Kriegsboot der Neuseeländer " 144

Meine erste Weltreise.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Mein Auftrag. -- Nach Amerika. -- Ein Unglücksfall im Feuerland.

-- Die Feuerländer und ihre Sitten. -- Fahrt nach der Südsee. --

Entdeckungen. -- Ankunft in Otahiti.

Als ich meine Bestallung erhalten hatte, die vom 25. Mai 1768 datiert

war, ging ich an Bord des Endeavour, hißte die Kommandoflagge und

segelte am 30. Mai nach Plymouth. Hier wurden der Mannschaft die

Kriegsartikel und die Parlamentsakte vorgelesen. Zugleich wurde ihr ein

zweimonatiger Sold im voraus bezahlt. Am 26. August stachen wir in See.

Am 12. September erblickten wir Porto Santo und Madeira, und am

folgenden Tage kamen wir auf der Reede von Funchal an, wo wir das

Schiff vor den Stromanker festlegten. Am nächsten Tage riß beim Lichten

das Seil des Ankerpfahls den Oberbootsmann Weir über Bord, und er ging

mit dem Anker unter. Dieser wurde sofort wieder gehoben, allein es war

zu spät. Der Unglückliche, dessen Körper sich in das Seil verwickelt

hatte, war ertrunken. In der Nacht vom 18. auf den 19. gingen wir

wieder unter Segel.

Auf dem Wege von Teneriffa nach Bonavista sahen wir eine große Menge

fliegender Fische. Am 25. Oktober segelten wir in der Länge von 29

Graden 30 Minuten mit den üblichen Feierlichkeiten durch den Äquator.

Am Abend des 29. beobachteten wir jenen lichten Glanz in der See,

den die Seefahrer so oft erwähnen. Über seine Entstehung waren die

Forscher verschiedener Meinung. Wir waren der Ansicht, daß er von

irgendeinem glänzenden Tiere herrührt, und fanden, nachdem wir ein

kleines Netz ausgeworfen hatten, unsere Meinung bestätigt, denn wir

fingen eine Medusenart, die an Bord ein weißes Licht von sich gab.

Gleichzeitig fingen wir auch verschiedene kleine Krebse, die, obschon

sie zehnmal kleiner als Johanniswürmchen sind, doch ebensostark wie

diese leuchteten. Herr Banks konstatierte mit vielem Vergnügen, daß

alle diese Tierchen noch von niemand beschrieben worden waren.

Am 8. November erblickten wir die Küste von Brasilien. Wir lavierten

dann bis zum 12. längs der Küste hin, und am 13. segelten wir dem Hafen

von Rio de Janeiro zu. Wir waren vom 14. November bis zum 7. Dezember

hier[1]. Dr. Solander war einmal an Land, ich selbst verschiedene Male,

und Herr Banks fand ebenfalls Gelegenheit, sich durch die Wachen zu

schleichen. Dr. Solander sagte mir in Bestätigung der verdammenden

Urteile mehrerer Reisenden über die Sittenlosigkeit der Damen von Rio

de Janeiro, daß sobald es dunkel geworden wäre sich fast alle Damen

in den Fenstern gezeigt und die vorübergehenden Herren, soweit sie

ihnen zusagten, mit Blumen überschüttet hätten. Was in einem Lande eine

unanständige Vertraulichkeit ist, ist in einem anderen Lande Sitte. Ich

für meinen Teil kann nichts weiter sagen, als daß ich von der Wahrheit

der Sache selbst sehr überzeugt bin.

Am 14. Januar 1769 liefen wir in die Le Mairestraße ein. Wir wurden

aber durch die Strömung vertrieben und gingen schließlich in der »Bai

des guten Successes« vor Anker. Am 16. gingen Banks und Dr. Solander

mit ihren Leuten, unserm Schiffsarzt Monkhouse und Herrn Green, dem

Astronomen, an Land, um Pflanzen zu suchen. Dabei überfiel sie ein

Schneegestöber. Eine eisige Kälte setzte ein, so daß Dr. Solander der

ermüdeten Gesellschaft den Rat gab, sich des Schlafes zu erwehren. »Wer

sich niedersetzt,« sagte er, »der wird einschlafen, und wer einschläft,

wird nicht mehr erwachen!« Und er war der erste, der dem Drange zu

schlafen folgte. Umsonst bat ihn Herr Banks, sich zu ermannen; er

legte sich nieder. Und seinem Beispiel folgte der Neger Richmond,

ein Diener von Banks, der auf alle Vorhaltungen nur antwortete, daß

er nichts weiter verlange, als sich niederzulegen und zu sterben.

Der Doktor erklärte -- obschon er kurz vorher gewarnt hatte: »hier

einschlafen und sterben sei eins« -- er wolle gerne fortgehen, müsse

aber vorher ein wenig schlafen. In kaum zwei Minuten fielen beide in

tiefen Schlaf. Bald darauf kam einer von den ausgeschickten Leuten mit

der angenehmen Meldung, daß an geschützter Stelle im Walde ein Feuer

angezündet worden sei. Herrn Banks gelang es mit vieler Mühe den Doktor

aufzuwecken. Obgleich dieser nicht länger als fünf Minuten geschlafen

hatte, so war er doch nicht mehr imstande seine Glieder zu gebrauchen;

seine Muskeln waren so sehr eingeschrumpft, daß ihm die Schuhe von den

Füßen fielen. Trotzdem erklärte er sich zum Marsche bereit, wenn man

ihn unterstütze. Der arme Richmond war nicht wachzukriegen. Herr Banks

ließ seinen zweiten Neger und einen Matrosen, die am wenigsten von der

Kälte gelitten zu haben schienen, als Wache zurück und versprach sie

bald abzulösen. Hierauf schleppte er den Doktor zum Feuer hin. Später

sandte er zwei Leute, nachdem sie sich durchwärmt hatten, mit dem

Auftrage ab, Richmond mit Hilfe seiner Wache herbeizuschleppen. Nach

einer halben Stunde kamen sie mit der Nachricht wieder, daß sie trotz

eifrigen Suchens und Rufens von den drei Zurückgebliebenen keine Spur

entdeckt hätten. Zum Unglück fing es stark zu schneien an, so daß man

alle Hoffnung auf die Rettung der Verunglückten aufgab. Um Mitternacht

hörte man in einiger Entfernung rufen. Herr Banks machte sich sogleich

mit vier Leuten auf den Weg und fand den Matrosen, der kaum noch die

Kräfte hatte, heranzutaumeln und um Hilfe zu rufen. Man brachte ihn

sogleich zum Feuer, nachdem er die Richtung angegeben hatte, wo er sich

von seinen Gefährten getrennt hatte. Herr Banks fand die Gesuchten

dann auch glücklich auf. Richmond stand auf den Füßen, war aber nicht

imstande, sich zu bewegen. Sein Gefährte lag auf dem Boden und war

unempfindlich wie ein Stein. Banks alarmierte jedermann am Feuer.

Allein die vereinten Kräfte der ganzen Gesellschaft reichten nicht

hin, die Verunglückten nach dem Feuer zu schleppen. Die Finsternis

und der tiefe Schnee erschwerten das Fortkommen derart, daß jeder

einzelne genug mit sich zu tun hatte. Da auch des fallenden Schnees

wegen der Versuch, an Ort und Stelle Feuer anzuzünden, scheiterte, so

sah man sich in die traurige Notwendigkeit versetzt, die Unglücklichen

ihrem Schicksal zu überlassen. Man machte ihnen ein Lager von Zweigen

zurecht und bedeckte sie mit Reisern und Laub. Die Kälte und der Schnee

setzten den Rettern derart zu, daß einige von ihnen fühllos zu werden

begannen; Banks' Diener Briscoe wurde so krank, daß man glaubte, er

würde sterben. Endlich erreichten sie ihre Lagerstätte, doch brachten

sie die Nacht in der fürchterlichsten Gemütsverfassung zu. Von den

zwölf Personen, die in guter Gesundheit aufgebrochen waren, hielt man

zwei für tot, ein dritter war schwer erkrankt, die übrigen litten

unbeschreiblich. Man war eine starke Tagereise vom Schiff entfernt. Der

Weg dahin ging durch unbekannte Wälder. Wie leicht konnte man sich hier

verirren! Außerdem war der Proviant aufgezehrt. Dabei diese furchtbare

Kälte, die man selbst in Lappland für etwas Unerhörtes halten würde.

Dumpf vor sich hinbrütend wartete jedermann auf den Tagesanbruch. Um

sechs Uhr des Morgens faßte man Hoffnung. Das Gewölk fing an sich zu

zerteilen, und man konnte den Ort sehen, wo die Sonne hervorbrechen

wollte. Herr Banks ließ sofort nach den beiden Verunglückten sehen und

erhielt die traurige Gewißheit, daß sie gestorben waren. Um acht Uhr

stellte sich Tauwetter ein, und da sich die Kranken besser fühlten, so

brach die Gesellschaft, nachdem sie einen Geier roh verspeist hatte, um

zehn Uhr auf. Nach einer dreistündigen, beschwerlichen Wanderung sahen

sich die Verirrten am Strande und in der Nähe des Schiffes. Sobald

sie an Bord waren, wünschten sie einander zu ihrer Rettung Glück; ich

selbst hatte wegen ihres Ausbleibens große Angst ausgestanden und nahm

daher freudigen Herzens an dem allgemeinen Jubel teil.

Am 20. Dezember suchte Herr Banks in Begleitung des Doktors das Dorf

einiger feuerländischer Familien auf, das sich nach dem Bericht unserer

Leute etwa zwei Meilen landeinwärts befinden sollte. Als sie sich dem

Dorfe näherten, kamen ihnen zwei Feuerländer im Sonntagsstaate entgegen

und begrüßten sie mit lautem Freudengeschrei. Dann geleiteten die

Feuerländer ihre vornehmen Gäste in das Dorf, das auf einem waldigen

Hügel aufgebaut war und etwa aus fünfzehn äußerst primitiven Hütten

bestand, die die Gestalt großer Bienenkörbe hatten. Von Hausgeräten war

hier nichts zu sehen. Eine Rasenbank vertrat die Stelle eines Bettes

und der Stühle, die Blase irgendeines Tieres diente als Wasserbehälter,

ein Handkorb und ein Ranzen bildeten den ganzen Reichtum dieser Leute.

Der ganze Stamm, Männer und Weiber, jung und alt, zählte kaum fünfzig

Personen. Ihre Hautfarbe war eisenrostartig. Die Männer sind bis zu

5 Fuß 10 Zoll groß und in Bewegung und Haltung vierschrötig, die

Weiber sind bedeutend kleiner. Die Kleidung besteht aus dem Felle

eines Seehunds oder eines Guanicoes, das ungegerbt über die Schulter

geworfen wird. Die Männer tragen das Fell offen; die Weiber, denen ein

kleiner Lappen als Feigenblatt dient, binden es mit einem Riemen um

den Leib. Obwohl Männer wie Weiber sonst ganz nackt gehen, so bemalen

sie doch ihr Gesicht mit weißen, grellroten und schwarzen Figuren und

Streifen und tragen am Arm und an den Fußgelenken Armbänder aus kleinen

Muscheln und Knochen. Die liebe Eitelkeit ging so weit, daß sie sogar

Glaskorallen den Messern und Beilen vorzogen.

Die Sprache besteht zum größten Teil aus Gurgellauten, wie wir sie

ausstoßen, wenn uns etwas in die falsche Kehle gekommen ist; doch

sagen sie für Zieraten: ~halleca~, und für Wasser: ~ooda~. Sie leben

in der Hauptsache von Muscheltieren. Die Waffe dieser Naturmenschen,

Pfeil und Bogen, war der einzige Gegenstand, in dessen Verfertigung

sie Geschmack und Begabung zeigten. Da sie im Besitz von unechten

Ringen, Knöpfen, Tuch und sonstigem Zeug waren, und da seit vielen

Jahren kein europäisches Schiff so weit nach Süden vorgedrungen ist,

so liegt die Annahme nahe, daß dieser Stamm nomadisierend in der Terra

del Fuego lebte und vom Norden gekommen sein mußte. Auch kannten

sie die Waffe der Weißen, unser Gewehr, denn sie baten Herrn Banks

einen Seehund zu erlegen, der sich in der Nähe zeigte. Unter ihnen

herrschte vollkommene Gleichheit. Keiner war Herrscher im Lande,

trotzdem lebten sie in vollkommener Eintracht miteinander. Auch hatten

sie keine Götzen und wohl auch keine Religion. Das abergläubische

Geschrei, mit dem sie uns durch ihre »Priester« beschworen, kann

doch keine Religionsbetätigung[2] sein. Im ganzen genommen schienen

diese menschenähnlichen, armseligen, hilflosen Wesen der Auswurf der

Menschheit zu sein. Hingegen sind sie auch der bittern Sorgen ledig,

die uns unsre verfeinerte Kultur aufbürdet, um die Begierden, die sie

schafft, stillen zu können.

Am 26. Januar steuerten wir vom Kap Horn ab. Am 13. Februar befanden

wir uns 12° westwärts von der Magelhaensstraße. Erst am 4. April

sichtete Peter Briscoe, ein Diener Banks', im Süden Land. Ich richtete

sogleich meinen Kurs dahin und fand, daß es sich um eine eiförmige

Insel handelte, in deren Mitte sich eine Lagune befand. Ich taufte sie

deshalb die Laguneninsel. Die kupferfarbigen Bewohner dieser Insel

sammelten sich am Strande und trugen große Spieße, mit denen sie

aufgeregt hin und her liefen. Um ein Uhr steuerten wir nach Nordwesten

und entdeckten eine neue Insel, die ich Thrumbkap nannte. Um drei

Uhr fanden wir eine armbrustartige Insel, die bewohnt war; ich hieß

sie die Bow-Insel, Bogen-Insel. Am 6. entdeckten wir verschiedene

Eilande, die ich die »Gruppen« nannte, am 7. die Vögelinsel, am 8. die

Ketteninsel, am 10. Maitea, die Kapitän Wallis zuerst entdeckt und

die Osnabrückinsel genannt hatte. Am folgenden Morgen früh entdeckten

wir Otahiti. Um 11 Uhr waren wir so nahe, daß verschiedene Kähne mit

Eingeborenen, die Palmzweige mit sich führten, uns anliefen und uns

die Zweige als Friedenszeichen überreichten. Am nächsten Morgen um 7

Uhr gingen wir in der Port Royal Bai, die von den Eingeborenen Matavai

genannt wird, vor Anker. Die Eingeborenen umringten das Schiff sofort

mit ihren Kähnen und brachten uns Kokosnüsse, Äpfel, Brotfrüchte

und Fische, die sie uns für Glaskorallen und andere Kleinigkeiten

überließen. Unter ihnen befand sich Owhah, ein alter Häuptling, den

die früheren Begleiter des Kapitäns Wallis, Herr Gore und andere, die

mich auf meiner Reise begleiteten, sofort erkannten. Ich lud den alten

Herrn an Bord und machte ihm einige Geschenke. Zugleich ordnete ich

durch einen Befehl den Verkehr meiner Leute mit den Eingeborenen, um

Preisdrückereien und anderem vorzubeugen. Hauptsächlich untersagte

ich, daß Waren gegen irgend etwas anderes als Lebensmittel umgetauscht

werden sollten.

Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Herren Banks

und Dr. Solander unter dem Schutze einer Abteilung Seesoldaten mit

unserm Freunde Owhah an Land. Die zahlreich versammelten Eingeborenen

ließen uns grüne Zweige überreichen und erzeigten uns große Ehrfurcht.

Am nächsten Tage kamen zwei Häuptlinge an Bord und wählten Herrn Banks

und mich mit großem Zeremoniell zu ihren Freunden. Mataha lud uns dann

zu sich ein. Weil ich einen bequemeren Hafen zu finden hoffte, ließ

ich zwei Boote aussetzen und ging mit Banks, Dr. Solander und den

andern Herren in Gesellschaft unsrer beiden indianischen Freunde an

Bord, um unter der Führung der letzteren die Reise anzutreten. Als wir

eine Seemeile weit gerudert waren, winkten uns die Häuptlinge an Land

zu steuern. Der Zulauf des Volkes war so groß, daß wir uns bald von

etlichen hundert Personen umringt sahen. Man geleitete uns sofort in

ein stattliches Haus, wo uns Tootahah, der Regent des Landes, begrüßte

und mit dem Geschenk wohlriechender Tücher bedachte. Das Tuch, das er

Herrn Banks überreichen ließ, war 33 Fuß lang und 6 Fuß breit. Herr

Banks erwiderte das Geschenk mit einem seidenen Spitzenhalstuch und

mit einem Taschentuch. Tootahah legte den neuen Staat mit stolzer und

selbstgefälliger Miene an. Doch es ist Zeit, daß ich auch die Damen

erwähne, die uns nach unserer Verabschiedung von dem Oberhäuptling in

ihre Häuser geleiteten. Sie erwiesen uns alle Aufmerksamkeiten und

schienen auch kein Bedenken zu tragen, ihre Gefälligkeiten allenfalls

noch weiter zu treiben. Die Häuser hatten keine Seitenwände, man

blieb also niemals ungesehen. Das hinderte die Schönen nicht, auf die

Matten zu deuten, sich niederzulassen und uns zu sich hinabzuziehen.

Wir beurlaubten uns jedoch von ihnen und gingen der Küste entlang.

Unterwegs begegnete uns der Häuptling Tubourai Tamaide an der Spitze

seiner Leute. Wir schlossen sofort einen Friedensvertrag mit ihm ab und

folgten dann seiner Einladung zu einem Imbiß.

Während der Tafel erzeigte eine von den Gemahlinnen des Häuptlings,

die Tomio hieß, Herrn Banks die Ehre, sich dicht neben ihn zu setzen.

Tomio war nicht mehr in der Blüte ihrer Jugend und Schönheit.

Aus diesem Grunde bezeigte ihr auch Herr Banks keine besonderen

Aufmerksamkeiten. Als ihm unter den Umstehenden ein sehr schönes

Mädchen in die Augen fiel, winkte er sie heran. Die Schöne zierte

sich anfänglich, folgte dann aber der Einladung. Nun beschenkte sie

Banks mit Glaskorallen und anderen Kleinigkeiten. Tomio war zwar

etwas beleidigt, aber sie blieb ebenso aufmerksam und höflich gegen

ihren Gast wie zuvor. Diese Szene hätte wohl noch interessanter

und rührender werden können, wäre sie nicht durch einen ernsten

Zwischenfall gestört worden. Dr. Solander und Herr Monkhouse machten

nämlich die unangenehme Entdeckung, daß sie bestohlen worden waren,

und zwar war ersterer um ein kleines Taschenperspektiv und letzterer

um seine Schnupftabaksdose bestohlen. Dieser Diebstahl verdarb allen

die gute Laune. Die Herren beschwerten sich bei dem Häuptling. Und

um der Beschwerde mehr Nachdruck zu geben, sprang Herr Banks auf und

stieß mit drohender Gebärde den Kolben seiner Büchse auf den Boden,

wodurch er der ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken einjagte,

daß sie Hals über Kopf zum Hause hinauslief. Dem Häuptling gelang es

binnen kurzem, die gestohlenen Gegenstände herbeizuschaffen und ihren

rechtmäßigen Eigentümern auszuhändigen, worauf wir versöhnt nach dem

Schiffe zurückkehrten.

[1] Cook wurde von dem ungebildeten Vizekönig, der sich den Durchgang

der Venus als den »Durchgang des Nordsterns durch den Südpol« erklärte,

aufs äußerste schikaniert, als Feind behandelt, scharf bewacht und in

jeder Weise aufgehalten.

[2] Die »Weißen« galten den Mexikanern nicht als die Repräsentanten

der guten Götter, sondern als die des Dämons. Als solche galten auch

Cook und seine Leute den Feuerländern, deren primitive Religion in der

Versöhnung des Bösen bestand, da ja das Gute nicht zu fürchten war.

Zweites Kapitel.

Die Bewohner von Tahiti. -- Ihre Stehlsucht. -- Wir bauen ein Fort.

-- Lustbarkeiten. -- Oberea, die Königin, und ihr Günstling. --

Tootahah, der Regent. -- Ringkämpfe. -- Seltsame Besuchssitte. --

Freie Liebe.

Am nächsten Tage ging ich mit den Herren Banks, Dr. Solander und Green

an Land, um dort einen Platz für ein kleines Fort und unsre Sternwarte

aufzusuchen. Wir waren bald über den Platz schlüssig und steckten auf

der nordöstlichen Spitze der Bai die Grenzen ab, wo wir auch ein Herrn

Banks gehöriges Zelt aufschlugen. Wie bei allem, was wir taten, so

versammelte sich auch diesmal eine große Menge Zuschauer um uns, die

ohne Waffen gekommen waren. Unter ihnen befand sich auch Owhah, dem ich

durch Zeichen verständlich zu machen suchte, daß wir den Platz, den wir

abgesteckt hatten, nicht für immer, sondern nur für die Zeit unseres

Aufenthalts beanspruchten. Ich kann nicht sagen, ob er mich verstanden

hat. Die Eingeborenen betrugen sich zu meiner Freude gefällig und

ehrerbietig; sie hockten ganz friedfertig außerhalb des abgesteckten

Kreises nieder und schauten uns zu, solange wir arbeiteten.

Wir beschlossen, obwohl uns Owhah durch Zeichen abriet, uns im Innern

des Waldes umzusehen. Wir ließen unsere Seesoldaten unter dem Befehl

eines Unteroffiziers zur Bewachung des Zeltes zurück und begaben uns

in Begleitung einer großen Anzahl Eingeborener in den Wald. Als wir

über einen kleinen Fluß setzten, flogen einige Enten auf. Banks schoß

und erlegte drei Stück davon. Der Schuß jagte den Eingeborenen einen

solchen Schrecken ein, daß die meisten wie vom Blitz getroffen zu Boden

fielen; doch sie erholten sich bald von ihrer Furcht, und wir setzten

unsere Reise fort. Plötzlich fielen zwei Schüsse in der Richtung des

Zeltes. Wir brachen in großer Besorgnis so schnell als möglich dorthin

auf und fanden den Platz um das Zelt von den Eingeborenen geräumt.

Der wachhabende Unteroffizier meldete, daß einer der Indianer dem

Posten das Gewehr entrissen habe und damit entflohen sei. Man habe

ihn verfolgt und erschossen, sonst sei niemand getötet oder verwundet

worden. Wir rechtfertigten Owhah und den Häuptlingen gegenüber das

Vorgehen unserer Leute und bedeuteten ihnen, daß wir niemand ein Leid

zufügen würden, der uns und unsere Leute in Frieden lasse. Wir brachen

hierauf das Zelt ab und gingen ärgerlich über den Vorfall an Bord.

Am folgenden Morgen war der Strand ziemlich leer. Niemand von

unsern indianischen Freunden, selbst unser treuer Owhah nicht, ließ

sich blicken -- Beweis genug, daß man uns grollte. Unter diesen

Umständen segelte ich näher an die Küste und legte das Schiff so vor

Anker, daß unsere Kanonen den ganzen nordöstlichen Teil der Bai und

insbesondere den Platz bestreichen konnten, den ich zur Erbauung des

Forts abgesteckt hatte. Am 17. starb zu unserem größten Leidwesen

Herr Buchan, ein begabter Maler, den Herr Banks mitgenommen hatte, an

den Folgen des Abenteuers auf der Terra del Fuego. Aus Rücksicht auf

die Eingeborenen begruben wir ihn nicht auf der Insel, sondern wir

übergaben seinen Leichnam unter großen Feierlichkeiten der See. Am

Vormittag desselben Tages statteten uns Tootahah und Tubourai Tamaide

ihren Gegenbesuch ab. Auch brachten sie Geschenke mit, Brotfrucht und

ein gebratenes Schwein. Ich machte jedem ein Beil und einen Nagel

zum Gegengeschenk. Am Abend gingen wir an Land und schlugen ein Zelt

auf, worin Green und ich die Nacht zubrachten, um eine Finsternis des

Jupitertrabanten zu beobachten; weil sich aber der Himmel bewölkte,

wurde nichts daraus.

Nach Anbruch des Tages begannen wir mit dem Bau des Forts. Zu meiner

Beruhigung machten sich die Eingeborenen dadurch nützlich, daß sie

die im Walde gehauenen Pfosten und Faschinen herbeischleppten, die

ich ihnen ehrlich bezahlt hatte. Kein Baum war ohne ihre Erlaubnis

gefällt worden. Diese Rücksichtnahme auf ihre Eigentumsrechte machte

so guten Eindruck, daß der Oberhäuptling Tamaide bei einem Besuch

nicht nur seine Familie, sondern auch das Wetterdach eines Hauses und

allerhand Baugeräte mitbrachte und erklärte, seine Residenz in unserer

Nachbarschaft aufschlagen zu wollen. Am 22. veranstaltete Tootahah ein

Konzert zu unseren Ehren. Das Orchester bestand aus vier Flötisten,

die ihr Instrument mit der Nase bliesen, und vier Sängern, die immer

eine und dieselbe Melodie spielten und sangen. An einem Abend lieh

Dr. Solander einer von den Frauen Tamaides sein Messer, bekam es aber

nicht wieder; am folgenden Morgen vermißte Herr Banks das seinige. Bei

dieser Gelegenheit will ich betonen, daß unterschiedslos die Männer

und die Frauen dieses Volkes die größten Diebe auf Erden sind. Bereits

am Tage unserer Ankunft, als uns die Eingeborenen an Bord unseres

Schiffes besuchten, waren die Häuptlinge ebenso beschäftigt unsere

Kabinen zu bestehlen, wie ihre Leute die andern Teile des Schiffes.

Banks beschuldigte Tamaide, ihm sein Messer gestohlen zu haben. Der

Oberhäuptling leugnete feierlich. Banks erfuhr bald, daß sein eigener

Bedienter das Messer verlegt hatte, und er beeilte sich, den Häuptling

zu versöhnen.

Am 26. stellte ich sechs Drehbassen im Fort auf, wodurch die

Eingeborenen in Furcht gerieten; einige Fischer, die auf der Landspitze

der Bai wohnten, verzogen deshalb nach dem Innern der Insel. Am

nächsten Morgen langten zahlreiche Kähne an, und die Zelte im Fort

wimmelten von Männern und Frauen, die aus allen Teilen der Insel

hergekommen waren. Ich hatte an Bord zu tun; allein unser Steuermann

Mollineux, der schon einmal mit Kapitän Wallis in Otahiti war, ging

für mich an Land. Als er in das Zelt des Herrn Banks trat, fiel ihm

sofort eine Frau auf, die mit mehreren andern dort saß. Kaum erblickte

er sie, so erkannte er in ihr Oberea, die Königin der Insel, die nach

dem Zeugnis des Kapitäns ihm so wertvolle Dienste geleistet hatte. Auch

sie erkannte den Steuermann wieder. Oberea war sehr groß, ihre Haut war

weiß und ihr Gesicht schien ungemein geistreich und empfindsam. Sie war

ungefähr vierzig Jahre alt und mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen

sein.

Als Banks hörte, wer sie war, erbot er sich, sie an Bord des Schiffes

zu geleiten. Die Königin nahm den Vorschlag mit Freuden an und kam mit

zwei Häuptlingen und ihren Frauen an Bord, wo ich sie feierlich empfing

und mit Geschenken überhäufte. Am besten gefiel der erlauchten Dame

eine Kinderpuppe. Alsdann begleitete ich sie an Land, wo wir Tootahah

begegneten, der zwar nicht König als Regent, aber mit der höchsten

Gewalt bekleidet war. Es schien ihm wenig zu gefallen, daß wir die

Königin mit so großer Auszeichnung behandelten. Und als sie ihre Puppe

zeigte, wurde er so eifersüchtig, daß ich ihm, um ihn zu versöhnen,

auch eine Puppe schenken mußte, die er sogar einem schönen Beile

vorzog. Kurz danach fielen die Puppen so im Kurs, daß sie niemand mehr

wollte.

Die Männer, die uns besuchten, pflegten ohne das geringste Bedenken an

unserm Tische zu speisen. Die Frauen und Mädchen hingegen waren nie

dazu zu bewegen gewesen. Auch heute lehnten sie unsere Einladung ab,

verfügten sich aber in das Speisezimmer der Bedienten, wo sie es sich

gut schmecken ließen. Der Grund dieses Betragens blieb uns ein Rätsel.

Am nächsten Morgen erwiderte Herr Banks den Besuch der Königin. Es war

nicht mehr sehr früh, als er erschien. Trotzdem sagte man ihm, daß sie

noch unter der Wetterdecke ihres Kahnes schlafe. Er begab sich dorthin

in der Absicht sie zu wecken, weil er glaubte, daß er sie durch diese

etwas familiäre Art schwerlich beleidigen würde. Als er aber in ihre

Kajüte blickte, fand er sie mit Obadec, einem stattlichen jungen Manne

von fünfundzwanzig Jahren, zusammen. Banks wich beschämt zurück. Man

gab ihm aber zu verstehen, daß dergleichen Intimitäten landesüblich

seien; außerdem wäre es kundig, daß Obadec der Günstling der Königin

wäre. Zu höflich, Herrn Banks lange antichambrieren zu lassen, kleidete

sich Oberea schnell an und ging dann in seiner Begleitung nach den

Zelten.

