spärlichem,

dünnem Graswuchs bedeckt ist, liegt die Stadt.

So sieht auf den ersten Anblick die Insel aus. Hinter den Bergen erst

beginnt die Vegetation, die allerdings ebenso reich wie vielseitig

ist und die Produkte aller Zonen hervorbringt. Die Stadt liegt hart

am Strande. Sie besitzt viele, schlecht gebaute Häuser, eine alte,

baufällige Kirche und ein ebenso altes Stadthaus. Alle weißen Einwohner

der Insel, die im Besitz der Englisch-Ostindischen Kompanie ist,

sind Engländer. Allein da sie für ihre Rechnung keine Schiffahrt zum

Zweck des Handels treiben dürfen -- die Kompanie hat dieses Verbot

erlassen -- so sind sie auf den Kleinhandel angewiesen, den sie mit

den einlaufenden Schiffen treiben. Dennoch könnten sie gute Geschäfte

machen, würden sie sich die Lage der Insel, auf der nicht nur alle

europäischen, sondern auch alle ostindischen Landesprodukte gedeihen,

mehr zunutze machen.

Es gibt zwar Pferde genug auf der Insel, doch dienen sie nur zum

Reiten. Als Lasttiere dienen hier die Sklaven, und diese Unglücklichen,

die fast aus allen Gegenden der Welt hier zum Verkauf kommen, werden in

der fürchterlichsten Weise ausgenützt und durch die schweren Arbeiten,

die man ihnen aufbürdet, auf die schnellste Weise aufgerieben. Die

unerhörtesten Mißhandlungen und die unglaublich rohe Behandlung, denen

die hiesigen Sklaven ausgesetzt sind, machen sie zu den unglücklichsten

Menschen unter der Sonne. Es tut mir leid, daß ich die Klagen dieser

Unglücklichen für berechtigt halten und daß ich zur Schande meiner

Landsleute hier konstatieren muß, daß sie ihre Sklaven weit grausamer

und unmenschlicher behandeln als die Holländer am Kap und in Batavia

die ihrigen. Und die holländischen Sklavenhalter sind doch dafür

bekannt, daß sie aller Menschlichkeit bar sind.

Am 4. Mai lichteten wir die Anker. Um 1 Uhr nachmittags liefen

wir in Gesellschaft des Kriegsschiffs »Portland« und von zwölf

Ostindienfahrern in See. Mit dieser kleinen Flotte segelten wir

bis zum 10. Mai. Da ich aber wahrgenommen hatte, daß wir mit den

übrigen Segelschiffen auf die Dauer nicht in der Schnelligkeit

konkurrieren könnten, so signalisierte ich dem »Portland«, er möge

mir jemand an Bord senden. Der Kapitän erschien in eigener Person,

und ich händigte ihm einen Brief an die Admiralität sowie ferner die

Schiffsrechnungsbücher und die Tagebücher der verstorbenen Offiziere

ein, da er voraussichtlich vor uns nach England kommen würde. Am 23.

Mai verloren wir die ganze Flotte aus dem Gesicht. Am Nachmittag starb

mein erster Leutnant Hicks an der Schwindsucht, mit der er schon in

England behaftet war; seit Batavia nahm die Krankheit zu. Am Abend

bestatteten wir ihn feierlich in des Seemanns Kirchhof, dem Weltenmeer.

Unser Takelwerk und unsre Segel waren so schlecht geworden, daß sie

fast jeden Tag stückweise in Fetzen gingen. Doch setzten wir unsre

Reise ohne Unfall fort. Am 10. Juni erblickte Nikolaus Young, derselbe

Schiffsjunge, der Neuseeland zuerst entdeckt hatte, Land; es war Kap

Lizard. Am 11. liefen wir den Kanal hinauf; am 12. mittags sahen wir

uns Dover gegenüber; und um 3 Uhr kamen wir in den Dünen vor Anker und

landeten in Deal.

Bei uns ist ferner erschienen:

Quintessenz der Lebensweisheit und Weltkunst.

Meine erste Weltreise · 第 9 / 12 题