»Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den Thalerbeutel nehmen wir
gleich mit. Und nu allons!«
»Miffert,« wandte er sich an Peter und legte ihm die Hand schwer auf
die Schulter, »Sie sind überführt. Im Namen des Gesetzes verhafte ich
Sie!«
Peter rührte kein Glied.
»Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en Meng Wasser die Mosel erunner
laufen, bis ihr euch wieder zu sehn kriegt. So'n Falschmünzer!«
»Hau,« sagte des Krumscheid Stimme von der Thür her, »hau, eweil kömmt
hän in't Kittchen[56]!«
Peter zuckte zusammen.
'In't Kittchen' -- das hatte Zeih verstanden. Sie schrie hell auf:
»Jeßmarijuseb, in't Kittchen?! Pittchen, wat haste dann pexiert?
Pittchen! O die Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen ech
net. In't Kittchen -- Jesses! Josefche, Josefche!« Sie stürzte an
die Wiege und riß das Kind heraus; es mischte sein durchdringendes
Jammergeschreih mit dem ihren.
»Dat arme Weib,« murmelte Schmitz und wischte sich den Schweiß ab.
»On dat Josefche,« flüsterte Krumscheid, »su en deierlich Worm!«
»Wat haot hän dann gedahn?« jammerte die Zeih und packte den
Obergendarm vorn an der Uniform. »O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch
giehn! Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist Onüwels!« Sie
warf sich nieder und umklammerte seine Kniee. »O liewer Hähr, sein Se
doch als barmherzig, laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken ohn
dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su ordentlich --«
»Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!« Der Obergendarm machte
sich ungeduldig von ihr los. »Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der
Beihilfe bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch sicher drum
gewußt! Das Gericht --«
»Gerich -- wat? Ech vor't Gerich?!« Die Zeih fuhr auf, wie von einer
Schlange gebissen. »Ech vor't Gerich -- Jesses, Jesses! Ech haon
niemand neist Beeses gedahn! -- O hätten ech doch uf mein Vadder sälig
gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil säßen ech net e su in der
Bredullich! Nä, nä, ech sein onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en
schnieweiß Lamm!«
»Dat is se, Herr Obergendarm,« rief Schmitz. »Ich bürge für die Lucia
Miffert!«
»Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,« sagte etwas schüchtern
der Oberkailer.
»Huh, vor't Gerich, vor't Gerich! Ech sein onschullig,« kreischte Zeih
ohne Unterlaß, ihre Zähne schlugen aufeinander, in sinnloser Angst
klammerte sie sich an Herrn Schmitz. »Huh, vor't Gerich, vor't Gerich!«
Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte ihr das Josefchen
abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen.
Der Obergendarm beruhigte sie: »Es geschieht Euch ja nichts, nur ruhig,
Frau! Ihr braucht nur Euer Aussag' zu machen!«
»Jao, dat will ech, dat will ech aach,« schrie sie heulend. »Hän haot
mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen, Dag on Naacht -- fraot noren dat
Tina on de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm sitzen, on
eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht! On wann hän besoff waor,
haot hän mech geschlaon. -- Kucktelhei!« Sie riß das Kleid von ihrem
weißen Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen. »Duh haot hän
mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert. Ihr könnt et glauwen, dir
Hähren, ech kann dat Läwen bal net mieh mantenören -- o ech onglöcklich
Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons sorgen, wann hän im
Bulles[57] sitzt?!«
»Ich!« sagte der Junggesell, trat heran, das Kind auf dem Arm, und
schnäuzte sich krampfhaft.
»O Hähr Schmitz!« Weinend haschte sie nach seiner Hand, die das rote
Taschentuch hielt, und packte sie mit ihren beiden Händen. Immer näher
neigte sie sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.
Ein Schrei gellte.
»Maach!«
Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen plötzlich vor Schmitz. Wie
ein Tiger war er gesprungen; die geballte Faust schlug er dem Alten auf
den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte. »Ech schlaon Eich dud! Ech
raoden Eich, laoßt Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, weg!«
Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens suchten ihn die Gendarmen
zu bändigen. »On wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen on
Monat on Jaohr -- on wann dir mech köppt -- on wann dir mech ufhänkt --
ech kommen widder!«
Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte vor Grausen; leise
stahl er sich zur Thür hinaus.
