Geschmeidig grüßte er den Alten: »'n Aowend, Vadder Krumscheid!«

Dieser hielt ihn fest. »Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein

Dahlersch, hä?« Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern

mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. »Et duht mer

laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech -- ech sein sälwer in

Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!«

Pittchen lächelte.

Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst überkam ihn. »Ech moß

mein Gäld haon,« stieß er grob heraus.

»Tutswit,« sagte Peter gelassen. »Ihr könnt et jeden Momang haon,

wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de

Dahlersch!«

»Nä, nä!« Der Alte traute nicht recht, er fürchtete Prügel. »Kommt

liewer bei mech, dann drinke mir e Schöppche.«

»Nä!« Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück;

eine jähe Angst überfiel ihn, sein Herz hämmerte, daß er's bis in den

Hals spürte. »Eweil kann ech net,« sagte er hastig. »Heit net. Morjen

-- morjen.«

»Morjen, gewiß on waohrhaftig?« Der Alte packte ihn am Rockschoß.

»Morjen,« sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen

Fingern.

Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen aufgelöst, an der

Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog

die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib.

»Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein

Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn

mer e Laad an -- stärw net, Josefche, mei Josefche!« Schreiend warf sie

sich über das Kind.

Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd,

stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm

im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das

Bettchen -- da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch

einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen

das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über

der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in

die Stirn gewachsen. Sein Kind -- sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg

in ihm auf, das Kind zu behalten.

Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf's Herz, er konnte

ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener,

taumelte er nebenan in seine Kammer.

Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner

Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt.

Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.

Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt.

Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.

Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch;

mit der Bäbbi ging's schlecht, die konnte sich nicht erholen.

Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien.

Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber

ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden

der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die

Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen

der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die

Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht,

aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen

Schrei zusammengebrochen.

Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall.

Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: »Sei

still -- sch -- sch -- waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän

net bal kömmt, sein ech dud -- sch -- sch --!«

Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die

sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an's

Fensterchen und guckte hinein.

Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken

gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte,

bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.

Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war nicht häßlich, nein,

vielleicht hübscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram

hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt,

silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr

lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeöffneten großen Augen lag

etwas Überirdisches.

Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür und trat zugleich ein.

Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht

gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein über ihr Gesicht, sie

wollte seine Hand gar nicht loslassen. »Es dat schien, dat Ihr mech

besuche kommt -- oh -- dat es schien!«

Er beugte sich über sie und suchte hinter einem Lachen und einem

Scherz seine Rührung zu verbergen. »No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann

dän Ehmahn net derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie Räjen

im Mai. Gäl, Bäbb?« Er strich ihr gutmütig über die schmale Wange.

»Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?«

Sie blieb ernst. »Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehört; ech

danzen net mieh!«

»Gott bewaohr, Bäbb,« sagte er erschrocken, »Ihr werdt doch net

himmeln?«[36]

Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. »Duht mer de Liew -- ech verlangern e

su -- schreiwt mer e paor Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel[37]

vill Däg gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.« Sie machte einen

Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte sie den Kopf.

»Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im

Schößche[38] sticht Papier on Feder -- lao es de Dint -- schreiwt --

schreiwt!«

Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfällig,

ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung.

Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb Pittchen:

'Deurer Lorenz!

Ech grüßen dech vill dausendmaol! Ons Könd leit

in der Heija[39] on dräumt von seim Pappa. Ech

haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech

verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech

--'

Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, schlug sie die

Hände vor's Gesicht.

»Kreischt net, Bäbb,« tröstete Peter mit weicher Stimme.

»Nä, nä!« Sie raffte sich schon wieder zusammen. »Streicht dat vom

Verlangern on Stärwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen.

Schreiwt nor:

'lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau

bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag

on Naacht for Dech, ech --'«

Sie schöpfte zitternd tief Atem.

»'Ech sein eweil ganz alert[40] --'«

Peter sah sie verwundert an.

»Nä, nä, neist vom Kranksein,« sagte sie rasch. »Schreiwt dat 'alert'

dick on groß, dann freut hän sech.

'Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat

Das Weiberdorf · 第 33 / 49 题