Wohlgemut pfeifend, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte
Pittchen heute wieder herum. Mit besonderer Zuvorkommenheit grüßte
er den Oberkailer Gendarm, der mit blitzenden Knöpfen, in Helm und
Sonntagsuniform, das Dorf passierte.
Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten nach Wittlich, um
dort Bericht zu erstatten. Sein dienstliches Notizbuch im Busen war
vollgepfropft mit allem möglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache
konnte er nur melden: 'Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.'
Mit einem höhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach.
Es war eine kolossale Hitze. Die Straße lief wie ein blendendes Band
hin, in weißlichen Staub gehüllt; kein Gräschen am Rain, kein Blatt am
Baum rührte sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden Tropfen
Flüssigkeit aus dem Körper.
Kein Wunder, daß der wohlbeleibte Oberkailer, stöhnend, einen
Augenblick im Schatten der großen Bäume vor der Eichelhütte anhielt
und, sich verschnaufend, die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er
den kühlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr Schmitz zum Fenster
heraus kredenzte.
»No, wohin dann?« fragte neugierig der Alte.
»Nach Wittlich zum Obergendarm -- bei der Bullenhitze! Verfluchte
Thalerjeschichte!«
»Kotzdausend -- wat -- wo?!« Schmitz riß die zwinkernden Äuglein weit
auf und rollte sie hin und her. »Haben Se wat auf'm Kieker?«
»I bewahre!« Ärgerlich preßte der Gendarm den Gurt seines
Seitengewehres tiefer herunter. »Lausenest, diese Eifel! Reineweg
nischt los; am besten, man verschliefe die janze Zeit.«
»Oha« -- der Alte machte ein wichtiges Gesicht -- »sagen Se dat nit!
Ich sage Ihnen« -- er dämpfte die laute Stimme zum Flüstern und wies
mit dem Daumen zurück gen Eifelschmitt -- »da is't nit geheuer! Seien
Se auf'm Quivive!«
»Wissen wir längst, wissen wir ja längst,« sagte der andere abweisend.
»Denken Sie denn, werter Herr Schmitz, die Polizei hat keine Augen
im Kopfe? Nee, Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der
Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben; seit der olle
Krumscheid die elf falschen -- Donnerwetter!« Er schlug sich auf den
Mund. »Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten lassen!
Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar auf den Eifelschmitter
Männern. Die stecken da unten in den Fabriken, mitten zwischen den
Werkzeugen und all dem Krempel, -- und dann sind sie jedenfalls
Sozialdemokraten, und die --.« Er spuckte aus. »Sehen Sie, die Kerle
sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt machen die Hehler. Aber
warte man! Weitjehende Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten
anjestellt. Ja!«
»Wat Sie schlau sind,« sagte pfiffig schmunzelnd der Alte. »Ja, die
Preußen! Die Berlinersch besonders, die hören et Jras wachsen! Ich
würd' nu viel eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben.
Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da war neulich sein
Frau bei mer un hat sich wat Jeld jeborgt. Von dem Momang, wo hier der
Rumor wejen dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix mehr
eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?«
»Nanu? Hahaha!« Der Gendarm amüsierte sich köstlich; da sah man doch
wieder, wie die Dummheit sämtlichen Eifelern angeboren war! »Mein
werter Herr Schmitz -- haha -- da sind Sie nett reinjefallen mit Ihrer
Schlauheit! Der Miffert -- haha! Den kenne ich wie meine Tasche, der is
das dümmste Luder, wo existiert. Nenee, haha! -- Na, Morjen!«
Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. »Grünschnabel,« brummte er
ziemlich respektlos und schlug das Fenster zu. --
Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand angenehmen Schatten auf
den Thalweg warf, klopfte der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es
war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur wenn er
Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er den täglichen Spaziergang
bis Himmerod aus. Die alte Klosterruine kannte er längst in- und
auswendig, aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück Welt,
das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann saßen die beiden beim
Gläschen Moselwein, die 'Kölnische Volkszeitung' lag auf den Tisch
gebreitet. Die hielt sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer
konnte nur mit dem 'Paulinusblättchen' aufwarten.
Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach in einem belehrenden
Ton, schlug gern zur Bekräftigung seiner Kannegießereien auf den Tisch
und wurde krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der Pfarrer
hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt, sich zu fügen.
Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die Zeitung; der
Sonnenstrahl, der sich durch das dichte Dach der Bäume bis zu dem
steinernen Gartentisch stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten
Gläsern. Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem Stuhl; den
einen Arm über die Lehne gehängt, den andren wie zur Abwehr erhoben,
starrte er sein Gegenüber an.
»Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert ist ein durchaus ehrlicher
Kerl, für den kann ich bürgen. Wie schön hat er den Kirchenkronleuchter
repariert! Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn und Blei und
der Himmel weiß was, hat er ihn wieder hergerichtet. Tag und Nacht hat
er dran gearbeitet.«
»So.«
Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren und pfiff in
eigentümlicher Weise durch die aufeinandergebissenen Zähne.