Kapitän Wallis hatte eines der Steinbeile der Insulaner nach England

gebracht, nach dessen Muster die Admiralität ein eisernes Beil

verfertigen ließ, das ich mitnehmen mußte, um den braunen Herrschaften

mit unserer Industrie zu imponieren. Als ich Tootahah dieses Beil zum

Geschenke machte, um ihn wegen des Forts, das ich mit zwei Vierpfündern

und sechs Drehbassen bewehrt harte, zu beruhigen, war er von dem

Geschenke derart entzückt, daß er in der Furcht, das Geschenk würde

mich reuen, sofort davonlief, um es in Sicherheit zu bringen. Leider

wurde uns nebst mehreren andern Gegenständen ein Quadrant gestohlen,

den wir unter jeder Bedingung haben mußten. Meine Leute setzten daher

den guten Tootahah als Geisel gefangen. Zum Glück kam ich rechtzeitig

zurück, um ihn zu befreien. Wir erhielten die gestohlenen Sachen

ausgeliefert. Die Insulaner grollten mehrere Tage, allein es gelang

uns, sie wieder vollständig zu versöhnen. Wir statteten Tootahah einen

feierlichen Besuch ab.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strand, daß wir kaum

hindurch gekommen wären, wenn nicht ein großer, mit einem Turban

bekleideter Mann dagewesen wäre, eine Art von Zeremonienmeister, der

mit einem weißen Stock um sich hieb und Platz schuf. Dieser seltsame

Herr geleitete uns zum Oberhaupt, indes das Volk uns zujauchzte:

»Tai Tootahah!«, Tootahah ist euer Freund! Wir fanden ihn gleich

einem biblischen Erzvater, umgeben von den Ältesten seines Staates,

unter einem Baume thronend. Ich überreichte ihm zu den bedungenen

Versöhnungsgeschenken noch ein Oberkleid von englischem Tuche, das er

mit großer Freude empfing und sofort anlegte, und ein Hemd, das er

seinem Zeremonienmeister übergab. Dann lud er uns zu einem Wettkampf,

einem Ringkampf ein, den er uns zu Ehren veranstaltet hatte. Wir wurden

nach einem großen Platze geführt, der von einem etwa drei Fuß hohen

Rohrgitter umgeben und an die Residenz des Oberhäuptlings angebaut

war. Tootahah saß in der Mitte der Preisrichter; wir zogen es vor, uns

frei umherzubewegen. Als alles bereit war, traten die Kämpfer in den

Kreis. Sie waren bis auf ein Hüfttuch nackt. Die Anfangszeremonien

des Ringkampfes bestanden darin, daß die Ringer in gebückter Haltung

langsam rund im Kreise herumgingen und dabei die linke Hand auf ihre

rechte Brust legten, während sie mit der rechten Hand den Takt auf

ihrem linken Arm schlugen, eine Herausforderung an alle, die mit ihnen

ringen wollten. Die direkte Herausforderung bestand noch darin, daß

der einzelne Ringkämpfer seinen Gegner zum Kampfe einlud, indem er

die Hände auf die Brust legte und mit den Ellenbogen wippte. Hatte

der Gegner dasselbe getan, so fuhren beide aufeinander los, wobei

jeder seinen Gegner regellos zu packen suchte, an den Beinen, an

den Armen, um den Leib und selbst an den Haaren, wobei nur die rohe

Kraft entschied. Doch mußte der Sieger den Besiegten auf den Rücken

legen. Während des Ringens tanzten Tänzer einen der charakteristischen

monotonen Tänze. Mit Erbitterung wurde nirgends gerungen. Wir

konstatierten sogar, daß die Besiegten über ihr Pech lachten und

scherzten. Das Wettringen dauerte etwa zwei Stunden. Tootahah lud

sich alsdann bei uns im Fort zu Gaste, wozu er ein gebratenes Schwein

lieferte. Unsere Aussöhnung mit diesem mächtigen Manne wirkte wie ein

Zauber auf das Volk, das sofort mit vielem Eifer den unterbrochenen

Tauschhandel mit uns wieder aufnahm. Doch hielt es nach wie vor

schwer, Schweinefleisch zu erhalten. Die Herren Green und Mollineux

hörten bei einem Ausflug, daß die meisten Schweine unserem Tootahah

gehörten. Nunmehr fingen wir an, unsern Freund für einen mächtigen

Fürsten zu halten, denn anders wären ein solcher Reichtum und eine so

unumschränkte Gewalt nicht möglich. Bis jetzt hatten wir Kokosnüsse und

Brotfrüchte immer noch mit Glaskorallen eingehandelt. Nun aber begann

der Wert dieses Tauschartikels so bedeutend zu fallen, daß wir Nägel

auf den Markt brachten. Für einen vierzölligen Nagel erhielten wir

zwanzig Kokosnüsse und Brotfrucht in demselben Quantum.

Am 9. Mai besuchte uns, zum ersten Male seit dem Streit mit Tootahah,

die Königin wieder. Oberea kam in Begleitung des Häuptlings Tupia und

ihres Günstlings Obadec, die uns ein Schwein und Brotfrüchte brachten,

ein Geschenk, das wir mit einem Beil auslösten. Wir hatten inzwischen

eine Schmiede im Fort aufgestellt. Der Schmied hatte beständig Arbeit,

denn die Eingeborenen brachten altes Eisen, woraus ich ihnen neue

Werkzeuge schmieden ließ. Die Königin hatte eine zerbrochene Axt

mitgebracht, die ich ihr zu ihrer Zufriedenheit reparieren ließ.

Alsdann verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, nach drei Tagen

wiederkommen zu wollen. Unsere Namen richtig aussprechen zu lernen

war den Insulanern ein Ding der Unmöglichkeit. Mich nannten sie Tuti,

Herrn Hicks Hiti, Mollineux nach seinem Vornamen Bob Boba, Herrn Gore

Toora, Dr. Solander Torano, Herrn Banks Tapane, Herrn Green Eteri, den

Maler Parkinson Patini und den Unteroffizier Monkhouse, der den Dieb

der Muskete erschossen hatte, Matte, was soviel wie Tod bedeutet. Der

letztere Umstand ließ uns darauf schließen, daß die Namen, die sie uns

gegeben hatten, Worte ihrer eigenen Sprache bedeuteten.

Am 12. Mai, an einem Freitag, statteten uns einige fremde Frauen von

Rang einen Besuch ab. Herr Banks saß am Tore des Forts in seinem Boote

neben Tootahah und andern vornehmen Eingeborenen, um die Marktgeschäfte

zu erledigen. Zwischen 9 und 10 Uhr landete ein großer Kahn, unter

dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saßen. Tootahah bedeutete

Herrn Banks, den vornehmen Fremden entgegen zu gehen. Bis er jedoch

aus dem Boote kam, waren ihm jene schon bis auf dreißig Fuß nahe

gekommen. In dieser Entfernung hielten sie still und winkten ihm ein

Gleiches zu tun. Hierauf legten sie ein halbes Dutzend Bäumchen und

andere Pflanzen auf die Erde nieder. Das Volk hatte inzwischen von

den Fremden bis zu Banks eine Gasse gebildet. Alsdann brachte der

Mann, der ein Diener der vornehmen Frauen zu sein schien, die Bäumchen

nacheinander Herrn Banks und sprach dazu einige Worte. Der Häuptling

Tupia versah das Amt eines Zeremonienmeisters des Herrn Banks; er nahm

die Zweige ebenso feierlich an und legte sie ins Boot. Nach dieser

Feierlichkeit schleppte der Mann einen großen Ballen Tücher herbei,

öffnete ihn und breitete den Inhalt stückweise zwischen Banks und

seinen Gästen aus, wobei er jedesmal drei Tücher aufeinander legte.

Hierauf stieg eine der beiden Frauen, die Ooratooa hieß und die

vornehmere war, auf die Tücher, hob ihre Kleider ringsum bis an die

Hüften auf und drehte sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt

feierlich und bedächtig dreimal im Kreise herum. Alsdann ließ sie

den Vorhang fallen und trat wieder herunter. Jetzt legte man sechs

Tücher und dann neun übereinander. Ooratooa wiederholte jedesmal die

Zeremonie, der das Volk mit dem feierlichsten Ernste anwohnte. Danach

wurde das Tuch sofort aufgerollt und Herrn Banks als Geschenk von der

Dame überreicht, die mit ihrer Freundin an ihn herantrat und ihn küßte.

Er machte den beiden die auserlesensten Geschenke; die beiden vornehmen

Insulanerinnen blieben etwa eine Stunde, dann fuhren sie heimwärts.

Am Abend bekamen die Herren im Fort den Besuch der Königin und ihrer

Freundin Oteothea, eines sehr schönen jungen Mädchens.

Am 13., als der Markt schon um 10 Uhr vorüber war, erging sich Herr

Banks, der seine Kugelbüchse bei sich trug, im kühlenden Schatten

des Waldes. Auf dem Rückwege traf er Tubourai Tamaide vor seinem

provisorischen Wetterhaus und verweilte bei ihm. Dieser nahm die

Gelegenheit wahr, nahm Herrn Banks die Büchse aus der Hand, spannte den

Hahn und versuchte einen Schuß in die Luft abzufeuern. Zum Glück für

ihn versagte der Schuß. Banks entriß ihm augenblicklich die Büchse.

Da es von höchster Wichtigkeit war, die Insulaner in der Behandlung

des Feuergewehrs in gänzlicher Unwissenheit zu erhalten, so erging

sich Banks dem Häuptling gegenüber in den fürchterlichsten Drohungen.

Tamaide hörte den Verweis mit großer Demut an, allein kaum hatte ihm

Banks den Rücken gewendet, so enteilte er mit seiner ganzen Familie

in sein Haus zu Eparre. Wir wurden sofort benachrichtigt, und da wir

diesen einflußreichen Mann nicht zum Feinde haben wollten, so reisten

die Herren Banks und Mollineux noch an demselben Abend nach Eparre

ab. Hier fanden sie den Oberhäuptling betrübt im Kreise seiner Leute

sitzen; seine Lieblingsfrau hatte in ihrer Trauer über den Vorfall

ihren Kopf mit einem Seehundszahn blutig gestoßen. In gleicher Weise

hatte die Terapo schon vorher ihrem Schmerze Ausdruck gegeben. Banks

beeilte sich also, den Häuptling zu beruhigen und ihm zu versichern,

daß er weit davon entfernt sei, ihm zu zürnen. Tamaide war so froh

darüber, daß er sofort zurückkehrte und zum Zeichen der vollständigen

Aussöhnung mit seinen Frauen im Zelte des Herrn Banks übernachtete.

Am 4. Juni, an einem Sonntage, hielten wir im Fort Gottesdienst ab,

wozu wir den Tamaide und andere vornehme Insulaner einluden. Herr

Banks setzte sich mitten zwischen sie, und sie ahmten alles nach,

was er tat; sie erhoben sich, setzten sich, knieten nieder, ganz

wie er. Als jedoch der Gottesdienst vorüber war, bezeigten sie kein

Interesse dafür, von uns zu erfahren, um was es sich hier gehandelt

habe. Die Insulaner hielten dagegen eine Vesper von besonderer Art

ab. Ein junger, sechs Fuß großer Mensch weihte nämlich ein junges,

etwa zwölfjähriges Mädchen in Gegenwart einiger von unseren Leuten und

einer großen Menge Volkes feierlich in die Mysterien des Venuskultes

ein. Die ungenierte Art, womit er hiebei zu Werke ging, bewies ganz

klar, daß er seine Handlungsweise nicht im geringsten für unschicklich

und unanständig, sondern für eine im Gebrauch des Landes erlaubte

und moralische hielt. Unter den Zuschauern befanden sich die Königin

und viele Frauen von Stand, die sich nicht damit begnügten, bei

dieser Zeremonie die Zuschauerinnen zu spielen, sondern im Gegenteil

eifrig bemüht waren, der Novize Anleitungen zu geben, wie sie sich zu

verhalten habe, obschon das Mädchen trotz seiner Jugend der Anleitungen

eben nicht sehr zu bedürfen schien. Ich erzähle diesen Vorfall, weil

er ein nicht unbedeutender Beitrag zur Lösung einer Frage ist, über

die die Philosophen schon lange stritten, die Frage nämlich: »ob die

Scham, die gewisse natürliche Handlungen begleitet, ihren Grund in der

Natur selbst hat, oder ob sie aus Gebräuchen entstanden ist«. Es dürfte

sehr schwer werden zu erklären, wie es kam, daß der Schambegriff

bezüglich gewisser Naturakte gerade diesem paradiesisch harmlosen Volke

vollständig fehlt.

Ebenso verhielt es sich mit dem Begriff des Diebstahls und seiner

Verwerflichkeit. Wir hatten wiederholt bemerkt, daß, sobald uns etwas

gestohlen wurde, alle Insulaner schon vor uns davon Kenntnis hatten.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni wurde uns eines von den am Fort

aufgestellten Wasserfässern gestohlen; am andern Morgen war kein

Insulaner, der nicht von diesem Diebstahl gewußt hätte.

Drittes Kapitel.

Ein Besuch beim Regenten. -- Der Durchgang der Venus. -- Folgen ihres

Kults. -- Ein tahitisches Begräbnis. -- Ein Hundebraten. -- Hoher

Besuch. -- Eine Reise um die Insel. -- Lockungen.

Am 27. Juni beschlossen wir, dem Oberhäuptling Tootahah einen Besuch

abzustatten, um ihn zur Lieferung einiger Schweine zu veranlassen.

Ich ruderte daher frühmorgens mit Banks, Dr. Solander und drei andern

Herren in der Pinasse ab. Da wir den Weg nach Atahourou, der neuen

Residenz Tootahahs, nur zur Hälfte im Boote zurücklegen konnten, so

langten wir erst gegen Abend bei ihm an. Wir fanden ihn in seinem

gewöhnlichen Staatsgewand unter einem großen Baum inmitten seines

Volkes thronend und überreichten ihm unser Geschenk, das aus einem

gelben Frauenunterrock und andern Kleinigkeiten bestand und das er in

Gnaden anzunehmen geruhte.

Die Menge des Volkes und der angesehensten Häuptlinge war so groß

-- auch die Königin war mit ihrem Gefolge erschienen -- daß die

Häuser nicht alle beherbergen konnten. Wir waren also gezwungen jeder

woanders zu logieren. Oberea bot Herrn Banks höflich einen Platz in

ihrem Quartier an. Banks war froh, so gut versorgt zu sein, wünschte

uns gute Nacht und ging mit der Königin weg. Nach dem Landesgebrauch

legte er sich frühzeitig schlafen, und da die Nacht sehr heiß war,

so entkleidete er sich. Oberea bestand darauf, die Kleider in ihre

eigene Verwahrung zu nehmen, damit sie nicht gestohlen würden. Unter

dem so mächtigen Schutze der Königin schlief Banks sorglos wie in

Abrahams Schoß. Als er um 11 Uhr aufstehen wollte, waren seine Kleider

verschwunden. Er weckte also die Königin, die sofort Licht machen

ließ und ihm schwur, ihm die Kleider zu verschaffen. Auch Tootahah,

der nebenan schlief und von dem Lärm erwachte, entfernte sich mit der

Königin, um den Dieb zu suchen, der dem guten Banks nichts weiter

zurückgelassen hatte als seine Beinkleider und seine Kugelbüchse,

die nicht geladen war. Pulverhorn, Pistolen, Rock, Weste usw. waren

verschwunden. Nach einer halben Stunde kamen Oberea und Tootahah

mit der Nachricht zurück, daß sie von dem Diebe keine Spur entdeckt

hätten. Banks, der keine Ahnung von unserem Quartier hatte, machte

gute Miene zum bösen Spiel. Gegen Morgen suchte er uns halb nackt

auf. Uns war es nicht viel besser ergangen; mir waren die Strümpfe

gestohlen, einem andern das Wams. Oberea brachte ihrem Gastfreund einen

Eingeborenenrock, und in diesem halb englischen, halb indianischen

Kostüm ging Herr Banks einher. Nur Dr. Solander, der bei ehrlichen

Leuten übernachtet hatte, war mit heiler Haut davongekommen. Unsere

Kleider waren und blieben verschwunden. Wir hegten deshalb den ziemlich

begründeten Verdacht, daß der Diebstahl mit Wissen und Willen der

Königin und Tootahahs begangen worden war. Wir traten sobald als

möglich den Rückmarsch zum Boote an und kamen des Abends spät nach dem

Fort zurück.

