XIII.

Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung erlassen, und die genaue

Beschreibung des falschen Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner

Kreisblatt war's zu lesen.

Ein panischer Schrecken hatte die Bevölkerung ergriffen, manch

Bäuerlein rannte nach der Wittlicher Sparkasse und ließ von den

Sachverständigen daselbst seine paar Thälerchen prüfen. Sonst hatte

man der Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen doch

die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm unter'm Bett, oder im

Strumpf zu unterst in der Lade.

Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und borgte extra dazu das

Chaischen vom Pauly zu Oberkail; den Sparkasten stellte er neben sich,

sorgsam mit einer Decke verhüllt. Als er durch den dunklen Wald fuhr,

setzte er sich darauf.

Ein geschlagner Mann kam er heim -- elf von seinen Thalern waren

falsch! Die hatten sie gleich dabehalten zu Wittlich und hatten ihn

ausgefragt, daß ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte

wieder nach, aber wie sollte er's noch wissen, von wem er die Thaler

bekommen?! Und der Obergendarm, mit dem -- weiß Gott! -- nicht zu

spaßen war, hatte ihn zum Stillschweigen verpflichtet, unter der

Drohung, ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war das

bitterste, nicht einmal erzählen durfte er's!

Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier und da. In Hupperath

und Karl, in Oberkail und Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld,

in Oberöfflingen und Niederöfflingen, in Stadtfeld und Daun; die ganze

Gegend war verseucht.

In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gerücht um; bald

sollte am Rhein eine ganze Falschmünzerbande aufgehoben worden sein,

bald an der Mosel, bald waren die falschen Thaler von Holland über

die Grenze gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt

hatten soviel zu erzählen, daß sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit

kamen; sie brannten vor Neugier und Aufregung, und Pittchen stand

mitten unter ihnen auf der Gasse und schürte den Brand.

Seine Erzählungen überboten noch alle anderen; es war ein ganzes

Gewebe von Lügen, das er sich in seinen schlaflosen Nächten aussann und

den Dummen über den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er -- waren

die alle einfältig! Aber es kamen auch böse Stunden, in denen packte

ihn die Angst am Schopf und drückte ihm die Kehle zu.

Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht, beim Krumscheid zu

borgen; der hätte so wie so jetzt nichts hergeliehen, da er immer von

'Verhungern' sprach. In den Wirtshäusern konnte Pittchen auch nicht

sitzen; in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste

Schenke war die Kunde von den falschen Thalern gedrungen.

Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts Hütte, und zwar so

plötzlich, daß Zeih sich nicht in den jähen Wandel finden konnte. Was

half es dem Peter, daß er ihr kläglich beteuerte: es sei alles alle

geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte gar nicht alle

werden.

Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und quälte ihn und bettelte um

Geld und weinte; an was sie früher gar nicht gedacht, das brauchte sie

jetzt zur allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere kennen

gelernt.

Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch die ihn. Was würde

die gucken, wenn er auf einmal sagte: 'Ech haon ken Gäld mieh!' Er

fürchtete sich vor ihren schlauen Blicken und ihrer Spürnase.

Und Spürnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten ihn auf Schritt und

Tritt, sie hefteten sich an seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen

ihn nieder.

Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine Hütte und brachten ihm

Suppen. Und Thee mußte er trinken und Latwergen schlucken, höllischen

Mischmasch von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen und

Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel und gekautem Brod.

Da er sie so nicht los wurde, that er böse und schmollte, besonders mit

der Tina. Aber je mehr er sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm

nach; und die Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; setzte

sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih, und fragte ihn, wann er

sie ausführe? Und gab ihm lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser

vor Wut und Schmerz in die Augen schoß.

Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen Skandal. Also dafür mußte

sie hungern, daß er mit dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?!

Bitterlich weinend rang sie die Hände:

»O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on dat Josefche! Mir sein ganz

verlaoß, mir haon niemand, dän for ons sorgt!«

Ihr Jammern that ihm in der Seele weh -- sie war doch immer noch die

beste, hatte ihm nie ein schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt

klagte, wahrhaftig, sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach

er ihr ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher

Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; auf den

Sonntag verhieß er sogar ein Stück Fleisch in den Topf. Selbst ganz

gerührt, wischte er ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder

strich er ihr mit zitternder Hand über's Gesicht; sein Herz war wie

entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem schmerzhaften, seltsam

öden, katzenjämmerlichen Gefühl.

Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher Ungewißheit und

qualvoller Unentschlossenheit verrannen ihm die Tage.

Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten Gemüter, das

Geschwätz von den falschen Thalern war schon nicht mehr das einzige.

Bald wurde der gewohnte Alltagsklatsch wieder aufgenommen und

verdrängte das bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter

und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber besannen sich auf

ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt, Tische, Schemel, Töpfe und Bänke

gescheuert, Wäsche gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche

für glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.

Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe und bei dem Mangel an

geistigen Getränken erholten sich seine erschütterten Nerven. Er hatte

nun doch wieder einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität;

dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar so Dummen ein

Schnippchen zu schlagen.

Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen -- nichts Verdächtiges!

Wer würde es merken, wenn er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie

brannten ihn ordentlich in der Tasche.

Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß lange auf dem steinernen

Sockel.

Merkwürdig, so spöttisch der Peter früher gewesen, so fromm war er

jetzt. Seit dem vergangnen Herbst ging er fleißig zur Kirche und lag

oft vor dem Bild der Himmelskönigin auf den Knieen; sie war seine

Schutzpatronin.

Und wie er sich einmal in abergläubischer Scheu den Segen des Himmels

durch eine Gutthat erkauft, so that er auch diesmal.

Das Weiberdorf · 第 41 / 49 题