»Nein, nein, auf den Peter laß ich nichts kommen, der ist wirklich
fromm. Wie oft treff' ich den nicht in der Kirche! Erst kürzlich sah
ich ihn in andächtigem Gebet versunken vor'm Altar unserer lieben Frau
auf den Knieen liegen. Und glauben Sie, daß der was dafür genommen hat,
als er dazumal mit der Arbeit fertig war? Den Heiligen hat er's zu
Gefallen gethan; nur einen Vorschuß zur Anschaffung einiger notwendiger
Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein, nein, lieber Herr Schmitz,
ein bißchen leicht ist der Peter wohl, das liegt nun mal in den
Verhältnissen« -- der Pfarrer stieß einen Seufzer aus -- »da muß man
sich eben mit abfinden. Aber sonst --!«
»So?!« Der Alte zog die Augenbrauen hoch und hob den dicken
Zeigefinger. »Der Grünschnabel, das Berliner Großmaul, lacht zwar
derzu, aber ich« -- er schlug auf den Tisch -- »ich weiß, wat ich
weiß!« Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt hatte er
seinen Kopf aufgesetzt.
»Aber, aber, Herr Schmitz,« sagte der Geistliche ganz kleinlaut.
»So ein guter Mensch wie Sie! Wie können Sie einen Nebenmenschen so
verdächtigen?!«
»Ich verdächtige ja gar keinen, ich sage bloß, wat ich weiß. Ich bin en
aufjeklärter Mensch, der sich in der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch
erst nit in den Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder
sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch braucht doch
kein dummer Mensch zu sein. Ich will auch jar kein juter Mensch sein,«
schrie er krakehlig, »wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!«
»Ach, Herr Schmitz« -- der Pfarrer legte ihm begütigend die Hand auf
den Rockärmel, -- »Sie haben ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer
armen Kirche eine so reiche Spende gegeben --«
»Ich? Ne!«
»Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll freilich nicht wissen,
was die linke thut.«
»Ich weiß nit, auf wat Sie anspielen, Herr Pastor, ich --«
»Ich habe Ihren Thaler in der Büchse gefunden,« sprach lächelnd der
geistliche Herr. »'Zur Ausschmückung des Altars der Hochheiligen
Jungfrau!' Zufällig schüttete ich gestern abend die Büchse aus; sonst
thu' ich's nur alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was ist
ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!«
»En Thaler --?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin doch nit toll! Wann't
noch en Buxenknopp jewesen wär'! Der Thaler is nit von mir.«
»Nicht von Ihnen?! Aber --«
»Ne, wahrhaftig in's Gott nit!«
Verblüfft sahen sich beide an.
»Aber, aber« -- der Pfarrer faßte sich an die Stirn -- »von wem
kann der Thaler sein? Hier in Eifelschmitt?! Ein Thaler in der
Kirchenbüchse?! Mir steht der Verstand still.«
»Dat jlaub ich,« sagte trocken Herr Schmitz. »Mir scheint, der Spender
von dem Thaler is nit e so weit. Wann einer zu fromm is, hört de
Klugheit auf. Wat meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich
möcht ihn mer doch emal ankucken, den --« er machte eine Pause und sah
den anderen bedeutungsvoll an -- »den Thaler!«
Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig, in sich gekehrt,
ohne Wort, nur ab und zu den Kopf schüttelnd. Schmitz eilig, in einer
gewissen neugierigen Spannung.
In des Pfarrers Studierstube ließ er sich mit einem Seufzer der
Erleichterung in den alten Ohrensessel fallen. »So, nu zeijen Se mal
her!«
Mit zitternden Händen kramte der Geistliche in seinem tannenen
Schreibtisch; erst hatte das Schloß nicht schließen wollen, dann fand
er den Schlüssel zu dem Kästchen nicht, in dem er die Kirchenkasse
verwahrte. Der bloße Verdacht schon hatte ihn ganz außer Fassung
gebracht. Endlich hatte er den Thaler; aufgeregt hielt er ihn Schmitz
hin.
Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm ihn dann in die Hand
und ließ ihn auf die Platte des Tisches niederkollern.
»Da haben wir't -- falsch!«
»Aber wie kommt der in die Sammelbüchse für den Altar der
Hochheiligsten?« jammerte der geistliche Herr. »Ein falscher Thaler in
die Kirche -- oh, die Sünde!«
»Oh, die Dummheit!« sagte der andere mit einer, eigentlich etwas
respektwidrigen Nachahmung im Ton.
»Wer kann das gethan haben?« ächzte der Pfarrer und hielt sich den
Kopf. »Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!«
»Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!«
Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte vor sich hin:
»Die sind ja hier so arm wie die Feldmäus' bei Mißernt', un Weiber
sind auch all viel zu geizig derzu. Bleibt niemand übrig, wie der
Peter mit der Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm, hm
-- freilich, for so en dumm Luder hätt ich den nit jehalten, jeht un
schmeißt beim Muttersgöttesche en Thaler erein! Die Dummheit könnt ei'm
fast irr machen. Hm, hm!«
»Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan haben,« stritt der
arme Seelenhirt; er war so entsetzt, als sei der Wolf über seine Schafe
geraten. »Er hat es nicht gethan!«
»Werden mir ja sehn,« sagte trocken Herr Schmitz. »Ich jeh' nach
Wittlich!«