Lord Morton hatte mir bei meinem Abschiede dringend ans Herz gelegt,

den Durchgang der Venus von verschiedenen Orten aus beobachten zu

lassen. Green und ich wollten das Ereignis vom Fort aus beobachten.

Die erste Expedition unter dem Befehl des Herrn Hicks sollte im Osten

der Insel, die zweite unter dem Befehl des Leutnants Gore auf Imao im

Westen von Otahiti, einer Insel, die Kapitän Wallis Herzog-York-Insel

nannte, die Beobachtung anstellen. Zu diesem Zwecke stattete unser

Astronom Green beide Expeditionen mit den nötigen Instrumenten aus und

unterwies deren Leiter in ihrem Gebrauche. Herr Hicks brach mit seinen

Leuten in der Pinasse auf. Für die zweite Expedition wurde das lange

Boot ausgerüstet, aber man wurde erst Donnerstag nachmittag fertig. An

dieser Expedition nahm auch Banks mit Tamaide und mit Tomio teil, einer

Verwandten des Königs von Imao. Nachdem die Bootsleute den größten

Teil der Nacht hindurch gerudert harten, gelangten sie an die Insel,

wo sie sich vorläufig vor Anker legten. Bald nach Anbruch des Tages

erblickte man einen indianischen Kahn, den Tamaide anrief, um sich

nach einer Einfahrt zu erkundigen. In dieser erblickten sie einen von

der Insel etwa 450 Fuß entfernten Korallenfelsen, der für ihre Zwecke

günstig schien. Er war 240 Fuß lang, 60 Fuß breit, und zeigte in seiner

Mitte einen Sandflecken, der für den Aufbau der Zelte reichte. Man

beschloß daher die Sternwarte hier anzulegen. Während Gore und seine

Leute die Zelte aufschlugen, ging Banks mit Tamaide und Tomio an Bord

des Indianerkahns und fuhr nach der Hauptinsel, um Nahrungsmittel

einzutauschen. Bei seiner Rückkehr fand er die Sternwarte in Ordnung

und die Fernrohre befestigt und geprüft. Der Abend war sehr heiter.

Allein jedermann besorgte, daß der Himmel sich trüben könne, und so

fand keiner den Schlaf. Sobald der Tag anbrach und die Sonne hell

und klar aufging, stieg die Aufregung der Beobachter aufs höchste.

Banks wünschte den Herren Gore und Monkhouse viel Glück und fuhr in

Begleitung der Indianer nach der Insel. Um 8 Uhr bemerkte er, daß

sich zwei Kähne dem Platze näherten, den er sich für seine Geschäfte

ausgesucht hatte. Man teilte ihm mit, daß die Kähne dem König der

Insel, Tarrao, gehörten, der zum Besuche käme. Als der König sich

näherte, bildete das Volk eine Gasse vom Strande bis zum Marktplatz,

und Seine Majestät traten hierauf nebst dero Schwester Nuna ans Land.

Als sie sich dem Baume näherten, unter dem Banks hielt, ging er

ihnen entgegen und geleitete sie feierlichst zu seinem Platze, wo

er ein Tuch ausbreiten und seine Gäste darauf sitzen ließ. Der König

überreichte hierauf Herrn Banks ein Schwein, einen Hund und Früchte

zum Geschenk, das dieser mit einem Beil, einem Hemd und einigen

Glaskorallen erwiderte, womit er Sr. Majestät und der erlauchtesten

Prinzessin viele Freude bereitete. Kurz darauf erschienen Tamaide und

Tomio. Diese stellte sich als Verwandte Tarraos vor und überreichte ihm

einen großen Nagel und der Nuna ein Hemd zum Geschenk.

Als die erste innere Berührung des Planeten Venus mit der Sonne vorüber

war, begab sich Herr Banks mit Tarrao und seinem Gefolge, worunter

sich auch drei junge Schönheiten befanden, nach der Koralleninsel. Er

zeigte ihnen durch das Fernrohr den Planeten auf dem Sonnenspiegel

und suchte ihnen begreiflich zu machen, daß wir aus unserm Vaterlande

nur deshalb hergekommen wären, um dieses Ereignis zu beobachten. Am

folgenden Morgen fuhren die Mitglieder der zweiten Expedition wieder

nach dem Fort zurück. Auch die Ergebnisse unserer Beobachtungen waren

befriedigend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang war die Luft rein

und der Himmel klar. Nach den Aufzeichnungen Greens geschah die erste

äußere Berührung des Planeten der Sonnenscheibe um 9 Uhr 25 Minuten 42

Sekunden, die erste innere um 9 Uhr 44 Min. 4 Sek., die zweite innere

Berührung um 3 Uhr 14 Min. 8 Sek., und die zweite äußere Berührung um

3 Uhr 32 Min. 10 Sek. Die Breite unserer Sternwarte war 17 Gr. 29 Min.

15 Sek., die westliche Länge von Greenwich 149 Gr. 32 Min. 30 Sek.

So große Ursache wir auch hatten, uns über den Erfolg unserer

Observationen zu freuen, so sehr gab uns ein Teil des Schiffsvolks

Anlaß zum Ärger. Während wir nämlich den Durchgang der Venus

beobachteten, brachen verschiedene Matrosen in eine unserer

Vorratskammern ein und entwendeten ungefähr einen Zentner großer Nägel

-- eine Tat, von der wir den größten Nachteil zu befürchten hatten,

denn wenn die Diebe diese Nägel an die Insulanerinnen verhandelten, so

entwerteten sie unsere Haupttauschware. Wir entdeckten einen der Diebe,

fanden aber nur sieben Nägel bei ihm; auch verriet er, obwohl ich ihm

vierundzwanzig Hiebe aufbrennen ließ, keinen seiner Mitschuldigen.

Um diese Zeit starb eine alte Frau von Rang, die mit der Tomio verwandt

war. Dies verschaffte uns die längstersehnte Gelegenheit, einem

Leichenbegängnis beizuwohnen. In der Mitte eines Vierecks, das mit

einem schönen Gitter umgeben war, wurde eine Wetterdecke über zwei

Pfosten ausgespannt. Darunter wurde die Leiche auf eine primitive Bahre

gelegt und der Verwesung überlassen. Neben ihr wurden Brotfrüchte

und andere Lebensmittel niedergelegt, und in der Nähe wurden einige

Hütten errichtet, worin die nächsten Anverwandten und der vornehmste

Leidtragende, diesmal Tubourai Tamaide, den Zeitpunkt der Verwesung

abwarteten, um dann die Gebeine zu beerdigen.

Herr Banks war so begierig, in die Geheimnisse einer solchen

Feierlichkeit einzudringen, daß er sich zur bestimmten Zeit nach dem

Orte begab, wo der Leichnam lag. Die Tochter der Verstorbenen empfing

ihn daselbst, umgeben von allen Leidtragenden, unter denen sich auch

ein Knabe von etwa vierzehn Jahren befand. Tamaide trug als der

Hauptleidtragende eine seltsame Maske. Herr Banks mußte sich nackt

ausziehen; man wickelte ihm ein Lendentuch um den Leib und färbte

seinen Oberkörper mit Kohlenstaub und Wasser so lange, bis er schwarz

wie ein Neger war. Diese Förmlichkeit nahm man auch mit den andern,

unter ihnen einige Frauen und Mädchen, die sich gleichfalls nackt

ausziehen mußten, und mit dem Knaben vor. Tubourai Tamaide sprach

jetzt eine Art von Trauergebet, dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Als man an das Haus Tamaides kam, betete dieser wiederum, dann nahm

der Zug seinen Weg nach dem Fort hin. Die nicht zum Trauergeleite

gehörenden, in der Nähe des Forts angesiedelten Insulaner flüchteten

beim Herannahen des Zuges in die Wälder, und so war es überall, wo

sich dieser zeigte. Banks hatte als sogenannter »Niniveh« mit noch

zwei andern das Amt, darüber zu wachen, daß kein lebendes Wesen in

den Häusern weilte, und hatte dies Tamaide mit dem Worte: imatata! es

ist niemand da! zu melden. Der erste Leidtragende trug in seiner Hand

einen langen, flachen Stock, dessen Ränder mit scharfen Seehundszähnen

besetzt sind. Entdeckt er einen Fremden, so verprügelt er ihn aufs

unbarmherzigste mit dieser Waffe. Nach dem Umzug wuschen sich alle

Teilnehmer im Flusse.

Die letzten Fleischteile der Leiche wurden im Verwesungshause, dem

Tupapow, sorgfältig von den Knochen abgeschabt, worauf diese in

dem ummauerten Begräbnisplatz, dem Morai, begraben wurden. War der

Verstorbene ein Arrih, ein Häuptling, so wird seine Hirnschale in

einem besonderen Kästchen neben seinen Gebeinen begraben. Alsdann ist

die Trauer zu Ende. Offiziell wenigstens. Es kommt oft vor, daß sich

besonders die Frauen später noch mit den Seehundszähnen verwunden,

wenn sie sich bei irgendeiner Gelegenheit an den Verlust eines teuren

Anverwandten erinnern. Dies war auch bei der Terapo der Fall, als

sie sich in unsrer Gegenwart scheinbar ohne jeden Grund mit dem

Seehundszahn bearbeitete. Ihren Begräbnisplatz halten die Eingeborenen

heilig. Ich hatte ein Boot unter dem Kommando eines Offiziers an Land

geschickt, um Steinballast zu holen. Weil nun der Offizier nicht gleich

die nötigen Steine fand, ließ er eine Moraimauer niederreißen. Die

Insulaner widersetzten sich dem mit Gewalt. Herr Banks eilte hinzu

und stiftete Frieden, indem er die Matrosen nach dem Flusse schickte,

wo es Steine genug gab. Es ist gewiß sehr charakteristisch, daß die

Eingeborenen von Otahiti gegen das, was man ihren Toten antat, weit

empfindlicher als gegen das waren, was man mit den Lebenden vornahm.

Das einzige Mal, wo sie es wagten, die Hand an einen von uns zu legen,

geschah dies aus ähnlichem Anlaß. Unser Schiffsarzt Monkhouse pflückte

nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baum, der sich in einem Morai

befand. Einer der Eingeborenen, der ihn mit Entrüstung beobachtet

hatte, rannte ihn wütend an und schlug auf ihn ein. Monkhouse

erwischte den Kerl, doch eilten diesem zwei andre zu Hilfe und zogen

Monkhouse an den Haaren, so daß er seinen Gefangenen los lassen mußte,

der mit seinen Befreiern schnellfüßig flüchtete.

Am Abend des 19. Juni bekamen wir einen Besuch der Königin; es

befremdete uns aber nicht wenig, daß Oberea ohne die uns gestohlenen

Kleider erschien, obschon sie wußte, daß wir sie für die Hehlerin

hielten. Sie erklärte uns zwar, daß sie ihren Günstling Obadec

davongejagt hätte, der der Dieb sei, allein sie mußte fühlen, daß wir

ihrem Märchen keinen Glauben schenkten. Trotzdem lud sie sich wieder

bei Herrn Banks zum Nachtquartier ein, was ihr abgeschlagen wurde.

Daraufhin zog sie sich maulend zurück. Am nächsten Morgen erschien sie

wieder und brachte uns zur Versöhnung ein Schwein und einen Hund mit.

Weil wir erfahren hatten, daß die Insulaner das Fleisch ihrer Hunde

für einen großen Leckerbissen halten und es sogar dem Schweinefleisch

vorziehen, kam uns die Lust an, uns den Hund braten zu lassen. Der

Minister und Oberpriester der diebischen Königin, Tupia, erhielt den

Auftrag, das Tier für uns zuzubereiten. Um den Hund zu töten, hielt

er ihm mit aller Kraft über eine Viertelstunde Maul und Nase zu. In

dieser Zeit war ein fußtiefes Loch gegraben und in dieses waren kleine

Steine schichtweise zwischen das brennende Holz gelegt worden. Hierauf

wurde der Hund über das Feuer gehalten, seine Haare wurden abgesengt

und seine Haut wurde mit einer Muschel so rein abgeschabt, als wäre

er in heißem Wasser gebrüht worden. Alsdann wurde er mit derselben

Muschel geöffnet. Man nahm die Eingeweide heraus, reinigte sie in der

See und legte sie dann in die Kokosnußschalen, in denen man das Blut

aufgefangen hatte. Alsdann entfernte man den Brand aus dem Loch, in

das ein Teil der heißen Steine gelegt wurde. Über diese kam frisches

Laub, auf das der Hund und die Eingeweide gelagert wurden. Man bedeckte

beides mit Blättern und legte über diese den Rest der heißen Steine.

Dann wurde das Loch mit Erde zugedeckt. Nach etwa vier Stunden wurde

der Braten herausgenommen, der nach unserm einstimmigen Urteil ganz

delikat schmeckte. Die zum Verspeisen gezüchteten Hunde werden nicht

mit Fleisch, sondern mit Brotfrucht, Kokosmilch und Yamswurzeln, einer

Kartoffelart, gemästet.

Am 21. Juni wurden wir von Oamo besucht, einem sehr mächtigen

Oberhäuptling, dem die Eingeborenen mit großer Ehrfurcht begegneten.

Oamo kam mit einem Knaben von sieben Jahren und einem jungen Mädchen

von etwa sechzehn Jahren. Der Knabe wurde von einem Manne getragen.

Sobald man sie kommen sah, entblößten Oberea und sämtliche Eingeborenen

innerhalb und außerhalb des Forts den Oberkörper und schritten

so den Ankommenden entgegen. Diese Entblößung war so gut wie die

des Unterkörpers seitens der Ooratooa ein Zeichen ganz besonderer

Ehrfurcht. Noch merkwürdiger war, daß die Insulaner wohl Oamo, nicht

aber den Knaben und das Mädchen zu uns ins Fort ließen. Wir hörten

später, daß Oamo der Gemahl der Königin war, von der er getrennt

lebte. Der Knabe (der Thronerbe) und das Mädchen waren ihre Kinder.

Das Mädchen war die Verlobte ihres Bruders Teridiri. Der wirkliche

Oberkönig war ein Sohn des Oberhäuptlings Whappai namens Outou.

Whappai, Oamo und Tootahah waren Brüder; Whappai war der älteste und

Oamo war der zweite Bruder. Weil nun Whappai nur einen einzigen Sohn

hatte, nämlich den Outou, so war Teridiri als der Sohn Oamos Kronprinz.

Nach den Gebräuchen des Landes erbt ein Sohn mit seiner Geburt den

Titel und die Macht seines Vaters. Das Volk wählt alsdann einen

Regenten, gewöhnlich den Vater. Diesmal war die Wahl zum Regenten für

Outou auf seinen Oheim Tootahah gefallen, weil sich dieser in einem

Kriege ganz besonders ausgezeichnet hatte. Der intelligenteste von den

drei Brüdern war jedenfalls Oamo, wie aus seinen Erkundigungen über

England u. a. hervorging.

Die Besuche der verschiedenen Potentaten reizten uns zu einer

Umschiffung der Insel, die denn auch Banks und ich am 26. Juni früh

um 3 Uhr mit dem Maler Parkinson in der Pinasse bewerkstelligten. Wir

nahmen unsern Weg ostwärts und landeten in Oahounue, das von dem jungen

Oberhäuptling Ahio regiert wurde, der uns bereits mehrere Male besucht

hatte. Außer ihm trafen wir dort noch unsre alten Freunde Tituboalo und

Hoona an, die uns hoch erfreut bewirteten. Von hier gingen wir zu Fuß

weiter, während uns die Pinasse in Hörweite folgte. Unsre Freunde gaben

uns das Geleite bis zum Hafen Ohidea, wo Herr von Bougainville mit der

»Boudeuse« vor Anker gelegen hatte. Die Eingeborenen zeigten uns noch

den Lagerplatz der Franzosen.

Wir stiegen hierauf in die Pinasse und luden Tituboalo ein, uns an die

andere Seite der Bai hinüberzubegleiten. Er weigerte sich aber und

riet uns von diesem Wagnis ab, weil die Eingeborenen auf der andern

Seite nicht Untertanen des Tootahah wären und uns alle ermorden würden.

Man kann sich leicht denken, daß wir uns dadurch nicht ins Bockshorn

jagen ließen. Wir luden aber unsere Büchsen mit Kugeln. Tituboalo,

der das mit ansah, setzte so viel Vertrauen in den Blitz und den

Donner unserer Gewehre, daß er sich anders besann und zu uns an Bord

kam. Nachdem wir die Nacht hindurch gerudert hatten, gelangten wir im

Innern der Bai an eine Landenge, die Otahiti in zwei Teile teilte. Wir

übernachteten auf unsrer Seite. Auf Befehl der Ooratooa, eben jener

Dame, die Banks im Fort eine so eigenartige Reverenz erwiesen hatte,

wurden wir hier gastfreundlich aufgenommen und beherbergt. Am nächsten

Morgen sahen wir uns unsere Umgebung an und fanden, daß sie aus einem

etwa zwei englischen Meilen breiten, sumpfigen Moorland bestand,

über das die Eingeborenen ihre Kähne bis zur See hinüberziehen. Wir

setzten hierauf unsere Reise nach dem feindlichen »Königreich« fort,

das nach Tituboalos Angaben Tiarrabou hieß und von dem König Waheatua

beherrscht wurde. Unser indianischer Reisegefährte schien neuen Mut

gefaßt zu haben. Das Volk von Tiarrabou, prophezeite er uns jetzt

weniger bedrohlich, würde uns zwar nicht töten, aber es würde uns

regelrecht verhungern lassen. Und in der Tat hatten wir, seitdem wir

mit ihm unterwegs waren, keine Brotfrüchte gesehen. Nachdem wir

etliche Meilen weit gerudert waren, landeten wir in einem Gebiete,

dessen Oberhäuptling Maraitata, der Männer Grab, hieß. Der Name seines

Vaters war nicht weniger einladend, denn dieser nannte sich Pahairedo

oder der Boote Dieb. Diese Namen schienen allerdings die Weissagungen

Tituboalos zu bestätigen, allein wir erfuhren doch bald zu unserer

angenehmen Überraschung, daß unser Freund grau in grau gemalt hatte,

denn Vater und Sohn empfingen uns mit ungemeiner Höflichkeit, gaben uns

Lebensmittel und verkauften uns sogar ein sehr großes Schwein für ein

Beil. Das Volk strömte in Menge herbei, uns zu bewundern, doch fanden

wir in dem großen Haufen nicht mehr als zwei bekannte Gesichter. Wir

bemerkten auch keine Glaskorallen oder sonstigen Zierate an ihnen, die

von uns hätten herstammen können, obwohl wir europäischen Tand genug

an ihnen bemerkten. Wir entdeckten in einem der Häuser sogar zwei

Kanonenkugeln, die nach der Angabe des Besitzers von den Franzosen

herstammen sollten, nach dem breiten Pfeil aber, den sie als Zeichen

trugen, vom Dolphin des Kapitäns Wallis stammen mußten.

Hierauf kamen wir in ein Gebiet, das unmittelbar unter der Regierung

des Königs Waheatua stand. Ob er, da er einen Sohn hatte, die Regierung

als Regent oder als Selbstherrscher führte, ist uns nicht bekannt

geworden. Dieses Reich bestand aus einer großen, fruchtbaren Ebene,

die von einem Fluß durchquert wird, der so breit ist, daß wir uns in

einem Kahne übersetzen lassen mußten. Unser indianisches Gefolge aber

wollte lieber hinüberschwimmen und sprang munter wie eine Koppel

Jagdhunde ins Wasser. In dieser Gegend fanden wir kein bewohntes Haus,

dagegen die Reste vieler Häuser, die sehr groß gewesen sein mußten. Die

Küste bildet hier eine von den Eingeborenen Oaitipeha genannte Bai.

Wir marschierten den schönen Strand entlang und fanden endlich den

mächtigen Beherrscher dieses Teils der Insel neben schönen Wetterdecken

sitzen, unter denen er mit seinem ganzen Hofstaat zu schlafen pflegte.

Waheatua war ein hagerer alter Mann mit schneeweißem Haar und Bart; er

hatte eine wunderschöne Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren bei sich,

die Toudide hieß. Wir hatten den Namen dieser Dame oft gehört, und nach

allem, was man uns von ihr erzählt hatte, mußte sie die Oberea dieser

Insel sein. Wir verweilten einige Zeit und kauften Nahrungsmittel ein,

darunter von dem Sohne des Königs, dem Prinzen Tiarih, ein Schwein.

Tiarih entschloß sich dann uns zu begleiten. Nach feierlichem Abschied

von dem alten König und der schönen Königin marschierten wir weiter.

Das Land, in das wir alsdann gelangten, war besser kultiviert als alle

andern, die wir bisher gesehen hatten. Die Bäche waren zu beiden Seiten

mit Dämmen von Steinen eingefaßt und glichen regelrechten Kanälen;

selbst die Küste war mit Steindämmen versehen. Die Häuser waren weder

zahlreich noch groß. Dagegen fanden wir viele schöne, große Kähne längs

der Küste auf den Strand gelagert, die mit großer Sorgfalt gebaut, mit

größeren Hinterteilen und mit Wetterdächern versehen waren, die auf

Pfeilern ruhten. Fast auf jeder Landspitze befand sich ein Grabmal,

das mit großer Sorgfalt und vieler Kunst ausgeführt war. Die Pfosten

waren mit Schnitzwerk versehen, das aus Figuren von Menschen und Vögeln

bestand. Unter den Figuren fielen uns ein rot und gelb bemalter Hahn

und unförmliche Menschengestalten auf, die reihenförmig übereinander

angebracht waren. Trotz der scheinbaren Fruchtbarkeit dieses

Landstrichs gab es keine Brotfrüchte. Die Bäume waren leer, und die

Einwohner schienen hauptsächlich von Nüssen zu leben, die den Kastanien

ähnelten und Aehi genannt wurden.

Müde vom Marsch riefen wir die Pinasse herbei, fanden aber unsere

indianischen Freunde Tituboalo und Tuahow nicht darin. Wir nahmen

daher Tiarih und seinen Begleiter an Bord und steuerten dann nach dem

Eiland Otooareite, wo wir übernachteten. Ein Teil des nächsten Morgens

verstrich unter den fruchtlosen Bemühungen Lebensmittel zu erhalten,

dann setzten wir unsere Reise um die südöstliche Landspitze fort. Diese

Reise machten wir teils im Boot, teils zu Fuß. Nach einem Marsche von

drei Meilen gelangten wir an einen Platz, wo wir viele Kähne und viel

Volk antrafen, in dem wir außer Tuahow noch eine Reihe guter Bekannten

entdeckten, von denen wir einige Kokosnüsse einhandelten. Wir nahmen

Tuahow, der lange bei Waheatua auf uns gewartet hatte, an Bord und

ruderten weiter. In einer Gegend, die der Oberhäuptling Mathiabo

beherrschte, hielten wir an, um Lebensmittel einzutauschen. Mathiabo

kam selbst an den Strand, überhörte aber hartnäckig unsere Wünsche.

Bei seinen Untertanen konnten wir uns besser verproviantieren. Dem

Reiz einer leeren Glasflasche vermochte aber Seine Exzellenz nicht

zu widerstehen; er gab uns ein junges Schwein dafür und schien stolz

auf sein Handelstalent. Er hatte eine Gans und einen Welschhahn im

Besitz, die der Dolphin zurückgelassen hatte. Die Indianer hatten ihre

ganz besondere Freude an diesen Tieren, die erstaunlich fett und zahm

geworden waren. In einem Hause fanden wir fünfzehn frische menschliche

Kinnbacken an einem halbrunden Brett befestigt. Was das bedeuten

sollte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, weil man uns entweder

nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Mathiabo erbot sich uns zu

begleiten. Mit Freuden erteilten wir ihm die Erlaubnis, denn wir ahnten

nicht, daß er uns als Pilot nur deshalb die vorzüglichsten Dienste

leistete, um uns desto besser bestehlen zu können. Am Abend gelangten

wir vor die Bai, die sich an der nordwestlichen Seite der Insel an der

die letztere teilenden Landenge befindet, und fast ganz bis an jene

auf der südöstlichen Seite der Insel gelegene Bai heranreicht. Wir

ruderten an der Küste dieser Bai hin. Als wir zwei Drittel des Weges

zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns an Land zu übernachten. Wir

steuerten auf ein großes Haus zu, das, wie Mathiabo sagte, seinem

Freunde, dem Oberhäuptling Wiverou, gehörte. Es dauerte nicht lange,

so kamen uns verschiedene Kähne vom Strand entgegen. Wir entdeckten

darin eine Anzahl auffallend hübscher Frauen und Mädchen, die ihren

Gesten und Winken und ihrem unzweideutigen Betragen nach ausdrücklich

abgeschickt zu sein schienen, um uns durch ihre Reize ans Land zu

locken. Da wir die Absicht hatten an Land zu gehen, so bedurfte es

seitens der braunen Sirenen keiner großen Verführungskünste.

Der Oberhäuptling empfing uns sehr freundlich und befahl seinen Leuten,

uns unser Nachtessen, zu dem wir Mathiabo eingeladen hatten, bereiten

zu helfen. Die Häuptlinge speisten in unsrer Gesellschaft, und es ging

sehr heiter und aufgeräumt zu. Während der Nacht flüchtete Mathiabo

mit einem ihm von uns geliehenen Überrock. Wir entdeckten den Frevel

sogleich und verfolgten den Dieb, der in seiner Angst den gestohlenen

Mantel von sich warf, worauf wir ihn laufen ließen. Der Zwischenfall

hatte das ganze Haus in Aufregung gebracht. Allein unser Schrecken

wurde zur Verzweiflung, als uns um 5 Uhr des Morgens unsre Schildwache

mit der Nachricht weckte, daß das Boot verschwunden sei. Der Mann hatte

es noch vor einer halben Stunde vor Anker liegen sehen. Kurz darauf

hörte er rudern, und als er sich umblickte, war das Boot verschwunden.

Nunmehr stand es äußerst mißlich mit uns, und wir hatten alle Ursache

in Verzweiflung zu geraten. Da völlige Windstille herrschte, so konnten

wir natürlich nicht vermuten, daß sich die Pinasse von ihrem Anker

losgerissen habe, sondern wir befürchteten, daß die Insulaner unsere

schlafenden Bootsleute überfallen und ermordet und sich der Pinasse

bemächtigt hätten. Wir waren nicht mehr als unser vier und besaßen

ein paar geladene Pistolen, eine geladene Kugelbüchse, aber sonst

keine Munition, und waren gegenüber einem Angriff der Eingeborenen,

den wir jeden Augenblick befürchten mußten, rettungslos verloren. Man

kann sich also unser Entzücken ausmalen, als wir die Pinasse nach

einigen Stunden mit der Flut zurückkehren sahen. Sie war durch die

Ebbe losgerissen und abgetrieben worden, ein Umstand, an den wir in

der Bestürzung und Verwirrung nicht gedacht hatten. Nach dem Frühstück

fuhren wir unserer Halbinsel zu.

Viertes Kapitel.

Im Hause der Oberea. -- Eine Desertion. -- Unanständige Tänze. -- Die

Lustseuche. -- Körperschönheit, Sitten und Gebräuche der Bewohner von

Tahiti.

Wir waren nach mehrstündigem Rudern in der Nähe von Paparra angekommen,

dem Landesteil, der unserm Freunde Oamo und unserer diebischen Freundin

Oberea erbeigentümlich gehörte. Wir hatten beschlossen, dort zu

übernachten, hörten aber bei unsrer Landung, daß unsre Freunde nach

Matavai gegangen wären, um uns dort zu erwarten. Wir quartierten uns

trotzdem in dem kleinen, sehr geschmackvoll ausgestatteten Hause der

Königin ein, deren alter Vater uns auf das gastfreundlichste empfing.

Nachdem wir uns ausgeruht und gestärkt hatten, machten wir einen

Spaziergang nach der Landspitze hin, auf der wir von weitem etwas

gesehen hatten, eine Art von Trauerbäumen, die die Eingeborenen um ihre

Morais herum zu pflanzen pflegen.

Wir waren überrascht, dort ein ungeheures Bauwerk zu finden, das,

wie man uns sagte, der Morai der Oamo und der Oberea und zugleich

das größte Meisterwerk indianischer Baukunst auf der ganzen Insel

war. Dieser Grabbau war ganz von Stein pyramidenförmig auf einem

Fundament von 267 Fuß Länge und 87 Fuß Breite in elf Staffeln von 4

Fuß Höhe errichtet. Jede Staffel oder Stufe war aus einer Reihe weißer

Korallensteine erbaut, die regelmäßig viereckig gehauen und geglättet

waren; die übrigen Teile bestanden aus runden, bearbeiteten, ganz

gleichen Kieselsteinen. Einige von den Korallenquadern waren 4½ Fuß

lang und 3½ Fuß breit. Unter den gewöhnlichen Felsenquadern fanden wir

einen, der 4 Fuß 7 Zoll lang und 2 Fuß 4 Zoll breit war. Ein solches

Gebäude, von einem Volke aufgeführt, das weder eiserne Werkzeuge für

die Steinhauerarbeiten noch den Mörtel unsrer Mauern kannte und doch

so gut und dauerhaft wie die besten unter unsern Baumeistern baute,

mußte uns in sprachloses Erstaunen setzen. In der ganzen Gegend

entdeckten wir keinen Steinbruch, also mußten die Quadern aus großer

Entfernung hergeschafft worden sein. Allein mit welcher Mühe! Zumal

da den Eingeborenen unsre Transportmittel, Wagen und Pferde fehlen!

