Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung der Einheimischen.
Er stöhnte und jammerte, am meisten darüber, daß der Gendarm den
Thaler eingezogen hatte, um ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen
zu Wittlich, abzuliefern. »Jeß, Jeß,« klagte er, »duh sein ech vom
Räjen unner de Trauf gekomm! Hähr Scha--Schan--darm -- ech will mein
Dahler re--redur!« Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker
eingeschenkt.
Heute brannten die Lichter in den Häusern länger denn je, nur Pittchens
Hütte lag still und finster.
Spät in der Abenddämmerung kam Zeih in's Dorf geschlichen; Tannennadeln
hafteten ihr im Haar, und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen
hoffte sie ihre Hütte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten.
»Hatt Ihr't gehört? Hatt Ihr't gehört vom falschen Dahler?«
Mit Ungestüm platzte sie daheim in die Stube, wo Pittchen quer über'm
Bett lag, die Augen starr gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben
den Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frühmesse war er
erst heimgekommen; nun schmerzte ihn der Schädel noch. Stumpfsinnig
brütete er. Als er seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: »Wuh haste
dech widder erumgedriewen, dau --«
Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit der Neuigkeit heraus:
»Haste't gehört? Se haon en Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se
sein dem Kerl als uf der Spur.« In grausenvollem Entzücken schlug sie
die Hände zusammen: »Dän hänken se uf, wann se dän kriehn! Pittchen,
wat saoste nau?«
Keine Antwort.
Sie beugte sich über ihn -- schlief er schon wieder? »Pittchen, en
falschen Dahler! Denk ehs! Hörste dann net?« Sie packte ihn am Arm.
»Ech hören.« Ihre Hand zurückstoßend, richtete er sich mühsam ein wenig
auf, seine Stimme klang heiser.
»Nä, datste dech aach e su wenig inderessierst,« sagte sie ordentlich
beleidigt, »e su ebbes passiert doch net alle Dag! Denk ehs, wann se
dän kriehn, dän --«
»Wän es et dann?« Sich auf den aufgestemmten Ellbogen stützend, sah er
sie stier an.
»Huh,« kreischte sie lachend, »maachst dau en Visasch! Eweil könnt mer
sech jao graulen!«
»Wän es et -- wat saon se?« stieß er hervor. Seine Lippen zitterten,
seine Hände auch.
Sie zuckte die Achseln. »Dat waaß ech net. Äwer waart,« -- sie ergriff
gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen -- »ech giehn noch ehs on
hören mech om!« Schon war sie zur Thür hinaus.
Allein!
Er stöhnte auf in verzweifelter Wut. Mit einem Satz war er aus dem Bett
und nebenan in der Kammer. Mit angstvoll prüfendem, scheuem Blick sah
er sich um -- nichts zu entdecken! Friedlich lag sein Handwerkszeug auf
dem Tisch, das niedrige Öfchen stand an der Wand, der Schemel daneben.
Sonst alles leer.
Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der Ecke, wo Lehm und Steine,
von der bröckligen Mauer herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten --?!
Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und dann räumte er in
fiebernder Hast den Schutt in eine andre Ecke, riß von der Wand noch
mehr darauf herunter und ließ den schmutzigen Estrich der ersten Stelle
unbedeckt. So war nichts verdächtig.
Draußen ging jemand in einiger Entfernung vorüber, dumpf hallten die
Schritte. Was, was, paßten sie ihm gar schon auf?! Blitzschnell löschte
er das Licht.
Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus der Kammer in die Stube
zurück, und aus der Stube an die Hausthür. Vorsichtig öffnete er sie
spaltbreit und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde Lichter und
Hundegebell, verworrene Stimmen und Rufen und Lachen.
Blätter säuselten im Nachtwind, durch das Gras huschte etwas --
er schreckte zusammen. Was war das?! Ach, nur eine Katze, die den
geschmeidigen Leib über den taufeuchten Rasen zog und sich, leise
raschelnd, unter'm nächsten Zaun verkroch.
Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar aus der Stirn;
dann stahl er sich, gewandt wie die Katze, im Schutz der Hecken zum
Dorf hinunter und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel,
vermeidend, schlich er lauschend um die Häuser.