Es ist gegen zehn Uhr abend -- eine schwüle, dunkle Sommernacht; auf
leisen Sohlen geht sie über die Flur.
Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie ganz verschwinden hinter
undurchdringlichen Wolkenschichten. Nur zu ahnen sind die Berge; in's
Ungeheuerliche vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen mit den
Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die einzelnen Felsnasen, die an
den Berglehnen vorragen, schauen fratzenhaft verzerrt in's Thal. Wie
ein schwarzer Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der Wald
über'm Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die Wehrlosen mit seiner
Last zu erdrücken.
Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von Eifelschmitt.
Die faulsten der Weiber schliefen schon, die weniger faulen schafften
noch im stillen. Der Tag trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend
herhalten; denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben.
Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen verhängten
Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern das 'Artigsein' für den
Vater ein und erstickte das Geschrei, indem sie ihnen das bleischwere
Deckbett über die Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig
flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel zum Tanz.
In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die Grillen, in den
Ställen schnaufte das Vieh; die Stille trug beides weit in die Runde.
Verschlafen meckerte eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte
-- dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.
Man hörte das Schweigen der Sommernacht.
Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die den schmalen Pfad
zu Mifferts Hütte einfaßten. Es streifte rauschend an den Büschen
entlang, die wild überhängenden Zweige knackten.
Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die Steige hinan, man
hörte unterdrücktes Flüstern und dann ein warnendes: 'Pst, pst.'
In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, neugierig schlichen
sie hinterdrein.
»Es et dann wirklich waohr?« wisperte der Krumscheid dem neben ihm
Schleichenden in's Ohr. »On Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb,
dän Pittchen!«
»Er is et,« antwortete ziemlich laut und bestimmt die Stimme des
Schmitz. »Meint Ihr, ich wär' umesonst stracks nach Wittlich geschäst,
wat haste wat kannste, un hätt' Alarm geblasen?! Der Kerl, der Esel --«
»Pst,« warnten die vorderen.
Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von innen aufgerissen, ein
Lichtschein fiel in's Dunkel hinaus. Und mitten im Lichtschein zeigte
sich eine Gestalt, Pittchen, in lauschender Stellung vorgeneigt, wie
ein aufgescheuchtes Wild nach allen Seiten spähend.
Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich dichter in den Schutz
der Hecke.
»Wän es elao?« rief Peter argwöhnisch; seine Stimme klang aufgeregt.
»Kotzdunner, wän ramurt lao erum, dat mer net --«
»Im Namen des Gesetzes!« Mit einem Satz stand der Obergendarm vor ihm.
Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an der, wie aus dem
Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen zu wollen. Vergebens!
Schon hatte ihn ein zweiter fest am Kragen.
»Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!« wiederholte der Obergendarm
noch einmal mit Würde.
Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen, kurzen Schrei, der
durch die Nacht gellte, wie ein Trompetenstoß, über das schweigende
Dorf hinfuhr, hin über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand
widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder Haltung stand
er auf seiner Schwelle.
Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein erblaßtes Gesicht
rötete sich, mit Kraft entwand er sich der haltenden Faust, und, den
Oberkailer zurückstoßend, schimpfte er:
»Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es dat en Manier, de Leit
zo erschrecken! Ech haon gemaant, de Räuwer fielen öwer mech här. Wat
wollt Ihr dann? Ha--o--uh« -- er zwang sich zu einem unterdrückten
Gähnen -- »mir wollten justement schlaofe giehn; ons Josefche es eweil
widder onpaß[54]. Ha--o--uh -- wat sein ech müd!«
»Laßt die Fisematenten,« sagte streng der Obergendarm. »Voran, zeigt
uns Eure Wohnung!«
»Die es bal gezeigt -- haha!« Pittchen brach in ein kurzes,
krampfhaftes Lachen aus. »En anzige Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz
bei Seit, Ihr Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat Zeih es
justement beim Ausduhn[55]!«
»Schadt nischt,« sagte der Oberkailer. »Voran, marsch!«
Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.
»Voran!« Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen Revolver unter die
Nase. »Voran, im Namen des Gesetzes!«
Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann machte er, mit der
Energie der Verzweiflung sich bezwingend, eine einladende Handbewegung:
»Angtré!«
Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da war nicht viel zu
sehen; ein elendes Licht beleuchtete die kahlen Wände. Aufgeschreckt
vom Lärm draußen, stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte
mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.
Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück -- Donnerwetter, was
hatte die für ein paar Arme! Und was für einen Busen! Er genierte sich
und konnte doch nicht wegsehen.
»Jesses,« rief die Zeih, halb erschrocken, halb amüsiert. »Pittchen,
biste gäck, wat führste de Hähren heihin?! Ech --.« Mit einer
verschämten Gebärde raffte sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei
einen raschen Blick auf den Oberkailer.
Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing nur an den Lippen des
Vorgesetzten.
Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten da alle Frauenzimmer der
Welt im Hemde stehen; er hatte eisgraue Haare, was ging's ihn an?! Er
sprach nur das eine Wort: »Haussuchung!« Und wie ein Spürhund stürzte
sich der Oberkailer in alle Ecken.
Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte sie um und um, guckte
in den Herd und stöberte die Asche auf, legte sich platt auf den Boden
und bohrte seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf's Bett, riß
es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte den Strohsack
mit seinem Seitengewehr.
Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst verzerrten Lippen,
sah Peter ihm zu. Er stand mitten im Zimmer, die Arme ließ er schlaff
herunterhängen; den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf
gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen zu erspähen.
Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige Gestalt des Schmitz
gepflanzt. Neben dem stand der Krumscheid; zitternd vor Aufregung
schrie er Peter an: »Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack,
dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän Mosenkoap es! Dau
Bedröger, dau Befauteler, dau --«
»Ruhe,« gebot der Obergendarm. »Krumscheid, keine Schimpfereien!« Er
wandte sich an den Oberkailer: »Sie haften mir für den Miffert. Die
zwei Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil emal selber
dadrinnen Nachsuchung halten!« Er deutete auf die Kammerthür, die,
durch einen alten Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.
Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens Lippen.
»Sagtet Ihr was?« fragte der Obergendarm, sich auf der Schwelle noch
einmal umdrehend. »He, Miffert?!«
Keine Antwort.
Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen und angezündet hatte,
hochhaltend, verschwand er in Mifferts Werkstatt.
Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten, stand Peter wie
angewurzelt. Er fühlte an seinem Halse den Griff des Oberkailers,
aber schlimmer war der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz
zusammenpreßte, daß es den Schlag aussetzte. In seinem Kopf war ein
wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm nur der eine klare Gedanke
hervordrängte: 'der durfte nichts finden, nichts!' In ohnmächtiger
Wut knirschte er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas -- fand er
nichts?!
Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der Kammerthür.
Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren Ausdruck wanderten
Zeihs Augen von einem zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was
eigentlich vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme über der,
durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig bedeckten Brust
verschränkt, die Zöpfe, aus denen der Pfeil schon herausgezogen war,
lang über den Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was wollten
die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?! In unbestimmter, kindischer
Furcht fing sie an zu weinen.
Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Ewigkeit.
Man hörte den Obergendarm drinnen hin und her trappsen und polternd
das Gerät um und um kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und dann
hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein Füßescharren -- jetzt sein
Fluchen, und jetzt -- dumpfe Schläge.
Dann Stille.
Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer wollte sich seiner
angstgepreßten Brust entringen -- da -- die Thür knarrte. Der
Obergendarm trat aus der Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke
hingen an ihm.
Er trug etwas.
Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte sich ein Schleier.
»Da,« sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem Plumps einen
geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf den Herdrand fallen; ein paar
Thaler sprangen heraus und rollten mit bleiernem Geklapper über den
Fußboden. »Unter'm Estrich verstochen. Aber doch gefunden!«
»Hah!« Ein einziger Atemzug ging durch die Stube; kein Mensch wagte
ein Wort. Sie standen alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit
aufgerissenen Augen.
Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. »Da hammer de Jeschicht!« Und
sich aufreckend, schrie er: »Hab' ich et nit jesagt, hab' ich et nit
jesagt? Wat nu?!«
Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. Peter schien sich
auf den Alten stürzen zu wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf
auf die Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner Kehle.
»In flagranti erwischt,« sprach der Obergendarm weiter. »Werkzeuge,
alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel, Blei, Zinn und so'n Zeugs,
alles lag da unten bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich
der Kerl unter'm Estrich ausgegraben. Mehr brauchen wir wirklich nit --
hier!« Er zog eine Gipsmatrize aus der Tasche und zeigte sie herum. Und
dann verschloß er die Kammerthür. »Das bleibt alles stehen und liegen,
Ortsvorstand!«