Die Korallenblöcke mußten aus der Meerestiefe heraufgeholt werden! Und

dann die Bearbeitung und Glättung des rohen Gesteins, die sie nur mit

Steinwerkzeugen bemeistern konnten! Eine unglaublich mühsame Arbeit

auf alle Fälle. Das Glätten konnte mit dem sehr scharfen Korallensande

wohl leichter bewerkstelligt worden sein, aber auch hier fehlt uns der

Maßstab für die Berechnung und Bewertung. Mitten auf dem Gipfel dieser

veritabeln Pyramide stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, neben ihm

lag ein aus Stein gehauener Fisch, der aber zerbrochen war. Die ganze

Pyramide nahm die Seite eines Platzes ein, der 360 Fuß lang, 354 Fuß

breit, im Innern mit flachen, breiten Steinen regelmäßig gepflastert,

von einer Steinmauer umgeben und mit Trauerbäumen bepflanzt war.

Etwa 300 Schritte von diesem imponierenden Mausoleum entfernt befand

sich ein anderer gepflasterter Hof, worin etwa 7 Fuß hohe Gerüste,

sogenannte Ewattas, aufgerichtet waren, auf denen die Opfer für die

Totengötter dargebracht wurden. Ein schöner Morai wird hier als Maßstab

des Ranges betrachtet, und der der Oberea ist ein sehr ins Auge

fallender Beweis von der früheren Macht und dem Reichtum dieser Königin.

Als wir am Strande zurückgingen, fanden wir den ganzen Weg mit

Menschenknochen dicht besät. Auf unsre Frage erzählte man uns, daß

etwa fünf Monate vor unsrer Ankunft das Volk von der südöstlichen

Halbinsel, die wir soeben bereist hatten, gelandet sei, eine große

Menge der Untertanen Oamos niedergemacht, viele Häuser vernichtet und

fast alle Tiere, den Reichtum des Königs, geraubt habe. Die Kinnbacken,

die wir gesehen hatten, seien von ihnen als Siegeszeichen mitgenommen

worden. Oamo und Oberea seien damals ins Gebirge geflüchtet und halb

ruiniert worden. Dieser Überfall erklärte uns auch, warum Oberea nicht

mehr so viel Macht und Ansehen besaß wie zu der Zeit, wo Kapitän

Wallis hier war. Wir kehrten nach der Residenz der Königin zurück und

übernachteten daselbst in voller Ruhe und Sicherheit. Am folgenden

Abend kamen wir nach Atahourou, der Residenz unseres Freundes Tootahah,

der uns mit vieler Freude beherbergte, und am nächsten Tag, Sonnabend,

den 1. Juli, zogen wir wieder in unser Fort zu Matavai ein. Zu unserm

Empfang strömten unsre indianischen Freunde herbei, und keiner kam mit

leeren Händen.

Wir bereiteten nunmehr unsre Abreise vor. Der Wasservorrat war bereits

an Bord und der Proviant wurde energisch ergänzt. In dieser Zeit

besuchte uns Oamo mit der Oberea und ihren Kindern Terridiri und

Toimata. Letztere war sehr begierig, das Fort zu besichtigen, allein

ihr Vater gab es nicht zu. Auch Tearih hatte sich zu dieser Zeit

eingestellt. Am 7. rissen unsre Zimmerleute das Tor und die Palisaden

des Forts ein und zerkleinerten das Holzwerk zu Brennholz. Tags

darauf schleiften wir die Festung. Um Mitternacht desertierten zwei

junge Seesoldaten, Clement Webb und Samuel Gibson, im Einverständnis

und mit Hilfe der Sippen ihrer jungen indianischen Geliebten, um

diese zu heiraten und auf der Insel zurückzubleiben. Die Deserteure

wurden mir erst ausgeliefert, als ich den Tootahah, die Königin und

andre Häuptlinge mit ihren Frauen als Geiseln an Bord des Schiffes

zurückbehielt, worüber sie nicht besonders mißvergnügt schienen. Wir

söhnten uns nach diesem Zwischenfall vollständig mit unsern Freunden

aus, die einsichtsvoll genug waren mein Verfahren zu begreifen.

In dieser Nacht wurde alles, was wir noch an Land hatten, an Bord

gebracht.

Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich

Tupia, der zur Zeit der Macht der Oberea ihr erster Minister und der

oberste Tahowa oder Oberpriester der Insel war. Er war ein guter Kenner

von Land und Leuten, der Religion und der Sitten seiner Heimat. Auch

besaß er große Erfahrung in der Schiffahrt seines Landes und eine

ungemeine Kenntnis von der Anzahl und der Lage der benachbarten Inseln.

Dieser hervorragende Mann kam am 12. mit seinem Diener Tayeto, einem

dreizehnjährigen Knaben, an Bord und bat uns inständig, ihn auf unsre

Reise mitzunehmen. Zu unserm Glücke wurde das Anliegen einstimmig

angenommen. Indessen fand sich, daß das Holz unserer Buganker von

Würmern zerfressen war und ersetzt werden mußte. Tupia machte sich

diesen kurzen Aufschub zunutze; er ging noch einmal an Land und nahm

ein Porträt Banks', um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene

Kleinigkeiten als Andenken für diese mit. Wir besuchten nochmals

Tootahah, bei dem wir die Oberea und unsern Freund Tupia fanden, der in

dieser Nacht zum erstenmal an Bord schlief.

Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli 1769, wurde das Schiff

sehr früh von unsern sämtlichen Freunden besucht und von einer Menge

Kähne umringt, die von Eingeborenen niedern Standes dicht besetzt

waren. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker. Sobald das

Schiff unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Häuptlinge und

ihre Frauen rührenden Abschied von uns, wobei es nicht ohne Tränen

abging. Auch das Volk in den Kähnen klagte laut. Tupia bewies bei

diesem rührenden Auftritt eine wahrhaft bewundernswerte Standhaftigkeit

und Entschlossenheit, trotz der Tränen, die er vergoß. Er machte der

Lieblingsfrau Tootahahs, der Potomai, zum Abschied noch ein Hemd zum

Geschenk; dann stieg er mit Banks in den Mastkorb, von wo er seinen

scheidenden Freunden seine letzten Grüße zuwinkte. So nahmen wir nach

dreimonatigem Aufenthalt Abschied von den gastlichen Gestaden der

schönen Insel und unsern lieben Freunden, mit denen wir in letzter

Zeit ziemlich handeln mußten, weil sie unsre Nägel im Kurs stark

herabgesetzt hatten. Durch den Diebstahl der Nägel seitens eines Teiles

der Bemannung waren die Insulanerinnen in der Lage, die Nägel viel

leichter als durch den Verkauf von Lebensmitteln zu erwerben. Zuletzt

mußten wir für ein Milchschwein von zehn Pfund ein Beil bezahlen, ein

Umstand, der unsre Abreise wesentlich beschleunigte.

In allen Ländern hält man die Mädchen und Jungfrauen von Dingen fern,

die sich auf den Verkehr mit dem andern Geschlechte beziehen. Hier

findet das gerade Gegenteil statt. Unter andern Lustbarkeiten hat man

auf Otahiti einen von jungen Mädchen zu tanzenden Tanz, den Timorodi,

der in Gebärden und in Bewegungen besteht, die höchst unzüchtig sind,

und der ihnen in frühester Jugend eingeübt wird. Während dieses Tanzes,

mit dem wir oft empfangen wurden, stoßen sie die unanständigsten Worte

aus. Allein das, was den Mädchen erlaubt ist, ist den verheirateten

Frauen durch die Sitte streng verboten. Nach allem bisher Gesagten ist

es klar, daß unter ihnen die Keuschheit nicht sehr hoch geschätzt

wird. Doch alle Vorstellungen, die man sich darüber machen kann,

sind nicht hinreichend, die Ausschweifungen dieses Volkes in ihrem

ganzen Umfang zu charakterisieren. Denn es gibt hier einen Grad

von ausgelassener Üppigkeit, den kein andres Volk je erreicht hat.

Eine große Anzahl der vornehmsten Leute in Otahiti gehören einer

Geheimgesellschaft an, in der der Weiberkommunismus herrscht. Diese

Gesellschaften werden die Arreoys genannt. Hier tanzen die Frauen den

Timorodi mit mänadenhafter Üppigkeit. Die Folgen dieser Orgien werden

durch Mord beseitigt, und in dieser Gesellschaft ist der Name »Mutter«

ein Schimpfwort. Wir haben verschiedene Mitglieder der Gesellschaft

befragt. Sie waren weit davon entfernt, ihre Mitgliedschaft als Schande

zu betrachten. Im Gegenteil, sie rühmten sich ihrer und bekannten, daß

sie noch immer Mitglieder wären, und daß sie verschiedene Kindsmorde

begangen hätten.

Die Ehe ist denn auch hier, wie uns schien, weiter nichts als ein

Vertrag zwischen einem Mann und einem Weibe, mit dem der Priester

nichts zu tun hat. Wenn dieser Vertrag einmal geschlossen ist, so

pflegt er von beiden Seiten gehalten zu werden, doch trennen sich

oft die Parteien mit beiderseitiger Einwilligung, und alsdann wird

die Ehe so leicht aufgehoben wie sie geschlossen wurde. Kein Wunder,

daß Vater und Mutter die Tochter, der Bruder die Schwester, der Mann

das Weib aus Gastfreundschaft und um einen Nagel prostituierte.

Sowenig auch die Frauen der Eingeborenen vor uns mit Europäern Umgang

hatten, so war dieser doch hinreichend, auch über die Insulaner jene

fürchterliche Krankheit, die Lustseuche, zu bringen, durch die die

von den Spaniern in Amerika verübten Grausamkeiten gerächt worden

sind. Da es erwiesen ist, daß außer mir nur Kapitän Wallis und Herr

von Bougainville hierher gekommen sind, und da Kapitän Wallis aus

seinen Schiffspapieren bewiesen hat, daß keiner seiner Leute krank

war, ich aber bei meiner Ankunft fand, daß diese Pest auf der Insel

die fürchterlichsten Verheerungen angerichtet hat, so steht fest,

daß sie von den Leuten Bougainvilles eingeschleppt worden ist. Einer

von unsern Leuten wurde angesteckt. Dies gab uns Veranlassung, unter

den Eingeborenen Nachforschungen anzustellen, und sie erzählten uns,

daß die »Fäulnisseuche«, wie sie sie nannten, von jenen Schiffen

eingeschleppt worden sei, die fünfzehn Monate vor uns auf der östlichen

Seite der Insel vor Anker gelegen hatten, also von den beiden Schiffen

des Herrn von Bougainville. Zum Troste fanden wir, daß die Eingeborenen

Heilkräuter dagegen entdeckt hatten. Hätten wir ihre Sprache besser

verstanden und ihre Heilmittel wider diese Seuche erfahren können, so

wären wir ihnen sehr dankbar gewesen, denn als wir die Insel verließen,

fand sich, daß mehr als die Hälfte des Schiffsvolks von diesem Übel

angesteckt war.

[Illustration: Indianer vom Feuerland in ihrer Hütte. Nach einem alten

Stiche.]

Das Volk ist schön gewachsen. Die Männer sind groß, stark, von schönem

Gliederbau und durchaus ansehnliche, stattliche Leute. Der größte,

den wir sahen, Huaheina, maß 6 Fuß, 4½ Zoll. Die Frauen von Stand

sind über europäisches Mittelmaß groß und ausnehmend schön gewachsen.

Die Frauen aus dem Volke sind etwas kleiner, was von ihrem frühen

Geschlechtsverkehr herrühren mag. Denn außer diesem Umstand wüßte ich

nichts, was sie von den vornehmen Frauen unterscheiden sollte und

zugleich dem Wachstum so nachteilig wäre wie dieser. Die Hautfarbe

ist von heller Oliven- oder Brünettentönung, die viele Europäer dem

schönsten Weiß vorziehen. Bei den Leuten, die mehr dem Wind und der

Sonne ausgesetzt sind, ist sie natürlich dunkler. Die vornehmen

Frauen haben eine ungemein glatte, samtweiche Haut, ihre Gesichtszüge

sind wohlgebildet, nur ist die Nase meist etwas flach. Dagegen sind

ihre Augen voller Ausdruck, bald glühen sie wie Feuer, bald sind sie

zärtlich schmachtend. Die Zähne sind fast ohne Ausnahme ungemein

schön, ebenmäßig und glänzend weiß. Der Atem ist rein und von allen

unangenehmen Gerüchen frei. Die Haare sind durchgehends glänzend

schwarz und nur etwas grob. Die Männer tragen Bärte, von denen sie

meist die Wangenhaare ausrupfen. Beide Geschlechter entfernen auch die

Haare der Achselhöhle mit den Wurzeln und hielten es für unreinlich,

daß wir es nicht ebenso machten. In ihren Bewegungen bemerkt man

zugleich Stärke und Elastizität; ihr Gang ist angenehm, ihre Gesten

sind edel, und ihr Betragen gegen Fremde und gegeneinander ist höflich

und zuvorkommend. Ihrer Gemütsart nach sind sie ritterlich, tapfer,

offenherzig, freimütig und ohne Argwohn, Falschheit, Hinterlist,

Grausamkeit und Rachsucht. Deshalb setzten wir auch das Vertrauen in

sie, das man in seine besten Freunde setzt. Viele von uns, so Herr

Banks insbesondere, schliefen allein mit ihnen mitten im Walde und

waren folglich ganz in ihrer Gewalt. Dagegen waren sie insgesamt

diebisch und ausschweifend. Auch trafen wir mehrere Albinos unter ihnen.

In den meisten Ländern pflegen die Männer ihre Haare zu schneiden und

die Frauen ihr Haar lang zu tragen. In Otahiti ist es umgekehrt, denn

hier schneiden die Frauen ihr Haar kurz, während es die Männer mit

Ausnahme der Fischer in großen Locken über die Schulter wallen lassen

oder in Buschform aufknüpfen. Da sie keine Kämme haben und ihr Haar

mit Kokosnußöl fetten, so können sie ihren Kopf auch nicht rein von

Ungeziefer halten. Die Kinder und die gemeinen Leute machen es wie

die Affen, sie speisen ihr Ungeziefer auf. Diese häßliche Gewohnheit

widerspricht ihren Vorzügen einer peinlichen Reinlichkeit, denn sie

baden und waschen sich oft und gern. Unsre Freunde, denen wir Kämme

schenkten, reinigten sich das Kopfhaar so eifrig und sorgfältig, daß

man wohl bemerken konnte, wie unangenehm und ekelhaft ihnen dieses

Parasitentum war.

Auch pflegen sie insgesamt ihren Körper trotz der Schmerzhaftigkeit der

Operation mit einer gezähnten, aus einer scharfen Muschel hergestellten

Klinge zu tätowieren, und zwar mit Bildern, Zeichen, Halbmonden usw. je

nach dem Rang und dem ortsüblichen Geschmack. Hauptsächlich werden die

Gesäßteile vom Schenkel bis zu den Rippen hinauf mit dunkelschwarzen

Tätowierungen, Figuren und Bogenlinien überladen, worauf Männer wie

Frauen so stolz sind, daß sie sie mit demselben Vergnügen zeigen, wie

wir etwa eine Gemäldesammlung. Nur das Gesicht bleibt frei. Herr Banks

wohnte einmal einer solchen Operation bei: es handelte sich um ein

dreizehnjähriges Mädchen, dem ein Gesäßteil tätowiert werden sollte.

