Bäbbi stotterte: »Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt!«

»Laßt ihn ruhig liegen,« sprach der Gendarm und strich sich den

Schnurrbart auf.

»Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es eweil als ganz verklomm!«

»Wat Ihr net saot?!« Zeih horchte nun doch auf, sie ließ sich den

Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei

ihr vergnügtes Lächeln. »Im Grawen -- de ganz Naacht?! Jeß, dat arm

Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt hän erum. Bäbb, seid e su

gud, weist mer de Stell!«

Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen Tina, Leis und Vrun

daher; sie hatten die Bäbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten

neugierig. »Wat es passiert?!« Zeih berichtete.

»Dat Pittchen -- im Grawen?! Hahahaha!« Tina krümmte sich vor Lachen

und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf

hintenüber, daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.

»Hahaha,« lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit.

»Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!«

Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und

flatternden Röcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bäbbi

drein. --

Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken nach Hause kam. Er

machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die

Wirtshäuser abzusitzen.

Seit er 'geerbt', arbeitete er gar nichts mehr; nicht, daß er früher

viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas

gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein

Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich,

von der Kanzel herunter, deswegen belobt.

»Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,« sagte die Zeih und

sah wohlgefällig an ihrem schönen Kleid herunter. Bald nach dem

Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte

dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezählt; es

waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt,

Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: 'Gott mit uns,' 'Gott

segne Sachsen,' 'Gott -- Ehre -- Vaterland.' Auf den Stücken, die der

Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie

waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig

fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber

es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschloß der Alte sie

in seinem Sparkasten, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem

Gelde gekommen zu sein.

Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. Es gab

Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl

zuhause war, aber zu Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen

zu ihr in's Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer

gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: 'Saog ehs, Pittchen,

wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?' Er hatte sie ein

paarmal angefahren: 'Hal dei Maul, schär dech om dein Saachen!' Jetzt

rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hörte, und

drehte sich gähnend auf die andre Seite.

Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel sie ihm um den Hals,

wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte.

Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in

Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; heut in Musweiler, morgen,

in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid

und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Dörfchen zu

Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der

ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die

Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken

Thaler auf den Tisch zu werfen: 'Dao, zieht de Rechnung ahf!' Mitunter

ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine

grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen einzutauschen

gegen das blanke Silberstück.

Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten

ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrückt schlug er den

Blick zu Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte der auf.

Dann glühten die düstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder

Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: 'Wat kost' de Welt?!' Und

dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. Regen

und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen

Landstraßen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor

sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit den Armen

wie ein Verrückter.

Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt,

und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen

die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine

Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte und leckte, bis daß er

Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle 'Wiehduhns'[44]

gingen in Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese

Augenblicke that er ihr allen Willen.

Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche,

eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende

Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte

und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt gequält

rief: 'Laoß mech in Ruh, maach, datste weg kömmst,' lachte sie ihm in's

Gesicht. 'Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste

zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!'

Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den

Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut.

Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: »Eraus,

eraus! Ech schlaon Eich dod, ech -- eraus, tutswit, eraus!«

Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; nur auf der Schwelle

drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der

wildleder-behandschuhten Rechten: »Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung

der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt -- Sie --« er

spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend

gegenüber auf die Kammerthür. -- »Sie haben überhaupt jar keine Ehre

mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die

Bude rücken, Sie -- Tappert!« Rasch die Thür zuwerfend, verließ er

schleunigst das ungastliche Haus.

»Wat maant hän dermit?« schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen

rollten hin und her.

»Bis still, Pittchen! Bis still!« Sie war in Angst vor ihrem Mann.

»Ech sollen mech in Aacht holen -- uf de Bud rücken?!« murmelte Peter.

Und dann brüllte er: »Wat haot hän von der Kammer gesaot -- wat?

Antwort!«

Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: »Mir -- mir -- hän

haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao --«

»Kreizgewieder!« Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kopf

in die Hände. So saß er lange regungslos, wie aus Stein.

Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit

großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine

Grobheit vor. »Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs met

anem haon, stracks bis dau e su schroh![45] Wat soll hän nau von ons

denken, dän Hähr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su anen

trillsen[46] on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot

ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!«

»Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,« sprach er ihr nach und

schüttelte sich, als liefe es ihm kalt über den Buckel.

Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer höflich, wenn der

Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ. Sein blasses Gesicht trug

dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, daß der schöne Gendarm es

vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; wäre es nur

nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich,

und ebenso war er's dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum,

vorsichtig schnuppernd, wie Füchse um die Falle.

'Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,'

tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort

für's Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch

keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dünkte ihn schier endlos, zum

Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland

von jedem Verkehr abschnitten.

'Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,' tröstete sich auch Pittchen. Dann

war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man

konnte 'kommoder' über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald

ausschlafen. -- -- --

»Frühjaohr,« kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun längs der

Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen.

Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger

Kraft. Sie atmeten mit geblähten Nüstern, ihre Gesichter waren rot,

glühend vor Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch vom Hals

und ließ es wie eine Flagge in der Luft wehen.

»Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?[47]« Mit verschmitztem

Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang:

»Im Mai, im Mai,

Moß mer sein zo zwei --«

»Still,« sagte Bäbbi und drehte sich um. »Hör uf met dem

schnippschnappig Lied! Hörste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes

Vogel.«

Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. »Tirili, tirili!« Mit den

Flügelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie

ein Pfeil; in Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr

jauchzendes Tirili himmelan.

»Iwickelchen, Liwickelchen,«[48] schrien die Mädchen und sprangen, in

die Hände klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften

mit beiden Händen das kurze Gras aus und schleuderten es sich in's

Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und Schultern;

sie trappten hin und her, mit Gelächter und Gekreisch, ihre schweren

Nägelschuh traten die zarten sprossenden Hälmchen tot.

Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger liefen ihr denn doch

zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns,

erfreut pflückte sie sie ab und steckte sie sich in's Haar -- glänzten

die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blüten auf

den braunen Scheitel.

Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr auch schon die Blumen

vom Kopf. Zeih schalt lachend und riß ihr Eigentum wieder an sich; das

ging hin und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches,

halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten

Stengel von sich: »Lao haste dän Dreck!« Die Füße der Weiber schritten

achtlos darüber weg.

Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete

auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen

entgegen. »Kommt, kommt!« rief sie unwillig. »Laoßt de Alfanzereien!«

»Alfanzereien?!« Tina lachte spöttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu

der um einen Kopf Größeren, »sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb,

mer waaß jao doch, wän dau bis!« Kichernd stieß sie die Vrun an, und

die Vrun stieß die Leis an, und die Leis die Zeih.

Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit

einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere.

»Haha,« fing Tina wieder an -- sie hatte den Blick wohl verstanden und

boste sich darüber -- »dau wills ons Conduitten liehren -- dau?! Dau

maanst wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de

Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dän Vogel an sein Federn,

wann hän sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!«

Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch Zeih lachte, ihr

gedankenloses, fröhliches Lachen.

»Zeih, kommt!« sagte Bäbbi und faßte sie am Arm. »Laoßt eweil dat Tina!

Ein faul Ei verdirbt dän ganzen Brei!«

»Hollah« -- Tina packte die Zeih am andren Arm -- »hei gebliewen!

Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein faul Ei -- wän maanste dermit, hä?« Sie

fauchte die Große böse an, ihre Augen funkelten. »Dau Sauerpot, dau

Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer -- Grundfresser. Duh dei Maul uf,

dau Grundfressersch, laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!« Sie

ballte die Fäuste. »Saog!« Nun stampfte sie mit den Füßen. »Saog!«

»Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt hän. Ech haon ken Lust

derzu,« sagte Bäbbi ruhig und drehte sich kurz um.

Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzücken

fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr

freundschaftlich an den Arm.

Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wäre

sie auf den Rücken gesprungen und hätte ihr das Fell mit den Nägeln

zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher

ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich mit sich

fort.

Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze;

der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und

besonders der Zeih, denen wollte sie's eintränken.

»Eweil sein mer elao,« sagte Bäbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht

am Grabenrand. »Bei dem Busch liegt hän unnen.« Mitleidig beugte sie

sich über, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da unten

lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine

Frauensperson, den Oberrock über den Kopf gezogen, ihr grellroter

Unterrock blähte sich wie eine große Mohnblume. Die Traut!

Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts in die verblüfften

Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Schoß.

Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, mit einem Satz war

Tina unten, Vrun und Leis stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war

ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein

Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi

darauf nieder, dann machte sie Kehrt.

Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor'm Dorf blickte sie

noch einmal zurück; die stille Luft trug ein Getöse an ihr Ohr, ein

Stimmengewirr, als ob ein Heer anrücke.

Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne grell beschienen,

wie von goldnem Flimmer umhüllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen

geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend.

Das Weiberdorf · 第 36 / 49 题