»Onnerstieh dech!« Peter packte die Zeih und riß sie hin und her,
daß sie auf die Kniee fiel. »Ech kommen widder, haste't gehört?« Mit
furchtbarer Drohung brüllte er sie an: »Dau bis mein!«
Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie gekommen, auch jäh
dahin. In heiserem Schluchzen zusammenbrechend, ließ er sich willig
vom Oberkailer die Handschellen anlegen. »Zeih, Zeih,« schluchzte er,
»vergeß mech net!«
»Ech vergessen dech net, nie, nie!« Ebenfalls schluchzend hing sie an
seinem Halse; sie umklammerten sich beide, als könnten sie sich nicht
lassen.
»Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen, Pittche, mei Pittche!«
Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und das Josefchen
wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen. -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- --
Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein Betrunkener, er
lahmte so stark, wie nie zuvor. Die Hände hatten sie ihm auf dem Rücken
zusammengeschlossen; neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm der
Oberkailer.
Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben, die brauchte Beistand.
Sie lag, ganz zusammengefallen, in einer Ecke und schlug wie eine
Rasende die Stirn gegen die Mauer. »Pittche, mei Pittche!« Dem alten
Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf, suchte sie zu
beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden.
»Jao, ech glauwen et sälwer,« schluchzte sie an seiner Brust, »ech moß
mech eweil verdrösten. Dän Pittchen« -- sie hob den Kopf und strich
sich resolut die Haare aus der Stirn -- »Hähr Schmitz, ech sein sicher,
dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!« --
* * *
Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten den Heckenweg
hinunter; zur Sicherheit hielt ihn der Oberkailer hinten am Rock.
Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis mehr, wie vorher;
der Mond hatte sich hinter einer schweren Wolkenwand vorgestohlen und
kämpfte jetzt mit zerrissenem Gewittergewölk. Über den fernen Bergen
wetterleuchtete es.
Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen den Pfad; von
den nächsten Hütten fiel auch Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen
hatte bald ein Ende, schon schimmerte heller die breite Straße -- da --
Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und verstopfte den Ausgang der
Heckengasse.
Die Weiber!
Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem Schweigen.
Im huschenden Schein des Mondlichts sah man ihre herausfordernden
Gesichter und ihre funkelnden Augen.
Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen nahten; sie hielten den
Weg besetzt.
»Platz,« sagte der Obergendarm und stieß die nächste mit dem Ellbogen
an.
Es war Tina. »Oho,« sagte sie und drängte sich, statt zu weichen, näher
an ihn heran. »Waorum schubst Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche
Rächt!«
»Platz für die Obrigkeit,« wiederholte schneidig der Oberkailer und
warf sich in die Brust.
Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm.
»O dau Lappes,« schrie eine Stimme aus dem Hintergrund, »gieh nor
on laoß der dein Rotznaos wischen. Mir peifen uf dein 'Platz for de
Obrigkeit'!«
»Platz, Platz!« Sie äfften ihm alle nach.
»Seid ihr doll?« rief der Obergendarm. »Verrückte Fraumenscher macht
Platz! Wenn ihr nicht auf der Stelle geht, laß ich euch sammt und
sonders einsperren -- hört ihr, einsperren!«
»Können! Erscht können! Haha!« Tina lachte gellend. »Et wär' noch
gaor e su unöwel net, met dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt
Obaacht!« Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem alten Mann vor'm
Gesicht, ihre Stimme klang drohend: »Laoßt hän los!«
»Jao, laoßt hän los!« kreischte der Weiberchor.
»Heihin!« Tina packte Pittchen am Ärmel und zog ihn zu sich herüber.
»Ihr, laoßt hän! Wat wollt ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!«
»Das wird sich finden!« Wütend stieß der Obergendarm Miffert in den
Rücken. »Voran!«
Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob sich, in drohender
Haltung rückten sie näher und näher.
Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem Oberkailer brach der
Angstschweiß aus -- immer neue Weiber rückten heran, aus den Häusern
kamen sie gelaufen, mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den
Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die Hecken, ungestüm brach
eine Bande halbwüchsiger Mädchen durch, Bill voran, und verstellten
auch #den# Ausweg.
