X.

Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast

verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause

gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und

Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht;

morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große

Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt,

bis daß es schlief.

Jetzt wollte es lenzen.

Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte

der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes

scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare.

'Naoch Lichtmeß es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de

Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.'

Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um

die Salm ruderten lustig die Dorfenten.

Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit

starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und

klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich

den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und

blickte prüfend über die Berghänge.

Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und

sie wußten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu

Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben

Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie

schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von

neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom

scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.

Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte

sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und

seine alten Eltern schaffte.

Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz.

Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß

die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter,

treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich,

man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie

ein Mann.

Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig,

ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche

wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte

Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich

zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und

dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter,

aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in

die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab

das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der

Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.

Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die

schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun

breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf

bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf;

mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal

niedersausen. Fertig für heute!

Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder,

und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße -- sie bückte sich und

zerbröckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte

sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug

und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel

erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind

und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht

noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich

verkauft.

Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im

duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit,

weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich.

Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald,

so viel Wasser sie von einander trennte?!

Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust

-- die Zeit #mußte# kommen!

Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das

Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch

dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten

Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der

Umgebung.

Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre

derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten

daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide

recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im

Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf

geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht

kriegten.

Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste

Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die

kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der

Großmutter bleiben.

Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg.

Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am

Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der

Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da

sproßte der erste Löwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch

einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat

werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben,

und dazu so gesund für's Geblüt. Sie sammelte eifrig.

Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr --

war da jemand in Not? Sie rief.

Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten

im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern

aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.

Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm

die Hand hin. »Jesses,« sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie

angewurzelt; es war Pittchen.

»Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?« grunzte er sie

an. »Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein

net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geläjen -- de -- de ganz

Naacht,« schloß er weinerlich.

Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt,

er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von

nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm

in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch

hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.

Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er

haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war

er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab.

»Olau,« grinste er, »dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller

al!« Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. »Küß mech, dau

Leckermaul,« -- erschrocken fiel er zurück -- »Dunnerwäder, dat Bäbb!«

»Miffert,« sagte sie bestimmt, »seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack

an! On hei es mein anner Hand! Däut[41] gäjen, däut! Ans, zwa un ans --

ech trecken[42] Eich eruf!«

Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu

helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein

Klotz lag er am Rand auf den Knieen.

»Pittchen,« sagte sie betrübt, »es et dann waohr, wat se im Dorf saon?

Ihr sauft?! Pittchen,« -- sie faßte ihn unter den Achseln und stellte

ihn auf die Füße -- »ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt

doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert

Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?«

»Willste ebbes?« lallte er und suchte nach der Tasche.

»Nä!« Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme

an. »Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler

haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor --«

Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: »Haha, Säjen! Säjen!« Die

Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.

»Gieht häm,« riet sie besorgt, »Ihr hatt Eich verkält -- Jesses, de

ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt!« Sie wollte ihn unter den

Arm fassen und führen, er stieß sie zurück.

»Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech

haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh!« Er strampelte mit Händen und

Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den

Graben.

Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten,

dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und

offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes

Schnarchen. --

Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.

Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. »Zeih! Eier

Mahn leit drau --«

Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail

und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.

»Was ist denn los?« fragte der Gendarm unwillig.

Das Weiberdorf · 第 35 / 49 题