Das bei dieser Operation gebrauchte Instrument hatte dreißig Zähne.

Auf jeden Schlag auf das Instrument, deren in einer Minute wenigstens

hundert getan wurden, kam eine wässerige Feuchtigkeit, die mit Blut

gefärbt war, auf der Haut zum Vorschein. Das Mädchen hielt die Qualen

mit stoischer Tapferkeit ungefähr eine Viertelstunde aus, dann aber

überwältigten sie die Schmerzen. Sie begann sich zu sträuben, weinte

und flehte ihre Peiniger um Erbarmen an. Zwei Weiber hielten die

Ärmste fest, liebkosten, schalten und schlugen sie, um sie willfährig

zu machen. Banks wartete eine Stunde; als er sich entfernte, war die

Tätowierung nicht einmal in ihrem schmerzlichsten Teil vollendet.

Die Insulaner verfertigen den Stoff zu ihrer Kleidung hauptsächlich

aus der Rinde des chinesischen Papiermaulbeerbaums, des Brotbaums

und einer Feigenart. Sie färben ihn scharlachrot und gelb; ihre rote

Farbe, die sie aus der Frucht der Matefeige und den Blättern der Cordia

pressen, ist glänzender und feiner als die, die wir in Europa haben.

Aus der Rinde des Poerou verfertigen sie die feinen Mattengewebe, die

sie bei Regenwetter tragen, dem ihre Tuchkleider nicht standhalten. Die

Kleidung der Frauen von Rang besteht aus dem Parou, der 6 Fuß breit

und 33 Fuß lang ist und den sie rockähnlich um den Unterleib wickeln;

ferner aus der Tebuta, die dem Poncho der Südamerikaner ähnelt, und

aus einem Gürtel. Die Kleidung der Männer ist die nämliche: nur tragen

sie den Parou nicht als Rock, sondern als Hose, die sie Maro nennen.

Während der heißen Jahreszeit gehen sie fast ganz nackt. Die Frauen aus

dem Volke tragen dann nur einen dünnen Unterrock, die Männer nichts

als ein Lendentuch. Auch die Frauen von Stand legen alles, was sie am

Oberkörper tragen, in Gesellschaft und zu Hause so gleichgültig weg,

wie unsre Damen ihren Hut und ihren Mantel ablegen. Auch die Häuptlinge

trugen vielfach nichts weiter als einen Lendenwulst, der allerdings aus

so viel Tuch zusammengewickelt war, daß man bequem ein Dutzend Personen

damit kleiden könnte. Die Kinder pflegen ganz nackt zu gehen, die

Mädchen bis zum vierten Jahre, die Knaben bis zum siebenten. Männer wie

Frauen tragen kleine Muscheln, Beeren, rote Erbsen, kleine Perlen und

Glaskorallen als Ohrringe, aber nur an _einem_ Ohr, und als Haarschmuck

Blumen und schöne Federn. Die vornehmen Frauen tragen zum Schutze gegen

die Glut der Tropensonne kleine Mützen und den Tomou, einen aus Haaren

gewebten Turban, der aufgewickelt über eine englische Meile lang ist.

Herr Banks kaufte einen Tomou von dieser Länge, der nicht einen Knoten

aufwies, so kunstvoll war das Gewebe. Die gütige Natur, die hier so

fruchtbar ist, daß diesem glücklichen Völkchen der biblische Fluch: »du

sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!« nicht gilt,

gewährt jeder Frau zu dieser Webarbeit reichlich Zeit.

Es berührte uns sehr eigentümlich, daß dieses gesellige, üppige

Völkchen bei seinen Mahlzeiten die Geschlechter scheidet. Stets speisen

die Männer und die Frauen gesondert, auch in der Familie. »Wir essen

allein, weil es sich so schickt!« sagten sie, wenn wir nach dem Grunde

fragten, und sie gaben ihrem Ekel darüber Ausdruck, daß wir mit unsern

Frauen zusammen speisen würden. Wenn einer von uns mit einem Mädchen

allein war und sie einlud mit ihm zu speisen, dann tat sie uns zwar den

Gefallen, wir mußten ihr aber schwören, nichts darüber verlauten zu

lassen, denn wenn dieser Verstoß gegen die gute Sitte ruchbar würde,

wäre es um ihren Ruf geschehen. Wenn wir zufällig einmal in einem Hause

den Korb anrührten, worin sich die für die Frauen des Hauses bestimmten

Speisen befanden, so konnten wir sicher sein, daß von den ältern

Weibern die Speisen mit dem Korbe weggeworfen wurden.

Ich kann den Bericht über das häusliche Leben dieses Völkchens nicht

schließen, ohne seiner persönlichen Reinlichkeit rühmend zu gedenken.

Männer, Frauen, Knaben und Mädchen baden tagtäglich dreimal in

fließendem Wasser: einmal am Morgen, dann zu Mittag und schließlich am

Abend, bevor sie zur Ruhe gehen, einerlei ob der Fluß und die See in

der Nähe sind oder ob sie meilenweit zu gehen haben. Auch waschen sie

Mund und Hände fast nach jedem Bissen, ebenso reinlich halten sie ihre

Kleidung. Ich glaube, daß man dieses Lob nicht einmal den vornehmsten

Gesellschaftsklassen in Europa erteilen kann.

Über die Religion unserer braunen Freunde konnten wir nur wenig

erfahren. Was wir sahen, war in mystische Gebräuche gehüllt und durch

handgreifliche Widersprüche verwirrt, wie in andern Religionen ja

auch. Der Umstand, daß auf Otahiti wie in China die gottesdienstliche

Sprache von der Landessprache abweicht, erschwerte uns das Eindringen

in dieses Mysterium ganz bedeutend. Tupia gab sich zwar viele Mühe

uns zu unterrichten, weil er dies aber in seiner Priestersprache

tat, von der wir nichts verstanden, so erfuhren wir nur sehr wenig.

Wie alle Menschen von primitiven Religionsbegriffen glauben auch die

Eingeborenen von Otahiti, daß die Welt auf dem Wege der Zeugung --

von der die Existenz zweier Personen von verschiedenem Geschlecht

unzertrennlich ist -- erschaffen worden sei. Die höchste Gottheit

nennen sie Taroathaihetumuh; die zweite, die weibliche, die ihrem

Wahne nach ein Felsen gewesen ist, Tepapa. Eine Tochter beider war

Tettowmatayo oder das Jahr, denn so pflegen sie auch die dreizehn Monde

ihres Jahres zu benennen. Diese Tochter zeugte mit ihrem Vater die

Monate, und die Monate paarten sich und zeugten die Tage. Die Sterne

sind teils unmittelbare Abkömmlinge des ersten Paares, teils haben sie

sich untereinander selbst fortgepflanzt. Eine ähnliche Anschauung haben

sie von der Entstehung der verschiedenen Gattungen der Pflanzen. Zu

den Abkömmlingen Taroathaihetumuhs und der Tepapa zählen sie auch das

zahlreiche Geschlecht ihrer Untergötter, die Eatuas. Zwei von diesen

waren die Eltern des ersten Menschen, der in Kugelform geboren wurde

und den seine Mutter zu seiner jetzigen Gestalt reckte und streckte

und Eothe, d. i. »Vollendet« nannte. Eothe zeugte mit seiner eigenen

Mutter eine Tochter und mit dieser einen Sohn und mehrere Töchter, mit

denen Eothes Sohn die Welt bevölkerte. Taroathaihetumuh zeugte mit

der Tepapa auch einen Sohn, den Tane, zu dem die Insulaner, die den

obersten Gott »den Urheber der Erdbeben« nennen, am liebsten beten,

weil sie glauben, daß Tane der hervorragendste Sachwalter der Menschen

im Himmel sei.

Die Untergötter, die Eatuas, sind sehr zahlreich und männlichen

und weiblichen Geschlechts. Die männlichen Eatuas werden von den

Männern des Volkes, die weiblichen von den Frauen verehrt. Männer und

Frauen haben an den Morais ihre besondern Altäre für ihre speziellen

Götter. Es gibt nur männliche Priester, doch hat jedes Geschlecht

seine eigenen, denn die, die das Amt speziell zur Anbetung der

Geschlechtseatuas für das eine Geschlecht versehen, dürfen es für das

andere nicht verwalten.

Man glaubt in Otahiti an die Unsterblichkeit der Seele, an ein ewiges

Leben nach dem Tode und daran, daß es zwei Orte und verschiedene

Abstufungen der Glückseligkeit gibt, was sich mit unsern Begriffen

von Himmel und Hölle in etwas deckt. Den obersten Himmel heißen sie

Tavirua l'erai; er ist für ihre Herrscher und ihre Vornehmen, der

zweite Himmel, der Tiahobuh, ist für das gewöhnliche Volk bestimmt. Sie

glauben indes nicht im entferntesten, daß ihre Handlungen in diesem

Leben nach dem Tode von ihren Göttern »gewogen und zu leicht befunden

würden«, sie sind vielmehr der Meinung, daß ihre Götter mehr zu tun

hätten, als sich um die irdischen Handlungen jedes einzelnen von ihnen

zu bekümmern. Ihre Religion hat demgemäß keinen Einfluß auf ihre

Sitten, aber sie ist dafür auch frei von jedem Eigennutz. Sie beten

nicht, auf daß es ihnen auf Erden wohl ergehe, sondern ihre Ehrfurcht

vor dem Höchsten entsteht aus dem Bewußtsein ihrer eigenen Niedrigkeit

im Vergleich mit der unaussprechlichen und unfaßbaren Erhabenheit

der göttlichen Vollkommenheit. Götzen hatten sie nicht; auch der

Fetischdienst war ihnen fremd.

Die priesterliche oder Tahowa-Würde ist erblich. Es gibt viele und

verschiedenartige Priester, doch ist der Oberpriester gewöhnlich der

jüngere Sohn einer sehr vornehmen Familie und dem Range nach die

nächste Person nach dem Könige. Der größte Teil der Gebildeten besteht

aus den Priestern. Aber die Bildung beschränkt sich auf das Wissen

und die Kenntnis der zahlreichen Eatuas und ihres Kultes, sowie der

mündlichen Traditionen des Priestertums, die in Weisheitssprüchen

festgehalten und in unglaublicher Menge vorhanden sind. Die vornehmeren

Priester sind zugleich Ärzte, Astronomen und Schiffahrtskundige. In

der Tat bedeutet der Name Tahowa eigentlich nur einen Mann von Wissen

und Einsicht. Da nun jeder Stand seine Priester hat, so verwenden die

Vornehmen niemals einen Tahowa von der Klasse des gemeinen Volkes, und

umgekehrt wird ein Priester der höheren Stände niemals für andere als

für seine Standesgenossen zu haben sein.

Mit der Arzneikunst der Priester ist es allerdings nicht weit her;

sie besteht hauptsächlich in (Gesund-) Beten. Wenn der Priester seine

Kranken besucht, so sagt er gewisse für diese Zwecke verfaßte Gebete

her, wickelt die Finger und Zehen des Kranken mit Kokosnußfasern ein,

gibt ihm den heilbringenden Zweig irgendeines Strauches in die Hand

und kommt und betet so lange, bis der Kranke entweder genesen oder

gestorben ist. Ist er gesund geworden, dann hat die »Arznei« geholfen;

ist er gestorben, dann ist die Krankheit eben unheilbar gewesen. Was

meinen die Leser: ist in dieser Hinsicht das Völkchen von Otahiti

wirklich von den europäischen Völkern so sehr verschieden?

Fünftes Kapitel.

Reise nach Huaheine und Ulietea. -- Ein Weib als Gastgeschenk. --

Eine dramatische Unterhaltung. -- Der »furchtbare König«. -- Ein

Überfall.

Nachdem wir von unsern Freunden Abschied genommen hatten, segelten wir

bei gelindem Winde und heiterm Wetter frohgesinnt nach Westen. Wie

uns Tupia sagte, waren die Nebeninseln von Otahiti, die er Huaheine,

Ulietea, Otaha und Bolabola nannte, bequem in zwei Tagesreisen zu

erreichen. Auch seien diese Inseln außerordentlich bevölkert und mit

Nahrungsmitteln reich versehen. Wir hatten jedoch bei nebligem Wetter

Windstille, so daß wir nur langsam weiterkamen. Tupia betete zu seinem

Gotte Tane um Wind, aber er fing erst zu beten an, wenn er aus allen

Anzeichen schließen konnte, daß der Wind die Segel blähen würde, bevor

er noch mit seinem Gebete zu Ende wäre.

Am 16. Juli erhob sich ein leichter Wind, der uns bald nach Huaheine

brachte. Als wir des Morgens um 8 Uhr dem nordwestlichen Teil dieser

Insel sehr nahe waren, sondierten wir, konnten aber mit achtzig

Klaftern keinen Boden erreichen. Es dauerte nicht lange, so stießen

einige Kähne vom Land ab; allein die Insassen kamen erst näher, als

ihnen Tupia winkte. In einem der Kähne befand sich der König der Insel

mit seiner Gemahlin, die dann in Begleitung ihrer Würdenträger an Bord

kamen. Anfangs erstaunten sie und verwunderten sich über alles, was

ihnen an Bord gezeigt wurde, allein sie beobachteten eine würdevolle

Zurückhaltung; erst nach längerem Aufenthalt tauten sie auf. Der König

hieß Orih, und zum Zeichen seiner höchsten Gunst machte er mir den

Tausch unsrer Namen zum Vorschlag. Solange wir beisammen waren, nannte

er sich König Cookih, denn so sprach er meinen Namen aus, und ich hieß

Orih. Diese Insulaner waren größer und stärker als die von Otahiti,

die Frauen weißer und schöner, sonst aber waren sie den Bewohnern von

Otahiti in Tracht, Sprache, Sitte sehr ähnlich, nur daß sie nicht

diebisch waren.

Nach 12 Uhr kamen wir in einem kleinen, aber sehr guten Hafen vor

Anker. Ich ging sogleich in Begleitung von Banks, Dr. Solander,

Monkhouse, Tupia, König Cookih und den andern Eingeborenen ans Land.

Kaum hatten wir einen Fuß auf den Strand gesetzt, so entblößte Tupia

seinen Oberkörper und hielt eine Ansprache an den König, der ihm

gegenüberstand und ihm von Zeit zu Zeit antwortete, dann tauschten

sie Geschenke aus. Nach Abschluß dieser Zeremonie, die wir für

einen Freundschaftsvertrag hielten, durften wir uns überall frei

und unbelästigt bewegen und konnten gehen, wohin wir wollten. Tupia

verfügte sich nach dem Hauptmorai, um dort zu opfern.

