Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch
sich schon die Sonne, und im Säuseln eines Lüftchens flackerten die
Gräberkerzen höher.
Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße waren ihm wie gelähmt;
langsam, ungewiß machte er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz,
das sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs erhebt,
lag ein blendender Schein; gerade auf die Inschrift fiel er, die sich
in goldenen Buchstaben über den breiten Sockel zieht.
'_Amor me cruci affixit_'
Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, nun stand er in
Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem
dornengekrönten Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen.
Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich auf seine
Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß die Mütze vom Kopf.
»Seh einer, der Miffert!« sagte der Geistliche wohlgelaunt und schlug
ihm mit dem Brevierbüchlein, das er stets bei dem täglichen Spaziergang
mit sich führte, leicht auf den Rücken. »Na, wie steht's mit dem
Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?«
»Nä, nä,« stotterte Peter erschrocken; die gutmütige Stimme klang ihm
wie die Posaune des jüngsten Gerichts. »Eweil sein ech noch net e su
weit, ech -- eweil -- äwer bal -- ech --«
»Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!« Der Geistliche legte
ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie
ein Fisch nach dem Köder.
»Dat es et, dat es et,« beeilte er sich zu versichern. »Ech arweiden
Dag on Naacht, äwer --«
»Ich habe es gehört,« unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. »Das
ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn
selber« -- er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte
-- »wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!«
Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, wie eine heiße
Blutwelle ihm in's Gesicht schoß; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten
Leidensantlitz.
Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er
geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift.
Sie flimmerte vor seinen Augen.
»Lao stieht wat,« stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. »Wat
heißt dat?«
»_Amor me cruci affixit_ -- Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen,«
sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch
einmal zurück: »Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten
Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit.« Mit
segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er
hinter den Hügeln unter.
Einsam war wieder der Kirchhof; so still war's um Pittchen, daß er das
eigne Atmen als lautes Geräusch hörte.
Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder.
'Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen' -- ja, die Liebe! Seine
Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -- die war's! Eine große
Erleichterung kam über ihn. Was er that, that er ja auch nicht für
sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die
andren alle -- aus purer Liebe!
Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des
Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch -- ja, leicht
war's nicht, am Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er
hatte, war die nicht noch schrecklicher?!
»Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach ufgehang,« murmelte
er finster. »Nä, dat duhn se eweil net mieh, äwer se sperren mech ein,
wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer -- ha
--!« Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust.
Aber gleich darauf hob er ihn wieder.
Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden
Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine
Glorie. Es schien sich zu neigen.
Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände aus. Ja, der da oben,
der verstand ihn! '_Amor me cruci affixit_' -- der würde ihn nicht zu
Schanden werden lassen!
Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie
gethan. Getröstet stand er auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch
hinauf, ein verständnisvolles Nicken.
Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. Es war fast dunkel, die
Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein
Irrwisch mit aufzuckendem Schein.
Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so
leicht, so vergnügt; nun wußte er, was er zu thun hatte, nun wurde
nicht länger gefackelt.
Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über die Chaussee, es rollte
dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den
Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar
Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem
Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mütze, war ihm
fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.
Dicht vor'm Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von
seiner Hütte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha --
Peter lachte in sich hinein -- der hatte wohl Angst um sein Geld?!