Mit der Linken packte der Obergendarm seinen Gefangnen fester;
er hätte das nicht nötig gehabt, Peter machte keine Anstalten,
zu entfliehen, mit niedergeschlagenen Augen stand er, bebend wie
Espenlaub. Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die blanke
Waffe glitzerte im Mondlicht.
»Platz!« schrie er, »oder --!« Vielsagend fuchtelte er durch die Luft.
Der Oberkailer hielt den Revolver vor.
Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten vor. »Gäwt dat
Pittchen eraus, ons Pittchen! Hoho -- ho --!«
Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne Arme reckten sich wild
durcheinander. »Ons Pittchen! Pittchen!«
»Ruhig, Weibsbilder!« brüllte der Wittlicher, Pittchen mit sich
reißend; die blanke Waffe vorgestreckt, erzwang er sich einen Durchgang.
Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten auseinander, aber
gleich darauf schlossen sie sich wieder eng zusammen; der etwas
zurückgebliebene Oberkailer wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und
Stöße; da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er kein Auge
für sie gehabt.
Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch nicht zu schießen.
Sich wie ein Kreisel drehend, um sich nach allen Seiten zu decken,
schrie er: »Ich schieße -- ich schieße! Platz!«
»Laoßt dän Lappes laufen,« rief verächtlich die blonde Leis, deren
Zöpfe halb gelöst flogen.
Noch ein Tritt gegen die Kehrseite -- nun stolperte der Oberkailer aus
dem Kreis und stürmte in mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach.
Alle Weiber hinterdrein.
Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte die wilde Jagd. Das
war ein Getrappel, ein Gekreisch, ein Johlen und grelles Schreien,
ein Huschen flüchtiger Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte,
hüpfte und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten sich, in's
Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; unheimlich gespenstisch
tauchten sie auf und nieder, wischten vorbei und verschwanden.
Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz aus dem Dunkel des
Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg es empor und schien endlos bis in
den Himmel zu wachsen.
Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen noch scheueren warf er
hinter sich auf die nachdrängenden Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er
sich wenden, jene zu Hilfe rufen?!
Ihn schauderte.
»Voran, voran!« trieb der Obergendarm.
Und Pittchen trottete wieder weiter.
Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen allen an Atem.
Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen andrer Seite; rechts
und links hielten ihn beide Gendarmen gepackt, ab und zu wandten sie
sich um und streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen
entgegen.
Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem dumpfen Murren
Platz gemacht. Gleich einer bösen Bestie schlich die Weiberkolonne
hinterdrein; sie knurrte und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke.
Näher und näher kam man dem Thalende, hoch und finster hoben sich die
Ruinen von Himmerod, dahinter schwarz ragende Bäume des unendlichen
Waldes.
Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin; schon gellten wieder einige
Schreie.
»Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!«
Ein Stein wurde geschleudert -- noch einer -- eine dreiste Stimme
schimpfte. Das Murren, das bis dahin ein halb unterdrücktes gewesen,
erhob sich lauter, kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark
und stärker, drohender und drohender, grollend wie Ungewitter. Fester
packten die Männer ihre Waffen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--
Da -- ein Schrei!
Die Weiber stutzten.
Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem Ende zum anderen!
Wie versteinert standen sie alle.
Noch einmal der Ruf -- ein Ruf aus kräftiger Männerkehle:
»Hallo--o--oh.«
Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf zurück:
»Hallo--o--oh!«
Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf der Höhe von
Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, dann rasch größer werdend, weithin
leuchtend, immer heller und heller, gelb und rot -- eine Sonne, eine
Riesenflamme, ein Freudenfeuer.
Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte sich deutlich; wie bei
Sonnenaufgang umlohte ihn Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber.
Seine vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes
Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem Entzücken.
Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen Himmel.
»Se sein dao!«
Wie aus einem Mund kam's, nur ein einziger Schrei.
Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war nur ein Weib noch --
#das# Weib! Jählings wandte es sich, alles vergessend, und stürzte in
rasendem Lauf dem Mann entgegen.