Am nächsten Morgen erstiegen wir die Berge, die von der gleichen

Beschaffenheit wie die in Otahiti waren, nur schienen Gestein und

Ton noch mehr verbrannt zu sein. Wir hatten einen Tauschhandel mit

den Eingeborenen etabliert. Das Geschäft ging sehr flau, denn wenn

wir etwas ausboten, so kaufte keiner früher, als bis er sich mit

seiner Sippschaft eingehend über die Chancen beraten hatte, worüber

zwecklos viele Zeit vergeudet wurde, so daß wir am ersten Tag nur elf

Ferkel eintauschen konnten. Am nächsten Morgen boten wir Beile aus,

für die wir die größten Schweine bekamen. Am Nachmittag, als bekannt

wurde, daß wir unsre Abfahrt vorbereiteten, machte der König seine

Abschiedsvisite. Ich gab ihm u. a. einen Zinnteller, worauf mein Name

und das Datum: »16. Juli 1769 Huaheine« gestempelt waren. Dieses

Geschenk konnte als dauernder Beweis dafür gelten, daß wir die ersten

europäischen Entdecker dieser Insel waren.

Wir segelten hierauf nach der Insel Ulietea, die 7-8 Seemeilen

südwestlich von Huaheine liegt, und um halb 7 Uhr des Abends waren

wir an der östlichen Seite der Insel etwa 3 Seemeilen von der Küste.

Die ganze Nacht über lavierten wir hin und her. Sobald der Tag

anbrach, steuerten wir gegen die Küste hin. Bald darauf erblickten

wir eine Einfahrt im Riffe, das vor der Küste liegt. Tupias Aussage

nach sollte sich dahinter ein guter Hafen befinden, weil ich mich

aber nicht blindlings auf sein Wort verlassen wollte, so schickte

ich den Steuermann in der Pinasse aus, um genaue Untersuchungen

anstellen zu lassen. Tupia hatte uns recht berichtet, denn der

Steuermann signalisierte uns, daß wir ihm folgen sollten. Wir steuerten

daher in die Einfahrt hinein und kamen in 22 Klaftern auf weichem

Grund vor Anker. Es dauerte nicht lange, so fuhren zwei Kähne der

Eingeborenen an uns heran; in jedem Kahne befanden sich ein schönes

Weib und ein junges Schwein, die für uns bestimmt waren. Daß sie uns

Weiber zuführten, hielten wir für einen Beweis ihres Vertrauens. Die

Schweine waren Geschenke. Wir nahmen beides mit pflichtschuldigem

Danke an und beschenkten die Damen je mit einem großen Nagel und mit

Glaskorallen, worüber sie hoch erfreut waren. Tupia, der die Männer

von Bolabola sehr zu fürchten schien, machte uns darauf aufmerksam,

daß sie Ulietea erobert hätten, und daß sie, sobald sie von unserer

Anwesenheit erführen, herabkämen, um uns zu bekriegen. Wir beschlossen

daher, sofort an Land zu gehen. Banks, Solander, ich und Tupia ließen

uns sofort ans Ufer setzen, wo Tupia angesichts der Eingeborenen

dieselben Zeremonien wie in Huaheine vornahm, eine englische Flagge

hißte und im Namen des Königs von England Ulietea, Huaheine, Otaha

und Bolabola -- die drei letztgenannten Inseln konnten wir von unserm

Standorte aus übersehen -- in Besitz nahm. Wir fuhren die nächsten Tage

nach Otaha und Bolabola, hatten aber ungünstigen Wind. Am Nachmittag

des 29. Juli befanden wir uns in der Länge des südlichen Endes von

Ulietea und windwärts von einigen Häfen, die auf der westlichen Seite

dieser Insel liegen. Nun hatten wir zwar diese Insel schon besucht

und waren kürzlich auf ihrer andern Seite vor Anker gelegen. Weil

wir aber inzwischen in der Pulverkammer ein Leck erhalten hatten,

entschloß ich mich, in einem dieser Häfen vor Anker zu gehen. Als das

Schiff gesichert war, ging ich an Land, um einen Platz zu suchen, wo

wir Ballast und Wasser einholen könnten. Die Herren Banks und Dr.

Solander ergingen sich den ganzen Tag über in der schönen Gegend.

Die Eingeborenen begegneten ihnen überall mit großer Höflichkeit und

Ehrerbietung. Männer, Frauen und Kinder sammelten sich in großer Menge

um sie, ohne ihnen im geringsten lästig zu fallen. Im Gegenteil,

jeder war bestrebt, ihnen in jeder Weise behilflich zu sein. Man trug

sie über Pfützen und Lachen. Man geleitete sie wie Halbgötter in die

Wohnungen der Vornehmen und bildete dabei Spalier. Als sie in das Haus

eines der Fürsten traten, fanden sie alles in feierlicher Ordnung.

Auf dem Boden war eine Matte ausgebreitet, an deren Ende die Familie

saß, während das Volk an beiden Seiten aufgestellt war. In einem

andern vornehmen Hause wurden sie von einigen reichgekleideten Kindern

erwartet. Das eine war ein sechsjähriges Mädchen, das sich auf den

Arm seiner schönen Amme stützte und die Geschenke der Herren mit so

liebreizender Würde wie nur irgendeine europäische Prinzessin empfing.

Das Volk war über die Geschenke, die diesem Kinde gemacht wurden, so

entzückt, daß irgendein Vornehmer den Gebern zu Ehren einen Tanz

tanzen ließ, der sie höchlichst interessierte.

Am 3. begegneten wir einer Gesellschaft reisender Tänzer, die aus

zwei Tänzerinnen und sechs Männern mit drei Trommeln bestand. Tupia

berichtete uns, daß diese Gesellschaft den vornehmsten Kreisen

zugehörig sei, zu ihrem Privatvergnügen umherziehe und keine Geschenke

für ihre Darbietungen beanspruche. Die Tänzerinnen hatten denn auch

eine beträchtliche Menge Tamous oder geflochtenen Haares um ihre Köpfe

gewickelt und mit Kapjasmin verziert. Den Hals, die Schultern, die

Arme und die Brust bis unter die Achselhöhlen hatten sie entblößt, die

enganliegende Taille war von feinstem, schwarzem Tuch, an jeder Seite

der Brust war ein kleiner Busch schwarzer Federn. Während der braun

und weiß gestreifte Hüftenteil des Kleides malerisch gefaltet war,

hing der weiße Rockteil glatt hinab und bedeckte die Füße, die sie mit

großer Virtuosität und ebenso kunstfertig und graziös wie irgendeine

Ballettänzerin bei uns zu wirbeln wußten.

Zu Beginn des leidenschaftlichen Tanzes schritten sie rhythmisch und

im genauen Takte mit den Trommeln in zierlichen Schritten seitwärts.

Dann bewegten sie die Hüften in immer heftigeren Bewegungen, was sie in

allen Stellungen und Situationen dieses üppigen Tanzes, im Stehen, im

Knien, im Sitzen und selbst dann beibehielten, als sie sich liegend auf

die Ellenbogen stützten. In allen diesen Phasen bewegten sie zugleich

die Finger mit einer fast unbeschreiblichen Geschwindigkeit. Außerdem

entzückte die Zuschauer die Kühnheit der Gebärden und Stellungen, die

in der Tat unsagbar frech waren.

Eine der Tänzerinnen trug drei Perlen als Ohrgehänge; eine der Perlen

war sehr groß, aber so trübe, daß sie wenig wert war, die beiden andern

waren erbsengroß, von schönstem Wasser und prächtiger Form, aber durch

das Bohren verdorben. Herr Banks hätte diese Perlen um jeden Preis

eingehandelt, aber ihre Besitzerin vermochte sich nicht von ihnen zu

trennen.

Zwischen den Tänzen führten die Männer eine Art theatralischer

Vorstellung auf, die aus Sprechrollen und Tänzen bestand; wir waren

aber leider nicht in der Lage, den Inhalt ihrer Darbietung zu verstehen.

Tupia hatte uns früher schon erzählt, daß er auf Ulietea vor einiger

Zeit noch reich begütert gewesen, aber durch die Eroberung der Insel

seitens der Krieger von Bolabola um seine Besitzungen gekommen wäre. Er

zeigte uns jetzt seine ehemaligen Ländereien. Als wir ans Land gingen,

erfuhren wir von den Eingeborenen, daß dem also sei. Sie zeigten uns

die verschiedenen Güter, die unserm Freunde, wie sie sagten, von Rechts

wegen zugehörten. Am 5. August übersandte mir Opuhui, »der furchtbare

König« von Bolabola, der Arrih rähie, ein Geschenk von drei Schweinen,

einigem Federvieh und vielen Früchten, nebst verschiedenen Stücken 150

Fuß langen Tuches. Seine Majestät tat mir zugleich kund und zu wissen,

daß sie sich auf der Insel befinde und die Gewogenheit haben werde,

mich am folgenden Tage mit einem Besuche zu beehren. Wir blieben am 6.

also allesamt an Bord und erwarteten feierlichst das Erscheinen des

»großen Königs«, fanden uns aber bald angenehm enttäuscht. Denn er

sandte drei schöne Mädchen als Botschafterinnen an uns ab und ließ sich

durch diese ein Gegengeschenk für das seinige ausbitten. Vielleicht

wagte er sich Tupias wegen nicht an Bord, oder vielleicht glaubte er

durch seine schönen Botschafterinnen für sich ein höheres Gegengeschenk

herauszuschlagen, als ihm persönlich gelungen wäre. Auf alle Fälle

waren wir über sein Fernbleiben sowenig betrübt, wie es die drei

Grazien über ihren Besuch an Bord waren.

Kommt der Berg nicht zu Mohammed, so geht Mohammed zum Berge, dachten

wir und brachen am Nachmittag auf, um unter dem Geleite unsrer schönen

Freundinnen den »furchtbaren König« zu besuchen, unter dem wir uns

einen gewaltigen Kriegshelden, einen tatkräftigen Eroberer vorstellten,

weil er der Schrecken aller war, die wir auf Ulietea kennengelernt

hatten. Und an Stelle unseres Idealhelden fanden wir einen abgelebten,

armseligen, schwachen Greis, der vor Alter halb blind, träge und fast

kindisch war. Er empfing uns ohne jede besondere Feierlichkeit und

ohne jedes Gepränge. Wir überreichten ihm unser Geschenk, worüber er

so zufrieden war, daß er noch ein Schwein dreingab. Wir wußten, daß er

sich am liebsten auf Otaha aufhielt. Daher teilten wir ihm mit, daß wir

beabsichtigten, am nächsten Tage dieser Insel einen Besuch abzustatten,

und luden ihn ein, mit von der Partie zu sein, was er auch zusagte.

Am nächsten Morgen brachen wir mit der Pinasse und dem langen Boote

auf. Unterwegs stieß der König zu uns. Als wir in Otaha landeten,

machte ich ihm eine Axt zum Geschenk, in der vergeblichen Hoffnung,

daß er dann unsern Tauschhandel protegieren würde. Um die Mittagszeit

nahmen wir Abschied von ihm. Wir aber trennten uns, um die Küste nach

verschiedenen Seiten zu befahren. Bei dieser Gelegenheit machte ich

sehr gute Geschäfte. Inzwischen war das Leck ausgebessert worden, und

als wir Ostwind bekamen, segelten wir ab. Tupia bat mich, eine Kugel

gegen Bolabola abzufeuern. Ich tat dem braven Mann, der seinen Feinden

zeigen wollte, mit welchen Mächten er befreundet war, den Gefallen

und ließ eine Kanone abfeuern. Ich taufte die Inselgruppe: »Die

Gesellschaftsinseln«, behielt aber für die einzelnen Inseln die alten

Namen bei.

Wir setzten unsern Lauf gegen Süden fort. Zur Mittagsstunde des 13.

Augusts erblickten wir im Südosten Land. Tupia sagte uns, daß wir

die Insel Oheteroa vor uns hätten. Um 6 Uhr befanden wir uns kaum

drei Seemeilen von ihr entfernt; ich ließ daher die Segel kürzen und

lavierte die ganze Nacht über hin und her. Am nächsten Morgen steuerte

ich auf die Insel zu. Wir liefen unter dem Wind und hielten uns hart an

der Küste, an der wir eine Anzahl Eingeborener beisammen erblickten.

Um neun Uhr schickte ich meinen Leutnant Gore mit der Pinasse ab und

beauftragte ihn, eine Landung zu versuchen und wenn möglich von den

Eingeborenen zu erfahren, ob die Bai vor uns Ankergrund habe und was

für Land weiter südwärts liege. Herr Banks und Dr. Solander schlossen

sich Herrn Gore an und nahmen Tupia als Dolmetscher mit. Als sie sich

dem Lande näherten, sahen sie, daß die Indianer mit langen Lanzen

bewaffnet waren. Um eine Landspitze zu umschiffen, steuerte Herr Gore

längs der Küste hin, was ihm die Indianer als Feigheit auslegten. Der

Trupp war etwa sechzig Mann stark. Sie setzten sich in den Sand, doch

folgten einige Krieger dem Boote und versuchten, es durch Schwimmen zu

erreichen und zu entern. Das Boot steuerte indes um die Landspitze und

kam in eine große Bai, an deren Küste sich sofort ein Haufe bewaffneter

Insulaner zeigte. Unsre Leute beschlossen hier zu landen und näherten

sich der Küste, von der ein Kahn voll Bewaffneter abstieß. Sobald er

in der Nähe war, ließ Herr Gore den Eingeborenen durch Tupia sagen,

daß wir in friedlicher Absicht kämen und ihnen Nägel schenken wollten,

die man ihnen zeigte. Nach kurzer Beratung kamen sie näher und nahmen

einige Nägel an, allein sie benützten diese Gelegenheit zu einem

verräterischen Überfall. Drei von ihnen sprangen in unser Boot. Der

erste sprang neben Banks und suchte ihm das Pulverhorn zu entreißen.

Banks entwand es ihm und suchte ihn über Bord zu drängen, allein der

Indianer behauptete seinen Platz. Herr Gore wollte seine Kugelbüchse

abfeuern -- der Schuß versagte. Die Mannschaft feuerte nun über die

Köpfe der Indianer weg, was diese vor Schrecken Hals über Kopf ins

Wasser trieb. Als die braunen Gesellen wegschwammen, sandte ihnen

einer von unsern Leuten eine Kugel nach, wodurch ein Indianer einen

Streifschuß an der Stirn erhielt. Die Wunde war so leicht, daß sie ihn

nicht hinderte, eilig in den Kahn zu springen und stark nach dem Ufer

zu rudern, wo sich inzwischen mehr als zweihundert Krieger versammelt

hatten. Unser Boot steuerte ebenfalls nach dem Land, konnte aber wegen

einer Sandbank nicht anlegen. Gore hielt es daher für gut, der Küste

entlang zu rudern und einen günstigen Landungsplatz zu suchen. Unsre

Leute beobachteten, wie die Indianer sich um die Krieger drängten und

eifrig gestikulierten. Bald darauf lief ein einzelner Krieger mit der

Lanze in der Hand uns nach. Als er uns eingeholt hatte, fing er an wild

zu tanzen, seine Lanze zu schwingen und grelle Schreie auszustoßen.

Wie Tupia erklärte, bedeutete dieser Hokuspokus die Kriegserklärung

der Insulaner. Das Boot ruderte immer weiter; der Kriegsbote folgte

uns und wiederholte seinen Kriegstanz. Da Leutnant Gore keine

passende Landungsstelle fand, so kehrte er um und steuerte direkt auf

die Landungsstelle der Eingeborenen, um diese zu einem Palaver zu

veranlassen und zu einem Friedensvertrage zu bewegen.

Meine erste Weltreise · 第 7 / 12 题