Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast
verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause
gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und
Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht;
morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große
Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt,
bis daß es schlief.
Jetzt wollte es lenzen.
Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte
der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes
scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare.
'Naoch Lichtmeß es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de
Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.'
Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um
die Salm ruderten lustig die Dorfenten.
Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit
starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und
klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich
den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und
blickte prüfend über die Berghänge.
Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und
sie wußten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu
Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben
Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie
schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von
neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom
scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.
Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte
sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und
seine alten Eltern schaffte.
Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz.
Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß
die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter,
treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich,
man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie
ein Mann.
Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig,
ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche
wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte
Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich
zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und
dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter,
aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in
die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab
das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der
Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.
Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die
schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun
breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf
bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf;
mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal
niedersausen. Fertig für heute!
Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder,
und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße -- sie bückte sich und
zerbröckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte
sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug
und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel
erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind
und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht
noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich
verkauft.
Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im
duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit,
weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich.
Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald,
so viel Wasser sie von einander trennte?!
Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust
-- die Zeit #mußte# kommen!
Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das
Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch
dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten
Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der
Umgebung.
Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre
derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten
daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide
recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im
Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf
geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht
kriegten.
Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste
Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die
kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der
Großmutter bleiben.
Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg.
Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am
Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der
Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da
sproßte der erste Löwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch
einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat
werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben,
und dazu so gesund für's Geblüt. Sie sammelte eifrig.
Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr --
war da jemand in Not? Sie rief.
Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten
im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern
aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.
Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm
die Hand hin. »Jesses,« sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie
angewurzelt; es war Pittchen.
»Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?« grunzte er sie
an. »Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein
net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geläjen -- de -- de ganz
Naacht,« schloß er weinerlich.
Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt,
er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von
nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm
in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch
hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.
Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er
haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war
er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab.
»Olau,« grinste er, »dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller
al!« Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. »Küß mech, dau
Leckermaul,« -- erschrocken fiel er zurück -- »Dunnerwäder, dat Bäbb!«
»Miffert,« sagte sie bestimmt, »seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack
an! On hei es mein anner Hand! Däut[41] gäjen, däut! Ans, zwa un ans --
ech trecken[42] Eich eruf!«
Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu
helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein
Klotz lag er am Rand auf den Knieen.
»Pittchen,« sagte sie betrübt, »es et dann waohr, wat se im Dorf saon?
Ihr sauft?! Pittchen,« -- sie faßte ihn unter den Achseln und stellte
ihn auf die Füße -- »ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt
doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert
Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?«
»Willste ebbes?« lallte er und suchte nach der Tasche.
»Nä!« Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme
an. »Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler
haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor --«
Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: »Haha, Säjen! Säjen!« Die
Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.
»Gieht häm,« riet sie besorgt, »Ihr hatt Eich verkält -- Jesses, de
ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt!« Sie wollte ihn unter den
Arm fassen und führen, er stieß sie zurück.
»Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech
haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh!« Er strampelte mit Händen und
Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den
Graben.
Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten,
dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und
offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes
Schnarchen. --
Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.
Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. »Zeih! Eier
Mahn leit drau --«
Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail
und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.
»Was ist denn los?« fragte der Gendarm unwillig.