Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß, als bei der Heimkehr
der Männer. In das stille Thal war's gefallen wie ein Kanonenschuß und
hallte unaufhörlich von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, ein
Herr! Ein reicher Herr!
In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er dem van Beuren
abgekauft. Aber nicht bloß ein paar Jagdtage wollte er da verweilen,
nein, den ganzen Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der
Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei die Hände
gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. Denn der Fremde hatte
einen zartrötlichen Hauch auf der Nase, und seine etwas verschwommenen,
blaßblauen Augen blickten gemütlich in die Welt.
Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das nähere und nächste
erfahren. Herr Anton Nikolaus Schmitz, 'Rentner', wie er sich schrieb,
hielt durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten hinter'm Berge; er
erzählte gern.
Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe war er ausgewandert
und hatte sich durchgefochten bis unten an den Niederrhein, wo ein
entfernter Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem Gerber in
die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling wurde Geselle, der Geselle
Meister -- jetzt paßte bald das Sprichwort:
'Häutchen, wie stinkst du,
Geldchen, wie klingst du!'
Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen. Aber was sollte
er sich noch länger schinden? Junggeselle war er, nähere Verwandte
hatte er nicht, sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn
öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. Jetzt war's Zeit,
sich zur Ruhe zu setzen.
Da meinte der Herr van Beuren, den er beim Frühschoppen in der
'Kevverndoos'[49] kennen gelernt, das grüne Salmthal, das so geschützt
und lieblich zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für
so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte, und was noch
mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden des Herrn van Beuren, das
war das Heimatsgefühl, das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte.
--
Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen, der laue
Frühlingswind durchfächelte die Stuben und spielte mit den großblumigen
Vorhängen des gemütlichen Himmelbetts. Mit allem, was da lag und
stand, hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen und
rostigen Flinten an den Wänden bis herab zum Wildschweinsfell vor der
Thürschwelle. Er wanderte in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die
lange Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, trieb freundliche
Scherze mit den Weibern, die da fegten und scheuerten, und fühlte sich
ganz als Herr und Besitzer.
Gestern war er durch's Dorf spaziert und hatte die ausgesucht, die ihm
zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und
hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine
Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten; Herr Schmitz hatte sich
schon ein Trüppchen zusammengestellt, da kam die Zeih des Wegs --
Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer!
Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf. Merkwürdig, Jahre
lang hatte er keine Anfechtung mehr gehabt, nur an seine Häute gedacht
-- Gerberlohe trug ihm die schönste Farbe -- nun blieb sein Blick auf
diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, zu einem dicken
Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen hatte die! Hell und zart, wie
ein junges Kalb.
Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend von den
Bergen wehte? Machte es der Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um
ihn drängte? Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen,
das Wasser lief ihm im Mund zusammen.