Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr Gesicht; ihre
Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.
»Bäbbi, Bäbbi,« Peter faßte sie am Arm, »wat es Eich? Ihr mößt Stärkung
haon.« Verstört sah er sich um. »Haot Ihr dann bei gaor neist for zo
drinken?«
Sie schüttelte den Kopf. »Neist,« sagte sie tonlos.
Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie
lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos.
Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken.
Peter nahm das kleine Bündel und legte es ihr an die Brust; da suchte
es wimmernd, mit gespitztem Mäulchen.
»Ech haon ken Milch mieh,« sagte sie leise.
Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde blaß und rot, einen
argwöhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in
die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf's Bett. »Dao,« sagte
er mit gepreßter Stimme. »Kaaft davor, wat Ihr braucht!«
Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos an.
Er nickte. »Morjen holen ech dän Dokter, dän besten, dän zo kriehn es;
ons Josefche es krank. Duh kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for
gesond zo gänn!«
Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es
auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er's hindern konnte, hatte sie
die geküßt.
»Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! -- Pittchen -- o Ihr --!«
Sie war ganz außer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und
küßte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte er den
Kuß auf seiner Stirn.
»Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn
wirklich waohr -- Gäld, Gäld -- drei Dahler -- Dahler?!« Sie drückte
die Geldstücke liebkosend an ihre Wange. »Ech kann eweil ebbes kaafen
beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle Dag! On ech sälwer« --
sie faßte ihren Kopf mit beiden Händen -- »dän Dokter kömmt bei mech!
Ech soll gesond gänn -- ech kann dän Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria,
Josef -- oh Pittchen, Pittchen!«
Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer Schauer und
zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee.
Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie betete; mit rührender
Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab.
Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer Gruß, weihrauchduftend,
rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen.
Schwebten nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen auf
goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? Und seine Gutthat,
als weiße Taube, flog voran.
Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den Körper, er lag wie
niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte
Arbeit der Nächte, das Versuchen und Grübeln, das Sorgen um's Gelingen,
Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all
das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn.
Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden plötzlich so glatt wie
Meereswogen, auf die man Öl gießt.
Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende Thränen; sie liefen ihm
über das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett.